Der Volksbeglücker

Part 17

Chapter 173,711 wordsPublic domain

Und endlich blieb Otto ganz fort. Acht, vierzehn Tage wartete sie, aber er gab kein Lebenszeichen, war für sie wie vom Erdboden verschwunden.

Er birschte in anderen Gefilden. Dort war Grete Deming, die Tochter des kaiserlichen Rates Richard Deming, der bei der großen chemischen Fabrik den Direktorposten innehatte. Das war ein scharfsichtiger und besonnener Selfmademan, dem das kühle Blut auch in den schwierigsten Lagen nicht in raschere Wallung kam. Er war von festgefügtem Knochenbau, ziemlich groß, stark, doch nicht fett, hatte breite Hände und trug den grauen Backenbart zu beiden Seiten des ausrasierten Kinnes kurz geschoren. Nie war das Unternehmen besser geleitet, der Gewinn größer gewesen, als seit Deming an der Spitze stand. Geschäftsmann durch und durch, von modernem Geist erfüllt, kühn und wagemutig, wußte er günstige Marktlagen rasch zu packen, tatkräftig auszunützen und hatte noch immer gegen die Vorsichtigen und Ängstlichen recht behalten. Er war seit Jahren Witwer und hatte eine Tochter, das Fräulein Grete Deming, eine dunkeläugige Schöne, die gertenschlank auf dem Kutschbock saß und mit festen kleinen Händen ihren Traber lenkte. Umschwärmt und begehrt, ging sie gleichgültig an dem Schwarm ihrer Bewunderer vorbei, nicht warm, nicht kalt, ein wenig hochmütig, ein wenig herablassend und sehr selbstbewußt. Sie war schön, war jung, das einzige Kind ihres reichen Vaters und deshalb nahm man ihr nichts übel, fand auch ihre Unarten reizend, und viele Mädchen der Stadt gingen mit leicht vorgebeugtem Oberkörper und leise schaukelnden Hüften, trugen Reitgerten und rauchten Zigaretten, ganz wie Grete Deming. Es gab eine Grete-Deming-Frisur, ein Barett, einen fußfreien Rock, eine Tüllkrause ~à la~ Grete Deming. Aber keiner einzigen saß die runde Nerzmütze mit dem Reiherstoß so fesch auf welligem Haar, fiel der glatte Rock auf einen so tadellos fein geknöchelten Fuß, hob sich pfirsichfrisch und rassig aus den weißen Tüllwogen ein so pikantes Gesicht -- wie eben dem Fräulein Grete.

Pichler sah sie vorüberfahren, blickte ihr nach und stand wie gebannt. Ein eigenes Gefühl drängte sich in sein Herz, weh und schmerzhaft, als sei ihm ein Glück bestimmt gewesen, und er habe es leichtsinnig selbst verscherzt. Unwürdig kam er sich vor und doch wieder wertvoll genug, nach den höchsten Kränzen zu langen. Verheißende Möglichkeiten blitzten in der Ferne, Ahnungen von Genüssen, um die er sich gebracht, Sehnsucht nach einer geistreichen und glanzvollen Gesellschaft, von der er sich freiwillig ausgeschlossen hatte. Fast reute ihn, daß er so offen eine politische Gesinnung zur Schau gestellt hatte, statt in ein Staatsämtchen zu schlüpfen oder einen anderen standesgemäßen Beruf zu ergreifen. Und stärker und bestimmter kam ihm der Vorsatz, daß seine jetzige Beschäftigung nur einen Übergang darstellen durfte, da weder seiner Stellung als gebildeter Mensch, noch seinen Fähigkeiten der ständige Verkehr mit den untersten Volksschichten angemessen sei. Und so begann er denn seine Läuterung dort, wo ihm der Verkehr mit den untersten Volksschichten dermalen am unangenehmsten geworden, bei Anna Bogner. Er war sich selber für ein solches Verhältnis zu gut geworden.

Die Anna wartete geduldig noch eine Woche lang, dann aber faßte sie sich ein Herz und ging zu ihm. Sie wollte Gewißheit haben, das Harren und Bangen quälte gar zu sehr.

Zaghaft klopfte sie an, trat zaghaft ein. Da war gerade Karl Pfannschmidt anwesend und beriet die Zusammenstellung der nächsten Zeitungsnummer mit dem verantwortlichen Schriftleiter.

Verlegen sprang Pichler auf.

„Was bringen Sie mir denn Schönes, Fräulein?“ fragte er und bemühte sich, seiner unsicheren Stimme einen geschäftsmäßigen Tonfall zu geben.

„Ich bring’ nichts,“ antwortete sie leise, „ich will mir was holen.“

„Ach ja richtig, das hatte ich ganz vergessen!“ erwiderte Otto und schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. „Jetzt fällt’s mir wieder ein! Bitte, wollen Sie hier eintreten!“ Er führte sie ins Nebenzimmer. „Sie entschuldigen schon einen Augenblick!“ sagte er noch zu Pfannschmidt.

Drinnen herrschte er das arme Ding mit scharfer Flüsterstimme an: „Was soll das heißen, Anna? Was fällt dir ein, hieher zu kommen! Denk’ doch an deinen Ruf!“

„Ich will mir was holen!“ murmelte das Mädchen.

Nun versuchte er es in einer anderen Tonart. „Ich konnte wirklich nicht abkommen, Annl!“ sagte er mit biederer Herzlichkeit. „War mit Geschäften überhäuft. Das geht manchmal nicht anders. Aber sobald ich wieder Luft hab’ ...“

Sie schüttelte langsam den Kopf.

„Ich bin nicht deswegen da ...“

„Nicht deswegen?“

„Ich will mir nur was holen,“ sagte sie eintönig.

„Ja, aber was denn nur? So sag’s doch endlich!“

„Meine Ehre ...“

Ganz gleichgültig sprach sie das vor sich hin, mit rauher, brüchiger Stimme und schaute mit toten Augen an ihm vorbei ins Leere.

Er wußte nichts zu erwidern, hob bedauernd die Hände und ließ sie auf die Schenkel fallen.

„Aber Annl -- du hast mich doch lieb gehabt ...“

„Ja, ich hab’ dich lieb gehabt.“

„Und -- und ... es konnte doch nicht immer so fortgehn. Das hättest du im voraus bedenken sollen.“

„Ja -- das hätte ich im voraus bedenken sollen ...“

Wie ein Automat sprach sie ihm die Worte nach.

„Annl, sei doch nicht so, ich bitte dich! Wir -- können deswegen ja gut bleiben. Nur -- das wirst du einsehn, ich ... Herrgott, wenn nur der Kerl nicht draußen wär’! Der paßt auf jedes Wort! -- Wir treffen uns morgen, Annl! Um sechs Uhr! Da reden wir dann weiter. Wirst du kommen?“

„Ich werde schon nicht kommen. Was gibt’s auch noch zu reden? Das ist nun einmal so, da nützt nichts mehr.“

„Annl!“

Noch immer schaute sie an ihm vorbei, mit derselben steinernen Ruhe.

„Nenn’ mich nicht mehr so. Ich nenn’ dich auch nicht mehr so. Ich denk’ mir nur -- so, wie du jetzt bist, das sollte doch anders sein. Es ist nicht recht so. Nur, es wird wohl auch wieder besser werden -- oder -- die Welt hätt’ sonst kein Gewissen ...“

Mit schleppenden Schritten ging sie zur Tür, öffnete und schob sich müde durch das vordere Zimmer an Pfannschmidt vorüber zum Ausgang. Dort schlug Pichler noch einmal den Geschäftston an. „Also die Sache ist in Ordnung, nicht wahr?“

„In Ordnung,“ sagte sie tonlos und bewegte die trockenen Lippen kaum. Nun trat sie über die Schwelle, den Kopf steif oben, und in dem starren Gesicht regten sich nicht einmal die Lider, um die weit offenen Augen zu kühlen.

Als sie fort war, sagte Pichler mit gemachter Leichtigkeit: „Es war mir so peinlich ... sie hat mir nämlich eine Novelette angeboten für unser Blatt und sich jetzt Bescheid geholt. Ich mußte ablehnen. Schriftlich wär’ das einfacher gegangen. Zu dumm! Jedes Frauenzimmer will heutzutag’ schon schreiben!“

Pfannschmidt blätterte in den Manuskripten, die er vor sich ausgebreitet hatte. Dann sagte er: „Also mit dem Leitartikel sind Herr Doktor einverstanden? Was bringen wir denn unterm Strich?“

Otto biß sich auf die Lippe. Er fühlte, daß ihm hier die Ausrede nicht geglaubt worden war. Aber er faßte sich schnell.

„Unterm Strich? Haben wir nicht irgendeine verliebte Geschichte lagern? So was zieht immer!“

12.

Fritz, Heinz und Karus schlenderten mitsammen durch die Großstadt. Es war ein schöner Vorfrühlingstag. Die Sonne glänzte am blauen Himmel, hing durchsichtige Silberschleier vor die Fronten der Mietkasernen, machte die Fiakerrosse fröhlich, und sogar den geplagten Pinzgauer Hengsten vor den schweren Fuhrwerken verlieh sie ein gemütliches Aussehen. Zwischen lautlos gleitenden Elektromobilen, Automobilen, Karossen und Straßenbahnwagen bewegten sich rasselnde Streifwagen, Handkarren, Radfahrer. Eisen klirrte, Pferde wieherten, Kutscher schrien „Ooooohb!“, das klingelte, ratterte, stampfte, dröhnte, surrte, tutete ohrenbetäubend durcheinander. Und auf den Gehsteigen wimmelten die Menschen, Hut neben Hut und Ellbogen bei Ellbogen, vereinigten sie sich rechts und links der Straßenzeile zu je einem ununterbrochen flutenden schwärzlichen Strom, der langsam wogte, still stand und wieder vorwärtsdrängte. Es sah aus, als würde hier das Blut der Stadt durch die Stöße eines unsichtbaren Herzens im Kreislauf erhalten. Nur vor den Kirchen schien es zu stocken. Die Kirchentüren waren offen, fremd leuchteten die gelben Kerzenflammen aus den dämmrigen Schiffen in die lärmende Nüchternheit des Tages. Viele der Vorübergehenden zogen die Hüte, bekreuzigten sich oder beugten wohl auch die Knie. Mit einem Pack Federbetten kam ein molliges Frauchen vorbei. Während des langen Faschings war im Haushalt das Geld knapp geworden. Aber heute abends war ein Bürgerball. Und die Kirchenpforten waren der Schönen nicht umsonst aufgetan. Rasch trat sie ein, legte ihr Bündel auf die Steinfließen, kniete darauf und sprach andächtig ein Vaterunser. Dann setzte sie gestärkt ihren Weg zum Versatzamt fort.

Mit schlurfenden Schritten schob sich ein Bettler die Häuser entlang. In der Hand hielt er einen irdenen Topf mit schmutziggrauem Reisbrei, wie man ihn den Jagdhunden zum Fressen gibt. Den mochte ihm eine gutherzige Köchin geschenkt haben, und der Alte schaute mit verzückten Augen und wässerndem Mund auf seinen Schatz. Da war Karus blitzschnell, mit einem Satz, bei ihm und schlug den Scherben aus der zittrigen Hand: „Betteln, Schlappschwanz? Da! Jetzt friß!“

Der Mann winselte und bückte sich jammernd nach den Scherben. Fritz packte Karus am Arm: „Was heißt das?“ Und der gleichmütig darauf: „Sie sehen’s ja!“

Leute sammelten sich. Fritz zog die Börse. „Geben Sie ihm nichts!“ knurrte Karus. Hellwig schob ihn beiseite, drückte eine Münze in die verlangend aufgehobene Hand, schritt schnell davon.

„Wie konnten Sie das tun?“ sagte er. „Das war grausam!“

„Ach was, grausam!“ rief Karus zornig. „Verdient so einer was Besseres? He? -- Verflucht, daß doch die Kerle mit Bettelsuppen und Küchenabfall zufrieden sind! Daß sie nicht fordern, was ihnen vorenthalten wird! Daß sie nicht wenigstens rauben und stehlen! Aber da stehen sie blödsinnig neben brechenden Tischen, verrecken vor Hunger und wagen nicht dreinzuhauen. Mit einem rechtschaffenen Knüttel oder meinethalben mit Pulver und Bomben! Pfui Schande und Feigheit!“

Heinz aber sah unterdessen nach einem hageren Menschen, der vor ihnen hertaumelte, manchmal stehn blieb, sich an die Stirn griff, umherschaute, weitertorkelte und endlich hinfiel. Im Nu war eine johlende Menge um ihn. Heinz aber sagte ganz aufgeregt zu den Freunden: „Schaut euch die Augen an! So blickt kein Betrunkener!“, lief hin und beugte sich über den Gefallenen. Die Umstehenden lachten und spotteten: „Seht den Lumpen! Schon am hellen Vormittag hat er einen Rausch!“

„Nein!“ sagte Heinz laut und hart. „Der hat keinen Rausch, der hat Hunger! Und da lacht ihr und spottet noch!“

Und er faßte den Liegenden: „Komm, mein lieber Bruder!“ und half ihm auf die Füße. Sie nahmen ihn in die Mitte, stützten ihn sorgsam und führten ihn aus dem Gedränge. Vor einem gut bürgerlichen Gasthaus machte Wart halt.

„Heinz, das ist ein Unsinn!“ sagte Hellwig und suchte ihn zurückzuhalten. Doch der wehrte sanft ab: „Laß mich nur, Fritz, ich bin dem Menschentum Genugtuung schuldig in diesem hier!“ Und er öffnete die Tür.

An den runden Tischen saß ein zahlreiches Publikum beim Frühschoppen. Alle Augen richteten sich auf die Ankömmlinge. Es war aber auch ein ungewöhnlicher Aufzug. Heinz im englischen Überzieher, den rassigen Kopf mit den langen schwarzen Haaren hoch aufgereckt, Karus, wie immer, mit zerknittertem Hemd und tranigen Stiefeln, zwischen beiden der dürre Mensch, von oben bis unten mit Straßenkot besudelt, endlich der breitschultrige Hellwig mit Radmantel und Schlapphut. Der Oberkellner kam gelaufen und fragte, ob sich die Herrschaften nicht geirrt hätten. Die Schenkstube sei rückwärts im Hof. Da sagte Heinz: „Nein, wir haben uns nicht geirrt, aber Sie scheinen sich in uns zu irren. Dieser schmutzige Mensch hier ist mein Bruder. Die Speisekarte, bitte!“

„Bitte sehr, bitte gleich!“ antwortete der Befrackte und wußte nicht recht, wie er sich verhalten sollte. Wart und Hellwig kannte er. Aber die zwei andern schienen doch nicht so ganz in das feine Lokal zu passen. Da jedoch die andern Gäste nicht beleidigt taten, glaubte er es wagen zu können und winkte dem Speisenträger. Heinz bestellte Fasan mit Trüffeln und Moselwein. Das imponierte. Die Gäste aber hielten ihn und Fritz für zwei reiche Müßiggänger, Hetzbrüder oder Hausherrnsöhnchen, die nach einer durchzechten Nacht einen Ulk ausführten. Deshalb lächelten sie gönnerhaft oder blinzelten nachsichtig und wohlwollend zu ihnen hinüber.

„Seht sie euch an!“ sagte Karus halblaut. „Seht doch, wie sie dasitzen, die Herren Hofräte und Hausbesitzer und Großkaufleute! Und wie sie nicht zu begreifen vermögen, daß jemandem so eine Tat Bedürfnis sein kann. Oh, wie gut sie unsern Heinz zu verstehen glauben. Wie gut sie wissen, daß er, auch nicht anders als sie in ihrer Jugend, aus Langweile und Übermut mit der Armut seinen Spaß treibt! Wie sie das verstehen, entschuldigen, verzeihen! Wüßten sie, daß es ihm ernst damit ist, sie ließen uns alle vier hinauswerfen!“

Unterdessen brachte man auf einer silbernen Platte den Fasan, goldbraun gebraten und würzig duftend. Und der hungrige Mensch griff gierig nach einem Schenkel, aß und sprach, nachdem er alles gegessen: „Mich hungert, gebt mir Wurst!“ Den Wein aber schob er weit von sich: „Ich trink’ nur Bier!“

Die Gäste sahen das, lächelten und dachten sich: „So ein Esel!“

Heinz aber stand auf: „Komm, mein lieber Bruder!“

Und sie gingen in die Schenkstube. Dort aß der ausgehungerte Mensch fünf Knackwürste, trank einen Liter Bier dazu, wurde fröhlich und bedankte sich. Die umhersitzenden Kutscher aber, die Dienstmänner und Laufburschen zeigten auf ihn und meinten: „Seht den Glückspilz an, er hat heut’ Ostern, Pfingsten und Weihnachten!“

Heinz drängte jetzt zum Aufbruch. Sie überließen den Gesättigten seinem Schicksal und machten sich auf den Heimweg. Keiner sprach. Karus ging Arm in Arm mit Wart. Fritz schlenderte nebenher und dachte allerlei. Wohinaus wollten die zwei? Er sah noch immer nicht klar, erkannte nur, daß sie in ganz anderen Gleisen gingen als er selbst und daß er ihnen dorthin nicht zu folgen vermochte.

Jetzt waren sie bei Karus’ Wohnung angelangt. Oben warfen sie ihre Überkleider auf das Bett, setzten sich, rauchten und schwiegen eine geraume Weile. Endlich sagte Fritz aus seinem Sinnen heraus: „Heinz, du gehst in die Irre! Man füttert solche Leute nicht mit Fasanen!“

„Wissen wir auch!“ sagte Karus.

„So? Und trotzdem ...“

„Jawohl, trotzdem und gerade deswegen! Unzufrieden muß man sie machen! Ihnen die guten Dinge vorrücken, die es auf der Welt gibt und von denen sie keine Ahnung haben. Dann werden sie lüstern. Und das stachelt sie auf wie die Bremse den Stier!“

„Nun und?“

„Nun und dann sind sie eben reif für unsere Gilde.“

„Euere Gilde? Gehören dazu jene, die lieber im Straßengraben verrecken, weil sie frei sein wollen?“

„Und ob die dazu gehören! Unsere braven Jungen, die lieber verhungern, eh’ sie sich was schenken lassen. Lieber stehlen, eh’ sie betteln. Weil ...“ -- ein spöttisches Lächeln verkroch sich in Karus’ verwildertem Bart -- „weil ihr bestes Recht ist, daß sie satt zu essen haben. Und weil sie sich zu keinem Ausgleich hergeben. Ihr Recht wollen sie, Bergprediger! Und gibt man’s ihnen nicht, so nehmen sie sich’s -- wenn’s not tut mit Gewalt!“

Hellwig achtete nicht auf den Spott und sagte kalt: „Mit dem Argument der Fäuste wird nichts zu holen sein! Klärt lieber die Menschen auf! Und fangt nicht unten damit an, sondern oben, bei denen, die jetzt die Macht haben!“

Da stieß Karus einen Laut aus, halb Lachen, halb Grunzen. „Bergprediger!“ rief er. „Bergprediger, das ist ein weiter Weg! So weit, daß die Erde nicht mehr warm ist, bis er zu Ende gegangen ist. Nein, da lob’ ich mir schon die Kürze des Eisens. Die soziale Frage -- lösen? Hm, sie ist wie der gordische Knoten. Man löst ihn nicht, mit dem Schwert muß man ihn zerhauen!“

Während er so sprach, ging er zum Schrank, nahm ein kurzes Handbeil heraus und warf es auf den Tisch: „Da liegt der beste Helfer! Schau’n Sie sich das Ding gut an. Es hat Tyrannenblut geleckt! Deshalb blinkt und lacht’s auch so fröhlich. Hei, das war ein Fest! Freilich ihr -- ihr habt Fischblut in den Adern und könnt euch nicht vorstellen, was das heißt: ein Aufstand in Havanna. Damals war’s, daß der Gouverneur -- der Hund ließ unter die Rebellen schießen! -- mit dieser Hacke ein Verhältnis einging. So ein richtiges treues Verhältnis, das nur der Tod trennen kann. Hat er auch getan, schnell und sicher! -- Und seither nehm’ ich das Hämmerchen überall mit hin. Vielleicht könnt’ ich’s noch einmal brauchen. Gelt, du?“

Liebkosend strich er über die blanke Schneide.

Hellwig hatte sich erhoben, tiefen Ernst im Antlitz.

„Dessen rühmen Sie sich noch? Vielleicht wollen Sie gar prahlen mit dem nutzlosen Blutvergießen? Das ist abscheulich roh!“

Nun kam Leben in Heinz. „Nutzlos, Fritz? Nutzlos? O ganz und gar nicht! Sie sind ja reif für das große Sterben! Weil sie den Keim der Fäulnis in sich tragen! Wir brauchen heile, gesunde Menschen, kampffrohe, sieghafte! Und weil wir sie brauchen, müssen wir ihnen den Boden bereiten und Platz schaffen durch den Untergang der Kranken!

Wenn wir allen nur erst den Glauben eingeimpft hätten, den Glauben an die selbsttätige Befreiung, an die Befreiung durch die Tat! Aber solang sie sich nur immer gütlich tun an der Sonne der Erkenntnis, so lang werden sie nicht an den lachenden Sturm glauben lernen, der die Sonne überwindet. Die milde weiße Sonne ist gut für kleine Mädchen und für Greise, wir aber wollen das Brausen des Sturms, den Kampf der Wogen, das Entstehen neuer Länder und Meere aus dem Zusammenbruch der alten. Ewiges Sonnenlicht trocknet das Gebein und dörrt das Blut in den Adern, das Mark in den Knochen. Ewiges Müßiggehen mit Lobgesängen des Friedens auf den Lippen und mit dem beginnenden Verfall im Herzen macht ungeeignet zum Kämpfen. Wir aber sollen immer bereit sein zum großen Kampf und die Kraft nicht zersplittern in kleinen Plänkeleien, nutzlosen Scharmützeln um Tugend, Moral und um die toten und sterbenden Götter!

Viel zu lang haben wir Sonne gehabt, so sind wir faul und lässig geworden. Fechten nur noch mit den spitzigen Dolchen der Worte und den dünnen Stoßdegen des Geistes. Aber unsere Arme können das breite Schlachtschwert nicht mehr heben. Und durch den steten Frieden sind wir geworden wie ein stehendes Wasser ohne Zufluß und ohne Abfluß. Auf dem unbewegten Spiegel blühn die weißen Wasserrosen, aber im schlammigen Grund schlafen die Keime der Fäulnis. Und so die Keime aufwuchern, werden wir sein wie ein großer Sumpf, ein Herd aller Krankheiten und bösen Dünste.

Darum wollen wir, die wir dies erkennen, wie gute Ärzte an der Menschheit handeln: zum Heile der Gesunden wollen wir die Morschen und Siechen, die Bresthaften und Verderbten ausrotten!“

„Und was dann?“ rief Hellwig außer sich. „Heinz, was dann? Wenn der Aufruhr durch die Länder jagt, über Verwundete und Tote weg, wenn der alte Gesellschaftsbau zerschmettert liegt -- was dann? Wie willst du es besser machen? Was willst du an die Stelle des Zertrümmerten setzen? Etwas Großes und Herrliches müßte es sein -- und könnte die Opfer doch nicht aufwiegen!“

Und kalt und ruhig erwiderte Heinz: „Du fragst verfrüht, und darauf kann ich dir nur antworten: Ich weiß es nicht!“

„O du! du! So weit bist du schon? -- Du weißt es nicht? Und willst doch das Oberste zu unterst kehren, Thron und Reiche stürzen, willst, daß das Chaos hereinbricht -- und dann -- dann stehst du da, ratlos, tatlos, tappst umher, versuchst, experimentierst -- bis du endlich dem betörten Volk gestehen mußt: Ich kann euch nichts Besseres geben! Frei hab’ ich euch gemacht, nun helft euch, wie ihr könnt! Schöne Freiheit das! Mit dem Blute Hunderttausender erkauft -- und weiß dann nichts mit sich anzufangen! Arzt sein nennst du das? Ich nenne es morden!“

Mit einem Fluch sprang Karus da auf. In jähem Zorn wollte er auf den Beleidiger los. Aber Heinz trat dazwischen und sagte mit tiefklingender, bewegter Stimme, die Fritz in allen Fibern erschauern machte:

„Einen Golddom wollen wir der Freiheit aufführen, denn Nietzsche hat recht: das Herz der Menschheit ist von Gold! Aber viel Schlacke hat die Zeit daran abgesetzt. Die müssen wir erst lösen. Im Feuer der Empörung, in der Glut des Aufruhrs wollen wir die Menschheit läutern, alle Unreinheit muß verschwinden, nichts als das blanke Edelmetall darf übrigbleiben. -- Und bist du einmal so weit, dann greif hinein mit beiden Händen, knete, forme, bilde, baue -- mach’ es dann, wie du willst: immer wird ein lauteres Goldwerk sein, was unter deinen Händen ersteht! Darum ist es besser, alles, was krank ist, falle mit einem Mal, als daß es sich fortschleppe von den Kindern zu den Kindeskindern und zur ewigen Pein und Pestbeule werde für die Gesunden!“

Fritz stand da und hielt die geballten Fäuste vor, als wollte er diese furchtbare Auffassung von sich stoßen.

„Heinz!“ sagte er mühsam, unter starken Atemzügen. „Heinz, du willst die Krankheit deiner Brüder heilen -- und bist selbst einer von den Kränksten. Widersprich mir nur nicht, es ist so! Das ist ja doch auch ein Zeichen der Krankheit, daß sie sich selbst nicht erkennt: so glaubt der Schwindsüchtige bis zum letzten Hauch an seine Gesundheit. Wer denn gibt dir ein Recht über die andern? Du kannst das Leben nicht schaffen -- so darfst du es auch nicht vernichten ...“

Karus unterbrach ihn mit gemachter Roheit: „Predigen Sie nicht, Bergprediger, uns stimmen Sie nicht um! Und Sie werden selbst auch anders reden, wenn Sie nur erst einmal Blut gesehen haben. An nichts gewöhnt man sich schneller als ans Aderlassen. An das aktive, mein’ ich nämlich! Versuchen Sie’s nur einmal!“

Da stürzte Hellwig auf Wart zu, der reglos beim Fenster saß, die Hände vor dem Gesicht. „Heinz!“ rief er in heißer Wallung, und packte ihn an den Schultern und rüttelte ihn. „Heinz, ich bitte dich -- um unserer Freundschaft willen bitte ich dich, mach’ dich von dem da frei!“

Heinz rührte sich nicht. Eine ganze Weile stand Fritz noch bei ihm und wartete. Dann wandte er sich traurig, schritt langsam aus der Stube, mit feuchten Augen.

„Der Friedensengel verläßt uns! Jetzt _muß_ Krieg werden!“ rief ihm Karus lachend nach.

13.

Im lachenden Sommer starb die Marie. Ein heftiger Blutsturz, ein kurzes Krankenlager, ein allmähliches Auslöschen -- langsam, unerbittlich und unabwendbar. Ganz klar war es ihr, daß sie sterben mußte. Lächelnd sprach sie davon und tröstete lächelnd den Geliebten. Aber dann, als die Stunde kam, da klammerte sie sich an ihn und krallte die Nägel in seinen Rock, und in ihren Augen war Angst und Grauen und Verzweiflung.

„So hilf mir doch, du!“

Aber er konnte ihr nicht helfen, er konnte sie nur halten und hielt sie doch nicht fest, fühlte, während er ihren zitternden Körper mit beiden Armen enger und enger umschloß, wie sie ihm entglitt und wie ihr Leben wegfloß gleich einer Welle unter greifenden Kinderhänden. Und sein Herz mochte noch so wild an ihre Brust pochen, das ihre fand den Takt nicht mehr, und endlich stand es ganz still. Und stand gerade in dem Augenblick still, als der Wille und Drang zum Leben in ihm am stärksten wurde. Als er die Tote ganz dicht an sich preßte in dem ungestümen Wunsch, daß seine ungebrochene Lebenskraft in den erkaltenden Leib hinüberströme und für sie beide Arbeit tue. Aber Marie war tot.