Der Schandfleck

Part 18

Chapter 183,696 wordsPublic domain

Der Kampf war ohne Übereinkommen aufgenommen und wurde auch ohne alle Regeln geführt, in der ersten blinden Erbitterung hielten sich die beiden Gegner vollkommen die Wage, aber das brachte eben den Leutenberger zu sich, er wehrte ab und wartete zu, plötzlich ersah er seinen Vorteil, warf seinen Widerpart zur Erde, blitzschnell sprang er hinzu, wie ein wildes Tier, trat ihn mit Füßen, warf sich über ihn und schlug ihn, war ebenso rasch wieder auf den Beinen, um ihn aufs neue zu treten, und über ihm, um ihn zu schlagen.

Das Mädchen war herbeigerannt und umkreiste ratlos, weinend und schreiend den auf der Erde liegenden Mißhandelten.

Florian schrie vor Schande, Wut und grimmem Schmerz auf, er wäre ohnmächtig zusammengebrochen, hätte ihn nicht ein Gedanke bei sich erhalten und mit übermenschlicher Kraft begabt, der Gedanke sich zu rächen, es koste, was es wolle! -- Dort hinter der Lichtung mußte abschüssiger Boden sein, -- da hinab über Geröll und spitze Kanten mit einem gekollert und der bleibt am andern Ende wohl auch ruhig neben liegen und läßt Rühmen und Raufen eine Weil’.

Er umschlang seinen Gegner und mit einem Schwunge rollten sie bis zur letzten Tanne.

Aber der Leutenberger hatte plötzlich von ihm abgelassen und mit beiden Armen in die Luft gegriffen. „Da nicht hin,“ brüllte er, „da nicht hin, da hört der Boden auf!“ Er lag kreidebleich unter Florian und hielt eine dünne, glatte Wurzelgerte der Tanne krampfhaft mit beiden Fäusten umspannt.

Er sprach nur zu wahr, keine drei Spannen trennten sie von einem Abgrunde, eine unvorsichtige Bewegung und er nahm sie auf.

„So,“ sagte Florian, und obwohl er vor Schmerz die Zähne übereinander biß, verzerrte doch ein eigentümliches Lächeln sein Gesicht. „Dann geht es doch ein bißchen tiefer als ich gedacht habe. Kann mir gleich sein! Du hast mich vorhin zuschanden getreten, Leutenberger, wie ich nie eine Katze! Hast du gemeint, ich werd’ siech auf der Welt herumkriechen und von dir mit Fingern nach mir zeigen lassen?! Nein, Himmelhund, elendiger, das siehst nicht und die nächste Sonn’ auch nimmer! Komm mit!“

Ein Ruck --, ein schreckensvoller, wilder Aufschrei --, die Wurzelgerte entglitt pfeilschnell den umklammernden Fäusten und schnellte empor -- und über den Rand des Abgrundes schlugen zwei Körper hinaus.

Das Kind tat einen gellenden Schrei und schlug die Hände vor das Gesicht, so stand es schauernd, atemlos, erwartend. Es hätte wie sonst, wenn manchmal ein Stein am Rande abbröckelte, langsam zählen können --, eins --, zwei --, drei --

Da geschah in der Tiefe ein dumpfer Fall.

Das Mädchen taumelte und griff um sich, da fühlte es sich gefaßt und gehalten, die Großmutter stand wortlos und zitternd neben ihm, sie hatte alles mit angesehen.

Sie gingen schweigend nach der Hütte.

In den Augen Evchens glänzten zwei große Tränen.

* * * * *

Ganz Zirbendorf war auf den Beinen, ein Bauer, der von einem nahen Orte heimkehrte, hatte es alarmiert; er kam mitten in der Nacht in das Dorf gelaufen, sah Licht im Gemeindegasthause und traf noch einige Gäste an, die sich verspätet hatten und nun gegenseitig einer den andern zum Aufbruche mahnten.

„Leuteln,“ rief er atemlos, „das müßt ihr noch anhören, was mir aufgestoßen ist, es ist schon Aufhorchens wert. Ich bin von Niederndorf durch die Schlucht heim, es ist der kürzeste Weg und in der Nacht geht eines nicht gern weit um; also ich geh’ und geh’ und wie ich so geh’, auf einmal fällt aus der Höhe etwas Schweres nieder. Ich denk’, das ist vielleicht ein Stück Vieh. O, ihr armen Leut’, denk’ ich, die ihr das verloren habt! Da schau’ ich und seh’ Kleiderfetzen, ein Vieh trägt doch niemalen ein Gewand, da hab’ ich gemerkt, daß es nur ein Mensch war und wie ich noch näher schau’, waren es ihrer zwei! Da hab’ ich lachen müssen, denn mir ist ein spaßhafter Einfall gekommen, und ihr wißt, ich bin so ein lustiger Teufel und kann es nicht lassen, nicht einmal in der Kirche, daß ich lach’, wenn mir ein spaßhafter Einfall kommt und die hab’ ich wie der Hund Flöh’. Also ich lach’, weil ich denk’: Jesus, jetzt fängt es gar ins Leut’regnen an, zwei Tröpfel sind schon gefallen, jetzt mach’ ich aber, daß ich heimkomm’! Wie ich aber so nach der ganz blutigen Bescherung schau’, die vor mir liegt, da hat mich das Grausen angegangen, ich bin ausgerissen und gerannt wie nicht gescheit und so bin ich da!“

„Ja, so bist du auch da,“ rief einer der Gäste. „Der dumme Kerl mag noch lachen, wenn sich Leute neben ihm zu Tod’ fallen! Da hilft nichts, der Bürgermeister muß aufgetrommelt werden, über Nacht kann man die zwei nicht da draußen liegen lassen.“

Die kleine Schar zog vor das Haus des Bürgermeisters, über ihr Gelärme vor dem Tore desselben wurde alsbald die ganze Nachbarschaft lebendig, es mußte etwas Besonderes vorgefallen sein, das ahnte jeder und die meisten warfen ihre Kleider über und eilten hinaus; als der aus dem Schlafe Gepochte gähnend und sich reckend in die Gasse trat, hatte sich schon ein brausender Schwarm in derselben angesammelt.

Der Gemeinderepräsentant nahm den Bericht über das Vorgefallene entgegen. „Anschauen müssen wir uns das Ding,“ sagte er, „die Schlucht ist Gemeindegrund; dabei dürfte sich auch herausstellen, wer die zwei Verunglückten sind.“

Ja, das wollte man doch wissen! Man dachte gleich anfangs daran, sie könnten nicht schlechtweg Verunglückte, sondern müßten auch sonst je wer und etwas sein! Die Gemeinde befand sich hier in vollkommener Übereinstimmung mit ihrem Bürgermeister, man mußte sich eben das Ding anschauen und da wird es sich schon herausstellen; als daher derselbe seinem Knecht einspannen hieß, da eilten mehrere, auch ihr Gefährt instand zu setzen, um sich ihm anschließen zu können.

Die Frage, wer da draußen auf Grund und Boden der Gemeinde liege, ob Angehörige oder Fremde, hielt die angesammelte Menge in Aufregung, Abgängige wurden an den Fingern hergezählt, manche aber meldeten sich selbst aus den Umstehenden oder wurden von anderen als ganz heil und unversehrt daheim in ihren Betten liegend angesagt. Es wäre beinahe zum Streite gekommen zwischen denen, die nur mit bekannten Toten zu tun haben wollten und nach und nach nahezu die ganze Gemeinde in den Rachen des Todes warfen, und jenen, die sie ihm menschenfreundlich, Stück für Stück, wieder aus den Zähnen rissen; aber die Gewißheit sollte allem Hader und Zwist ein Ende machen.

Der Bürgermeister wollte eben auf das Sitzbrett des Leiterwagens steigen, als das alte Mütterchen von dem Häuschen auf dem Berge, ihr Enkelkind an der Hand haltend, herbeikam; als er sie ansichtig wurde, sagte er ohne weiteres: „Ah, Mutter Fehringer, ist’s gewiß in deiner Näh’ geschehen? Kennst du die zwei Leute, die hinabgekugelt sind?“

„Ja,“ sagte die Alte.

„Der eine ist aus Langendorf, ein Müllerssohn,“ warf rasch das Mädchen dazwischen. Er sollte den Vorrang haben.

„Ja, ein Müllerssohn aus Langendorf. Der andere,“ ergänzte die Großmutter, „ist der Leutenberger Urban.“

„Was,“ rief der Bürgermeister, „der Leutenberger Urban, der ist hin?“ Er hätte beinahe unchristlicher Weise gottlob gesagt, da aber der Gott schon heraus war, so besann er sich rasch auf einen anderen Zusatz. „Gott -- tröst’ ihn!“ sagte er, das konnte niemand übel aufnehmen, selbst der Leutenberger nicht, und es konnte ihm immerhin hinterbracht werden, falls er doch nicht tot wäre, oder auch nach der Auferstehung.

„Sitzet auf,“ rief er dem alten Weibe und dem Kinde zu. „Erzählt mir das Weitere im Hinausfahren.“ Sein Wagen fuhr voran, an denselben schlossen sich viele andere, man hatte Späne von harzigem Holze angebrannt, um die Wege zu erhellen, und so kroch die Wagenreihe wie eine feurige Schlange rasch durch das Dorf und der Straße entlang hinaus in das Freie.

An Ort und Stelle angelangt, trat der Bürgermeister an die beiden leblosen Körper heran. „Da haben wir den ganzen Tatbestand liegen,“ sagte er. „Nehmt sie auf!“

Die Leute griffen zu und trennten mit Mühe die beiden Leichname voneinander, sie legten dieselben, an denen fast jeder Knochen lose hing, vorsichtig auf grobe Pferdedecken, wickelten sie in selbe ein und hoben sie auf den Wagen.

Im Dorfe aber hatten die, welche zunächst standen, als die alte Fehringer mit dem Bürgermeister sprach, die Kunde durch die Gasse getragen, der Leutenberger Urban und noch einer von Langendorf hätten sich in der Schlucht erfallen und man sei eben hinaus, die beiden einholen; da begann ein Klöpfeln an allen Fensterscheiben und ein Pochen an allen Haustoren, das mußte ja allen gesagt werden, das durfte doch keiner verschlafen und da wollte auch jeder dabei sein, wenn sie den Leutenberger einbringen. So kam ganz Zirbendorf auf die Beine.

„Noch vor ein paar Stunden hab’ ich sie in der Schmutz-Kathrin’ ihrer Schenke zusammensitzen sehen,“ sagte wichtig der bucklige Taglöhner. „Da haben sie noch abgeredet, sie wollten sich erst morgen messen, schau, so sind sie schon heut übereinander her! Aber einen Ausgang hat es genommen, wie man sich nicht hätt’ vorstellen mögen!“

„Wir sind doch rechte Narren, liebe Leuteln,“ sagte ein alter Bauer, „wir stehen da und warten, wo sie doch nur zuletzt mit dem leeren Wagen angefahren kommen werden. Nach der Kirche müssen wir hin, freilich, nach der Kirche, das erste wird sein, daß sie die zwei dort in die Totenkammer hineinlegen.“

Das mochte schier wahr sein. Da liefen alle, denen es die Jahre erlaubten und die noch rüstig waren, die Gasse hinunter, die anderen hasteten hinterher nach, und sie keuchten die Stufen nach dem Kirchhofe hinan; oben angelangt, sahen sie einen feurigen Streif von der Straße nach einem schmalen Fahrwege ablenken, der im Rücken der Kirche nach der Höhe führte.

Der Kirchendiener stand erwartend unter dem Gittertore des Friedhofes, die schwarze, eisenbeschlagene Tür der Leichenkammer war sperrangelweit offen und der dunkle Raum gähnte von der Kirche her, manchmal zuckte in demselben der Schein eines schwachen Ölflämmchens auf.

Der Wagen des Bürgermeisters kam angefahren, man sah bei dem Lichte der Fackeln zwei verhüllte, formlose Massen darauf liegen.

Ein paar Männer faßten an und hoben einen der Körper von dem Fuhrwerke, sein Gewicht machte sie wanken, noch zwei andere sprangen zu.

„Der nimmt’s noch als tot mit mehreren auf,“ murmelte einer der Träger.

„Der Leutenberger,“ flüsterte es in der Menge und diese wich scheu zurück. So trug man den Toten vorbei an den Gräbern, durch die Pferdedecke sickerte Blut und zeichnete den Weg, sie legten den Leichnam auf einen Schragen und am Kopfende flackerte das müde Licht. Als die Träger heraustraten, schloß der Kirchendiener die Türe ab.

„Und der andere? Was geschieht mit dem anderen?“ so fragten sich alle und einer stellte auch diese Frage an den Bürgermeister.

„Es möchte vielleicht ein Fürchten in der Gemeinde sein,“ sagte der, „wenn man einen solcherweis’ Gestorbenen nachtüber im Orte wüßte. Wir sind übereingekommen, ihn alsfort nach Langendorf zu seinen Eltern zu überführen. Ich habe es mit dem Mitteregger besprochen, der kennt die Leute gut, der nimmt es auf sich und bringt ihn hin.“

Da zupfte Everl die Großmutter am Rocke und sagte leise: „Großmutter, ich möchte mit, morgen bin ich schon wieder heim, aber jetzt möchte ich mit, er hat ja sonst gar niemand.“

Der Mitteregger und sein Knecht banden den Leichnam mit Stricken an dem Wagen fest, „damit es ihn beim Fahren nicht zu stark werfe“. Da trat die alte Fehringer hinzu. „Tätest du mir wohl den Gefallen und nähmst die Everl mit? Sie tät’ gern für den beten.“

„Warum nicht?“ sagte der Mitteregger und knüpfte den letzten Knoten. „Soll sie mit, was das Dirndel will, ist christlich, es gilt fürs Totenbestatten und ist ein barmherzig Werk. Komm nur!“ Er hob das Mädchen auf den Wagen, der sich alsbald in Bewegung setzte.

Sie fuhren ziemlich rasch dahin, erst durch einen finstern Wald, dann auf einer endlosen Straße. Der Mitteregger lenkte die Pferde und der Knecht hielt eine brennende Fackel; die düstere, gelbe, rauchende Flamme warf unbestimmte wirbelnde Schatten in die Büsche und auf die Wege, zu Häupten der Leiche kniete das Kind, ein starrer Arm streckte sich aus der Decke gegen dasselbe, diese kalte Hand hielt es lose in seiner kleinen, lebenswarmen Rechten und mit der Linken griff es manchmal nach den Stricken, ob diese auch festhielten und dabei nicht einschnitten.

Der Morgen begann zu grauen, der Knecht tat die Fackel aus, immer noch fuhren sie weiter und da kamen sie an dem Reindorferhofe vorüber, da waren die Fenster verhangen und durch die dunklen Tücher sah man den gelben Schein von vielen Lichtern, der Mitteregger wies mit der Peitsche danach und sagte: „Da drinnen haben sie auch ein Totes!“

Und dann fuhren sie noch ein Stück Weges und es ward bereits heller am Himmel, sie bogen um eine Ecke, ganz nahe stand eine Mühle, und als sie auf dieselbe zulenkten, rauschte das Wasser, das Rad begann sich zu drehen und es klapperte lustig durch das Tal. Da wurden die beiden Männer völlig kleinlaut.

Der Wagen hielt vor dem Hause, der Mitteregger schwang sich vom Sitze, nun wird er die Eltern herbeirufen --, da drückte das Mädchen die Hand des Toten, stieg eilig herab und verbarg sich hinter ein Gebüsch.

Der Mitteregger stand an dem Hause und sah durch ein Fenster in die Stube, dann klopfte er an die Scheibe.

Innen horchte der Müller auf. „Lois, ich glaub’, es ist jemand außen.“

Die Müllerin nickte froh. „Der Florian wird es sein.“

Er war es!

18.

Als er tot war, sprachen die Leute anders.

„Er ist von Haus aus ein guter Bursch’ gewesen!“ -- „Freilich, er wär’ auch nie verwildert, hätte man ihn nur die Reindorfer Leni heiraten lassen!“ -- „Weiß der Himmel, was dem Alten eingefallen ist, daß er sie ihm verweigert hat!“ -- „Er ist halt doch schon zu viel alt, der Alte.“

Und am Abende vor dem Tage, wo er begraben werden sollte, verließ ein kleines Mädchen Zirbendorf, lief barfuß die ganze Nacht durch und kam den Vormittag darauf in Langendorf an; es schlich nach dem Friedhofe, verbarg sich hinter einem Leichensteine und blickte scheu von seinem Verstecke nach zwei offenen Gruben.

Der Pfarrer hatte die Beerdigung der beiden Toten seines Sprengels auf einen Tag und die gleiche Stunde angeordnet, möglich, daß er eine Begegnung der Leidtragenden wünschte.

Zur selben Zeit, als sie in der Mühle den Sarg hoben, schlossen sie den im Reindorferhofe. Der Bauer stand abseits und da fiel sein Blick auf das Tischchen, an dem er vor drei Nächten schreibend gesessen, als der Pfarrer die Sterbende besuchte, es war in einen Winkel gerückt worden und noch lag der Brief an Magdalene offen darauf. Er schüttelte den Kopf, wie er so vergessen hatte sein können, setzte sich hinzu, und fügte hastig einige Zeilen bei. „Der Brief ist in der Wirrnis liegen geblieben, weil vorgesehen und unversehens zugleich uns viel Trauriges überkommen hat. Erschrick nicht, Magdalen’, vorgestern früh ist deine Mutter gestorben und in der Nachtzeit haben sie den Müller Florian tot heimgebracht. Du wirst wohl schon darum wissen, wie sich das geschickt, denn es war groß Gered’ darüber und im Kreisblatt ausführlich beschrieben; wie der Lehrer sagt, auch in den großen Stadtzeitungen. Tröste Gott allbeide! Zurzeit, wo ich den Brief in den Postkasten werfe, sind wir eben auf dem Wege, sie zu begraben.“

Dann schloß er das Schreiben, erhob sich und trat hinter den Sarg, der eben hinausgetragen wurde, und als der eine Leichenzug das Gehöft verließ, kam der andere die Straße herunter und so bewegten sich beide langsam dahin und blieben sich immer in Sicht.

Als sie bei dem Krämer, der zugleich Posthalter war, vorüberschritten, trat der Alte aus der Reihe und warf den Brief in den Sammelkasten, dann nahm er wieder seinen Platz an der Spitze der Leidtragenden ein.

Sie gelangten in die Kirche, dort mußten sie warten, bis der andere Leichenzug nachkam, die Särge wurden nebeneinander gestellt und die Einsegnung fand statt.

Dann zogen sie nach dem Kirchhofe, eine Schar hart an der anderen, wie +eine+ Reihe Trauernder um zwei Heimgegangene. Man senkte die Leichen in die Tiefe und streute Erde über sie, da rieselte der Sand hernieder, eine derbe Scholle oder ein Stein schlug polternd auf, dann ward es stille und die Überlebenden gingen von den Toten.

An dem Tore des Friedhofes trafen der alte Reindorfer und der Müller aufeinander, da traten die Leute zurück und ließen die beiden zusammen hinausgehen, der Müller griff an den Hut und murmelte einen unverständlichen Gruß.

Aber der alte Bauer wies hinter sich nach den Gräbern und sagte bitter: „Zwei sind daran gestorben, ist viel auf einmal, gelt?“

Da suchte ihn der Müller an der Hand zu fassen. „Reindorfer“ -- er preßte die Linke an die Brust --, „da drinnen, da drinnen ...! O, ich war glücklicher als bettelarmer Herumstreicher!“

Er, der Reichste in der Gemeinde! der Stolzeste!

Der Alte entzog ihm die Hand nicht und so gingen sie ein paar Schritte, als er aber dem Pfarrer die Absicht anmerkte, heranzukommen, da machte er sich rasch frei. „Erbarmen tust mir,“ sagte er, „zu mehr beredet mich niemand. Reu’ kommt des Weges von der anderen Seite und bringt nichts zurück.“ Er wandte sich und ging hinweg.

Der Müller hatte, wie es sein Brauch war, aufhorchend den Kopf gesenkt, er erhob ihn auf dem ganzen Heimwege nicht wieder. Hörte er vielleicht auf das Schluchzen des Weibes, das an seiner Seite ging? Er fand nur um so weniger Mut aufzublicken.

Die Leute hatten sich nach und nach verloren, und als der Friedhof wieder ganz verlassen lag, da trat das Mädchen an das offene Grab des jungen Mannes, kniete zur Erde nieder, zog unter dem Brusttüchelchen einen kleinen Strauß hervor, Blumen, wie sie wild wuchsen am Rande der Schlucht, und ließ ihn in die Grube auf den Sargdeckel fallen.

Dann betete das Kind lange, erst der Totengräber, der mit dem Spaten herankam, scheuchte es von dem Grabe weg und es schickte sich zur Heimkehr an. Was nahm es mit sich? Das feste Vertrauen, daß auch der Ärmste auf der Welt nicht ungestraft gekränkt werde, daß immer gute und hilfreiche Menschen für ihn einstünden, wie ja einer derselben durch seine Blutzeugenschaft bekräftigt.

Es war ein kurzes, jäh abgerissenes Menschenleben, ein zernichtetes, verkommenes Sein, das sich da in kühler Erde barg, beklagt und betrauert von denen, die es mit angesehen, wie es verkam und verging; aber nun deckt die Scholle dasselbe und alsbald auch sein Gedächtnis.

Doch über das Grab hinaus, in Jugendfrische, wie er dahingeschieden, der Schönste, der Stärkste im Land, ja, er wohl im ganzen Lande, im Unglück selbst dem Tod zu Trotz noch Herr und Meister, der Bravste, lebt er im Angedenken der kleinen Everl. Die Kinder des jungen Weibes, die Enkel des Mütterchens, sie werden zu erzählen wissen von dem Müllerssohn zu Langendorf.

* * * * *

Der Föhrndorfer Briefbote war ein alter Mann und betrieb sein Amt mit Verstand. Er sichtete genau die ihm anvertrauten Briefschaften, ehe er sie in seine Ledertasche steckte, nicht nur nach ihren Adressen, denn das verstand sich ja von selbst, daß er seinen alten Beinen kein unnötiges Gelaufe zumutete und alles hübsch ordnete, wie es der Straße und der Nummer nach lag, sondern er unterschied sie auch ihrer Art nach. Postkarten händigte er ohne Bedenken den auf der Straße spielenden Kindern der Adressaten ein, denn die Postkarte galt ihm als der „Arme Leut’-Brief“ und wo die Kunden mit dem Porto sparten, da durfte es wohl auch der Bote mit den Schritten so halten. Dagegen verabsäumte er nie, einen rechtschaffen frankierten und ordentlich geschlossenen Brief den Leuten selbst ins Haus zu tragen und -- seine zwei Kreuzer Botengebühr in Empfang zu nehmen. Aber auch da unterschied er zwischen den nur zugeklebten und den mit einem Siegel versehenen Schreiben, die ersteren nahm er für leichte Ware, die kamen von fremd woher, waren Allerweltsbriefe; wer Wichtiges und obendrein an die Freund- oder Verwandtschaft zu schreiben hatte, der sparte wohl die paar Tropfen Lack nicht und drückte sein Petschaft darauf, dann wirkten schon außen die bekannten Wappen oder Buchstaben des Siegels wie ein Gruß und auch die Farbe des Lackes hatte ihre Bedeutung. An dem Tage, wo der Alte vom Posthause wegging, den Langendorfer Brief an „Magdalena Reindorfer, bedienstet bei Kaspar Engert, genannt der Grasbodenbauer“ in der Tasche, bewahrte er Weges über eine ernste, besorgliche Miene, denn er hatte es wohl in acht genommen, daß das Schreiben ein schwarzes Siegel trug.

Die ersten paar Tage nach dem Feste des heiligen Kirchenpatrons waren der Grasbodenbauer und Magdalene einander geflissentlich über die Wege gelaufen und hatten mehr als einmal versucht, gleichmütigerweise eine harmlose Zwiesprach’ anzuknüpfen, denn es galt ja zu zeigen, daß es zwischen ihnen beiden kein’ Arg habe; klopfte sich aber der Bauer unter seiner Rede auf den Brustlatz, an welchem die Dirne jenen Abend mit dem Köpfchen geruht hatte, da wurde sie so brennendrot wie das Tuch und ihr Blick scheu, und das verwirrte den Bauer, oder wenn sie im Eifer des Gespräches ihm so nahe trat, daß er, um nicht an sie zu rühren, die Arme hinter sich bergen mußte, da wurde er verlegen und sie mit ihm. Nach jeder solchen vergeckten Begegnung dauerte es immer längere und längere Zeit, bis sie sich wieder aufsuchten, dann begannen sie sich auszuweichen und manch zufälliges Zusammentreffen, das sie wortlos einander gegenüberstehen ließ, machte die Sache nicht besser, so daß schließlich das Erscheinen eines genügte, um das andere in die Flucht zu jagen. In Gegenwart eines Dritten aber fühlten sie sich vollkommen unbefangen. „Es ist eine Dummheit,“ ärgerten sich beide im stillen.

„Und eine höllmentische dazu,“ sagte laut der Bauer, etwa am sechsten Tage der „verlegenen“ Woche. „Weil wir uns scheuen, das Red’ zu haben, was wir uns eigentlich zu sagen hätten und worüber wir sich ausreden sollten.“

Er stand im Hofe an dem Gartenzaune, hinter welchem er, wenige Schritte entfernt, Magdalene auf einer Bank sitzen sah. Entschlossen stieß er das Gartentürchen auf und trat ein, aber schon hatte sich über dem Geräusch die Dirne erhoben und schritt jetzt, von ihm abgekehrt, einen Baumgang entlang. Den Weg nach dem Hause hatte er ihr verlegt, und wenn er ihr bis an das andere Ende nachfolgt, wird sie ihm wohl nicht ins freie Feld entlaufen.

Als Magdalene merkte, daß er ihr nachginge, blieb sie, halb abgewendet, stehen.

„Wir sind schon zwei Närrische,“ sagte er herantretend. „Wir mögen uns gut leiden, aber weil wir uns nit sagen wollen, daß’s anders gemeint is, wie sonst wohl unter zwei verschiedene Leut’, und sich jed’s fürcht’, ’s andere könnt’s in der Art ausdeuten und falsch verstehn, so rennen wir ganz unklug umeinander.“

„Da is mir völlig ein Stein vom Herzen,“ sagte sie, „daß du so red’st.“