Der Volksbeglücker

Part 14

Chapter 143,625 wordsPublic domain

Alle schwiegen und hielten ihm die Gesichter zugewendet und erwarteten etwas von ihm und waren begierig auf seine Botschaft. Da durchsengte es ihn mit einer wilden, ganz heißen Glut. Noch einen freien, leuchtenden Blick warf er über die Menschenmassen, dann sprach er mit weithin tönender, schwingender Stimme.

Er sagte:

„Da unten liegt die schöne reiche Erde, die unser aller Mutter ist. Da unten schläft auf Garbenbündeln die Fruchtbarkeit, biegen sich die Äste fruchtschwer und segenbeladen.

Unsere Mutter ist so schön und so reich. Aber ihr, die ihr Kinder dieser Mutter seid ... schaut dort hinab, wo die Essen ragen und die Aschenhaufen rauchen! ... ihr, die ihr dort unten in den finsteren Schächten, fern dem Licht, in der heißen, staubigen Luft, in den engen, stickigen Gängen schweißtriefend die Karren schiebt und halbnackt die Hauen schwingt beim bleichen Flackern der Grubenlampen -- eure Lungen keuchen, eure Lippen sind zerrissen und wund, eure Augen haben rote Ränder -- ihr armen Kinder dieser reichen Erde wißt nichts von der Schönheit eurer Mutter!

Wenn noch die Nacht auf den Bergen träumt, müßt ihr Abschied nehmen von Weib und Kind, jeden Tag Abschied fürs Leben, denn dort unten lauert die Gefahr, kauert der Tod -- und eure Lieben wissen nicht, ob sie euch lebend wiedersehen.

‚Wer weiß, wie nahe mir mein Ende? Ein Grubenlicht, ein Lebenslicht, Ein Tropfen löscht es gar behende -- Ein Grubenlicht -- ein Totenlicht!‘

sagt euer alter Bergmannsspruch. Und Tag für Tag müßt ihr hinab in die heiße, dunkle Tiefe. Und erst wenn der Tag zum Sterben kommt, wenn die Nacht wieder auf den Bergen träumt, dann kommt ihr -- vielleicht! -- hervor aus der dunklen, heißen Tiefe und eure Augen sehen die Sonne nicht mehr. Tag für Tag. Und keinen Tag seht ihr den Quell alles Lebens, die Sonne.

Was habt ihr getan, um so gestraft zu werden?

Wolltet ihr Umsturz und Revolte? Den Untergang des Reiches? Den Tod des Herrschers?

O, nichts von alledem, meine Brüder! Ihr seid nur -- arm!

Das ist es ja, was unsere Gesellschaftsordnung so furchtbar macht und so ungeheuerlich! Daß die Armut zum Fluch, daß die Armut zur Strafe wurde, zu einer harten, grausamen, entsetzlichen Strafe.

Und wenn ihr -- nicht ein Ende, beileibe! -- wenn ihr eine Milderung wollt, wenn euere Forderungen noch so maßvoll sind, wenn ihr nichts verlangt als nur ein wenig mehr Luft und Licht und ein wenig Würze zum trockenen Brot -- auch dieses Wenige geben sie euch nicht!

Wenn ihr euch auch plagt und rackert und Arbeiten auf euch nehmt, die oft einem Schwein zu schmutzig wären, geduldig und ohne Murren auf euch nehmt -- denn eure Kinder wollen essen -- es hilft euch alles nichts, plagt, rackert, schindet euch, so viel ihr wollt, ihr müßt -- ganz arm bleiben.

Nichts gibt man euch dazu, nicht einmal ein wenig mehr Luft und Licht und ein bißchen Würze zum trockenen Brot!

Ballt sich euch die Faust? Will euch der wilde Zornschrei die Brust zerreißen?

Gemach, ihr meine Brüder!

Nicht in Haß und Zorn dürft ihr handeln! Wägen müßt ihr, müßt alles überlegen, und ruhig und besonnen, aber um so fester und sicherer, strenger und unbeugsamer pocht dann auf euer Recht!

Und das erste Recht der Erdenkinder ist ein Anrecht auf die Früchte der Mutter. Wie euern Kindern die Brüste eurer Frauen, so gehören euch die Früchte der Erdenmutter. Und euer bestes Recht ist, daß ihr satt zu essen habt für euch und eure Kinder.

Aber nicht mit der kurzen Gewalt der Fäuste dürft ihr euch dieses Recht holen. Denn ...

Ich sehe viele unter euch, die Väter und Mütter sind. So frage ich euch: Wollt ihr, daß euern Kindern dasselbe Los falle, das euch beschieden ist? Wollt ihr, daß ihnen wie euch das Geleite geben durch das ganze lange Leben der Hunger und die Not? Wollt ihr, daß eure Kinder einst, wie ihr, vor einer Wiege stehn und emporschreien zum harten kalten Tod: ‚Komm doch! Komm und nimm den Wurm zu dir, eh’ er bei uns verhungert!‘

Wollt ihr das? O, nein doch, nein!

Nun denn, so unterdrückt den Zorn, laßt den Drang nach Aufruhr und Empörung nicht mächtig werden -- um eurer Kinder willen. Denn wenn ihr jetzt hingeht, die Maschinen zerstört und vernichtet und plündert, werdet ihr in Ketten gelegt und in Kerker geworfen. Und eure Kinder stehen schutzlos da, preisgegeben dem hohnlachenden Daseinskampf -- und verderben.

Ihr seid Söhne der Erde: so seid ihr Söhne der Arbeit.

Ihr seid Söhne der Arbeit: so seid ihr stark und starr.

Und so rufe ich euch zum Kampf! Zum zähen, lautlosen Kampf der härtesten Unnachgiebigkeit! Rührt keinen Finger zur Arbeit, bevor nicht eure Forderungen erfüllt sind: Neun Stunden Arbeitszeit und vierzig Prozent Lohnerhöhung.

Mehr könnt ihr vorerst nicht fordern. Mit einem Schlag fällt auch der stärkste Mann keinen hundertjährigen Baum, aber durch viele Axtschläge bringt ihn selbst ein Kind zu Fall.

Söhne der Erde, Söhne der Arbeit, seid stark und starr und achtet die Gesetze um eurer Kinder willen!“

Als er geendet hatte, zerriß ein lautes Jubelschreien die atemlose Stille. Ein entfesselter Strom, drängten sie gegen ihn, streckten die Arme aus, schwenkten Hüte und Tücher. Die Vordersten erkletterten den Felsen, haschten nach seinen Händen, drückten und schüttelten sie, und einige wollten ihn auf den Schultern forttragen. Er aber wehrte ihnen und schritt ergriffen durch die entflammte Menge, mit feuchten Augen und hämmerndem Herzen.

Da stellte sich ihm ein Mann in den Weg, den er vorher noch niemals gesehen hatte. Und doch mußte die kurze, gedrungene Gestalt mit dem mächtigen Schädel, dem verwilderten Bart und den brennenden, tiefhöhligen Augen sofort auffallen. Er war schlecht gekleidet, trug einen abgeschabten Flausrock, Zwilchhosen, die an den Knien mit großen Flicken ausgebessert waren, trangeschmierte hohe Stiefel, und das blaue Leinenhemd ließ trotz der kühlen Herbstluft die haarige Brust frei.

Etwas erstaunt schaute ihn Fritz an, und der Fremdling sagte mit unverhohlenem Spott: „Sie wundern sich über mein Aussehen, guter Freund? Das bin ich gewohnt. Übrigens heiße ich Karus, komme von Odessa und wollte mir mal anschaun, wie ihr da draußen in Freiheitskämpfen macht. Ich habe Ihre Rede gehört, es war eine schöne Rede, eine gehaltvolle Rede, gewiß, aber eben doch nur eine Rede. Und das, nehmen Sie mir’s nicht übel, junger Freund, aber das alles hat verflucht wenig Wert. Ihr redet und redet, glaubt, weiß der Himmel was ihr für die ‚Freiheit‘ und für die ‚Menschheit‘ tut. Doch seien wir ehrlich, im Grund genommen denkt ihr verteufelt wenig an die ‚Freiheit‘ und an die ‚Menschheit‘. Ihr denkt schließlich auch nur an eure Magen, wollt, daß ihr genug für den Wanst habt -- -- daß aber draußen irgendwo zur selben Zeit soundsoviele Hunderttausende im Straßengraben verrecken, daran denkt ihr nicht, ihr -- altruistischen Egoisten!“

Er hatte mit halblauter Stimme gesprochen und keine Falte seines verwitterten Gesichtes verzogen. Nur die Augen blitzten lebendig in ihren tiefen Höhlen, und durch seine Worte zitterte es wie verhaltene Glut.

„Stören Sie mir die Stunde nicht!“ antwortete Hellwig unwillig. „Was geht es Sie an, wie wir für unser Recht eintreten? Ihnen zu Trost sei’s gesagt: wir werden es auch bekommen! Weil wir uns rühren! Warum rühren sich die soundsoviel hunderttausend anderen nicht auch? Oder, wie Sie sagen, warum verrecken Sie lieber im Straßengraben, statt sich ihr Recht zu holen?“

Da schüttelte sich die vierschrötige Gestalt des Unbekannten in lautlosem Gelächter. Er schaute Fritz lang an, mit einem sonderbaren, tief bohrenden Blick, dann sagte er langsam, jedes Wort betonend:

„Weil sie frei sein wollen!“, drehte sich auf dem Absatz herum und ging weg. Rücksichtslos brach er sich mit den groben Fäusten und dem Stiernacken Bahn durch das Gedränge, war im Nu darin untergetaucht.

Das ganze Auftreten des Mannes, sein hartes Wesen und dann die rätselhaften Schlußworte, das alles hatte einen starken Eindruck auf Hellwig gemacht. Und noch in seinem Zimmer grübelte er, suchte einen Sinn in dem mystischen Satz:

... Sie verrecken lieber im Straßengraben, weil sie frei sein wollen ...

Aber er fand keine Deutung.

6.

Im Kohlenbecken ruhte die Arbeit.

Von allen Seiten liefen Spenden ein. Sogar Wart Nikl leistete einen Beitrag. Kolben schickte tausend Gulden und schrieb dazu: „Noch einmal die gleiche Summe steht dir in vier Wochen zur Verfügung, wenn du sie brauchst. Es geschieht aus Freundschaft für dich, denn ich triefe nicht von Menschenliebe. Nenn meinen Namen nicht. Ich verzichte auf den blökenden Dank der Herde, verdiene ihn auch nicht. Halt dich tapfer!“

Das Geld wurde nicht verteilt, sondern zur Anschaffung von Lebensmitteln in großen Mengen verwendet. Mehrere Küchen mit riesigen Herden wurden aufgestellt, in denen das Essen für Hunderte auf einmal bereitet werden konnte. So waren sie in der Lage, länger auszuhalten.

Sparsamkeit war aber auch notwendig, denn Woche um Woche verging, in geschlossenen Schlachtreihen standen sich Arbeiter und Unternehmer gegenüber, niemand dachte ans Nachgeben. Alle Schächte lagen wie ausgestorben. Fünfzehntausend Bergleute feierten. Aber die Ruhe wurde nirgends gestört.

Im Dezember fiel starker Frost ein. Die Lagerbestände der Gruben waren vollständig geräumt. Der Kohlenmangel wurde immer empfindlicher, drohte zu einer Katastrophe für Industrie und Bevölkerung zu werden.

Und dann war die Kohlennot wirklich da. Die Preise für Brennmaterial wurden unerschwinglich. In den Gassen der Städte wurden die Kohlenfuhrwerke immer seltener. Und auch die wenigen mußten von Polizisten begleitet werden. Denn allenthalben strichen Leute mit Körben und Säcken durch die Straßen, klaubten die Kohlenbröcklein -- wenn sie welche fanden -- gleich goldenen Münzen auf, und wiederholt schon waren die Pferde ausgespannt, die Fuhren geplündert worden. Und die Eisenbahnzüge, die den kostbaren Brennstoff aus dem Rheinland und von England heranführten, rollten von der Grenze an unter Gendarmeriebedeckung. Trotzdem aber warteten längs der Schienenstränge Leute mit Stangen, Rechen und Harken, sprangen in die Bremshütten und warfen von den fahrenden Zügen die Kohle ihren Genossen zentnerweise hinab.

Noch bedrohlicher wurde die Lage, als eine große Maschinenfabrik nicht mehr alle Kessel heizen konnte, den Betrieb einschränkte und achthundert Gießer entließ. Andere Unternehmer folgten diesem Beispiel, und die Erregung wuchs ungeheuer unter den brotlos gewordenen Massen. Fast schien es, als stände das Land am Vorabend einer Revolution.

Beschwerden, Bittschriften, Drohbriefe liefen bei den Ministerien ein. Unternehmer, Kaufleute, Handwerker, die gesamte Bevölkerung forderte stürmisch von der Regierung Hilfe. Hohe Beamte gingen in das Streikgebiet ab, um zu vermitteln, zu schlichten und ein Ende der Not herbeizuführen.

Das Nachgeben fiel den stolzen Gewerken in ihrem Hochmut nicht leicht. Aber unter dem Druck der öffentlichen Meinung blieb ihnen keine andere Wahl. Widerwillig ließen sie sich zu Zugeständnissen herbei. Nicht alle Forderungen wollten sie bewilligen, doch was sie anboten, war immer noch so viel, daß es, gleich gewährt, genügt hätte, den Ausstand zu vermeiden.

So erging denn vom Regierungsvertreter an die Vertrauensmänner der Streikenden die Einladung zu einer gemeinsamen Besprechung. An Fritz Hellwig war sie gerichtet als den Leiter und Führer der Bewegung.

Er war eine stadtbekannte Persönlichkeit geworden. Man staunte über die straffe Organisation, die er förmlich aus dem Boden gestampft hatte, ließ ihm die geschickte Leitung gelten, lobte seinen lauteren Charakter und seine vornehme Kampfesweise.

Und manche, die früher den Provinzredakteur über die Achsel angesehen, suchten jetzt seine Bekanntschaft. Aber er blieb zugeknöpft und verschlossen und ließ sie sich nicht nahe kommen.

Ungleich gemütlicher verkehrte er mit seinen Quartiersleuten. Der Faßbinder war auf seine alten Tage auch Sozialdemokrat geworden. Wenigstens behauptete er es. Die waschechte Gesinnung übte indes weder auf seinen waschechten Hautüberzug, noch auf sein sonstiges Gehaben einen bemerkenswerten Einfluß. Nach wie vor schnupfte er, trank Schankbier und wusch sich nicht. Aber statt des nationalen Banners schwang er jetzt die rote Fahne. Freilich nur seinen Reden nach. Dafür aber gewaltig, mit dem Brustton der Überzeugung.

Er war stolz auf seinen Mieter und sonnte sich in dem Abglanz, der von dessen Beliebtheit auf sein Haus fiel. Jeden Besucher hielt er auf und fing ein Gespräch mit ihm an.

„Guten Tag, Genosse!“

„»Guten Tag!“«

„Was Neues?“

„»Bin keine Zeitung!“«

„Nun, nun, nur nicht so schnell! Lassen Sie doch unsern Herrn Genossen Hellwig ein bissel ausschnaufen!“

„»Geht nicht, Herr Meister! Die Sache ist dringend.“«

„Schon wieder dringend? Ja, wir Roten! Wir marschieren nicht, wir laufen Sturm!“

„»Könnt da schlecht mit, was? Wenn die Beine schon wacklig werden!“«

„Wacklig? Oho! Oho! Da schaun S’ her! La--uf--schritt!“

Und er lief ein Stück die festgefrorene sonnige Uferstraße entlang, warf die langen Beine wie ein Droschkengaul, stand still und schaute sich schnaufend und Beifall gewärtig um. Der Besucher hatte indes die Gelegenheit benützt und war ins Haus geschlüpft. Da nahm der Bindermeister eine Prise, spuckte in die Hände und schlug wütend auf seine Fässer.

Und wenn Hellwig aus dem Haus trat, frühzeitig, kaum, daß die Sonne hinter den weißen Bergen herauf wollte, machte sich der Binder, wenn ihn nicht noch der Kater im Bett festhielt, jedesmal an ihn heran.

„Schon auf, Herr Genosse?“ fragte er zutunlich. „Sind Sie denn nicht noch schläfrig? Arg spät war’s wieder. Ich hab’ schon einmal ausgeschlafen gehabt, wie Sie die Fenster aufgemacht haben. Passen Sie nur auf, daß Sie nicht verkühlen! Ich lieg’ immer bei zugemachten Fenstern und doch friert mich in der Nacht wie einen Italiener. Und jetzt gar Sie! Alle Fenster reißen Sie sperrangelweit auf. Das kann doch nicht bekömmlich sein!“

„Ich bin das so gewohnt, Herr Meister. Und dann, es liegt sich so schön, wenn’s dunkel ist und man hört draußen das Wasser am Eis vorübergehn. Es wiegt einen ordentlich!“

„Jawohl, schön haben wir’s schon dahier! Und eine Luft! Eine starke Luft! Die hält gesund und macht Appetit ... Teufelszeug noch einmal! Hat Ihnen meine Alte den Kaffee gebracht? Man muß jetzt schon fort hinter ihr her sein, wissen Sie, weil sie so arg viel vergeßlich wird. Sie trinkt zu viel. Das tut den Frauenzimmern nicht gut.“

Nun mußte Fritz hellauf lachen, weil hier einmal der Blinde über den Einäugigen König sein wollte.

„Nein, Herr Meister,“ sagte er, „auf den Kaffee hab’ ich noch nie zu warten brauchen. Und was das andere betrifft,“ -- er klopfte dem Meergreis auf die knochige Schulter -- „da sollten Sie sich doch erst selber bei der Nase nehmen. Groß genug ist sie ja!“

„Haha! -- Haha!“ fing da der Alte ein stoßweises Gelächter an, und sein Bartwald kam in stürmische Bewegung. „Meine Nase -- haha! -- das ist ein gar wichtiges Glied der bürgerlichen Gesellschaft. Sie zahlt ihre Tabaksteuer und erspart meiner Alten die Nachtlampe! Also darf sie sich auch groß machen!“

Dabei rieb er sich die Hände und trat stampfend von einem Fuß auf den andern. Denn es war kalt, und vom Fluß herüber pfiff ein eisiger Wind. Die Sonne war kaum überm Horizont herauf und stand als tiefrote Scheibe hinter einem rauchigen Frostnebel, der zwischen Himmel und Erde düster brodelte. Fritz drückte den Schlapphut fest aufs Haar und ging in der grauen Dämmerung eilig die Uferstraße entlang nach der Stadt, indes der Bindermeister in seiner Werkstatt beim glühenden Ofen schnitzelte und manchmal glucksend in sich hinein lachte. Denn er empfand den Scherz des sonst so ernsten Mieters als beglückende Auszeichnung.

Vor der Redaktionsstube warteten bereits die Vertrauensmänner, Pfannschmidt und fünf andere Bergleute, auf ihren Führer. Die Hände in den Taschen der Winterröcke vergraben, dicke Wolltücher um den Hals und den Rockkragen darüber, standen sie einsilbig beisammen. Als Hellwig zu ihnen trat, rückten sie die Pelzmützen, reichten ihm die Hand und harrten schweigend, bis er die Kanzlei aufgesperrt hatte. Dort war es noch ungemütlich, es roch nach staubigem Papier und Druckerschwärze, im eisernen Ofen brannte kein Feuer, und die Schreibtische, Pulte und Schreine standen langweilig in einem unfreundlichen Halbdunkel. Der Diener hatte sich verspätet, kam nun ganz abgehetzt keuchend gelaufen, heizte ein und wollte abstauben. Fritz schickte ihn fort. Die Zeit drängte, um elf Uhr sollte die Besprechung stattfinden und da gab es noch manches zu beraten.

„Also was?“ fing, als der Bursche gegangen, einer der Männer an. „Also was? Wird heut’ endlich Schluß werden?“

„Kaum!“ versetzte Fritz achselzuckend. „So mürb sind sie noch nicht.“

„Mürb! Mürb!“ knurrte der andere unwirsch. „So nehmen wir doch an, was sie uns bieten! Ich hab’s satt! Gebratene Tauben kriegen wir nicht, drum halten wir den Spatzen fest! Ist besser wie gar nichts!“

„Seid ihr auch der Ansicht?“ fragte Hellwig finster die übrigen. Die starrten stumm vor sich auf den Tisch. Nur Pfannschmidt sagte: „Der Martin raunzt immer so herum. Wenn’s nach seinen Reden gegangen wär’, hätten wir gar nicht anfangen dürfen!“

„Ich sag’, was ich sag’!“ beharrte der andere. „Wenn’s noch ein paar Wochen so fortgeht, und wir verdienen nichts, haben wir so viel verloren, daß wir dann beim höhern Lohn gut zwei Jahre fretten müssen, bis wir den Verlust herein und die Schulden bezahlt haben. Ist’s nicht wahr?“

Von seinen Gefährten nickte einer zustimmend. Die drei anderen schienen unentschlossen. Pfannschmidt wollte etwas erwidern. Da brach auch schon Fritz los:

„Was der Martin sagt, ist zwar eine arge Übertreibung, aber nehmen wir an, es ist so. Gut. Und was weiter? Wenn’s wirklich so ist, wie er sagt? Und wenn’s noch ärger wäre, wenn ihr vier und sechs und zehn Jahre braucht, um den Lohnausfall hereinzubringen. Was weiter? Dürft ihr euch deswegen mit Halbheiten begnügen? Mit einem Erfolg, der keiner ist, nicht Fisch, nicht Fleisch? Da hätten wir gar nicht anfangen dürfen! Jetzt gibt’s einfach kein Biegen mehr! Jetzt muß es brechen -- und wenn wir alle dabei zugrunde gehn! Jawohl! Schaut nicht so entsetzt drein! Ihr könnt einfach nicht nachgeben! Könnt nicht, versteht ihr? Denn die einmal aufgestellten und nicht befriedigten Forderungen, die würden fort und fort in euch weiternagen, und ihr hättet keine Ruhe, bis ihr sie früher oder später doch durchsetzt. Und der Kampf, den ihr dann um den Rest führen müßtet, wäre größer und schwerer als der heutige ums Ganze! Das ist es! Und sind die Opfer, die ihr jetzt bringt, wirklich zu groß? Wenn dann euch und mindestens noch euern Kindern, von den Enkeln will ich nicht reden, wenn auch dann ein ruhiges Fortarbeiten bei halbwegs hinreichendem Verdienst sicher ist? Seid mir drum nicht so verzagte Angstmeier! Kleinmütige Kreuzerbettler! Vertraut und seid starr! Unser Sieg ist nur noch eine Frage von Tagen. Er kann einfach nicht ausbleiben! Nur, ihr müßt auch dran glauben!“

Nun hatte er sie wieder fest. Der alte Nörgler wiegte zwar noch unschlüssig den Kopf. Aber auch er sprach nicht mehr dagegen.

Ziemlich zur selben Zeit saßen im großen Sitzungssaale des Palastes, den sich die Grubenbesitzer erbaut hatten, ungefähr fünfzehn Herren um einen grünen Tisch. Hagere Gestalten zumeist, mit schmalen Händen und nervösen Bewegungen, in Gehrock oder Jackett, tadellos nach der letzten Mode gekleidet. Nur einer war dabei, der wollte in die elegante Versammlung gar nicht recht hineinpassen, Max Koppenstein, ein fettes Herrchen mit einer goldenen Kette über dem Spitzbauch. Er hatte eine ganz enge, niedrige Stirn, und daran hing, breit ausgebaucht, mit roten Backen und mächtigem Doppelkinn, das feiste Schlemmergesicht wie ein runder Luftballon. Aus zwinkernden Äuglein hinter weißlichen Wimpern schaute er sehr harmlos in die Welt und war doch der Gefährlichste unter diesen kalten Geldmenschen, unübertroffen in der sanften, zärtlichen Grausamkeit, mit der er seine Angestellten auspumpte und seinen Schuldnern die letzte Habe pfändete. Und wenn er sich manchmal im Bureau in Gegenwart eines Geschäftsfreundes ein Glas ältesten Kognaks einschenkte, dann sagte er wohl zungenschnalzend: „Das ist ein Schnäpschen! Wie das duftet! Hm?“ und hielt dem Zuschauer lobgewärtig das leere Becherchen unter die Nase. Aber einschenken tat er ihm nichts. Doch schadete das seinem Ansehn keineswegs, denn er war steinreich, besaß die meisten und die ergiebigsten Flöze und hatte deswegen auch in der heutigen Versammlung den Ehrenplatz inne, zur Rechten des uniformierten Vertreters der Regierung.

Steif und förmlich, mit herablassenden Mienen und gemachtem Gleichmut, rückten sich die Herren auf den schweren Lederstühlen zurecht, als Hellwig mit seinem Häuflein in den Saal trat. Der Beamte wies ihnen die Plätze an und hielt eine Rede, die dem Geist der Versöhnung, dem friedlichen Zusammenwirken in Eintracht und Brüderlichkeit einen Preishymnus sang. Man solle, sagte er, bedenken, daß noch kein Friede ohne beiderseitiges Entgegenkommen geschlossen worden sei. Man solle dem großherzigen Beispiel der Unternehmer folgen und der Allgemeinheit zuliebe Opfer bringen, die nur scheinbar Opfer seien, denn sie werden sich reichlich bezahlt machen durch das Blühen und Gedeihen des Staates und der Volkswirtschaft, aus welcher Quelle dann hinwiederum allen Bürgern Vorteil fließe.

Und kühl und ruhig, mit ganz leichtem Spott, erwiderte Hellwig darauf:

„Die fünfzehntausend Menschen, die zu vertreten wir die Ehre haben, wollen nicht Großherzigkeit oder Gnade, sondern ihr Recht. Von schönen Worten werden sie nicht satt und ebensowenig von dem großmütigen Angebot. Das Sattwerden aber ist zum Blühen und Gedeihen zumindesten des einzelnen eine so notwendige Sache, daß sie jedes Opferbringen ausschließt. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Und wer zu essen hat, braucht nicht zu arbeiten, nicht wahr, meine Herren? Jedenfalls haben Sie zu essen. Nun, und die hinter mir stehn, wollen das auch. Sie wollen beileibe nicht so gut, sie wollen nur genug essen. Das ist ein so klares, einfaches und selbstverständliches Verlangen, und ist doch so ernst und fromm, daß sich nichts davon herunterhandeln läßt. Der Versuch zu schachern und zu feilschen ist Ihrer ebenso unwürdig, wie es für uns unwürdig wäre, darauf einzugehen. Wir können kein Jota nachlassen. Sie haben lang genug getrotzt, -- geben Sie es auf! Es war ein Irrtum, -- gestehen Sie ihn ein! Denn früher oder später müssen Sie doch nachgeben! Tun Sie es heute -- und schon morgen wird in allen Gruben wieder gearbeitet!“

Auf ein so stolzes, selbstbewußtes Auftreten waren die Herren nicht gefaßt, hatten vielmehr erwartet, daß ihr Angebot ohne Besinnen werde angenommen werden. Wie Könige waren sie sich vorgekommen, die unverdiente Gnaden austeilen. Jetzt schwiegen sie mit gefalteten Stirnen und undurchdringlichen Mienen. Nur Max Koppenstein zog die Schultern hoch, breitete die Arme aus und sagte: „Ich denke, meine Herrn, darauf kann es nur _eine_ Antwort geben.“ Und zu dem Beamten gewendet, fuhr er fort: „Nun haben Sie sich, verehrtester Herr Ministerialrat, wohl selbst überzeugt, wo die Schuld liegt. Es tut uns ja aufrichtig leid, aber“ -- wieder zog er die Schultern hoch und wieder breitete er die Arme aus -- „schließlich kann doch kein Mensch verlangen, daß wir uns verbluten sollen.“