Der Marquis de Sade und seine Zeit.
Part 31
15. Hierdurch gewinnen seine Hauptwerke einen +kulturhistorischen und zeitgeschichtlichen Wert+, indem sie alle Phasen, Nüancen und Eigentümlichkeiten des französischen Geschlechtslebens im Frankreich des ancien régime und der grossen Revolution, erkennen lassen, wie wir im ersten Teile dieses Werkes nachgewiesen haben.
16. Die von +Sade+ vorgetragene +Theorie des Lasters+ ist ein Produkt der Revolution und findet in dieser zahlreiche Analogien.
17. In Werken, die früher und später fallen als „Justine et Juliette“ und die „Philosophie dans le Boudoir“, hat +Sade+ durchaus moralische Ansichten entwickelt.
18. Auch in den berüchtigten Hauptwerken finden sich zahlreiche Andeutungen, dass +Sade+ in ihnen vorzüglich +Tendenzschriften+ gegen das ancien régime erblickte.
19. Es darf daher nicht ohne weiteres aus dem Inhalt dieser Schriften auf den Charakter des Verfassers geschlossen werden, zumal da häufig genug das Verbrechen als Laster gebrandmarkt wird und auch andere scheinbare Inkonsequenzen -- beruhigende Wirkung des Gebets (Justine I, 141 ff.), Glaube an Unsterblichkeit (Juliette II, 287), Ueberdruss an Ausschweifungen (Juliette III, 283-284) -- vorkommen.
20. +Sade+ zeigt in allen Werken eine ausgebreitete Belesenheit in der zeitgenössischen philosophischen und wissenschaftlichen Litteratur.
21. Als +philosophischer+ Denker ist er jedoch mehr als mittelmässig. Seine Philosophie ist eklektischer Mischmasch. Seine Beweisführung besteht aus sinnlosen Tautologien und noch sinnloseren Anticipationen.
Nach diesen Ausführungen lautet unser Urteil: Der Marquis +de Sade war nicht geisteskrank+. Er war eine vielleicht durch Heredität +neuropathische+ Persönlichkeit, die, inmitten eines verhängnisvollen Milieu, frühzeitig auf die Bahn des Lasters geriet und wie so viele Zeitgenossen durch Verführung und Gewöhnung sexuell pervers wurde, deren hohe +geistige Begabung+ zweifellos durch eine langjährige Gefängnishaft eminent geschädigt wurde, so dass besonders in den +philosophischen Deduktionen+ seiner Hauptwerke ein gewisser Grad von +geistiger Schwäche+ deutlich hervortritt, während dies in den realen Schilderungen, die mit unleugbarer Beobachtungsgabe ein +Gemälde der Zeit+ entwerfen, viel weniger sichtbar ist. Wir haben im ersten Teile den engen Zusammenhang des Inhalts von +Sade’s+ berüchtigten Hauptwerken mit der Kultur seines Zeitalters zur Genüge nachgewiesen. Die grosse Kluft, die zwischen +Sade+ als Persönlichkeit und +Sade+ als Schriftsteller liegt, wird dadurch zum Teil überbrückt. Um die Brücke ganz herzustellen, genügt es, daran zu erinnern, dass die +Einbildungskraft+ sexuell perverser Personen fast stets ungeheuerliche Blüten treibt. „Zahlreiche Patienten dieser Art, Conträrsexuale, Masturbanten und besonders Algolagnisten wurden enttäuscht, sobald sie die Produkte ihrer Einbildungskraft zu realisieren versuchten. +Sie erleben sozusagen in ihren traumhaften Schwärmereien+ sexuelle +Orgien+, und werden durch die Wirklichkeit ernüchtert.“[634] Da es nicht erwiesen ist, dass der Marquis +de Sade+ die Thaten eines +Gilles de Retz+, mit dem wir ihn als Menschen nicht so ohne weiteres vergleichen möchten, wie +Eulenburg+ dies thut, oder diejenigen eines +Charolais+ ausgeführt hat, so muss vorläufig die hier gegebene Erklärung des geistigen Zustandes +Sade’s+, die sich im ganzen mit der +Eulenburg+’schen deckt, als die einzige mögliche angesehen werden, da wir die allerdings verdächtigen plötzlichen Zornesausbrüche als Ausfluss jener oben erwähnten „forza irresistibile“ betrachten, und die Periodicität der Erscheinungen, die an das wirkliche Vorhandensein eines impulsiven Irreseins denken lassen könnte, doch zu wenig ausgesprochen ist.[635]
V.
Geschichte des Sadismus im 18. und 19. Jahrhundert.
1. Verbreitung und Wirkung der Schriften des Marquis de Sade.
Wir haben, schon erwähnt (S. 336 ff.), dass die pornographischen Schriften des Marquis +de Sade+ wenigstens unter dem Direktorium öffentlich verkauft wurden, bei allen Buchhändlern zu haben waren und in den Katalogen aufgeführt wurden. Ein grosser Kapitalist unterstützte den Vertrieb, der sich über das In- und Ausland erstreckte. Daher nimmt es nicht Wunder, dass trotz der Konfiskation und Vernichtung der Werke unter +Napoleon+ I. (1801) die Verbreitung derselben durch häufige Nachdrucke sich zu einer geradezu ungeheueren gestaltete. Auch neue Konfiskationen vom 19. Mai 1815, vom Jahre 1825[636], vom 15. Dezember 1843[637] trugen nur dazu bei, die Begierde nach der Lektüre und dem Besitze dieser berüchtigten Bücher zu steigern. Im vorigen Jahrhundert suchten sogar die Verleger das Verbot eines Buches direkt zu erlangen, weil sie dann sicher waren, viele Abnehmer für dasselbe zu finden. +Lalanne+ erzählt davon ein ergötzliches Beispiel.[638] Unser +Goethe+ sah auf dem Frankfurter Marktplatz einen verbotenen französischen Roman verbrannt werden, und ruhte nicht eher, als bis er ein Exemplar erlangt hatte. Dabei war nach seiner Erzählung dieses Exemplar durchaus nicht das einzige, welches nach dieser Exekution gekauft wurde.[639]
+Bereits im Jahre+ 1797 schreibt +Villers+ über die Verbreitung der „Justine“: „Jedermann will wissen, was dies für ein Buch ist; man verlangt es, man sucht es, es wird verbreitet, die Ausgaben werden vergriffen, neu aufgelegt, und so zirkuliert das greulichste Gift, in verhängnisvollstem Ueberfluss.“[640] Auch in Deutschland waren die Schriften +de Sade’s+ verbreitet. +Villers+ sah in Lübeck bei einem Buchhändler „noch drei Exemplare“. Hamburg, wo +Villers+ seine Abhandlung für den dort erscheinenden „Spectateur du Nord“ schrieb, war der hauptsächlichste Ort für den Druck und Nachdruck der französischen erotischen und pornographischen Autoren. +Janin+ schildert im Jahre 1834 in anschaulicher Weise, welch eine beliebte Lektüre die Schriften des Marquis +de Sade+ unter dem ersten Kaiserreich und unter der Restauration waren. Und er wagt auch nur von ihnen zu sprechen, +weil er weiss, dass seine Leser diese Werke längst kennen+. „Denn, man täusche sich nicht darüber, der Marquis +de Sade ist überall+; er ist in allen Bibliotheken, wo er allerdings sich versteckt hinter anderen unschuldigen Werken. Man frage jeden Auktionator, ob sie nicht bei der Inventarisation fast jeden Nachlasses die Bücher des Marquis +de Sade+ gefunden haben. Ja, durch die Polizei werden sie am meisten verbreitet.“[641]
Was die gegenwärtige Verbreitung der Hauptwerke des Marquis +de Sade+ betrifft, so sind die ersten Auflagen der „Justine“ und „Juliette“ aus den Jahren 1791-1796 äusserst selten und kosten wenigstens 600 bis 800 Francs.[642] Herr +Joachim Gomez de la Cortina+ in Madrid bezahlte nach der Angabe in dem Kataloge seiner Bibliothek (1855 No. 3908) die 10 Bände der Original-Ausgabe von 1897 mit 750 Francs! Dieselbe Ausgabe findet sich im Katalog einer Büchersammlung, die der Pariser Buchhändler +Techener+ im Jahre 1865 nach London schickte.[643] Ein Pariser Antiquar bot kürzlich ein „exemplaire délicieux, reliure de Petit“ dieser Ausgabe für 1200 Fr. an. (Zeitschr. f. Bücherfr. Mai/Juni 1900 S. 123.) In der Neuzeit
wurden besonders von der Firma +Gay+ und +Doucé+ in Brüssel Neudrucke veranstaltet, von denen nach ihrem Kataloge die „Justine“ mit 150 Francs, die „Juliette“ mit 200 Francs berechnet werden. In einem deutschen Kataloge vom Jahre 1899 finden wir die „Justine“ zum Preise von 120 Mark, die „Philosophie dans le Boudoir“ für 25 Mark und „Aline et Valcour“ für 45 Mark angeboten. Die Werke sind auch heute noch trotz ihres hohen Preises in allen Ländern des europäischen Westens verbreitet und fehlen selten in den Bibliotheken (sit venia verbo) geheimer Bordelle und vornehmer Absteigequartiere. So fand der frühere Chef der Pariser Sittenpolizei, +Macé+, in einer „maison de rendez-vous“ einer Wittwe F.... in der pornographischen Bücher- und Bildersammlung auch die „Justine“ des Marquis +de Sade+.[644]
Es ist eine alte Thatsache, dass alle Obscönitäten und unreinen Schilderungen im +Druck+ ungleich verderblicher wirken als das gesprochene Wort. Der „Zauber des Wortes“ wirkt im Druck gewissermassen auf zwei Sinne, auf das Gehör und Gesicht, im Sprechen nur auf das Gehör. +Lino Ferriani+ hat in einer wertvollen Schrift[645] sich eingehend mit dem namenlosen Schaden beschäftigt, den die pornographischen Schriften und Bilder in jungen Seelen anstiften.
+Wir behaupten, dass die pornographischen Schriften -- ein Uebel, das fortzeugend Böses gebärt -- zu einem grossen Teile die mannigfaltigsten sexuellen Perversionen miterzeugen helfen.+ Schon der heilige +Basilius+ sagte in seiner herrlichen Rede an die Jünglinge: „Wer sich an schlechte Lektüre gewöhnt, ist bereits auf dem Wege zur bösen That.“ Höchst bemerkenswert ist das Geständnis des berüchtigten Marschalls +Gilles de Rais+, der erzählt, dass er in der Bibliothek seines Grossvaters einen +Sueton+ gefunden und darin gelesen habe, wie +Tiberius+, +Caracalla+ und andere Caesaren Kinder gemartert hätten. „Sur quoi je voulus +imiter+ les dits Césars, et +le même soir me+ mit à le faire en suivant les +images de la leçon et du livre+“[646]. Ein Masochist erklärt in seiner von +von Krafft-Ebing+ mitgeteilten Autobiographie „Ueberhaupt scheint mir, dass die Schriften des Sacher-Masoch viel zur Entwickelung dieser Perversion bei Disponierten beigetragen haben“[647]. Auch +Eulenburg+ warnt davor, den „vergiftenden Einfluss der überhandnehmenden pornographischen Litteratur und einer gewissen Presse, die mit Vorliebe über jedes sensationelle Verbrechen, zumal über Unzuchtdelicte, Lustmorde u. dgl. berichtet, zu unterschätzen.“[648]
Es ist +sicher+, dass die Schriften des Marquis +de Sade+ noch heute auf schwache und geistig wenig widerstandsfähige Personen denselben vernichtenden, depravierenden Einfluss ausüben, den einst +Janin+ so dramatisch geschildert hat.[649] Wenn es auch unwahrscheinlich ist, dass +Saint-Just+ sich von den Szenen der „Justine“ zu seinen Grausamkeiten hat inspirieren lassen, und dass +Napoléon+ I. die Lektüre der Sade’schen Werke seinen Soldaten verboten hat[650], so kann nicht bezweifelt werden, dass die Schriften praktische Nachahmer ihres Inhalts gefunden haben und noch fort und fort die in ihnen geschilderten sonderbaren sexuellen Perversionen bei gewissen Lesern hervorrufen. Was +Sade+ für das vornehme +Wüstlingstum+ ist, das sind manche entsetzlichen +Hintertreppenromane+, die die schauerlichsten Einzelheiten von Lustmorden, Hinrichtungen, Foltern u. s. w. mit wonnigem Behagen ausmalen, für die +Lustmörder+ und +Sittlichkeitsverbrecher aus dem Volke+. Man forsche nur nach, und man wird mehr als einmal den unheilvollen Einfluss derartiger Lektüre auch auf die Seele des niederen Volkes bestätigt finden und sich Manches erklären können, was sonst unerklärlich sein würde.
2. Rétif de la Bretonne’s „Anti-Justine“.
Zwei bedeutende französische Schriftsteller, +Rétif de la Bretonne+ und +Charles Villers+ eröffnen fast zu gleicher Zeit die „Sadelitteratur“. Zunächst beschäftigen wir uns mit +Rétif’s+ „L’Anti-Justine, ou les délices de l’amour. Par M. Linguet, av. au et en Parlem. etc.“ Au Palais-Royal 1798, chez feue la veuve Girouard, très-connue. (2 Bände in 12^o.) Auf dem Titel werden 60 Bilder angegeben, die aber nie erschienen sind. Von den 8 Teilen, die +Rétif+ in der Vorrede ankündigt, ist nur der erste veröffentlicht worden. +Monselet+ glaubte, dass nur ein einziges Exemplar dieses ersten Teiles gedruckt worden sei, nach dem Bibliophilen +Jacob+ giebt es aber +sechs+ bekannte Exemplare dieses Werkes, das +Rétif+ in seiner kleinen Druckerei fertigstellte. +Drei+ zum Teil unvollständige von diesen sechs Exemplaren besitzt die Geheimabteilung (L’enfer) der Pariser Nationalbibliothek, welche aus der grossen Confiscation stammen, die der erste Consul im Jahre 1803 bei den Buchhändlern des Palais-Royal und in den Bordellen vornehmen liess, wobei bestimmt wurde, dass zwei Exemplare jedes pornographischen Werkes auf der Nationalbibliothek secretiert werden sollten; die übrigen wurden vernichtet.[651] Eins von den wenigen ersten Exemplaren kaufte ein reicher englischer Bücherliebhaber. Es befand Sich später in der Bibliothek des Herrn +Cigongne+ und kam dann in den Besitz des Herzogs von +Aumale+. Heute ist das Werk durch zahlreiche Neudrucke, die in Belgien veranstaltet wurden, (2 Bände in 18^o mit schlechten kolorierten Lithographien; die anderen Ausgaben sorgfältiger, in 12^o mit Gravuren) sehr verbreitet[652]. +Rétif+ veröffentlichte das Werk unter dem Namen des bekannten Advokaten +Linguet+, den er als +Jean Pierre Linguet+ die Erklärung abgeben lässt, dass er dieses „schlechte Buch“ in guter Absicht verfasst habe. Nun hiess aber der Verfasser der „Cacomonade“ nicht Jean Pierre, sondern +Simon Nicolas Henri Linguet+.
Nach +Monselet+ enthält die „Anti-Justine“ obscöne Schilderungen aus dem +eignen Leben Rétifs+ und bildet ein Supplément zum „Monsieur Nicolas“[653]. Das Werk ist in 48 Kapitel eingeteilt, von denen bei einigen die Titel angegeben sind: „Du bon Mari spartiate“ -- „Des Conditions du Mariage“ -- „Du Dédommagement“ -- „Du chef-d’œuvre de tendresse paternelle“ -- „D’une nouvelle Actrice“. -- Das Buch strotzt von Obscönitäten, die aber nach +Rétif+ einen moralischen Zweck verfolgen und eine „Art von Gegengift“ gegen die „infame Justine“ bilden sollten. „Il est destiné à ramener les maris blases auxquels les femmes n’inspirent plus rien. Tel est le but de cette étonnante production que le nom de Linguet rendra immortelle.“ Er will die Frauen vor der Grausamkeit bewahren. Die „Anti-Justine“ ist deswegen ebenso +obscön+ wie die „Justine“, damit die Männer für diese einen Ersatz +ohne+ die Grausamkeiten des +Sade+’schen Werkes haben. Er hält die Publikation dieses „Antidots“ für dringend notwendig (urgente). Es muss also damals wohl die Verbreitung der „Justine“ eine ausserordentliche gewesen sein. +Rétif+ erklärt endlich noch in der cynischsten Weise die Darstellungen auf den Bildern, die dem Werk beigegeben werden sollten.[654]
3. Charles de Villers.[655]
Unter den zahlreichen französischen Emigranten, welche die grosse Revolution nach Deutschland führte und welche hier zwischen französischem und deutschem Geistesleben vermittelten, nimmt der edle +Karl von Villers+, der wie +Adalbert von Chamisso der Unsrige+ geworden ist, eine ganz hervorragende Stelle ein. +Charles François Dominique de Villers+, geboren den 4. November 1765 in dem lothringischen Städtchen Bolchen von französischen Eltern aus dem Languedoc, war anfangs Offizier, ging nach Deutschland, wo er in Lübeck von seiner Freundin +Dorothea Schlözer+, der Tochter des berühmten Göttinger Historikers und der +ersten+ deutschen Frau, die (am 17. September 1787) in Göttingen den Grad eines Doktors (der Philosophie) erlangte, in den geist- und lebensvollen Kreis eingeführt wurde, dessen Mittelpunkt das Haus ihres Gatten, des Lübeckischen Senators +Rodde+ war. Diese Frau erschloss unserem +Villers+ das Verständnis für deutsches Geistesleben und machte ihn zu einem begeisterten Apostel des Deutschtumes in Frankreich. Er wurde später Professor der Philologie in Göttingen und starb dort am 26. Februar 1815. Um die Bedeutung dieses Mannes, der für die +direkten+ geistigen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich durch seine vortrefflichen Schriften über +Luther, Kant+ und über die Provinz +Westfalen+ sicher mehr gethan hat als +Chamisso+, ins rechte Licht zu setzen, genügt es, daran zu erinnern, dass +Goethe+ von +Villers+ in einem Brief an +Reinhard+ sagt, dass er „wie eine Art von Janus bifrons herüber und hinüber sieht“ und selbst an ihn schrieb: „Sie haben mich im ästhetischen Sinne bei Ihren Landsleuten eingeführt.“[656] +Viller’s+ Beispiel hat bekanntlich +Benjamin Constant+ und Frau von +Staël+ zu gleichen teutophilen Bestrebungen ermuntert.
Es wurden in Deutschland von den Emigranten verschiedene französische Zeitschriften herausgegeben, deren eifriger Mitarbeiter +Villers+ war, hauptsächlich im Sinne der Propaganda für deutsches Wesen und deutsche Litteratur, aber auch um die Deutschen mit den französischen Erscheinungen auf dem Gebiete der Litteratur, Kunst und Wissenschaft bekannt zu machen. Besonders war +Hamburg+ auch schon vor der Revolution ein Centrum für solche Bestrebungen gewesen, sowohl im guten wie im schlimmen Sinne. Denn in Hamburg wurden viele französische Erotica zum ersten Male veröffentlicht oder nachgedruckt.[657] Hier gaben +Bandus+ (Marie +Jean Louis Amable de Bandus+, lebte von 1791 bis 1802 in Hamburg), +Boudens de Vanderbourg+ und +Villers+ vom Januar 1797 bis zum Dezember 1802 den „Spectateur du Nord“, ein „journal politique, littéraire et moral“ heraus, welches es in diesen 6 Jahren auf 24 Bände brachte. Die Zeitschrift wurde in Frankreich verboten.[658]
Im vierten Bande dieses „Spectateur du Nord“ erschien nun im Jahre 1797 die „Lettre sur le Roman intitulé Justine ou les Malheurs de la Vertu“, welche +M. L. Hoffmann+ mit Recht dem +Charles de Villers+ zuschreibt. Eine Neuausgabe dieser interessanten Notiz über den Roman des Marquis +de Sade+ wurde im Jahre 1877 von +A. P. Malassis+ veranstaltet, der wir in der Analyse folgen.[659]
+Villers+ erklärt in der Vorrede, dass das berüchtigte Buch „Justine“ viel verlangt werde, in immer neuen Auflagen erscheine und so, damit den Lesern des „Spectateur“ die Lektüre des schrecklichen Buches erspart werde, eine kurze Inhaltsangabe gerechtfertigt erscheine. Speziell ist er von einer +Dame+ zur Lektüre des Buches und zum Bericht über dasselbe aufgefordert worden (S. 13). Zwar haben ihm „zwanzig Mal Ekel und Entrüstung das Buch aus der Hand fallen lassen“, aber die „grosse Berühmtheit“ desselben habe ihn bewogen, dasselbe bis zu Ende durchzulesen. Dann „habe ich es denen zurückgegeben, von denen ich es bekommen hatte, froh, das geistige Spiessrutenlaufen überstanden zu haben und das abscheuliche Buch nicht mehr unter den Augen zu haben. Es war ohne Zweifel +unserem Jahrhundert+ vorbehalten, es hervorzubringen. +Denn dies Buch konnte nur inmitten der Barbareien und der blutigen Erschütterungen concipiert werden+, die Frankreich heimgesucht haben. Es ist eine der +widerlichsten Früchte der revolutionären Krisis+, eines der stärksten Argumente gegen die Freiheit der Presse“ (S. 14). In der That ist das Werk „ausserordentlich“ in Beziehung auf die bizarrsten und grausamsten Ausschweifungen und eine raffinierte Grausamkeit. Es giebt Werke, die von den +Grazien+ inspiriert zu sein scheinen. Dieses haben die +Furien+ inspiriert. „Es ist mit Blut geschrieben. Es ist unter den Büchern, was +Robespierre+ unter den Menschen war. Man erzählt, dass, als dieser Tyrann, als +Couthon+, +Saint-Just+, +Collot+, seine Minister, der Mordthaten und Verurteilungen müde waren und diese steinernen Herzen etwas wie Gewissensbisse empfanden und die Feder ihnen angesichts der zahlreichen, noch zu unterzeichnenden Urteile aus den Händen glitt, sie nur einige Seiten der ‚Justine‘ zu lesen brauchten, um wieder schreiben zu können. Man erzählt diese Anekdote in Frankreich und glaubt an sie.“ (S. 16.)
+Villers+ setzt dann in Kürze die uns bekannten philosophischen Theorien des Marquis +de Sade+ auseinander und sagt, dass dieses Buch „alle pornographischen Werke, die seit der Regentschaft Frankreich überschwemmt haben“, hinter sich lässt. (S. 18.) Er schildert dann den Gang der Handlung in der „Justine“. Er hält zwar den Roman, der nur auf Scheusale wie +Robespierre+ und +Couthon+ Eindruck machen könne, nicht für gefährlich, fordert aber doch zu einer „Verschwörung“ aller anständigen Menschen, die noch Moral auf der Erde haben wollen, auf, damit alle noch vorhandenen Exemplare dieses Romans vernichtet werden. „Ich werde drei Exemplare kaufen, die noch bei meinem Buchhändler sind, und sie ins Feuer werfen.“ Er hofft, dass in drei Jahren die Exemplare nur noch in Bibliotheken zu finden sein werden. (S. 21.) Trügerische Hoffnung!
+Villers+ kommt zu dem Schlusse, dass die „Justine“ in gleicher Weise die Wahrscheinlichkeit, den gesunden Menschenverstand und das Zartgefühl „selbst der Wüstlinge“ verletzt, dass dieses Buch platt und dumm sei, lächerliche Uebertreibungen und widernatürliche Dinge enthalte, und dass es sogar das Theorem in +Boileau’s+ „Art poétique“ verleugne:
Il n’est point de serpent, ni de monstre odieux, Qui par l’art imité ne puisse plaire aux yeux.
Denn diese Monstra sind sehr „odieux“, gefallen aber weder dem Auge noch dem Geiste. Indessen „was werden Sie dazu sagen, dass wenig Werke so viele Auflagen erlebt haben, wie die elende ‚Justine‘? Was soll man von einer Zeit denken, in der sich ein Schriftsteller zur Abfassung eines solchen Romans fand, Buchhändler, um ihn zu verkaufen und ein Publikum, um ihn zu kaufen?“ (S. 22-23.)
Das Gift war ein Contagium animatum, das sich trotz des ehrlichen +Villers+ ins Ungemessene vermehrte. Es lebt noch heute.
4. Despaze.
Der Dichter +Despaze+ (gestorben 1814) erwähnt den Marquis +de Sade+ ebenfalls und zeigt ihn in drastischer Weise in einer seiner Satiren als Verkünder seiner schrecklichen Theorien:
Si votre sœur vous plaît, oubliez tout le reste Savourez avec joi les douceurs de l’inceste; Servez-vous du poison, et du fer et du feu; La vertu n’est qu’un nom, le vice n’est qu’un jeu. Telle est, de point en point, son infâme doctrine. L’ami de la morale, en parcourant +Justine+, Noir roman que l’enfer semble avoir inventé, Se trouble, et malgré lui demande, épouvanté, Comment +le monstre affreux+ qui traça ces peintures, Ne l’a pas expié dans l’horreur des tortures?[660]
5. Der Sadismus in der Litteratur.
Der Marquis +de Sade+ hat zahlreiche litterarische Nachahmer gefunden. Wir nennen nur die wichtigsten Schriften und Namen, diejenigen, welche einen direkten Einfluss der Lehren des Marquis +de Sade+ deutlich erkennen lassen.
Ein Werk, welches als eine allerdings gemilderte Nachahmung der +Sade+’schen Schriften betrachtet werden kann und welches nach +Gay+ „denselben Geschmack für die Vereinigung der Grausamkeit mit der Wollust“ zeigt, ist der von E. L. J. +Toulotte+ verfasste Roman „Le Dominicain, ou les crimes de l’intolérance et les effets du célibat réligieux par T....e“ Paris 1803 chez Pigoreau (4 Bde. in 12^o). Das Buch enthält mehrere Episoden aus dem Leben des „célèbre marquis“, ist sonst aber uninteressant und ohne Geschick abgefasst. Es wurde durch Urteil vom 12. Juli 1827 und von 5. April 1828 confisciert.[661]
Im Jahre 1835 hatte ein buchhändlerischer Spekulant die Idee, einen sehr schlechten Roman mit dem Titel „Justine ou les Malheurs de la vertu“ (2 Bände in 8^o) schreiben zu lassen, mit einem Auszug aus der Vorrede des Marquis +de Sade+ aus dessen echter „Justine“. Diese Erzählung, in welcher Diebe und Taugenichtse schlimmster Sorte ihre wenig erbaulichen Grundsätze verkünden, soll von einem sehr untergeordneten Autor, dem Vielschreiber +Raban+ verfasst und von einem Verleger +Bordeaux+ (Fr. M. J.) veröffentlicht worden sein. Das Buch wurde öffentlich angekündigt. Der Skandal war gross. Die Obrigkeit schritt ein und der Verleger wurde zu sechs Monaten Gefängnis und 2000 Francs Geldstrafe verurteilt.[662]