Der Schandfleck

Part 21

Chapter 213,981 wordsPublic domain

Jene, die im kritischen Augenblicke den Löffel aus der Hand legen und Schürze oder Ärmel, unter dem plausiblen Vorwande des Mundabwischens, vor das Gesicht bringen konnten, schätzten sich sehr glücklich. Qualvoll gestaltete sich die Situation für die anderen, bei denen sich das Lachen und der Löffel Suppe auf dem Wege nach hinauf und hinunter trafen; die Armen spannten die Backen, als ob sie Posaune bliesen, und die Augen quollen ihnen aus den Höhlen, als sie aber merkten, daß, vermutlich der lustigen Gesellschaft halber, die Sauermilchsuppe kehrt machte und nun vor dem Lachen einherlief, und um nur ja rechtzeitig dabei zu sein, den kleinen Umweg durch die Nase nicht scheute, da fuhren sie verzweifelt von ihren Sitzen empor und stürzten sich in die Stubenecke und begannen dort auf das erbarmungswürdigste zu pfeifen und zu husten. Ihr Elend kam den andern Knechten und Mägden sehr erwünscht und bald war jeder Luftschnappende von zwei oder drei Helfern umgeben, die ihm den Rücken abklopften, wobei freilich auch Püffe unterliefen, mit denen mancher sich, aber nicht dem Bedrängten Luft machte; dazu lachten sie wie närrisch, „daß sich der Naz’, die Cenz’, der Michl, die Gundl -- na, aber so -- hat verkutzen können!“

Ärgerlich wandte sich der Bauer ab und ging hinweg.

Leute, deren guten Rat und wohlmeinende Mahnung man kurzweg von der Hand weist, fühlen sich in der Regel beleidigt und Heiner und Sepherl waren keine Ausnahmen. Wenn von nun ab der Bauer, um Heiners Meinung oder Zustimmung einzuholen, fragte, wie etwas recht zu machen sei, oder ob es recht gemacht wäre, so beteuerte der Knecht in erheuchelter Bescheidenheit: er wisse es nicht zu sagen, denn er sei lang nit so vernünftig -- wie andere! Und wenn Magdalene in gleicher Absicht sich an Sepherl wandte, so wies die Alte in hinterhältiger Demut jede Frage von sich, denn sie habe nicht die Gescheitheit mit Löffeln gegessen -- wie andere!

Da der Bauer und Magdalen’ von zehn Fragen neun nur des guten Einvernehmens wegen stellten, so ärgerte sie das unfreundliche Gehaben des Großknechtes und der Altmagd nicht wenig, aber sie verwanden allen Ärger im stillen und kamen darüber nie zur Sprache, denn das hätte ja ausgesehen, als ob sie sich über falsches Meinen der Leute nicht hinwegzusetzen wüßten, und möchte etwa nur das eine von ihnen an dem anderen irregemacht haben.

Desto eifriger sorgten Heiner und Sepherl dafür, daß das, was man sich bisher nur auf dem Gehöfte zugeflüstert hatte, nun auch auf die Straße und unter die Leute käme, und um die Zeit, da der Tag sich jährte, an welchem Magdalen’ bei dem Grasbodenbauer in Dienst getreten war, erlebten sie die freudige Genugtuung, daß sich schon das ganze Dorf darin gefiel, den Bauer und die Favoritdirn’ mit Spitznamen zu bezeichnen.

Wenn Sonntags der Bauer mit der Dirn’ an seiner Seite -- zwei Schritte Raum und die kleine Burgerl zwischen beiden -- der Kirche zuschritt, so flüsterte hier einer: „Schaut, da kommt der Vernünftige mit der G’scheiten,“ und dort stob ein Rudel Bursche auf die halblaute Aufforderung: „Macht’s doch ’n G’scheiten und Vernünftigen Platz,“ mit unterwürfigem Gruße auseinander.

Als sich aber das Fest des heiligen Kirchenpatrons jährte und der Bauer Leni und Burgerl nach dem Wirtshause, ja sogar auf den Tanzboden brachte, wo ihm bei seinem Weggehen ein Vierzeiliger nachhallte:

„Vernünftig und g’scheit, Und tun, was ein’ g’freut! So vernünftig, o mein, Möcht’ ich selber gleich sein,“

da wollte der Ruf der „vernünftigen und g’scheiten Zweisiedlerei af’m Grasbodenhof“ schier über das Dorf hinaus sich ausbreiten, denn zu dem Föhrndorfer Kirchtag fanden sich viele aus den Nachbarorten ein, und war jeder darauf aus einen Spaß von hier mit heim zu nehmen. Da auch der Knecht Hiesl von Hinterwalden herübergekommen war, so erfuhr noch in der nämlichen Nacht der Bauer vom Hof auf der weiten Hald’ um die ganze Geschichte.

Der Alte schüttelte den Kopf. Er warf sich die Sache durch die Reuter, das heißt, er siebte davon hinweg, was ihm als böswilliges oder müßiges Geschwätz erschien, aber auch mit dem, was nun verblieb, konnte er nicht zurecht kommen und fand in all der „Vernunft und Gescheitheit“ keinen Sinn.

„Was die nur denken?“ murmelte er. „Sich geg’nseits ’n Ruf verschänden! ’s is doch toll! Die Sach muß in die Richt’! Und weiß ’s kein’s von dö beim rechten Trum anz’fassen, so muß halt ich ihnen ’s weisen. Aber so oder so, dö Sach’ muß in die Richt’!“

Er trug Hiesl auf, für kommenden Morgen den Wagen bereitzuhalten.

* * * * *

Der Grasbodenbauer befand sich auf seiner Stube. Er hatte dem Gesinde sagen lassen, daß er nicht zum Frühstücke hinabkäme; sie würden auch ohne seiner das Essen fertig bringen, das traue er ihnen zu. Bei dem einen geöffneten Fenster strich würzige Morgenluft herein, an dem anderen, das geschlossen war, saß er und stützte den schweren Kopf in die Hände und beobachtete eine große Fliege, die ab und zu an die Scheibe prallte und dann eine Weile an derselben auf und nieder surrte, bis sie wieder nach der Mitte der Stube zurückschoß und einen neuen Anlauf nahm, um sich den Kopf anzurennen.

Der Bauer zog die Brauen zusammen, das Gedröhn der Fliege begann ihn zu verdrießen, es erinnerte ihn an das Geschnurre der Baßgeige, das ihn gestern nachts noch aus ferner Weite durch das ganze Dorf verfolgte.

Er hatte das Spottliedl wohl gehört und gute Lust bezeigt, unter der Schwelle umzukehren und den Takt dazu zu schlagen, aber Leni hatte ihn bittend am Arme gefaßt und fortgezogen. Heut frühmorgens ging einer unter dem Fenster vorüber und pfiff denselben Ländler und wenn der Lump auch die Worte für sich behielt, so war doch sicher, daß er sie in Gedanken vom ersten bis zum letzten dabei hatte.

„Dö Himmelherrgottssackermenter! Was sie’s angeht, wenn zwei Leut’ sich nichts wollen und ihnen auch nichts? Was geht sie’s denn an, die elendigen ...“

Pom! schlug die Fliege an die Fenstertafel und dann klang es: Srr -- surr -- sum -- summ -- -- Vernünftig und g’scheit -- -- --

„Höllment’sch Vieh,“ schrie der Bauer und schlug danach, daß die Scheiben klirrten; die erschreckte Musikantin fuhr in einem großen Bogen durch die Stube und gewann dabei zu ihrem Glücke das offene Fenster.

Der Bauer stützte wieder den Kopf, er preßte die Handflächen gegen die Stirne und kraute sich mit allen zehn Fingern sachte in den Haaren, er konnte es nicht leugnen, daß ihm darunter gar wüst und wirr sei, und als jetzt ein Wagen, den er schon eine Weile über heranrädeln hörte, plötzlich jäh und polternd durch den Torbogen in den Grasbodenhof einfuhr, da war es schier schmerzhaft, wie jeder Hufschlag und Radstoß im dumpfen Gehirn nachzitterte.

Wer mag auch kommen? dachte der Bauer, und daß ihm jetzt jeder ungelegen käme.

Er sollte nicht lange im Zweifel über die Person des Ankömmlings bleiben, denn vom Hofe her hörte er Burgerls Stimme, welche freudig: „Der Ehnl! der Ehnl!“ rief.

Einigermaßen dadurch zufriedengestellt, daß ihm kein anderer Besuch zugedacht sei, erhob sich der Bauer bedächtig von seinem Sitze.

Burgerl war dem Großvater an der Hand Magdalenens entgegengeeilt. Der alte Mann, nachdem er sich vom Wagen herabgeholfen, streichelte das krause Köpfchen seines Enkelkindes und Hiesl sah dazu lächelnd vom Kutschbocke herunter, freilich bemerkte er dabei in allernächster Nähe in netten Schnallenschuhen ein paar Füße mit zierlichen Knöcheln, darauf eine stand, die im Begriff war, ein ganz unerlaubtes Glück zu haschen; als diese ihm einen Gruß zurief, blickte er gar nicht auf, er nickte verdrießlich und wandte sich ab.

„Du verstehst’s,“ murmelte er, „du verstehst’s! Wann ich nochmal af d’ Welt kimm’, werd’ ich auch a saubere Dirn’ und verleg’ mich af ’n Reich’n-Mon-Fang.“

Ehe der Bauer vom Hof auf der weiten Hald’ Magdalenen die Hand bot, sah er sie forschend an. Als ihre Augen, die mit offenbarem Befremden nach dem unhöflichen Knechte gerichtet waren, sich wandten und frei und treuherzig in die des alten Mannes blickten, streckte ihr dieser die Rechte dar.

„Grüß Gott, Dirn’,“ sagte er, dann kneipte er Burgerl in die Wange. „Wo steckt denn der Vater?“

„Auf seiner Stub’n. Komm, Ehnl, ich führ’ dich zu ihm.“ Die Kleine faßte ihn an der Hand.

„Hast recht, führ mich zu ihm. Wir werd’n heut eh’, denk’ ich, ein lang’s und ein breit’s miteinand’ hab’n, je bälder wir damit anheb’n, je früher krieg’n wir’s kürzer und schmäler.“

Sie schritten auf das Haus zu.

„No, kannst d’ Magdalen’ noch so gut leiden, wie z’ Anfang?“

„Mein’ liebe Leni? No wie net?“

„Und is der Vater auch mit ihr z’frieden?“

Burgerl kniff die Lippen ein und sah mit verschmitzt lachenden Augen auf.

„Schau einer! Du Grasteufel, beginn’ du schon ’s Reden mit dö Augen! Damit hat’s noch Weil’!“ schalt der Alte und, während Burgerl vor ihm die Treppe hinanlief und er langsam Stufe für Stufe nahm, sagte er kopfschüttelnd: „No, no, dös Nestküchl lernet da nit übel zu. Es is höchste Zeit, daß einer, dem’s zukommt, ’s Maul braucht.“

Burgerl stieß die Türe auf und schrie zur Stube hinein: „Voda, der Ehnl!“

„Grüß Gott, Schwieger!“ sagte der junge Bauer. „Nit schön, daß d’ dich gar so rar machst; es is ja schon a Ewigkeit her, seit d’ dich ’s letztmal af’n Grasboden hast sehen lassen.“

„Na, a ganze wohl nit, a halbe dürft’ reichen. Grüß Gott, Kaspar!“

Die Männer schüttelten sich die Hände, dann sagte der Großvater sehr wohlwollend zur Enkelin: „Burgerl, dir pfeift im Garten a Vogel; druck d’ Tür’ ins Schloß, eil’ dich hinunter und los’ fein zu.“

Burgerl folgte der Weisung, soweit sie ihr anstand; hinunterzukommen, eilte ihr eben nicht und der Vogel pfiff ihr lang gut.

Als sich der Alte mit seinem Schwiegersohne allein sah, rückte er sich einen Stuhl zurecht. „Du verlaubst schon?“

„Ei, du mein, freilich, sitz nieder, sitz nur nieder,“ sagte der Grasbodenbauer, „daß ich dich’s nit g’heißen hab’, mußt mir für kein’ Grobheit ausleg’n, ich hab’ heut ’n Kopf nit recht bei’nander.“

Er setzte sich dem Alten gegenüber.

„Versteh’s schon,“ sagte der, „bist halt übernachtig, noch von gestern her, vertragst nit viel und kommst selten dazu; is ja kein Wunder. Gleichwohl red’t mer sich vielleicht heut leichter mit dir, wo d’ deine Gedanken z’samm’nehmen mußt, als wie sonsten, wo du’s durcheinand’wurlen laßt und dich dabei -- nach der Leut’ Reden -- auf’n Vernünftigen und G’scheiten h’nausspielst.“

Aber der Grasbodner nahm den Schalk, der zwischen den Fältchen der Augenwinkel des Alten lauerte, nicht wahr und brauste auf: „Dös hat noch g’fehlt, daß du, der d’ einer mir z’nächst bist, dö Übelwort’ mir af’n Hof, in d’ Stub’n, zwischen meine vier Mäuern tragst!“

„So, so nimmst’s auf?“ erboste sich nun der vom Hof auf der weiten Hald’. „No gut, wann dir’s nit anderscht ansteht, so kann ich dir auch grob geigen und g’radzu sag’n, daß kein Sinn und kein Verstand drein liegt, wann d’ dich und ein ander’s vorm G’sind und ’m ganzen Dorf zum G’spött machst und neb’nzu vor dein’m Kind seine sehenden Aug’n und losenden Ohr’n! Und drum und eben, weil ich einer dir z’nächst bin, so bin ich hitzt da, um drauf z’ bestehn, daß du der Sach’ so oder so ein End’ machst!“

„Wieso?“ fragte der junge Bauer.

„Wieso?“ wiederholte der Alte und zog die Brauen in die Höhe und starrte seinen Schwiegersohn an, als sähe er ihn das erste Mal im Leben und noch dazu als einen, mit dem es nicht recht richtig wäre; dann aber kniff er wieder die Augen zusammen und sagte: „No, gibst halt die Dirn’ weg.“

„Das kannst nit verlangen, schon der Burgerl wegen nit.“

„Ah, bah, dem ist leicht abg’holfen. Ich nehm s’ alle zwei, die große und die kleine Dirn’, af mein’ Hof und af dö Entfernung zwischen Hinterwalden und Föhrndorf spinnt sich kein G’red’.“

„Wär’ eh’ recht, wann ich’s Kind so leicht von mir ließ’,“ sagte der Grasbodenbauer.

Der Alte brachte die Hand vor den Mund und stieß unter einem leichten Hustenanfalle die Worte hervor: „Bist du ein guter Vater!“

„Schwieger, laß dir sagen,“ fuhr der andere eifrig fort, „ich verkenn’ ja nit dein’ Absicht; aber vertrau’ auch du mir, daß d’ hinter dem Ganzen nix z’suchen hast, als der Leut’ Unvernünftigkeit und Bosheit; laß nur a weng Zeit mit dein’m Einmengen und wirst sehn, sie werden’s von selber müd’ und d’ Wahrheit b’halt’ recht.“

„Um d’ Wahrheit handelt sich’s ja gar nit, sondern um ’n Anschein und der wird, je länger mer’s anstehn laßt, je übler! Weißt, Kaspar, ich hab’ die Dirn’ da auf dein’ Hof ’bracht, und drum halt’ ich mich auch in mein’ G’wissen für verpflicht’t, daß ich, soweit an mir liegt, draufschau’, daß s’ Ruf und Ehr’ von da fortnimmt, wie sie s’ herbracht hat. Es is eh’ ’s Allermindest’, was ich tun kann, daß ich mich hinsetz’ und ihren Leuten schreib’, daß dö entscheiden, ob s’ die Dirn’ dalassen oder heimholen wollen.“

Der junge Bauer erhob sich und legte die Hand auf den Arm seines Gegenübers „Das wirst nit tun, Ehnl![26] Und ich sag’ dir auch, warum. Döselb’n Leut’ sein nit da am Ort und können sich von nix überzeugen, du aber kannst s’ nur falsch berichten, denn du gehst nur nach’m Gered’ und fragst der Wahrheit nit nach.“

Er schritt erregt die Stube ein paarmal auf und nieder, dann stellte er sich an den Tisch und begann auf den Alten einzureden:

„Seit Jahr und Tag, wo die Dirn’ af mein’ Hof is, kommt mir mein Hauswesen erst wie a solch’s vor; der Burgerl is sie a zweite Mutter, wo ich sie auch prob’ und prüf’, zeigt sie sich als tüchtige Hausnerin und mir als a ehrliche und aufrichtige Freundin. Die Dirn’ is unter mein’ Dach so sicher wie unter ihrer Mutter Augen, und das laß dir sagen, die steht für sich selber in so aufrechter Ehrbarkeit da, daß s’ jed’s unlautere Wesen von ihr wegscheucht, und von mir kannst ’s glauben, -- ich bin nit der Mon, der a Lug’ sagt, -- wie ich mich auch zeither ihr erkenntlich bezeugt hab’, in Worten und Begegnen und Präsentern, niemal hab’ ich vergessen, was wir beid’ einander schuldig sein; nie bin ich auch nur entfernt auf ein’ unerlaubten Gedanken verfallen ... Eh’ zun Teufi h’nein, Ehnl, was lachst denn wie nit g’scheit? -- Bist narr’sch? -- Was gibt’s denn da zun Lachen?!“

Der alte Mann saß zurückgelehnt und lachte lauthals, erst als er seinen Schwiegersohn vor zorniger Ungeduld die Fäuste ballen und die Arme schütteln sah, beeilte er sich aufzustehen und faßte ihn begütigend mit beiden Händen über den Ellbögen an. „Kaspar,“ schrie er lustig, „hitzt heißet ich dich gern was, aber es fallt mer in der G’schwindigkeit nix ein, was zutrifft! Ist’s denn möglich, kann’s denn sein? Wo dö Dirn’ die Seel’ von dein’m Hauswesen is, dein’m Kind a zweite Mutter, dir a aufrichtig Freundin und in all’n Stucken ein ehrbar’ Weibsleut’, braucht’s denn da erst a Jurament von dir, daß d’ auch nit entfernt af ein’ unerlaubten Gedanken verfall’n bist?! Aber du Himmelsackermentslalli, warum verfallst denn nit, wo ’n er so nah liegt, af ’n verlaubten!?“

„’n verlaubten?“

„Was machst sie denn nit zu deiner Bäuerin, wann d’ schon in sie verliebt bist und sie in dich, daß ihr allzwei vor lauter G’scheitheit und Vernünftigkeit gar nit wahrnehmt, was ihr für Dummheiten vor’n Leuten angebt?!“

Der Grasbodenbauer hatte mit der Rechten über sich gegriffen und sich an den Hinterkopf gefaßt, so stand er nun und sah vor sich und hörte den Alten vom Hof auf der weiten Hald’ wieder lachen, „wie nit g’scheit“, und da wagte er so einen Seitenblick nach dessen Gesicht mit den zwinkernden tränenden Augen und dem luftschnappenden Maule, und da stieg ihm selbst ein Schmunzeln in die Mundwinkel, die Heiterkeit wirkte ansteckend, er ließ die Rechte sinken und stimmte in das Lachen ein, worunter er häufig mit dem Kopfe schüttelte, wie einer, der des Verwunderns kein End’ fände, und so kam es, daß die beiden Männer bei dem Lärm, den sie in der Stube vollführten, das helle Gelächter ganz überhörten, das unmittelbar vor der Türe erschallte.

Heiterkeit wirkt ansteckend. Leni saß unten auf der Stufe vor dem Hausflur und wartete auf Burgerls Rückkehr. Als das Lachgebrause von oben an ihr Ohr schlug, lächelte sie unwillkürlich: „Was die nur haben, daß sie so närrisch lachen mögen?“

Da kam Burgerl die Treppe herabgelaufen, sie preßte mit der Rechten die Schürze an den Mund und legte die Linke um Lenis Nacken. „Weißt, was der Ehnl da will?“

„Wie sollt’ ich?“

„Kuppeln,“ kicherte die Kleine.

„Sei nit ungeziem!“

„Und du nit narr’sch,“ sagte Burgerl, „Bäuerin sollst du werd’n da af’m Hof.“

Lenis Gesicht wurde glührot, sie schob das Kind von sich, „das sind keine Späß’!“

„Beileib nit,“ lachte Burgerl und hüpfte um sie her. „Der Vater macht ja Ernst.“

„Burgerl!“

„Aber, Leni, hast denn auch du kein’ Merk’s? Muß mer’s ’leicht auch dir noch sag’n -- wie der Ehnl ’m Vatern --, daß der in dich verliebt is und -- du in ihn?!“

Da wich alles Blut aus Magdalenens Wangen, sie wehrte mit beiden Händen ab, ungelenk schnellte sie vom Sitze empor und nur mit dem einen Gedanken: auf und davon mußt du, eilte sie die Treppe zur Bodenkammer hinan.

Burgerl stand so verblüfft, daß sie sich nicht einmal umwandte, um der Flüchtenden nachzusehen. Sie wickelte paarmal ihre Ärmchen in die Schürze und wieder heraus. Plötzlich überkam sie ein drückendes Angstgefühl, Tränen traten ihr in die Augen und ihre Mundwinkel begannen zu zucken; sie lief zur Stiege und hastete hinauf.

* * * * *

„No, Kaspar,“ sagte der Bauer vom Hof auf der weiten Hald’, „mir scheint, dö Weis’, der Sach’ ein End’ und aus der Dirn’ ein’ Bäu’rin z’ machen, kimmt dir nit hart an?“

„Nein, nein, das wär’ g’laugnet, g’logen,“ lachte der Grasbodenbauer, doch setzte er sofort bedenklich hinzu: „Aber halt, ob sie auch woll’n wird?“

„Sei nit so dumm! Laß dir sagen, daß eine auch um ’n Herzallerliebsten kein Spottwörtl und kein’ Neckerei vertragt und sich drum vor’n Leuten ganz ungebärdig geg’n ihn anstellt, das kommt vor; daß aber eine ’s G’spött nit acht’ und nach ein’ Trutzliedl den im Arm b’halt, den s’ nit mögen möcht’, das gibt’s in der weiten Welt nit! Lern du mich Weiberart kennen!“

„Du mußt’s aber a bissel gut kennen, die Weiberart!“

„Ah, da schau! Und dir muß ’s einwendig a bissel gut gehn! Sonst hört mer von dir Jahr und Tag kein’ G’spaß und heut ’traust dich gar geg’n mich, du Sackerlot!“

„O, ich trau’ mich auch gleich mehr. Hitzt bin ich schon drein in Trau’n. Soll’s in ein’m hingehn! Ich such’ mir die Leni und frag’s um ihr Meinen.“

„Sei g’scheit, Kaspar, übereil’ dich nit, laß d’ Hastigkeit sich setzen, überleg’ dir voreh’ deine Reden, damit d’ dir nix vergibst. Nur nix vergeben, dös is gar g’fahrlich z’ Anfang.“

„’s Vergebens hab’ ich kein’ Sorg’, aber Eil’.“

„Ja so.“

„No ja, daß d’ Sach’ in Ordnung kimmt, es is ja doch dein Reden, daß mer’s eh’ schon z’ lang hätt’ anstehen lassen! Oder nit?“

„No freilich, freilich! Wann d’ es schon nimmer aushalten kannst, so kimm halt, such’ mer die Dirn’, drüber vergeht auch a Neichtl Zeit und während dem überleg’ dir dein Reden. Nur nix vergeben, dös wär’ z’ Anfang weit g’fehlt und spater gar.“

Als die beiden Männer aus der Stube traten, ward oben eine Türe hastig aufgestoßen und Burgerl schrie unter Schluchzen: „Voda, Voda, mein’ Leni will mer davon!“

Die beiden eilten nach der Bodenkammer.

An dem Türpfosten lehnte Burgerl, zuckend an Armen und Beinen. Zwei Schritte von ihr kniete Leni und in der Ecke lag ein Bündel, das diese weggeschleudert haben mochte, als sie nach dem Kinde stürzte.

Der Großvater griff Burgerl auf, sein linker Arm trug das Kind und mit der Rechten liebkoste er es. „Unsinn,“ grollte er, „no muß ’s Kind auch noch leiden unter euerer Dösköpfigkeit. No macht’s aber schnell ein End’.“

Burgerl hatte ihre Arme um den Hals des Großvaters geschlungen, das Köpfchen aber drehte sie zurück und sah ängstlich nach dem Vater und nach Magdalene. Diese hatte sich beim Kommen der Männer mit scheuem Blicke erhoben und stand nun mit schlaff herabhängenden Armen und sah vor sich auf den Boden.

„Leni,“ sagte der Grasbodenbauer leise und seine Stimme durchzitterte eine freudige Erregung, „sei du so grundaufrichtig gegen mich, wie ich’s gegen dich sein will! B’sinnst dich noch, wie ich g’sagt hab’, daß eine, die denkt wie ich, wenn s’ mich ernsthaftig lieb g’winnt, eh’ mir trotz mein’m Hof auf und davon rennen müßt?! Und dieselbe, die nämliche bist du! Denn was sonst möcht’ dich von da wegtreib’n?“ Er wies nach dem Bündel in der Ecke.

Leni tat einen Schritt zurück und streckte den Arm, als wolle sie das Bündel vor seinen Blicken decken.

„O, laugn’ ’s nit! Ich g’steh’ ’s ja auch freibrüstig und offen ein, wenn ich damals g’sagt hab’, ich wüßt’ nit, ob ich die Kurasche hätt’, d’selbe Ausreißerin z’ruckz’halten, heut, wo du vor mir stehst in all’n Stucken d’ Rechte und d’ Richtige, weiß ich’s wohl, daß ich dir nachlaufet bis ans End’ der Welt, und weil dös G’lauf -- Gott sei Dank -- nit nötig is, daß ich dich nit fort lass’! Da ist mein’ Hand, Leni, schlag ein und werd’ mein Weib!“

Sie sah mit leuchtenden Augen in die seinen, dann faltete sie die Hände vor sich. „Du tust mir eine große Ehr’“ -- stammelte sie, -- „du tust mir ...“ Da versagte ihr die Stimme, sie entfaltete die Hände und drückte die ausgespreiteten Finger gegen die Brust.

„Lenerl!“

„Nit, Kaspar!“ Sie wehrte ihn ab. „Ich muß dir voreh’ noch ein’s sagen; es is a hartfällige Aussag’ und wenn auch meinseits kein Verschulden dabei is, so könnt’s dich doch anders b’sinnen machen.“

„Dös nit! Nix nit und nie nit!“

„Übereil’ dich mit kein’m Wort, eh’ ich ausg’red’t und dir all das g’sagt hab’, um was du jetzt wissen mußt.“

„Burgerl,“ sagte der Bauer vom Hof auf der weiten Hald’, indem er den kleinen Finger in der Ohrmuschel schlenkerte und tat als ob er aufhorche, „Burgerl, hitzt scheint mir, pfeift uns all’n zwei der Vogel.“ Damit trug er das Kind zur Türe hinaus, die Treppe hinab, nach der unteren Stube.

Dort saß der alte Mann, hielt die Kleine auf seinem Schoße und beschwichtigte sie vorerst dadurch, daß er auf ihre immer wiederkehrende Frage, ob Leni wohl bleiben werde, jedesmal unverdrossen antwortete: „Freilich, freilich, bleibt sie! Versteht sich, daß s’ bleibt!“

Plötzlich hob Burgerl das Köpfchen und brachte ihren Mund seinem Ohre nah’. „Großvater, laß dir sagen, dann kommt wohl auch ein kleiner Bauer auf’n Hof?“

„Wohl, wohl,“ lachte der Alte unbefangen, dann aber zog er die Brauen zusammen und sah die Kleine von der Seite an. „Schau du,“ sagte er, „wie verfallst auf solche Fragen? Das laß du unterwegs. Du hast noch von nix z’ wissen.“

„Nein, Ehnl,“ sagte sie, dabei biß sie auf ihre geballte Faust und warf ihm einen Blick zu, vor welchem er hastig die Augen zur Zimmerdecke kehrte.

„Burgerl,“ sagte er nach einer Weile.

„Ja, Ehnl,“ sagte sie.

„Du weißt ’s vierte Gebot?“

„Ja.“

„Ah, nix nit, ja. Aufsag’n!“

„Du sollst Vater und Mutter ehren, auf daß du lange lebest und es dir wohl gehe auf Erden.“

„Brav! So laut’t ’s Gebot. Hitzt aber gib Achtung, Burgerl, hitzt werd’ ich a Frag’ tun, was d’ Auslegung angeht. Wann also d’ Leni dein Mutter wird, was bist ihr nach ’n göttlichen Vorschriften schuldig?“

„Daß ich s’ gern hab’.“

„G’fehlt! Von gern hab’n steht nix g’schrieb’n. Du sollst Vater und Mutter ehren, heißt’s, ehren! Verstehst? A wahrhaftige Achtung mußt ihr bezeig’n.“

Burgerl wendete den Kopf und zupfte an ihrer Schürze. „Hör, Ehnl, warst auch einmal in mein’ Jahr’n?“

„Was das für a Frag’ is! Meinst ’leicht, ich bin als alter Mon, wie d’ mich da siehst, af d’ Welt kämma?“

„Da hast wohl ’s nämlich’ Ansehn g’habt wie so ein Büberl?“

„Eh’! Wozu fragst denn so verquer?“

„Ich mein’, weil d’ selber klein warst, hast du mich gern, und weil ich groß werd’, ich dich.“

„Is recht, is ja recht, aber ’n Respekt nit vergessen.“

„Tu nit bös. Du bist ja doch mein lieber, lieber Ehnl.“ Die Kleine umschlang ihn mit beiden Armen und drückte ihn an sich.