Der Marquis de Sade und seine Zeit.
Part 29
In der „Philosophie dans le Boudoir“ (II, S. 77 ff.) werden die Verbrechen mit dem „flambeau de la philosophie“ analysiert. Sie können im allgemeinen auf +vier+ verschiedene Hauptverbrechen zurückgeführt werden, auf die +Verleumdung+, den +Diebstahl+, die +Sittlichkeitsverbrechen+ und den +Mord+.
Die +Verleumdung+ trifft entweder einen schlechten oder einen tugendhaften Menschen. Im ersten Falle liegt nicht viel daran, ob man über ihn etwas mehr oder weniger Schlimmes sagt. Einem tugendhaften Menschen hingegen schadet sie nicht, und das Gift des Verleumders wird auf ihn selbst zurückfallen. Die Verleumdung dient sogar als ein läuterndes und rechtfertigendes Mittel. Denn durch sie wird die Tugend erst ins rechte Licht gesetzt. Dem Verleumdeten muss nämlich daran gelegen sein, die Verleumdung zu widerlegen, und seine tugendhaften Handlungen werden dann weltbekannt. Ein Verleumder ist also nicht gefährlich im sozialen Leben. Denn er dient als Mittel, um sowohl die Laster der schlechten Menschen als auch die Tugenden der guten ans Licht zu fördern, darf somit nicht bestraft werden. (Phil. dans le Boud. II, 78-81.)
Der +Diebstahl+ war zu allen Zeiten erlaubt und wurde sogar belohnt, z. B. in Sparta. Andere Völker haben ihn als eine kriegerische Tugend betrachtet. Es ist gewiss, dass er Mut, Stärke und Geschicklichkeit erheischt, also für eine Republik sehr notwendige Tugenden. Es hat sogar Völker gegeben, wo der +Bestohlene+ bestraft wurde, weil er sein Eigentum nicht wohl verwahrte. (!!) Es ist ungerecht, den Besitz durch ein Gesetz zu sanctionieren, da hierdurch allen Verbrechern die Thüren geöffnet werden, welche den Menschen dazu verleiten, sich diesen Besitz zu sichern.[609] Viel vernünftiger wäre es, den Bestohlenen zu züchtigen als den Dieb. (Phil. dans le Boud. II, 81-84.) Nach Dorval, diesem grossen Diebe und Theoretiker seines Berufes, ist die +Macht+ die erste Ursache des Diebstahls. Der Mächtige bestiehlt den Schwächeren. So will es die Natur. Die Gesetze gegen den Diebstahl sind ungültiges Menschenwerk. Man stiehlt jetzt „juridiquement“. Die Justiz stiehlt, indem sie sich ihre Rechtsprechung bezahlen lässt, die eigentlich umsonst dargeboten werden sollte. Der Priester stiehlt, indem er sich für seine Vermittelung zwischen Gott und Mensch bezahlen lässt. Der Kaufmann stiehlt, indem er Ware weit über den reellen Wert verkauft. Die Souveräne stehlen durch die Auferlegung von Steuern. Dann giebt Dorval eine Geschichte des Diebstahls bei den verschiedenen Völkern und schliesst mit der Erklärung, dass gegen Ende der Regierung +Ludwig’s+ XIV. das Volk 750 Millionen Steuern jährlich bezahlte, wovon nur 250 Millionen in die Staatskasse gelangten. Folglich sind 500 Millionen gestohlen worden! (Juliette I, 203-222.)
+Alcide Bonneau+ macht darauf aufmerksam, dass +Proudhon+ in seinem berühmten Buche „La Propriété, c’est le vol“ fast genau dieselben Ansichten über den Diebstahl, wie Dorval bei +Sade+, entwickelt. +Proudhon+ zählt sogar 15 Arten des „juristischen“ Diebstahls auf.[610] Im 18. Jahrhundert waren diese Ideen häufig, wie +Roscher+ ausführlich darlegt.[611]
Auch die +Sittlichkeitsverbrechen+ müssen in einem republikanischen Staate als ganz gleichgültig betrachtet werden, da diesem nichts daran liegen kann, ob seine Bürger keusch sind oder nicht.
Die +Schamhaftigkeit+ ist ein Produkt der Civilisation, vor allem der Koketterie der Frauen, denen auch die Kleidung viel mehr zu danken ist als der Ungunst der Witterung u. s. w. Viele Völker gehen noch heute nackt, ohne unsittlich zu sein. Im Gegenteil entsittlicht die Kleidung durch Erregung von Begierden, Reize zu sehen, die durch sie versteckt werden, von denen man kaum Notiz nehme; wenn sie unbedeckt wären. Die +Prostitution+ ist die natürliche Folge der Sittlichkeitsgesetze. Sie wird deshalb als eine Schande betrachtet, weil die Prostituierten für die Genüsse, die sie den Männern bieten, die sie aber auch selber empfinden, Geschenke annehmen. Dann ist die Ehe auch Prostitution. Denn der Mann bekommt in den meisten Fällen nur dann eine Frau, wenn er sie zu erhalten im Stande ist. Ebenso, wie wir allen Männern das Recht zum Genusse einräumen, müssen wir es auch den Weibern geben, da ohnehin im Naturzustande der Menschheit die Weiber allen Männern gehören, ebenso wie dies im Tierreich der Fall ist. Ausserdem wird das Weib mit einem brennenden Hang zum Genuss geboren. Die Folgen einer solchen Freiheit, Kinder ohne Väter, sind in einer Republik nicht nachteilig; denn alle Menschen haben eine gemeinschaftliche Mutter, das Vaterland (!!). Die Freiheit des Genusses muss dem Mädchen vom zartesten Alter gestattet werden. Durch Liebesgenüsse werden die Weiber ausserordentlich verschönert. (!!)
Der +Ehebruch+ ist eine Tugend. Es giebt nichts Naturwidrigeres als die „Ewigkeit“ der ehelichen Bande. Dies ist das drückendste, was es giebt. Die Nützlichkeit des Ehebruchs wird durch zahlreiche ethnologische Beispiele bewiesen.
Ebenso ist die +Blutschande+, der +Incest+ eine Tugend! Sie „dehnt die Freiheit aus“ und schärft die verwandtschaftliche Liebe (!!). Die Urinstitutionen waren sogar der Blutschande günstig. Man findet sie überall beim Ursprung des „Gesellschafts-Vertrages“. Wiederum werden zahlreiche ethnologische Beweise dafür beigebracht. -- Diese Sitte müsste sogar zum Gesetz (!!!) gemacht werden, weil hier die „Brüderlichkeit“ als Basis dient. Wie konnten auch die Menschen so einfältig sein, gerade denen, die berufen sind, einander am meisten zu lieben, dies nicht zu gestatten. Die Gemeinschaft der Weiber schliesst natürlicherweise auch die Blutschande in sich.
Die +Notzucht+ ist ebenfalls kein Verbrechen und sogar weniger schädlich als der Diebstahl. Denn dieser raubt das Eigentum, während jene es nur verschlechtert. Ausserdem begeht der Notzüchter eine Handlung, die früher oder später mittelst einer kirchlichen Sanction doch von einem Anderen begangen worden wäre.
Die +Paederastie+ zu bestrafen, ist eine Barbarei, da eine „Abnormität des Geschmackes“ kein Verbrechen sein kann. Ebensowenig ist die +Tribadie+ ein Laster. Beide Gewohnheiten standen bei den Alten in hoher Achtung. Die Paederastie, insbesondere war stets bei kriegerischen Völkern im Schwange, da sie Mut und Tapferkeit einflösst. (Phil. dans le Boud. II, 84-114.)
Endlich ist als vierte Gattung der sogenannten und angeblichen „Verbrechen“ der +Mord+ zu untersuchen, und zwar muss man fragen, ob diese Handlung in Bezug auf die Naturgesetze und auf die politischen Gesetze, ob sie der Gesellschaft schädlich ist, wie sie unter einer republikanischen Regierung betrachtet werden muss, und ob der Mord durch einen Mord gerächt werden soll.
Vom Standpunkt der Natur ist der Mord kein Verbrechen. Denn zwischen den Menschen, den Pflanzen und den Tieren existiert kein Unterschied. Denn auch der Mensch wird geboren, er wächst, vermehrt sich, stirbt ab und wird zu Staub und Asche nach einiger Zeit, zufolge seiner organischen Beschaffenheit. Es wäre also ein ebenso grosses Verbrechen, ein Tier zu töten, denn nur unsere Eitelkeit hat einen Unterschied erfunden. Von welchem Werte kann überhaupt ein Geschöpf sein, welches zu schaffen die Natur keine Mühe kostet? Auch sind die schaffenden Stoffe der Natur gerade diejenigen, die aus der Auflösung anderer Körper hervorgehen. Die Vernichtung ist ein Naturgesetz, ist aber nur eine Veränderung der Form, der Uebergang von einer Existenz zur andern, die Metempsychose des Pythagoras. Also ist das Töten kein Verbrechen, da eine +Veränderung+ keine +Vernichtung+ ist. Sobald ein Tier zu leben aufhört, bilden sich aus demselben sofort kleinere Tiere. (!) Daher ist es sehr vernunftgemäss, zu behaupten, dass die Hülfe, die wir der Natur in der Veränderung der Form leisten, ihre Zwecke fördert. Es sind +Naturtriebe+, dass der Mensch den anderen töte, wie die Pest, die Hungersnot und die Elementarereignisse. Nur die Natur hat uns den Hass, die Rache, den Krieg gegeben. Mithin ist der Mord kein Verbrechen gegen die Natur.
Auch ist er ein grosser Faktor in der Politik. Durch Morde wurde Frankreich frei. Was ist der Krieg? Eine Wissenschaft des Verderbens. Sonderbar, die Menschen lehren die Kunst des Ermordens öffentlich, belohnen diejenigen, die ihre Feinde töten, und verdammen den Mord doch als Verbrechen.
In sozialer Hinsicht ist der Mord ebenfalls kein Verbrechen. Was liegt der Gesellschaft an einem einzelnen Mitgliede? Der Tod eines Menschen übt keinerlei Einfluss auf die ganze Volksmasse. Selbst wenn drei Viertel der Menschen ausstürben, würde keine Aenderung im Zustande der Uebriggebliebenen eintreten.
Wie muss ein Mord im kriegerischen und republikanischen Staate betrachtet werden? Eine Nation, die das Joch der Tyrannei abwirft, um die Republik einzuführen, wird sich nur durch Verbrechen behaupten. Alle intellectuellen Ideen sind in einer Republik der „Physik der Natur“ unterworfen, und so geben sich gerade die freiesten Völker dem Morde am meisten hin. Hierfür führt +Sade+ zahlreiche Beispiele an. Z. B. wirft man in China die Kinder, die man nicht behalten will, ins Wasser, und der berühmte Reisende +Duhalde+ giebt die Zahl der täglich so Ausgesetzten auf mehr als 30000 an! Ist es nicht sehr weise, der stets wachsenden Zahl der Menschen in einer Republik Dämme entgegenzusetzen? In Monarchien muss die Bevölkerung begünstigt werden, weil die Tyrannen nur durch die Zahl der Einwohner reich werden können. Revolutionen sind nichts anderes als die Wirkung der Uebervölkerung.
Der Mord darf nicht durch einen Mord gerächt werden. „Ich begnadige Dich“, sagte +Ludwig+ XV. zu +Charolais+, der einen Menschen zur Unterhaltung tötete, „doch begnadige ich auch denjenigen, der Dich töten wird“. Die ganze Basis des Gesetzes gegen die Mörder liegt in diesen „erhabenen“ Worten. Da der Mord kein Verbrechen ist, kann man ihn nicht bestrafen.
Diese vom Marquis +de Sade+ entwickelten Ideen entspringen keineswegs dem Gehirn eines Wahnsinnigen. +Es sind ganz ähnliche Ideen von den grossen Terroristen der ersten französischen Revolution entwickelt worden+. Es spricht sich in ihnen jene „starke Erschütterung, wohl gar Verwirrung des öffentlichen Rechtsgefühls +durch Revolutionen+“ aus.[612] Es ist bemerkenswert, dass der Marquis +de Sade+ in seinen vorrevolutionären Schriften wie „Aline et Valcour“ dem Diebstahl und Morde keine oder doch nur eine geringe Rolle eingeräumt hat, während unter den Eindrücken der Revolution beide in sein System der sexuellen Theorien aufgenommen wurden.
IV.
Theorie und Geschichte des Sadismus.
1. Wollust und Grausamkeit.
Der sehr bekannte Zusammenhang zwischen Wollust und Grausamkeit ist nach dem Marquis +de Sade kein unmittelbarer+. Zuerst ist die Wollust da. Diese erstickt zunächst das +Mitleid+ im Menschen, macht das Herz hart und gefühllos. (Juliette I, 148.) Zugleich aber bedarf der in der Wollust ganz aufgehende Mensch immer stärkerer Reize, um befriedigt zu werden. Die Nervenmasse muss durch einen sehr starken Schlag aufgerüttelt und erschüttert werden. Es ist aber unzweifelhaft, dass der +Schmerz+ die Nerven +heftiger+ angreift, als die Freude und daher dieselben lebhafter erregt. Der Schmerz Anderer erzeugt in dem Wüstling eine angenehme Empfindung. Die Natur spricht uns niemals von Anderen, sondern nur von uns. Es giebt nichts Egoistischeres als ihre Stimme. Sie preist uns das Suchen der Lust an, und es ist ihr einerlei, ob dies Anderen angenehm ist oder nicht.
Dieses Gefühl des Vergnügens an Grausamkeit, welches bei dem Wollüstigen, dessen Herz hart geworden ist, besonders hervortritt, ist ein angebornes. Das Kind zerbricht sein Spielzeug, beisst in die Brust seiner Säugamme, erdrosselt den Vogel. Die Grausamkeit ist keine Folge der Entartung, da sie bei wilden Völkern besonders hervortritt. Sie ist nichts anderes als die Energie des Mannes, den Civilisation noch nicht verdorben hat, also eher eine Tugend als ein Laster.
Die Grausamkeit der Frauen ist viel intensiver als diejenige der Männer, eine Folge der grösseren Energie und Empfindlichkeit ihrer Organe. Die überspannte Einbildungskraft macht sie wütend und verbrecherisch. Wollt Ihr sie kennen lernen? Kündigt ihnen ein grausames Schauspiel an, ein Duell, eine Hinrichtung, einen Brand, eine Schlacht, einen Gladiatorenkampf, und Ihr werdet sehen, wie sie herzuströmen. Weitere Beweise für die wollüstige Grausamkeit der Weiber liefert ihre Vorliebe für den Giftmord und die Flagellation.
Unser Nervensystem ist einmal so wunderbar eingerichtet, dass uns Verzerrungen, Zuckungen, Blutvergiessen aufregt, mithin angenehm ist. Sogar Personen, die beim Anblick des Blutes, einerlei ob es ihr eigenes oder das einer fremden Person ist, in Ohnmacht fallen, fühlen dies. Es ist nämlich erwiesen, dass eine Ohnmacht die höchste Potenz der Wollust ist (Phil. dans le Boudoir I, 148-158, Juliette II, 94-102.)
2. Anthropophagie und Hypochorematophilie.
Das Menschenfleisch ist für den Wüstling die beste Nahrung, da es die Bildung eines reichlichen und guten Sperma befördert und für schnellen Ersatz des verlorenen sorgt. Wer einmal diese süsse Speise genossen hat, kann von ihr nicht mehr lassen. Dagegen ist Brot die unverdaulichste und ungesündeste Nahrung, welche erschlafft und den Körper zerrüttet. Daher füttern Tyrannen ihr sklavisches Volk mit Wasser und Brot (Juliette II, 323 ff.). Auch Minski schreibt dem Genusse von Menschenfleisch eine aussergewöhnliche Kraft zu (Juliette III, 313).
Eng verbunden mit dieser Anthroprophagie ist der Anblick, die Aneignung und der Genuss +abgetrennter Körperteile+, eine Art von +anthropophagischem Fetischismus+. So werden die Gesässe der bei den Orgien getöteten Personen abgeschnitten und zum Zwecke wollüstiger Erregung aufgehängt (Juliette II, 231)[613]. Die Silvia zerreisst die Genitalien ihrer Opfer mit den Zähnen und isst sie (Juliette VI, 235). Ebenso benutzt Clairwil das abgeschnittene Membrum des Mönches Claude zu wollüstigen Zwecken (Juliette III, 101) und erklärt, dass sie semper penem videat, den sie, nisi habeat in cunno vel ano, doch +so sehr in ihrer Phantasie+ habe, dass sie glaubt, dass man ihn nach ihrem Tode wirklich in ihrem Gehirne finden wird! (Juliette III, 154.) Dieses anthropophagische Weib trinkt das Blut und isst die Testikel der von ihr getöteten Knaben (Juliette III, 72). Auch reisst sie das Herz derselben heraus und gebraucht es als Phallus (Juliette III, 252)[614]. Auch Minski, die Räuber des Brisa-Testa, Cornaro sind Anthropophagen (Juliette III, 313; V, 206; VI, 204).
Kannibalische Gelüste gehörten nach +Bettelheim+ offenbar zu dem Bestand der Racheschwüre des 18. Jahrhunderts. Der Herzog von +Chaulnes+, der wegen einer Liebesaffäre mit +Beaumarchais+ in Streit geriet, übrigens bei anderer Gelegenheit seine eigene Mutter aufs gröblichste beschimpfte, brüllte mit entsetzlicher Stimme: „Ich werde diesen Beaumarchais töten, und wenn ich ihm erst den Degen in den Leib gerannt und +das Herz mit den Zähnen ausgerissen haben werde+, mag diese Mesuard sehen, was aus ihr wird.“ In der ersten Fassung des +Goethe+’schen „Clavigo“ heisst es ebenfalls:
„Meine Zähne gelüstet’s nach seinem Fleische, meinen Gaumen nach seinem Blute u. s. w.“[615]
Die +Hypochorematophilie+[616] spielt ebenfalls bei +Sade+ eine grosse Rolle. Saint-Florent und Rodin finden grosse Befriedigung in der Beobachtung des Aktes der Defaecation (Justine I, 136 und 304). Mondor, Saint-Fond und viele andere sind Kotfresser. Der Gatte der St.-Ange lässt sich in os defaecieren. (Phil. dans le Boud. I, 92.) Dass auch diese liebliche Eigenschaft nicht vielleicht etwas Erbliches ist, sondern von abgelebten Wüstlingen, wie ja z. B. der 66jährige Mondor einer ist, als letztes Reizmittel in Anwendung gezogen wird, kann man aus den mehr als merkwürdigen Worten der Juliette schliessen. Sie sagt: „Man täuscht sich im allgemeinen über die Entleerungen des caput mortuum unserer Verdauungsorgane. Sie sind nicht ungesund, sondern sogar sehr angenehm. Es wohnt in ihnen derselbe Spiritus rector wie in allen übrigen Körperbestandteilen. An nichts +gewöhnt man sich so leicht+ als an den Geruch des Kotes. Ihn zu essen, ist deliciös! C’est absolument la saveur piquante de l’olive. +Man muss allerdings zuerst ein wenig die Imagination nach dieser Richtung hin beeinflussen+! Aber wenn man so weit ist, so ist es ein höchst wonnevoller und aufregender Genuss.“ (Juliette I, 289.) Die sexuelle Hypochorematophilie hat mit dem Kotschmieren der Geisteskranken nichts zu thun. Ja, gerade diese seltsame und ekelerregende Monomanie bildet den besten Beweis für unsere Anschauung, dass alle diese Dinge bei +Geistesgesunden+ vorkommen können, wie ja auch aus den Ausführungen +Sades+ hervorgeht. Nach +Taxil+ bilden die „stercoraires“, wie man sie nennt, nicht mehr eine Ausnahmeerscheinung. „In den öffentlichen Häusern sind zu diesem Zwecke besondere Vorrichtungen getroffen, und +gesunde+ junge Leute wiederholen +aus Nachahmungstrieb+ die krankhaften Handlungen schwachsinniger Subjekte, die einst durch ihr unmässiges Leben sich berühmt gemacht hatten.“[617]
3. Weitere sexualpathologische Typen bei Sade.
Schon vor +R. v. Krafft-Ebing+ gebührt ohne Zweifel dem Marquis +de Sade+ das Verdienst, fast alle +sexualpathologischen Typen+, die es giebt, in seinen Romanen zusammengestellt zu haben. Es ist kein Zweifel, dass diese grosse Mannigfaltigkeit der von ihm geschilderten sexuellen Perversionen, die genaue Individualisierung der einzelnen Typen auf der +aus dem Leben schöpfenden Beobachtung+ beruht.
Sämtliche +Sinne+ dienen bei +Sade+ der Erregung sexueller Gefühle. Beginnen wir mit dem +Gehör+. Es giebt auch einen +Wort-Sadismus+! Es ist nach Dolmancé angenehm und aufregend, +stark tönende Worte von unflätiger Bedeutung+ im Rausche der Wollust auszusprechen, weil sie die Einbildungskraft steigern. Man spare sie also nicht; sondern variire sie ins Unendliche, damit sie um so mehr Skandal erregen. Es verursacht eine ganz eigene Wonne, wenn man in Gegenwart tugendhafter Leute sich durch Fluchen Luft machen kann, wenn man sie zu demoralisieren vermag, zu ähnlichen Aeusserungen verführt und, wenn sie nicht gutwillig hören wollen, sie fasst und zwingt, es zu thun. (Phil. dans le Boud. I, 146-147.) So ruft Madame St.-Ange inmitten einer Orgie erfreut aus: Comme tu blasphêmes, mon ami, und schreit bei derselben Gelegenheit der stummen Eugenie zu: Jure donc, petite putain, jure donc! (Phil. dans le Boud. I, 125 und 129.)
Das +Gesicht+ nimmt ebenfalls Teil an dem sexuellen Genusse. Alberti liebt es, schwarze Frauen neben weissen zu sehen, weil dieser Contrast ihn besonders ergötzt. (Juliette VI, 238.) Grosser Wert wird auf die zweckentsprechende Drapierung der Zimmer gelegt, damit alles dazu beitrage, den Genuss zu erhöhen (Juliette II, 231). Die „Voyeurs“ sind ebenfalls zahlreich vertreten. Saint-Fond besitzt wie kein anderer „die Kunst, seine Leidenschaften durch eine industriöse Abstinenz aufzustacheln“ und sieht daher eine Zeit lang dem Coitus anderer zu. (Juliette II, 185.) Auch Raimondi ist ein solcher Voyeur, der mit dem blossen Zusehen sich begnügt. (Juliette VI, 150.)
Der +Geruchssinn+ wird zunächst durch die mannigfaltigsten Parfüms, deren sich die Weiber bedienen, erregt. In der „Gesellschaft der Freunde des Verbrechens“ werden alle Teilnehmer der Orgien von jungen Mädchen und Knaben gereinigt und parfümiert (Juliette III, 30)[618]. Das Beriechen der weiblichen Achseln kommt öfter vor (z. B. Juliette III, 54), ebenso der Faeces (ibidem). Ein Bischof lässt sich auf die Nase urinieren (Juliette III, 51).[619]
Der +Geschmack+ findet auch sein Recht. Nicht nur die Faeces sind deliciös, auch Sperma und Urin werden verschlungen (Juliette I, 172). Die „Lécheurs“ und „Gamahucheurs“ gehören ebenfalls zu dieser Kategorie (z. B. Juliette III, 55; VI, 152), sowie die zahlreichen tribadischen Cunnilinguae. Insbesondere ist Dolmancé nach dieser Richtung hin sehr thätig.
Der +Tastsinn+ wird fast stets zuerst als Vorbereitungsmittel zu einer Orgie benutzt, indem man ihm durch „tâter“ und „claquer“ der verschiedenen Körperteile, insbesondere der Nates, eine Befriedigung verschafft.
Aus der bunten Fülle der übrigen sexuellen Perversitäten, die ja zum grössten Teile bereits erwähnt wurden, heben wir nur die bemerkenswertesten heraus. -- Den +Exhibitionismus+ predigt Dolmancé, indem er Eugenie dazu anhält, schamlos ihre Reize vor aller Welt zu enthüllen, die Kleider aufzuheben u. s. w. (Phil. dans le Boud. I, 147.) Saint-Fond empfiehlt sogar Männern und Frauen Kleider, welche die Geschlechtsteile und das Gesäss freilassen (Juliette II, 197). Die Befriedigung +grausamer+ Gelüste findet auf die verschiedenste Weise statt: durch Köpfen, Vierteilen, Rädern, Feuer, Zerschmettern zwischen zwei Platten, wilde Tiere, Erhängen, Kreuzigung u. s. w. Dorval lässt eine Schein-Hinrichtung vollziehen (Juliette I, 225-230). Ein Anderer wieder empfindet es als besonderen Genuss, an sich selbst eine solche Schein-Hinrichtung vornehmen zu lassen, eine Art von symbolischem Masochismus. Auch die Folter wird in Anwendung gezogen (Juliette III, 65), und Juliette zersticht ihre Opfer mit Nadeln (Juliette II, 285). Die aktive und passive Flagellation kommt ungemein häufig vor, sogar in einem eignen „Saal der Geisselung“ (Juliette III, 65). Zu diesen grausamen Gelüsten gehört auch die Monomanie des Venaesecierens und der Incisionen (Justine III, 223).
Die +Zoophilie+ wird von +Sade+ als sexuelles Raffinement hochgepriesen. „Der Truthahn ist deliciös, aber man muss ihm den Hals im Augenblick der Krisis abschneiden. Le resserrement de son boyau vous comble alors la volupté“ (Juliette I, 333). Der Truthahn vereinigt sich im vierten Bande der Juliette mit einem Affen, einer Ziege und einer Dogge, um die sexuellen Feinschmecker zu ergötzen. (Juliette IV, 262.)
Ferdinand von Neapel ist +Nekrophile+, er befriedigt sich an der Leiche eines Pagen. (Juliette V, 263.) Sogar die +Statuenschändung+ wird erwähnt. Ein Page befriedigt sich im Louvre an der Venus Kallipyge. (Juliette I, 333.)
Endlich erhöht die Verwirklichung +bizarrer Einfälle+ den sexuellen Genuss. Belmor bindet seine Opfer fest (Juliette III, 163), der König von Sardinien liebt das Klystieren (ib. III, 294), das auch noch an einer anderen Stelle als besonderes Reizmittel vorkommt (III, 54), Vespoli liebt besonders Irrsinnige (Jul. V, 345), ein venezianischer Prokurator Menstruierende (ib. VI, 147), ein Dritter die Depilation der Genitalien (Jul. II, 59), ein Vierter steckt brennende Lichter in die Körperöffnungen (Jul. II, 22), Delbène giebt sich auf den Särgen früherer Opfer hin (Jul. I, 172) u. s. w. u. s. w.
+Seltsame Naturerzeugnisse+ und +Naturerscheinungen+ dienen der Wollust. Ein Eunuch, ein Zwerg und ein Hermaphrodit liefern auserlesene Genüsse (Juliette IV, 262). Der Anblick grosser Brände erregt die Sinne. (ib. IV, 258.) Der Ausbruch des Aetna (Justine III, 67), des Vesuvs (Jul. VI, 35), der Sturm auf offenem Meere (Juliette VI, 269) verschaffen sexuelle Genüsse.
Auch +geschichtliche Erinnerungen+ werden im selben Sinne verwertet. Man ahmt die Thaten des +Tiberius+, des +Nero+ und der +Theodora+ nach (Juliette V, 362; VI, 319 und 341); man feiert Orgien auf den historisch denkwürdigen Stätten von Pompeji und Herculanum (Jul. V, 340-341), im Venustempel zu Bajae (ib. V, 294) u. s. w.
4. Versuch einer Aufstellung von erotischen Individualitäten.
Sehr bemerkenswert in psychiatrischer und anthropologischer Beziehung ist der Versuch des Marquis +de Sade+, die einzelnen Neigungen der Personen in seinen Romanen aus ihrer +körperlichen Beschaffenheit+ abzuleiten. Als Beispiel geben wir die Schilderung des Geschwisterpaares Rodin und Coelestine.
„Rodin war ein Mann von 36 Jahren, brünett, mit dichten Augenbrauen, lebhaftem Auge, heroischer Miene, hohem Wuchs. Sein ganzes Wesen atmete Gesundheit, aber gleichzeitig Wollust. Membrum erectum valde durum erat.“ (Justine I, 252.)