Der Volksbeglücker

Part 19

Chapter 193,800 wordsPublic domain

Die wuchsen und wuchsen, wurden zu gelben, fauchenden Katzen, samtroten grollenden Leoparden -- und jetzt waren es riesige, goldhelle Löwen.

Und die riesigen Löwen begannen ein Ringen und Balgen, zerfleischten, verschlangen einander in rasender Wut. Und die Sieger wurden größer und größer.

Und ein Sausen kam von fern, dumpf und hohl, wie nahender Sturm.

Und ein Sturm brach herein und peitschte die Flammen mit heulender Wucht. Vor, hinter, neben ihnen lohten sie, stiegen sie, schlugen mit gierigen Pranken zum Himmel, verrankten und verwoben sich zu glühenden Wänden, wehten wie leuchtende Flaggentücher, vereinigten sich, himmelan steigend, hoch, hoch oben zu einer einzigen Kuppel von blendendem Glanz. Und eine kochende Hitze war überall.

Sie aber, die beiden schwachen Menschenkinder, standen in diesem weiten Feuerdom, standen darin und fürchteten sich. Fürchteten sich vor der entfesselten Schönheit des Waldes, die sie selbst geweckt hatten. Wollten fliehen und fanden keinen Ausweg.

Enger drängten die Flammenwände herzu, tiefer sank die gewaltige Kuppel.

Und jetzt schlug’s zusammen mit Heulen und Sausen.

Ein Prasseln, Krachen, Brüllen und Funkenstieben.

Und eine Stimme scholl durch das Getöse wie hohnlachender Donner:

„Lernt eure Leidenschaften zügeln und euer Wollen! Euer Wollen war groß -- seht zu, ob ihr auch tragen könnt, was ihr gewollt habt!“

Und die Flammen brachen nieder und begruben sie unter ihrem heißen goldenen Mantel. -- -- --

Fritz erwachte verstört und erschreckt.

Die Sonne stand im Mittag, vor ihm lagen die roten Giebeldächer, und leise summten im blühenden Lindenwipfel die Bienen immerzu ihr süßes Lied.

Aber aus der Landschaft war aller Glanz genommen. Die Freude war tot, die Erinnerungen winkten und die Jugend lächelte nicht mehr.

Traurig und schwer wurde ihm ums Herz. Und doch war eigentlich nicht der Traum daran schuld, sondern der wieder aufgeweckte Gedanke, daß er nun bald der Mutter des toten Freundes werde gegenübertreten müssen. Er dachte an jenen Abend, da sie mit rauschenden Gewändern im Regen neben ihm hergegangen war und dem kranken Kinde einen starken Freund zu werben geglaubt hatte. Alles hatte sie von dieser Freundschaft erhofft -- und war nun um alles gekommen.

Und das Haus dort unten stand unverändert da und deckte mit seinen steinernen Mauern gleichmütig das Leid wie einst die Fröhlichkeit zu.

Noch kein Gang war ihm so schwer geworden. Aber er mußte gegangen werden. Langsam stand er auf, schritt langsam über die Lehne ins Tal.

Jetzt stand er vor dem alten Haus, trat ein und wunderte sich, daß der Flur so geräumig und still, der Hof so öde war. Kein Pferdegewieher, kein Aufladerlärm. Nur ein paar Kisten lagen einsam, wie vergessen da.

Mit geschnürtem Atem stieg er die Treppe empor, fand die Tür zum Vorzimmer offen, ging hinein. Er nahm den Rucksack vom Rücken, hing Hut und Wanderstecken an den Kleiderständer, klopfte an die Tür der Wohnstube.

„Herein!“ sagte eine weiche Stimme. Eva stand vor ihm, schlank und blaß, in schwarzen Gewändern.

„Fritz!“ sprach sie leise, kam auf ihn zu und legte ihm die Arme um den Hals. „Wie gut, daß du kommst!“

Wie etwas Selbstverständliches tat sie das, -- so, als setzte sie nur ein begonnenes Träumen fort.

Unsicher schaute er auf den blonden Scheitel und wagte kaum zu atmen.

„Ist das wahr?“ fragte er endlich schwer.

Da schrak sie auf, ward sich ihres Tuns erst bewußt. Heftig nahm sie die Arme von seinem Nacken.

Doch er hielt sie fest.

„Nein, Eva, du gehörst schon hierher!“ sagte er mit tiefem Ernst. Und das war wie ein Gelöbnis.

Sie wehrte ihm nicht.

„Ich hab’ dich ja schon lange so lieb!“ stammelte sie wie zur Entschuldigung und schmiegte sich erschauernd fest an ihn.

Da nahm er ihren Kopf zwischen seine beiden Hände, schaute ihr in die feuchten Augen.

„Dank! Dank! Nun wird sich’s leichter tragen.“

Dann war lange Schweigen.

Endlich richtete er sich mit einem Ruck straff auf. Sein Blick verdüsterte sich.

„Komm zur Mutter!“ sagte er.

Sie blickte ihn ängstlich an und fürchtete sich beinah vor seiner finsteren Stirn.

„Komm!“ Sie führte ihn die Treppe hinauf zum Dachzimmer.

„Willst du mich nicht anmelden?“

„Wozu? Mutter weiß, daß du kommen wirst, erwartet dich schon seit Tagen.“

Da legte er die Hand auf die Klinke und stieß die Tür auf.

Frau Hedwig saß beim Schreibtisch ihres toten Sohnes, mit dem Sichten von Briefen und Papieren beschäftigt. Auf ihren Haaren lag ein Schimmer wie von grauer Asche, und in das gütige Antlitz war ein müder Zug gekommen.

Eva schob sich an Fritz vorüber rasch ins Zimmer.

„Er ist da!“ sagte sie und schaute die Mutter mit bittenden Augen an. Die hatte sich schon erhoben, ging auf ihn zu: „Willkommen.“

Sie hielt ihm die Hand hin. Er aber nahm sie nicht.

„Ich komm’ allein!“ murmelte er mit aufeinanderliegenden Zähnen.

Da legte sie ihm mit einem warmen Blick die verschmähte Rechte auf den Arm: „Machen Sie es sich und uns doch nicht gar so schwer!“

„Nicht so gut sein ...“ Das klang rauh, wie ersticktes Schluchzen.

„Fritz!“ sprach nun die Frau herzlich und war ganz nahe bei ihm. „Das dürfen Sie nicht glauben, Fritz. Nein, das nicht ... Unser Heinz, der -- hat wohl so sterben müssen. Hat sich für seinen Glauben geopfert und über den Tod mehr gefreut als je im Leben. Drum -- es wird wohl das beste Gedenken für ihn sein, wenn wir ihn so verstehen und auf niemanden einen Stein werfen. Auch auf uns selbst nicht, Fritz! Keiner hat schuld an seinem Tod -- nicht einmal er selbst. Er hat nur -- das allerbeste Glück kennenlernen wollen -- und gern ein Leben dafür weggeworfen, das sich anders nicht mehr hat erfüllen können ...“

Ihre Stimme zitterte, aber um den Mund lag etwas wie der Abglanz eines mutigen Lächelns. Und wieder hatte sie den rechten Weg zum Herzen des schwerblütigen Menschen gefunden.

„Es wird schon so sein, Frau Wart,“ sprach er klanglos vor sich hin und stand noch wie geistesabwesend da. Dann aber, im Überquellen einer starken Empfindung, haschte er nach ihren Händen. „Meine zweite Mutter!“ sagte er ganz leise, ganz innig.

Sie verstand ihn gleich.

„Ja, Fritz, Ihre zweite Mutter. Und Sie -- mein anderer Heinz. So wird’s wohl recht sein.“

Und sie zog sein Gesicht zu sich nieder und küßte ihn auf die Wange. Dann wandte sie sich an ihre Tochter: „Nun, Ev? Was sagst du zu deinem neuen Bruder? Bist du’s zufrieden?“

Die aber schüttelte den Kopf.

„Nicht?“ fragte die Mutter. „Und doch glänzen dir die Augen so stark?“

Verwirrt kehrte sich die Schlanke ab, drehte angelegentlich den Fensterriegel hin und her. Sie merkte nicht, daß Fritz hinter sie trat. Erst da er den Arm um sie legte, zuckte sie zusammen, ließ ihn jedoch stumm gewähren.

Als sie sich umwandten, sahen sie, daß sie allein waren. Frau Wart hatte leise das Zimmer verlassen.

„Wo ist die Mutter?“ fragte Eva fast erschrocken.

Fritz sagte nichts darauf. Seine Augen leuchteten und in seinem Gesicht war etwas von der frommen Andacht gläubiger Beter.

Als ein Bettler hatte er das Haus betreten und war überreich geworden. Und die Erinnerung an den Freund hatte allen Schrecken verloren.

In heißer Ergriffenheit zog er seine schöne Braut an sich und küßte sie zum erstenmal auf den Mund.

3.

Fritz mußte lang suchen, bis er in Neuberg eine Wohnung auftrieb. Niemand wollte ihm ein Zimmer vermieten. Seit er im Kerker gesessen, war er wieder ein räudiger Wolf geworden. Professor Hermann stellte nicht mehr voll Genugtuung fest, daß Fritz Hellwig sein Schüler gewesen sei. Er behauptete jetzt im Gegenteil, daß solch ein Ende mit Schrecken ja vorauszusehen war, denn dieser Hellwig habe schon als Junge keine Achtung vor der Autorität gehabt. „Und keinen Glauben!“ fügte Pater Romanus hinzu und nickte schwermütig mit dem Kopf. Und das war der zweite Grund, weshalb sie ihn mieden. Weil er kein Klerikaler war. Denn die Klerikalen waren in Neuberg zahlreich geworden wie die Grundeln im Teich. Zwar nannten sie sich christlich-sozial oder katholisch-national, aber das war nur ein anderer Name für dieselbe Sache. Das war so gekommen, weil die freisinnige Bürgerschaft in viele kleine Gruppen, von denen jede die deutscheste sein wollte, zersplittert war und im Streite um des Kaisers Bart begriffen, dem straff organisierten schwarzen Gegner eine wichtige Stellung um die andere fast kampflos überließ. Noch gab es ja einige wackere Männer, denen alles, was nur von weitem nach Papismus und Pfaffentum roch, in der Seele zuwider war, aber die mußten bei der allgemeinen Zwietracht für sich stehen und waren, wenn auch nicht auf den Hund, so doch auf den Galgenhumor gekommen, derart, daß sie den verhaßten Schwarzen jeden Schabernack antaten und mit Schnurrpfeifereien, Schelmenstücken und Schalksnarrenstreichen kämpften, wenn es schon nicht anders ging. Zu diesen Männern gehörte auch der Flickschuster Peter Kofend. Der hatte schon viel auf dem Gewissen. Bereits dreimal war er bei der Firmung gewesen und hatte jedesmal, noch nicht trocken vom Salböl, das Firmgeschenk versoffen. Und bei der letzten Firmung, da hatte er gar zuvor noch die Böller vernagelt, so daß der hochwürdige Herr Weihbischof ohne Freudenschüsse in Neuberg seinen Einzug hatte halten müssen. Und was das Lächerlichste war, er hatte einmal im Wirtshaus mit dem frommen, gebrechlichen alten Sattlermeister Adam Jahn gewettet: er, der Kofendschuster, werde trotz seiner zappeligen Munterkeit früher ins Gras beißen als der Jahnsattler mit seinem Asthma. Und als Einsatz stellte er das Leichenbier: Wer den andern überlebte, sollte nach dem Begräbnis den üblichen Trunk für die Trauergäste zahlen. Und der fromme, gebrechliche alte Jahnsattler, der vom vielen Beten eine Hornhaut auf den Knien hatte, kam durch diesen Vorschlag in eine arge Not. Denn er war nicht nur fromm, er war auch sparsam. Und er dachte sich: Ich bin zehn Jahre älter als der Peter, ich bin kränklich, ich bin fromm, der liebe Herrgott wird mir verzeihen, wenn ich das Leichenbier sparen und der Kirche mehr vermachen kann. Vielleicht hilft er mir sogar, der liebe Herrgott, daß ich dem Peter zum Trotz gewinne. Und er nahm die Wette an und sie wetteten um das Leichenbier, jeder, daß er früher sterben werde als der andere. Und während der Jahnsattler seither noch gebrechlicher wurde, eine noch dickere Hornhaut auf den Knien bekam und sichtlich einging, war der Peter verrucht genug, die Geschichte in der ganzen Stadt zu erzählen. Und die ganze Stadt, mit wenigen Ausnahmen, bedauerte den frommen, gebrechlichen alten Adam und entrüstete sich über den gottlosen Peter. Und die ganze Stadt, mit noch weniger Ausnahmen, entrüstete sich auch über Hellwig, daß er bei dem gottlosen Peter wohnen wollte. Und die ganze Stadt, mit den wenigsten Ausnahmen, entrüstete sich noch mehr über den Kofendpeter, daß er einem abgestraften Sozialistenführer Unterstand gab. Der Kaufmann Wart gehörte zu den Ausnahmen. Darüber wunderte sich niemand. Von dem Vater eines Hingerichteten konnte man nichts anderes erwarten.

Der Kaufmann war nicht mehr der behaglich polternde, vergnügte Mensch von ehedem. Etwas Scheues und Gedrücktes war in sein Wesen gekommen, machte sich auch äußerlich geltend durch einen schleppenden Gang mit vorgebeugten Schultern und gesenkter Stirn. Schwere Jahre waren über ihn weggerollt, das merkte man. Gleich nach dem Begräbnis Doktor Kreuzingers hatte es angefangen. Da hatte die Wühlerei eingesetzt: Pflicht jedes Christen sei es, den Kaufladen eines Menschen zu meiden, der nicht einmal für seine Toten den Priester begehrte. Und viele Kunden waren ausgeblieben. Dann kam, durch Vermittelung des Konsulats in Odessa, die Nachricht, daß Heinz Wart am Galgen geendet. Des Zwischenfalls bei der Hinrichtung wurde keine Erwähnung getan. Das blieb kein Geheimnis, sprach sich rasch in der ganzen Gegend herum, brachte die Familie in Acht und Bann. Wer in Neuberg und Umgegend nur halbwegs etwas auf sich hielt, mied jegliche Berührung mit den Angehörigen eines Gehängten. Der Kaufhandel ging immer schwächer. Ungeduldig stampften die müßigen Rosse in den Ställen, bis sie verkauft wurden. Die Auflader mußten bis auf einen entlassen werden. Im Kontor ruhten alle Federn. Das alte Geschäft stand vor dem Verfall.

Der emsige, an fortwährende Arbeit gewöhnte Wart empfand den Müßiggang fast wie körperlichen Schmerz. Er alterte sichtlich dabei. Es waren nicht Geldsorgen, die ihn drückten. Auch ohne den Kaufhandel waren seine Einkünfte weit größer als die Ausgaben für den Haushalt. Und doch schützte er immer den schlechten Geschäftsgang vor, wenn Frau Hedwig, um ihn zur Aussprache zu bringen, vorsichtig nach dem Grund seines veränderten Gehabens forschte. Er wußte, daß sie ihm die Ausrede nicht glaubte. Aber er vermochte nicht von seinem Sohn zu sprechen. Seit er die furchtbare Botschaft erhalten, war dessen Name nicht über seine Lippen gekommen. Damals hatte er auch seine sämtlichen Ehrenämter niedergelegt und sich von allen Bekannten zurückgezogen.

Auf Hellwigs Werbung hatte er nur die bittere Antwort: „Recht so! Nehmt mir nur auch das letzte noch weg!“ und ging schwerfällig in sein Schreibzimmer, wo er sich einschloß.

Später kam er mit keinem Wort darauf zurück, sagte auch nichts, als er die Vorbereitungen zur Aussteuer gewahrte. Und nur einmal, als sich Heinzens Todestag zum zweitenmal jährte, meinte er, bevor er sich schlafen legte, traurig zu seiner Frau: „Schön sind wir dran, Mutter, auf unsere alten Tage. Der eine ...“ -- er verschluckte das häßliche Wort -- „die andere -- heiratet einen, der auch schon eingesperrt war. Wer weiß, was noch kommt. Er ist ja von der gleichen Sorte!“

Und als Frau Hedwig mit gefalteten Händen vor ihn hintrat: „Sei doch nicht so verzweifelt, Nikl!“, wehrte er ab: „Laß gut sein, Mutter, red’ nichts. Es wird nicht anders durchs Reden!“ Dann zog er sich die Decke über das Gesicht hinauf und tat, als ob er schliefe. Aber die Gattin, die auch schlaflos lag, hörte sein unterdrücktes Stöhnen, das in Pausen immer wiederkehrte, bis zum grauenden Morgen.

4.

Hellwig arbeitete an seinem Buche und die ganze Fron des Schaffenden lernte er kennen. Spürte am eigenen Leib, wie schwer so ein Werk auf seinem Schöpfer lastet, wie es ihn nie zu Atem kommen läßt, vorwärts peitscht und auch in den Stunden notwendigster Rast gefangen hält und quält und nicht frei gibt, bis es irgendeinem Ende zugeführt ist. Selbst die kargen Augenblicke, die er sich für seine Braut abrang, kamen ihm wie ein Raub vor, und er konnte ihrer nie ganz froh werden. Immer war ihm, als versäumte er etwas, das notwendig getan werden mußte, das auf ihn wartete, nach ihm schrie und ihn mit tausend Ketten zog. Zerstreut und fahrig war er und früher, als er gewollt, brach er dann gewöhnlich auf. Manchmal bäumte er sich gegen diese Fron, wollte sie abschütteln und trug sie doch auch wieder gern.

Es war ein merkwürdiger Brautstand. Doch Eva war damit zufrieden. Sie verlangte keine Zärtlichkeiten. Was ihm recht war, war auch ihr recht, und nur ihn ganz verstehen wollte sie lernen und sein Leben ganz von tief auf mitleben wollte sie.

So störte sie ihn nicht. Aber mit dem Werk ging es doch nicht richtig vorwärts. Das müde Wesen des Kaufmanns wirkte auf Fritz wie ein beständiger Vorwurf. Er fühlte, daß das nicht so bleiben durfte. Gerade hier mußte volle Klarheit herrschen. Doch die wollte nicht kommen. Der Kaufmann ging jedem Alleinsein mit seinem zukünftigen Schwiegersohne hartnäckig aus dem Weg. Aber endlich mußte er ihm doch Rede stehen.

Draußen vor der Stadt in den Feldern war es. Hellwig hatte während einer langen Wanderung den weiteren Aufbau seines Buches überdacht und ging arbeitslustiger, als er es seit Tagen gewesen, heim. Da sah er vor sich die untersetzte Gestalt Wart Nikls auftauchen, der einsam seinen Abendspaziergang abtat. Fritz schritt rascher aus, holte ihn ein und erhielt auf seinen kurzen Gruß noch kürzeren Dank. Da sagte er ohne weitere Einleitung: „Warum weichen Sie mir aus, Herr Wart?“

„Lassen Sie das!“ antwortete der Kaufmann schroff.

„Nein, so kann es nicht bleiben, Herr Wart, einmal muß es gesagt werden: Geben Sie mir mit schuld, daß Heinz gestorben ist?“

„Lassen Sie das!“ Das klang zornig und klang drohend. Aber Fritz gab nicht nach.

„Seien Sie offen!“ bat er. „Was nützt das Versteckspielen? Nur daß alle darunter leiden.“

Ganz ruhig war es rundum. Manchmal nur raschelte es in den Zweigen der Bäume, fiel ein überreifer Apfel zu Boden. Dann war es wieder still, und lautlos webte die Dämmerung am dunklen Mantel der Nacht.

Der Kaufmann atmete ein paarmal tief auf. Dann sagte er: „Im Anfang, Fritz, im Anfang, da ist’s schon so gewesen. Man sucht halt immer nach einem Verführer, wenn einem ein Liebes Schande macht. Später aber, nach dem Ärgsten ... da hab’ ich mir gedacht, man kann eine Kugel nicht aufhalten, wenn sie aus dem Rohr ist. Es wird wohl auch so gewesen sein. Wie blind ist er hineingerannt ... Ich tät Ihnen mein Mädel nicht geben, wenn ich anderer Meinung wäre. Ich hab’ nur die eine ... Das wird wohl genügen?“ fügte er noch hinzu, in einem Ton, der deutlich erkennen ließ, daß er die Fortsetzung des Gesprächs nicht wünschte.

Fritz schüttelte den Kopf. „Nein, Herr Wart, es genügt noch nicht, so sehr ich Ihnen dafür dankbar bin. Aber Schande? Schande hat Ihnen Heinz nie gemacht!“

„Der Galgen ist wohl eine Ehre?“ rief da der unglückliche Vater und barg sein Leid hinter einem höhnischen Auflachen.

Hellwig schaute ihm fest ins Auge. „Mitunter ganz gewiß!“ sagte er. „Auch Savonarola haben sie aufgehängt, den Erlöser haben sie gekreuzigt, den Huß verbrannt ...“

„Die haben auch nicht gemordet,“ unterbrach ihn Wart tonlos und schauderte zusammen.

„Heißt es Mord, einen Menschen wegräumen, von dem man weiß, daß er in der nächsten Stunde tausend Unschuldige umbringen wird? Das ist kein Töten, das ist Selbsthilfe der Menschheit.“

„So nennen Sie’s! Andere nennen’s Mord.“

„Heute vielleicht noch. Unsere Enkel werden wieder anders sprechen. Von Kindsbeinen wird uns gelehrt: Du sollst nicht töten! Und niemand lehrt uns auch jenes zweite, Größere: Du sollst nicht töten lassen! -- Aber die Zeit wird kommen, und die Menschen reif werden auch für dieses Gebot. Dann wird wieder einmal Tugend werden, was heute noch Verbrechen ist. Und Heinz und die vielen, die wie er gestorben sind, werden Märtyrer und Blutzeugen heißen. Und darum glaub’ ich auch jetzt nicht mehr, daß sein Sterben nutzlos gewesen ist. Sein Gedanke lebt weiter, und seine Rächer sind nicht fern. Vielleicht werden es schon jene sein, die Brot von dem Korn gegessen haben, das aus seinem Grab gewachsen ist. Und die werden vollenden, was er angestrebt hat: Ein heiles gesundes Volk wird aufstehn, das vor niemandem den Nacken beugt, das sich selbst bestimmt durch seinen eigenen Geist, herrscherlos und herrenlos, ein Volk von lauter Königen und Herrschern! Dafür hat er gelebt -- das goldene Herz der Menschheit hat er finden wollen -- und dafür ist er in den Tod gegangen. Das ist kein schimpfliches Sterben.“

Der Kaufmann erwiderte nicht. Die Abendglocken läuteten. Wie ein schlafsuchendes Kind schmiegte sich die Erde in den Arm der Nacht.

Als Wart vor seinem Hause stand, reichte er Hellwig die Hand. „Fritz!“ sagte er weich. „Wir wollen’s beschlafen, Fritz!“

5.

Peter Kofend gewann seine Wette. Trotzdem er um zehn Jahre jünger und der Jahnsattler so gebrechlich war. Eines Tages kam er mit trüben Augen und hochroten Wangen von einem Geschäftsgang nach Haus. „Aus is! Gar is! Ich leg’ mich hin und steh’ nimmer auf!“ sagte er zu seiner Frau. Und während die Erschrockene in die Küche lief, um einen Tausendguldenkrauttee zu kochen, der ihr immer gut tat, legte sich der Peter ins Bett und -- stand wirklich nicht mehr auf. Er klagte nicht, redete nichts, fühlte sich nur müd. Der Arzt sprach von einer allgemeinen Schwäche, von Schonung und Ruhe und ähnlichen Dingen, die er immer sagte, wenn er aus einem Fall nicht klug wurde. Die Frau Kofend aber wußte am zweiten Tag ebenfalls, daß ihr Mann recht behalten werde. Da hatte ihre schwarze Henne zu krähen versucht. Und trotzdem der Unheilsansagerin sofort der Kragen umgedreht wurde -- eine Henne, eine schwarze Henne, die krähte -- das bedeutete einen sicheren Todesfall.

Vier Tage später erhielt der Jahnsattler wirklich die schwarz umränderte Todesanzeige und vergoß darüber Tränen eines aufrichtigen Kummers. Er weinte aber nicht über den Gestorbenen, er weinte um das schöne Geld fürs Leichenbier. Er bezahlte es auch. Aber dann ging er zu Fritz Hellwig und fragte ihn, wie er es anfangen müsse, um ein Sozialist zu werden. Denn er fühlte sich gekränkt und verletzt, weil ihm alle seine Frömmigkeit nichts genützt hatte im Wettkampf mit dem ruchlosen Peter. Deswegen wollte auch er jetzt vom Beten nichts mehr wissen. Fritz aber konnte seinen Nöten weder mit Rat noch Beistand dienen. Doch der Alte wich nicht. Starrköpfig beharrte er bei seinem Verlangen, und Hellwig, der den höllischen Humor der Sache erfaßte, schlug ihm endlich vor, wenn er schon unbedingt nicht anders wolle, so möge er ihm, dem abgestraften Sozialistenführer, dem allbekannt Glaubenlosen, ein Zimmer in seinem Hause vermieten. Denn er brauchte wieder eins, da die Frau Kofend in ihr Heimatsdorf übersiedelte. Das gefiel dem Jahnsattler alsogleich, weil er damit vor aller Welt seine neue Gesinnung beweisen und, wie er meinte, den Sachwaltern Gottes auf Erden, ja seinem lieben Herrgott selbst einen Tort antun würde. Und die ganze Stadt bedauerte abermals den armen, gebrechlichen alten Jahnsattler, weil er in der Hilflosigkeit des Alters dem Versucher ins Garn gegangen war. Und die ganze Stadt entrüstete sich abermals über Hellwig, weil er die kindische Torheit des Greises so mißbrauchte. Weitere Folgen hatte die Geschichte aber nicht. Der Jahnsattler sorgte, nachdem der erste Schmerz über das verspielte Geld vorüber war, nach wie vor dafür, daß die Hornhaut auf seinen Knien nicht verschwand, und Hellwig kam in der Wohnung des frommen Mannes mit seiner Arbeit rüstig vorwärts. Er hatte jetzt endlich ganz freie Bahn vor sich.

Wart Nikl war fast vom Abend zum Morgen wieder ins Gleis gekommen, hatte seine Tatkraft und gute Laune wiedergefunden. Nicht so sehr durch Hellwigs Argumente, sondern weil die Aussprache überhaupt beschleunigt hatte, was früher oder später doch hätte eintreten müssen. Was lang verstaut gewesen, hatte Luft bekommen, strömte in gedoppelter Fülle vor, war so überreich, daß er nicht wußte, wo er zuerst mit der Arbeit anfangen sollte. Den Neubergern zum Trotz wollte er sein Geschäft nicht nur auf die frühere, sondern auf eine noch ansehnlichere Höhe bringen. Wozu brauchte er den Kleinverschleiß? Kurz entschlossen ging er her und legte den Schwerpunkt des Unternehmens in den Großhandel mit Farbwaren und Lacken. Er nahm Vertreter und einen Reisenden auf, reiste auch selbst, und rascher, als er gehofft, war die Sache im Gang.

So arbeiteten der künftige Schwiegervater und Schwiegersohn, jeder auf einem anderen Gebiete, aber beide mit dem Einsatz ihrer ganzen Kraft. Und das Jahr war noch nicht vorüber, da hatte Fritz sein Buch vollendet.

Als er den Schlußpunkt machte, war sein Inneres wie ein ausgeschöpfter Brunnen. Restlos hatte er alles hergegeben, was er hergeben konnte. Fast leid war ihm, daß er das Drängen und Gären in sich nicht mehr spürte. Und mit leisem Bedauern, als nehme er von einem lieben Freunde Abschied, packte er das Manuskript zusammen, um es einem Verleger zuzusenden.

In den folgenden Tagen machte sich eine tiefe Abspannung, die bis zur schweren körperlichen Müdigkeit anstieg, bei ihm geltend. Doch gab er diesem Zustand nicht lässig nach, sondern versuchte durch reichlichere Bewegung in freier Luft ihm entgegenzuwirken. Er unternahm starke Märsche in die Umgebung, und einmal gelangte er auch in den Geburtsort Pichlers.