Der Schandfleck

Part 22

Chapter 223,978 wordsPublic domain

„Marschier’, falsche Katz’,“ sagte er und hob sie von seinem Schoß und schritt durch die Stube ans offene Fenster. „Dö ganz Ahnl -- Gott tröst’s -- sie dürft’ ihr’s abg’lernt hab’n,“ lächelte er kopfschüttelnd. „Nur bissel z’ frühzeitig g’rat’s mir der und ’n andern nach. Red’t mer ’n Weibern von Respekt, spiel’n sie ’s af d’ Lieb’ h’naus!“

* * * * *

Als der Grasbodenbauer hinter den Weggehenden die Tür ins Schloß gedrückt hatte, begann Leni: „Was ich dir mitteilen muß, is nit mein allein. Du hast mich seinzeit -- ’s war brav von dir -- nit falsch verstanden, wie ich g’sagt hab’, auch mir hätt’s d’ Lieb’ schon einmal nit gut g’meint. Heut bin ich dir’s schuldig, daß ich dich drüber aufklär’, damal hab’ ich’s unterlassen, weil unter döselb’n G’schehniss’ unser mehr g’litten haben, am härt’sten der, den ich Vater nenn’, und wenngleich das, was ich jetzt Wort haben muß, mich in dein’ Augen unehrlich machen sollt’, dem alten Mon sein’ Ehr’ möcht’ ich g’wahrt wissen! Gelt, du b’halt’st’s bei dir? Aber ich weiß ja, wem ich’s anvertrau’, wenn ich dir’s anvertrau’, und dir will ich alles verzähl’n!“

Und sie erzählte alles!

Der Grasbodenbauer strich die Haare zurück, die ihm, während er mit gesenktem Kopfe und öfter nickend zuhörte, in die Stirne gefallen waren. „Ei, du mein,“ sagte er, „was gibt’s doch für Heimsuchung af der Welt, die ’m Schuldlos’ ungleich mehr zumeßt wie ’m Schuldig! Versteh wohl, wie das hart von der Zung’ will und nit für jedwed’ Ohr is. Ich dank’ dir für dein Vertrau’n. Aber das wüßt’ ich nit, was mich da sollt’ anders b’sinnen machen, wo du dich in all dein’ Meinen und Tun so ehrbar und brav bezeigt hast, nit anders, wie ich dich dafür d’ Zeit her hab’ kennen g’lernt, und das wüßt’ ich nit, wie dich in mein’ Augen verunehr’n könnt’, daß d’ nit Reindorfers bluteigen Kind bist? Mocht’ dir der’s Licht der Welt gönnen, wie viel mehr ich, der dir all’n Sonn’schein, den der liebe Himmel gibt, gönnt! Mehr nur halt’ ich auf dich, seit ich weiß, wie du zu dem alten Mon stehst, denn wie ich mir’n als rechtb’sinnt und herzoffen denk’, so muß das wohl a gutg’raten Kind sein, dem er, obgleich’s ihm fremd, erlaubt Vater z’ sag’n! Der Mon is mir wert, dein’thalben doppelt, und du sinnst ihm wohl all’s Liebe und Gute, und wann sich’s schicken sollt’, daß er uns braucht, so hat’s nit not, daß du mehr sagst als: der Vater is da, -- und ich führ ’n an der Hand in unser Haus!“

„Dö Red’ dank’ ich dir von Herzen,“ sagte freudig Magdalen’, „aber“ -- setzte sie leicht den Kopf schüttelnd, hinzu, -- „wann er mal mein’ bedürft’, so wär’s für mich a alleinige, liebe Sorg’, doch für ein’ andern nur Plag’ und Ung’legenheit.“

„Hast denn du nit schon von der mein’ dein’ rechtschaffen Teil auf dich g’nommen und vermeinst, ich vermöcht’ dir z’lieb’ nix zu ertragen?! Woll’n wir uns denn nur z’samm’tun zu Lust und Freud’? Soll’s denn nit auch für Leid und Trübsal gelten? Ei wohl, für gut’ und bös’ und alle Zeit und ich erwart’ nur dein’ Red’, daß’s gelten soll, Lenerl! Nur a Wörtel!“

Er war nah’, ganz nahe an sie herangetreten.

Sie aber sagte das Wort nicht. Ohne die Hände, die an den Schürzenrändern zerrten, zu erheben, sank sie an seine Brust und schluchzte laut und er faßte sie mit beiden Armen um die Hüfte und hielt sie so. Plötzlich sah sie unter Tränen lächelnd zu ihm auf. „Ich mach’ dich da ganz naß,“ sagte sie. Sie legte die Rechte auf seine Schulter und griff mit der Linken einen Schürzenzipfel auf und wischte damit über den feuchten Brustfleck.

Da prallte die Tür auf und Burgerl stürzte hinein.

„Müßt’s schon verzeih’n,“ sagte der Ehnl, der an der Schwelle stehenblieb. „Ich konnt’ s’ nimmer unten verhalten.“

Das Kind lief auf seine Lieben zu, umklammerte beide mit seinen Ärmchen und drückte sie hart gegeneinander.

Kaspar legte die eine Hand auf den dunklen Krauskopf. „Bist da, Burgerl? Freilich, du mußt dabei sein, du g’hörst ja zu uns.“

Laue Luft fächelte zum Fenster herein, helles Sonnenlicht durchgleißte die Stube, durch den Hausflur drang es die gewundenen Treppen hinan und webte ein sattes, freundliches Halbdunkel.

* * * * *

Nicht ein Leben aus Einem Stück galt es! Was noch traut anheimelnd vom zernichteten Jugendtraume nachwirkte, der den Gespielen zum Gefährten verhieß, das zerstiebte vor der Macht, die hier zwei getrennte Lose zum Aufbau gemeinsamer Zukunft einte, und nimmer in dämmernder Mondnacht, im heißen Tagesglanze lag die Welt; kein Eigen, müh’los zu teilen, großmütig an andere zu schenken! Nur mit offenen Augen und rührigen Händen erringen wir unser Teil an ihr und machen nur andere an ihre Stelle rücken, die es da anfassen, wo wir es gelassen, die müssen, wie wir gemußt haben, da einmal jede Kraft, die wir in uns verspüren, sich zu betätigen drängt.

-- ’s is nix Geschenktes, ’s liebe Leben, mein Haserl! --

Die Hand des Weibes fand sich zu der des Mannes, die auf dem Haupte des Kindes ruhte.

Mag das Leben nur ein großer Werktag sein, so ist doch klüger, frohgemut das Unsre tun, bis Feierabend wird, als mürrisch und verdrossen wirken bis ans Ende. Hat dieser Tag doch eine Stunde, die aller Unbill und jedes Mühsals uneingedenk macht, die Stunde, wo man in eine liebe Hand einschlägt, die sich einem in Treuen darreicht: Schaffen wir miteinander!

* * * * *

Der Bauer vom Hof auf der weiten Hald’ räusperte sich. „Wann ihr lang’ g’nug werd’t so g’standen haben, so tut mer’s sagen. Nit, daß mir just d’Zeit dabei lang wurd’ -- euch ja auch nit --, und ich versteh wohl, wo’s Zusammenfinden so lang g’braucht und so schwere Müh’ kost’t hat, da kann mer auch nit so g’schwind und so leicht loslassen, und ’s wär’ mir auch nit unlieb’, wenn ihr euch jetzt zum voraus davon nehmen tätet, was so auf a paar Wochen Alleinsein zureicht! Ja, Kaspar, schau nur! Wirst mir freilich bös’ sein, aber dö zwei Dirndl führ’ ich dir doch vom Fleck weg af mein’ Hof. Wann der Hiesl ausg’strängt hat, muß er gleich wieder einspannen.“

„Aber, Ehnl, warum denn?“

„So g’scheit wirst wohl sein, Kaspar, und ’s Einsehn hab’n, daß d’ Leni, wie d’ Sachen hitzt stehen, nimmer mit dir unter Ein’m Dach verbleiben kann, hitzt wär’s wohl nit schicksam.“

„’s selb’ is richtig und für d’ Gastfreundschaft, dö d’ ihr und mein’ Kind erweisen willst, sag’ ich dir tausend Dank; aber wozu die Eil’? Bleibt doch zun Mittag!“

„Die Eil’ hat zwei Gründ’ und noch a paar andre, die ich aber bei mir b’halt’, weil’s nit von G’wicht sein. Erstens, bin ich dir unversehens ins Haus g’fall’n, du hast nit auf mich antragen können und du weißt, ’s Essen is mein’ schwache Seiten, und damit triff ich’s heut wohl besser daheim, als bei dir, und d’ Leni mag’s auch zufrieden sein, daß s’ als Dirn’ nimmer an dein’ Tisch z’sitzen kommt, sondern erst als Bäu’rin. Zweitens, wird sich’s wie a Lauffeuer da am Hof und übers ganze Ort verbreiten, daß ihr euch endlich doch z’samm’g’funden habt. Dich braucht ’s nit z’ irren, aber d’ Leni hätt’ ich gern von da weg, eh’ ’s g’fahrlich wird, und ersparet ihr neidische G’sichter, dumme Neckereien und heuchlerisch’ Glückwünschen. Drum treib’ ich fort und soweit wär’n wir auch alle bereit, ’s hat nur noch d’ Burgerl ihr Binkerl zu schnüren, der Leni bleibt d’ Arbeit erspart.“

„Gar nit,“ sagte Burgerl, „denn sie ließ mehr wie d’ Halbscheid z’ruck.“

Kaspar betrachtete das leichte Bündel und sah lächelnd und kopfschüttelnd nach Leni. „Mein Seel’, da drein nähm’ s’ nit mehr mit, als s’ af’n Hof ’bracht hat.“

„Ei, so bind’s auf und wieder zu und schaut, daß bald alles g’rechtelt is. Ich laß einspannen!“ Damit lief der Alte zur Tür hinaus und polterte die Treppe hinunter.

Im Hofe sah er seinen Knecht an der Deichsel des unbespannten Wagens lehnen und mit der alten Sepherl plaudern.

„Hiesl,“ schrie er ihn an.

„Jo, Bauer.“

„Hast g’futtert?“

„Jo.“

„Hast g’wassert?“

„Jo.“

„Dann spann ein. Wir fahr’n gleich.“

„Schon recht.“

„Und breit’ dir d’ Pferddecken unter, daß sich ’s Sitzen weicher anlaßt. Mußt zurucken, ich kimm z’ neb’n dir, denn wir nehmen d’ Burgerl und die Dirn’ mit.“

„D’ Leni?“ fragte Sepherl.

„Ja, d’ Leni.“

„No, da hast wohl a recht’s Einsehn, weiter Haldhofbauer, daß d’ dö fortnimmst.“

„Sie kimmt aber wieder z’ruck.“

„Z’ruck kommt’s wieder?“

„Ja, als Bäu’rin af’m Hof da.“

„Was sagst?“

„Als Bäu’rin, sag’ ich. Hörst schon schlecht, alte Guckahnl?“

„Jesses!“

„Soll sein’ Seg’n dazu geb’n, -- meinst? Ich weiß’s eh’.“ Er kehrte sich ab, trat in den Garten und überließ es der Alten und dem Knechte, sich in ihrer Weise zu wundern; auf und nieder schreitend, tat er es in der seinen. Er gedachte des Tages, an dem er sein Kind hierher verheiratete, der Jahre, die er es als junges Weib hier schaffen und schalten sah, und als wär’s heut, entsann’ er sich, wie er durch den Torbogen mit der Dirn’ einfuhr, die nun auf die Wirtschaft zu sitzen und zu hausen kommt, die sie nie mit keinem Aug’ gesehen, hätt’ er sie nicht zum Kommen beredet und auf seinem Gefährt’ zur Stelle geschafft, just, als wär’ ihm bestimmt, den Grasbodenhof mit Bäuerinnen zu versorgen.

Indes saß Kaspar oben im Dachstübchen rittlings auf einem Stuhle und sah zu, wie sie die Laden räumten und sich die Sachen zurechtlegten. Er verfolgte jede Bewegung Magdalenens, und so lieblich und ehrheischig zugleich vom Ansehen und im Gehaben wußt’ er keine wie dieselbe, die seine Bäu’rin sollt’ werden! Weder er, in seiner Herzfreudigkeit, noch sie, in ihrer frohen Geschäftigkeit, gedachten der Trennung über Hals und Kopf; sie schickten sich nur um ein paar Stunden früher in das, was sie mußten, und beachteten allein, für wie kleine Weit’ und kurze Zeit das wär’!

Oft sah Magdalene unter dem Herumkramen zu Kaspar auf und wenn sich die Blicke begegneten, so lag in jedem etwas so wundernd Freudiges, das die beiden Leute unwillkürlich lächeln machte. Über zwei Gegenstände, welche da zur Hand lagen, verständigten sie sich ohne Worte. Als Leni die Korallenschnur vorwies, lächelte sie dabei schalkhaft und er spielte den Verlegenen und sah davor zur Seite, und als sie den Sonntagsspenzer aufgriff, der Anlaß zu allem Gered’ und freilich auch zu dem heutigen Entscheid gab, da lachte Kaspar und winkte ihm freundlich grüßend mit der Hand zu, während sie sich zornig stellte, die Brauen zusammenzog und das feine Stück ein paarmal schüttelte, eh’ sie es -- sorgsam zu den anderen legte.

Und wenn sie eine Weile über nur dem, was sie unter Händen hatte, zugewendet blieb und es dem Kaspar dünkte, sie hätt’ ihm schon zu lang’ kein liebes Aug’ gegönnt, da rief er sie an: „Lenerl!“

Dann sah sie auf und sagte: „Ja, Kaspar!“

Und wenn sie meinte, er hab’ ihr schon zu lang’ kein freundlich Wort gegeben, da rief sie: „Kaspar!“

Und er antwortete: „Ja, Lenerl!“

Darüber trug es sich zu, als Madalen’ das viel umfangreichere Bündel zuschnürte, daß Burgerl noch neben dem ihren kauerte, an dem erst zwei Zipfel des Einbindtuches verknotet waren, während sie den dritten in der geballten Hand und den vierten krampfhaft zwischen den Zähnen hielt. Als jetzt der Großvater vom Flur heraufschrie: „Seid’s fertig? Wir wär’n ’s!“ da schlang sie schnell den Knoten, raffte das Bündel auf und rannte zur Türe hinaus.

Leni warf sich das Bündel über den Rücken.

„Aber laß doch --,“ sagte Kaspar, indem er auf sie zutrat, um es ihr abzunehmen.

Sie wehrte ab. „Heut bin ich noch Dirn’ und du der Herr,“ damit schritt sie voran.

Der Bauer wußte es nicht zu sagen und suchte auch keine Erklärung dafür, warum er sich scheute, an das Mädchen zu rühren und ihm das Bündel abzuringen, wobei er doch nur viel Spaß und wenig Mühe gehabt hätte. Er folgte ihr ernst und gemessen nach.

Im Hausflur wartete die alte Sepherl und raunte Leni zu: „Gratulier’ dir auch schön! Und, gelt nein, mein Reden, das der Dirn’ vermeint war, wird mer doch d’ Bäu’rin nit nachtrag’n? Gelt nein?“

„G’wiß nit, Sepherl, hast’s ja auch nit schlecht gemeint.“

Im Hofe sah sie das übrige Gesinde stehen, sie nickköpften alle, mancher mit hochgezogenen Augenbrauen und offenem Maul, es gab lauter erstaunte Gesichter, aber kein unfreundliches, und als sie ihr Bündel dem Mathies übergab, da nickte er ihr fast vergnügt zu. Volksgunst hält sich, wie im großen, so auch im kleinen an den Erfolg und darin liegt ein gutes Stück gesunden Denkens, welches nur da falsch schließt und verderblich wird, wo der Erfolg in seinen Mitteln und Zwecken unmoralisch, oder der Person und der Sache nach ein unverdienter ist. Alle, die Magdalenen abgünstig waren, seit es hieß, sie habe es auf den Bauer abgesehen, schienen jetzt anderen Sinnes, wo sie eben das erreicht hatte, was zu erstreben man ihr für übel genommen.

Als sie nun, die Letzte, in den Wagen steigen sollte, da umschlang Kaspar, wie von einer plötzlichen Wildheit erfaßt, mit beiden Armen ihre Hüfte und schwang die Erschreckte auf den Sitz. Sie stieß einen leichten Schrei aus. „Hab’ ich z’ grob zug’griffen?“ flüsterte er. „Schau, ich konnt’ mer nit helfen, anfassen mußt’ ich dich und halten, auf daß ich glaub’, daß d’ mein bist, und auch du merkst, daß d’ mir nimmer auskannst.“

Sie reichte ihm, vor sich niederblickend, die Hand. Der Wagen setzte sich langsam in Bewegung und der Bauer schritt nebenher bis zum Tore. Dort sahen sich die beiden Scheidenden tief in die Augen und trennten zögernd die Hände. Man rief und winkte sich Abschiedsgrüße zu, bis das Wagengerassel die Rufe übertönte und man sich an einer Straßenkrümmung jäh aus dem Auge verlor. Der Bauer blieb horchend an der Stelle stehen, bis ferne jedes Geräusch erstorben war, dann kehrte er auf den Hof zurück und begann ein lustiges Schelten, geschäftiges Anordnen und rühriges Selbstzugreifen.

„Ah, halt ja,“ sagte halblaut der Heiner, „hitzt g’freut ihn erst ’s Leb’n.“

* * * * *

Gar stille war es auf dem Wägelchen geworden. Leni saß mit halbgeschlossenen Augen, die gefalteten Hände im Schoße, zwischen Wachen und Träumen.

Erst als das Dorf hinter ihnen lag und sie in den Föhrenwald einfuhren, wandte sich der alte Bauer an das Mädchen: „Möcht’st etwa ’n Brautstand über lieber bei dein’ Leuten bleiben?“

Sie schüttelte den Kopf. „’m Vater z’lieb’ schon, aber ’n Geschwistern trau’ ich nit, sie könnten ihm und mir d’ Freud’ verderben.“

„Dann bleibst af mein’ Hof, bis dich der Kaspar als Bäu’rin af sein’ holt, Ich gönn’ dir’s.“

Er hatte seine Rechte bekräftigend auf beide Hände Lenis gelegt und konnte es nun nicht wehren, daß diese zufaßte und seine Hand an die Lippen führte.

Er machte sich frei und streichelte den Scheitel des Mädchens. „Dir gönn’ ich’s.“

Und Hiesl nickte dazu. Wohl, wohl!

Wieder fuhren sie schweigend eine Strecke.

Da rückte Burgerl nah und lehnte ihre Wange an die der Freundin. „Leni-Mutter,“ flüsterte sie.

Ein Schauer, unter dem sie zugleich aufseufzte und lächelte, befiel Magdalene, sie drückte das Kind an sich und küßte es. Und so in sich geschmiegt, wie verschüchtert und demütig, blieb sie sitzen, als säße all das Glück, so groß es war, ihr zur Seite und sie müsse sich klein, recht klein machen, daß es Platz fände.

Sachte fuhr der Wagen dahin, lautlos kreisten die Räder über der dichten Decke gefallener Nadeln, die zu Füßen der hohen Föhren lag.

* * * * *

Als der Grasbodenbauer abends in seine Stube trat, streckte er sich sofort breit und behaglich auf einen Stuhl; er gestand sich, daß er müde sei, wie nie, und sich wohl heute in seiner Frohmütigkeit ein wenig übernommen haben dürfte.

Und als er so saß, begann er an das zu denken, was er erlebt und erfahren hatte, und von dem zu träumen, was er nun erleben und erfahren würde. Und da tauchten plötzlich, nah’, wie lebendig, die beiden braunen Augen vor ihm auf, in die er heute beim Abschiede so tief hineingeguckt; selbst, wenn er die seinen schloß, blieben sie in ihrem heimelnden Blinken und herzlieben Geschau bestehen. Lächelnd schloß er öftere Male die Augen.

Überdem war es stockdunkel geworden und Sepherl, die Licht brachte, unterbrach ihn in diesem Spiel.

Er erhob sich vom Sitze und hatte nun das Madonnenbild an der Wand gegenüber, gerade vor sich.

Die Madonna war braunäugig.

„Hat s’ ein Öl?“ fragte der Bauer, indem er auf das Lämpchen hinwies, das an der unteren Leiste des Rahmens angebracht war.

„Wohl,“ sagte Sepherl, „’s is von letzthin noch ein’s drein.“

„Dann is ’s schon recht.“

„Willst denn aufzünden?“

Er nickte kurz. „Gute Nacht!“

„Gute Nacht, Bauer!“ sagte die Alte und die Treppe hinab murmelte sie: „Aufzünden will er und ’s is doch heut nit Sunnabend und auch kein Frau’ntag?“

Er rieb ein Schwefelhölzchen an, das schien ihm aber doch zu unheilig für solchen Gebrauch, so griff er denn nach dem Wachsstocke auf seinem Nachtkästchen und entflammte damit den Docht des Lämpchens und als er es hinter dem roten Glase aufflackern sah, sagte er: „So! Warst ja auch eine Rechte, eine Brave, Muttergottesin, du!“

21.

Früh am andern Morgen ging der Bauer mit Gesinde und Taglöhnern vom Hofe weg. Obwohl die Arbeiter sich in zwei Partien schieden, deren jede es von einem anderen Ende des weitläufigen Grasbodens angriff, so sah doch in der ersten halben Stunde jeder den Bauern mehrere Male; er hatte -- wie die Leute meinten -- „heut wieder einmal das große Umschießen“. Später sah man ihn längs des Waldsaumes dahinstreifen und bald darauf gar nicht mehr.

Hatte er es mit seinem Ab- und Zulaufen darauf abgesehen, die Leute bei Fleiß und Rührigkeit zu erhalten, so wirkte allerdings die Furcht, daß er mit einmal wieder mitten unter ihnen zur Stelle sein könnte, eine geraume Weile nach.

Er war, ein wenig zögernd, in den Wald getreten, dann eine gute Strecke unter den Bäumen dahingegangen, plötzlich besann er sich und kehrte zurück, hielt aber mitten auf dem Rückwege wieder inne und verfolgte nun gesenkten Kopfes und mit stark ausgreifenden Schritten den Pfad, der tiefer in den Wald führte. Als er, um auszuschnaufen, still hielt, befand er sich auf freier, sandiger Heide, fern im Rücken die dunklen Föhren.

„’s wär’ ein Unsinn,“ murmelte er. „Jetzt, wo ich so weit von Föhrndorf abkommen bin und so nah nach Hinterwalden hab’, müßt’ mer mich frei auslachen, wenn ich umkehret.“

Wieder begann er rasch auszuschreiten. Er hatte einen Weg zu nehmen, nicht kürzer, als der zurückgelegte war, um an das Dorf heranzukommen, und erst eine Strecke hinter demselben lag der Hof auf der weiten Hald’.

Als er Hinterwalden erreichte, bog er von der Straße, die ihn mitten durch den Ort geführt hätte, nach einem Fußsteige ab, der im Rücken der einen Häuserzeile an Gartenzäunen und Scheuern hinlief und sich mit dem Fahrwege erst angesichts der letzten Häuser wieder vereinigte, unmittelbar vor einer Brücke, unter welcher ein dünner Wasserfaden in einem zerklüfteten Bette rann, in welchem nur frühjahrs und nach Regenstürzen ein schäumender Wildbach toste. Jenseits der Brücke lag ein mit Buschwerk bestandener Hügel.

Als der Bauer über den Bach schritt, tat er einen flüchtigen Blick über die Achsel, sah aber niemand um die Wege; nur dort vor dem Laden des Krämers, der zugleich Posthalter war, stand, den Rücken herwärts, eine Dirne, die einen Brief in den Sammelkasten warf.

Als der Bauer den Hügel hinanstieg, horchte er auf und zog ein ärgerlich Gesicht; über die Brücke kam jemand in trappelnden, eiligen Schritten nach, dem mochte er nun vorauflaufen, oder hinter ihm zurückbleiben, nach fünfzig Schritten hatte der Busch ein Ende und begann die weite Hald’, wo man für jeden, ob er einem im Rücken herankam oder voranschritt, auf eine lange Strecke sichtbar blieb. Das Klügste war wohl ins Gesträuch zu brechen und den Weg eine gute Weile über ganz freizugeben.

Dazu wollte der Bauer eben Anstalt machen.

„Kaspar,“ rief eine Stimme hinter ihm, auf deren Klang er sich mit einem Ruck umwandte.

„Ja, bist du ’s denn?“ sagte Leni, die freudig aufschauend an ihn herantrat.

„Ei, freilich bin ich’s, wohl,“ lachte er, indem er sie an beiden Händen faßte. „Grüß dich Gott, du mein herztausendschöner Schatz! Und dann bist wohl auch du dieselbe dort bei’n Briefkastel g’west?“

„Ja, ich hab’ g’schrieb’n.“

„An wen denn?“

„Rat’ einmal.“

„Kann ich’s?“

„’s is kindleicht.“

„Kindleicht? Dann g’wiß nach Langendorf an dein’ Vater.“

Sie nickte. „Ihm mußt’ ich doch gleich all’s z’ wissen tun. Was er dazu sagen wird? Es wird ’n wohl recht g’freu’n! Und, Kaspar“ -- sie legte beide Hände auf seine Schultern und rüttelte ihn --, „wie erst mich, wenn ihr zwei euch sehn und reden möchtet!“

„Ei, Lenerl,“ sagte er rasch, hielt aber plötzlich inne und wich ihrem fragenden Blick mit schlau zwinkernden Augen aus, dann setzte er überlegend hinzu: „das schickt sich wohl einmal, eher als nit.“

Sie senkte den Kopf.

„Aber grundmäßig g’freut mich,“ fuhr er fort, „und is ein merkwürdiger Zufall, daß ich dich da g’troffen hab’.“

„So nah’bei um ’n Weg, wo ich jetzt heim bin? Da is doch b’sonderer, wie du daher kommst, so weit ab, von wo d’ hing’hörst.“

„Herg’rennt bin ich wie a ledig Füllen und hitzt müd’ wie a g’hetzter Hund.“

„Ja, was hat dir denn gar so geeilt?“

„Dich z’ sehn, Lenerl, sonst nix, als dich z’ sehn.“

Er leitete sie an der Hand nach einem Rasenflecke, der auf dem Kamme des Hügels lag, und dort setzten sich beide unter dem Schatten eines Busches auf dem grasbewachsenen Rande einer Erdwelle nieder.

„Weißt, Lenerl, gar z’ schnell bist mer fort g’west und wie ich heut fruh nachdacht hab’, was gestern af einmal alles uns überkommen und sich zu’trag’n hat ... Jesses und Joseph, wir war’n doch kein klein’ bissel[27] dumm, das heißt, vor all’m ich, ich als Mann, ’s darf dich nit harb’n und braucht’s auch nit, in denselben Stucken und Sachen macht auch der Verstand nit g’scheiter ... wie ich also all dem Gestrigen nachsinn’, is mir frei g’west, als hätt’ ich ’träumt, ei, denk’ ich mir, rennst umi[28] und hilfst dir aus’m Traum. Vom Grasboden bin ich ihnen heimlich abg’fahr’n und hab’ glücklich bis daher g’troffen, ohne a menschliche Seel’ z’ begegnen; z’ Föhrndorf und Hinterwalden weiß niemand um mein Hiersein, denn wenn mich wer g’sehn hätt’, wie ich eil’ und wohinzu, ’s wär’ wieder was zun Lachen g’west und dazu hab’n wir eh’ schon mehr Anlaß geb’n, als uns lieb is. Nun war nur noch mein’ alleinige Sorg’, wie ich mich an’ weiten Haldhof h’ranschleich’ und dich z’ G’sicht krieg’, und schau, da hilft der Herrgott sein’ Leuten und führt uns mitten Weg’s z’samm’, wenn auch nur af a paar Minuten Alleinsein, aber grad die hab’n mir g’fehlt, von gestern her noch, wie wir einmal eins g’west sein.“

Er legte die Rechte um ihre Hüfte und faßte mit der Linken ihre Hand und ihr welliger Scheitel neigte sich gegen seine Wange.

Im Busche zwitscherten und flirrten Vögel, ein bunter Falter gaukelte über den Rasen, Ameisen liefen eilig zwischen Moos und Steinen dahin und kleine, grünschillernde Käfer schaukelten sich auf den Halmen, die gleich den Blättern, jetzt von der Sonne durchleuchtet, dann im sanften Winde fächelnd, ein wechselndes Farbenspiel trieben. Weithin sah man über die Halde, deren Grün mancher bunte Fleck unterbrach, an Stellen, wo zahllose Feldblumen emporgeschossen waren; gar klein lag dort der Haldhof mit seinem weißen Gemäuer und roten Dache, noch weiter ein lichter Streif, über den eine Nadel mit goldengleißender Spitze aufragte, der Kirchturm einer Ortschaft, dahinter blauten hohe Berge und über dem allen wölbte sich ein klarer Himmel, der mit erfreulichem Licht und belebender Wärme an das Nächste wie an das Fernste rührte und regte.

„O, du mein Herrgott, wie is doch d’ Welt schön!“ sagte Kaspar leise. Da fühlte er den kurzen, zustimmenden Druck der Hand, die in der seinen lag. So saßen sie eng aneinander geschmiegt, zu tiefst im Herzen befriedet, ohne einen Wunsch in der Seele und ohne einen Anspruch an diese prangende Welt.

* * * * *

Sie wußten es nicht zu sagen, wie lange sie gesessen hatten, als sie sich plötzlich erhoben und zugleich sagten: „’s is Zeit, jetzt heißt’s wieder laufen.“