Der Volksbeglücker

Part 15

Chapter 153,628 wordsPublic domain

So schien der Einigungsversuch gescheitert und der Gegensatz zwischen den beiden Parteien verschärft. Aber es war doch anders. Denn die Regierung bot nach wie vor alles auf, um die Unternehmer zur Annahme der sämtlichen, in keiner Weise übertriebenen Forderungen zu bewegen. Es gelang ihr auch, einen nach dem andern nachgiebig zu stimmen. Aber jeder machte seine Einwilligung von der Bedingung abhängig, daß Max Koppenstein, dem ein reichliches Achtel der gesamten Kohlengruben gehörte, sich ebenfalls anschließe. Der indes war wie ein Aal und ließ sich nicht greifen. Er war sehr höflich, ungemein konziliant, von einer bestrickenden Liebenswürdigkeit. Aber nein sagte er trotzdem. Unter tausend Entschuldigungen, überzuckert und verblümt, aber dennoch: nein.

Nach einigen Tagen wurde ihm vorsichtig und vertraulich die Möglichkeit einer Ordensauszeichnung angedeutet. Da legte er zehn Prozent zu. Und es hätte wohl nicht mehr viel gebraucht, um ihn ganz zu gewinnen. Denn es gab noch höhere Orden und es gab Adelsbriefe.

Da kam ein unerwartetes Ereignis den Arbeitern und der Regierung zu Hilfe.

7.

Die gewaltige Braunkohlenablagerung umfaßte ein Gebiet, das gut fünfzehn Kilometer breit und fast viermal so lang war. Von Urgebirgen eingeschlossen und nur manchmal durch schmale Bänder eruptiven Gesteins unterbrochen, lagen hier die Flöze neben- und übereinander, bald knapp unter der Erdoberfläche, bald Hunderte von Metern tief.

Offene Tagbaue gab es, in deren schwarze Vierecke die Sonne schien und die bloßgelegte Kohle bald da, bald dort an den senkrechten Wänden in Brand setzte, so daß beständig Rauchsäulen emporwirbelten. Und nicht weit davon bohrten sich unterirdische Schachtanlagen dreihundert Meter ins Erdinnere. Und überall qualmte die Lösche, zu Bergen getürmt, auf den Halden, füllte ein brenzlicher, staubgesättigter Dunst die Luft, hing der Rauch wie ein feiner Nebel über den verwüsteten Landstrichen, die nach dem Abbau eines Schachtes zurückgeblieben waren, über den noch üppigen Weizenfeldern daneben und über den -- wie lange noch? -- lachenden Fluren.

Und mitten in dem Becken lag, zwischen Porphyrhügel eingebettet, weit berühmt durch ihre heilkräftigen Quellen, eine Badestadt. Rund um sie rauchten die Schächte, wurde der Boden von den Bergleuten durchwühlt, die Stollen und Querschächte trieben gleich Gängen riesiger Feldmäuse. Und dicht daneben bahnten sich durch die Spalten des zerklüfteten Porphyrs die warmen Quellen den Weg zur Stadt.

Die Schächte aber waren seit vielen Wochen unbeaufsichtigt. Und niemand wußte, daß in den Gruben Koppensteins seit einigen Tagen, meist zur Nachtzeit, aus der Ferne angeworbene, schlecht geschulte Kreaturen wieder arbeiteten. Der schlaue Fuchs traf seine Vorbereitungen, um nach Beendigung des Streiks -- das Ende hing ja nur mehr von ihm ab, und er konnte es herbeiführen, wann es ihm paßte, -- um nach Beendigung des Streiks die Lieferungen unverzüglich mit aller Kraft aufnehmen zu können. Die Kohlen blieben vorläufig noch unten in den Schächten -- denn die Förderschalen mußten still stehn. Aber schon waren alle Hunde voll beladen. Wo nur ein freies Plätzchen in den Stollen war, türmten sich die Kohlenstücke und konnten nach der Aufnahme des regelmäßigen Betriebes sofort hinaufgeschafft, sortiert und in die Eisenbahnwagen verladen werden. Auf solche Weise hoffte Koppenstein der Konkurrenz einen Vorsprung von einigen Tagen abzugewinnen.

Da geschah es, daß bei diesem Abbau ohne planmäßige Leitung eine Schwimmsandschicht angefahren wurde. Ungeheure Sandmassen gerieten in Bewegung, durchbrachen, einmal in Fluß, die trennenden Schachtwände und stürzten gleich riesigen Lawinen in die Gruben. Und die Erdrinde, unter der sie seit Jahrhunderten ruhig gelegen, wurde mitgerissen von der furchtbaren Gewalt des wandernden Sandes, kam ins Rutschen, Gleiten und brach nieder.

Es war eine laue, regendrohende Febernacht, als die Bewohner der Badestadt durch ein ohrenbetäubendes Gedröhn und Geprassel aus dem Schlaf geschreckt wurden. Der Boden schwankte, Mauern barsten, Häuser wankten, sanken krachend in sich zusammen. Eine ganze breite Straßenzeile, die mit schönen Gebäuden gerade über dem Schwimmsandlager errichtet war, hatte sich gesenkt, zwanzig Häuser waren eingestürzt, viele standen windschief mit gespaltenen Grundpfeilern, geknickten Eisenträgern, verschobenen Dachstühlen und zitterten wie große Tiere.

Tote und Verwundete lagen unter Ziegelschutt, Sparrenwerk und zertrümmertem Hausrat. Aus den Betten gescheuchte Menschen rannten halb nackt durch die dunklen Gassen, fragten, stießen sich, weinten, schrien, heulten und rangen die Hände, ratlos, planlos irrend, von einer entsetzlichen Angst geschüttelt. Und dazwischen tönte das Stöhnen und Brüllen der Verschütteten, das Prasseln der Balken, das Aufschlagen fallender Dächer. Und jedesmal, wenn eine Wand sich neigte, ein Schuttregen niederging, hetzte die Furcht aufs neue in wirbelndem Knäuel die aufgestörten Menschen durcheinander. Gellend schrien sie auf, duckten sich, hielten sich die Ohren zu, prallten aneinander und waren wie von Sinnen. Der Türmer läutete Sturm mit allen Glocken. Auf den Bahnhöfen pfiffen die Lokomotiven in winselnden, langgezogenen, Hilfe heischenden Klagelauten. Und die Finsternis stand unbeweglich und schlang alle Tonwellen mit dunkel gähnendem nimmersatten Rachen.

Endlich kam Hilfe. Ärzte, Rettungsmannschaften, Feuerwehren. Besonnene Männer nahmen die Leitung in die Hand. Aus den Nachbarstädten trafen in mehreren Eisenbahnzügen Verstärkungen ein. Die nervenzersetzende Angst wich, der panische Schrecken machte einer verzweifelten Entschlossenheit Platz. Hunderte und Hunderte regten sich im Schein der flackernden Windlichter, handhabten Schaufel und Spaten, trugen die Verwundeten zum Verbandsplatz, schleppten Möbel aus bedrohten Gebäuden.

Vor den Schächten aber hatten sich die Bergleute gesammelt. Freiwillig waren sie gekommen, im Arbeitskittel, mit Lederschurz und Grubenlampe. Ohne Besinnen, als ein ganz Selbstverständliches, boten sie ihre Hilfe, ihr Leben an, machten sich zur Einfahrt fertig. Die eingerosteten Ketten der Förderschalen ächzten schrill, langsam begannen sich die Räder zu drehen, schnurrten die Seile.

„Glückauf!“

„»Glückauf!“«

Und unter der Führung einiger Ingenieure ging es in die feindliche Tiefe, der Gefahr zu Leibe, um nachzuforschen, einzudämmen, abzulenken, Tote zu bergen, und die Schächte vor dem Ersaufen zu bewahren.

Aber noch ein anderes war geschehen.

Durch die ungeheure Erschütterung im Innern der Erde war auch eine der dünnen Wände gesprengt worden, die die weit vorgetriebenen Stollen von den Quellspalten trennten. Die Thermalwasser waren in die Grubenbaue eingedrungen, breiteten sich darin aus, und im gleichen Maße, wie sie in den Schächten stiegen, fielen sie in ihrem früheren Staubecken, bis sie nach dem Gesetz kommunizierender Gefäße hier wie dort mit gleich hohem Spiegel standen, in ersoffenen Schächten einerseits und anderseits so tief unter den Badehäusern, daß die Leitungsröhren nicht mehr bis zum Wasserspiegel reichten. Die heilkräftigen Quellen, der Ruhm und Stolz der Stadt, drohten zu versiegen.

Jetzt freilich wurde eine strenge Untersuchung eingeleitet. Sie enthüllte Ungeheuerliches. Unter dem Eindruck desselben nahmen die Gewerken alle Forderungen ihrer Arbeiter in Bausch und Bogen an, um wenigstens _einen_ Feind vom Hals zu haben und nicht zwischen zwei Feuer zu geraten. Sie hofften auch, daß die Regierung, dadurch zur Milde gestimmt, Gnade für Recht üben und ein Vertuschen der Verbrechen ermöglichen würde. Auch an Hellwig traten sie heran, baten ihn und boten als Anzeigengelder große Bestechungssummen, wenn er die Angelegenheit in seiner Zeitung totschweige. Er wies ihren Vertretern die Tür. Und brachte Artikel nach Artikel, sachlich, trocken, auf Grund amtlicher Feststellungen.

Die Bergwerksinspektoren hatten bisher die Aufsicht nur lax oder gar nicht ausgeübt. So war es möglich geworden, daß sich die Unternehmer seit Jahrzehnten über alle Sicherheitsvorschriften wegsetzen konnten. Am ärgsten schaute es in den Koppensteinschen Gruben aus. Die lagen in der Nähe der Heilquellen und zu beiden Seiten der Eisenbahn. Dort durfte die Kohle nicht abgegraben werden, sollten Stützen, Wände und Pfeiler stehen bleiben zum Schutz der Quellen und der Bahn. So stand es in der Vorschrift. Aber in Wirklichkeit war die Kohle doch abgegraben, und die Pfeiler, Wände und Stützen waren kaum halb so dick, wie es das Gesetz verlangte. Und unter dem Bahnkörper liefen Stollen weg und Gänge. Und darüber, auf der dünnen Rinde, keuchten Tag und Nacht ohne Pause die schweren Lastzüge, donnerten die Eilzüge mit den Kurgästen.

Als durch Hellwigs Zeitung diese Dinge bekannt wurden, ging der übliche Entrüstungssturm durch die Presse. Noch nie hatte ein Provinzblatt solchen Aufruhr erregt. Auch die Blätter des Auslandes rauschten mit. Sie brachten Abbildungen und ergingen sich in schauerlichen Schilderungen der Unfälle, die möglich gewesen wären. Erzählten von kranken Menschen, die voll Hoffnung den Bädern entgegeneilten und nicht wußten, daß der Weg dahin über bereitete Gräber führte. Auch der Reiter über den Bodensee wurde vielfach zitiert. Und man war darüber einig, daß die Inspektoren ihre Pflicht in unverantwortlicher Weise verabsäumt hatten.

Nun wurden Beamte in Massen versetzt, gemaßregelt, entlassen. Koppenstein aber war zugrunde gerichtet. Auf seine Kosten sollten die Hohlräume unter den Schienen ausgefüllt, die schwachen Pfeiler und Schutzwände durch Mauerwerk gesichert, sollte, um die Heilquellen in ihre früheren Wege zurückzudrängen, die Verbindung zwischen den Quellspalten und Gruben durch Dämme und Betonfüllungen gestopft werden. Und die Bahn forderte Ersatz für die unter ihrem Grundeigentum gewonnenen Kohlen, und die Stadtgemeinde, die Besitzer der eingestürzten Häuser, die Hinterbliebenen der Getöteten und die Verletzten stellten ebenfalls Ersatzansprüche. Und überdies drohte ein Strafprozeß wegen fahrlässiger Gefährdung von Menschen, Beschädigung fremden Eigentums, wegen Diebstahls und einer Menge anderer Verbrechen. Das ertrug Koppenstein nicht. Aus dem Gefängnis hätte er sich vielleicht nicht viel gemacht, aber daß die rastlos angehäuften Reichtümer mit einem Schlag in alle Winde zerstieben sollten, das warf ihn nieder. In der Marmorwanne seines Badezimmers öffnete er sich die Pulsadern und verblutete.

Seine Verwandten richteten ihm ein Begräbnis erster Klasse mit jeglichem Pomp. Viele folgten dem sechsspännigen Leichenwagen. In den Augen seiner Standesgenossen war er entsühnt.

Glimpflicher kamen die andern Grubenbesitzer weg. Aber fast keiner war ganz frei von Raubbau und Unterlassungssünden. Da wurden die stolzen Herren gar klein. Auf einmal konnten sie geschmeidig den Rücken beugen, sich entschuldigen, um Gnade betteln. Die Arbeiterfrage war vollständig in den Hintergrund gedrängt. Willig zahlte man die höheren Löhne, suchte alles zu vermeiden, was die Öffentlichkeit noch mehr aufbringen konnte. Aber es dauerte noch geraume Zeit, bis die Anordnungen der Behörden durchgeführt waren und der Skandal halbwegs in Vergessenheit kam.

Jetzt endlich konnte Hellwig aufatmen. Die Kämpfe gegen die Lotterwirtschaft hatten mit ihren schlaflosen Nächten und furchtbaren Aufregungen seinen widerstandsfähigen Körper doch stark mitgenommen. Es war sein Verdienst, daß der Augiasstall gründlich gesäubert wurde. Er war der Herold gewesen, der Rufer im Streit, hatte die anderen wachgerüttelt und rücksichtslos alles aufgedeckt, was sonst vielleicht nur entstellt oder gar nicht in die Öffentlichkeit gedrungen wäre. Als hierauf das große Rauschen der Blätter anhob, schwieg er. Zu stolz, um zu jubeln oder den Besiegten zu höhnen, schwieg er und überließ anderen die Ausnützung des erfochtenen Sieges.

Jetzt war er wieder viel zu Hause, saß beim Fenster und blickte über den Strom hinüber zu den waldigen Bergen, wo schon die Blütenkätzchen aus den Zweigen brachen und die ersten Spitzen des jungen Grüns. Eine leise Schwermut war in ihm, eine gärende Sehnsucht, die nicht Wunsch werden wollte. Wieder war ihm, als müßte er etwas suchen, und wußte doch nicht was. Fühlte er den Drang zum Schaffen, das Verlangen nach irgendeiner befreienden Tat, fand aber weder Umriß noch Plan.

Es war bald recht still um ihn geworden. Selten besuchte ihn jemand. Sie waren ihm dankbar, sprachen mit anerkennenden Worten von seiner energischen Führung. Aber da sie ihn nicht mehr brauchten, hatten sie keinen Anlaß, zu ihm zu gehen. Nur Pfannschmidt kam regelmäßig. Der arbeitete nicht mehr im Schacht. Hellwig hatte sich an die Parteileitung wegen Beigabe einer Hilfskraft gewendet und den Bergmann in Vorschlag gebracht. Das war genehmigt worden, und so saß Pfannschmidt nunmehr in der Schriftleitung, besorgte die laufenden Geschäfte und fühlte sich endlich auf einem richtigen Platz.

8.

Es war bereits Frühling geworden, als Fritz eines Tages die Nachricht erhielt, daß Doktor Kreuzinger gestorben sei. Da fuhr er mit dem nächsten Zuge nach Neuberg. Seit sechs Jahren war er nicht mehr dort gewesen. Und was lag alles dazwischen. Erst als ein Vorkämpfer des Deutschtums von den Studenten gepriesen, dann als Verräter und Feigling in Acht und Bann getan, von allen Leuten als Verkommener und Verlorener abgeurteilt, kehrte er jetzt wie ein Sieger zurück. Der Streik hatte seinen Namen überall bekannt gemacht. Auch die klerikalsten Neuberger waren stolz, daß ein Kind ihrer Stadt so was hatte leisten können. Und kaum daß er vom Bahnhof ins Städtchen kam, sprach ihn jeder, der ihn noch erkannte, mit grüßenden Worten an, wollte ihm die Hand drücken, fragte, ob er sich noch seiner erinnern könne. Sein Name war aber auch monatelang täglich in allen Wirtshäusern genannt worden. Sogar Professor Hermann hatte voll Genugtuung erklärt, daß Fritz Hellwig sein Schüler und wie begabt er gewesen sei. Und nur Pater Romanus hatte dann immer säuerlich-süß den Mund verzogen und ein paar Worte fallen lassen vom Hochmut, der vor dem Fall kommt. --

Doktor Kreuzinger hatte einen wunderschönen Tod gehabt. An einem warmen Frühlingsmorgen war er auf seiner Gartenbank eingeschlafen, das neueste Werk eines berühmten Forschers mit dessen eigenhändiger Widmung auf den Knien. Die Vögel sangen über ihm im Buchenbaum, die Sonne streichelte sein weißbärtiges Antlitz. Und als sie ihn so fanden, glaubten sie, er lächle aus einem schönen Traum heraus. Nun lag er zwischen seinen Sammlungen aufgebahrt und sollte nach Gotha zur Feuerbestattung gebracht werden. Heinz und Kolben, Fritz und Wart Nikl trugen die Bahre zum Bahnhof. Priester war keiner zugegen. Und nur wenige Freunde folgten dem Sarge des als gottlos Bekannten. Denn die Stadt war ganz in den Klauen des Klerikalismus und es gehörte Mut dazu, sich diesem unduldsamen Riesen entgegenzustellen.

Und über den Toten weg ging das starke Leben unbekümmert weiter.

Eva, der kleine Backfisch von einst, war groß und reif und frauenhaft geworden. Die Trauer um den Großvater lag über ihrem Frohsinn wie der weiche Flaum auf der Schale einer schönen Frucht. Aber die schlanken Glieder regten sich wie unter unerwünschten Fesselbändern, und hinter den ernsten Mienen drängte verhalten die Daseinsfreude zum Durchbruch. So stand sie im Garten vor Fritz, am Tag nach dem Begräbnis, und mühte sich ruhig zu erscheinen, während ihm ihre ganze Jugend entgegenzitterte. Gleichgültige Dinge redete sie, und hätte ihm doch am liebsten zugerufen: „Steh nicht so hölzern da! Nimm mich in deine Arme! Dort gehör’ ich hin, ich bin ja dein ...“

„Haben Sie wirklich nicht an mich gedacht? Die ganze Zeit her nicht? Nicht einen einzigen Gruß hatte mir Heinz zu melden!“

Er blickte ihr in die schimmernden Augen.

„Aber von Ihnen hat er mir einmal einen Gruß ausgerichtet,“ sagte er langsam. Sie wurde rot. Er fuhr fort: „Ich dank’ Ihnen heute dafür. Und wenn ich es nicht durch Heinz hab’ besorgen lassen ...“ Er stockte und wollte hinzufügen: „Sie sind mir zu gut dafür.“ Aber das brachte er nicht über die Lippen, sondern meinte nur: „Was hätten Sie auch davon gehabt?“

„Mich hätt’s gefreut!“ antwortete sie leise.

„Kann man sich über leere Worte freuen?“

„Ah -- wenn es nur leere Worte gewesen wären -- dann gewiß nicht!“ Das klang zornig. Und als er zögernd fragte: „Wofür hätten Sie’s denn sonst gehalten?“, zuckte sie die Achsel: „Wenn Sie das nicht selbst wissen ... übrigens, ich hab’ auch ohne das gelebt!“

Mit einer schnellen Wendung kehrte sie sich von ihm weg.

Fritz konnte sich die plötzliche Ungnade nicht erklären. Und weit entfernt, den wahren Grund auch nur zu ahnen, ritt er sich mit seiner bärentatzigen Ehrlichkeit noch tiefer hinein: „Ich hab’ nichts Schlimmes dabei gedacht, Fräulein Eva. Ich hab’ nur gemeint, so durch einen Vermittler ... Wenn ich’s aber weiß ...“

Da unterbrach sie ihn bös: „Sie bilden sich doch nicht am Ende ein, daß ich um Ihren Gruß stehe? Den können Sie schon behalten. Mir liegt gar nichts daran!“, gab sich einen Ruck, warf den Kopf in den Nacken und rauschte stolz davon.

Fritz sah ihr nach, wie sie über den Hof ins Haus schritt und fühlte den zornigen Wunsch, ihr nachzustürzen, sie an den Armen zu packen und zu schütteln: „So versteh mich doch!“ Da drehte sich das Tor in quietschenden Angeln, fiel hinter dem blonden Fräulein ins Schloß. Und mit einem Male war der weite Hof mit den regsamen Arbeitern, den zahlreichen Fuhrwerken und den stampfenden Pferden öd und leer. Wie von fernher kommend rauschte der Lärm der Auflader an seinem Ohr vorüber. Und während Minute um Minute verrann, fühlte er erst noch dumpf, dann bewußter, deutlicher und erkannte endlich mit ganz scharfer Klarheit, wie es um sein Herz eigentlich stand.

Im selben Augenblick legte ihm der Kaufmann die Hand auf die Schulter.

„Nanu?“ sagte er. „Sie stehen ja da wie der steinerne Roland beim Röhrkasten!“

Fritz fuhr zusammen, schaute den gemütlichen Mann mit fremden Augen an.

„Wissen Sie,“ sprach dieser weiter, „wissen Sie, das gefällt mir gar nicht von Ihnen! Himmel, Schimmel, wenn man jung ist, soll man wie ein Eichkatzl sein und die Welt zusammenreißen vor lauter Lebendigkeit! Nicht so leutscheu und winkelheimlich! Wenn Sie sich jetzt sehn könnten! Das Gesicht! Die Milch gerinnt, wenn Sie hineinschaun! Was ist denn eigentlich mit Ihnen los?“

Und als Fritz auch darauf keine Antwort gab, schüttelte er bedenklich den Kopf: „Sonderbar, die Leute von heute! Der meinige ist gerade so! Wenn man Sie ansieht, meint jeder, Sie könnten nicht bis drei zählen. Und wenn’s nicht wahr wär’, möcht’ ich niemals glauben, daß so ein Mannl die Raubritter da oben zusammenhaut und die Kohlen so teuer macht, daß man sie bald nicht mehr wird bezahlen können!“

„Es hat so kommen müssen,“ antwortete Hellwig gedankenlos, „mein Verdienst ist’s nicht.“

„Kruzitürken und Chineser, bescheiden sind Sie auch? Das hat noch gefehlt! Sagen Sie mir nur, was hat man denn von der Bescheidenheit? Höchstens, daß man tüchtig übers Ohr gehauen wird. Auftreten muß man heutzutage: ‚So bin ich und wenn ich euch nicht pass’, steigt mir alle auf den Buckel!‘ -- Das gibt einem erst Gewicht! -- Mein Schwiegervater war auch so einer. Nur ja nicht merken lassen, daß er mehr versteht wie die andern. Und er hätt’ sie doch alle in die Tasche stecken können. Aber der dümmste Kerl hat sich vor ihm in der Sonne den Bauch wärmen dürfen, und er ist zufrieden im Schatten sitzen geblieben. So ein Wesen begreif’ ich einfach nicht.“ --

„Er hat ...,“ entgegnete Fritz versonnen, „er hat -- die fremde Wärme nicht gebraucht. Er hat von uns überhaupt nichts gebraucht, hat alles in sich selber gehabt. -- Wie Bettler sind wir vor ihm gestanden. Haben uns beschenken lassen und -- konnten nicht einmal dafür danken. Weil er auch für unsern Dank zu reich gewesen ist. Wir -- verlieren uns hundertmal -- an die Erde -- an die Menschen -- verzetteln und verpulvern uns -- damit wir nur nicht an uns zu denken brauchen und an unsere Armut. Glück suchen nennt man das. Er -- ist mit sich allein geblieben -- ist groß genug gewesen zum Alleinsein -- und hat das Glück _gehabt_. Von den Ranken, die sein Herz getrieben hat, ist keine verdorrt. Sie sind um die Welt gewachsen, ja -- ganz rund herum sind sie gewachsen und doch alle wieder in seinem Herzen zusammengekommen. So war er.“

Während er sprach, schaute er unablässig auf einen blauen Ölkäfer, der seinen dicken Leib träg über den Kiesweg ins Gras schleppte. Jetzt schwang sich ein Spatz vom blühenden Apfelbaum, nahm das Kerbtier in seinen Schnabel und flatterte durch den Sonnenschein davon. Ein paar weiße Blütenblätter fielen lautlos wie Flocken vom schwingenden Ast auf den grünen Rasen.

Wart Nikl räusperte sich und nahm Hellwigs Hand zwischen seine beiden.

„Ich versteh’ nicht, was Sie da gesagt haben. Aber fühlen kann ich’s schon, wie Sie’s meinen. Ein Alter, über den die Jungen so reden, der muß wohl viel wert gewesen sein.“ Und als ob er den düster Starrenden trösten wollte, fügte er hinzu: „Er hat Sie sehr gern gehabt.“

Fritz lächelte bitter. Über den Hof herüber rief die krähende Stimme eines Lehrbuben nach dem Kaufmann.

„Kopf hoch, Fritz!“ sagte er noch. Und mit verlegener Herzlichkeit: „Wissen Sie, ganz so ohne sind Sie auch nicht. Ich hab’ ordentlich einen Respekt vor Ihnen, Kreuzdonnerwetter! Den krieg’ ich vor solchen Grünschnäbeln nicht so bald!“

Und fort war er.

Hellwig atmete auf. Fluchtartig, damit ihn nicht abermals jemand aufhalte, hastete er durch die rückwärtige Gartentür auf die Gasse und lief seinen alten Weg über die Brücke, die Hügellehne hinan zu den stillen Lichtungen, wo im Sommer die Erika glühte. Jetzt standen späte Himmelschlüssel in den Fluren und in heimlichen Waldwinkeln unter Strauchwerk versteckt blühten die Maiglöckchen auf.

Er suchte die Einsamkeit. Aber er fand sie nicht. Überall regte sich’s, trieb Blätter, surrte um Blumen, flatterte, zwitscherte, lockte und holte sich die Genossin. Da warf er sich mit dem Gesicht nach abwärts auf den Boden und deckte die Hände vor die Augen. Er schämte sich seiner Liebe. Weil sie ihn von einem andern Wesen abhängig machte, ihm die Selbständigkeit raubte, als ein Fremdes von seinem Herzen Besitz ergriff, seine Ziele verdunkelte und Zwiespalt in sein Wollen brachte, ohne daß er sich davon befreien konnte. Er bäumte sich dagegen, wollte das Gefühl ersticken und den Zwang abschütteln. Aber immer wieder drängte sich das Bild des schlanken Mädchens unter seine wirbelnden Gedanken, zwang ihn, an schimmernde Augen zu denken, an trotzig geschürzte Lippen und blondes Haar, das über einem feinen Gesicht wie ein Goldhelm leuchtete.

Und endlich erlahmte ihm die Kraft zum Widerstand. Auf dem Rücken liegend, schaute er traumverloren in das durchsonnte grüne Netz der Äste, ließ sich von seiner Sehnsucht leise wiegen. Ein Kuckuck schrie aus der Ferne immerzu. Und jetzt sang auch von irgendwo eine schmetternde Männerstimme in den fröhlichen Wald hinein:

„Es fallen drei Sterne vom Himmel, Die geben hellen Schein. Wer wird uns früh aufwecken Beim braunen Mädelein?

Ei, wer uns früh aufwecken wird? Das tun die Waldvögelein. Die wecken uns all die Morgen Beim braunen Mädelein!“

Ein übermütiges Jauchzen klang dem Liede nach.

Da riß sich Fritz ungestüm aus der weichen Stimmung. Was war ihm denn so Großes widerfahren, daß er müßig sein und schlaff werden durfte? Hatte sich eine Ranke, die _sein_ Herz getrieben, um ein blondes Mädel geschlungen und war nach diesem Umweg wieder zu ihm zurückgewachsen? Fast höhnisch lächelte er. Nun, und wenn? Sollten deswegen die anderen verdorren? Er bewegte die Unterarme mit den geballten Fäusten vor sich, wie wenn er einen Stab zerbrechen wollte. Und den trotzigen Blick geradeaus gerichtet, als sähe er an den Stämmen vorbei nach einem nahen Ziel, schritt er durch den Wald. Niemand sollte ihn mehr abdrängen! Niemand!

Andern Tags reiste er ab. Beim Abschied vermied er, Eva die Hand zu reichen.

9.