Part 18
Nach zwei Tagen begrub er sie. Und als der Leichenwagen zum Friedhof kam, -- im schnellen Trab, denn der Weg war weit, -- da erwarteten ihn dort die Ausgestoßenen, die Enterbten, die Parias, viele, viele hunderte zerlumpte und verkommene Gestalten. Und als der Sarg im offenen Grabe stand, da schritten sie, die Ausgestoßenen, die Enterbten, die Parias, einer hinter dem andern an der kühlen Grube vorbei. Und jeder hatte eine Handvoll roter Alpenrosen mitgebracht und warf sie in die kühle Grube. Der Sarg verschwand unter den glühend freudigen Blüten, die Grube füllte sich -- und als der letzte vorübergezogen, da lag die tote Marie unter einem leuchtenden Hügel von roten flammenden Alpenrosen, die letzte Gabe der Berge, die die Tote so sehr geliebt. Das war der Dank der Obdachlosen, der Bettler, Lumpensammler und Kanalstrotter für das bißchen Liebe, die ihnen Heinz Wart gezeigt. Und er wußte nicht, daß Karus ihnen die Idee eingegeben hatte. --
Wenige Tage nach dem Begräbnis erhielt Fritz von dem Freund einen Brief:
‚Ich gehe nach Rußland. Forsche nicht nach mir. Es muß so sein.‘
Nichts weiter stand auf dem Blatt. Aber Hellwig war für Wochen aus allen Gleisen.
Von Osten herüber glühten blutrot die Brände des Aufruhrs. Eine Verfassung forderte das Volk, Freiheit und Glück -- oder das Grab. Die Antwort war Pulver und Blei, waren Pferdehufe, Gewehrkolben und Nagaiken.
Und Heinz eilte mit Karus dorthin, Heinz, der unpraktische Schwärmer, der stille Büchermensch, der weder schlaue Seitenwege gebrauchen konnte noch geschickte Rückendeckung, und Fritz wußte, er ging in den Tod. Nicht suchen wollte er den Tod. Denn mit der Marie war ihm ja nicht alles gestorben. Die Liebe zu den Entrechteten und Zertretenen war ihm geblieben und war jetzt nur desto heißer geworden. Nicht ans Sterben dachte er. Mithelfen wollte er, mithelfen und mitstreiten, allen Gefahren trotzend, in frommer Begeisterung dort mithelfen und mitstreiten, wo ihm sein Ziel am hellsten und am nächsten leuchtete.
Und Hellwig machte sich Vorwürfe, daß er den Freund nicht besser behütet hatte. Wieder wollte eine böse Krisis über ihn kommen. Aber die Ereignisse, die jetzt, lang vorbereitet, Schlag auf Schlag einander folgten, rissen ihn mit in ihren wirbelnden Strudel und ließen ihm vorerst keine Zeit zur Grübelei.
Als jenseit der Nordostgrenzen des Reiches die Rebellion in vollem Wüten war, da hielten die Sozialisten die Gelegenheit für günstig und holten im Kampf für das allgemeine Wahlrecht zu wuchtigen Schlägen aus.
Und da geschah es auch, daß die Teilnehmer einer Versammlung, in der August Mark, ein stimmgewaltiger Agitator, die Masseninstinkte aufgewühlt hatte, vor das Palais des Ministerpräsidenten ziehen und demonstrieren wollten. Sicherheitswache zu Fuß und zu Pferd versperrte ihnen den Weg. Hellwig, von dem Vorhaben der Menge telephonisch benachrichtigt, eilte aus der nahen Schriftleitung rasch herbei. Es war höchste Zeit. Schon waren die Säbel aus der Scheide geflogen, fielen die flachen Klingen auf Köpfe, Schultern und Arme. Schreiend wichen die vorderen Reihen, die rückwärtigen, weniger gefährdeten, drängten nach vorn, ein dampfender Knäuel, stießen sie sich, johlten und brüllten. Und schon auch hoben sich geballte Fäuste, schlugen Stöcke, prasselten Steine gegen die Polizei. Da drehten sich die Klingen, aus den flachen Hieben wurden scharfe, Schmerzensschreie gellten, Blutende wankten gegen die Häuser, fielen aufs Pflaster hin.
„Einhalten!“ rief Hellwig mit voller Lungenkraft und schob sich durch das Getümmel. „Einhalten!“
Er packte den Arm eines berittenen Schutzmanns. Das Pferd wurde unruhig und bäumte sich. Doch er hielt fest. „Nicht morden!“ preßte er zwischen den Zähnen hervor. Seine Linke griff nach dem Bein des Reiters, im Handumdrehen lag dieser zappelnd auf dem Boden.
Da fielen aber auch schon drei -- sechs -- zehn Wachleute über Hellwig her, griffen nach seinen Armen, zerrten ihn am Rock, stießen ihn von allen Seiten. Und einer packte ihn im Genick und schrie: „Im Namen des Gesetzes! Sie sind verhaftet!“
Als das die Leute hörten und als sie sahen, wie hart einem ihrer besten Führer mitgespielt wurde, flammte die durch den kurzen Raufhandel angefachte Leidenschaft turmhoch empor. Ein Wald von starren, im Sturm zitternden Ruten, hoben sich Hunderte von Stöcken über die dunkle Masse der Hüte und Schultern, ein kurzer wilder Aufschrei krachte gegen die nachtdunkle Himmelskuppel. Dann war der Kordon durchbrochen, Brust an Brust, Faust gegen Faust rangen sie mit den Hütern der Ordnung um ihr vermeintliches Recht.
Los und ledig stand Hellwig mitten im heißesten Gewühl. Und schämte sich. Schämte sich, daß er sich hatte hinreißen lassen, daß er, der gekommen war, die Menge zu beruhigen, ohne Überlegung selbst als der tollste Stürmer losgebrochen war. Und eine Weile stand er ganz untätig, mit schlaff hängenden Armen. Aber als ihm ein Verwegener frohlockend entgegenrief: „Drauf! Drauf! Heut’ zwingen wir sie!“, da richtete er sich straff auf.
„Halt!“ schrie er, und seine Stimme war wie klingender Stahl. „Halt!“
Und als sie stutzten und einander zur Ruhe verwiesen in der Erwartung einer Rede, da schob sich die Wache, durch Hilfstruppen verstärkt, rasch in das Gewimmel. Die aufgeregte Menge wollte es nicht leiden -- drängte abermals vor -- doch Hellwig rief mit beschwörend erhobenen Händen: „Leute, ich bitt’ euch, bleibt besonnen! Zeigt, daß ihr ernste Männer, daß ihr reif für das Wahlrecht seid! Geht ruhig nach Haus!“
Noch zögerten sie. Da stimmte er das Lied der Arbeit an. Und mit einemmal wichen sie zurück und ihre Gesichter wurden ernst und feierlich -- und einer nach dem andern stimmte ein, bis es aus tausend Kehlen dröhnend klang: „Die Arbeit hoch!“ Und alle ihre erhitzte Leidenschaft strömte aus in dem Lied -- und willig folgten sie, immer singend, den Anordnungen der Wachleute, die langsam, Schritt für Schritt vorrückend, die Straße absperrten. --
Ein paar Tage darauf wurde Hellwig vor den Untersuchungsrichter geladen. Er war der Aufreizung und öffentlichen Gewalttätigkeit angeklagt. Das Urteil lautete auf zehn Monate Kerker.
14.
In St. Petersburg. Langsam fährt die Prunkkalesche des Ministerpräsidenten durch die Straßen. Kosaken begleiten sie, bis an die Zähne bewaffnet. In einer düsteren Seitengasse harren zwei Männer. Der eine ist blaß und schlank, seidiges Schwarzhaar fällt ihm bis auf die Schultern. Dem andern steht das blaue Hemd vor der Brust offen.
Langsam rollt die Kutsche heran.
Da hebt der im blauen Hemd den Arm. Ein länglicher Körper schwirrt durch die Luft, schlägt auf dem Pflaster hart auf. Ein dumpfes Gekrach. Rauchwolken. Schmerzensschreie. Tumult. Die Pferde bäumen sich, rasen die leer gewordene Straße hinab. Sie ziehen keinen Wagen mehr. Die Trümmer des Wagens sind in alle Winde verstreut.
Ein Bombenattentat. Der Ministerpräsident ist tot. Viele seiner Gehilfen liegen im Blut. Von den Tätern fehlt jede Spur.
* * *
In Moskau. Der Chef der Polizei lustwandelt in seinem großen Garten. Es ist ein schöner Tag. Die Bäume sind grün, die Vögel singen. Der Polizeichef lächelt. Die Stadt ist ruhig, der Aufstand vorüber. Ein paar Dutzend sind aufgeknüpft, ein paar Salven haben das Volk zur guten Gesinnung zurückgebracht. Die Gefängnisse sind überfüllt. Aber die Stadt ist ruhig. Der Polizeichef hat alle Ursache, zufrieden zu sein.
Ein schlanker Mann in der Uniform eines Polizeileutnants kommt rasch den Kiesweg herauf. Er ist blaß und hat langes schwarzes Haar. In strammer Haltung steht er vor dem Gewaltigen, die Hand am Mützenschirm.
„Was gibt’s?“ fragt dieser.
„Das hier!“
Schnell fährt die Rechte zwischen die Knöpfe des Waffenrocks. Ein Schuß verhallt im Park. Ein paar Vögel flattern erschreckt auf. Die andern singen weiter.
Der blasse Mensch verläßt ruhig den Garten. Niemand hält ihn auf. Er kommt vom Rapport.
* * *
In Odessa. Auf dem Dachboden eines Hauses kauert ein Mann in gespannter Erwartung. Er ist von untersetzter Gestalt, hat einen verwilderten Bart und tranige Stiefel. In der Rechten hält er ein doppelläufiges Gewehr. Starr äugt er durch die Dachluke hinab in den Gefängnishof jenseit der Straße, der von niedrigeren alten Gebäuden umschlossen ist. Der Gefängnishof ist nicht leer. Ein Galgen ragt dort in die stille Morgenluft. Der Henker macht die Schlinge zurecht. Es schlägt sechs Uhr. Trommelwirbel grollt auf. Die Tür in den Hof öffnet sich. Der Verurteilte wird herausgeführt. Er ist schlank und blaß, das Haar ist abgeschoren, der Hals entblößt.
Einen Augenblick arbeitet es heftig im Gesicht des Wartenden. Ein kurzes Schluchzen erschüttert ihn. Aber er beißt die Zähne in die Unterlippe, hebt die Flinte. Sein Arm zittert. Nur einige Sekunden. Dann ist er ganz ruhig.
Die erste Kugel bewahrt den Freund vor einem schimpflichen Tod. Die zweite gilt dem Leiter der Hinrichtung. Auch sie geht nicht fehl.
Unten entsteht eine Panik. „Man hat geschossen! Die Juden haben geschossen!“ schreit einer. Und das ist das Signal zum Gemetzel.
Wie losgelassene Bestien stürmen die Kosaken in die Häuser, erschlagen die Männer, hauen die Kinder in Stücke, vergewaltigen die jungen Judenweiber. Ein Pogrom.
Der Mann auf dem Dachboden hat sich durch die Luke gezwängt, flieht über mehrere Dächer, entkommt unbehelligt.
Vor der Stadt, in einem Dickicht, sitzt er, hat das Gesicht in die Hände vergraben, weint, stöhnt und winselt. Es ist Nacht geworden. Da erhebt er sich und trottet mit tief hängendem Kopf durch die weiten, öden Steppenflächen gegen Norden. Unter dem Lodenrock klirrt manchmal ganz leise ein Beil gegen die Gürtelschnalle.
15.
Im Gefängnis erfuhr Fritz den Tod seines Freundes Heinz Wart. Die näheren Umstände blieben ihm unbekannt. Die wußten nur jene, die dabei gewesen. Und die verrieten nichts.
Trotzdem er das tragische Geschick des Freundes vorausgesehen, brachte es ihn jetzt, da es sich erfüllt hatte, doch um allen Lebensmut.
Zwischen den grauen Wänden der Kerkerzelle saß er reglos auf der Pritsche, die Ellbogen auf die Schenkel gelegt, und starrte in den schmutzigen Bretterboden. Schaben krochen ihm über die Füße, eine Maus steckte den spitzigen Kopf aus ihrem Loch und piepte. Er achtete nicht darauf, rührte sich nicht und hob auch nicht die Stirn, wenn der Aufseher den Schieber vom vergitterten Guckloch zurückschob und den schweigsamen Häftling mit kritischen Blicken beobachtete. Und in den Nächten lag er schlaflos, stierte mit brennenden Augen in die Finsternis, fühlte, wie die Einsamkeit ihn würgte. So trieb er es wochenlang, ließ die Tage vorübergehen und zählte sie nicht, wußte nicht die Stunden, die da neben ihm wegtropften, wußte nicht, ob die Sonne schien, ob Regen fiel oder Schnee über der Erde lag und die Zeit war wie eine große grenzenlose Wüste. Kolben kam und wollte mit ihm sprechen. Er weigerte die Unterredung, antwortete auch dem Kerkermeister nicht, aß kaum das Notwendigste, dachte an nichts und empfand weder Schmerz noch Sehnsucht -- nur Leere, entsetzliche Leere. So lebte er hin, und es war eigentlich nicht Leben, war nur ein triebhaftes Hinvegetieren in einer halben Betäubung.
Allmählich aber, im Wandern der Monate, unter dem Einwirken der Stille, der klingenden Ruhe um ihn her, löste sich doch endlich die starre Spannung. Die Stumpfheit wich. Unablässig bohrend, heftig und heftiger setzte das quälende Gedenken wieder ein, daß der Freund gestorben und daß dieses Sterben zwecklos gewesen sei.
Wie konnte das möglich werden? Wo lag die Ursache dieser stets wiederkehrenden Erscheinung, daß Tausende und Tausende immer aufs neue ihr Leben in die Schanze schlagen mußten im unstillbaren Drang, den Millionen zu helfen, die von wenigen Machthabern kaltblütig und grausam niedergehalten wurden? Drüben in Rußland bluteten die Massen, wurden von Soldatenhorden niedergeritten, gefoltert, zusammengehauen, reihenweise erschossen. Hüben jubelten sie dem errungenen Wahlrecht zu, priesen sich glücklich, jauchzten im Siegestaumel. Hier wie dort hing die Erfüllung ihres Wunsches an einem Federzug des Herrschers. Und der eine verweigerte ebenso kalt und starr, was der andere gütig gewährte. Wo war das Recht? Nach welcher Formel konnte die Willkür des einen gerechtfertigt und die Gnade des andern auf eine gesetzmäßige Grundlage gebracht werden? Durfte es überhaupt Willkür und Gnade geben? Wo war Sinn und Logik in diesem Widerstreit? Und wer trug die Schuld, daß Männer wie Karus nicht nur möglich waren, sondern im Recht? Zum mindesten so weit im Recht, daß sie so gut wie er und andere als Bekämpfer einer Krankheit auftreten und _ihre_ Mittel als die einzig sicheren rühmen konnten? Wo lag überhaupt der Herd dieser Krankheit? Woher das Elend, die Armut, die ewige Unzufriedenheit? Und mußte denn das immer und ewig so bleiben?
Die Lehren Proudhons kamen ihm in den Sinn, die Versuche Robert Owens, und trotz ihres Mißlingens glaubte er hier eine Spur zu finden.
Wenn man den Kommunismus mit der bestehenden Ordnung verknüpfen könnte ... Etwa so, daß je ein Unternehmen allen dabei Beschäftigten gemeinsam gehörte, die Gewinnanteile aber verschieden wären je nach dem Maß der Arbeitsleistung ...
Immer tiefer wühlte er sich in diese Gedanken hinein. Und je mehr er grübelte, desto möglicher und erreichbarer schien ihm eine solche Lösung. Heller wurde die Fernsicht, näher rückte das Ziel. Und endlich stand es vor ihm, zum Greifen nah, in scharfer Klarheit. So mußte es gehen. Und da überkam es ihn mit schöner Zuversicht: Sprich es aus, sag’ es getrost aller Welt! Sie müssen dich hören.
Ein wunderbares Kraftgefühl durchströmte ihn. Lebendig pochten alle Pulse, alle Gedanken drängten sich und schossen zusammen wie Kristalle in einer übersättigten Lösung. Und während Woche um Woche verrann, Monat an Monat sich reihte, arbeitete in der kahlen Kerkerzelle rastlos sein Geist, trug Block zu Block und Stein zu Stein. Lückenlos fügte sich alles, wurde groß und wuchs empor zu einem gewaltigen Bau, der ein Totenmal werden sollte für den Freund und eine Vorhalle zum künftigen Tempel der neuen Werte.
Viertes Buch
1.
Während Hellwig im Gefängnis saß, war das allgemeine Wahlrecht Gesetz geworden. Otto Pichler erntete wiederum, wo Fritz die Aussaat besorgt hatte. Er wurde im Wahlbezirk der Bergleute zum Abgeordneten gewählt. Mühelos wie alles war ihm auch das geglückt. Trotzdem er bisher weder in einer ernsten Lage sich bewährt, noch auf besondere Erfolge hinzuweisen hatte, vertrauten sie ihm, da sie sich daran gewöhnt hatten, dem Nachfolger als Verdienst anzurechnen, was der Vorgänger erkämpfte: den ruhigen Verlauf der Zeit in Zufriedenheit und Ordnung bei reichlicherem Erwerb und kürzerer Arbeitsdauer.
So kam Otto in die Hauptstadt, hielt eine Jungfernrede voll geistreicher Wendungen und glänzender Nichtigkeiten, sprach dann noch ein paarmal bei wichtigen Anlässen und befragte die Minister, so oft es seine Wähler verlangten. Damit glaubte er fürs erste genug getan zu haben und machte sich nun daran, das Leben auch einmal mit einem Geldbeutel zu genießen, den die Bezüge angenehm schwellten.
Bei den Kabaretten und Wintergärten fing er an, gewann hier Fühlung mit Kunstbeflissenen, die dekadent und kraftlos ihre Ohnmacht hinter Stimmungen zu verbergen und ihre Unfruchtbarkeit durch Anregungen zu heilen suchten. Diese Leute benutzte er, um sich Zutritt zu den Firnistagen der Ausstellungen zu verschaffen, schloß hier neue Bekanntschaften, knüpfte die mannigfaltigsten Beziehungen an und war bald in die Gesellschaft eingeführt. Zwar hütete er sich noch, mit Großkapitalisten und Geldmännern öffentlich zu verkehren. Aber als er Deming im Theater traf, verbeugte er sich doch vor ihm und hatte die Genugtuung, daß der kaiserliche Rat, der mit seiner Tochter den Winter in der Hauptstadt zubrachte, ihn wie einen Bekannten begrüßte und sich leutselig nach seiner dermaligen Tätigkeit erkundigte.
Ein paar Tage später erhielt er die Einladung zum Empfangsabend des Direktors. Er schwankte lang, ob er hingehen sollte. Endlich tat er es doch. Gretes junge Schönheit lockte zu stark.
Der gewichtige Mann kam ihm freundlich entgegen, klopfte ihn wohlwollend auf die Achsel und sagte, daß es ihn sehr freue, den Doktor Pichler, dessen glänzend und geistvoll geschriebene Abhandlungen er stets mit Vergnügen lese, bei sich begrüßen zu können. Der Doktor gelte zwar für einen Freigeist und Feind der bürgerlichen Gesellschaft, aber das tue gar nichts. Denn in seinem Hause komme es nur auf den Menschen an, nicht auf die Gesinnung.
Otto verneigte sich geschmeichelt und wurde den Gästen vorgestellt: Exzellenzen, Baronen, reichen Kaufherren. Er, Doktor Otto Pichler, kam sich ordentlich klein vor neben so viel Geld und Titel und Würden.
Und Grete, die in ihrem weißen Seidenkleid wie ein schöner Sommertag leuchtete, war voller Huld und Gnade. Er durfte sie zu Tisch führen, eine Auszeichnung, um die ihn viele beneideten und die sogar er, Doktor Otto Pichler, Feuilletonist, Schriftleiter und Abgeordneter, sogar er sich nicht recht erklären konnte. Woher auch hätte er wissen sollen, daß es im Kampfe gegen die Demokraten der geheime Feldzugsplan Demings war, ihnen die besten und fähigsten Führer zu ködern und abspenstig zu machen?
Grete verstand zu plaudern. Sie hatte alles gelesen, alles gesehen, was gerade Mode war, sprach mit der größten Sicherheit darüber, und ihr Tischnachbar war der letzte, der ihr die oberflächliche Dreistigkeit übelnahm, mit der sie über die verwickeltsten Probleme, die schwierigsten Fragen und über die besten Männer der Zeit ihr Urteil abgab. Er tat’s ja auch nicht anders. An jenem Abend aber kam er gar nicht dazu, das volle Feuerwerk seines beweglichen Geistes sprühen zu lassen. Die vornehm gedämpfte Üppigkeit der Umgebung, das ausgesucht feine Essen, die erlesenen Weine und echten Importzigarren, das Schimmern entblößter Schultern und milchweißer Nacken im hellsten Lichterglanz: das alles war ihm ungewohnt, in ein schönes Zauberland glaubte er hineinzuschauen, nur wie aus weiter Ferne drang das Schwirren der Unterhaltung an sein Ohr. Und es wurde ihm, als glitten unsichtbare weiche weiße Frauenhände über die zartesten Saiten seiner Seele und ließen sie erklingen in sinnverwirrender, unsäglich süßer Musik.
Und als er spät nachts seiner Wohnung zuschritt, da war etwas wie Neid in ihm. Neid gegen jene, die der Sorgen um des Lebens Notdurft überhoben, nach Lust und Laune ihrer Neigungen leben und die Erde zum Paradies sich wandeln konnten.
Seither verkehrte er oft bei Deming. Aber er erzählte seinen Parteigenossen nichts davon.
2.
Es war in den letzten Tagen des Mai, als Hellwig aus der Strafanstalt in die Hauptstadt zurückkehrte. Dort hielt er sich jedoch nur gerade so lang auf, als er benötigte, um den Rucksack zu packen und sich einen einjährigen Urlaub zu erwirken. Innerhalb dieser Zeit hoffte er mit seinem Werke fertig zu werden. Über Plan, Aufbau und Einteilung war er sich klar, brauchte nun für die Ausführung ganz freie Bahn. Seine Ersparnisse ermöglichten ihm die Unterbrechung.
Als er dann noch die Wohnung gekündigt und seine Habseligkeiten nach Neuberg vorausgesendet hatte, machte er sich ungesäumt auf die Wanderung. Er wollte den Weg in die Heimat zu Fuß zurücklegen. Denn wie ein Rausch hatte es ihn angepackt, als er nach der langen Haft wieder Felder erblickte, grüne Fluren, Wälder, Berge, die runde hohe Himmelsglocke über der blumigen Erde.
Auf einsamen Steigen und Fußwegen ging er, ging über die Kämme und durch die engen Gebirgstäler Oberösterreichs zum Böhmerwald hinüber und durch die düsteren, waldreichen Gebirgsmassen nordwärts, ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen, den Wind um die Ohren blasen, vom Regen die Stirn kühlen und ging nur immerzu, atmete, schaute und drängte sich an die Brust der Erde wie ein hungriges Kind. Selten nur machte er in einem Wirtshaus Rast, übernachtete oft im Freien. Bei schlechtem Wetter bat er in Dörfern oder Einschichten um Unterkunft, mit den Bauern teilte er Roggenbrot und Milch.
Zehn Tage wanderte er so durch den werdenden Sommer. Seine Wangen wurden rot, sein Gesicht vom Wetter gebräunt. Der Stickluft des Kerkers entronnen, dehnten sich die Lungen, badete sich der Körper in dem herben Ozon, wurde leicht und frisch und aller Mühsal ledig, wie ein junger Krieger, der sich zu frohem Kampfe rüstet.
Und am elften Tag, da schritt er mit dem erwachenden Morgen seiner Vaterstadt zu. Die Sonnenpfeile hatten Wunden geöffnet im Leib der Nacht, und sie verblutete langsam. Langsam stieg die Sonne herauf, und über den Hügeln war ein Leuchten wie rotes Gold. Der Morgenwind hatte schon ausgeschlafen, weckte die Waldsänger und läutete mit allen Blütenglocken. Tautropfen hingen an den Blättern, die Lerchen flogen jubelnd der Sonne entgegen, und eine große Frische war überall. Und die Sonne stieg höher und höher.
Mit einem wilden Schrei breitete er beide Arme aus, weit, weit --
Vor ihm, tief unten im Tal, lag seine Vaterstadt. Der schlanke Kirchturm mit dem eisernen Kreuz, die roten Ziegeldächer, in grüne Gärten eingebettet, von runden Obstbäumen bewacht, umdrängt von gelben Ährenfeldern, die dem Herbst entgegenreiften an der treuen Mutterbrust. Zwischen Weiden und Erlen schlang der Fluß sein stahlglänzendes Band durch die Wiesen und unter Mühlenrädern fort. Und die Mühlenräder drehten sich und rollten, und von ihren Schaufeln fiel ein funkelnder Regen von Edelsteinen.
Unter dem breit schattenden Blätterdach der hohen Linde, die, ein Wahrzeichen seit Jahrhunderten, auf dem Hügel stand, ruhte der Heimgekehrte und blickte in das leuchtende Tal hinab, wo tausend Erinnerungen mit frohen Augen ihm entgegen schauten, mit weißen Kinderhänden winkten, die Arme verlangend nach ihm streckten. Und seine Jugend kam leise zu ihm her, legte das blonde Haupt in seinen Schoß und lächelte ihm zu. Und ruhiger schlug ihm das aufgeregte Herz, sachter wurde die Freude. Eine sanfte Wehmut klang hinein, unbestimmt, fernher, wie ein weicher Mollakkord. Und ein wunschlos träumendes Gefühl des Geborgenseins umfaßte ganz warm seine Seele, und sie ruhte darin und bebte wie ein aus dem Nest gefallener Vogel zwischen zwei helfenden Menschenhänden.
Lang saß er so mit gelösten Gliedern und schaute und konnte sich nicht satt sehen an der ruhevollen Schönheit seiner Heimat. Über dem blühenden Wipfel hing der Himmel hell und unbewegt wie ein seidenes Fahnentuch und leise summten die Bienen ihr süßes Lied.
Und nach den starken Fußmärschen der letzten Tage, dem kurzen Schlaf auf unbequemen Lagern, den Aufregungen der Stunde forderte der Körper sein Recht. Wohliges Ermatten wiegte ihn ein, die Lider wurden ihm schwer. Er streckte sich lang aus im leicht bewegten Gras, sah durch das helle Wipfelgrün in den blauen Himmel hinein und ließ sich willenlos hinübertragen in das uferlose Meer der Träume.
Ihm träumte:
Er ging mit Heinz durch einen großen Wald. Der war ausgetrocknet vom Sonnenbrand, und die Zittergräser auf seinem Grunde waren fahl und dürr. Aber die Vögel sangen in seinen Kronen, und unter den Zittergräsern blühten die Blumen. Eine große Schönheit war in diesem Walde, die sonnenheiße Schönheit des reifen Sommers.
Und Heinz sprach: „Wie groß muß erst deine Schönheit sein, du warmer Wald, wenn alle Flammen, die in deinen Stämmen und Gräsern schlummern, mit eins erwachen und emporschlagen in lohender Glut. Wohlan, du warmer Wald! Ich will deine Flammen wecken! Ich will dein Herold sein, dein Befreier und Erlöser!“
Und sie trugen Äste zusammen und dürre Reiser.
Die zündeten sie an.
Bläulich fahl leuchteten Flämmchen auf mit leisem Knistern, verschwanden wieder, tauchten abermals auf, größer, lauter knatternd.
Und weiter und weiter liefen die Flammen.
Und jetzt, wie ein goldrotes Eichhörnchen, sprang ein Flämmlein hinan am honigfarbenen Kiefernstamm.
Und da, und dort -- lauter goldrote Eichhörnchen.