Der Marquis de Sade und seine Zeit.

Part 27

Chapter 273,224 wordsPublic domain

Die „Philosophie dans le Boudoir ou les instituteurs immoraux“ erschien zum ersten Male 1795 als „Ouvrage posthume par l’auteur de Justine“ in 2 Bänden mit 5 Bildern, zum zweiten Male 1805 in 2 Bänden mit 10 Bildern und seitdem öfter.

Das Werk ist eine Nachahmung der „Education de Laure“ von +Mirabeau+ und zum Teil auch der „Aloysia Sigaea“ des +Nicolas Chorier+. Das Hauptthema: die +Erziehung eines jungen Mädchens zum Laster+ wird in Form von Dialogen und langen lehrhaften Vorträgen erörtert, die nur ab und zu von praktischen Ausführungen der gepredigten Ausschweifungen unterbrochen werden. Die Handlung tritt zurück hinter den theoretischen Erörterungen.

Charakteristisch für den Ton des Ganzen ist die Vorrede an die Wüstlinge: „Wüstlinge jeden Alters und beiderlei Geschlechts! Nur Euch widme ich dieses Werk; nährt Euch mit dessen Grundsätzen, die Euren Leidenschaften günstig sind. Diese Leidenschaften, von welchen Euch kleinliche und kalte Moralisten zurückschrecken, sind nichts weiter als Mittel, welche die Natur anwendet, um den Menschen ihre Zwecke in Beziehung auf ihn zukommen und sie ihn erkennen zu lassen; hört nur auf diese wonnigen Leidenschaften, ihr Organ ist das einzige, welches Euch zum Glück zu leiten im Stande ist.

„Schlüpfrige Weiber, deren Modell die wollüstige Saint-Ange sein möge, verachtet, ihrem Beispiele folgend, Alles, was mit den göttlichen Gesetzen des Vergnügens im Widerspruch steht und was das ganze Leben in Fesseln hält.

„Junge Mädchen, die Ihr lange in widersinniger Sklaverei gehalten worden seid, welche von einer phantastischen Tugend und ekelhaften Moral erfunden, Euch nur gefährlich werden muss, ahmt das Beispiel der glühenden Eugenie nach; reisset nieder und tretet mit Füssen, wie sie es thut, alle lächerlichen Lehren, die Euch von einfältigen Eltern eingeprägt wurden.

„Und Ihr liebenswürdige Wüstlinge, die Ihr seit Eurer Jugend keine anderen Zügel kanntet, als diejenigen, mit welchen Euch Eure Begierden leiten, anerkennt keine anderen Gesetze als Eure Launen; möge Euch der Cyniker Dolmancé zum Beispiel dienen! Geht so weit wie er, damit, wenn Ihr die ganze Bahn durchlaufen, welche von der Wollust mit Blumen bestreut, sich Euren Blicken darbietet, Ihr Euch überzeugt, dass es nur eine Lebensschule giebt, in welcher Ihr den Horizont Eures Geschmackes und Eurer Phantasien ausdehnen möget, dass man nur dann, wenn man seinem Genusse Alles opfert, seinen Lebenszweck erfüllt, dass endlich der Mensch, welcher diese sonst so traurige Welt bewohnt, nur auf diese Weise aus den Dornen des Lebens Rosen zu pflücken vermag.“

Skizzieren wir in aller Kürze die dürftige Handlung des Stückes. Im ersten Gespräch treten Madame de St.-Ange und ihr Bruder, der Chevalier de Mirvel auf. Die Erstere ist ein Juliette-Typus, die alles, was mit ihr in Berührung kommt, vergiftet. Ihr Bruder dagegen ist mehr receptiv und tritt in dem Buche hinter der kraftvolleren Individualität des Dolmancé zurück. Dieser ist ein im Laster consequenter Cyniker, der mit seiner geistreichen Sophistik stets die ganze Situation beherrscht. Er ist nach Mirvels Beschreibung durch seinen frühbegonnenen lasterhaften Lebenswandel hart geworden und besitzt anstatt des Herzens nur tierische Begierden. Er ist Paederast und hört nicht auf, in Apologien dieses Lasters zu schwelgen.

Eugenie von Mistival ist ein junges Mädchen, deren Mutter eine Betschwester ist und deren Vater ein Verhältnis mit Madame de St.-Ange unterhält. Letztere hat ihr schon einen theoretischen Unterricht im Laster erteilt, ihr alle Lehren der Religion und der reinen Moral ausgeredet und sie so umgarnt, dass Eugenie sich ganz ihrer Leitung anvertrauen will. So soll sie denn heute -- die ganze Handlung spielt sich im Laufe eines einzigen Tages ab -- in die Mysterien des Venusdienstes und -- Sodoms eingeweiht werden. Eugenie kommt und verrät ihre wahre Natur sofort durch das Bekenntnis, dass sie ihre Mutter, diese alte Betschwester, hasse. Dolmancé erscheint als Letzter und nunmehr wird Eugenie, die errötend im Anfange Scham heuchelt, zuerst über die Anatomie und Physiologie der männlichen und weiblichen Genitalien cum demonstratione[584] belehrt und empfängt darauf in den Künsten der „amour physique“ und „antiphysique“ Unterricht. Später werden zu dem praktischen Unterricht auch der Chevalier und ein Gärtnerbursche und Idiot Augustin zugezogen, so dass Eugenie das Arrangement obscöner Gruppen kennen lernt. Gegen Abend, als Eugenie sich bereits in das grausamste erotische Scheusal verwandelt hat, kommt ihre Mutter, Madame de Mistival gerade zur rechten Zeit. Unter den Augen der jauchzenden Tochter wird sie scheusslich vergewaltigt, von einem Knecht Lapierre syphilitisch infiziert, und bevor man zu Tische geht, muss Eugenie an ihrer Mutter die Infibulation vollziehen.

Dies der Gang der Handlung. Mehr als Dreiviertel des Buches werden durch lehrhafte Excurse ausgefüllt.

6. Die übrigen Werke des Marquis de Sade.

„Justine“, „Juliette“ und die „Philosophie dans le Boudoir“ sind die Werke, denen der Marquis +de Sade+ seinen herostratischen Ruhm verdankt. Alle übrigen zahlreichen Schriften desselben sind milde und erträglich im Vergleich mit den eben genannten. +Marciat+ nennt deshalb die in ihnen zum Ausdruck kommenden Ideen den „petit sadisme“, den „kleinen Sadismus“.[585]

„Aline et Valcour ou le Roman philosophique, écrit à la Bastille un an avant la Révolution“, erschien zuerst 1793 in 4 Bänden, später im Jahre 1795. +Girouard+ wurde 1792 mit dem Drucke dieses Werkes von +Sade+ beauftragt. Der Drucker wurde aber in eine royalistische Verschwörung verwickelt, verhaftet und guillotiniert. Inzwischen war der Roman heimlich gedruckt worden, und erschien 1793 unter der Firma der Frau +Girouard’s+. Er fand wenig Käufer. 1795 wurden Exemplare mit neuem Titel in den Handel gebracht. In demselben Jahre erwarb der Buchhändler +Maradan+ die Restexemplare, änderte nur Titel und Titelbild, und brachte das Werk so in den Handel.[586] Es ist, wie +Marciat+ richtig vermutet, unzweifelhaft ein Vorbild der „Justine et Juliette“, da es fast dieselben Charaktere schildert. Valcour, ein tugendhafter junger Mann liebt Aline, die edle Tochter der edlen Frau des grausamen und lasterhaften Präsidenten de Blamont. Dieser möchte seine Tochter gern an den alten Wüstling Dolbourg verheiraten, zumal da er schon früher die tugendhafte Sophie, die er für seine Tochter hält, diesem alten Freunde als Maitresse ausgeliefert hat. Er will, wenn dieser Heiratsplan gelungen ist, dem Dolbourg seine Frau zur Geliebten geben, um von ihm dessen Frau, also seine Tochter, in gleicher Eigenschaft zurückzuerhalten. Der Plan misslingt. Aline tötet sich. Madame de Blamont wird auf Befehl des Gatten vergiftet. Valcour geht ins Kloster, Dolbourg wird tugendhaft, und der Präsident muss fliehen. In Rosa und Leonore sind zwei lasterhafte weibliche Personen geschildert. Leonore, die überall Glück hat, erscheint als Pendant zu Juliette. Auch an sonstigen interessanten Persönlichkeiten ist das Werk reich. Bis auf die Vergiftung und einige Flagellationsszenen enthält „Aline et Valcour“ keine Schilderungen von Grausamkeiten.[587]

+Quérard+ meint, dass der Autor als Valcour sich selbst geschildert habe und bisweilen dort seine eigene Geschichte erzähle.[588]

Die „Crimes de l’Amour ou le Délice des passions; Nouvelles héroiques et tragiques, précédé d’une Idée sur les Romans“ Paris 1800, sind eine Sammlung romantischer Erzählungen wie z. B. „Juliette et Raunai“, „Clarisse“, „Laurence et Antonio“, „Eugène de Franval“ u. s. w., in denen der Kampf zwischen Laster und Tugend geschildert wird. Gewöhnlich aber siegt die Tugend. Der Marquis +de Sade+ handelt über diese Sammlung in seiner polemischen Schrift gegen +Villeterque+.[589]

Als Vorrede zu den „Crimes de l’Amour“ schrieb +Sade+ die „Idée sur les Romans“, eine nicht ungeschickte Uebersicht über die Romanschriftstellerei des 18. Jahrhunderts, eingeleitet durch eine historische Skizze der Entwickelung des Romans, den er als „Gemälde der Sitten des Jahrhunderts“ definiert, das in gewissem Sinne die Geschichte ersetzen müsse. Nur ein Menschenkenner kann einen guten Roman schreiben. Diese Menschenkenntnis erwirbt man durch Unglück oder Reisen. Am Schlusse weist er die Vorwürfe, die man ihm über die cynische Ausdrucksweise in „Aline et Valcour“ gemacht hat, als ungerechtfertigt zurück. Man muss das Laster zeigen, damit es verabscheut werde. Die gefährlichsten Werke sind die, welche es verschönern und in glänzenden Farben schildern. Nein, es muss in seiner ganzen Nacktheit vor Augen stehen, damit es in seinem wahren Wesen erkannt und gemieden werde.

Endlich erwähnen wir noch das Pamphlet, welches +Sade+ die Ungnade +Napoléon’s+ zuzog. „Zoloé et ses deux acolytes“ erschien 1800 in Paris. Zoloé ist +Josephine de Beauharnais+, die Gattin +Bonaparte’s+. Sie wird als eine lascive, geldgierige Amerikanerin geschildert. Ihre Freundin Laureda (Madame +Tallien+), eine Spanierin, ist „ganz Feuer und ganz Liebe“, sehr reich und kann daher alle ihre perversen Gelüste befriedigen. Sie und Volsange (Mad. +Visconti+) nehmen mit Zoloé an den Orgien mit ausschweifenden Wüstlingen Teil. Unter den letzteren erkennt man +Bonaparte+ in dem Baron d’Orsec und +Barras+ in dem Vicomte de Sabar. Ein Wort allein würde genügt haben, wie +Cabanès+ sagt, um den Verfasser zu enthüllen. Das ist das Wort „Tugend“ (Les malheurs de la +vertu+). Er erklärt in „Zoloé“: „Qu’on se rappelle que nous parlons en historien. Ce n’est pas notre faute si nos tableaux sont chargés des couleurs de l’immoralité, de la perfidie et de l’intrigue. Nous avons peint les hommes d’un siècle qui n’est plus. Puisse celui-ce en produire de meilleurs et prêter à nos pinceaux +les charmes de la vertu+!“

Von den +Komödien+ des Marquis +de Sade+ sind nur „Oxtiern ou les Malheurs du libertinage“ Versailles 1800, in der die Wonne des Verbrechens gerühmt wird, und „Julia, ou le Mariage sans femme“ (Manuscript), eine Verherrlichung der Paederastie, erwähnenswert.

7. Charakter der Werke des Marquis de Sade.

Von den berüchtigten Hauptwerken des Marquis +de Sade gilt+, was +Macaulay+ von den „Denkwürdigkeiten“ des Dr. +Burney+ sagt. Es ist kein Vergnügen, sie zu lesen, sondern eine +Aufgabe+. Wer sich überzeugen will, eine wie trostlose geistige und körperliche Oede die ausschliessliche Beschäftigung mit dem +rein Geschlechtlichen+ im Menschen hervorbringt, der lese die Werke des Marquis +de Sade+. Man wird dies aus der blossen Analyse, die wir von „Justine“ und „Juliette“ gegeben haben, entnehmen können. Und dann hat +Sade+ das gethan, was +Fritz Friedmann+ in seiner lesenswerten Studie über „Verbrechen und Krankheit im Roman und auf der Bühne“ als eine „litterarische Sünde“ bezeichnet[590]: er hat das +kalte und nackte Verbrechen+ zum Ausgangs- und Kernpunkt der Handlung gemacht! Diese Verbindung des Geschlechtlichen mit Verbrechen und destruktiven Vorgängen aller Art muss um so furchtbarer wirken, als sie durch eine +Einbildungskraft ohnegleichen+ tausendfach variirt wird. Schon +Janin+ hat erkannt, dass +de Sade+ die „unermüdlichste Einbildungskraft besass, die vielleicht jemals die Welt in Schrecken gesetzt hat.“[591] So allein konnte ein pornographisches Riesenwerk von zehn Bänden entstehen, das „durch den blossen Umfang und das Maass der damit geleisteten geistigen und rein mechanischen Arbeit unwillkürlich imponierend wirkt“[592]. Diese enorme Einbildungskraft spricht sich nach +Eulenburg+ ferner aus in dem „bizarren Entwurf dieser ungeheuerlichen, langgedehnten, vielgliedrigen Komposition und seiner bis ins Einzelne gehenden Ausgestaltung mit all ihren fast unentwirrbaren Fäden, mit der Unzahl der nacheinander auftretenden Personen, mit der sehr raffiniert durchgeführten allmählichen Steigerung und mit der fast nie versagenden Treue der Erinnerung und Rückbeziehung!“ Dazu kommt der Grundton der +Sade’schen+ Werke, den Juliette als „corruption réfléchie“ (Juliette IV, 87) bezeichnet, die endlosen, immer wiederkehrenden, immer dasselbe wiederholenden +philosophischen Discussionen und Dialoge+.

Endlich, um das abschreckende Bild zu vollenden, die wahrhaft +ungeheuerlichen Behauptungen und Uebertreibungen+, stupide Hyperbeln einer ausschweifenden Phantasie. Minski trinkt 60 Flaschen Wein auf einmal (Juliette III, 332); der Karmelitermönch Claude hat drei Testikel (Juliette III, 77); im „Theater der Grausamkeiten“ zu Neapel werden 1176 Menschen auf ein Mal getötet (Juliette VI, 22-26) u. s. w. u. s. w. Nicht selten sind auch, wie sich bei einem solchen Graphomanen erwarten lässt, grobe chronologische und geographische Irrtümer. So lässt er Moses die Geschichte Loths während der Gefangenschaft der Juden zu Babylon schreiben (Philosophie dans le Boudoir I, 195) und Pompeji und Herculanum in Griechenland liegen (ib. 196), u. a. m.[593]

Mögen also auch die Werke des Marquis +de Sade+ in kulturhistorischer und allgemein menschlicher Beziehung sehr wichtig und lehrreich sein, wie wir glauben, so wirkt entschieden ihre äussere Form abstossend. Die Geistesöde und sinnlosen Tautologien in den Hauptschriften müssen auf ein schwaches Gehirn, welches sich nicht zu kulturhistorischer Betrachtung und wissenschaftlicher Analyse erheben kann, eine verderbliche Wirkung ausüben, wie schon +Janin+ erkannt hat, wenn er in beredten Worten diese Wirkung an einem Beispiel veranschaulicht. Weniger gefährlich sind die den Werken beigegebenen +obscönen Bilder+. Nach +Renouvier+ sollen die berühmten Künstler +Chéry+ und +Carrée+ die Zeichnungen zu diesem „Werke eines Maniakus geliefert haben, das die Zeit der Freiheit beschmutzt hat“.[594] Wir haben die Originalzeichnungen, welche noch in dem Besitze eines Pariser Bibliophilen existieren sollen,[595] nicht gesehen, und können also nicht beurteilen, ob diese den Angaben +Renouviers+ entsprechen. Nach den der „Justine et Juliette“ beigegebenen 104 Stichen können wir nur dem Urteil beistimmen, welches der geistreiche +Eulenburg+ über diese Bilder gefällt hat: „Ganz abgesehen von der Schauerlichkeit des Dargestellten ist der künstlerische Wert dieser Illustrationen überaus gering. Grobe Fehler der Zeichnung, der Perspektive, gänzlicher Mangel an Individualisierung, dürftige, fast ärmliche Erfassung der Szenerie frappieren bei der Mehrzahl der Bilder, denen man höchstens die kompositionelle Treue in Anlehnungen an die oft recht komplizierten Gruppenbeschreibungen des Textes als ein immerhin zweifelhaftes Verdienst zusprechen könnte. Hier hätte es, wenn schon Derartiges gewagt werden sollte, der entfesselten und vor nichts zurückschaudernden Phantasie bedurft, mit der ein Doré die Gestalten von Dantes Inferno nachzuschaffen gewusst hat.“[596] Etwas besser ausgeführt sind die zehn Lithographien in der „Philosophie dans le boudoir“ in der uns vorliegenden Ausgabe von 1805. Uebrigens zeichnen sich auch andere pornographische Werke des 18. Jahrhunderts durch schlechte Bilder aus wie z. B. +Mirabeau’s+ „Ma conversion“. Die Neuzeit leistet dank ihrer verbesserten Technik darin leider mehr.

8. Die Philosophie des Marquis de Sade.

Der Marquis ist der erste und einzige uns bekannte +Philosoph des Lasters+. Vergeblich wird man bei modernen Philosophen wie +Stirner+ und +Nietzsche+, die doch auch mit Nachdruck den Egoismus, die „Herrenmoral“ und andere hyperindividualistische Ideen predigen, jene -- wir möchten es so nennen -- „Vergeistigung“ des nackten, gemeinen, teuflischen Verbrechens finden wie bei +Sade+.

Noch ein anderer Gesichtspunkt macht die Werke des Marquis +de Sade+ für den Culturhistoriker, Arzt, Juristen, Nationalökonomen und Ethiker zu einer wahren Fundgrube des Wissens und der Erkenntnis. Diese Werke sind vor allem lehrreich dadurch, dass sie zeigen, +was alles im Leben mit dem Geschlechtstriebe zusammenhängt+, der, wie der Marquis +de Sade+ mit unleugbarem Scharfsinn erklärt hat, +fast alle menschlichen Verhältnisse in irgend einer Weise beeinflusst+. Jeder, der die +soziologische+ Bedeutung der Liebe untersuchen will, muss die Hauptwerke des Marquis +de Sade+ gelesen haben. Nicht +neben+ dem Hunger, sondern +mehr als+ der Hunger regiert die Liebe die Welt!

Das an sich grässliche Gemälde der körperlichen Ausschweifungen in den Romanen des Marquis +de Sade+ soll durch eine gewisse geistige Tünche verschönert werden, in Gestalt der in denselben Schriften in grosser Ausführlichkeit entwickelten +philosophischen Betrachtungen+. In ihnen offenbart sich ebenfalls jene Gewohnheit der Franzosen, wie +d’Alembert+ sagt, „die nichtswürdigsten Dinge ernsthaft zu behandeln.“ Delbène meint: „Man muss die Erregungen nicht nur empfinden, sondern auch analysieren. Es ist bisweilen ebenso süss, davon sprechen zu hören als sie selbst zu geniessen. Und wenn man den Genuss nicht mehr haben kann, ist es göttlich, über ihn zu sprechen.“ (Juliette I, 105.) Jérôme sagt, dass die in Sicilien gefeierten Orgien nur durch philosophische Discussionen unterbrochen wurden, und man nicht eher neue Grausamkeiten beging, bevor man sie nicht dadurch „legitimiert“ hatte (Juliette III, 45). Diese theoretischen Wollustgemälde sind auch nötig zur „Entwickelung der Seele“ (Justine IV, 173).

Gerade diese philosophischen Erörterungen beweisen, dass „wir es bei +de Sade+ nicht mit dem ersten besten pornographischen Autor gewöhnlichen Schlages zu thun haben, sondern dass es sich hier um eine ganz ungewöhnliche und litterarische Erscheinung, +um eine direkt aus dem Urquell des Bösen schöpfende antimoralische Kraft handelt+“[597]. Daher wird ein kurzer Blick auf das +philosophische System+ des Marquis +de Sade+ gerechtfertigt sein.

Alle Anschauungen +Sade’s+ entspringen, wie dies nicht anders zu erwarten ist, aus seinem mit Consequenz durchgeführten +Materialismus+. Er vergöttert die Natur, die er stets als das +gute+ Prinzip der ihr feindlichen Tugend gegenüberstellt. Das Weltall wird durch seine eigene Kraft bewegt, und seine ewigen der Natur inhaerenten Gesetze genügen, um ohne eine „erste Ursache“ alles, was wir sehen, hervorzubringen. +Die beständige Bewegung der Materie erklärt alles.+ Wozu brauchen wir einen Beweger (moteur) für das, was immer in Bewegung ist? Das Weltall ist eine Versammlung von verschiedenen Wesen, die wechselseitig und succesive auf einander wirken und gegenwirken. Nirgends ist eine Grenze. Ueberall ist ein continuierlicher Uebergang von einem Zustande zu einem andern in Beziehung auf die Einzelwesen, die nach einander verschiedene neue Formen annehmen. (Juliette I, 72-73.)

Bewegung und Stoss der materiellen Moleküle erklären alle körperlichen und geistigen Erscheinungen. Die Seele muss daher als „aktives“ und als „denkendes“ Prinzip materiell sein. Als aktives Prinzip ist sie teilbar. Denn „das Herz schlägt noch, nachdem es aus dem Körper herausgenommen worden ist.“ Alles, was teilbar ist, ist aber Materie. -- Ferner ist das Materie, was Fährlichkeiten unterliegt (périclite). Der „Geist“ könnte nicht gefährdet sein. Die Seele folgt aber den Eindrücken des Körpers, ist schwach in der Jugend, niedergedrückt im Alter, unterliegt also allen Gefahren des Körpers, ist also = Materie. (Juliette I, 86.) Noch leichter macht sich Bressac die Beweisführung. Als der Körper der toten Frau des Grafen Gernande noch eine zuckende Bewegung macht, ruft er entzückt aus: „Seht Ihr, dass die Materie zu ihrer Bewegung keine Seele braucht!“ (Justine IV, 40.)

Die +Unsterblichkeit der Seele+ ist daher natürlich eine Chimäre. Dieses blödsinnige Dogma hat die Menschen zu Narren, Heuchlern, Bösewichtern gemacht und „schwarzgallige“ Individuen gezüchtet. Nur dort ist Tugend, wo man die Unsterblichkeit nicht kennt. Juliette erlaubt sich gegenüber der Delbène die schüchterne Frage, ob der Gedanke der Unsterblichkeit nicht tröstlich für manche Unglückliche sei. Delbène antwortet, dass man seine Wünsche nicht zum Massstabe der Wahrheit nehmen dürfte. „Habe Mut, glaube an das allgemeine Gesetz, füge Dich mit Resignation in den Gedanken, dass Du in den Schoss der Natur zurückkehrst, um in anderen Formen wieder aus ihm hervorzugehen. Ein ewiger Lorbeer wächst auf dem Grabe Virgil’s, und es ist besser, für immer vernichtet zu werden, als in der sogenannten Hölle zu brennen“. „Aber“, fragt Juliette angsterfüllt, „was wird aus mir werden? Diese ewige Vernichtung erschreckt mich, diese Dunkelheit macht mich schaudern.“ -- „Was +warst+ Du vorher, vor Deiner Geburt? Dasselbe wirst Du wieder werden. Genossest Du damals? Nein. Aber littest Du? Nein. +Welches Wesen würde nicht alle Genüsse opfern+ für die Gewissheit, nie wieder Schmerzen zu leiden!“ (Juliette I, 83-85.)[598]

Uebrigens sind diese Doctrinen von der Seele nicht die einzigen, die man als Materialist haben kann. Die Durand behauptet z. B., dass die Seele ein Feuer sei, das nach dem Tode erlösche und seine Stoffe in die Weltmaterie übergehen lässt (Juliette III, 247). Und der Bösewicht Saint-Fond konstruiert die Welt aus „molécules malfaisantes“, aus „bösen Elementen“. Er sieht daher im Universum nur die Schlechtigkeit, das Uebel, die Unordnung und das Verbrechen. +Das Böse existierte vor Erschaffung der Welt+ und wird nachher existieren. Warum ist das Alter schlechter als die Jugend, verderbter und entarteter? Weil die bösen Elemente in den Busen der „molécules malfaisantes“ zurückzukehren sich anschicken. Saint-Fond glaubt daher, dass das Böse den Menschen nach dem Tode erwarte, also an eine ewige Hölle. Wer auf der Erde böse gewesen ist, dem wird die Vereinigung mit dem „Bösen“ leicht werden. Die Tugendhaften werden grosse Qualen dabei leiden. Giebt es aber eine Hölle, dann ist der Gedanke an den Himmel nicht fern. Thatsächlich glaubt Saint-Fond an das Jenseits, an Belohnungen und Strafen. Um nun zu verhindern, dass seine Opfer in den Himmel kommen, schliesst er sich mit ihnen auf eine geheimnisvolle Weise ein und lässt sie mit ihrem Blute auf einem Stück Papier ihre Seele dem Teufel verschreiben, quam chartam membro suo ano eorum inserit, wobei die Betreffenden schrecklich gefoltert werden. (Juliette II, 287, 341.) Clairwil dagegen erklärt die Hölle für eine Erfindung der Priester. (Juliette II, 292 ff.)