Der Marquis de Sade und seine Zeit.
Part 30
Noch interessanter ist die Beschreibung des Mannweibes Coelestine. „Coelestine, die 30jährige Schwester Rodin’s, war gross, mager, wohl gewachsen, hatte die ausdrucksvollsten Augen und die allersinnlichste Physiognomie. Sie war brünett, sehr behaart, hatte clitoridem perlongam, anum virilem, wenig Busen, ein leidenschaftliches Temperament, viel Boshaftigkeit und Wollust. Sie besass „tous les goûts‘, besonders die Vorliebe für Frauen und gab sich den Männer nur als Pathica hin“. (Justine I, 253.)
Wie man sieht, schildert der Marquis +de Sade+ die Coelestine als +sehr behaart+. Genau dieselbe Eigenschaft legt +Tardieu+ den erotisch besonders stark veranlagten Frauen bei. Auch er spricht von einer „abondance du système pileux“, ferner von dem besonderen Glanze der Augen, dem wollüstigen Blicke (flamme brûlante du regard), den dicken roten Lippen und einer auffälligen starken Entwickelung der Brüste und Geschlechtsteile. Der von Satyriasis ergriffene Mann zeichnet sich nach +Tardieu+ durch einen starren, gierigen Blick aus, hat blutunterlaufene Augen, einen wollüstigen Mund, blasse Gesichtsfarbe, indecente Manieren und nimmt eine herausfordernde Haltung an.[620]
5. Sorgfalt im Arrangement obscöner Gruppen.
Da an den Orgien in den Romanen des Marquis +de Sade+ stets zahlreiche Personen teilnehmen, so erwächst den Leitern derselben eine besondere Aufgabe und auch ein sexueller Genuss daraus, jeder einzelnen Person ihre Rolle vorzuschreiben, die von ihr einzunehmende Stellung und die auszuführenden sexuellen Handlungen vorherzubestimmen. Delbène sagt: Bringen wir ein wenig Ordnung in unsere Vergnügungen. Man geniesst dieselben besser, indem man sie vorher fixirt (Juliette I, 6). Auch die Tribade Zanetti ist sehr erfahren in der Bildung solcher obscöner Gruppen (Juliette VI, 160). In der „Philosophie dans le Boudoir“, diesem Lehrbuche des Sexualgenusses, werden natürlich der Schülerin Eugenie von Madame St.-Ange und insbesondere von Dolmancé diese Arrangements ausführlich eröffnet. Madame de St.-Ange führt dann Eugenie in eine Nische, deren Wände aus Spiegelglas bestehen und die „die verschiedenen Stellungen tausendfach wiederholen und so die eigenen Genüsse den Augen der auf einer Ottomane sich ihnen Hingebenden recht deutlich machen, da kein Körperteil auf diese Weise verborgen bleibt. So erblicken die Liebenden lauter ähnliche Gruppen und Nachahmer ihrer eigenen Vergnügungen, lauter wunderbare Gemälde, der Wollust.“ (Philosophie dans le Boudoir I, 40.) Ein ganz besonderes Stück ist die „Cavalcade“, welche der lebenslustige Mönch Clément in der „Justine“ ausführen lässt. Dabei dienen zwei auf allen Vieren kriechende Mädchen als Pferde. (Justine II, 201.) Aehnliche obscöne Arrangements kehren fast auf jeder Seite der „Justine“ und „Juliette“ wieder.
6. Das Mysterium des Lasters.
Delbène sagt: Die Laster darf man nicht unterdrücken, da sie das einzige Glück unseres Lebens sind (Juliette I, 25). +Man muss sie nur mit einem solchen Mysterium umgeben+, dass man niemals ertappt wird. Dieses Mysterium ist zugleich ein besonderer Reiz. Juliette wundert sich über das Schweigen und die Ruhe bei der grossen Orgie in der „Gesellschaft der Freunde des Verbrechens“ und zieht daraus den Schluss, dass der Mensch nichts in der Welt so sehr achte, wie seine Leidenschaften. (Jul. III, 53.) Darum finden alle Orgien an dunklen, abgelegenen Orten statt, in einsamen Schlössern, in Höhlen, unterirdischen Gewölben, im Walde, im Gebirge, am und auf dem Meere, in Folterkammern und Hinrichtungssälen. Daher wird der Anthropophage Minski zum „Einsiedler der Apenninen“, der in einem wohlbefestigten Hause auf der Insel eines Teiches lebt (Juliette III, 313). Für Dolmancé giebt es gewisse Dinge, die „absolut des Schleiers bedürfen“ und die er selbst vor den Augen der würdigen Madame St.-Ange verbirgt (Philosophie dans le Boudoir II, 153).
7. Die Lüge als Begleiterin sexueller Perversion.
Die +Lüge+ ist zu allen Zeiten die stete Begleiterin der Prostitution und der geschlechtlichen Ausschweifungen jeder Art gewesen. Man darf mit Recht behaupten, dass jeder Wollüstige ein Lügner ist, und dass man sich auf die Angaben eines Wüstlings niemals verlassen darf. „Die Sucht zu lügen, sagt +Parent-Duchatelet+, ist bei den öffentlichen Mädchen allgemein und ein Kind der immer falschen Stellung, des peinlichen Zustandes, worin sie leben, der Meinung, die man, wie sie wissen, von ihnen hegt... Man muss daher bei Benutzung ihrer Aussagen sehr vorsichtig sein“.[621] Ein anderer ausgezeichneter Kenner der Prostitution äussert sich noch schärfer: „Die Prostituierte lügt aus Hang zur Lüge, und zwar nicht nur bei vollkommen gleichgiltigen Dingen, nach denen sie gefragt wird, sie lügt selbst dort, wo es leicht ist, sie der Unwahrheit zu überführen, sie lügt ohne Rücksicht darauf, ob sie Jemandem dadurch Schaden zufügt, ja sie thut es unter Umständen selbst zu ihrem eigenen Nachteil“.[622]
Fast alle Helden und Heldinnen der +Sade+’schen Romane lügen. Die Lüge ist als eine Bedingung der Aufnahme in den Club der „Gesellschaft der Freunde des Verbrechens“ vorgeschrieben, und es wird denn auch bei der grossen Orgie dieses Clubs furchtbar gelogen (Juliette III, 59). Allen diesen Wüstlingen gewährt die Lüge sogar einen sexuellen Genuss. Zwar rühmt sich Dolmancé seiner Wahrheitsliebe, die aber mit Recht sofort von der des Lasters der Lüge überaus kundigen Madame St.-Ange bezweifelt wird, worauf Dolmancé lustig erwidert: „Ja wohl, ein wenig falsch und lügenhaft! Das muss doch in der heutigen Gesellschaft sein, in der man mit Leuten zusammen lebt, die uns ihre Laster verbergen und nur ihre Tugenden zeigen. Es wäre gefährlich, freimütig zu sein. Denn dann würde man ihnen gegenüber im Nachteil sein. Die +Heuchelei und die Lüge sind uns von der Gesellschaft auferlegt worden+. Niemand ist so verderbt wie ich. Und doch halten mich alle für anständig“. (Philosophie dans le Boudoir II, S. 7-8.) Die Delmonse proklamiert ebenfalls die Lüge als die Beschützerin der Wollust (Justine I, 28-29).
8. Sade’s Ansicht über die Natur der sexuellen Entartung.
Die Mehrzahl der von +Sade+ geschilderten sexuell perversen Persönlichkeiten fröhnt diesen Lastern aus Angewöhnung; die meisten Lüstlinge sind erst allmählig durch Erfahrung und aus Raffinement zu diesen verschiedenen Arten unnatürlicher Wollust gekommen. Auch ist ja die Tendenz der ganzen „Philosophie dans le Boudoir“ darauf gerichtet, die junge Eugenie allmählig mit allen Lastern, auch den conträrsexualen Genüssen bekannt zu machen, und +Sade+ schildert mit richtiger Erkenntnis, wie diese Novize der Wollust alle Lehren begierig in sich aufnimmt und praktisch nachahmt. Dolmancé sagt, dass die +Einbildungskraft+ der Stachel des Vergnügens sei und immer neue Arten der geschlechtlichen Befriedigung erfinde. (Phil. dans le Boud. I, 104.) Und nach Madame St.-Ange ist die Einbildungskraft die „capricieuse portière de notre esprit“, Feindin aller Regel, Anbeterin der Unordnung (ib. S. 105). Nach der sehr gelehrigen Eugenie muss man der Imagination freien Lauf lassen in Bezug auf die unnatürlichen Dinge. Dann vergrössert sich der Genuss nach dem Massstabe des „Weges, den der Kopf gemacht hat“ (ib. S. 109). Sehr drastisch schildert Dolmancé, wie die jungen Mädchen zuerst Widerwillen gegen die Paedicatio empfinden, dann immer mehr Geschmack daran bekommen und schliesslich diese Art der sexuellen Befriedigung allen anderen vorziehen (ib. S. 131). Dolmancé selbst, dieser cynische Apostel der Paederastie, bekennt sehr freimütig den Grund, weshalb er Paedico geworden ist. Dieser Grund ist, wie wir schon früher sahen, ein rein -- anatomischer (ib. S. 176). Der Chemiker Almani, ein Zoophile, ist durch das „Studium der Natur“ ein sexuell Perverser geworden (Justine III, 67).
Nur an zwei Stellen haben wir eine Andeutung der +hereditären+ Natur der conträren Sexualempfindung gefunden. Clément erklärt, dass die sexuelle Perversion des Menschen eine +Funktion seiner Organe sei+. Daher ist der sexuell perverse Mensch ein +Kranker+, er ist „wie eine hysterische Frau.“ Man kann ihn ebenso wenig bestrafen, wie man einen anderen Kranken bestraft. Denn er ist nicht Herr seiner selbst. Er ist zu beklagen, aber nicht zu tadeln. Und wenn die Anatomie noch mehr vervollkommnet sein wird, wird man leicht den Zusammenhang zwischen der Organisation des Menschen und den Leidenschaften nachweisen. Was wird aus den Gesetzen, der Moral, der Religion, dem Galgen, dem Paradiese, den Göttern und der Hölle werden, wenn man gezeigt haben wird, dass ein bestimmter Lauf einer Flüssigkeit, eine bestimmte Art von Fasern, ein bestimmter Grad von „Schärfe“ im Blute oder den tierischen Geistern genügen, um aus einem Menschen ein Objekt der Strafe und Belohnung zu machen. (Justine II, 212-213.) Ebenso meint Bressac, dass der Pathicus von Natur ein Anderer sei als die übrigen Männer. Er erklärt diese Leidenschaft für angeboren und Folge einer „ganz verschiedenen Struktur“. Es wäre eine Dummheit, sie zu bestrafen (Justine I, 162 bis 164).
9. Unsere Definition des Sadismus.
Wir fassen den Begriff „Sadismus“ bedeutend weiter, als dies bisher geschehen ist. Sehen wir uns also zunächst die Definitionen desselben bei anderen Autoren an.
+Lacassagne+ erklärt den Sadismus für einen „Geisteszustand“, bei welchem der +Sexualtrieb+ erregt oder befriedigt wird unter dem Einflusse des +Zerstörungstriebes+.[623]
Nach R. v. +Krafft-Ebing+ ist der Sadismus jene Form der Perversion der Vita sexualis, bei welcher die Person einen sexuellen Genuss darin findet, Anderen Schmerz zuzufügen und auf Andere Gewalt auszuüben. Er stellt dem Sadismus den +Masochismus+ (nach dem Schriftsteller +Sacher-Masoch+) gegenüber, die mit Wollust betonte Vorstellung, von einem Anderen herrisch behandelt, gedemütigt und misshandelt zu werden.[624] Er betrachtet Masochismus und Sadismus als die „+Grundformen psychosexualer Perversion, die+ auf dem ganzen Gebiete der Verirrungen des Geschlechtstriebes an den verschiedensten Stellen zu Tage treten können.“[625]
Demgegenüber macht v. +Schrenck-Notzing+ geltend, dass zunächst der Unterschied der aktiven und passiven Rolle in den Romanen des Marquis +de Sade+ und von +Sacher-Masoch+ nicht so scharf durchgeführt sei, wie dies v. +Krafft-Ebing+ annimmt. Zudem kämen beide Formen der Perversion oft bei demselben Individuum vor. Er ordnete also beide Begriffe einem einzigen höheren Begriffe, der +Algolagnie+ (von ἄλγος = Schmerz und λάγνος = geschlechtlich erregt) und bezeichnet den Sadismus als +aktive Algolagnie+, den Masochismus als +passive Algolagnie+. Es giebt aber nach diesem Autor noch andere Formen der Algolagnie: die +onanistische+ Algolagnie (Selbstverstümmelung, Autoflagellantismus), die +visuelle+ Algolagnie (geschlechtliche Erregung beim Anblick von Prügelszenen), +zoophile+ und +bestiale+ Algolagnie, +nekrophile+ Algolagnie, endlich die +ideelle+ oder +symbolische+ Algolagnie, bei welcher „der Schmerz ohne jede Nebenbedeutung und phantastische Ausschmückung um seiner selbst willen eine Rolle spielt, ohne Rücksicht auf aktive oder passive Bethätigung.“[626]
+Thoinot+ giebt folgende Definition des Sadismus: „Sadismus ist die Perversion des Sexuallebens, bei welcher der Betreffende sexuellen Genuss darin findet, Schmerzen von +sehr verschiedenen Graden+ einem Anderen zuzufügen, sei es, dass er selbst sie +zufügt+, oder zufügen +lässt+ oder, ohne dass er der Urheber derselben ist, dabei +zuschaut+. Diese leidende Person muss immer ein +menschliches+ Wesen sein.“[627]
+Thoinot+ und +von Schrenck-Notzing+ stimmen darin überein, dass die Verbindung von +Grausamkeit+ und +Wollust+ der +höhere+ Begriff ist, dem die anderen untergeordnet werden müssen, dass also der Masochismus nicht etwas Besonderes neben dem Sadismus darstellt, sondern wie dieser eine +Form+ der Algolagnie ist. Unzweifelhaft hat aber +Thoinot+ Unrecht, dass er den Begriff Sadismus (welches Wort er für Algolagnie setzt) nur +menschlichen+ Wesen gegenüber angewendet wissen will.
A. +Eulenburg+ hat wohl noch vor +von Schrenck-Notzing+ darauf aufmerksam gemacht, dass der Begriff der Algolagnie, den er durch die Worte +Lagnänomanie+ (= Sadismus) und +Machlänomanie+ (= Masochismus) ersetzt, +sehr viele Ab- und Unterarten+ umfasst. Auch er betont, dass „sich das nämliche Individuum abwechselnd aktiv und passiv verhalten, und aus Beidem geschlechtliche Erregung und Befriedigung schöpfen kann.“ Ferner erinnert +Eulenburg+ an die Mittelformen, wobei „das Individuum zum Behufe geschlechtlicher Erregung weder selbst gewaltsame Handlungen vornimmt noch solche erduldet -- wohl aber dergleichen von Anderen +provociert+, sie mit +ansieht+ und durch den +Anblick+, oder unter Umständen schon durch die +blosse Vorstellung des Anblicks+ in die gewünschte Befriedigung versetzt wird.“ Also eine Art von +ideeller+ oder +illusionärer+ Lagnänomanie und Machlänomanie. Ferner ist die +Begehung grausamer Akte gegen Tiere+ in Betracht zu ziehen. Schliesslich erklärt +Eulenburg+ das Beobachtungsmaterial für „noch bei Weitem nicht abgeschlossen“.[628]
Es handelt sich nun unseres Erachtens darum, eine +allgemeine+ und +für alle Fälle zutreffende+ Definition des Sadismus zu finden, die kurz und prägnant den +Grundton+ der +Sade+’schen Werke ausdrückt und unter die sich alle Formen der passiven und aktiven Algolagnie der Zoo- und Nekrophilie, der symbolischen Algolagnie u. s. w. unterordnen lassen. Bedenkt man, dass in den Werken des Marquis +de Sade+ auch alle +wirklichen+ und ideellen +destruktiven+ Vorgänge in der +lebenden+ und +toten+ Natur als Ursachen +sexueller Erregung und Befriedigung+ betrachtet werden, wie Mord, Folter, Nekrophilie, Zoophilie, aber auch Ausbrüche von Vulkanen, Schiffbrüche, Feuersbrünste, Diebstähle u. s. w., so wird man den +typischen Sadismus+ folgendermassen definieren:
+Der Sadismus ist die absichtlich gesuchte oder zufällig dargebotene Verbindung der geschlechtlichen Erregung und des Geschlechtsgenusses mit dem wirklichen oder auch nur symbolischen (ideellen, illusionären) Eintreten furchtbarer und erschreckender Ereignisse, destruktiver Vorgänge und Handlungen, welche Leben, Gesundheit und Eigentum des Menschen und der übrigen lebenden Wesen bedrohen oder vernichten und die Continuität toter Gegenstände bedrohen und aufheben, wobei der aus diesen Vorgängen einen geschlechtlichen Genuss schöpfende Mensch selbst ihr direkter Urheber sein kann, oder sie durch Andere herbeiführen lässt, oder blosser Zuschauer bei denselben ist, oder endlich freiwillig oder unfreiwillig ein Angriffsobjekt dieser Vorgänge ist.+
Uns scheint, dass diese Definition dem Wortsadismus ebenso gerecht wird wie dem Lustmorde, der Folter und der Freude an zerstörenden Ereignissen.
10. Beurteilung des Menschen Sade nach seinem Leben und seinen Schriften.
Die wichtigste Frage ist die: War der Marquis +de Sade geisteskrank+ oder nicht?
Heute, wo die +hereditäre+ und krankhafte Natur der sogenannten conträren Sexualempfindung so sehr betont und energisch die Aufhebung des § 175 des deutschen Strafgesetzbuches verlangt wird, ist man nur zu leicht geneigt, jede schwerere sexuelle Perversion als Zeichen einer Geisteskrankheit zu deuten. Demgegenüber betonen wir als unsere feste, aus kulturhistorischen Studien und Erfahrungen des modernen Lebens geschöpfte Ueberzeugung, dass wir die +Mehrzahl+ der sexuellen perversen Personen für +geistig gesund halten+ und ihre Perversion auf Verführung und geschlechtliche Ueberreizung zurückführen. Die Anschauungen v. +Krafft-Ebing’s+, der die hereditäre Natur vieler sexueller Perversionen vertritt, werden gegenüber den durchaus berechtigten Ausführungen v. +Schrenck-Notzing’s+, der die Erziehung, occasionelle Momente, wie Verführung u. dgl. m. verantwortlich macht, immer mehr an Boden verlieren, wie weitere Studien erweisen werden. Selbst +von Krafft-Ebing+ sagt einmal (Arch. f. Psychiatrie Bd. VII, S. 304): „Wer +Tardieus+ bekannte Studie, +Caspers+ gerichtsärztliche Werke, +Legrand du Saulles+ Mitteilungen in den Annales médico-psychologiques, März 1876, gelesen hat, wird zugeben müssen, dass die greulichsten geschlechtlichen Verirrungen mit geistiger Gesundheit verträglich sind.“ Es geht daraus, wie +Moll+ richtig bemerkt, hervor, +dass Krafft-Ebing selbst die greulichsten geschlechtlichen Perversitäten an sich nicht als Beweis einer Geisteskrankheit ansieht+.[629]
Was speziell den +Sadismus+ betrifft, so bemerkt auch +Eulenburg+, ein Anhänger der Aufhebung des § 175, dass „bei weitem nicht alle, namentlich aktiven Algolagnisten als geisteskrank im engeren Sinne zu betrachten seien. Gewiss sind es die ‚schweren‘ und ‚schwersten‘ unter ihnen, die eigentlichen sexualen Verbrecher, Lustmörder u. s. w. wohl ausnahmslos, obgleich man auch von ihnen mehrere als geistesgesund hingerichtet hat (was ich übrigens nicht als ein Unglück, noch weniger als einen Justizmord ansehen möchte).“[630]
Ueber den Geisteszustand des +Marquis de Sade+, der bekanntlich von Royer-Collard für gesund erklärt wurde, haben sich in diesem Jahre zwei Aerzte geäussert, Dr. +Marciat+ in Lyon und Professor A. +Eulenburg+ in Berlin. Der letztere hervorragende Neurologe hat ohne Zweifel das eingehendere und scharfsinnigere Gutachten über +Sade+ geliefert. Er kommt zu dem Schlusse, dass „auch die Irrenärzte unserer Zeit der Mehrzahl nach sich kaum in der Lage befunden haben würden, +de Sade+ vor dem Strafrichter für geisteskrank und ‚der freien Willensbestimmung beraubt‘ zu erklären und ihn der +unzweifelhaften+ gerichtlichen Verurteilung damit zu entziehen.“[631] +Marciat kommt+ zu einem ähnlichen Resultat. Der Marquis +de Sade+ war „+nicht geisteskrank im genauen+ Sinne des Wortes“. Höchstens könnte man an moral insanity denken, aber nur im Hinblick auf die Hauptwerke. Aber „man muss sich erinnern, dass +Mirabeau, Musset+ und viele Andere auch sehr schlüpfrige Bücher veröffentlicht haben.“[632]
Die Annahme einer „moral insanity“ (folie morale), die +Marciat+ eventuell zulassen würde, hat +Eulenburg+ (a. a. O. S. 514) bereits zurückgewiesen, da es eine Form der Seelenstörung, die sich „lediglich durch eine krankhafte Umwandlung, eine Perversion der natürlichen sittlichen Antriebe und Gefühle und durch eine daraus entspringende Neigung zu unsittlichen Handlungen, ohne sonstige Störungen der Intelligenz charakterisierte“, nicht giebt, vielmehr „immer und überall die auf angeborener Anlage beruhende +Abschwächung der Intelligenz+ neben der Gefühlsstörung hervortritt und dass es sich demnach +um Fälle angeborenen Schwachsinns+, meist auf degenerativer Grundlage handelt“ (a. a. O. S. 514).
Wir glauben, dass speziell bei +Sade+ jene Form der Entartung in Betracht kommen könnte, welche +Kraepelin+ als „+impulsives Irresein+“ bezeichnet. Es sind „alle jene Formen des Entartungsirreseins, denen die Entwickelung +krankhafter Neigungen+ und +Triebe+ eigentümlich ist.“ Dieselben können entweder dauernd den Willen beherrschen oder nur zeitweise, in einzelnen Anwandlungen, hervortreten. Der Kranke handelt dabei +ohne klaren Beweggrund+. So tragen seine Willensäusserungen vielfach den Stempel des Unvorbedachten und Zwecklosen, Widersinnigen. Gerade auf dem Gebiete des impulsiven Irreseins „tritt uns am deutlichsten +die häufige Verbindung krankhafter Antriebe mit dem Geschlechtstriebe+ entgegen.“ Die +geistige Begabung+ braucht keine schärfer hervortretenden Störungen aufzuweisen. Doch ist in +schweren+ Fällen meist +Schwachsinn+ vorhanden. In allen Fällen findet sich eine gewisse Beschränktheit, Zerfahrenheit, Verschwommenheit, eine haltlose Schwäche des Charakters, kindischer Eigensinn, Menschenscheu, Roheit. Das impulsive Irresein tritt besonders in den +Entwickelungsjahren+ hervor und zeitigt auch später meist +periodische+ Krankheitserscheinungen. Man soll aber nach +Kraepelin+ das Bestehen des impulsiven Irreseins nur dort annehmen, +wo wirklich der triebartige Ursprung des Handelns ohne klares vernünftiges Ziel+ hervortritt und wo auch im übrigen Bereiche des Seelenlebens die Anzeichen einer krankhaften Veranlagung erkennbar sind. +Kraepelin+ lässt die Möglichkeit zu, dass plötzliche Antriebe von unbezwinglicher Stärke im Zustande geistiger Gesundheit bei den „heissblütigen Völkern des Südens“ häufiger sind als bei uns, und daher die „forza irresistibile“ des italienischen und spanischen Gesetzbuches vielleicht eine Berechtigung habe.[633]
Nach diesen orientierenden Vorbemerkungen gehen wir daran, das Leben und die Werke des Marquis +de Sade+ mit der Absicht zu untersuchen, daraus Schlüsse auf seinen Geisteszustand zu ziehen. Wir können nur wenige sichere Anhaltspunkte aus seinem Leben verwerten.
1. +Sade+ war ein +Provenzale+ und besass als solcher das südlich heisse Blut und die Leidenschaftlichkeit seiner Landsleute.
2. In Beziehung auf die +Heredität+ ist wenig nachweisbar. Doch ist wahrscheinlich, dass +Sade+ die Neigung zum galanten Leben und zur Schriftstellerei von seinem Oheim geerbt hat. Wie wir jetzt wissen, schrieb +de Sade+ schon mit 23 Jahren ein obscönes Buch. Es geschah dies nach der Rückkehr aus dem Kriege.
3. Ueber +Sade’s+ Leben in der Kindheit liegen keine verlässlichen Beobachtungen vor.
4. Bemerkenswert ist, dass +Sade+ mit 17 Jahren, also im Beginn der Pubertät, in den Krieg zog und sechs Jahre lang fern von Haus und Familie weilte. Es ist mit Sicherheit festgestellt, dass während der Kriegszeit unter dem Einflusse der unerhörten sittlichen Corruption in der französischen Armee auch die Ausschweifungen des Marquis +de Sade+ ihren Anfang nahmen.
5. Die unglückliche Ehe spielt nicht die Rolle im Leben +Sade’s+, welche +Marciat+ ihr zuschreibt.
6. Es ist jetzt genau festgestellt, dass der Marquis +de Sade+ bei den beiden grossen Skandalaffären seine Opfer nicht erheblich verletzt oder gar getötet hat.
7. Es ist sicher, dass der langjährige Aufenthalt im Gefängnisse eine körperliche und psychische Schädigung auf +Sade+ ausgeübt hat. (S. oben S. 324.)
8. Dass +Sade+ eine starke geschlechtliche Erregbarkeit besass, geht aus der Beobachtung des Freundes von +Brierre de Boismont+ hervor.
9. Sehr bemerkenswert erscheinen einige geistige Eigentümlichkeiten, die während des Gefängnislebens +Sades’s+ hervortreten: das Misstrauen, die Lügenhaftigkeit, die wilden Zornesausbrüche bei den Besuchen seiner Frau.
10. Nach dem Austritt aus dem Gefängnisse scheint der Marquis +de Sade+ solche Eigenschaften weniger gezeigt zu haben und sogar durch die Rettung seiner Schwiegereltern zu bekunden, dass sein sittliches Gefühl nicht ganz erstorben war.
Betrachten wir nunmehr die Werke des Marquis +de Sade+, so ergiebt sich Folgendes:
11. Erstaunlich und schon von +Eulenburg+ hervorgehoben ist der blosse Umfang der Hauptwerke und das „Mass der damit geleisteten geistigen und der rein mechanischen Arbeit.“
12. Die überaus zahlreichen, geschickt aneinander geknüpften Details, die raffiniert durchgeführte allmähliche Steigerung und fast nie versagende Treue der Erinnerung und Rückbeziehung zeugen von einer grossen geistigen Kraft.
13. Die Verschiedenheit der Schriften lässt deutlich den Einfluss der Zeit und des Milieu erkennen.
14. Mit Recht haben +Michelet+ und nach ihm +Taine+ („Les origines de la France contemporaine“, Paris 1885, Bd. III, S. 307) den Marquis +de Sade+ als den „Professeur du crime“ bezeichnet. Er ist der Theoretiker des Lasters, insofern er nach +eigener Lektüre und Beobachtung+ alle geschichtlich nachweisbaren und zu seiner Zeit sich ereignenden Anomalien des Geschlechtslebens in seinen Hauptwerken mit unleugbarem Scharfsinn beschrieben und zusammengestellt hat. Was R. v. +Krafft-Ebing+ in Form einer +wissenschaftlichen Monographie+ gethan hat, das hat schon hundert Jahre früher der Marquis +de Sade+ in Form eines +Romans+ geleistet.