Part 20
„Aber ich. Zwei Stunden, rechn’ ich g’ring, erspart uns der. Nimm mich mit, ich lenk’ dir dein Zeugl. Es verinteressiert mich eh’ kein klein wenig, die Dirn’ z’ sehen. Nimmst mich mit, -- abg’macht!“
Der Müller kraute sich hinter dem Ohre. Es war ihm verdrießlich, daß er so viel geplaudert hatte, und mit einemmal erschien ihm die Vergangenheit gar abträglich für sein Ansehen und die Zukunft sehr ungewiß. Mürrisch reichte er die Hand hin. „Komm halt mit. Aber das, was d’ heut erfahren hast und etwa noch erfahrst, das bleibt unter uns, grad so wie all’s früher Gewesene.“
„Das versteht sich,“ beteuerte der Wirt, „das versteht sich doch. Wir gehören alther zu einer verschwiegenen Bruderschaft, ’n Männern Hörner aufsetzen und ’n Weibern Stroh in d’ Zöpf’ flechten, das därf mer nit verlauten lassen, sonst könnt’ den einen einfallen, z’ stoßen, und d’ andern möchten uns in d’ Haar’ g’raten. Übrigens, du könnt’st mer’s übel eintränken, wenn ich über dich plauder’, brauchtest bloß mein’ Alte aufz’klären, daß ich nit der Ausbund bin, für den ich mich gib und für den sie mich nimmt; geg’n die spiel’ ich ’n Nachsichtigen und dös is ’s einzige, was mich ihr überlegen macht, wußt’ die erst, daß sie mir grad so viel vorwerfen könnt’, wie ich ihr, dann g’nad’t mer kein Gott und half mer kein Teufel! Komm, gehn wir durch d’ Kuchel. Schau dir’s an, mein Weib.“
Die Wirtin war ein kleines, kugelrundes, aber sehr behendes Frauchen, unter der ehrbaren Haube guckte ihr über den sorgfältig geglätteten Scheiteln ein widerspenstiges Haarschöpfchen hervor. Sie sah mit ihren großen, braunen, brennenden Augen den Müller aus Langendorf forschend an, der ihr als „lieber, alter, guter Freund und Ehrenmann wie unsereins“ vom Wirte vorgeführt worden war; während dieser in den Hof trat, um den Wagen instand setzen zu lassen, sprach sie laut und lebhaft mit dem Gaste, schlug ihm ein paarmal auf die Schulter und zum Abschiede faßte sie ihn mit beiden Armen über den Ellbögen, schüttelte ihn und hieß ihn, „sich bald wieder anschau’n lassen“.
Die beiden Männer stiegen auf und fuhren dahin.
Der Wirt plauderte lustig, er wies auf den augenscheinlichen Vorteil hin, in fremden Familien eigene Kinder zu haben, pries in überschwenglichen Ausdrücken die diesbezügliche Vorsicht seines Freundes und riß einen lockern Witz um den andern, so daß dem Müller zuletzt die ganze Fahrt wie ein guter Spaß vorkam und er nichts dagegen hatte, daß das Gefährt immer rascher des Weges auf Föhrndorf zurollte.
Als das Dorf in Sicht kam, fragte er einen Knecht, der längs der Straße auf dasselbe zuschritt, um den Hof des Grasbodenbauers; behend sprang er vom Wagen, als derselbe erreicht war, bat seinen Freund, nach dem Gemeindewirtshaus zu fahren und dort einzustellen, versprach, bald mit der Dirne nachzukommen, und trat durch den Torbogen ein.
Die alte Sepherl hatte den Wagen halten hören und war neugierig aus dem Hause getreten.
„Guten Abend,“ sagte der Müller, „dient die Reindorfer Leni wohl noch da bei euch?“
„Ei wohl, dieselbe dient da.“
„Ist sie fein anstellig und brav?“
„Mer könnt’ nit anders sagen, als daß sie das sein tät’,“ leitete die Alte ein, denn wenn ein Fremder jemand nachfragte, schien es ihr geboten, zu loben, das erweckte ja auch für das übrige Gesind’ ein günstig Vorurteil; sie stand im Begriff recht gesprächig zu werden, aber der Müller unterbrach sie:
„Wo find’ ich die Leni?“
„Im Garten,“ sagte sie kurz.
Der Müller stieß das Zauntürchen auf und betrat den Kiesweg. Er fand die Gesuchte mit Burgerl in der Laube sitzen. Er hatte die Dirne bisher gemieden, sie höchstens -- wo einer Begegnung nicht auszuweichen war -- mit flüchtigen Blicken gemustert, als er sie nun jetzt mit einemmal vor sich sah, schmuck, von den welligen Scheiteln bis zur Sohle der kleinen Schuhe, da wandelte ihn etwas wie Stolz an, sein Auftrag gefiel ihm je mehr und er fühlte sich auch den Mann, ihn auszuführen.
„Grüß Gott,“ sagte er hinzutretend.
„Grüß Gott,“ erwiderte Leni. Als sie aufblickte und den Müller erkannte, da wich die Farbe aus ihrem Gesichte und sie sah ihn mit großen Augen befremdet an.
„Dein Vater?“ fragte neugierig Burgerl, welche wohl die Erregung der Freundin merkte, aber falsch deutete.
Der Müller tat rasch einen vielsagenden Blick nach Magdalena, es hätte ihm Freude gemacht, sie verlegen zu sehen, aber auf ihr „Nein“, das so hart und schroff abweisend klang, wie er dem Mädchen nicht zugetraut hätte, senkte er wieder die Augen und sagte: „Ich bin nur ein Bekannter aus dem Orte, wo sie her ist.“ Und da er die Frage von dem Gesichte des Mädchens ablas, fuhr er gegen dasselbe fort: „Was ich dir will? Ich hätte was Wichtiges mit dir zu reden, tu mir den Gefallen und komme mit mir.“
„Ich weiß nicht ...“
„Aber ich weiß und mir liegt daran,“ erklärte bestimmt der Müller.
Da sah ihm das Mädchen starr in die Augen. „Du sollst deinen Willen haben,“ sagte es. „Gelt, Burgerl, du gerat’st[25] mich wohl für ein’ kurze Weil’ und gibst mir Urlaub? Ich bleib’ dir kein’ Minute länger weg, als not tut, und das wird nit lang sein. Gehn wir jetzt, Müller!“
Und so gingen denn die beiden über den Hof und dann über die Gasse, die kurze Strecke bis zum Gemeindewirtshaus, hastig, schweigend und getrennt, als schritte ein dritter zwischen ihnen einher. Bei ihrem Eintritte in die Gaststube, die sie ziemlich leer fanden, grüßte der Freund des Müllers vertraulich und maß Magdalene, die dem keck aufdringlichen Blicke verwundert mit zusammengezogenen Brauen standhielt. Sie setzten sich in einen Winkel, abseits von den wenigen Anwesenden. Der Müller ließ Wein bringen.
„Ich trinke keinen Tropfen,“ sagte Magdalene, dann nach einer Weile, als der Müller noch immer wortlos neben saß, fragte sie: „Was ist’s, das du mir zu sagen hast?“
Er seufzte schwer auf. „Du kannst dir denken, wie gar traurig es jetzt daheim bei uns auf der Mühle ist. Du wirst ja gehört haben von unserem armen Flori?“
Die Augen des Mädchens wurden feucht und dessen Rechte, die spielend das Glas umspannt hielt, glitt herab auf die Tischplatte.
Der Müller ergriff die Hand und drückte sie. „Nun haben wir alten Leute niemand mehr auf der Welt, der uns bekümmern möchte, als dich.“
„Als mich? Ich gehöre doch nicht zu euch.“
„Du gehörst, du sollst zu uns gehören, darüber denkt mein Weib nicht anders wie ich, es wär’ ihr ein rechter Trost, wenn du zu uns auf die Mühle ziehen möchtest.“
„Wohin denkst du! Ich sollte heim auf die Mühle, wo ich mich und andere allzeit erinnern müßt’ an die traurigsten Begebniss’? Das geschäh’ wohl jedem zum Herzleid und keinem zum Trost!“
„Red nicht unüberlegt. Die Zeit tut viel hinweg von aller Kränkung und drei tragen leichter an einer als zweie. Ich nehm’ dich als eigen an, und ich denk’, was ich dermaleinst nachzulassen hab’, wär’ nicht zu verachten.“
„Weiß mein Vater darum?“
„Wer?“ Der Müller blickte erstaunt auf. „Ja so, du meinst den alten Reindorfer. Nun, von ihm aus möchtest du all dein Lebtag ein armer Dienstbote verbleiben, und ich glaub’, wenn er von meinem Vorhaben hört, so wird er deinem Glück nicht in den Weg treten.“
„Das säh’ ihm wohl gleich. Aber meinst du nicht, daß dem alten Mann dabei hart und weh’ geschehen möcht’?“
„Warum denn auch?“
Die Dirne atmete hoch auf, sie blickte scheu um sich, weil sie mitten unter fremden Leuten saßen, und zum erstenmal sollte sie, was ihr das Herz preßte, nicht laut heraussagen dürfen; sie neigte sich etwas über den Tisch. „Frag nicht warum, ich kann da nicht reden. Ich verlass’ den Vater nicht.“
Der Müller schüttelte mißbilligend den gesenkten Kopf. „Nenn’ ihn nicht immer so, du weißt gar wohl, wer es dir ist und magst es jetzt auch verspüren. Handle ich nicht schön an dir?!“
„Nachträglich.“
Da schlug der Müller mit der flachen Hand auf den Tisch. „Dirn’,“ sagte er aufbrausend, „da säßest du nicht und könntest nicht so in den Tag hineinreden, wenn ich nicht wär’!“
„Wohl. Es wär’ ein schwermächtiger Unsinn, wenn ich sagte, ich vermöchte, eines andern Kind, ebenso da zu sitzen, die ich bin, auch ohne dich; aber ich dank’ dir nicht für mich. Wie ich geworden bin, ist doch nicht dein Verdienst, und das Leben allein ist das Wenigste, das ihr einem geben, und das Geringste, das man euch schulden kann, schon eines, das ehrlos und verlassen zur Welt kommt, mag sich des Dankes für quitt halten, aber ich -- wär’s lieber nie geschehen, -- bin wider Ehr’ und Recht gekommen, du hast mir die Mutter elend gemacht und den mir liebsten Menschen auf der Welt gekränkt, ich kann kein Herz zu dir fassen.“
Der Müller blickte nicht auf, als er jetzt leise sagte: „So magst du reden, wo doch in weiter Welt selbst das Tier -- das Tier -- das eigene Blut anerkennt?!“
„Beruf dich nicht darauf, Müller. Was auch die Leute schwätzen von verwandtem Blut, das ordentlich aufsieden müßt’, wenn sich Kind und Eltern, auch ungekannt, zusammenfinden, es ist doch nur gefabelt, aber für allzeit wahr bleibt Dankbarkeit und Lieb’ -- nicht für den, der einmal Vater gewesen war --, sondern für den, der es auch immer geblieben ist!“ Sie erhob sich vom Sitze. „Und das ist mir der alte Mann bis auf den heutigen Tag. Ich heiße nicht nur, ich bin auch Reindorfers Magdalen’, und das erlebt er nie, daß ich mich von ihm abwend’ und dem zulauf’, der vielleicht der einzige auf der Welt ist, den er nicht leiden kann. Wie ich auf die Welt gekommen bin, hab’ ich ihn gekränkt, das war unverschuldeterweis’, verschuldeterweis’ kränk’ ich ihn, seit ich bei Verstand bin, nimmer, auch um deine Mühl’ nicht und hätt’ sie sieben Gäng’ und mahlte pur’ Gold!“
Der Müller hielt sie an der Hand zurück und sagte, jedes Wort aus der beklommenen Brust heraufholend: „Wohl -- d’ mein’ hat nur zwei und mahlt Korn -- doch überleg’s -- ’s könnt’ dich reu’n.“
Sie preßte die geschlossenen Lippen fester gegeneinander, riß sich los, schritt aus der Gaststube und eilig, ohne umzublicken, die Straße dahin.
Da überleg’, wer jede Sorge fürchtet und harte Arbeit scheut. Sie läßt sich dem Vater nicht wegkaufen, den hat sie über Sorge und Arbeit alt werden sehen, sie fürchtet nicht die erste und scheut nicht die letzte, sie ist Reindorfers Magdalen’ und sie bleibt es!
Wie gern hätte sie den Vater zur Stelle haben oder sich gegen jemanden aussprechen mögen, an dessen Meinung ihr gelegen war, etwa gegen den Grasbodenbauer! Aber das ging doch nicht an. Sie horchte auf den Schall ihrer Tritte, unter welchen die Sohle des einen Schuhes knarrte, und wie sie so stramm ausschritt, da klang es ihr ganz deutlich: „Recht -- ge -- tan! Recht -- ge -- tan -- --“
Der Müller warf die Zeche auf den Tisch.
Sein Freund trat hinzu. „Ein Kernmädl, das, ohne dir z’ schmeicheln. Schad’, daß d’ d’ Freud’ daran ein’m andern überlassen mußt. Begreif’s, du möcht’st gern die auch noch, aber, lieber Freund, der Mensch muß nit alles woll’n!“
Sie stiegen auf und fuhren davon.
Gar bedächtig trottete das Rößlein an dem Gehöfte des Grasbodenbauers vorüber, aber hinter keinem Fenster, unter keiner Türe, um keine Ecke zeigte sich, was der Müller zu sehen hoffte; da senkte er den Kopf, starrte vor sich hin und kargte mit den Worten, kein Witz des lustigen Wirtes verfing mehr, so daß dieser gar bald auch verstimmt und verstummt dasaß und erst, als sie der Kreisstadt nahe kamen, aufatmete.
„No sind wir gleich heim,“ sagte er, „und da trinken wir eins und da spülst all den Gift, Gall’ und Ärger h’nunter.“
„Dagegen half freilich ’s Trinken, aber geg’n das nit,“ sagte seufzend der Müller, „was mich bedrückt. Ich mag gar nit einkehr’n.“
„Was, nit ’mal einkehr’n, in d’ Nacht h’neinfahren willst?“ rief der Wirt. „No, weißt, ich red’ dich nit ab, ich sieh’s, mer muß dir dein’ Willen lassen, mit dir is nix anz’fangen; aber da halt’ dich jetzt auch nur der Straße nach, ich find’ mein’ Weg, d’ Stadt h’nein, schon z’ Fuß. B’hüt Gott!“
Der Müller hielt an, der Wirt sprang vom Wagen. Beiden war es lieb, einander loszuwerden.
Das Gefährt rädelte langsam in der immer lautloser werdenden Gegend dahin, und der Mann, der gesenkten Hauptes auf dem Kutschbocke saß, seufzte oft schwer auf.
* * * * *
„Wenn man jung ist, da drängen sich Freundschaft und Lieb’ an einen heran und wenn man sie gleich im Übermut mißbraucht, aber schier meine ich, sie merken sich’s, und wenn man alt und vereinsamt danach sucht, dann bleiben sie weg!
Hinterher gilt kein Besinnen, da tritt alles Elend, worauf man keinen Gedanken gehabt, einem wahr und leibhaftig entgegen. Wie gut tun die, die sich von dem Halunken, der in unser jedem steckt, nicht kitzeln, nicht zu schadenfrohem, bübischem Tun reizen lassen, die ihn unterducken und in dem verschwiegensten Winkel der Brust versperren, daß er da verdirbt und verdorrt. Wie wohl mag denen sein, die niemandem weh getan!
Wenn nicht heut’, sicher morgen, schreibt die Dirn’ dem Alten, daß sie nicht von ihm gelassen hat und nicht von ihm läßt, nicht um eine Mühle mit sieben Gängen, die pur’ Gold mahlt! Und er mag -- er muß wohl seine Freude an ihr haben. Wer nicht, der eines so mit Leib und Seele sich anhangen weiß?!
Der Mensch muß nicht alles wollen.
O, nur eines wollte ich, daß ich den Reindorferhof all meine Tage mit keinem Auge gesehen, mit keinem Fuße betreten hätt’! Wir gingen uns jetzt nicht gott- und weltverlassen daheim unter den Augen herum, mir wäre nicht, wenn meine Alte herankommt oder sich wegschleicht, als gäbe sie mir an allem Schuld, mag sein, sie denkt nicht daran, aber mir ist so -- mir ist so, sie mag kommen oder gehen!
Falsch’ Glück hat mich nach dem Ort gelockt, wo mich der Jammer in die Arbeit genommen, und er wird nicht früher ablassen, bis er mit mir fertig ist, es soll nichts hinzu, was ihn mindert. Was tut’s? An allem liegt nicht viel und an mir wenig. Wart’ es ab, länger wie ich kann es nicht dauern, und das ist nimmer lang!“
* * * * *
Die Müllerin fragte ihn bei seiner Rückkehr nicht, was er ausgerichtet, und eine Zeit darauf sagten die Leute: „Dem Müller merkt man’s wohl an, ihn freut’s nimmer.“
20.
War die erste Mahnung an die Heimat, unter welcher Magdalenens Herz schmerzhaft zusammenzuckte, wie ein plötzlicher rauher Riß, der die kaum verharschte Wunde aufs neue bloßlegte, so war die zweite -- die Begegnung von dorther -- brutal, aber heilend wie ein chirurgischer Eingriff, der sie wieder schloß. Jene waren tot, vor deren Begegnen, selbst in ihren Gedanken und Träumen, sie sich ängstigte, weil ein Wirrsal zwiespältiger Gefühle auf sie einstürzte, jetzt konnte sie mit ihnen in wehmutreicher Erinnerung verkehren und ihnen jedes liebende Anrecht auf sich einräumen, desto schroffer mußte sie den Anspruch auf ein solches von seiten des Müllers zurückweisen, dem sie immer ferngestanden hatte und dem nahezustehen sie sich nicht denken konnte, ohne daß er ihr all dies Erinnern und Empfinden verderbte und befleckte.
Wenn eine Wunde verharscht, dann bleibt freilich eine Narbe, aber wie man die körperlichen danach beurteilt, ob sie durch ein Gebrest entstanden, oder von persönlichem Mute zeugen, so auch die seelischen, und nicht nur jenen, die im Schlachtgewühl der Gefahr trotzten, auch den tapfern Seelen, die mutig im Kampfe des Lebens sich bewährten, stehen Narben schön.
* * * * *
Seit auf dem Grasbodenhof der Bauer und Magdalene wußten, „daß sie einander nichts wollten“, hatten sie bei jeder Gelegenheit, die sich schickte, die sie nicht suchten, noch ihr auswichen, einen freundlichen Gruß, oder ein kurzes, munteres Wort. Gleich nach der entscheidenden Auseinandersetzung meinte der Bauer ein rechtes Einsehen zu haben, indem er es vermied, fürder mit der Dirn’ und Burgerl allein auf seiner Stube zu mahlzeiten; er führte die alte Sitte wieder ein und aß gemeinsam mit dem Gesinde in der unteren Stube. Da, wenn alle durcheinander schwatzten, ließ er sich auch in ein halblaut geführtes Gespräch mit Leni ein, wobei es oft geschah, daß beide plötzlich aufhorchten, sich allein reden hörten und aller Augen auf sich gerichtet sahen, dann verstummten sie und wurden verlegen und wußten nicht warum, und die halbblöde Traudel schlug dann jed’mal ein Gelächter auf. Das war dumm. Sie gaben sich daher bei Tisch und vor dem Gesinde nur Gruß und kurze Reden und versparten die rechte Ansprache für unter sich, und sie redeten sich so gut und leicht, während sie im Garten den Baumgang auf und nieder schritten. Freilich hätten sie merken können, daß, seit sie außerm Gesicht des Gesindes sprachen, dieses damit hinter ihrem Rücken anhob, aber sie hatten es nicht acht, wenn sie plötzlich in irgendeiner Ecke auf ein Paar stießen, das bei ihrer Annäherung mit einmal im Texte nicht weiter wußte.
So schritten sie denn über den Kiesweg dahin und es begannen unter ihren Füßen die welken Blätter zu rascheln und vom Rasen hingen die bereiften, dürren Halme nieder und dann starrten die nackten, kahlen Äste über ihnen, die Schneeflocken fielen und die weiße, flaumige Decke behielt die Fußstapfen auf.
Der Weihnachtsabend kam und der Bauer stellte sich bei Magdalenen mit Geschenken ein, über welche das ganze Gesinde kopfschüttelte. „Alles was recht is! Was eines verdient und sich zu ihm schickt, das soll ihm vergönnt sein; aber hat er der Dirn’ nit ein Sonntagsspenzer und obendrein ’s Zeug zu ein’ Rock h’naufgenötingt, wie ihn rundum schöner und reicher kein’ Bäu’rin tragt?“
Am Morgen nach der heiligen Nacht, als außen die Morgensonne über dem glitzernden Schnee aufstieg und das Herdfeuer in der Küche prasselte, sagte die alte Sepherl, indem sie sich bückte und einige Reiser auflas, ohne zur Angeredeten aufzublicken: „Na, Leni, du kannst wohl mit deiner Christbescher z’frieden sein.“
„Wahrhaftig, Sepherl,“ sagte treuherzig die Dirne, „ich weiß nit, wie ich dazukomm’.“
Die Alte richtete sich auf und sah dem Mädchen ins Gesicht. „So? No, mein’sweg’n, jetzt glaub’ ich dir noch, aber wann d’ nit in Unehr’n davon erfahren willst, so schenk du mir auch Glauben, wenn ich dir sag’, der Bauer hat’s auf dich abgesehen.“
„Geh weg,“ lachte Leni, „dazu is er z’viel vernünftig!“
Sepherl wandte sich brummend ab und störte im Feuer.
Plötzlich schattete es im Türrahmen. Der Großknecht Heiner hatte sich im Flur breit hingepflanzt. „Guten Morgen, Sepherl,“ rief er. „Guten Morgen, Dirn’! Neujahr is vor der Tür, verlaubst schon, daß ich dir gleich heut mein Sprüchel aufsag’. Ich wünsch’ dir nur, daß d’ es ebensogut triffst, dir ’n Bauer vom Leib z’ halten, wie unserein’n.“
Leni trat auf ihn zu. „’s selb’ hat’s auch gar nit not, daß d’ es weißt,“ sagte sie trotzig. „Er will mir nix nit.“
Heiner tat einen langen, halbleisen Pfiff.
„Sie meint,“ sagte Sepherl, indem sie die Schultern in die Höhe zog, „dazu wär’ er z’viel vernünftig.“
Der Knecht schlug ein kurzes Gelächter auf.
„Wohl, weil ihr ihn nit kennt, wie er is,“ sagte Leni, der die Zornröte ins Gesicht stieg.
„Brauchst dich über ein’ ehrlichen Rat nit zu erbosen und rot z’ werden wie ein Biberhahn,“ sagte Heiner und schritt hinweg, hinaus in den Garten und folgte dort den breiten Fußspuren im Schnee, bis er am anderen Ende auf den Bauer traf, der in das weite Feld hinausstarrte und seine Morgenpfeife qualmte.
„Guten Morgen, Bauer!“
„Auch so viel, Heiner. Frisch is ’s heut.“
„Frisch is ’s.“
„’s macht der viele Schnee, aber das is ’n Feldern recht und ’m Menschen g’sund.“
„Wohl, wohl. Aber laß dir sagen, Bauer, jetzt mein’ ich schon, ich hätt’ mich bei dir vom Anfang an recht gut auskennt und was mer ein’m andern nit vergunnt, drauf hat mer selber a Schneid’.“
„Red’tst übernächtig? Was hätt’ ich dir nit vergunnt?“
„No, hast mich ’leicht nit vom Hof gehn g’heißen, wann ich mit der Dirn’, der Leni, was anfang? Und bei mir hätt’ sich doch all’s noch in Ehr’n schicken können, wozu führt’s denn aber bei dir?“
„Was red’tst denn für narrisch Zeug? Es is doch da gar nix zu Weg, daß ’s wohinzu führen müßt’! Ich will doch, gottswahrhaftig, nix mit der Dirn’.“
„Aber, du mein Gott,“ sagte Heiner, indem er die herabhängenden Hände ineinanderfaltete und den Bauer mit weitgeöffneten Augen anstierte, „dann treibst doch mit ihr a ganz verfehlt’ Wesen! Welche Dirn’ möcht’ sich da keine Gedanken in’ Kopf setzen?!“
„Dazu is die viel z’ g’scheit,“ sagte der Bauer.
Heiner öffnete die gefalteten Hände und ließ die Arme am Leibe herunterbaumeln, während er seitwärts nach der Krone eines Baumes aufblickte.
„Na, sei nit dumm,“ sagte ärgerlich der Bauer.
Da kam die Sepherl herangeschritten. „Laßt nit warten,“ sagte sie, „die Schüssel steht af’m Tisch.“
Der Bauer schritt voran.
„Hör, Bauer,“ sagte die Alte, die einen Schritt hinter ihm nachtrippelte, „der gestrig’ heilige Christ, laß dir sag’n, der war all’s z’viel; magst ’s ja gut meinen, aber glaub mir, du tust dir und der Dirn’ nix Gut’s damit, wann du s’ einbilderisch machst.“
„Dazu, meint der Bauer, wär’ dö viel z’ g’scheit,“ sagte trocken Heiner.
Der Bauer wandte sich hastig nach den beiden um und sagte zornig: „So mein’ ich, und ich bin’s nit gewohnt, daß auf mein’m Hof ein’s anders meint, wie ich!“
Großknecht und Altdirn’ blieben eine Weile an der Stelle stehen, dann folgten sie in gemessener Eile und Entfernung; sie lüpften die Schultern, hoben die Hände mit ausgespreiteten Fingern und strichen sich über die Scheitel und führten so eine stumme aber beredte Sprache verblüfften Verwunderns.
Verstimmt trat der Bauer in die Gesindestube und an den Tisch. Er und Leni grüßten sich befangen. Es sollte aber noch ganz anders kommen!
Burgerl saß, wie gewöhnlich, zwischen den beiden, und als alle eifrig die Löffel handhabten, -- wer darauf hielt, besaß seinen eigenen -- stieß sie leise mit den Ellbögen rechts und links an und sagte: „Jesses, ich hab’ eure Löffel verwechselt.“
Leni legte den ihren sofort neben den Teller des Bauers.
„Könnt’st auch aufschau’n, dumm’s Ding,“ murrte der, zu Burgerl gewendet, goß die Milchsuppe in den Teller zurück und reichte den Löffel hinüber.
Burgerl zog die Kniee an sich und schlang die Arme darum, so kauerte sie eine kleine Weile, dann blickte sie auf mit Augen wie ein Kobold, der sich eines gelungenen Streiches freut, und sagte: „Jetzt schmeckt’s besser.“
Der Bauer stieß ein paar kurze Laute aus, die er gerne als das Lachen eines Unbefangenen an den Mann gebracht hätte, als er aber Leni vor Verlegenheit bis unter die Haarwurzeln erröten sah, blickte er so wild um sich, daß allen das Lachen verging bis auf Traudel, die Stalldirn’, die denn auch der Bauer anfaßte und zur Türe hinauswarf.
„Vermaledeiter Saufratz!“ schrie er und hob den Arm gegen Burgerl. Keines auf dem Gehöft erinnerte sich, ihn je so zornig gesehen zu haben. Erschreckt schlang Leni beide Arme um das Kind und riß es an sich.
Er ließ den Arm sinken und sprudelte stoßweiße heraus: „Dank’s der Len’! -- Aber das laß dir g’sagt sein -- nur einmal noch -- nur einmal -- in der Weis’ -- spiel’ du vernünftigen und g’scheiten Leuten mit! -- Nur einmal!“