Part 20
Der Küster war seit Jahren tot, die Kinder in den Dörfern im Dienst oder verheiratet. Nur Christoph, der ältere von den einstmaligen Rutenbindern, befand sich noch im Ort, war hier Gemeindediener, Polizist, Nachtwächter, Bettelvogt, Flurhüter, Fleischbeschauer und Barbier in einer Person. Er hatte sich einen struppigen Schnauzbart, eine rote Nase und die für seine vielen Ämter unentbehrliche Würde zugelegt, welch letztere ihn auch dann nicht verließ, wenn seine Ordnungsversuche bei einer Wirtshausrauferei mit seinem eigenen Hinauswurf endeten. Er erzählte Hellwig, daß Otto für die Geschwister so gut wie verschollen sei und sich auch nach dem Tod des Vaters nicht um sie gekümmert habe. Doch sei es, trotzdem dann für die noch unversorgten jüngeren Kinder schwere Zeiten gekommen, auch ohne ihn gegangen. Sie hätten eben fest zusammengehalten und den ältesten Bruder nicht dazu gebraucht. Jetzt seien sie so ziemlich aus dem Wasser, viel zum Beißen habe zwar keiner, aber sie seien zufrieden, wie’s der Vater ebenfalls gewesen, und hätten sich schon an den Gedanken gewöhnt, daß sie für den vornehmen Herrn Bruder nicht mehr auf der Welt seien und er nicht für sie.
Hier unterbrach er plötzlich den Redefluß und eilte mit langen Schritten schimpfend einigen Dorfbuben nach, die mit verdächtig dicken Taschen aus dem Hühnerhof des Pfarrers schlichen.
Fritz machte sich auf den Heimweg. Was er eben von Otto gehört, kam ihm so selbstverständlich vor! Das Leichte und Spielerische im Wesen des Freundes war ihm, je älter und reifer er wurde, desto weniger verborgen geblieben. Aber trotz der Enttäuschungen, die ihm der einstige Freund bereitet hatte, hielt er ihn nicht für schlecht und fand es nur verwunderlich, wie der leichtlebige und sorglose Mensch so lang an seiner Seite hatte aushalten können.
Langsam schritt er weiter. Die ersten Sterne blitzten auf. Und da fiel ihm ein, daß er fast denselben Weg ging, den er einmal vor Jahren in Winterschnee und Kälte gegangen, um ein Geschenk für seine Braut in einer Fanggrube zu finden. Und er sann seinem Leben nach und staunte, wie doch alles so zufällig an ihn herangekommen war und ihn mitgerissen hatte, fast ohne sein Dazutun. Und während er alles überdachte -- einsam war es um ihn, ein paar Fledermäuse fuhren hastig durch die unbewegte Luft, irgendwo schrie jämmerlich ein Vogel unter den Zähnen eines Raubtiers -- da stieg wie eine Vision ein Bild vor ihm auf, von dem er zeit seines Lebens nicht mehr ganz loskommen konnte. Es war ihm, als sei alles, was Leben in sich hat, vor ungezählte Millionen überlasteter Karren gespannt und müsse sie, gleich den Pferden vor schweren Fuhren, mit bebenden Flanken und keuchenden Lungen über eine steile Bergstraße hinaufziehen, die schnurgerade ansteigt, höher und höher, in die weite Unendlichkeit hinein, wie ein Band ohne Ende. Und über allen den zitternden, mühselig hinkriechenden Geschöpfen thront riesengroß aufragend, gelassen vor sich blickend, mit unbewegten Zügen ein gewaltiges Weib und hält in der Rechten eine schwere Peitsche. Und jedesmal, wenn irgendwo ein Karren stecken bleiben will, knallt diese Peitsche, saust ihre geflochtene Schnur hoch über gekrümmte Nacken hin, und die geplagten Geschöpfe zucken zusammen, ducken sich furchtsam und ziehen weiter, ziehen mit zum Platzen gestrafften Muskeln, fliegendem Atem, verlöschender Kraft, ziehen -- ziehen. -- Und wenn eins leblos hinsinkt, schreiten die andern, rollen die Karren gleichgültig über den Leichnam fort. Und immerzu rollen die Karren, Millionen hinter Millionen, die unabsehbare, schnurgerade Straße hinauf, und unablässig knallt über ihnen die Peitsche.
6.
Fast ein Jahr war es her, seit Pichler im Abgeordnetenhause seine letzte Rede gehalten hatte. Da forderten seine Wähler Rechenschaft und Rechtfertigung von ihm, und so kam er endlich wieder einmal in seinen Wahlkreis.
Gemurr empfing ihn, als er den Saal betrat, und finster sahen die Versammelten auf ihn. Er aber stieg auf die Rednerbühne, wie gewöhnlich mit einem liebenswürdigen Lächeln um die Lippen. Doch da reckten sich ihm Fäuste entgegen, und ein gewaltiger Lärm erhob sich.
„Nicht reden! Demingkreatur! Mandat niederlegen! Ausbeuterknecht!“ rief und schrie und johlte es durcheinander. Er verfärbte sich und fühlte etwas wie Furcht. Aber noch immer lächelte er, und dieses Lächeln schien in seinem schönen Gesicht förmlich eingefroren zu sein. Als jedoch der Spektakel gar nicht aufhören wollte, wurde er wütend. Was? Diese Kerle, die tief unter ihm standen, wagten zu drohen? Statt dankbar zu sein, daß er sich überhaupt mit ihnen abgab? Heiser schrie er in den Saal hinab: „Wollt ihr endlich schweigen? Ich will reden! Hört ihr? Ich will!“
Die Antwort war Lachen und Getöse. Man trommelte auf Tische, pfiff, stampfte mit Füßen, schüttelte Fäuste und Biergläser. Da packte ihn ein jäher Zorn. Er griff nach der Glocke, die ihm zur Hand stand und schleuderte sie in die Menge. Sie traf niemanden. Aber jetzt stürmten sie und drängten auf das Podium, faßten ihren Abgeordneten bei den Schultern, schrien ungestüm auf ihn ein, rüttelten und zerrten, schoben und stießen und beförderten ihn ins Freie. Dort umringten sie ihn, und gewalttätiger Haß sprach aus ihren Gebärden, ihren Mienen und Worten. Die Einberufer mahnten zur Besonnenheit. Pfannschmidt nahm den übel Zugerichteten beim Arm und führte ihn aus dem Gedränge. Murrend und ungern wichen die Leute. Das Gesicht des Bergmannes war hart und finster. Man sah, daß er den einstigen Schriftleiter nicht aus Freundschaft beschützte. Pichler machte jetzt keine vorteilhafte Figur. Der Jähzorn war verraucht. Nun kam die Angst. Er schlotterte an allen Gliedern, die Knie knickten ihm ein, er stolperte nur so vorwärts und wäre gefallen, wenn ihn Pfannschmidt nicht gestützt hätte. Kragen und Halsbinde waren ihm herabgefetzt, der feine Anzug hatte Löcher.
Vor dem Gasthof ließ ihn Pfannschmidt stehen, wandte sich kurz ab und ging ohne Gruß. In fluchtartiger Eile reiste Otto nach Wien zurück.
Trotzig legte er sein Mandat nieder. Wenn er jedoch gehofft hatte, daß es ihm bei seinen ausgebreiteten Beziehungen gelingen werde, sofort eine andere Stellung zu bekommen, sah er sich arg enttäuscht. Alle Bekannten hatten nur ein bedauerndes Achselzucken: es sei dermalen nichts frei. Er war eben kompromittiert. Deming hätte vielleicht Rat gewußt. Aber an ihn wollte er sich nicht wenden. Er schämte sich vor Grete.
Um sich über Wasser zu halten, mußte er Stück für Stück seiner Habseligkeiten zum Trödler oder ins Leihhaus tragen. Dann borgte er sich Geld. Aber es dauerte nicht lang, waren ihm alle Quellen versiegt. Hungrig irrte er in der Großstadt herum. Seine Stiefel waren zerrissen, der Rock, den er am Leib trug, wurde schäbig, und er hatte keinen besseren mehr. In seiner Not schrieb er an Hellwig. Der wies ihn kalt ab. Es sei Pichlern, schrieb er zurück, von je zu gut gegangen und zu leicht gemacht worden. Er habe den Lebenskampf noch nie in seiner ganzen Rauheit empfunden. Jetzt aber könne er zeigen, was in ihm stecke. Durch eigene Kraft müsse er sich herausarbeiten. Unter dem Hammer der Not werde er Stahl werden, wenn er wirklich Eisen sei.
Drei Tage hielt Pichler dem Hunger stand. Dann war er am Ende seiner Widerstandskraft. Vor der Wohnung Demings wartete er und wußte es so einzurichten, daß er richtig von dem kaiserlichen Rat bemerkt wurde. Und der Millionär erkannte ihn sofort und trat auf ihn zu und sprach leutselig mit ihm. Er fragte, ob es dem Doktor denn gar so schlecht gehe und warum er sich nicht an ihn gewendet habe. Und zum Schluß drückte er dem Überraschten eine größere Banknote in die Hand, als Darlehen, wie er sagte, und verabschiedete sich huldreich.
Pichler stand da und schaute ihm nach und wußte nicht, ob er wachte oder träumte. Aber der blaue Schein zwischen seinen Fingern war greifbare Wirklichkeit. Da ging er und kaufte sich neue Wäsche und neue Schuhe, kleidete sich vom Kopf bis zu den Füßen neu. Und als er dann ein Bad genommen und Haar und Bart hatte zustutzen lassen, überkam ihn ein ungestümes Verlangen nach Wohlleben und Genießen. In einem Tingeltangel ließ er sich vorsetzen, was gut und teuer war, und am nächsten Vormittag erwachte er mit wüstem Kopf in der Wohnung einer Dirne.
Zwei Tage später, als das Geld alle war, folgte er der Aufforderung des kaiserlichen Rates, ging zu ihm und setzte ihm rundweg seine Lage auseinander. Deming hörte ihn wohlwollend an, mit schlecht verhehlter Freude. Und nach einer Einleitung, in welcher er beiläufig sagte, daß man begabten Menschen helfen müsse, daß es ihm selbst auch nicht immer gut gegangen und er auch einmal in ganz ähnlichen Verhältnissen stellenlos herumgelaufen sei, machte er dem Doktor den Vorschlag, als Beamter in die Fabrik einzutreten. Aber eines verlange er unbedingt: Pichler müsse sich von seinen Parteigenossen vollständig lossagen und die Politik links liegen lassen.
Das versprach Otto gern.
7.
In aller Stille hatten Fritz und Eva Hochzeit gehalten. Wieder entrüsteten sich die Gutgesinnten Neubergs, weil kein Priester dabei war, aber ihre Ungnade schadete den Betroffenen nichts. Wart Nikl blieb fröhlich und aufrecht, obwohl es jetzt recht einsam um ihn wurde und nur Frau Hedwig, still und tapfer den Trennungsschmerz verbergend, in den weiten Wohngemächern waltete, die kurz vorher noch Eva mit hellem Lachen erfüllt hatte. Jetzt war sie in der Hauptstadt, wo ihr Mann als Anerkennung und als Entschädigung für das Kerkerjahr die verantwortliche Leitung der Freien Blätter erhalten hatte, und nichts war von ihr zurückgeblieben, als ein paar eingerahmte Bilder an den Wänden und ein paar vergessene Bänder und Maschen in den Schrankfächern.
Kolben hatte den jungen Eheleuten den ersten Stock seines Familienhauses vermietet. Alle Zimmer ließ er neu tapezieren, die Parketten ausbessern, die Küche malen, und ins Badezimmer kam ein Gasofen. So war alles neu und schön und hell, ein funkelblankes Nest der Häuslichkeit und des jungen Eheglücks.
Und sie waren glücklich. Ein wackerer Kamerad, ging Eva vom ersten Tage an neben ihrem Manne, heiter, blühend, mit sonnigen Augen und verstehendem Herzen. Nicht eine Sekunde empfand er, daß mit ihr etwas Fremdes und bisher Ungewohntes in sein Leben gekommen. Selbstverständlich wie ihre Verlobung, war auch ihr Zusammenleben, schlicht, einfach und natürlich, ein Ehefrühling, wie er zur Zeit der Schneeschmelze und der ersten Weidenkätzchen ernst und keusch und mit frommer Weihe die Erde überkommt, wenn jeder Baum mit tausend Knospen betet und die unschuldigen Saaten sich im hellsten Sonnenglanz dem Mutterschoß der Scholle entringen. Nie war ein falscher Ton, ein gemachtes Empfinden zwischen ihnen. Sie gaben sich und nahmen einander, wie sie waren, ehrlich und herzlich schritten sie Seite an Seite, wußten, was sie aneinander hatten und brauchten es sich nicht erst zu sagen. Ein warmer Blick, ein Kuß war alles, was ihre vornehm zurückhaltenden Naturen an Zärtlichkeit zu verschwenden hatten. Und es genügte ihnen. Eva war fröhlichen, kindlichen Sinns und hatte nichts von dem tief bohrenden, grüblerischen Wesen ihres Mannes. Aber sie fühlte mit dem Herzen, wo ihr Geist nicht fassen konnte und hatte jene Einfalt des Gemütes, die das Echte herausspürt und das Erkünstelte zurückstößt, ohne für die Zuneigung hier und den Widerwillen dort einen Grund angeben zu können. So ergänzte sie ihren Gatten aufs beste und nahm in gleicher Weise von seinem Ernst wie er von ihrem Frohsinn an.
Nach den ersten Wochen besuchte Kolben das junge Paar fast täglich. Als Backfisch hatte Eva den unerschütterlich gelassenen Menschen nicht ausstehen können. Jetzt wurde er ihr bald sympathisch. Er war ihr überall behilflich, wußte vorteilhafte Einkaufsquellen anzugeben, wurde ihr Berater in allen den kleinen Sorgen des Haushalts, für die Fritz durchaus kein Verständnis aufbringen konnte. Ihm war es als Junggesellen ganz gleichgültig gewesen, ob ein Anzug hundert oder zweihundert Kronen kostete, wenn er nur halbwegs paßte. Und wenn er faltig wurde, gab er ihn einem Schneider zum Aufbügeln, und mochte dessen Forderung noch so unverschämt sein, er bezahlte sie und war deshalb ein geschätzter Kunde. Das wurde jetzt anders. Denn Eva war sparsam und verstand zu rechnen. Sie wollte niemanden übervorteilen, aber auch selbst nicht übervorteilt werden, ließ jedem genau das zukommen, was ihm gebührte, keinen Heller mehr noch weniger, und buchte Einnahmen und Ausgaben. Und wenn dann der Schuster für ein paar Stiefelsohlen drei Kronen fünfzig verlangte, sagte sie und zeigte es ihm schwarz auf weiß: „Vor vier Monaten hat das nur drei Kronen zehn gemacht, wenn Sie teurer werden wollen, kann ich bei Ihnen nicht mehr arbeiten lassen!“, worauf der Handwerker zwar von unerschwinglichen Lederpreisen und Teuerung zu reden anfing, gewöhnlich aber doch seine Forderung auf das frühere Maß einschränkte. So hatte sie ihre liebe Not und freute sich, daß Kolben da war, mit dem sie darüber reden und sich beraten konnte.
Fritz aber steckte wieder bis überm Hals in der Arbeit. Während der zweijährigen Unterbrechung war ihm manches fremd geworden, die Zusammenhänge mußten wieder gefunden, das Versäumte mußte nachgeholt werden. Dazu kam das Lesen der Bürstenabzüge seines zweibändigen Werkes, das demnächst erscheinen sollte. Und als es erschien, aus der Zeit heraus entstanden, sachlich und frei von einseitiger Parteilichkeit, als es von der Kritik mit lautem Beifall begrüßt wurde und fast alle Blätter ohne Unterschied günstige Besprechungen brachten, einige wohl auch im Überschwang den Anbruch einer neuen Epoche der Volkswirtschaftslehre verkündeten, als das alles eintrat, da kam Hellwig erst recht nicht zur Ruhe.
Sein Buch wurde rasch von der Mode den ‚allgemeinen Bildungsnotwendigkeiten‘ beigezählt. Wer in Zeitfragen mitreden wollte, mußte es gelesen haben. Man sprach überall davon, lud den Verfasser zu Teeabenden und Gesellschaften, die verschiedenen Vereine, Zirkel und Klube zur Verbreitung wirtschaftlicher Kenntnisse, Kultur, Wissenschaft oder Bildung forderten ihn zu Vorträgen auf, Zeitungen und Zeitschriften baten ihn um Beiträge.
Anfangs war ihm das lästig, später gewöhnte er sich daran. Von den Einladungen machte er keinen Gebrauch, Vorträge hielt er selten, Abhandlungen schrieb er nach wie vor über Dinge, die ihm ans Herz griffen, und niemals auf Bestellung.
Als sie merkten, daß er nicht mit ihnen heulen wollte, wurden sie kühler, setzten sein Buch von der Liste der Bildungsnotwendigkeiten wieder ab und ließen ihn in Ruhe.
In der Partei aber machte sich allmählich eine Strömung gegen ihn immer bemerkbarer. Erregt und in Bewegung gehalten wurde sie von dem ehrgeizigen Leibinger, der auf den Posten des verantwortlichen Schriftleiters gehofft hatte und sich nun von einem jüngeren verdrängt sah. Er war Mitglied der Parteileitung und hatte sich unentbehrlich zu machen verstanden durch eine Art widerlicher Zuvorkommenheit und händereibender Salbung, mit der er sich zu den unangenehmsten Aufgaben drängte. Niemand mochte den schmalbrüstigen Menschen so recht leiden, der mit eingeknickten Knien immer leise ging, aber man duldete und ertrug sein unsympathisches Wesen, weil er brauchbar war, erfinderisch und gleich gut geübt im jähen Überrumpeln, wie im langsamen Erdrosseln der Gegner.
Jetzt benützte er den Anlaß, fand heraus und sagte es heimlich allen, daß viele Ansichten und Grundsätze in dem gepriesenen Werke Hellwigs eigentlich dem Parteiprogramm zuwider liefen, ja manchmal geradezu der heutigen Gesellschaftsordnung ein Loblied sangen. Und er hatte mit diesen Behauptungen um so eher Erfolg, als der Parteiobmann Anheim und alle, die mit ihm der Leitung angehörten, überzeugte Anhänger der Marxschen Lehre und geschworene Feinde aller Revisionisten waren.
Offen wagte man sich vorerst freilich nicht an den verdienstvollen Mann heran. Aber zu fühlen bekam er es doch, daß man mit seinem Wirken nicht mehr ganz einverstanden war. Man schob ihn beiseite, wo es nur halbwegs anging, faßte Beschlüsse, ohne ihn um seine Ansicht zu fragen, und verschwieg ihm manches, was der verantwortliche Schriftleiter als erster hätte wissen müssen. Anfangs achtete er nicht darauf. Aber als es sich öfter wiederholte, als er sogar in seinem eigenen Blatt bloßgestellt wurde, fiel es ihm auf. Er wurde stutzig, führte Beschwerde, forschte nach dem Grund. Man gab ausweichende Antworten, entschuldigte sich wohl auch mit einem Versehen. Aber beim nächsten Anlaß machte man es ihm wieder so. Kolben wollte ihm die Augen öffnen. Fritz hörte nicht auf ihn. Er schrieb das geänderte Verhalten der Genossen einer flüchtigen Verstimmung zu und ließ sich die schöne Zuversicht nicht rauben, daß alles bald wieder seinen rechten Gang gehen werde.
8.
Da wurde der Reichsrat aufgelöst, weil er der Regierung nicht zu Willen war. Neuwahlen wurden angeordnet. Die nordböhmischen Bergarbeiter wandten sich an Hellwig, daß er in ihrem Wahlkreis kandidiere. Pflichtgemäß fragte er die Parteileitung um ihre Meinung. Die sagte weder ja noch nein, vertröstete ihn auf später.
Und nun begann der aufreibende Wahlkampf mit seiner rastlosen Agitation und den ungezählten Versammlungen in allen Bezirken. Und während Hellwig von Versammlung zu Versammlung fuhr, an einem Tage oft in drei, vier Sälen sprach, dabei die Freien Blätter leitete und, ein immer wacher Kämpfer, die Machenschaften der Gegner aufdeckte, durchquerte und vereitelte, waren in seiner eigenen Partei Leute an der Arbeit, die seine Stellung zu untergraben und seinen Einfluß zu brechen sich redlich bemühten. Er war ihnen zu bekannt, zu berühmt, zu volkstümlich geworden. Sie fürchteten, daß er ihnen über den Kopf wachsen, daß er sie verdrängen und die Führerschaft ganz an sich reißen könnte. Er dachte nicht daran. Ihm ging es um die Sache, die er für gut hielt und mit dem Einsatz aller Kräfte fördern wollte. Sie aber erwogen alle Möglichkeiten, bangten für ihre Ämtlein und fürchteten und beneideten und haßten ihn heimlich sehr. Die Massen jubelten ihm zu, ihre erkorenen Führer aber saßen in geheimen Konventikeln beisammen und rieten hin und meinten her, wie sie dem beliebten Mann Schlingen legen und ihn unauffällig zu Fall bringen könnten. Und wenige gab es unter diesen Ratern und Meinern, die frei und unparteiisch urteilten. Er hatte aber auch fast jeden schon einmal vor den Kopf gestoßen, weil er nie mit seiner Meinung hinterm Berg hielt, sondern sie immer klipp und klar und rücksichtslos heraussagte. Das trugen sie ihm nach und schmollten und grollten und nannten ihn grob, unduldsam, hochfahrend. Und sahen doch ruhig zu, wie er den Hauptteil der Wahlarbeit für sie tat. Mochte er sich plagen und abrackern, das kam der Partei zugute und im richtigen Augenblick wollten sie schon auf dem Posten sein.
Aber auch Kolben wachte und war sehr beschäftigt. Bedachtsam, ohne Übereilung, wie ein schlauer Kundschafter, sondierte er und horchte herum, und als er genug erfahren hatte, machte er sich auf und fuhr in das nordböhmische Kohlengebiet. Denn von dort kamen beunruhigende Nachrichten. Gerüchte von einem neuerlichen Streik waren in den letzten Jahren mehrmals laut geworden. Jetzt aber erhielten sie sich hartnäckig, nahmen bestimmtere Formen an und wollten nicht wieder verstummen.
Das Ziel seiner Reise verriet der Doktor nicht, er brauchte auch von niemandem Abschied oder Urlaub zu nehmen. Er war ganz unabhängig und hatte sich in der Leitung der Kunstnachrichten, die er den Freien Blättern ohne Entgelt besorgte, vollständige Freiheit ausbedungen. Nur Eva mußte es wissen, weil sie gewohnt war, ihn täglich zu sehen, mit ihm Einkäufe besorgte oder spazierenging. Er war ihr einziger Bekannter in der großen Stadt, und wenn sie ihn nicht gehabt hätte, wäre sie den größten Teil des Tages ganz einsam gewesen. Denn ihren Mann bekam sie jetzt fast gar nicht zu Gesicht, er kam spät nachts heim, müde und abgehetzt, aber mit der ersten Sonne war er schon wieder auf den Beinen, sah hastig die Morgenblätter durch und konnte das Frühstück kaum erwarten. Und wenn sie es brachte, aß er hastig und verabschiedete sich zerstreut und fahrig, lief manchmal auch, die bevorstehenden Arbeiten überdenkend, überhaupt ohne Gruß davon.
Sie fand sich auch damit ab, hoffte geduldig auf die Wiederkehr ruhigerer Zeiten und blieb heiter und zufrieden. Wenn sie mit den häuslichen Arbeiten fertig war, -- viel zu tun gab es nicht, weil Fritz, um keine Zeit zu verlieren, jetzt auch das Mittagessen in der Stadt nahm --, spielte oder sang sie sich ein Lied, ging in den Garten, pflegte ihre fünf Rosenstämmlein, nähte oder lag lesend oder träumend in der Hängematte unter den dunklen Kastanienwipfeln und freute sich auf das Erscheinen Kolbens und auf das Ende ihrer Einsamkeit. Sogar übermütig konnte sie dann werden. Der Übermut lag ihr nun einmal im Blut und ließ sich auch von ihrer jungen Frauenwürde nicht unterkriegen. Um den Doktor zu necken, versteckte sie sich vor ihm ganz tief in die Fliederhecken oder in die dichten Jasminbüsche, daß auch nicht ein Zipfelchen ihres Kleides, kein Schimmerchen ihres Blondhaars sichtbar war. Zusammengekauert hockte sie in ihren grünen Schlupfwinkeln und rief „Herr Doktor!“ und wenn er sie nicht gleich fand, war sie froh wie ein Schulkind und lachte ausgelassen.
Als er ihr seine Abreise melden wollte, lag sie in der Hängematte. Sie erblickte ihn von weitem, wie er langsam, in seiner gemessenen Art, den gelben Kiesweg heranschritt, machte die Augen fest zu und stellte sich schlafend. Aber manchmal blinzelte sie doch blitzrasch zwischen kaum geöffneten Lidern nach ihm hin und sah, wie er näher kam und zauderte und stillstand, unschlüssig, ob er sie wecken sollte. Sie hielt sich ruhig, veränderte keine Miene und atmete gleichmäßig fort. Da wagte er es, tat vorsichtig einen Schritt vorwärts und noch einen. Jetzt fühlte sie, daß er ganz nahe sein mußte, hörte das Knistern seiner Kleider -- und wie sie, zu fröhlichem Lachen bereit, die Lider voll aufschlug, da war sein ernstes Gesicht dicht über dem ihren -- sie bemerkte ein paar winzige Puderstäubchen im bläulichen Anflug der eben erst rasierten Wangen -- und von seinen Augen waren alle Schleier gefallen. Ein warmer Glanz war in ihnen und das innige Leuchten einer großen Liebe. Nur eine Sekunde war das so. Dann erlosch alles wieder, der Doktor stand in lässiger Haltung, wie immer, vor ihr und gleichmütig wie immer fragte er, ob er störe.
Sie aber war ganz aufgeregt, sprang aus dem Netzgeflecht und in der ersten Ratlosigkeit einer ihr neuen Erkenntnis sagte sie mit überquellendem Empfinden: „Sie armer Doktor!“
„Warum?“ antwortete er ihr in seinem gemütlichsten, freundschaftlichsten Ton. Doch sie dachte nur an das Geschaute, hatte erkannt, daß er ihretwegen litt, vielleicht seit Jahren leiden mußte, und um ihm nur irgend etwas Liebes zu tun, legte sie mit einem hindrängenden Schritt beide Hände auf seine Schulter. „Armer Doktor!“ sagte sie nochmals. Da wußte er, daß sie alles gesehen hatte, wurde ein klein wenig blässer und richtete sich straff auf. „Ich brauche Ihr Mitleid nicht, gnädige Frau!“ sagte er schroff.
Nun war sie ihrer Unüberlegtheit erst inne, errötete noch mehr, und die Tränen sprangen ihr hell von den Wimpern. „O Gott!“ rief sie bestürzt. „Hab’ ich Sie gekränkt? Das wollte ich nicht! Ich schätze Sie ja so! Ich kenne keinen Menschen nach Fritz, den ich lieber hätte! Sie dürfen mir nicht bös sein! Sie sind mir nicht böse, nicht wahr, nein?“
Kolben war schon wieder der Alte. „Sie sind ein rechtes Kind, Frau Eva!“ erwiderte er mit seinem spöttischen Lächeln. „Wie kann man nur am hellichten Tag so närrisch träumen! Lassen Sie’s gut sein, mir geht’s so kannibalisch wohl, daß ich jedem ein derart ausgezeichnetes Wohlbefinden wünschen kann. Ich bin Herr meiner Zeit, kann mir’s einrichten, wie ich will und Vergnügungsreisen machen, wann ich will. Was ich beispielsweise noch heute zu tun gedenke.“
„Sie wollen fort?“