Part 12
Noch öfter hatte er im Verlauf dieser Tage Gelegenheit zu einem solchen Lächeln. Wie ein Aussätziger wurde er gemieden. Sogar der sanfte Fundulus drückte sich scheu an ihm vorbei, mit gesenkten Lidern und allen Zeichen mitleidender Verlegenheit. Niemand erschien am Abend, um ihm eine Blume zuzutrinken oder ihn zum Spiel aufzufordern. Auch kein Bier holte ihm die Wondra.
Er hatte die Absicht gehabt, die Wohnung zu verlassen, sobald er ein anderes Zimmer gefunden. Jetzt aber entschloß er sich, die ganzen vierzehn Tage auszuharren. Niemand sollte ihm nachsagen, daß er vor Verachtung geflohen sei. Und gerade zum Trotz, nur um sich zu zeigen, ging er jetzt in alle Studentenwirtshäuser, saß allein an einem Tisch, und während ein geringschätziges Lächeln um seinen Mundwinkeln lag, dachte er an die Zukunft und wie er sich einrichten würde.
Steif aufgereckt schritt er dann durch die Haufen seiner früheren Bekannten, schaute ihnen mit freien, hellen Augen ins Gesicht. Mancher wurde dadurch verwirrt, griff zum Gruß nach seiner Kappe. Aber er erhielt den Gruß nicht zurück.
So vergingen acht Tage, ohne daß Hellwig mit einem Menschen sprach. Pichler hatte gleich nach jener Unterredung Tisch und Bett des armen König mit Beschlag belegt und vermied ängstlich ein Zusammentreffen. Doch hatte er ein Briefchen hinterlassen, worin er sein Benehmen mit den alten Gründen nochmals entschuldigte. Fritz riß es in Fetzen.
Wenn er aber gedacht hatte, daß er durch seine völlige Absonderung Zeit und Lust zum Arbeiten zurückerzwingen werde, so war das ein Irrtum gewesen. Das Lesen der gelehrten Werke mit dem trostlos gleichförmigen lateinischen Druck machte ihm keine Freude, zum Studieren fand er nicht die Sammlung, den Vorträgen der Professoren hörte er nur mit halbem Ohr zu, und es war keiner unter ihnen, der ihn zu fesseln vermocht hätte. Zu beschaulich ging es ihm auf einmal in den Stätten der hohen Wissenschaft her. Alle seine Kräfte waren in brodelndem Aufruhr. Unrast war in ihm und drängende Sehnsucht, mitten im Leben, wo es am gewaltigsten brauste, mitzutun, im offenen Widerstreit Aug’ in Aug’ und Stirn gegen Stirn einem starken Gegner zu trotzen und im Kampfe für die Erhöhung der heute Erniedrigten die Waffen nur siegend oder sterbend aus der Hand zu legen.
Alle Länder widerhallten vom Lärm dieses Kampfes und in den Industriestädten waren die wohlgerüsteten Heerlager. Auch Prag war mit beteiligt, aber der Streiter waren daselbst nur wenige. Die Unzufriedenheit der Massen entlud sich hier im unfruchtbaren, aber bequemeren Nationalitätenhader. Und wo das anders war, da waren Tschechen die Rufer im sozialen Kampf, und Hellwig verstand ihre Sprache nicht. Wohl traten in ihren Zusammenkünften bisweilen auch deutsche Redner auf, aber das geschah nur selten und brachte in die Beratungen stets etwas Fremdes und Feierliches. So fehlte die Brücke des lebendigen Wortes, und er vermochte keine Fühlung mit ihnen zu gewinnen, trotzdem er jetzt häufig ihre Versammlungen besuchte.
Niedergedrückt kam er eines Abends von einer solchen heim. Seine Koffer waren schon gepackt, in zwei Tagen wollte er in die neue Wohnung übersiedeln. Da fand er auf seinem Tisch ein Geldaviso aus Wien und eine Verständigung des Inhalts, daß die Schriftleitung der Freien Blätter seine Abhandlung mit Vergnügen angenommen habe und um weitere Beiträge ersuche.
Aber auch von Kolben war ein Brief eingelaufen. Der Doktor schrieb: „Lieber Fritz! Du scheinst Luft unter die Flügel bekommen zu haben. Es war aber auch höchste Zeit. Jetzt sieh nur zu, daß du nicht wieder den Kurs verlierst, überleg’ nicht lang und komm her nach Wien. Es gibt hier massenhaft für dich zu tun!“
Da ließ Fritz sein Gepäck statt in die neue Wohnung auf den Bahnhof schaffen und fuhr in die Reichshauptstadt.
Drittes Buch
1.
Doktor Kolben saß in seinem Arbeitszimmer. Das war ein mäßig großer Raum mit roten Tapeten und dunklen Nußholzmöbeln. Der Schreibtisch stand schwer und massig vor einem großen Fenster, und durch die Fensterscheiben sah man in einen gepflegten Garten mit Hecken, Büschen, grünen Wipfeln und blühenden Rosen. Darinnen ruhte das kleine helle Haus, das dem Doktor gehörte, wie ein weißer Vogel in einem grünen Nest. Still war es hier draußen am Rande der Großstadt, ihr Lärm verbrauste, ehe er bis zu dem anmutigen Tal gelangte, das waldbestandene Hügel umsäumten und schützten. Eine Eisenbahn vermittelte in regem Verkehr die Verbindung mit der Stadt, in kaum zwanzig Minuten war man drinnen, und so hatte man hier alle guten Dinge des Landlebens samt allen Bequemlichkeiten der Großstadt beisammen und konnte sich’s wohl sein lassen.
Der Doktor schrieb fleißig und bedeckte Bogen um Bogen eines starken gelblichen Papiers mit regelmäßigen Buchstaben in gedrängten Zeilen. Da klopfte es, die Tür ging auf und Fritz stand so, wie er eben vom Bahnhof gekommen, in ihrem Rahmen.
„Schnell kommst du!“ sagte Kolben. „Und das ist sehr vernünftig. Sieh dir unterdessen die Bilder an, ich bin gleich fertig.“
Er deutete auf ein kleines, mit Mappen und Zeitschriften überladenes Tischchen in der Ecke. Dann ließ er die Feder wieder über die gelblichen Bogen wandern, und erst nach einer Viertelstunde legte er sie weg.
„So! Jetzt laß dich einmal anschaun!“
Er stand auf und Hellwig, der unterdessen die Zeitschriften durchstöbert hatte, ebenfalls. Der Doktor legte ihm beide Hände auf die Schultern und blickte ihm in die Augen. Fritz hielt eine kleine Weile diesem forschenden Blick stand, dann senkte er halb trotzig, halb verlegen die Lider.
„Laß gut sein!“ sprach Kolben. „Es hat nichts auf sich. Besser ein Jahr, als sich selbst verloren. So was macht jeder durch, wenn er nicht gerade ein bleichsüchtiger Musterknabe ist oder eine große Null. Also hör’ zu: Der Kampf ums allgemeine Wahlrecht soll langsam vorbereitet werden. Ein paar große Streike werden sich nicht mehr lang hinausschieben lassen. Die Schriftleitung der Freien Blätter hat junge unverbrauchte Kräfte dringend nötig. Ich schätze, es könnte dir nicht schaden, wenn du da ein bissel mittust. Willst du?“
„Geht denn das so einfach?“ fragte Hellwig und horchte hoch auf.
„Wird sich machen lassen. Ich hab’ das Kunstreferat, bin auch sonst mit den Leuten bekannt. -- Es ist keine Protektion!“ beschwichtigte er, als Fritz eine heftig abweisende Bewegung machte. „Glaubst du, ich würde dich empfehlen, wenn ich dich nicht bis in die Nieren kennte? Noch einmal: Willst du?“
„Ich hab’ keine Ahnung von der ganzen Sache, weiß nicht, ob ich überhaupt dazu tauge ...“
„Du taugst schon. Und die Handwerksgriffe lernen sich leicht. Ein paar Wochen Einschulung, und das Werkel geht von selber. Zum dritten und letztenmal: Willst du? Ja oder nein?“
Noch einige Minuten zögerte Fritz mit der Antwort. Kolben ließ ihm Zeit zum Überlegen, trat ans Fenster und sah einem Rotschwänzchen zu, das im Lindenwipfel flink sich regte.
„Nun?“ fragte er endlich.
„Ja!“ antwortete Fritz.
Nach einigen Tagen saß er in der Redaktion der Freien Blätter, hatte Monatsgehalt und Zeilenhonorar vertragsmäßig zugesichert und kam rasch ins Fahrwasser.
Um ihn tönte der Lärm, schrien die Parteien des Tages, forderten von der Gegenwart ungestüm ihre vermeintlichen Rechte. Und er stand mitten drin, mitten in dem heißen, tosenden Leben, das jeden Tag seine Gestalt änderte, Verbrauchtes abstieß und neue Schlagworte ausgab. Was heute oben war, hatte morgen seine Macht verloren, lang Niedergehaltenes stieg plötzlich empor, ein immerwährender Wechsel war da, ohne Stetigkeit und Ruhe, scheinbar ein Wirrwarr und doch eins durch das andere bedingt.
Von besonderem Reiz für ihn war es da, den Zusammenhängen nachzuspüren, die das wertlos gewordene Gestern mit dem schillernden Heute verknüpften, die vielen durcheinander wirbelnden Strömungen und Gegenströmungen bis zu ihrer gemeinsamen Quelle zu verfolgen und aus dem beständigen Auf und Ab der fließenden Erscheinungen das Bleibende herauszufinden.
Und er erschrak über die drückende Machtfülle, die gewaltig aufgespeicherte Vermögen den verdienstlosen Besitzern über ganze große Menschengruppen verliehen, sah diese vergeblich dagegen ankämpfen, matt und mutlos werden, und fühlte mehr, als er klar erkannte, daß eine Ordnung, in welcher derartiges möglich war, irgendwie krank sein müsse, ohne daß er hätte finden können, wo eigentlich die Krankheit saß und wie sie zu heilen wäre. Denn alle die Wohlfahrtseinrichtungen, die Krankenkassen, Unfallversicherungen, Altersversorgungen, schienen ihm bestenfalls Verlegenheitsmittel, durch die nur die Folgeerscheinung der Krankheit erträglicher gemacht, nicht aber die Krankheit selbst behoben werden konnte, so etwa, wie man einem schwer Verwundeten Morphium einspritzt, um die unerträglichen Schmerzen für Augenblicke zu übertäuben.
Da war nun seiner grüblerischen Natur wieder ein reicher Stoff geboten. Aber er blieb in beständiger Fühlung mit dem Leben und arbeitete freudig drauflos, so daß es gewöhnlich sehr spät wurde, ehe er zum Nachtmahl und in seine Wohnung kam. Aber auch dann gönnte er sich noch nicht Ruhe, las vielmehr, schrieb und studierte, als wollte er in Wochen nachholen, was er während der leeren Monate in Prag versäumt hatte.
So verging der Sommer im Flug, es wurde Herbst und eines Tages traf Heinz Wart in Wien ein. Er hatte die Reifeprüfung abgelegt, und zielsicherer als Hellwig schwankte er keinen Augenblick, sondern kam mit der festen Absicht, sich ganz dem Zeitungswesen zu überantworten und dort mitzuarbeiten, wo er am ehesten die Verwirklichung seiner Jugendideale erhoffte.
Er war noch blasser und stiller geworden, die Augen brannten ihm groß und wie im Fieber unter der weißen Stirn. Von den dunklen Haaren bis in die Fingerspitzen schien die ganze überschlanke Gestalt mit verhaltener Leidenschaft durchtränkt, von Temperament förmlich gesättigt zu sein. Er war einer von jenen, die mit dem Herzen entscheiden, sich an der eigenen Glut verzehren und unbesinnlich zur Selbstopferung bereit sind, wenn sie glauben, der Idee, für die sie brennen, dadurch dienen zu können.
Hellwig aber freute sich sehr, den besten Freund seiner Jugend wieder zu haben. Sie bezogen zwei einfenstrige Stuben im selben Haus, und da sie auch im gleichen Redaktionszimmer saßen, waren sie fast ununterbrochen beisammen. Nur abends, wenn Fritz zu Hause arbeitete oder an Versammlungen teilnahm, tat Heinz nicht mit. Das war nichts für ihn, das Studieren oder Debattieren bis in die späten Nachtstunden. Er wollte das Elend nicht bloß vom Hörensagen, sondern aus eigener Anschauung kennenlernen. Und er ging in die Massenquartiere und Schnapsbuden, kroch in alle Schlupfwinkel der Obdachlosen. Bisweilen blieb er dann tagelang verschwunden. Und wenn er wieder in der Wohnung auftauchte, hatte er statt der getragenen guten Kleider ein paar Fetzen an, geflickt und schmutzstarrend, und Fritz mußte ihm bis zum Ersten des nächsten Monats mit Geld aushelfen.
Wo er sich herumtrieb, verriet er nicht. Aber er war dann noch stiller und bleicher als sonst, und seine Augen schienen gleichsam nach innen zu schauen, und in ihrem dunklen Grunde lag unbeweglich etwas seltsam Starres, vereister Schreck oder versteintes Grauen, wie bei Leuten, die hart am Tod vorübergegangen oder an einer furchtbaren Gefahr.
Allen Fragen wich er aus. „Laß mich nur, Fritz, ich komm’ schon allein drüber weg. Dann wirst du’s erfahren.“
Da drang Hellwig nicht weiter in ihn.
2.
Pichler hatte sein Verhältnis mit der Helenka gelöst. Nach einem heftigen Streit waren sie auseinander gegangen, und keins fragte mehr dem andern nach. Jetzt diente er sein Freiwilligenjahr ab, beim Fuhrwesen, wegen der schönen Uniform. Und die Uniform stand ihm ausgezeichnet. Das wußte er, und konnte es kaum erwarten, bis er einen dreitägigen Feiertagsurlaub bewilligt erhielt, den er in der Heimat zubrachte, um sich dort den Leuten in all seinem Glanz zu zeigen. Die Geschwister bestaunten den stolzen Krieger wie ein farbenprächtiges Fabelwesen, und auch der lustige Küster unterließ das Witzeln und hatte helle Freude an dem stattlichen Sohn. Den aber trieb es nach Neuberg. Er wollte die Eva Wart sehen und Eindruck machen.
Das alte Haus war, wenn möglich, noch schwärzer und verwitterter geworden, aber die muntere Arbeit erfüllte es jetzt wie einst, und wie vor Jahrhunderten schon leuchteten die bunten Glasmalereien noch immer frisch und kräftig im Sonnenschein. Der Rehbock Hansl tummelte sich im Garten, und unter den Bäumen am Grasplatz stand seine Herrin, zierlich und fein, ein gefaltetes Tuch um den Leib, und befestigte Leinenwäsche mit hölzernen Klammern an den kreuz und quer zwischen die Bäume gespannten Schnüren. Sie trug eine blaue Hausjacke mit weiten Ärmeln, und so oft sie ein Wäschestück hob, fielen sie bis zu den Ellenbogen über die runden Arme zurück. Das freute die fröhlichen Sonnenlichter und liebkosend streichelten sie die glatte Haut, durch deren Weiß in einem ganz zarten und duftigen Schein, nur kaum wie die Farbe junger Apfelblüten, das Blut schimmerte. Eine warme Anmut war in den Bewegungen der fleißigen Arbeiterin, und wenn sie sich auf die Zehen stellte, mit zurückgebeugtem Oberkörper eine höher hinlaufende Leine zu sich niederzog, formten die kleinen Brüstlein zwei feine schattenhafte Hügel in den leichten Stoff des losen Kleides.
Im knapp sitzenden Waffenrock mit funkelnden Knöpfen, glänzend gewichste Röhrenstiefel an den Füßen, kam Otto über den Hof, und die Scheide des schweren Säbels stieß mit lautem Klingen gegen das Pflaster. Verwundert schaute das Fräulein nach der geräuschvollen Erscheinung und vergaß vor Überraschung die blühweiß gewaschenen Unterhosen Wart Nikls aufzuhängen, die es gerade aus dem Korb genommen. Unschlüssig hielt es diese in der Hand und wartete der Dinge, die da kommen würden.
Der fremde Krieger aber ging schnurstracks auf den Garten zu, blieb, die Hacken zusammenschlagend, vor dem Gitter stehen stehen und salutierte stramm:
„Servus, Fräulein Eva!“
Nun erkannte sie ihn an der Stimme. „Jemine, der Herr Pichler!“ rief sie und lief, das Gartentürl zu öffnen. Sie tat es mit einem kleinen Knicks und sagte unüberlegt dazu: „Tretet ein, hoher Krieger!“
„Der sein Herz Euch ergab!“ ergänzte Otto schnell und verneigte sich tief, wobei er die weißbehandschuhte Rechte gegen seine Brust drückte.
Das Fräulein errötete. „Bei Ihnen muß man mit dem Zitieren vorsichtig sein!“ lachte es. „Sie sind gut beschlagen!“ Dann wollte es ihm die Hand zum Willkomm reichen und bemerkte, daß es noch immer des Vaters Unterhose hielt. Unmutig weggeschleudert flog diese im Bogen neben den Korb. Pichler gewahrte den Zorn.
„Lassen Sie sich nicht stören!“ sagte er und zog die Handschuhe aus. „Wenn es Ihnen recht ist, werde ich helfen.“
„Ja?“ antwortete sie vergnügt. „Kommen Sie, das ist lustig!“
Dann hängten sie mitsammen die Wäsche auf. Im Rasen blühten die Gänseblümchen und der gelbe Löwenzahn, die jungen Blätter der Obstbäume glänzten frisch, und mit geschmeidigen Gliedern sprang das Reh über die grünen Wiesenflächen. Eva regte sich flink, Otto reichte ihr die feuchten Leinenstücke und stellte sich ungeschickt, um einen Vorwand zu haben, seine Finger mit ihrer warmen Hand oder dem kühlen festen Fleisch der Arme in Berührung zu bringen. Sie achtete nicht darauf. Ganz Eifer war sie, und die blonden Stirnhaare bewegten sich in krauser Unordnung wie ein leichtes goldenes Gitterwerk vor der klaren Stirn. Dabei plauderten sie von allem möglichen, und nur von einem sprachen sie nicht, obwohl Eva mit still klopfendem Herzen darauf wartete: von Fritz Hellwig.
Aber auch Pichler dachte an ihn und wiegte sich in der frohen Zuversicht, daß es ihm gelingen werde, den Gegner auszustechen. Denn er wußte, daß Hellwig sein Mitbewerber war. So ängstlich dieser auch das Geheimnis behütete, den Spüraugen Ottos war es nicht verborgen geblieben.
Alle Register seiner bestrickenden Liebenswürdigkeit zog er, und das Bewußtsein, daß er fesch und vorteilhaft aussah, verlieh ihm große Sicherheit. Er übertraf sich selbst an Witz, Geist und drolligen Einfällen, so daß Eva fortwährend lachen mußte und in ihrer Vertrauensseligkeit, die ohne Arg war, dem lustigen Gesellschafter mit warmen Blicken entgegenkam. Und sie merkte auch die Absichtlichkeit nicht, als er ihr mit zögernden Händen die Haare aus der Stirn ordnete, mit ihrem Armband sich zu schaffen machte oder wie zufällig über ihr Kleid hinstrich. Wie mit einem guten Kameraden unterhielt sie sich und begegnete seinen Vertraulichkeiten auch wohl mit anderen, indem sie ihn auf die Finger schlug oder belustigt ihren schmalen Fuß zum Vergleich auf seinen großen Stiefel stellte.
Otto aber deutete alles zu seinen Gunsten. Er brannte lichterloh und glaubte, daß die Kleine nicht weniger in ihn verliebt sei als er in sie. Seine übermütige Siegessicherheit ließ ihn immer mehr wagen. Als er aber mit einer halben Wendung seinen Arm einen Augenblick um ihre Hüfte legte, klatschte sie ihm ein nasses Tuch ins Gesicht. „Das fordert Strafe!“ rief er und wollte sie jetzt erst recht an sich ziehen. Das Mädchen aber stand plötzlich mit einer so erstaunten und kalt abweisenden Miene vor ihm, daß er betreten seine Absicht aufgab. Er sah ein, daß er fürs erste Mal zu weit gegangen. Um den ungünstigen Eindruck zu verwischen, war er jetzt doppelt aufmerksam und bescheiden. Eva hantierte indes gleich wieder fröhlich weiter und tat, als sei nichts vorgefallen. Erst dieser vornehme und sichere Anstand brachte ihn aus dem Text. Er wurde verlegen, verlor den Faden und einen Augenblick stockte das lebhaft geführte Gespräch.
Der Rehbock kam, rieb den Kopf an seiner Herrin und schaute sie mit klugen Augen an. Da benützte sie endlich die Gelegenheit und sagte: „Wie doch die Zeit vergeht! Jetzt hab’ ich ihn schon das dritte Jahr! Was mag denn eigentlich der edle Spender machen?“ Ganz leichthin sagte sie das, aber ihr Herz schlug laut dabei.
„Wer?“ fragte Otto und wollte nicht verstehen.
„Sie wissen wohl gar nicht, von wem er ist?“ erwiderte sie. Es war ihr nicht möglich, den Namen über die Lippen zu bringen.
„Ja so!“ antwortete Pichler gedehnt und gleichgültig. „Sie reden von Fritz Hellwig? Da kann ich nicht dienen. Seit der wegen jener gewissen Geschichte von Prag hat fortmüssen, hab’ ich nichts mehr von ihm gehört.“
„Was für gewisse Geschichte?“ fragte sie und schaute ihn bang an. Da hoffte er sein Eisen zu schmieden, begann zu erzählen und stellte die Sache so dar, als ob Fritz aus Mangel an Mut den Zweikampf abgelehnt hätte.
„Man darf das nicht!“ schloß er. „Erst beleidigen und dann auskneifen. Es ist mir schwergefallen, aber ich hab’ schließlich nicht anders handeln können.“
„Wieso?“ Eine kleine Falte stand ihr zwischen den Brauen.
„Mit einem Auskneifer verkehrt man nicht. Der ist gesellschaftlich tot. Ich hab’ dennoch versucht, mir den Freund zu erhalten, hab’ heimlich mit ihm zusammentreffen wollen, trotz der Gefahr, daß es herauskommt und mich ebenfalls unmöglich macht.“
Er mußte innehalten. Eva hatte mit dem Fuß aufgestampft und ungestüm dazwischengerufen: „Fritz ist kein Auskneifer!“
Mit einem nachsichtigen Lächeln blickte er sie groß an.
„Sprechen wir nicht mehr davon. Mir geht die Geschichte nah, und helfen tut das Reden doch nichts mehr!“
„Ihnen nicht, das seh’ ich jetzt schon selber!“ sprach sie ihm mit funkelnden Augen entgegen. Gekränkt versetzte er: „Warum sind Sie so bös? Sie tun ja gerade, als ob ich an allem schuld bin!“
„Beileibe!“ entgegnete sie und in ihrer Stimme war Spott und Zorn. „Fein haben Sie sich benommen! Ein unschuldiger Engel sind Sie!“ Dann aber ging ihr doch das mühsam gezügelte Temperament durch. „Wollen Sie wissen,“ fuhr sie heftig fort, „wollen Sie wissen, wer der Feigling ist? Nehmen Sie einen Spiegel und schaun Sie sich an! Dann sehen Sie ihn!“
„Fräulein Eva!“
Das klang gereizt und grollend. Sie hörte nicht darauf. Rücksichtslos warf sie ihm ihre Empörung ins Gesicht.
„Vielleicht nicht? Sie haben nicht den Mut gehabt, offen zu Ihrem Freund zu halten. Wie alle sich losgesagt haben, haben auch Sie ihn aufgegeben! Das ist feig! Das ist schlecht! Pfui!“
Sie drehte sich auf dem Absatz herum, schritt tiefer in den Garten hinein mit heißen Wangen und wild schlagendem Herzen. Aber ihre blitzenden Augen waren jetzt voll Tränen.
Pichler war sehr blaß geworden und zerknüllte seine Handschuhe. Das Reh, das ihm gerade in die Quere kam, erhielt einen unsanften Stoß. Doch kein Wort erwiderte er. Eine Weile stand er noch unschlüssig, dann kehrte er sich langsam ab und schritt durch das Gartentürl in den Hof zurück. Aber sein Säbel klang jetzt nicht mehr hell auf den Steinen. Er hielt ihn am Korb fest und bestrebte sich eines möglichst geräuschlosen Abgangs.
Eva schrieb an diesem Tage noch einen langen Brief an Heinz. Aber obwohl sie dabei fortwährend an Fritz dachte und obwohl jedes Wort eigentlich für ihn bestimmt war, kam auf den vier eng beschriebenen Seiten schließlich nicht einmal sein Name vor. Und nur ganz zum Schluß, als Nachschrift, schrieb sie: „Deinen Stubennachbar lasse ich grüßen.“ Sie schrieb es hastig und überstürzt und wagte dabei nicht auf das Papier zu schauen, so daß diese Zeile schief und mit unordentlichen Buchstaben dastand und von der sauberen Nettigkeit der übrigen erheblich abstach.
3.
Fritz blieb es erspart, dem Kaiser zu dienen. Eine Unregelmäßigkeit in der Krümmung der Hornhaut beeinträchtigte das Sehvermögen seines rechten Auges und machte ihn zum Waffendienst untauglich. Er war froh darüber, und als er auch die letzte Musterung glücklich hinter sich hatte, verleitete er seinen Freund Heinz zu einem kleinen Gütlichtun in einem Weinkeller. Von dort gingen sie noch in ein Nachtkaffeehaus. Ein Streichorchester spielte hier, und der große, schäbig elegante Raum war gesteckt voll. Studenten, ledige junge Beamte und alte Witwer waren in der Überzahl, saßen angeheitert, lustig oder schläfrig bei den runden Marmortischchen und musterten die geschminkten und geputzten Weiber, die von der Straße kamen und Liebe feilboten. Allenthalben saßen oder standen sie bei den Herren, von den großen Hüten nickten die gefärbten Federn, und falsche Edelsteine funkelten an billigen Spitzenblusen.
Eine aber saß allein und abseits in einer Ecke, hatte ein schlecht sitzendes dunkles Kleid an, und ihr Gesicht war ohne Schminke. Mit ängstlichen Augen schaute sie in das lärmvolle Durcheinander, und wenn ein Mann sie ansprach, begann sie zu zittern, errötete und gab keine Antwort. Eine Anfängerin. Der Zahlkellner beobachtete sie mißtrauisch. Er sorgte sich um sein Geld für die Zeche. Aber auch Heinz Wart ließ sie kaum aus den Augen.
Die Musik spielte den neuesten Gassenhauer, die Gäste sangen mit, stampften, klatschten und pfiffen.
Leichthin sagte Heinz: „Ich werde mich an ihren Tisch setzen. Gehst du mit?“
„Was dir nicht einfällt!“ erwiderte Fritz und schaute den Epikuräer entrüstet an. Der bemühte sich, ein unbefangenes Gesicht zu machen, wurde aber doch rot, als er jetzt meinte: „Dann wäre ich dir dankbar, wenn du mich allein ließest.“
„Wie du willst. Zugetraut hätte ich’s dir nicht!“
„Man täuscht sich eben. Gute Nacht.“
Hellwig hatte schon den Hut auf und stürmte davon. Er war nicht prüde und kein Sittenrichter. Aber die käufliche Liebe ekelte ihn an.
Die junge Frau zuckte erschreckt auf, als sich Heinz mit einem ungelenken: „Erlauben Sie?“ zu ihr setzte. Aber bald verlor sie alle Scheu. Weder Unverschämtheit noch freches Begehren war in seinem Blick, nur ernste Teilnahme, die Vertrauen heischte und Vertrauen wachrief.