Der Marquis de Sade und seine Zeit.

Part 28

Chapter 283,521 wordsPublic domain

Nach dem Vorgange +Holbach’s+, der jede religiöse Regung als geistige Verirrung bezeichnete, wird +Sade+ nicht müde, über die Begriffe „Gott“ und „Religion“ die Schale seines Spottes auszugiessen. Sein +Atheismus+ geberdet sich „in konsequenter Weise zugleich als fanatischer +Misotheismus+, der von dem bekannten Worte: ‚si Dieu n’existait pas, il faudrait l’inventer‘, nur Gebrauch zu machen scheint, um diesen eigens dazu erfundenen Gott blasphemisch zu beschimpfen und zu verhöhnen.“[599] Die Idee einer solchen Chimäre und die Aufrichtung eines solchen Monstrums ist das einzige Unrecht, das Delbène den Menschen nicht verzeihen kann. „Mein Blut kocht bei seinem Namen selbst. Ich glaube um mich die zitternden Schatten aller Unglücklichen zu sehen, welche dieser abscheuliche Aberglaube auf der Erde geopfert hat.“ Sie erinnert an die Unthaten des Klerikalismus und der Inquisition. Würde sie heute leben, sie würde gewiss die auch im Namen dieses klerikalen Gottes erfolgte Folterung des unglücklichen +Dreyfus+ nicht vergessen haben. Delbène unterzieht hierauf die verschiedenen Gottestheorien einer Kritik. Die Juden sprechen zwar von einem Gotte, aber sie erklären diesen Begriff nicht und reden nur in kindlichen Allegorien von ihm. Die Bibel ist von verschiedenen Menschen und „dummen Charlatans“ lange nach Moses geschrieben worden. Dieser behauptet, die Gesetze von Gott selbst empfangen zu haben. Ist diese Vorliebe Gottes für ein kleines unwissendes Volk nicht lächerlich? Die in der Bibel erzählten Wunder werden von keinem Historiker berichtet. Und wie hat dieser Gott die Juden behandelt! Wie hat er sie in alle Welt zerstreut als das odium generis humani. Bei den Juden darf man Gott nicht suchen. Da ist er nur ein „fantôme dégoûtant“. Aber vielleicht bei den Christen? Doch hier findet Delbène noch grössere Absurditäten. Jesus ist nach ihr entschieden schlauer als Moses. Dieser lässt das Wunder durch Gott geschehen. Jener macht es selbst! La religion prouve le prophète, et le prophète la religion.

Da also weder durch das Judentum noch durch das Christentum die Existenz Gottes bewiesen wird, so müssen wir uns an unsere eigene Vernunft halten. Diese ist aber bei Mensch und Tier das Resultat des gröbsten Mechanismus. Erinnert man sich der Dinge als abwesender Objekte, so ist das Gedächtnis, Erinnerung. Erinnert man sich ihrer, ohne dass man von ihrer Abwesenheit unterrichtet ist, also sie als wirklich vorhandene Objekte ansieht, so ist das +Einbildung+, und diese Einbildung ist die wahre Ursache aller unserer Irrtümer. Die Imagination besteht aus „objektiven Ideen“, die uns nichts Wirkliches anzeigen, und die Erinnerung besteht aus „reellen Ideen“, die uns wirklich existierende Dinge anzeigen. Gott ist nun das Produkt der Imagination, der „erschöpften Einbildungskraft“ derer, die zu träge sind, um die lange Reihe der Ursachen und Wirkungen zu durchdenken und mit einem kühnen Salto mortale zu einer letzten Ursache greifen, deren Wirkung alle anderen Ursachen sind, die selbst aber keine Ursache mehr hat. Das ist Gott. Die „dumme Chimäre“ einer „débile imagination“, die nur eine „idée objective“ ohne reale Existenz zu denken vermag. Gott ist ein „Vampyr“, der das Blut der Menschen aussaugt. (Juliette I, 49-62.) In Wirklichkeit kann Gott gar nicht existieren, da die ewig wirkende Natur in fortwährender Bewegung sich befindet, sie aber diese Kraft nur aus sich selber besitzt, nicht aber vom Schöpfer zum Geschenk erhalten haben kann. Denn dann müsste man an das Vorhandensein eines trägen Wesens glauben, das, nachdem es seine Arbeit gethan, in Nichtsthun dahinlebt. Ein solches Wesen wäre aber lächerlich wegen seiner Ueberflüssigkeit. Denn es hätte nur so lange gewirkt, bis es erschaffen, dann aber hätte es während Jahrtausenden ruhen müssen. (Philosophie dans le Boudoir I, 56). Wenn die Materie nach Begriffen, die uns unbekannt sind, wirkt, wenn die Bewegung der Materie inhaerent ist, wenn nur sie allein im Stande ist, nach Massgabe ihrer Kraft zu schaffen, hervorzubringen, zu erhalten und fortzuführen, wie wir dies in dem unseren Sinnen fassbaren Universum erblicken, in welchem wir eine Unzahl von Weltkörpern um und über uns sehen, deren Anblick uns überrascht, deren gleichmässiger, geregelter Gang uns mit Bewunderung und Staunen erfüllt, wozu brauchen wir dann noch einen fremden, ausserhalb des Universums stehenden Faktor, da die bewegende und schaffende Kraft sich schon in der Natur selbst befindet? Diese Natur ist aber an und für sich nichts anderes als eine wirkende Materie (ib. I, 58). Nach allem dem ist dieser Gott ein launenhaftes Wesen, welches das von ihm geschaffene Geschöpf dem Verderben weiht. Wie fürchterlich, welch ein Ungeheuer ist ein solcher Gott! Gegen ihn müssten wir uns empören. Nicht zufrieden mit einer so grossen Aufgabe, ertränkt er den Menschen, um ihn zu bekehren, er verbrennt, er verflucht ihn, er ändert nichts daran, dieser hohe Gott, ja, er duldet ein noch viel mächtigeres Wesen neben sich, indem er das Reich Satans aufrecht erhält, welcher seinem Erschaffer zu trotzen vermag, der im Stande ist, die Geschöpfe, die sich Gott auserkoren, zu verderben und zu verführen. Denn nichts vermag die Energie Satans über uns zu besiegen. So hat ihn die Religion geschaffen, samt seinem einzigen Sohne, den er vom Himmel herabgeschickt und in einen sterblichen weiblichen Leib bannt. Man wäre geneigt, zu glauben, dieser Sohn Gottes müsste die Erde inmitten eines Engelchores, beleuchtet von glänzenden Strahlen betreten. Aber nein, er wird von einer sündhaften Jüdin in einem Stalle geboren. Wird uns seine ehrenvolle Sendung vor dem ewigen Tode retten? Folgen wir ihm, sehen wir, was er thut, hören wir, was er spricht! Welche erhabene Mission vollführt er? Welches Geheimnis offenbart er uns? Welche Lehre predigt er uns? Durch welche That lässt er uns seine Grösse erkennen? Wir sehen vor allem eine unbekannte Kindheit, einige Dienste, die er den jüdischen Priestern des Tempels von Jerusalem leistet, dann ein 15jähriges Verschwinden, während welcher Zeit er sich vom alten ägyptischen Kultus vergiften lässt, den er nach Judäa bringt. Er geht so weit, sich für einen Sohn Gottes zu erklären, der dem Vater an Macht gleich ist; er verbindet mit diesem Bündnis die Erschaffung eines dritten Wesens, des heiligen Geistes, indem er uns glauben machen will, diese drei Personen seien nur eine. Er sagt, er habe eine menschliche Form angenommen, um uns zu retten. Der sublime Geist musste also Materie, Fleisch werden und setzt die einfältige Welt durch seine Wunder in Erstaunen. Während eines Abendmahles betrunkener Menschen verwandelt er Wasser in Wein. Er speist in einer Wüste einige Faseler mit den von ihm verborgen gehaltenen Lebensmitteln. Einer von seinen Genossen spielt den Toten, um sich von ihm erwecken zu lassen. Er besteigt in Gegenwart zweier oder dreier seiner Freunde einen Berg und führt hier ungeschickte Taschenspielerkunststücke aus, deren sich jetzt ein Tausendkünstler schämen müsste. Dabei aber verflucht er alle, die ihm nicht glauben wollen, und verspricht den Gläubigen das Himmelreich. Er hinterlässt nichts Geschriebenes, spricht sehr wenig und tut noch weniger. Dennoch bringt er durch seine aufrührerischen Reden die Behörden auf und wird endlich gekreuzigt. In seinen letzten Augenblicken verspricht er seinen Gläubigen, zu erscheinen, so oft sie ihn anrufen, um sich von ihnen -- essen zu lassen. Er lässt sich also hinrichten, ohne dass sein Herr Papa (Monsieur son papa), dieser erhabene Gott, auch nur das Geringste thäte, um ihn von dem schimpflichen Tode zu retten. Seine Anhänger versammeln sich jetzt und sagen, die Menschheit sei verloren, wenn sie dieselbe durch einen auffallenden Handstreich nicht retteten. Lasst uns die Grabwächter einschläfern, stehlen wir den Leichnam, verkünden wir seine Auferstehung! Dies ist ein sicheres Mittel, um an dieses Wunder glauben zu machen; es soll uns dazu helfen, die neue Lehre zu verbreiten. Der Streich gelingt. Alle Einfältigen, die Weiber und Kinder faseln von einem geschehenen Wunder und dennoch will in dieser mit dem Blute Gottes getränkten Stadt niemand an diesen Gott glauben. Nicht ein Mensch lässt sich bekehren. Man veröffentlicht das Leben Jesu. Dieser schale Roman findet Menschen, die ihn für Wahrheit halten. Seine Apostel legen ihrem selbsterschaffenen Erlöser Worte in den Mund, an die er niemals gedacht hat. Einige überspannte Maximen werden zur Basis ihrer Moral gemacht, und da man dies alles Bettlern verkündet, so wird die Liebe des Nächsten und Wohlthätigkeit zur ersten Tugend erhoben. Verschiedene bizarre Ceremonien werden unter der Benennung „Sakramente“ eingeführt, unter welchen die unsinnigste die ist, dass ein sündenbelasteter Priester mittelst einiger Worte, eines Galimathias, ein Stück Brod in den Leib Jesu verwandelt. (Philosophie dans le Boudoir I, 60-64.) -- Man darf sich nicht wundern, wenn nach diesen Anschauungen der Marquis +de Sade+ oft die Heiligenschändung für ein Pflichtgebot erklärt und in scharfen Ausdrücken gegen Reliquien, Heiligenbilder, Crucifixe u. s. w. wettert und z. B. Dolmancé sagen lässt, dass es sein grösstes Vergnügen sei, Gott zu beschimpfen, gegen dieses Phantom unflätige Worte auszustossen. Dieser möchte gern eine Art ausfindig machen, um diese dégoûtante chimère noch mehr zu insultieren, und ist wie Moberti böse darüber, dass es gar keinen Gott giebt, so dass er in solchen Augenblicken seine Existenz herbeiwünscht (Philosophie dans le Boudoir I, 125-126).

Von diesen +theoretischen+ Maximen gelangt der Marquis +de Sade+ zur Begründung einer +praktischen Lebensphilosophie+, eben der „Philosophie des Lasters.“

Um den Triumph des Lasters in der menschlichen Gesellschaft zu verwirklichen, muss eine zweckentsprechende +Paedagogik+ gehandhabt werden. Der Marquis +de Sade+ hat richtig erkannt, dass die +Jugend+ verderben gleichbedeutend ist mit der Untergrabung aller Sittlichkeit überhaupt. Diese Jugend, von der +Alexander von Humboldt+ in seinen unvergleichlichen Briefen an den König +Friedrich Wilhelm+ IV. sagt, dass sie das „+unzerstörbare+ uralte sich immer erneuernde Institut der Menschheit“ sei[600], die muss man nach +Sade+ für sich gewinnen. „C’est dans la jeunesse qu’il faut s’occuper de détruire avec énergie les préjugés inculqués dès l’enfance.“ (Juliette IV 134.) So hat denn +Sade+ in der „Philosophie dans le Boudoir“ gewissermassen einen Leitfaden der Erziehung zum Laster nach dem Vorbilde von +Mirabeau’s+ „Education de Laure“ geschaffen, in dem er seine theoretischen Grundsätze entwickelt und ihre praktische Anwendung in der Verführung und Demoralisierung eines jungen Mädchens zeigt. -- Die Erziehung muss alle unsinnigen Religionslehren verbannen, durch welche die „jungen Organe“ der Kinder nur ermüdet werden und an deren Stelle den Unterricht in den „sozialen Grundsätzen“ einführen. Auch sollen sie in den schwer zu lösenden Fragen der Naturkunde unterrichtet werden. Wenn es aber Jemand versuchen sollte, religiösen Firlefanz einschmuggeln zu wollen, so soll er als ein Verbrecher behandelt werden. (Phil. dans le Boud. II, 62 ff.) +Sade+ hat richtig erkannt, dass die +Gewohnheit+ in der Erziehung alles macht. Daher soll auch das Laster dem jugendlichen Menschen zu einer Gewohnheit gemacht werden. Denn diese hebt alle lästigen Gewissensbisse auf. „Also sei so oft als möglich lasterhaft! Dann wird das Laster allmählich zu einem wollüstigen Kitzel, den man nicht mehr entbehren kann. Das Laster muss eine +Tugend+ werden! Und die Tugend ein +Laster+! Dann wird sich ein neues Weltall vor Deinen Blicken aufthun, ein verzehrendes und wollüstiges Feuer wird Deine Nerven durchglühen; es wird die ‚elektrische Flüssigkeit‘ entflammen, in welcher das Prinzip des Lebens sich befindet. Jeden Tag entwirfst Du neue ruchlose Pläne und siehst in allen Wesen die Opfer Deiner perversen Gelüste. So gelangst Du auf einem mit Blumen bekränzten Wege zu den letzten Excessen der Unnatur. Nie darfst Du auf diesem Wege Halt machen, zögern und zurückweichen, weil Dir sonst der höchste Genuss für immer verloren geht. Vor allem nimm Dich vor der Religion in Acht, deren gefährliche Einflüsterungen Dich vom guten Wege abhalten, die der Hydra gleicht, deren Kopfe wiederwachsen, so oft man sie abschlägt.“ Diese Worte ruft Delbène der 14jährigen Juliette zu. (Juliette I, 27-30.) Diese selbst wiederum erzieht später die Tochter Saint-Fond’s, ihre eigene Tochter und Fräulein Fontanges in ähnlichen Grundsätzen, deren verderbliche Wirkungen in der bereits oben erwähnten Statistik des Grafen Belmor zur Anschauung gebracht werden.

So wird das Laster planmässig in alle sozialen Verhältnisse eingeführt, von denen wir nur die wichtigsten hervorheben.

+Liebe und Ehe+ sind für +Sade+ chimärische Begriffe. Mit einer Art von jesuitischer Casuistik unterscheidet die Duvergier zwei Arten der Liebe, die +moralische+ und die +physische+. Eine Frau kann moralisch ihren Geliebten oder Gatten anbeten und physisch und temporär denjenigen lieben, der ihr den Hof macht. Zudem hat die Frau von Temperament stets mehrere Liebhaber nötig. (Juliette I, 268.) Delbène, diese grosse Paedagogin des Lasters, monologisiert lange für die Nutzlosigkeit der Moral für junge Mädchen und Frauen. Sie fragt gleich im Anfang erstaunt: Ist ein weibliches Wesen besser oder schlechter, wenn sie einen gewissen Körperteil mehr oder weniger „ouverte“ hat? Nach ihr müssen die Sitten das individuelle +Glück+ verbürgen. Sonst sind sie wertlos. Man darf also ein Mädchen nicht zwingen, die Jungfrauschaft zu bewahren, wenn es +glücklich+ ist und danach brennt, dieselbe zu verlieren. Je mehr ein Mädchen sich hingiebt, um so liebenswerter ist es, um so mehr Menschen macht es glücklich. Daher höre man auf, ein entjungfertes Mädchen zu missachten.[601] (Jul. I, 108.) Was die Ehe betrifft, so handelt es sich nicht um die Frage, ob der Ehebruch ein Verbrechen in den Augen des Lappen ist, der ihn erlaubt, oder des Franzosen, der ihn verbietet, sondern ob die Menschheit und die Natur durch diese Handlung beleidigt werden. Der Coitus ist notwendig wie Essen und Trinken, die Keuschheit ist nur eine „conventionelle Mode“, +deren erster Ursprung nur ein+ „+raffinement du libertinage+“ war. Jetzt ist sie nur eine Tugend der „Dummen und Enthusiasten“. Sie schadet der Gesundheit, da sie wichtige Secrete zurückhält.[602] +Der gemeinschaftliche Besitz der Frauen+ ist das einzig wahre Naturgesetz, nicht die Monogamie, die Polyandrie und die Polygamie. Die freie und schrankenlose Vereinigung und Trennung der beiden Geschlechter entspricht allein den natürlichen Verhältnissen. Und da auch die Ehre ein ganz subjektiver Begriff ist, der nicht von Andern abhängt, so kann der Ehebruch der Gattin die Ehre des Gatten in keiner Weise tangieren. Delbène erteilt daher den Frauen mit gutem Gewissen Ratschläge, wie sie ihre Männer am besten betrügen. (Jul. I, 109-131.)

Man kann sich denken, welche Stellung nach diesen Maximen die Prostitution in der Gesellschaft einnimmt. Nur ein Weib, welches genossen und Männer mit ihren Umarmungen beglückt hat, lebt in der Erinnerung der Menschen. Man hat +Lucretia+ sehr bald vergessen, während man sich +Theodoras+ und +Messalina’s+ erinnert, die in tausend und abertausend Gedichten besungen werden. Weshalb sollten die Weiber den blumenbestreuten Weg nicht lieber betreten, der ihnen noch nach dem Grabe einen Cultus zusichert, anstatt sich dem verachtenden Lächeln der Aufgeklärten auszusetzen, welches ihnen durch ihre Askese zu Teil werden würde? (Phil. dans le Boud. I, 80.) Die Frau sei wie die Hündin und die Wölfin, die allen angehören (ib. I, 76). So erscheint die Ehe selbst als ein Vergehen.[603]

Sehr merkwürdig sind bei +Sade+ die vielfachen Anklänge an die Ideen eines +Malthus+. Die heute ja zu einer brennenden Frage gewordene Entvölkerung Frankreichs ist keine neue Erscheinung. Nach einem Bericht, den wir der „Vossischen Zeitung“ vom 11. Juli 1899 entnehmen, veröffentlichte Professor +Rossignol+ in Bordeaux vor kurzem das im Jahre 1767 herausgekommene Werk des Abbé +Joubert+ „Die Entvölkerung und die Mittel ihr abzuhelfen“. +Es geht daraus hervor, dass fast im ganzen vorigen Jahrhundert diese Frage die Geister beschäftigte.+ Schon 1700 bis 1715 wurde eine thatsächliche Verminderung der Bevölkerung festgestellt. Das Parlament von Dijon hatte 1764, das Parlament von Bordeaux 1765 auf die Gefahren der Entvölkerung hingewiesen. Der Abbé Joubert gab 1767 als Ursachen der Entvölkerung an: Sittenlosigkeit, Verwendung bezahlter Ammen, schlechte gesundheitliche Beschaffenheit der Häuser und Strassen; Missbrauch geistiger Getränke, Steuerveranlagung. Von den wohlhabenden Klassen sagt er: „Um einen reichen Erben zu lassen, um einen zügellosen Aufwand fortzusetzen, ist man taub für den Schrei der Natur und zieht vor, die Zahl der Kinder nicht zu vermehren“. Der gute Abbé betont besonders die tollen Ansprüche vieler Frauen, deren schlechte Erziehung und Verschwendungssucht die Ehescheu so vieler Männer erklären.

Auch bei +Sade+ sind hauptsächlich +Frauen+ die Vertreterinnen des Malthusianismus. Delbène meint, dass die Natur sich wenig um die Fortpflanzung der Geschöpfe kümmere, und das Aufhören aller Zeugung würde sie nicht betrüben. Nur unser Stolz glaubt an die Notwendigkeit und Nützlichkeit der Fortpflanzung, während die Natur gleichgültig Tausende von Wesen vernichtet (Juliette I, 118). Dolmancé behauptet sogar, dass dem Zwecke des menschlichen Lebens die Vermehrung seiner Rasse sehr fern liegt. Es sei beinahe zum Verwundern, dass sie von Einzelnen geduldet werde. Wie hätte die Natur dem Menschen ein Gesetz aufbinden können, welches sie ihrer Allmacht beraubt? Wäre es nicht vernunftgemässer, wenige Menschen ewig jung bleiben und ewig leben zu sehen, als zu altern und zu sterben. Die Fortpflanzung der Menschheit ist ein „schwaches Ersatzmittel“ dafür. Es wäre sogar „schmeichelhaft“ für die ursprüngliche Absicht der Natur, wenn das Menschengeschlecht ausstürbe. Nur die Verminderung der Bevölkerung kann die Uebervölkerung und alle Uebel, die damit verbunden sind, hindern. Die Kriege, Seuchen, Hungersnöte[604], Mordthaten, Schiffbrüche, Explosionen u. s. w. bewirken positiv die Verminderung der Menschenrasse, während jene Handlung, die ein blödsinniger Jude als ein solches Verbrechen bezeichnet, dass um seinetwillen eine ganze Stadt durch himmlisches Feuer zu Grunde gegangen ist, nicht nur kein Verbrechen, sondern lobenswert ist; denn sie verbindet zwei nützliche Dinge, sie schafft Vergnügen und hindert die Vermehrung der Menschenrasse. (Phil. dans le Boud. I, 100-101.) Daher ist eine der Hauptsünden aller Regierungen die Vermehrung der Bevölkerung, die ohnehin nicht den Reichtum des Staates bildet, da sie alsbald in höherem Grade wachsen wird als die Existenzmittel. Seht auf Frankreich und Ihr werdet erkennen, was daraus resultiert. Die viel weiseren Chinesen haben seit jeher Mittel gegen einen solchen Ueberfluss an Bevölkerung getroffen, indem sie Findel- und Armenhäuser unterdrückten und Bettler ohne Almosen liessen (ibid. S. 69). Wenn Delbène bemerkt, dass Frankreich’s allzugrosse Bevölkerung zu einer künstlichen Beschränkung der Kinderzahl zwinge und die überzähligen getötet werden müssten, die gleichgeschlechtliche Liebe zu begünstigen sei (Juliette I, 124), so bezieht sich diese vorübergehende Zunahme der Bevölkerung nach dem oben genannten Werke von +Rossignol+ auf das letzte Jahrzehnt vor der Revolution. Madame Saint-Ange empfiehlt (Phil. dans le Boud. I, 99) ähnlich wie unsere modernen Malthusianer, die längst über +Malthus’+ späte Heiraten und „moral restraint“ sich hinweggesetzt haben, die bekannten Praeventivmittel (Condome, éponges etc....)[605] -- Der entschlossenste Malthusianer ist Saint-Fond. Er behauptet, dass Frankreich „einen kräftigen Aderlass nötig habe.“ Die Künstler und Philosophen müssen vertrieben werden, die Hospitäler und Wohlthätigkeitsanstalten müssen zerstört werden, und ein Krieg, sowie eine künstlich zu veranstaltende Hungersnot müssen das Uebrige thun. Auf diese Weise will er zwei Drittel der Bevölkerung beseitigen. (Juliette III, 126, 261.) Ein derartiger Versuch wird von der Borghese in Rom ausgeführt. Es werden 37 Hospitäler verbrannt, in denen mehr als 20000 Menschen umkommen! (Jul. IV, 258.) In der „Justine“ entwickelt der Bischof ein vollkommenes System des praktischen Malthusianismus. Erstens muss der Kindermord nicht nur gestattet, sondern sogar befohlen werden. Zweitens müssen Regierungskommissare jährliche Rundreisen bei allen Bauern machen und alle überflüssigen, die zulässige Zahl überschreitenden Familienglieder aus dem Wege räumen. Drittens die durch die Revolution gewonnene Freiheit muss dem Volke wieder genommen werden; es muss wieder unters Joch. Viertens totale Unterdrückung aller öffentlichen Almosen und Wohlthätigkeiten. Fünftens Ehrung der Coelibatäre, Paederasten, Tribaden, Masturbanten, kurz aller geschworenen Feinde der Fortpflanzung. Auch der Mörder muss belohnt werden! Sechstens einfache Wegnahme aller Lebensmittel. (Justine IV, 280-293.)

Der berühmte „Essay on the principle of population“ von Th. R. +Malthus+ erschien zum ersten Male 1798 in London. Der Marquis +de Sade+, der gleich +Malthus+ die Gefahren der Uebervölkerung schildert, kann also als ein Vorläufer desselben gelten. Indessen haben schon die französischen Physiokraten wie +Quesnay+ in seinen „Maximes générales“ und +Mirabeau+ in der „Philosophie rurale“ und im „Ami des hommes“ sich mit den Problemen der Populationistik beschäftigt und ähnliche Ideen wie Malthus entwickelt,[606] wenn diesem auch das grosse Verdienst gebührt, in einer Spezialarbeit über die Theorie der Bevölkerungslehre diese zuerst formuliert zu haben und ein Werk zu schaffen, das „in den Mittelpunkt der Nationalökonomik hinableuchtete, ja ihre Untiefen erst aufgedeckt hat.“[607] Jedenfalls hat auch der Marquis +de Sade+ dieser wichtigen Frage ein lebhaftes Interesse entgegengebracht. Dass er nicht blos Personen geschildert hat, die Praeventiv- und sogar positiv destruktiven Massregeln in der Populationistik das Wort reden, beweist Zamé in „Aline et Valcour“, der den Incest und die Paederastie verbietet, die Klöster aufhebt, indem er die Nonne mit dem Paederasten vergleicht, die beide „frustrent la société“. Auch sorgt er für Findel- und Waisenhäuser und unterdrückt den sich breitmachenden Egoismus.[608]

Seine +Theorien des Verbrechens+, welche mit den malthusianischen Ideen aufs engste zusammenhängen, hat der Marquis +de Sade+ an verschiedenen Stellen seiner Hauptwerke entwickelt, am ausführlichsten aber in der „Philosophie dans le Boudoir“, wo er Dolmancé dieselben aus einer im Palais Royal gekauften Broschüre vorlesen lässt. In „Justine“ erklärt Bressac das Verbrechen überhaupt für eine Chimäre. Denn ein Mord verändert nur die +Form+ der Materie, vernichtet diese letztere aber nicht. Nichts geht verloren in der Natur. Auch sind ja alle Handlungen von der Natur eingegeben und daher keine Sünde. (Justine I, 209 ff.) -- Noch anders begründet Delbène die Notwendigkeit des Verbrechens. Die Natur hat die Menschen verschieden schön und stark u. s. w. gemacht. Dabei will sie auch +verschiedene+ Schicksale derselben, und es wird von ihr bestimmt, dass die Einen glücklich werden, die Anderen unglücklich. Letztere sollen von den Glücklichen gequält und gefoltert werden. Das Verbrechen liegt also im „Plane der Natur“ und ist ihr so nötig wie Krieg, Pest und Hungersnot. (Juliette I, 176.) Noirceuil findet das ganze Geheimnis der +Civilisation+ darin, dass die Schurken und Schlauen sich bereichern, die Dummen unterdrückt werden. Der Schwache ist von +Natur+ schwach und dem Starken auf Gnade und Ungnade preisgegeben. Man handelt also +gegen die Natur+, wenn man als Starker dem Schwachen hilft, statt ihn zu quälen und zu vernichten (Juliette I, 311-312).