Part 16
Otto Pichler hatte das letzte Rigorosum abgelegt. Glühend vor Freude eilte er nach Haus, umarmte die Wondra, und dann, in seiner Stube, begann er unverweilt seine neue Unterschrift einzuüben. ~Dr.~ Otto Pichler. In markigen Buchstaben, mit einem schwungvollen Schnörkel. Aber das genügte ihm nicht. Er kniete auf den Fußboden nieder und wohl fünfzigmal schrieb er mit Kreide auf die braunen Bretter: ~Dr.~ Otto Pichler. Und immer markiger wurden die Buchstaben, immer besser gelang der Schnörkel.
Seine Beziehungen zu Hellwig hatte er schon längst wieder lose angeknüpft. Der Umstand, daß Heinz Wart, Kolben und Fritz bei den Freien Blättern wirkten, hatte auch ihn zu einer Schwenkung ins sozialistische Lager veranlaßt. Denn es schien ihm nicht unmöglich, daß er, von den einstigen Freunden unterstützt, auf dem guten Sprungbrett der Journalistik sich später in eine angesehene Stellung hinüberschnellen könnte, in ein Reichsratsmandat oder ähnliches. Klug und mit kühlem Bedacht arbeitete er auf dieses Ziel los. Er verstand gewandt, geistreich und witzig zu schreiben, sein Stil war wie seine Rede, flott, frisch und lebendig, und was seiner Überzeugung an Tiefe fehlte, ersetzte er durch schöne Worte und verblüffende Wendungen. Mit Warts Hilfe gelang es ihm, seine Aufsätze bei den Freien Blättern unterzubringen, und bald hatte er als Feuilletonist einen kleinen Ruf. Seine Schreibweise gefiel, das Publikum las die schaumleichten Sächelchen gern, die sich noch obendrein wissenschaftlich gaben und viele interessante Dinge ‚populär‘ darstellten. Aber auch mit den Herminonen kam er deswegen nicht über Kreuz. Er wußte alle heiklen Klippen geschickt zu umsegeln, so daß er nach wie vor ungestört in der Gesellschaft der Studenten verkehren konnte.
Hellwig aber hegte gegen ihn keinen Groll mehr. Er war reif genug geworden, um das Verhalten des einstigen Freundes damals bei der Satisfaktionsverweigerung als jugendliche Torheit zu belächeln. Nach wie vor glaubte er an die ehrliche Tüchtigkeit, hielt er viel von den Fähigkeiten des Schulkameraden, und von der fröhlichen Leichtigkeit, mit der Otto das Zutrauen der Leute und ihre Sympathien eroberte, ließ auch er sich immer wieder gefangen nehmen.
Als ihn daher, nach dem Ende des Streiks und der Aufregungen, die Ruhe und Tatenlosigkeit zu quälen anfing, während in Wien große Dinge sich vorbereiteten, der Kampf um das allgemeine Wahlrecht mit aller Wucht aufgenommen werden sollte und auch sonst dort, im Aneinanderprallen des kühnsten Fortschritts und der verbissensten Reaktion, die Kräfte immer frisch und stahlblank blieben, -- als ihn das nun in der tiefen, schlaffen Stille der Provinz zu quälen und zu locken anfing, da schrieb er an Pichler, ob er sein Nachfolger werden wolle. Wenn ja, möge er sich bei der Parteileitung darum bewerben, er, Hellwig, gedenke wieder zu den Freien Blättern zurückzugehen.
Und Pichler, der neugebackene Doktor, überlegte sich das nicht zweimal. Hier bot sich ihm ein Anfang, ein festes Einkommen, eine selbständige Stellung und die Möglichkeit, von dort aufzusteigen, alles schöner, als er zu hoffen gewagt. Deswegen säumte er nicht lang, fuhr nach Wien, stellte sich vor, setzte alle Hebel in Bewegung. Und von Wart und Hellwig warm empfohlen, von Doktor Kolben nicht im Stich gelassen, glückte es ihm auch, den Posten zu erhalten.
Die Begegnung der einstigen Freunde war nicht gerade herzlich, aber auch nicht farblos. Eine Entfremdung war vorhanden, aber dafür auch jene ruhige Kameradschaft, wie sie zwischen Männern ist, die an demselben Werk mitarbeiten. Eine Woche verwendete Fritz daran, den Nachfolger einzuführen und sattelfest zu machen. Dann packte er seine Sachen und nahm Abschied von allen. Nicht leichten Herzens ging er fort. Und ungern ließen ihn die Arbeiter ziehen. Einzeln und in Abordnungen waren sie gekommen, hatten ihn umstimmen, zum Bleiben bewegen wollen. Und gar der alte Faßbinder hatte sich schon lang nicht hineinfinden können. Immer wieder war er auf die Schönheit der Gegend zu sprechen gekommen, auf die starke Luft, die Ruhe, auf alle Vorzüge der Gegend und seines idyllisch gelegenen Hauses. Und erst als das alles ohne Erfolg geblieben war, hatte er sich leidvoll in seine Kammer hinter einen Wall von Bierflaschen zurückgezogen und hatte dort mit Tränen in den Augen ohne Aufhören getrunken und getrunken, bis ihm der Kopf schwer auf die bier- und tränenfeuchte Tischplatte gefallen und das jammervolle Schluchzen in ein gewaltiges Schnarchen übergegangen war. Das war eine würdige Abschiedsfeier gewesen, denn betrinken tat sich der hoch geeichte Meergreis nur in ganz seltenen Ausnahmefällen. Und von jener Stunde an trug er das Unvermeidliche mit männlicher Fassung.
Pichler fand sich rasch zurecht. Viel brauchte es ja nicht dazu. Alle Wege waren ihm geebnet worden, alle Räder griffen pünktlich ineinander, Pfannschmidt arbeitete wie ein Zughund, und Otto hatte eigentlich nichts zu tun, als sich in das bereitete Nest zu setzen und zuzusehen. Sein schmiegsames Wesen, seine lächelnde Liebenswürdigkeit machten es ihm leicht, mit den Arbeitern schnell in ein gutes Verhältnis zu kommen. Und sie fanden bald, daß der Neue, der ihnen so freundlich um den Bart ging und der sie niemals durch eine kantige Schroffheit verletzte, daß der Neue nicht so übel wäre. Auch gefiel ihnen, daß er stets tadellos gekleidet ging, zu repräsentieren verstand und nicht in der Vorstadt wohnte, sondern nahe der Schriftleitung in einem schönen Zinshaus zwei Zimmer innehatte. So streute er diesen einfachen Leuten Sand in die Augen und blendete sie durch einen glanzvollen Schein. Er machte sich aber auch mit der ‚guten Gesellschaft‘ der Stadt bekannt und hielt es für nur selbstverständlich, Richard Deming, den einflußreichen Direktor der chemischen Fabrik, höflich zu grüßen, seit er ihm einmal in einer Versammlung vorgestellt worden war. Die Anna Bogner aber, die achtzehnjährige Tochter des Kesselwärters, erkor er sich -- ohne Frauen konnte er nicht mehr sein -- die Anna erkor er sich zu seiner heimlichen Geliebten.
Er sah das braunhaarige Mädchen, das in der Zeitungsdruckerei beschäftigt war, fast täglich und es gefiel ihm. Klein, rund und frisch, trug es sich immer nett und sauber, schaute aus klaren Augen vergnügt ins Leben und ließ beim Lachen alle Zähne blitzen. Es lachte gern und viel, war stets gutes Mutes, freute sich bei der Maschine auf den Feierabend, wenn es regnete, auf den Sonnenschein und wenn die Sonne schien, über den lustigen Glanz in der Welt und im jungen Herzen.
So war die Anna, bis sich ihr Schicksal erfüllte. Ganz gewöhnlich fing es an. Blicke herüber und hinüber, erst vorsichtig sondierend, bald aber kühner werbend und eindringlicher. Dann griff Otto nach dem Hut und grüßte. Da erschrak sie, sah darein, als faßte sie es nicht, war erstaunt, verlegen, geschmeichelt, hastete purpurrot weiter. Aber sie schaute doch noch einmal über die Schulter zurück, ob sie sich denn wirklich nicht getäuscht habe, und da stand der fesche Doktor mit dem dunklen Schnurrbart noch an der Ecke und winkte mit der beringten Hand.
Andern Tags klopfte ihr das Herz bis zum Hals hinauf, als sie ihn kommen sah. Beklommen trippelte sie vorwärts in Harren und Bangen, fürchtete schon, er sei gleichgültig vorüber gegangen. Aber da zog er gerade wieder höflich den Hut. Nun neigte sie, wie sie sich fest vorgenommen, mutig den kraushaarigen Kopf zum Dank, steif genug, verschämt und beglückt.
Dann dauerte es keine Woche mehr, bis er ihr ein Briefchen zusteckte und um ein Stelldichein für den Sonntag bat. Jenseit des Stromes wollte er sie treffen, draußen im Freien, wo schon die Wälder anfingen und nicht so leicht ein Bekannter hinkam.
Und das junge Ding zog sein bestes Kleid an, schmückte sich wie zum Fest und wartete eine halbe Stunde vor der angegebenen Zeit bereits am Waldrand.
Drei rote Rosen zwischen den Fingern, kam Otto gegangen und schon von weitem schwenkte er grüßend den weißen Panamahut. Mit einer Verbeugung überreichte er ihr die Blumen. Schüchtern griff sie darnach, steckte sie mit hastenden Fingern vor die atmende Brust, kam nicht gleich damit zurecht, schämte sich und stand mit gesenkten Wimpern in einer argen Verwirrung. Aber er half ihr rasch darüber weg, sagte ihr ein paar Artigkeiten im leichtesten Plauderton und benahm sich ungezwungen, als treffe er sie nicht das erstemal, sondern kenne sie schon lang und gut. Da verlor sie die Scheu, taute auf und fing nun ebenfalls zu erzählen an, von ihrer Arbeit, von den Tongebilden ihres Vaters, den Liebhabern ihrer Freundinnen. Gönnerhaft hörte er zu, fand das Schwatzen abgeschmackt, aber das Mädel hübsch und schritt, das Stöckchen schwingend, in fröhlicher Zuversicht an ihrer Seite.
Der Wald war still und erwartungsvoll, durch die grünen Büsche schimmerte es wie goldene Gewänder, blitzte wie sonnige Augen, mit blauen Kelchen standen die schlanken Glockenblumen, und die Anna pflückte sie zum Strauß. Weiße Waldorchideen ordnete sie mit hinein und die nickenden Blütenturbane des Türkenbunds, durch dessen Berührung Juno einst den Mars empfing. Geschmeidig bog sie den Körper, sprang wie ein Hirschlein zwischen den Bäumen und funkelte ordentlich vor Lebenslust. Immer besser gefiel sie dem jungen Manne. Unternehmend strich er den weichen Schnurrbart empor, faßte die Warme mit der Rechten von rückwärts um den Leib, bog mit der Linken ihr glühendes Gesicht zu sich herüber und küßte sie auf den Mund.
„Nein, so was ... aber Herr Doktor!“ wehrte sie ihm schämig und versuchte loszukommen. Es war ihr jedoch nicht ernstlich darum zu tun, sie sträubte sich zwar ein wenig, weil sie es für schicklich hielt, schmiegte sich dabei aber nur fester in seinen Arm. Da küßte er sie nochmals und gab sie dann frei. „Du gefällst mir, Annl!“ sagte er und strich mit der Hand über ihre Wange.
„Spotten Sie nur nicht!“ antwortete sie und warf ihm von unten herauf einen schnellen verliebten Blick zu.
„Spotten? Nein, du bist wirklich hübsch! Aber das Sie-sagen mußt du dir abgewöhnen.“
Nun kicherte sie: „Was der Herr Doktor für Einfälle hat! Wir kennen uns ja kaum!“
„Wer bin ich?“
„Der Herr Doktor!“
„Wer?“
„... Sie!“
„Du sollst du sagen! Trau’ dich nur, Mädl! Na?“
Sie schüttelte den gesenkten Kopf, daß alle Spitzen ihrer krausen Haare zitterten. Da legte er den Arm um ihren miederlosen Leib. „Komm!“ sagte er. „Schäm’ dich nicht, wir sind ja allein.“
Sie lehnte sich leicht an ihn.
„Du!“ sagte sie erschauernd und ließ sich widerstandslos fortführen, tiefer und tiefer in den erwartungsvollen Wald.
10.
Hellwig war wieder im alten Fahrwasser, arbeitete viel, sprach in Versammlungen und ruhte sich bei Heinz von der Hetzjagd aus.
So oft er zu ihm kam, müd und abgerackert, oft erst spät abends, fand er den Tisch für sich mitgedeckt, Marie, die zarte, blasse Frau, kam ihm mit sonnigen Augen entgegen, und die Lampe leuchtete hell über weißem Tischzeug, sauberen Dielen und blankem Hausrat. Eng war das Gemach, war Wohn-, Arbeits- und Schlafzimmer, alles in einem, aber die freundlichen Geister des Behagens lugten aus allen Winkeln, schaukelten sich in den Falten der baumwollenen Fenstervorhänge, tollten, ein loser Schwarm, durch die offene Tür in die Küche, wo sie der Marie in den Rostbraten bliesen, daß das Fett prasselnd aus der Pfanne spritzte. Aber nicht immer gab es Rostbraten in der Pfanne. Manchmal, und namentlich wenn der Monatsletzte nicht mehr fern war, lief Heinz zum Greisler hinunter um Käse, Brot und Wurst, und auch ein paar Flaschen Bier brachte er mit herauf. Aber wenn dann die Marie fragte: „Wo hast du die Butter?“ oder „Wo ist denn der Emmentaler?“, da hatte er das gewöhnlich unten auf dem Ladenpult liegen lassen und mußte die vielen Stufen noch einmal hinab und hinauf.
Und wenn sie dann alle drei unter dem weißen Schirm der Hängelampe um den Tisch saßen, war es Hellwig, als sei alle Leidenschaftlichkeit der Fehde verbraust und aller Streit da draußen eingeschlafen, tief ruhig wurde er, und leise schlug ihm das stürmische Herz, ganz leise, auf daß es die heimliche Innigkeit dieser Stätte nicht störe, die voll Liebe und Frieden war. Und kein Schatten wäre in dieser reinen Helligkeit gewesen, wenn Marie nicht manchmal gekränkelt und immer anhaltender gehustet hätte.
Und bisweilen kam jetzt über Heinz wieder der alte Hang zum Herumstreifen in den Elendquartieren. Dann litt es ihn nicht in dem Frieden seines Heims, und mochte die Marie auch noch so freundlich bitten, er ließ sich nicht zurückhalten. Wie an Seilen zog es ihn fort. Da mußte auch Fritz aufbrechen, und manchmal begleitete er dann den Freund.
Und da trafen sie einmal mit Robert Karus zusammen. In einem Bierbeisel trafen sie ihn, wo er Lumpensammlern, Kanalstrottern und zittrigen Bettelleuten die Idee des Anarchismus erläuterte und für die Propaganda der Tat mit ungefügen Worten eintrat.
Hellwig erkannte ihn gleich wieder. Aber auch Karus hatte kein schlechteres Gedächtnis. Mit einem lauten „Hei!“ ließ er die Faust auf den Tisch fallen und rief: „Da schaut her, der Bergprediger! Wie geht’s, Herr Bergprediger, wie steht’s? Ist die friedliche Rebellion vorüber? Fressen die Hündlein wieder hübsch brav aus der Hand?“
Aber ehe Fritz noch antworten konnte, hatten sich die andern Gäste bereits um Heinz geschart. „Das ist ja der Herr Wart!“ -- „Guten Abend, Herr Wart!“ -- „Wir dachten schon, Sie hätten uns ganz vergessen, Herr Wart!“ hieß es. Sie schüttelten ihm die Hände, waren von dem Wiedersehen sichtlich erfreut.
„Also das ist der Ausbund, der so haarsträubend edle Werke tut!“ sagte Karus und musterte den schmächtigen Mann mit einem raschen Blick von oben bis unten. „Hand her, Heinz Wart!“ rief er dann. Er hielt ihm die haarige Tatze hin. Wart legte seine kühle, schmale Rechte hinein. „Endlich treffe ich Sie!“ sagte Karus mit gedämpfter Stimme. „Ist höchste Zeit gewesen, sonst wär’ ich Ihnen nächster Tage auf die Bude gerückt. Wir zwei gehören nämlich zusammen wie Faust und Arm!“
Heinz war es gewöhnt, auf seinen Streifzügen mit den absonderlichsten Kostgängern des lieben Herrgotts in Berührung zu kommen. Deswegen wunderte er sich nicht weiter über das Gehaben des struppigen Kumpans, setzte sich schweigend zu ihm an den Tisch und Hellwig ebenfalls. Diesem war die Begegnung sehr erwünscht, denn er hoffte jetzt den seltsamen Menschen näher kennenzulernen, der mit ein paar hingeworfenen Worten seine Gedanken wochenlang zu beschäftigen vermocht hatte. Er konnte sich nicht klar werden über das Gefühl, das er für oder gegen ihn hegte, spürte etwas seinem eigenen Wesen Verwandtes in ihm und doch auch wieder etwas, was ihn schroff abstieß und zum Widerspruch reizte.
Dem Karus mochte es ebenso gehen. Die Art, wie er den ‚Bergprediger‘ behandelte, war halb kameradschaftlich, halb gehässig, und immer lief daneben überlegener Spott mit. Jetzt saßen sie also beisammen in der schweren, verdorbenen Luft, tranken schales Bier und die verluderten und zermürbten Gesellen an den anderen Tischen rückten möglichst nahe zu, spitzten die Ohren, und jedesmal, wenn Heinz eine Bemerkung machte, lächelten und nickten sie einander zu, stießen sich an und taten, als wäre ihnen ein Heil verkündet worden, wenn sie auch kaum die Hälfte aller Worte vernehmen konnten. Karus aber rüstete sich zu einem Strauß mit Hellwig.
„Also was?“ sagte er. „Sind Sie in der Provinz glücklich fertig? Wo predigen Sie denn jetzt? Und worüber, wenn’s zu fragen erlaubt ist?“
Fritz wurde nicht zornig und wurde nicht grob. Ganz gelassen blieb er und antwortete so naiv und unbefangen, als es ihm möglich war: „Gegenwärtig geht’s um das allgemeine Wahlrecht.“
„Schöne Sache!“ entgegnete Karus, mit dem mächtigen Schädel nickend, tiefernst. „Schöne Sache! Würdig der edelsten Begeisterung! Nun denken Sie sich aber mal eine große Menagerie. Da sitzen die Tiere alle in engen Käfigen. Der Löwe, der Tiger, die Gemse, der Falk, der Adler, alle sitzen sie in ganz engen Käfigen. Und den Menageriebesitzer wandelt eines Tages ein Mitleid an oder eine gnädige Laune, er stellt einen etwas größeren Zwinger auf und erteilt den Bestien die Erlaubnis, je eine aus ihrer Mitte, welche sie halt wollen, in den größeren Käfig zu entsenden. Und dann springen die abgesandten Löwen, Tiger, Gemsen, Falken, Adler dort drin herum, stoßen mit den Köpfen an das gesetzmäßige Gitter, verletzen sich die Pranken, zerbrechen sich die Flügel, beißen sich die Zähne aus. Und die anderen Vieher sehen das und schreien, quieken, krächzen, brüllen: ‚Hoch unsere Freiheit! Hoch unser allgemeines Wahlrecht!‘ Aber die Eisenstäbe zerbrechen, den Wärter in Fetzen reißen? Das fällt keinem ein! Dazu sind sie zu faul und zu träg! Sie fauchen wohl gegen ihn, aber kommt er ihnen mit der spitzigen Gabel an den Leib, dann ducken sie sich und heulen! Denn schließlich gibt er ihnen doch zu fressen.“
„Sie sind ein sonderbarer Schwärmer, Karus,“ erwiderte Fritz. „Ich meinerseits glaube aber trotz Ihrer schönen Vergleiche, daß das allgemeine Wahlrecht ein guter Sturmbock ist, mit dem wir die Gitter schon brechen wollen. Nur haben müssen wir’s erst!“
Karus lächelte mitleidig.
„So sagen Sie mir doch einmal, was wir nach Ihrer Ansicht eigentlich tun sollen, um frei zu werden?“ rief Hellwig ungeduldiger.
Da ging ein heftiger Ruck durch die gedrungene Gestalt des wilden Gesellen, aus seinen Augen brach ein unbändiges Feuer. Aber seine Stimme klang beinah gemütlich, als er jetzt sagte: „Dreinschlagen!“
„Wozu?“ meinte Hellwig achselzuckend. „Wir erreichen auf friedlichem Weg mindestens genau so viel.“
Da klopfte ihm Karus auf den Rücken und sprach: „Lieber junger Freund, wie stellen Sie sich denn das vor: Auf friedlichem Weg? Die wilden Tiere im Käfig wollen heraus, nicht wahr? Und wenn nun so eine graziöse Löwendame oder ein feuriger Tigerjüngling kommt und den Wärter bittet, er solle doch so freundlich sein und das unangenehme Gitter entfernen, so wird der Wärter natürlich nichts Eiligeres zu tun haben, als diesem gewiß berechtigten Wunsche zu willfahren. Alle Bestien wird er herauslassen, damit sie dann über ihn herfallen und ihn vor lauter Dankbarkeit auffressen. Nicht wahr, so würde es kommen? Und das ist das, was Sie meinen mit dem ‚Auf friedlichem Weg‘?“
„Nicht so ganz, Herr Karus. Sie sagten ja vorhin selbst, daß der Käfig, wie Sie sich auszudrücken beliebten, immer weiter wird. Nun, und einmal wird er eben so groß sein, daß wir das Gitter nicht mehr sehn und spüren. Das ist doch gewiß auf friedlichem Weg zu erreichen.“
Karus lachte hell auf.
„Und das soll die Freiheit sein? So stellen Sie sich die Freiheit vor? Wirklich so? Ich bedanke mich für so eine Freiheit! Ich will fliegen -- und stoß’ mir den Schädel an der Decke ein. Ich will ein bissel weiter spazieren gehn, krach, renn’ ich -- ob früher, oder später, einmal doch -- ans Gitter und kann nicht weiter. Muß ich da nicht die Stäbe zerbrechen, wenn ich hinaus will? Und wenn ich allein zu schwach bin -- zum Teufel, hundert Fäuste knicken das Zeug schon entzwei! Aber feig sind die Kerle! Feig und faul! Ihr eigenes Fleisch haben sie zu lieb, und ihre einzige Sorge ist der Magen! Nein, nein, Bergprediger, damit ist’s nichts! Wenn der Zwinger auch noch so groß ist, es bleibt eben immer ein Zwinger. Und die Freiheit verträgt kein Gitter!“
Heinz saß da, die Linke vor den Augen und die Stirn in die Spanne zwischen Daumen und Zeigefinger gestützt, hielt ein abgebranntes Zündholz in der andern Hand und versah die runden Umrisse der Bierlachen mit strahlenförmigen Ausläufern. Mit Fleiß und Sorgfalt tat er das und bemühte sich, alle gleich lang und schön regelmäßig zu machen. Aber als Karus schwieg, begann er unvermittelt zu sprechen.
„Nein,“ sagte er, „kein Gitter und kein Eisen. Weil wir ja keine wilden Tiere sind, sondern Menschen. -- Es sollte keine Fesseln unter uns geben, keine Käfige und keine Kerker. Und es sollte auch niemand unter uns Macht haben, andere darin festzuhalten. Weder ein einzelner noch ein Volk oder ein Staat. Niemand. Weil -- wer nicht für mich ist, der ist wider mich ... das ist auch eine falsche Formel. Jeder für sich -- und keiner wider den andern: so müßte es sein. Und bis das so sein wird, dann sind wir alle edel genug, die Freiheit zu ertragen. Weißt du, Fritz ...“
So redete er, und da er seine Haltung nicht änderte, war es, als ob er in die Tischplatte hinein spräche. Aber das Zündholz war in seiner Hand zerknickt, und seine Wangen waren ganz tiefrot geworden.
„Gehn wir!“ sagte er nach einer langen Pause und atmete schwer auf.
Sie traten ins Freie. Karus faßte ihn unterm Arm. „Faust und Arm!“ sagte er noch einmal. „Oder Muskel und Nerv! Komm, Heinz Wart!“
Fritz ging schweigend nebenher und sah in den Himmel hinauf, der ganz hell ausgesternt war. Und wieder fühlte er, wie schon öfter: wenn der stille Heinz seine leidenschaftliche Stunde hatte, dann sagte er Dinge, die seltsam überzeugend klangen. Und er sagte sie in so sonderbar eindringlichem Ton, daß keine Entgegnung sich regen konnte. Und doch mußte es eine Entgegnung geben, das spürte er ganz deutlich und wußte nur nicht, wo die Lücke war, wo er den Fuß einsetzen mußte, um über die glatte Mauer hinüberzukommen.
Karus fing an, aus seinem Leben zu erzählen.
Er war Hilfslehrer gewesen, aber seine vertrotzte Natur konnte sich in kein Joch beugen. Statt die Buben zu pflichtbewußten Staatsbürgern zu erziehen, redete er zu ihnen von der sozialen Bewegung und vom Anarchismus, füllte ihre jungen Seelen mit dem wilden Freiheitsdrang, der in ihm selbst brauste. Keine Verwarnung fruchtete. Schließlich wurde er auf unbestimmte Zeit beurlaubt. Da wußte er, woher der Wind blies und kam um seine Entlassung ein. Und dann durchwanderte der Doktor der Weltweisheit Robert Karus fast die ganze Erde, machte den Aufstand der Insel Kreta mit, war auf den Philippinen einer der Insurgentenführer, wurde in Rußland wegen nihilistischer Umtriebe nach Sibirien geschickt, floh von dort durch Persien über den Ganges nach Indien und war jetzt endlich wieder in seine Heimat zurückgekehrt, als Fünfzigjähriger dieselbe Glut und Freiheitssehnsucht im Herzen, die ihn als Jüngling in die Welt hinausgetrieben hatte. Vorläufig wollte er ausruhen, wie er es nannte, und verdiente sich sein karges Brot, indem er armen Handelsbeflissenen, die in Anbetracht der geringen Vergütung gern sein verwahrlostes Äußere mit in den Kauf nahmen, Unterricht in Französisch, Englisch, Spanisch, Russisch erteilte.
Heinz Wart schloß sich seit diesem Tage ganz an den alten Revolutionär an, war fortwährend mit ihm beisammen und wurde noch blasser und stiller als vorher. Und noch größer und rätselvoller als vorher standen ihm die heißen dunklen Augen im schmalen Gesicht.
11.
Pichlern ging es ungemein wohl. Sein Schifflein schwamm auf glatter Flut, kein böser Windstoß rührte gefährliche Wogen auf, nirgends zeigte sich eine Wetterwolke. Die Arbeit lief wie am Schnürchen, die Leute hatten ihn gern, er war überall beliebt. Und wenn ihm etwas seine Laune trübte, so war’s jetzt sein Verhältnis zur Anna Bogner.
Sie hatte ihm alles gegeben, was so ein schlichtes armes Ding einem Mann wie Pichler überhaupt zu schenken vermochte, stand nun ratlos, fremd, wie verloren in der Welt und hatte niemanden, an den sie sich klammern konnte, als eben ihn. Gerade das aber wurde ihm bald lästig, der Reiz der Neuheit war vorbei, der Schmetterlingsstaub von den Flügeln gestreift, die einfache reine Seele des guten Kindes konnte ihn nicht fesseln. Es kam die Überlegung, die Furcht vor einer möglichen Entdeckung, der Überdruß. Seltener bat er sie um eine Zusammenkunft, entschuldigte sich mit dringenden Geschäften. Und sie ließ sich alles gefallen, sah ihr Glück -- es hatte kaum sechs Wochen gewährt -- verblassen und war geduldig und gläubig und treu wie ein Hund. Aber ihre Munterkeit war weg, kaum lachte sie noch oder freute sie sich über den Sonnenschein.