Der Volksbeglücker

Part 13

Chapter 133,652 wordsPublic domain

Sie hieß Marie und war aus dem Waldviertel. Nach einem verstorbenen Onkel hatte sie gemeinsam mit ihrer Schwester einen Milchhandel in der Stadt übernommen. Aber da sie beide nichts vom Geschäft verstanden, wollte es nicht gehen und wurde ihnen schließlich versteigert. Die ältere Schwester hatte mit einem Lohnkutscher ein Verhältnis, das ihr allwöchentlich Prügel und alljährlich ein Kind einbrachte. Die Marie aber ging einem Heiratsschwindler ins Netz, der sie um die letzten Kreuzer betrog und dann sitzen ließ. Weil sie zart und schwächlich aussah, glückte es ihr nicht gleich, als Dienstmagd unterzukommen, die Quartiersfrau wollte ihr ohne Zahlung nicht länger Unterstand geben, bei der Schwester war Not und Elend und kein Platz für noch einen müßigen Kostgänger. Deswegen saß die Marie jetzt hier und wollte das Letzte, das ihr noch geblieben, feilgeben, um wieder einmal ordentlich essen und die Miete zahlen zu können.

Das alles erzählte sie dem Wart, und die Aussprache tat ihr wohl. Er unterbrach sie mit keinem Wort, hörte still zu und lebte ihr einfaches Schicksal mit, das ihn ans Herz griff, trotzdem er vorausgewußt hatte, daß ihr Bericht so oder ähnlich lauten würde.

Dann redeten sie noch über viele Dinge. Die Marie fühlte sich geborgen, wurde lebhafter und wenn sie lächelte, glitt über ihr mageres Gesicht ein wehmütig freundliches Licht. Wie wenn im Vorfrühling der Sonnenschein über ein erstes blasses Schneeglöckchen hinhuscht, sah es aus, und in ihren goldbraunen Augen war ein sanfter Glanz von einer Munterkeit, die ungewiß, ob sie sich vorwagen sollte, ihre leuchtenden Flüglein hob und senkte.

Es war sehr spät geworden. Heinz schlug vor, zu gehen. In ihr Schicksal ergeben, folgte sie ihm. Aber auf der Straße nahm sie doch seinen Arm und schmiegte ihre Wange daran, zum Dank, daß er sie rücksichtsvoll und wie ein anständiges Mädchen behandelte. Vor einem Logierhaus machte er halt. Bevor er klingelte, bot er ihr mit behutsamen Worten ein Darlehen an. Sie gab keine Antwort, wurde verwirrt und schluchzte kurz auf. Aber das Geldstück nahm sie doch, mit kaum verhehlter Gier, aus seinen Händen und barg es bebend in ihrem Täschchen. Dann wartete sie mit fliegendem Atem, daß er anläuten und das Zimmer bestellen würde. Doch er hielt ihr nur die Hand hin.

„Gute Nacht!“ sagte er einfach.

Freudig erschrocken schaute sie ihn an.

„Sie gehn nicht mit?“ rief sie in der Ratlosigkeit ihrer Überraschung. Und das war wie ein Aufjubeln, und die hellen Tränen stürzten ihr über die Wangen.

„Schlafen Sie sich aus. Wenn es Ihnen recht ist, hol’ ich Sie morgen früh ab. Dann sehen wir weiter.“

Sie war ganz fassungslos und wußte nicht, wie sie ihm dankbar sein könnte. In überströmendem Empfinden neigte sie sich über seine Hand. Unwillig machte er sich frei, zog die Nachtglocke und wollte rasch davon. Sie ließ es nicht zu.

„Sie ... du ...“ stammelte sie, legte ihre Arme um seinen Hals und küßte ihn.

Die Sommernacht war lau und ausgesternt, rein und rund hing der Mond im dunklen Blau, lautlos war es und niemand in der Gasse zu sehen. Und nichts war zu hören als der Herzschlag der vielen schlafenden Menschen, der durch die Mauern der großen Zinshäuser drang und leis und warm durch die Stille pochte.

„Bleib’ bei mir, du!“ flüsterte die Marie. „Geh’ nicht fort, laß mich nicht wieder allein. Ich bin so froh, daß ich dich gefunden hab’!“

Der Schlüssel rasselte im Schloß. Schläfrig öffnete der Pförtner das Tor. Nur einen flüchtigen Blick warf er auf das Pärchen, dann sagte er mit einem verständnisinnigen Blinzeln zu Heinz: „Ein Zimmer mit zwei Betten ist nicht mehr frei. Wenn die Herrschaften fürlieb nehmen wollen mit Nummer einundvierzig?“

Heinz stand wie betäubt.

„Geh’ nicht fort!“ bat die Marie.

Da nahm er wortlos den Zimmerschlüssel aus der Hand des Türstehers. Und noch ehe er im zweiten Stockwerk angelangt war, hatte er schon den schlanken, bebenden Frauenleib ganz dicht an sich gezogen.

Körper an Körper und Wange an Wange stiegen sie die Treppe hinan, mit fieberndem Blut und hämmernden Herzen, und wie eine glühende Wolke umhüllte sie die ungestüme Sehnsucht ihrer jungen lebenshungrigen Sinne.

So kam die große Leidenschaft der Liebe über Heinz Wart. Er bezog mit Marie eine aus Küche und Zimmer bestehende Wohnung im fünften Stock eines Miethauses. Dort war es hell und freundlich, und die schlichten Möbel glänzten im Morgensonnenschein mit den Zähnen, den Augen der Marie um die Wette. Heiter ging sie an ihr Tagewerk und beschloß es heiter, ganz geborgen fühlte sie sich, wußte sich geliebt und liebte wieder mit aller Zärtlichkeit ihres unverbrauchten kindlichen Herzens. Ein sachtes Rot kam in ihre schmalen Wangen, leicht und federnd schritt sie einher. Aber ihre Arme blieben mager, und der trockene Husten wollte nicht weichen.

Beglückt und froh ließ sich Heinz von ihrer warmen Liebe wiegen. Seine Starrheit löste sich, er wurde weicher, menschlicher sozusagen. Im schnurgeraden Wandern nach dem Ziel hatte er eine heimliche Stätte gefunden, wo er traumverloren ruhen und endlich auch einmal der Melodie seines eigenen Lebens lauschen konnte.

Fritz bat den Freund -- wortlos, nur mit einem festeren Händedruck -- um Verzeihung wegen der schlechten Meinung, die er von ihm gehabt, und mit der Marie schloß er bald gute Kameradschaft. Viele schöne Abende verlebte er in ihrem Heim, aber auch jeden freien Tag verbrachte er mit ihnen.

Dann fuhren sie alle drei in den Wiener Wald oder in die Voralpen hinaus, nach denen die Marie solche Sehnsucht hatte, daß sie sich immer wie zu einem Fest schmückte, wenn sie die laubwaldumwachsenen Höhen wiedersehen sollte, die weich hinfließenden Kämme und die weiten Täler. Denn sie liebte die freie Gotteswelt, den blauen Himmel, unter dem sie groß geworden, die blumigen Fluren, die ihr das Wiegenlied geflüstert, die saalweiten Buchenwälder, durch die mit goldenen Mänteln die Rehe sprangen wie verwunschene Märchenprinzen.

Abseits von dem großen Heer der Ausflügler streiften sie, meist weglos, den ganzen Tag umher, an kühlen Bergquellen hielten sie Rast, von duftschweren Maiglöckchen umblüht oder umloht von der berauschenden Glut blutroter Alpenrosen. Und je einsamer es war, desto glücklicher waren sie, großen Kindern gleich, die hinter die Schule gelaufen.

4.

Diese Ausflüge waren für Hellwig immer wie ein Jungbrunnen, aus dem er sich Erquickung und neue Frische holte für sein aufreibendes Tagwerk. Dieses war, je mehr er sich eingearbeitet hatte, je mühevoller geworden. Die Partei hatte bald die Tüchtigkeit, die Werbekraft und den Einfluß erkannt, den der junge Schriftleiter mit seiner warmen Begeisterung und stillen Leidenschaftlichkeit auf breite Massen üben konnte. Die Scheu vor dem öffentlichen Hervortreten hatte er rasch überwunden, zauderte jetzt niemals mehr, in den Versammlungen als Redner aufzustehen, und wenn er etwas zu sagen hatte, sagte er es frei heraus und wunderte sich selbst manchmal, wie leicht und mühelos ihm die Worte von den Lippen kamen. Mit frohen Kräften tat er sich überall um, und je mehr man auf seine Schultern lud, desto wohler fühlte er sich. Und seine Kräfte wuchsen, je mehr er sie brauchte.

Immer zu eng waren ihm die Grenzen abgesteckt, sein Ungestüm schrie nach einer ganz großen Aufgabe, an der er sich ungehemmt und uneingeschränkt erproben und wirklich abmessen konnte, was er zu leisten imstande sei. Und die Aufgabe wurde ihm.

In dem ausgedehnten nordböhmischen Kohlenbecken waren die Lohnverhältnisse schon lang unhaltbar und der Streik nicht länger hinauszuschieben. Stürmisch verlangten ihn die Bergleute, und die Parteileitung mußte nachgeben. Es wurde notwendig, einen verläßlichen Mann in das unruhige Gebiet zu entsenden, der die Bewegung vorbereiten, in geordnete Bahnen lenken und überwachen sollte. Die Wahl fiel auf Fritz Hellwig. Eine große, verantwortungsvolle Sendung wurde ihm, der wenig über vierundzwanzig Jahre alt war, damit auferlegt. Aber vor die Entscheidung gestellt, schwankte er keinen Augenblick und sagte ja.

An einem trüben Herbsttag betrat er den Ort seines zukünftigen Wirkens. Die große lärmvolle Provinzstadt machte keinen günstigen Eindruck. Ein trockener Geschäftsgeist, der das Zweckmäßige auch schön findet, sprach aus ihrer ganzen Anlage. Man sah es gleich: Diese Stadt hatte keine Vergangenheit. Ihre Insassen wohnten nur erst wie zur Miete, waren nicht auf diesem Boden erbgesessen und mit ihm verwachsen durch vieljährige Überlieferung. Deswegen legten sie keinen Wert auf ein behagliches Heim, hätten auch keine Zeit gefunden, es zu schmücken, in ihrer rastlosen Jagd nach dem Erwerb.

Mit ihren vielen Fabriksschloten lag die Stadt, beständig von einer Wolke schwärzlichen Qualms überschattet, mit Geratter, Gerassel und Getöse angefüllt, in einer ungemein reizvollen Landschaft wie ein häßliches Mal auf einem schönen Körper. Zahlreiche Berge schlossen sie von zwei Seiten ein, ein stattlicher Strom hatte sich eine breite Rinne durch das Gebirge gegraben und trug Frachtschiffe auf seinem Rücken, beladen mit Obst und Korn und Kohlen, die rings in dem großen Becken gefördert wurden. Und an seinen Ufern führten die Schienenstränge, keuchten die Lokomotiven, knarrten die Dampfkrahne, schwere Warenballen aus den Eisenbahnwagen hebend und in den Schiffsrumpf senkend.

Es war eine reiche Gegend, und die Leute verwendeten den unerschöpflich zuströmenden Reichtum mit klugem Bedacht. Sie legten ihn in der Erde an, vergruben ihr Pfund und wucherten doch damit, teuften Schacht um Schacht ab, stellten immer stärkere Fördermaschinen auf, und die schwarzen Diamanten brachten hundertfältigen Nutzen.

Aber die Landschaft litt darunter, und schon jetzt sah man weite Flächen mit rauchenden Löschhalden eingesunken und verrollt, wo einst auch fruchtschwere Obstbäume standen und gelbes Korn der Ernte entgegenreifte. Und wenn der letzte Kohlenblock dem Bauch der Erde wird entrissen sein, dann wird eine Wüste ringsum zurückbleiben und ein großes Elend.

Daran dachten sie jedoch vorläufig nicht. Sie waren stolz auf ihre Bergwerke, stolz auf ihre Fabriken, stolz auf ihren Reichtum und hielten sich für ungemein geschäftstüchtig, weil sie sich alles dienstbar zu machen und aus allem Vorteil zu ziehen wußten.

Am stolzesten aber war die Stadt auf ihre chemische Fabrik. Die bildete ein eigenes Viertel, und wohl fünfzig Schlote ragten hoch in die Luft, gewaltige Säulen für den Thron der Königin Industrie. In dicken Wolken hing der schwarze Rauch darüber als Baldachin und unten sausten und grollten die Räder, knatterten die Treibriemen, ächzten die Winden, schrillten die Dampfpfeifen: die große Sinfonie zu Ehren der Königin.

Weit über fünftausend Arbeiter beschäftigte diese Fabrik, und weit über fünfzehntausend Bergleute fanden in den Kohlengruben ihr Brot. Die sollte Fritz Hellwig nun führen, organisieren und vorbereiten zum Kampfe gegen die mächtigen Handelsherren.

Er hatte sich außerhalb der Stadt in einem kleinen Hause am Ufer des Stromes bei einem Faßbinder eingemietet. Hier war es still und friedsam, die Hafenbahn führte nicht bis her und der Lärm drang nur kaum noch wie ein leises Murmeln von fern. Um die Fenster schlang ein edler Weinstock seine Ranken, bewaldete Berge stiegen am jenseitigen Ufer mit anmutigen Gipfeln empor, und durch das grüne Tal glitt leise rauschend mit eiligen Wellen der schöne Fluß. Früh morgens ging die Sonne an den Fenstern vorbei, lag wie gleißendes Silber auf der breiten Wasserfläche, Lastschiffe und Zillen wanderten bei günstigem Wind mit aufgesteckten Segeln vorüber, Schleppdampfer bewegten sich an rollender Kette stromaufwärts.

Bisweilen auch tönte unten auf dem gepflasterten Vorplatz lustiger Schlegelklang. Aber der Bindermeister war rücksichtsvoll und fragte jedesmal, wenn er die Reifen antreiben wollte, seinen Mieter, ob ihm das Gehämmer nicht lästig sei. Er war außerordentlich mager, groß, etwas vornüber gebeugt durch die Last seiner siebzig Jahre, und um das ganze Gesicht starrte ihm ein wahrer Urwald von grauen Haaren, so daß nur die kleinen Vogelaugen sichtbar waren und eine Hakennase von abenteuerlicher Form. Wie ein Meergreis schaute er aus, grün, mit grünlich verschossenen Kleidern und grünlich-schwarzer Hautfarbe. Denn er wusch sich nur Sonntags. Dagegen hielt er viel auf leichtes Schankbier und Schnupftabak, wovon er unglaubliche Mengen verbrauchte. Seine Frau war ihm darin ähnlich. Auch sie verschmähte weder eine Prise noch einen guten Trunk. Doch ging sie immer sauber gewaschen, und Fritz hatte keinen Anlaß zu einer Klage. Seine Stube war kühl und hell, die Aussicht prachtvoll, der Kaffee vortrefflich.

Wenn er zu Hause war, sah er am liebsten zum Fenster hinaus auf das bunte Treiben im Strom, schaute den Scharen der Möven zu, die wie Silberstreifen über die glitzernde Wasserfläche schossen und ließ sich nachts von dem eintönigen Geplätscher der wandernden Wellen in Schlaf singen.

Aber er hatte nicht viel Zeit zu beschaulicher Muße. Die Agitatoren, die vor ihm dagewesen waren, hatten schlecht gewirtschaftet. Sie hatten verhetzt, statt aufzuklären; sie hatten aufgereizt, wo sie hätten belehren sollen. Sie hatten den Leuten die glückliche Unwissenheit genommen und nichts dafür gegeben.

„Werdet Sozialdemokraten, und es wird euch gut gehen.“

Und sie wurden Sozialdemokraten. Aber es ging ihnen nicht gut. Es ging ihnen schlechter. Denn zur gleichen Lebenslage war die Unzufriedenheit gekommen.

So war es Hellwig nicht leicht gemacht, Vertrauen zu erwerben. Aber es gelang ihm doch. Er war fortwährend unter ihnen, bereiste das ausgedehnte Gebiet, warb um sie und ließ nicht locker. Und langsam begann ihr Mißtrauen zu schwinden. Sie ließen ihn näher an sich heran, öffneten ihm ihre Stuben, ihre Herzen. Sie spürten heraus, daß er es ehrlich mit ihnen meinte und fingen an ihn zu lieben.

Bald kannten ihn alle Arbeiter. Es war auch nicht schwer, ihn unter Hunderten herauszufinden. Schulterbreit, von einem kraftvollen Ebenmaß der Glieder, überragte er die meisten um Haupteslänge. Wenn sie seinen runden Schlapphut, den grauen Radmantel auftauchen sahen, kamen sie näher, vertrauten ihm ihre Nöte. Und bald auch kamen sie zu ihm in die Redaktion des Wochenblattes, dessen Leitung er mit übernommen hatte. In den Frühstunden oder am Abend nach der Arbeit kamen sie, mit ihren rußigen Gesichtern und schwieligen Fäusten, holten sich Rat in ihren kleinen Kümmernissen und großen Mühsalen.

Es gab prächtige Menschen unter ihnen. Da war Anton Stanzig, der Glasbläser, der in seinen freien Stunden in den Bergen herumlief, um sich eine neue Lunge zu holen, weil er sich die alte beim heißen Schmelzofen schon zur Hälfte herausgeblasen hatte. Er spuckte Blut und sammelte Schmetterlinge, las darüber dicke Bücher und wußte alle Arten mit ihren lateinischen Namen zu benennen. Oder da war Ferdinand Opitz, der nach beendeter Häuerschicht die dunkle Kohlengrube verließ, um sich mit Spektralanalysen zu beschäftigen und dessen ständige Klage war, daß er so selten dazu käme, das Sonnenspektrum zu beobachten. Oder da war Franz Bogner, der alte Kesselwärter, der in den Mußestunden mit seinen knotigen Fingern zarte Blumengewinde und Figuren modellierte. Und was sollte man von Karl Pfannschmidt halten, dem fünfunddreißigjährigen Bergmann, der zur Rastzeit im Schacht mit dem Speck zugleich auch ein Buch aus dem Brotsack zog und auf einem Haufen Kohle bäuchlings hingestreckt, beim trüben Schein der Grubenlampe Rousseaus ~contrat social~ im Urtext zu lesen anfing.

Er hatte eine zweiklassige Dorfschule besucht und mußte mit zwölf Jahren ins Bergwerk. Schon längst war seine Gesichtsfarbe fahlgrün und seine Luftröhre voll von Kohlenteilchen, die er obertags fortwährend aushustete. Die heiße Schachtluft hatte den Körper angegriffen, aber der Sehnsucht konnte sie nichts anhaben. Die war geblieben, und mit ihr ein unstillbarer Hunger nach Wissen. Seine Stuben waren vollgepfropft mit allen Lehrbüchern der Mittelschulen. Denn er hatte einst den Ehrgeiz gehabt, es bis zum Doktor der Weltweisheit zu bringen. Da hatte er heiraten müssen, kurz nach der Hochzeit war das erste Kind gekommen, und die Sorge um das tägliche Brot zwang ihn, im Schachte auszuharren.

Hellwig war bald der wahren Natur des bescheidenen Bergmanns auf die Spur gekommen, bot ihm seine Bücherei zur Benützung an, lud ihn zu sich ein. Und Pfannschmidt zog eines Abends nach langem Zögern seine guten Kleider an und ging hin. Frisch rasiert war er, trug blank gewichste Stiefeletten und an den ausgearbeiteten Händen braunlederne Handschuhe. Linkisch stand er unter der Tür und zog und zerrte an dem Knoten seiner Halsbinde, die himmelblau auf einer brettsteifen Hemdbrust glänzte. Die Hemdbrust hatte sich unter der Weste verschoben und wölbte sich nun wie ein mächtiger Frauenbusen.

„Stör’ ich?“ fragte er schüchtern.

„Beileibe!“ erwiderte Fritz. „Schön, daß Sie kommen.“

Er nahm dem Besucher den Hut aus der Hand, legte ihn aufs Bett, öffnete den Kasten und nahm eine Flasche Wein heraus.

„Machen wir’s uns gemütlich.“

Der Bergmann saß steif nur kaum auf dem Rand des angebotenen Stuhls und hatte die Hände vor sich auf die geschlossenen Knie gelegt. Seine Blicke wanderten in der Stube herum, blieben an den Büchergestellen haften.

Fritz schraubte die Lampe höher. „Ich denke, wir lesen etwas!“ schlug er vor. Denn auch ihm fehlte die Gabe, durch leichtes Geplauder Brücken zu schlagen, über die ihre einander noch fremden Seelen sich hätten näher kommen können. Er holte ein paar Bände, setzte sich seinem Gast gegenüber, der ihn stumm und erwartungsvoll ansah.

„Vielleicht das hier!“ meinte Hellwig nach einigem Herumblättern. Und nun las er mit verhaltener Leidenschaft Friedrich Adlers Gedicht ‚Nach dem Strike‘.

„... Im tiefen Schacht, von Luft, vom Lichte, Von jedem frohen Blick entfernt, Gefahr, wohin der Fuß sich richte -- Wir haben tragen es gelernt. Wir wissen uns dem Los zu neigen. Wir gehen fürs Leben in den Tod. Wir schweigen schon und werden schweigen, Allein wir hungern, schafft uns Brot!“

Und weiter:

„... Und laßt es nicht zum höchsten steigen, Bedenket, Eisen bricht die Not -- Wir schweigen schon und werden schweigen, Allein wir hungern, schafft uns Brot!“

Pfannschmidt war aufgestanden. Gleich nach den ersten Versen war er aufgestanden, ganz außer sich, mit geballten Händen und weit geöffneten Augen.

„Herr! ... Herr ...!“

„Ein schönes Gedicht, nicht wahr?“ sagte Fritz leichthin, um die eigene Ergriffenheit zu verbergen.

„Schön? -- Packen tut’s einem, daß man gleich mit Fäusten dreinschlagen möcht’! Sakra! Wir schweigen schon und werden schweigen, allein wir hungern! ... Das sind Worte, gerade solche Worte, wie sie unsereins auch spricht ... aber was da alles drinliegt! Und was alles dazwischen liegt, bis einer zu dem Ton kommt ... Herr, ich hab’ auch mein Lebtag gehungert und geschwiegen und gewartet: es muß doch anders werden. Und ein Tag nach dem andern ist vorbeigegangen, ein Jahr hinterm andern, -- bis mir meine Frau das erste graue Haar aus dem Bart zieht. Und da hab’ ich’s auf einmal gewußt: Du steckst drin und kannst nicht heraus ...! -- Ich hab’ angefangen, auf die Tage aufzupassen, wie sie so langsam vorüberschleichen. Und da ist mir geworden: Ich lieg’ sechs Schuh tief in einem offenen Grabe ... und jeder Tag ist wie eine Schaufel Erde, die sie auf mich werfen. Bei den Beinen fängt’s an, dann kommt’s auf die Brust, die Arme ... immer schwerer ... immer mehr Erde ... Und endlich fällt sie auch aufs Gesicht. Dann ist das Licht fort, jeder Strahl, jeder Schimmer -- alles. Und das ist das Ende ... Lebendig muß man sich begraben lassen und kann sich nicht wehren. Verfluchte Armut!“

„Pfannschmidt!“ rief Fritz erschüttert. „Um Himmelswillen, nicht so mutlos! Denken Sie nicht ans Untergehn, sonst _sind_ Sie ja schon unten! Verfluchte Armut, jawohl! Aber -- Hand aufs Herz, ihr, die ihr da arm seid -- seid ihr ganz ohne Schuld? -- Ihr habt geschwiegen und schweigt! Laßt alles auf euch niedergehn -- und schweigt! Zum Teufel! So wehrt euch doch! Ihr habt Fäuste -- braucht sie! Habt Rechte -- fordert sie! Und weigert man sie euch -- erzwingt sie!“

Da lächelte der Arbeiter traurig und sagte: „Herr, Sie wissen eben nicht, was jahrelang schuften und hungern heißt. Das macht einen schon kaputt. Wenn man so Stücker zwanzig Jahre in der Tretmühle drin ist, dann hört sich endlich alles andere auf. Man lebt nur noch so hin ...“

Fritz vermochte nicht zu antworten. Was er auch geredet hätte, es wären doch nur Worte gewesen, leere Worte, die an diesen heißen Schmerz nicht herankonnten, -- wie Wassertropfen in der Luft verdampfen, lang ehe sie das Erz im Hochofen erreichen können.

So war Schweigen, während vor den Fenstern der dunkle Strom vorüberzog, schnell, lautlos gleitend, Welle um Welle ohne Anfang und Ende.

5.

Tage aufreibender Tätigkeit folgten. Es galt die Forderungen zusammenzustellen und den Grubenbesitzern bekanntzugeben. Hoch waren die Forderungen nicht, denn die Leute waren wirklich hundejämmerlich daran. Sechs, im besten Fall zwölf Gulden in der Woche verdienten die Männer, die Weiber brachten es höchstens auf sieben, und zu alledem waren die Lebensmittel schandhaft teuer. Es gedieh zwar alles in Hülle und Fülle in der fruchtbaren Gegend und die Bauernhöfe hatten große Viehbestände. Aber die klugen Geschäftsleute wußten auch aus diesem Segen Gewinn zu ziehen, trieben mit Obst, Korn, Milch einen schwunghaften Handel nach dem Ausland und den nahen Kurorten. Nur die Ausschußware beließen sie dem heimischen Markt, forderten aber die gleichen Preise wie für die gute. Und die Löhne waren seit Jahrzehnten unverändert.

Das glatte Zuströmen des Reichtums hatte die Unternehmer übermütig gemacht. Sie vertrauten ihrem mühelosen Glück und glaubten, daß ihnen alles gelingen müßte und nichts geschehen könnte.

Rundweg lehnten sie die Forderungen ihrer Arbeiter ab. Alle ohne Ausnahme, in Bausch und Bogen, brüsk, ohne Beschönigung. „Wir bewilligen gar nichts! Wem’s nicht recht ist, der kann gehen!“

Da berief Hellwig die Bergleute zu einer Versammlung unter freiem Himmel, am frühen Morgen, draußen vor der Stadt auf einem Hügel mit weiter Fernsicht über das große Becken. Und sie, über die schroffe Abweisung erbittert, legten trotzig die Arbeit nieder und strömten von allen Seiten auf die frührotbeglänzte Höhe. Wohl achttausend kamen sie, Männer mit struppigen Bärten, Weiber, die Kinder unterm Herzen trugen, muskelbepackte Jünglinge und Mädchen mit wachsgelben Wangen. In ihren besten Kleidern, wie zu einem Gottesdienst, kamen sie.

Blutrot stieg im Osten die Sonne empor. Unter ihr lag die herbstreife Erde und hob die quellenden Brüste dem Licht entgegen. Rein war der Himmel, rein die Luft, rein die Stadt vom Fabriksqualm. Rauchlos ragten die Schlote, mahnende, warnende Finger, aus dem Häusergewirr.

Hellwig schwang sich auf eine Felsplatte, die in der weiten Fläche des Gipfels wie eine natürliche Rednerbühne aufgebaut war und blickte über die Versammelten. Eine schwankende dunkle Masse, brandete es da unten, Kopf bei Kopf, und die Gesichter leuchteten seltsam weiß und fremd daraus hervor. Und das Regen der Leiber, das Summen der gedämpften Stimmen vereinigte sich zu einem dumpfen Brausen, wie der Schwall mächtiger Wogen, die ohne Rand und Ufer im offenen Meer hinrollen.

Einen Augenblick stand er wie erschrocken vor dem ungeheuern Andrang des Lebens, das ihm entgegenatmete. Und es dünkte ihn Vermessenheit, als ein Einzelner, Jugendlicher, gleichsam darüberzustehen und ihm die Bahn zu weisen. Und er sah Hoffnung in ihren glänzenden Augen, hörte das Brausen leiser und leiser werden -- und lautlose Stille wurde unter der blauen Himmelsdecke, wie in einem endlos gedehnten leeren Saal.