Part 19
„Na, und mir wär’ hitzt kein kleiner drauf, wann ich anders g’red’t hätt’, als ich’s mein’,“ lachte der Bauer. „Aber demselben setz’ ich mich nit aus, das wär’, als trät’ mer in ein Fuchseisen und könnt’ ein’ klemmen, daß’s schier z’wider wurd’; lieber bin ich aufrichtig! ’n Weibsleuten gegenüber halt’ wohl mancher, der sonst der Wahrheit nit feind is, a Lug’ für erlaubt, vermutlich weil er denkt, die reden auch gern feine Wort’ durch die Reuter[23] und behalten das Grobe für sich; aber ich hab’ mich mein’ Tag’ nit dazu verstehen können, anders zu sagen, als wie mir ums Herz ist, oder wie mir nicht ist, und seit meiner Bäu’rin Tod -- Gott tröst d’ arme Seel’ -- hab’ ich mich gehüt’, einer ein gut Wort zu geben, obwohl mir, wie schon der Welt Brauch ist, d’ erste Zeit danach mehr als ein’ Saubere und Wohlhäbige selber freundlich unter d’ Augen ’gangen, oder von andere nahgeruckt worden ist. D’ Leut’ hat’s freilich wunder g’nommen, daß ich, noch in schönsten Monjahr’n, Witiber verbleib’, aber sie hab’n sich’s derweis z’rechtg’legt, ich tät’s der Burgerl wegen; soweit richtig, ’m Kind ein’ Stiefmutter geb’n, is all’weil ein’ gewagte Sach’, denn einer solchen wird all’weil ’s eigene Kind lieber sein wie’s fremde, und dann gar eine ausz’finden, die sich dazu verstanden hätt’, mein arm’ siech’ Hascherl rechtschaffen zu betreu’n -- --, ich hab’ nach keiner g’sucht! Aber laß dir sagen!“
Er faßte Magdalene an der Hand und leitete sie ein paar Schritte, dann ließ er sie los und sie gingen nun, nebeneinander her, den Kiesweg auf und nieder.
„Nit allein der Burgerl willen war’s! Mein Gott, wenn einer weibsnarrisch is, so schwätzt sich ihm bald eine hinauf, red’t ihm all seine Bedenken aus, meint’s wohl selber ganz ehrlich dabei und z’letzt nehmen’s gar noch d’ Kinder zur Ausred’, daß’s wieder heiraten müßten z’weg’n dö! Nach der Hand weist sich wohl da und anderswo, ’s Versproch’ne war nur verred’t. Bei mir hat’s in derer Hinsicht kein’ G’fahr g’habt, denn mich hat der Ehstand weibsscheu g’macht. Ja, schau nur wunderig, es is nit anderst. Wann ein’s, so rechn’ ich dich zum Haus g’hörig, ich hab’ dir schon einmal vertraut, wovon zwar alle g’wußt hab’n, aber z’ fürchten war, sie bemengen dir ’s Wahre mit Lug’n, hitzt aber will ich dir anvertrau’n, wo niemand drum weiß, als ich allein, nit mal der doch der Nächste dazu wär’, mein Schwiegervater; d’ andern, die s’ noch ang’gangen is, sein schon aus der Welt. Z’erst hab’n auch nur dieselb’n davon g’wußt, nachtraglich hab’ ich’s erfahren, hätt’s umkehrt sein mög’n, ’s wär’ besser g’west für mich und, denklich, auch für ein anders!
Auf mein’ Vater kann ich mich nit entsinnen, ich war noch z’ klein, wie mir der verstorb’n is, ich kenn’ nur mein’ Mutter; auf die bin ich nit wenig stolz g’west, das war ein groß’, stark’, bildsaub’res Weib, ehrbar und herrisch, geg’n die hat sich keiner mucken dürfen, die hat af’m Grasboden g’haust und g’schafft über ein’ Mann, und d’ Leut’ hab’n ihr nachg’sagt, sie hätt’ auch Verstand wie ein solcher, mag ja sein, is oft wenig g’nug damit g’sagt, g’wiß is, sie wollt’ mit’m Verstand auch in Sachen aufkommen, wobei nie keiner war, so lang d’ Welt steht.
All’s war bei ihr schön g’nau ein’teilt und vorg’sehn af Tag’, Wochen, Monat’, ja af Jahr’ hinaus, sie hat ’n Kalender nit nur der heiligen Zeiten wegen aufblattelt, auch ’s Obstbaumstutzen, Rubenstecken, ’s Kalben der Küh’ und d’ Säumast hat sein afg’merkte Zeit g’habt, und wie endlich dö kämma is, wo ich zun Verheiraten war, durft’ mer’s nit verabsäumen und schon Ordnung halber mußt’ ich auch verheirat’t werd’n.
Natürlich hat sich mein’ Mutter um ein Weib für mich umg’schaut, dagegen wär’ nix z’ machen g’west, wenn ich auch gewollt hätt’, aber von den Dirnen hat mir’s noch keine angetan g’habt und denen gegenüber war ich der Ungeschickt’ und verstund mich nit af das Spaßen, aus dem mer g’legentlich Ernst macht, und so war’s mir nit z’wider, daß d’ Mutter selb’ Sach’ af sich g’nommen hat und ich hab’ all’s Zutrau’n zu ihrer G’scheitheit g’habt. Die hat sich’s Suchen leicht g’macht. Kein’ Arme, G’ringe wär’ ihr nit zu G’sicht g’standen und uns gleich war niemand in der Gegend als in Hinterwalden der Bauer vom Hof auf der weiten Hald’, daß dessen einzig’ Kind just ein’ mannbare Dirn’ war, hat sich mein’ Mutter für ein günstig Zeichen ausdeut’t und die Haldhofbäuerin hat nur recht und billig g’funden, daß kein anderer wie der junge Grasbodenbauer ihr’ Lois heimführt. Gescheite Leut’ halten sich ja in ihr’n Tun wohl gern an g’scheite Sprüch’ und einer von dö g’scheitesten dünkt ihnen: gleich und gleich gesellt sich gern, und da danach g’sell’n’s oft zwei Leut’ z’samm’, dö nit ungleicher sein könnten. Aber wo mal zwei alte Weiber über so was eins sein, da haben’s hundert Kniff’ für ein’, daß ’s zwei so blutjunge Füllen, wie ich und mein’ Weib damal, wenn gleich eins hüst und ’s andere hott will, doch in ein G’schirr spannen!
Wie wir ’m Bauer vom Hof af der weiten Hald unsern ersten B’such g’macht hab’n, da war ich in mein’ Sunntagstaat, kein Stäuberl, kein Falterl, kein Spritzerl von Kopf bis zun Fuß, mein’ Mutter hat während der Fahrt die Aug’ngläser nit von der Nasen ’bracht; d’ Lois aber hat sich im Werktagg’wand betreffen lassen, natürlich, sie mußt’ ja auch gleich als brave Hausnerin belobt werd’n, sie hat aber so ein reinlich und nett’ Ansehn g’habt, daß mer wohl g’merkt hat, die ist auch von ihrer Mutter dazu herausputzt g’west. Allzwei war’n wir wie aus’m Schachterl g’hob’n. Na, unfreundlich konnt’ die Dirn’ mit mir nit sein, das wär’ doch nit gut angangen geg’n ein’ Gast, und so sind wir halt randweis ich von meiner Mutter und sie von der ihren zun Reden ’bracht worden und schließlich hat’s mir ganz gut an ihr g’fall’n, daß ’s nit weniger verlegen g’west is wie ich. Sauber war’s und kein Wunder, wie wir uns zum Abschied d’ Händ’ gereicht hab’n und ich mir sie daraufhin ang’schaut hab’, wie bisher noch kein’ Dirn’: dö könnt’ dein sein, daß mir da mit einmal ganz eigen word’n is!
Na und drauf is daheim kein Tag vergangen, wo nit d’ Mutter in all’m Guten und Schön’ von der Lois g’red’t hätt’, und so, schätz’ ich, wird’s wohl auch d’ Haldhofbäuerin meiner weg’n g’halten haben und wär’ was Wahr’s d’ran, daß ein’, von dem fern wo die Red’ is, der Schnackerl[24] stößt, so müßt’n mer damal allzwei dran z’ Grund ’gangen sein.
Acht Tag’ danach hab’n die von Hinterwalden uns ’n Gegenbesuch g’macht. Da mußt’ ich ’n Hausnerischen vorstell’n, durft’ in Tagwerkg’wand herumstehn, aber beileib’ nit wo Hand anleg’n, daß ich mich nit schmutzig mach’. Dösmal war d’ Lois im Putz und da is ’s mir so schön und lieblich vorkämma, gar keiner Dirn mehr gleich, als ob’s schon ein’ junge Bäu’rin wär’ und d’ säuberste und rarste dazu! Wie ’s g’merkt hat, daß mer der G’fallen an ihr noch mehr d’ Red’ verlegt wie ’s erste Mal, is sie mit eins freundlich und g’sprächig word’n, und nun hab’ ich mich freilich ganz täppig g’fühlt geg’n ihr und manchmal hat mir g’schienen, sie wußt’ wohl auch mehr, als sie Red’ gibt, aber ’s is mir damal schon g’sagt word’n, in den Stücken wär’n d’ Weibsleut’ von klein auf so findig, wie nie unsereiner. Kurz, von Stund’ an war ich so verliebt wie a Marzikater und da ich lauthals ja g’schrie’n hab’ und sie nit nein g’sagt hat, so hat sich in kurzen alles g’schickt. Sechs Wochen drauf hab’ ich’s vom Altar wegg’führt und sie hat dabei g’weint wie nit g’scheit. D’ Leut’, die neb’ng’standen sein, hab’n wohl g’sagt: A weinende Braut, a lachet’s Weib, und wie jede weinen tät’, denn von Eltern weg ein’m Fremden zugehn, wär’ a schwerer Schritt, und ’s tat sich nit allein um’s Abg’wöhnen, sondern auch um’s Ang’wöhnen handeln, und was der’ Reden mehr sein, ich aber hab’ mich gleich nit recht dreinfinden können; wann mer freudig mit ein’m geht, is doch kein Anlaß zum Weinen, und geht mer unfreudig, so lieber nit. Und seither, wann ich eine seh’ plärrend aus der Kirch’ weggehn, denk’ ich mir mein Teil.
So hab’ ich denn mein’ Bäu’rin af’m Hof sitzen g’habt und dö mich af ihrer Kittelfalten, denn d’ erst’ Zeit hab’ ich g’meint, der Tag langt nit für das, was ich ihr Lieb’s, Gut’s und Schön’s sag’n und erweisen möcht’. Sie hat mir’s aber nit in Gleichem heim’zahlt, oft hat’s mich von ihr wegg’schob’n oder gar gehn g’heißen; ich aber hab’s der Scheu zug’schrieb’n, die man ja auch ’n Weibsleuten nachsagt, oder ihrer Wirtschaftlichkeit, der z’folg sie mich lieber an der Arbeit hätt’ sehn mög’n, denn freilich, Schöntun bringt nichts herein. Na, dadrauf hin hab’ ich g’meint, es stünd’ mir auch nimmer an, daß ich ’n Aufdringlichen mach’, oder mich zur Arbeit mahnen lass’, und war nit mehr so zutatig, wie ’m Anfang, doch is mein’ Lieb kein Bissel minder g’west, nur deren Bezeigen halt. Na, aber jetzt schau, kaum hat sie g’merkt, daß ich mich änder’ -- wobei ich doch ’glaubt hab’, daß ihr’s z’ G’fallen g’schieht --, so verdrießt’s dös nit wenig, sie is sich auch nit gleich ’blieb’n, und war’s früher z’wider, so is’s von Stund’ an wild g’west. Na, dadrein konnt’ ich mich wieder nit schicken. Zum Sackra h’nein, tu’ ich so, is’s nit recht und anders auch nit, und Mann und Weib war’n wir einmal, dös kann doch ’s eine nit wie aus Gnad’ sein und verlangen, daß sich’s andere eine draus machen müßt’! Freilich, anfangs, wie mein’ Bäu’rin ang’hob’n hat, mir mit ung’schliff’ne Wörter zuz’steig’n, da hab’ ich die still hing’nommen. Aber man denkt nit, wie ein Weib beharrlich is und was ’s all’s aufwend’t, um ein’ Mann in Gunst oder Ungunst zum Reden z’ bringen, da laßt keine locker, bis er in Gutem oder Bösem laut h’rausbellt; es muß ihnen ornd’lich leichter g’schehn, wenn’s ein’ so oder so, aus Lieb’ z’ ihnen oder aus Ärger über sö, ganz unb’sinnt machen, ob mer ihnen Schön’s oder Schiech’s sagt, aber g’sagt’ muß’s werd’n, h’raus muß’s, hör’n woll’n sie’s! Na, und da hat mich halt die meine schließlich auch dazu ’bracht, daß ich ihr Red’ gib, und d’ Wartlerei is angangen. ’n Tag über hat sie sich g’scheut, -- der Leut’ wegen! O, ich sollt’ noch mehr hören, was der Leut’ wegen g’schehn und unterblieb’n is! Aber nachts haben wir g’stritten, manchmal bis zum ersten Hahn’nschrei, und war ihr’s erst drum z’ tun, daß ich aufbegehr’, so war ihr’s jetzt, daß sie mich niederkriegt. Na, da hat’s mir denn in einer Nacht auf’n Kopf zu g’sagt -- worüber mir wohl der Atem ausg’blieben is und ich g’meint hab’, ’s Herz müßt’ mir mit einmal still stehn, -- daß sie ihrseits niemal a Lieb’ zu mir g’habt hätt’, noch haben könnt’, daß s’ mit Herz und Sinn ein’m andern zug’tan war, ein’m armen Hauerssohn nah’ von ihr’m Ort, zu dem sie sich noch ’n selben Abend vor unserm Hochzeitstag g’flücht’ hätt’, bis dö zwei alten Weiber, d’ ihr’ Mutter und d’ mein’, sie mit G’walt von dort heimg’holt hätten. Natürlich hab’n dö Alten dasselbe Stückl nie laut werden lassen, der Leut’ wegen, und d’ Hochzeit durft’ ’n Morgen drauf nit unterbleiben, auch der Leut’ wegen!
Versteh’ mich recht, Leni, ich sag’ nit, es hätt’ a Unehrbarigkeit zwischen den Zweien stattg’funden, dazu war d’ Lois a zu stolze Dirn’, ob sie aber auch als Bäuerin stolz verblieben wär’, das weiß nur der liebe Gott allein! Der Bursch’ is bald dran zun Militär abg’stellt word’n, mußt’ ins Feld rucken und is verschollen. Vor er aber ’gangen is, wußt’ er meiner Bäuerin ein’ Abschiedsbrief zuz’stecken, und denselben hat’s mir z’letzt noch fletschmäulig als Trumpf unter die Augen g’ruckt; af’m Herzen hat’s den Wisch liegen g’habt, worunter s’ z’ selb’n Zeit mein Kind ’tragen hat, denn sie ist just damal mit der Burgerl schwanger ’gangen.
Wahrhaftig’n Gott, ich brauch mich nit z’schamen, wenn ich’s sag’, da hab’ ich mich hinumg’wend’t, das G’sicht in die Pölster druckt und zun Weinen ang’hebt wie ein Kind. Das hat’s wohl stutzig g’macht, nach einer Weil’ hör’ ich’s auch schluchzen, mir hat’s gleich ’golten, sie hätt’ ebenso gut lachen und sich freuen mögen. Vermutlich hat sie ’s Eing’ständnis g’reut, daß d’ Haldbauer-Lois auch auf ein’ Bub’n ein Aug g’habt hätt’; mit einmal beugt sie sich über mich und sagt mit ein’m Maul, wie d’ Katz’ Milch leckt: „Kaspar, ’s is ja alles nit wahr!“ Daß ich sie da nit von mir g’stoßen, mich nit an ihr vergriffen hab’, davor hat mich nur d’ himmlische Gnad’ bewahrt, die mich ihr’n Zustand nit hat vergessen lassen.“
Bisher war der Bauer mit ziemlich raschen Schritten laut sprechend und lebhaft gestikulierend, den Kiesweg entlang auf und nieder geschritten, jetzt hielt er plötzlich inne und schöpfte tief Atem, ehe er mit gedämpfter Stimme fortfuhr:
„Magst dir wohl denken, was wir von derselben Nacht ab für ein Leben geführt haben? Schön- und falschtuerisch vor ’n Leuten, stumm, trutz’ und ärgerlich, wo wir allein verkehrt haben. Und doch sind Tag’ g’west, wo d’ Bäuerin auch unter vier Augen von ein’m Bezeigen geg’n mich war, als säh’ s’ ihr Unrecht an mir ein, und fing’ an, es aufrichtig mit mir z’ meinen. Da hab’ ich oft gedacht, sollt’st doch ’s Vergangene vergessen, ’s is ja all’s nur ein Unsinn. Heut und morgen geht dir nah, mit ’m gestern quält sich eins nur selber. ’s wär’ nit dumm g’west und nach dem Sprüchel hätt’ ein Bruder Lüderian lustig in Tag h’nein leben können; aber mir war’s nit gegeben, daß ich mich änder’ wie meiner Bäu’rin nit, daß sie sich gleichbleibt, denn fort drauf hat’s ihr’n alt’n Widerwill’n hervorkehrt. Ich konnt’ und ich konnt’ kein Herz fassen zu dem Weib, trau überhaupt seither kein’m mehr und hüt’ mich vorm Verlieb’n; man is da so unb’sinnt und wo dabei sich jed’s nur selber betrügt, geht’s noch am ehrlichsten zu. Und wenn ich mir auch an ihrer Bahr’, ihr’n plötzlichen Tod eingedenk -- Gott tröst’ sie -- gedacht hab’, sie war wohl all ihr Lebtag nit recht g’sund und hat mich an ihrer Krankheit mitleiden lassen, so mußt’ ich mir doch sagen, wie ich Umschau g’halten hab’, und dafür waren mer d’ Augen g’schärft, sie war ein Weib wie hundert andere, nit einmal die schlechteste, allweil noch von +der+ Art, wie ihrer volle zwölf aufs Dutzend kommen.
Und wozu all’m verstund sie sich? Ein’ lieb’n und der Verkuppelei mit ein’m andern, den s’ nit mag, in d’ Hand arbeiten! Dem ein’ auf G’fahr von Ehr’ und Ruf zulaufen und doch ’n Morgen drauf mit’m andern vorn Altar gehn! Solang ’s Reden noch von Nutz und ’m Brautwerber geg’nüber rechtschaffen, brav und ehrlich g’west wär’, ’s Maul halten und ’s hinterher erst aus Gift, Gall’ und Abgunst geg’n ’n Mann auftun, wo ’s nur Schimpf und Zwietracht ins Haus bringt! Ein’m in Gedanken ang’hör’n und sich ’m andern hingeb’n, so daß der Seg’n Gottes zum G’spött wird und sie von ein’m Unlieb’n ein Kind unterm Herzen tragt!
Herr, du mein Gott! Wozu versteht sich denn dann ein Weib nit, wenn zu dem allem?!
Und was ’s auch für Stückeln angibt, ’s tragt eine wie die andere gleich lange Haar, und wo die nit reichen, stecken s’ ein’ falschen Zopf auf, -- und dieselben Haar waren mir eben zu fein. Zu +der+ Art, der d’ Lieb’ Spaß macht und Spaß bleibt, die sich unb’sinnt z’samm’tut und auseinand’ geht, zähl’ ich nit, mir war’s damit von Grund auf ernsthaftig g’west und ich hab’ für mein Teil sattsam an dem Erlebten g’nug g’habt, wollt’s nit erproben, was sich etwa ein zweit’s Mal gegen ’s frühere bessert oder schlechtert. Dös wußt’ ich doch, daß mein Hof der Kuppler is und daß s’ dem zulaufen, aber einer, die denkt wie ich, der müßt’ so himmelangst ums Herz werd’n, daß s’ mir vom selben davonrennt. Ich vermein’ nit, daß ich auf selbe triff und vermöcht’s auch nit z’sag’n, ob ich d’Kurasche hätt’, daß ich sie z’ruckhalt’.“
Gegen Ende seiner Rede war der Grasbodenbauer stehen geblieben und hatte in das Grün einer Baumkrone gestarrt, jetzt, wo er die letzten Worte vor sich hinmurmelte, ließ er den Zweig, den er anfaßte und der unter seinem Griffe entblätterte, aus der Hand schnellen.
Magdalene stand halb abgewandt und brach welke Blätter von einer Bohnenranke, sie blickte nun nach ihm hinüber und sagte leise: „Ich versteh’ dich schon, Bauer, und mag dir wohl recht geben, auch mir hat ’s die Lieb’ schon einmal nit gut g’meint.“
Da kehrte er ihr den Rücken und ging, laut räuspernd, ein paar Schritte von ihr hinweg. Doch hielt es ihn und er tat eine halbe Wendung, um sie sich darauf hin anzusehen, und als die großen, braunen Augen befremdet und zugleich ängstlich in die seinen blickten, da winkte er begütigend mit der Rechten: „In Ehren! Weiß ’s wohl, Leni, du meinst in Ehren.“
Sie neigte bekräftigend den Kopf.
„Ja, ja, vernünftig sein ist halt doch ’s Gescheiteste,“ sagte er hinwegschreitend.
Als Leni wieder aufblickte, sah sie ihn neben dem Postboten an dem Zauntürchen stehen. Der Bauer wies nach ihr.
Der Alte kam auf sie zu.
„Magdalena Reindorfer,“ fragte er.
„So heiß’ ich.“
„Ein’ Brief hätt’ ich da.“ Er schüttelte ihn zwischen den Fingern und drehte ihn dann um, daß das schwarze Siegel sichtbar wurde. „Schau her ’mal. Vielleicht nix Guts drin. Mußt dich halt z’samm’nehmen.“
Leni griff nach dem Schreiben.
Er zog es zurück. „Und zwei Kreuzer krieg’ ich. Weißt, Dirn’, davon muß ich leb’n.“
Das Mädchen haschte mit zitternder Hand die Münzen aus der Rocktasche, nahm den Brief, und als es allein war, erbrach es hastig das Siegel, entfaltete das Papier und begann zu lesen.
Und als sie zu Ende gekommen, da setzte sie sich auf den Rasen und schlug die Hände vor das Gesicht und schluchzte darunter.
* * * * *
Tot -- allbeid’ tot! Weggestorben an +einem+ Tage!
Ja, die Mutter, die war bejahrt und mocht’ wohl auch kein’ rechte Freud’ mehr am Leben haben, nach dem, was die arme Seel’ auf ihr g’habt hat. Und jetzt ist sie erlöst und man kann, ohne ein Unrecht geg’n den Vater, wieder lieb und gut von ihr denken!
* * * * *
„Der Herr schenk’ ihr und allen christgläubigen Seelen die ewige Ruh’ und das ewige Licht leuchte ihnen. Der Herr lasse sie ruhen in Frieden. Amen!“
Leni faltete die Hände und versuchte das Vaterunser zu sprechen, doch wie sie so dasaß mit gesenkten Lidern, da war es mit einmal, als schiene Mondlicht und von ganz nahe wehe der Geruch von Weißdornblüte heran. --
Bisher hatte sie alle Erinnerungen an ihre erste Liebe wacker niedergekämpft. Während Florian sich nicht darein zu finden vermochte, daß er sein Glück um eine Schwester verlor, waren bei ihr, nachdem sie ihn als Bruder wußte und nahm, alle anderen Gefühle wie ausgelöscht, alle Liebe, außer der geschwisterlichen, gegenstandslos geworden; aber nun der Bruder tot war, erwachten die Erinnerungen mit aller Macht und zogen in lebendigen Bildern vor ihrem Geiste vorüber, von den ersten Begegnungen in der Kindheit bis zu jener Vollmondnacht, wo sie den Zweig vom blühenden Weißdorn brach, und der letzten, wo der Dorn des verblühten sie am Kleide festhielt.
Sie löste die Hände und preßte sie gegen die schwer atmende Brust. „O, du mein Herr und Gott! Nix mehr von der Lieb’, die ein’m so weh’ mitspiel’n kann! Wie recht hat der Bauer, daß er nach keiner zweiten sucht; auch ich hab’ ’s sattsam am Erlebten, soll’s tot sein und begrab’n mit’m -- --“
Sie schauerte zusammen und auf ihrem Schoße knitterte das Papier.
„Jesus! Maria!“ rief sie und drückte die Hände gegen die Stirne und spreitete die Finger über die Scheitel. „Es muß sich ja was zutrag’n hab’n! ’s muß ihm ein Unglück g’schehn sein?!“
„Magdalen’,“ schrie der Grasbodenbauer.
Sie erhob sich rasch und sah ihn mit hastigen Schritten herankommen, der Schullehrer und Burgerl folgten ihm nach.
„Magdalen’,“ sagte der Bauer tief Atem schöpfend, „grad hat mer der Schulmeister aus der Zeitung eine schreckbare G’schicht vorgelesen, die sich dort herum, wo du heim bist, zutrag’n hat. Denk’, du wirst auch darum wissen woll’n und hab’ ’n gebeten, daß er uns ’s nochmal vorlest. Seid also so gut, Schulmeister. Horch nur auf!“
Und der Lehrer begann nun einen weitschweifigen Bericht über den „Raufhandel mit tödlichem Ausgange zu Zirbendorf“; der Eingang ließ es nicht an den üblichen Bemerkungen über die Roheit der ländlichen Bevölkerung fehlen und den Schluß bildete der mit peinlicher Genauigkeit nachgeschriebene Befund der Leichenschau. Der Lehrer las das Ganze fertig, aber eintönig herunter, nur wo er einer Stelle besonderen Nachdruck verleihen wollte, erhob er die Stimme.
Bei der Schilderung des Absturzes der beiden Ringenden schrieen Magdalene und Burgerl, die sich an die Freundin angeklammert hielt, zugleich auf, als es aber zur gerichtsärztlichen Beschreibung der zerschmetterten Körper kam, da schrie Burgerl plötzlich: „Um Jesu willen, Leni, was hast?“ und riß dem Schulmeister das Blatt aus der Hand.
Der Bauer hatte bisher mit in die Zeitung geblickt, Jetzt sah er auf, in ein todbleiches Gesicht, aus dem, wie irre, zwei dunkle Augen starrten. „Was ist dir?“ fragte er erschreckt.
„Nichts,“ kam es ihr tonlos aus trockener Kehle und der Kopf sank ihr nach der Brust.
„Du zitterst ja am ganzen Leib. Es geht dir wohl nah, es geht dir wohl gar nah, merk’ ich. Burgerl führ’ s’ nach eurer Kammer. Wein dich aus, Dirn’, wein dich nur recht aus, es tut nichts besser in solcher Sach’, wie sich ausweinen.“
Er sah den langsam Hinwegschreitenden eine Weile gedankenvoll nach, dann nickte er vor sich hin.
„Freilich! So ’n grundbrave Dirn’ und so ’n wilder Bub’!“
Er glaubte nun alles zu wissen.
19.
Gar vereinsamt fühlten sie sich auf der Mühle zu Langendorf. Wochen waren vergangen. Der erste stürmische Schmerz, der auf die Herzen der Hinterbliebenen preßt, als wollte er auch diese stille stehen machen, war einer tiefen Wehmut gewichen, die aus allem, was an den Verstorbenen erinnern konnte, ihre Nahrung sog und mit Heißhunger immer nach neuen Gegenständen suchte, die seine Erscheinung, wie leibhaft und lebend, ins Gedächtnis zu rufen vermöchten.
Da hatte denn die Müllerin eines Abends mit dem Müller ein längeres Gespräch. „Wirst sehen,“ sagte er am Schlusse, „es wird nicht so, wie du denkst, du stellst es dir nur anders vor.“ Und sie entgegnete: „Es tät’ mich halt doch trösten und freuen, es wär’ doch etwas ihm Gleiches.“ Da sprach der Müller nichts mehr und am nächsten Morgen früh machte er sich auf. Von dem jungen Reindorfer hatte er sich sagen lassen, wo und bei wem dessen Schwester bedienstet sei. Er bestieg sein Wägelchen und ließ das Pferd bedächtig einher traben, einigemal griff er nach dem Zügel und fuhr im Schritt, er hatte es nicht eilig, an Ort und Stelle zu kommen.
In der Kreisstadt stellte er sein Fuhrwerk bei einem befreundeten Wirte ein. Beide kannten sich von ihren wildesten Burschenjahren her und hatten später als Soldaten in einem Regimente gedient. Als der Müller mit dem ehemaligen Kameraden, der um all seine Jugendstreiche und Soldatenstückchen wußte, in der Stube an dem Tische saß und ein Krug Wein um den andern zur Ehr’ der Begegnung und Erinnerung an vergangene lustige Tage geleert wurde, da ward er gesprächig; von den Bildern einer tollen Vergangenheit, über die Gegenwart, die ihn bedrückte, hinweg, spann er einen Faden nach einer behäbigen Zukunft, wo er wieder mit Weib und Kind in seinem Heim säße.
Bei der Erinnerung an die verstorbene Reindorferin schmunzelte der Wirt. „Hast mir’s ja erzählt, wie d’ damal vom Urlaub wieder eingerückt bist.“
Der Müller nickte und sprach eifrig weiter.
„Die Dirn’ wollt ihr zu euch nehmen?“ fragte der Wirt erstaunt. „Hör mal Kerl, du mußt ein Kapitalweib haben, wie du eigentlich gar nit verdienst! Ein Kapitalweib, auf das wir wohl eins trinken können. Stoß an!“
„Dadrum,“ sagte der Müller, indem er mit dem Rockärmel über den Mund wischte, „bin ich jetzt auf dem Weg nach Föhrndorf, daß ich das Mädl heimhol’, wenn sie zugreift.“
„Das wird’s wohl mit beiden Händen,“ lachte der Wirt, „dumm wird sie nit sein.“
„Ich hoff’s,“ brummte der Müller. „Aber jetzt laß einspannen.“
„Hast ja noch Zeit.“
„Keine mehr.“
„Überg’nug, sag’ ich dir; du müßt’ dir nur kein’ andern Weg wissen, als den nebenher der Eisenbahn.“
„Weiß mer auch kein’ andern.“