Der Marquis de Sade und seine Zeit.
Part 3
Für +Hegel+ ist auch der Begriff der Gattung +evolutionistisch+.[33] Das Leben enthält ein Problem in sich, welches durch die blossen Lebensfunktionen nicht aufgelöst wird. Die Aufgabe oder der Lebenszweck fordert die Erzeugung der Gattung. Die Lösung der Aufgabe bietet die Erzeugung immer neuer Individuen, welche selbst wieder Individuen ihrer Art hervorbringen. Das ist der Fluss der Generationen, die endlose Reihe der Geschlechter, welche entstehen und vergehen. +Es ist die Gattung in der Form des endlosen Prozesses. Nur in der zeugenden Generation lebt die Gattung wirklich.+
In demselben Masse, als eine Generation den Gattungszweck erfüllt hat, in demselben Masse hat sie ihren Lebenszweck erfüllt. Sie stirbt daher ab wie ein verbrauchtes Mittel der Gattung, sie vergeht und mit ihr die Individuen dieser Generation.
Es leuchtet demnach ein, dass in dem Zeugungsprozess die Aufgabe weder der Gattung noch des Individuums wirklich gelöst wird. +Das Individuum bringt es nur bis zur Generation, die Gattung bringt es auch nicht weiter.+ In dem beständigen Flusse der Generationen, in dem unaufhörlichen Wechsel der Geschlechter +wird die Gattung nicht wahrhaft objektiv und das Individuum nicht wirklich allgemein+. Das einzelne Individuum +vergeht wirklich+, und die Gattung, da sie nur in dem Wechsel der Geschlechter, in dem Entstehen und Vergehen der Individuen erscheint, +hört nicht auf zu vergehen+. So wird vermöge des blossen Lebens der Selbstzweck des Allgemeinen in der Tat nicht erfüllt und verwirklicht.
Wenn man will, so kann man dies die Tragödie der physischen Welt nennen.
Was aber in der physischen Welt unmöglich ist, ist in der geistigen Welt Regel und Selbstzweck.
Das Individuum soll die Gattung erzeugen, die es im Zeugungsprozess nicht erreichen und objektiv machen kann. So fordert es der Selbstzweck der Gattung wie der des Individuums.
Die Gattung will als solche erzeugt sein, als die erzeugende Macht der Individuen, als das wahrhaft +Allgemeine+. Es gibt nur eine Form, die das Allgemeine in diesem Sinne vollkommen ausdrückt: +der Begriff+. Es gibt nur eine hervorbringende Tätigkeit, die imstande ist, den Begriff zu erzeugen: +das Denken+. In dem begreifenden Denken allein wird das Allgemeine wahrhaft objektiv und das Individuum wahrhaft allgemein. Hier löst sich die Aufgabe, die der Begriff des Lebens fordert, aber selbst nicht löst. Sie löst sich im Denken, welches die wahren Begriffe erzeugt und dadurch die Objekte erkennt, welche die Begriffe bilden.
Hier also erscheinen die Begriffe +Erzeugen+ und +Erkennen+ in einem Zusammenhange und in einer Verwandtschaft, wie sie bereits +Plato+ erkannt hat, wenn er +Sokrates+ das Erkennen ein Erzeugen nennen lässt. Der philosophische Eros ist das Ziel des physischen. Das erzeugende Denken ist unsere wahrhaft +allgemeine+ Tätigkeit, unsere +wirkliche Gattung+, die in uns entbunden und frei wird in demselben Masse, als wir selbst frei werden von den individuellen und sinnlichen Lebenszwecken.
So erscheint die sinnliche, physische Liebe als das notwendige, mit Bewusstsein zu ergreifende Anfangsglied einer Entwickelung, die zur Erkenntnis, zur Freiheit, zum Absoluten führt. Hier offenbart sich, dass dem reinen Wissen, der höchsten und wahrhaftigsten Erkenntnis niemals die +Wärme des Gefühls+ fehlen kann. Und die Liebe selbst, sie ist nichts Dunkles mehr, keine Illusion und kein täuschender Nebel, sondern ihr Anfang und Ende ist die Erkenntnis.[34]
I.
Das Zeitalter des Marquis de Sade.
Der Marquis +de Sade+, dessen Leben, Werke und Persönlichkeit wir in diesem Bande behandeln, ist durchweg ein Mensch des 18. Jahrhunderts. Zugleich ist er ein Franzose. Wir glauben aber, indem wir uns anschicken, das erste wissenschaftliche Werk in deutscher Sprache über diesen seltsamen, dem +Namen+ nach aller Welt bekannten Mann zu schreiben, wahres Licht über ihn nur dadurch verbreiten zu können, dass wir ihn zunächst aus seiner Zeit, aus dem Frankreich des 18. Jahrhunderts erklären. Die Medizin hat scheinbar ihre Meinung über den Marquis +de Sade+ schon ausgesprochen. Aber dieses Urteil, selbst aus dem Munde der bedeutendsten Nerven- und Irrenärzte, muss ein einseitiges bleiben, so lange man nicht das tut, was bisher unterblieben ist, so lange nicht die +äusseren Bedingungen+, das +Milieu+ erforscht werden, unter denen dieses merkwürdige Leben heranwuchs, sich bildete, seine Taten vollbrachte und seine Wirkungen ausübte. Denn es ist „jedesmal von +entscheidender Bedeutung+, aus welchem Jahrzehnt und Jahrhundert, von welchem Volk und Land die behandelten Tatsachen entlehnt sind.“[35] Mit einem Worte: nicht die individual-psychologische, sondern nur die +sozial-psychologische+ Auffassung kann zu einer wahren Erkenntnis der Persönlichkeit +Sades+ führen. Eine wahrhaft wissenschaftliche Beurteilung gewisser typischer Persönlichkeiten ist nur auf diesem Wege möglich, wenn auch keineswegs die Bedeutung der einzelnen Individualität als solcher verkannt werden soll. Wir müssen uns auf Grund unserer Studien über den Marquis +de Sade+ durchaus den Ansichten eines bedeutenden Soziologen der Gegenwart anschliessen[36], dass „das persönliche Ich nur den Gipfel und Schlusspunkt psychischer Faktoren überhaupt bildet. Schon psychiatrische Untersuchungen über die Zersetzung und Entartung unseres Ich haben diesen Gedanken nahe gelegt, dass unsere Persönlichkeit nicht den Anfang, sondern eher das Ende einer unendlich langen, in die Nacht des Unbewussten hinabreichenden psychischen Tätigkeit darstellt, die wir freilich nicht überall bis auf den letzten Ursprung hin erfassen können. Durch die Beobachtung des +gesellschaftlichen Lebens+ und insbesondere der +stetigen Wechselwirkung des Einzelnen mit der ihn umgebenden Gemeinschaft+ ist diese Hypothese zum Range einer wissenschaftlich beglaubigten +Tatsache+ erhoben. Hier ist in den allermeisten Fällen nicht vorbedachte Ueberlegung und völlig freie Selbstbestimmung entscheidend, sondern +gewohnheitsgemässe Anpassung+, das +Wirken dunkler, unbewusster Triebe und Regungen+, ohne dass der Einzelne sich jederzeit der treibenden Gründe klar bewusst wird.“ Sitten und Bräuche, rechtliche, ästhetische und religiöse Gebilde sind grösstenteils +organische Entwickelungen+ ohne bestimmtes, zweckbewusstes Eingreifen seitens des Individuums. Unsere Gefühle und Empfindungen entspringen trotz ihres eigenartigen individuellen Charakters „aus jenen Tiefen des Unbewussten, welche der endgültigen Fixierung des Ichs vorausgehen.“ Das sind aber Gedanken +Hegels+, das ist +Hegels+ Lehre vom +objektiven Geist+, aus dem der subjektive immerwährend schöpft, und der seine eigene Entwickelung hat. Das ist in Wahrheit die berühmte und viel verschrieene „Selbstbewegung des Begriffs“. +Hegel+, dieser grösste Denker des neunzehnten Jahrhunderts, wird endlich zu Ehren kommen, und es ist kein Zweifel, dass seine Lehre im 20. Jahrhundert die grössten Triumphe feiern wird. Nach den Stürmen der +Schopenhauer-Hartmann+’schen und +Nietzsche+’schen Philosophie wird die Sonne +Hegel+’schen Geistes über der Erde leuchten. Die dialektische Methode hat die neuere Geschichtswissenschaft mit den wertvollsten Ideen befruchtet und zur Höhe ihrer gegenwärtigen Entwickelung geführt, sie wird auch der Naturwissenschaft neue Impulse geben, da sie, wie sich immer mehr herausstellen wird, nirgends der Erfahrung und den Gesetzen der Natur widerstreitet. +Hegel+, nicht +Schopenhauer+, ist der „wahre und echte Thronerbe Kants“.
So wollen wir, in einer kurzen Formel ausgesprochen, in diesem Abschnitt die +Fäden+ aufsuchen, welche den subjektiven Geist des Marquis +de Sade+ mit dem objektiven Geist seines Zeitalters verknüpfen. Er ist zugleich ein Vertreter des „ancien régime“ und der Revolution. Seine beiden berüchtigten Hauptwerke sind unverkennbare Erzeugnisse der grossen französischen Revolution. Also haben wir zu untersuchen, was +Sade+ von seiner Zeit empfangen hat, um zu erfahren, was er ihr gegeben hat. Wir wiederholen nicht bekannte Tatsachen der französischen Kulturgeschichte des 18. Jahrhunderts, +sondern wir erklären die Werke des Marquis de Sade aus jener Zeit+, aus allen innerlichen und äusserlichen Verhältnissen des sozialen Lebens im 18. Jahrhundert.
1. Allgemeiner Charakter des 18. Jahrhunderts in Frankreich.
+Sade+ nennt (Justine I, S. 2) das 18. Jahrhundert „le siècle absolument corrompu“ und lässt an einer anderen Stelle (Juliette I, 261) den Noirceuil sagen, dass es gefährlich sei „in einem +verderbten Jahrhundert+ tugendhaft sein zu wollen“. Ihm wie anderen drängte sich also das Bewusstsein der allgemeinen Schlechtigkeit in jener Zeit zur Genüge auf. Den treffendsten Ausdruck für alle Verhältnisse dieser Epoche hat +Hegel+ gefunden. Er sagt in seiner „Philosophie der Geschichte“[37]: „Der ganze Zustand Frankreichs in der damaligen Zeit ist ein wüstes Aggregat von Privilegien gegen alle Gedanken und Vernunft überhaupt, ein unsinniger Zustand, womit zugleich die höchste Verdorbenheit der Sitten, des Geistes verbunden ist, -- ein +Reich des Unrechts+, welches mit dem beginnenden Bewusstsein desselben schamloses Unrecht wird“. Sind nicht +Sades+ Werke ein getreuer Spiegel dieser Zeit des Unrechts? Auch sie predigen das Unrecht und verraten doch überall Spuren des Bewusstseins dieses Unrechts. Ist das „Glück des Lasters“, sind die „Verbrechen der Liebe“ nicht +schamloses+ Unrecht?
Das 18. Jahrhundert gehört zu jenen +frivolen+ Zeitaltern, deren Wesen ein bedeutender Schüler +Hegels+, +Kuno Fischer+, in vollendeter Weise geschildert hat.[38] Frivole Zeiten sind jene, die immer ein ablaufendes Weltalter beschliessen und das Leben der Menschheit völlig zersetzen, damit es ganz von neuem wieder anfangen könne. +Fichte+ nannte es einst die +vollendete Sündhaftigkeit+. „In allen grossen Wendepunkten der Geschichte gleichen sich die Züge der verschiedenen Zeiten; sie sind abgespannt von dem alten Tagewerke und sehen so welk und ohnmächtig aus, dass man an einem neuen verzweifeln möchte. Und in der Tat, wenn sich ein Weltalter völlig abgelebt hat, so bleibt von seinem sittlichen Leben nur noch das körperliche übrig, und dieses bedarf künstlicher Reize von aussen, um erregt zu werden, da ihm die innere Kraft fehlt, die es in jugendlicher Frische hervorbringt. Es ist ein ungebundenes und doch mattes Leben, es sind fessellose und doch abgestumpfte Kräfte, die das Drama des Lebens vollbringen, ohne irgend einen sittlichen Verstand in ihm darzustellen. Es gibt keine Natur, es gibt keine Bildung in diesen Zeiten, überall nur die Prosa der Selbstsucht ohne ihre Kraft, die Ohnmacht des Genusses ohne seine Poesie“. Die Welt der Cäsaren, die Zeit des ausgelebten Papsttums, das französische Königtum vor der Revolution sind solche Perioden. Jene zweite war die +vollendete Sündhaftigkeit des Katholizismus+, diese letzte ist die +vollendete Sündhaftigkeit des Königtums+.
Der +Genuss+ à tout prix ist die Parole im 18. Jahrhundert. Der Mensch aber, der um jeden Preis geniessen will, ist der Egoist. Niemals war in Frankreich der +Egoismus+ so gross wie unter dem ancien régime und während der Revolution. Der Minister +Saint-Fond+, eine getreue Kopie eines Ministers unter +Ludwig XV.+ sagt (Juliette II, 37): „Der Staatsmann würde ein Narr sein, der nicht das Land für seine Vergnügungen bezahlen liesse. Was geht uns das Elend der Völker an, wenn nur unsere Leidenschaften befriedigt werden? Wenn ich glaubte, dass Gold aus den Adern der Menschen fliessen würde, dann würde ich einen nach dem anderen zur Ader lassen, um mich mit diesem Blut zu füttern“. Diese Aeusserung findet +Sade+ charakteristisch für das ancien régime.[39] Vor der Revolution war dieser Egoismus nur bei den herrschenden Ständen, bei Königtum, Adel und Geistlichkeit zu Tage getreten. In der Revolution ergriff er alle Schichten der Bevölkerung. +Adolf Schmidt+, der seine Schilderung der Revolutionszeit aus +authentischen, zeitgenössischen Dokumenten+ schöpft, sagt darüber[40]: „Das war der scharf ausgeprägte +Egoismus+, die Selbstsucht und Habgier, die nicht nur die höheren Schichten der Gesellschaft, sondern alle Klassen des Volks und vornehmlich den an Zahl weit überwiegenden Bauernstand durchdrang, ja dermassen beherrschte, dass darüber alle anderen Empfindungen, auch der Vaterlandsliebe und der Menschlichkeit weit zurücktraten. Es gereicht zum Erstaunen und zum Entsetzen, wenn man wahrnimmt, wie während der ganzen Revolutionszeit, und mitten unter den glänzendsten Deklamationen über Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, über Menschenrechte und Menschenliebe, über Aufopferung für Wohl, Grösse und Ruhm des Vaterlandes, in fast allen Schichten ein Wettrennen um Hab’ und Gut, eine kalte Berechnung zur Ausnutzung der Umstände, ein gieriges Spekulieren auf das Unglück des Staats und auf das Elend der Mitmenschen massgebend war und blieb. Jeder wollte den anderen übervorteilen und überlisten; jeder wollte im Trüben fischen, wollte persönlich sein Glück machen, sich bereichern und emporkommen“. Ebenso spricht der berühmte +Mercier+, der Cicerone +Schopenhauers+ bei dessen Aufenthalt in Paris, von diesem „siècle d’égoïsme renforcé“[41]. Wir werden diesen Egoismus, diesen Hauptcharakterzug des 18. Jahrhunderts in seinen verschiedenen Formen zu studieren haben.
Der Egoismus zeitigt die Genusssucht, die Genusssucht gipfelt aber in der geschlechtlichen Lust. +Das achtzehnte Jahrhundert ist das Jahrhundert der zum System erhobenen geschlechtlichen Lust.+ +Moreau+[42] unterscheidet drei Epochen in der Geschichte der geschlechtlichen Ausschweifungen und Verirrungen. Die erste ist die Epoche der römischen Kaiserzeit, die zweite umfasst jene grossen Epidemien „de névropathie de toutes sortes“ im Mittelalter, besonders den Glauben an die Existenz des Incubus und Succubus, den Kult der sogenannten „Satanskirche“ mit seinen ungeheuerlichen geschlechtlichen Monstrositäten. Die dritte Periode fällt in das 18. Jahrhundert, hell erleuchtet in ihrer ganzen spezifisch französischen Eigenart durch die Saturnalien der Regentschaft und des fünfzehnten Ludwig.
„+Wollust!+ das ist das Wort des achtzehnten Jahrhunderts, schreiben die besten Kenner dieser Zeit, +Edmond+ und +Jules de Goncourt+.[43] Das ist sein Geheimnis, sein Reiz, seine Seele. Es atmet Wollust und macht sie frei. Die Wollust ist die Luft, von der es sich nährt und welche es belebt. Sie ist seine Atmosphäre und sein Atem, sein Element, seine Inspiration, sein Leben und sein Genie. Sie zirkuliert in seinem Herzen, seinen Adern und seinem Kopfe. Sie gibt seinem Geschmack, seinen Gewohnheiten, seinen Sitten und seinen Werken einen eigenen Reiz. Die Wollust geht aus dem innersten Wesen dieser Zeit hervor, sie redet aus ihrem Munde. Sie fliegt über diese Welt dahin, nimmt sie in Besitz, ist ihre Fee, ihre Muse, das Bestimmende ihrer Moden, der Stil ihrer Kunst. Und nichts ist von dieser Zeit übrig geblieben, nichts hat dies Jahrhundert der Frau überlebt, was nicht von der Wollust geschaffen, berührt und bewahrt wurde, wie eine Reliquie der göttlichen Gnade in dem Dufte des Genusses.“
Was das französische achtzehnte Jahrhundert vor allen übrigen auszeichnet und in dieser Art weder vorher noch nachher da war, das ist die +Systematisierung+ der geschlechtlichen Liebe. Diesem Jahrhundert blieb es vorbehalten, einen Codex der Immoralität aufzustellen. Das ganze Leben zielt auf den Geschlechtsakt ab, Wissenschaft, Kunst, die Konversation, die Gastronomie. Alles durchdringt der erschlaffende Hauch der rein physischen Liebe und hinterlässt jenen schweren Duft, welcher alle geistige Energie lähmt. Und als diese sich erhob in der grossen glorreichen und unvergesslichen Revolution, welche die neue Zeit geboren hat, da hing ihr jener schwere Duft noch an, zog sie wieder herab und knechtete sie und verkehrte die heftig angespannte in wilde Grausamkeit und erbarmungslosen Blutdurst.
Haben wir also als die Hauptcharaktere dieses Jahrhunderts des Unrechts den Egoismus und die geschlechtliche Unsittlichkeit nachgewiesen, welche allgemeinen Züge in dem Leben und den Werken des Marquis +de Sade+ aufs höchste gesteigert, uns ebenfalls entgegentreten, so liegt uns nunmehr ob, immer in Beziehung auf die Persönlichkeit +Sades+ die Ursachen jener Frivolität näher zu ergründen, zu erforschen, aus welchen Faktoren jene allgemeinen Charaktere des Jahrhunderts sich zusammensetzen.
2. Die französische Philosophie im 18. Jahrhundert.
In der Philosophie stellt sich der Geist eines Zeitalters am reinsten und bestimmtesten dar. So war auch die französische Philosophie gleichsam der wissenschaftliche Ausdruck für den Egoismus, die Genusssucht und die Geschlechtslust jener Zeit. Sie war durchweg +sensualistisch+ und +materialistisch+ gerichtet. Sehr drastisch lässt +Sade+ die Dubois sagen (Justine I, 122): „Das Element der Philosophie ist der +Geschlechtsgenuss+!“ Die Philosophie spielt in den Werken +Sades+ eine grosse Rolle. Sehr häufig kehrt der Ausspruch wieder: „Das Feuer der Leidenschaft wird stets an der Fackel der Philosophie entzündet“ (z. B. Juliette I, 92, 158, 319 u. s. w.). Einen sehr grossen Teil der Bücher +Sades+ nehmen langatmige philosophische Exkurse ein, die wir in einem späteren Abschnitt zu würdigen haben. Dabei verfährt +Sade+ sehr eklektisch und unkritisch. Er nennt z. B. in einem Atem +Spinoza+, +Vanini+ und +Holbach+, den Verfasser des „Système de la Nature“ (Juliette I, 31). Dann +Buffon+ (Philosophie dans le Boudoir I, 77), welcher noch den Versuch einer Milderung des starren Materialismus macht. Die Namen von +Voltaire+ (Juliette I, 88) und +Montesquieu+ (Juliette IV, 8; V, 252 u. ö.) dürfen natürlich auch nicht fehlen. +Montesquieu+ ist aber nur ein „demi-philosophe.“ An +Rousseaus+ Ideen klingt der Ausdruck an: „Die Menschen sind nur rein im natürlichen Zustande, sobald sie sich daraus entfernen, erniedrigen sie sich“ (Juliette IV, 242). Den grössten Einfluss scheint +La Mettrie+ auf +Sade+ ausgeübt zu haben. Wenigstens erscheint uns das philosophische System des Marquis +de Sade+, wenn man den eklektischen Mischmasch als solchen bezeichnen darf, mit Vorliebe Gedanken +La Mettries+ zum Ausdruck zu bringen. Beide suchen die Legitimation und Erhöhung des Geschlechtsgenusses in der +philosophischen Analyse+. Hierbei wird +La Mettrie+ ausdrücklich erwähnt (Juliette III, 211). Als Philosoph ist entschieden +La Mettrie+ den Ideen Sades am nächsten gekommen.
+Montesquieu+ und +Voltaire+ hatten die sensualistische Philosophie +Lockes+ in Frankreich bekannt gemacht, wo schon der Skeptizismus +Pierre Bayles+ die Philosophie dem christlichen Glauben als das Höhere und Wahrere entgegengestellt hatte. Während bei den englischen Philosophen, sowie bei +Voltaire+ und +Montesquieu+ die sensualistischen Anschauungen nur theoretisch entwickelt wurden, der Sensualismus wesentlich +Erkenntnislehre+ blieb, machten sich bald Bestrebungen geltend, den Sensualismus und seine natürliche Konsequenz, den Materialismus, auf das praktische Gebiet zu übertragen. Die Erkenntnis ist eine Funktion der Sinne. Die Grundlage der Moral ist das eigne Wohl, der Egoismus. Ewig ist nur die Bewegung, die aus sich selbst alle Dinge hervorbringt und keines Schöpfers bedarf. Freier Wille und Unsterblichkeit der Seele, sowie der Gottesbegriff sind daher Utopien. Die Materie ist das einzig Sichere. Eine Seele gibt es nicht. Der Atheismus ist die einzige Religion, die in der Anbetung der Natur, im glücklichen Leben und physischen Genuss ihre Befriedigung findet. Aus diesen vorzüglich von +La Mettrie+ und +Holbach+ formulierten Sätzen ergab sich das, was die französische Philosophie des 18. Jahrhunderts besonders charakterisiert, ihre Opposition gegen +Kirche+ und +Religion+, ihr Eintreten für die Freiheit des einzelnen Individuums. Niemals ist die Philosophie mit solcher Energie auf alle Lebensverhältnisse angewendet worden, mit bewusster Tendenz, diese umzugestalten, wie im 18. Jahrhundert. Die französische Revolution war vor allem ein Werk der Philosophen; und das hat man schon frühzeitig erkannt. So sagt +Barruel+, ein fanatischer Verteidiger des ancien régime[44]: „Diese Revolution wurde seit langer Zeit von Menschen geplant, welche unter dem Namen von Philosophen sich in die Rolle geteilt hatten, Thron und Altar zu stürzen.“ Es gab daher +politische+ und +religiöse+ Philosophen. Der Hauptrepräsentant der politischen Philosophie ist +Mirabeau+, der leidenschaftliche Anwalt des dritten Standes. Er tat aber auch den berühmten Ausspruch: „Wenn Ihr eine Revolution wollt, so müsst ihr zuerst Frankreich entkatholisieren.“ (Si vous voulez une révolution, il faut commencer par décatholiciser la France). Wie sehr der Atheismus eines +La Mettrie+ und +Holbach+[45] ins Volk gedrungen war, beweist folgender von +Dutard+ erzählte wirkliche Vorfall[46]: Drei Priester kehrten von einer traurigen Amtsverrichtung zurück. Der Vordere stiess mit dem silbernen Kreuz an einem beladenen Lastträger, der mit einem unbeladenen Kameraden daherschritt. „Nanu!“ rief der Gestossene, „du da, pack dich mit deinem Kreuz.“ -- „St!“ sprach sein Kamerad, „es ist ja der gute Gott!“ -- „Ach was, der gute Gott!“ versetzte jener, „es gibt keinen guten Gott mehr!“ -- Man schritt daher konsequenterweise zu praktischer Ausführung dessen, was der Marquis +de Sade+ als Einer von +Vielen+ in seinen Werken immer und immer wieder predigt, zur Abschaffung der verhassten Religion. In der Sitzung des Konvents vom 17. November 1793 sagt +Cloots+, dass die Religion das grösste Hindernis der Glückseligkeit sei. Es gäbe keinen anderen Gott als die Natur, keinen anderen Herrn als das Menschengeschlecht, der Gott des Volkes, die Vernunft müsse alle Menschen vereinigen. -- Feierlich schwor am 7. November 1793 im Schosse des Konventes der Bischof +Gobel+ mit einem Häuflein seiner Geistlichkeit den katholischen Kultus und das Christentum ab. Die priesterlichen Mitglieder des Konventes folgten sofort seinem Beispiel. Am 10. November wurde dann in der Kirche Notre-Dame der seltsame Kultus der Vernunft eingeweiht. Die Vernunft wurde Fleisch in Gestalt einer schönen jungen Frau, die der Präsident des Konventes mit dem Bruderkusse umarmte. „So wurde die abstrakte Vernunft zur sinnlichen Göttin gestempelt, die Göttin zum Menschenweibe degradiert und die Gottheit zu einer +Vielheit+ von menschlichen Göttinnen oder Gottweibern gestaltet.“[47] Man sieht also, dass der Atheismus, der bei +Sade+ oft abschreckende Formen annimmt, nichts ihm Eigentümliches ist, sondern jener Zeit gemäss war. Man sieht ferner, wie schliesslich dieses ganze atheistische Gebahren auf den geschlechtlichen Genuss hinausläuft, der in der Revolutionszeit wahrhaft ungeheuerliche Dimensionen annahm. Die „Vernunft“, deren Kultus aufgerichtet wurde, d. h. die Philosophie, hatte ihn längst verherrlicht. So erwähnt +Sade+ (Juliette IV, 198) +La Mettries+ Schrift „Sur la volupté“, womit wahrscheinlich die „L’art de jouir“ (1751) gemeint ist. Hier entwickelt +La Mettrie+ die Regeln für den Genuss der physischen Liebe, die er als das Schönste und Begehrenswerteste auf der Welt preist, wobei er die Befriedigung aller „caprices de l’imagination“ für geheiligt erklärt.
Die Philosophie, in welcher die geistige Bewegung jener Zeit ihren allgemeinsten und intensivsten Ausdruck fand, kämpfte für politische, religiöse und moralische Freiheit. Sie richtete sich gegen Staat, Kirche und konventionelles Herkommen. Alle diese Faktoren macht auch der Marquis +de Sade+ zum Gegenstande seiner heftigsten Angriffe. Wir gehen daher über zur Untersuchung der einzelnen konkreten Verhältnisse in Staat, Kirche, Literatur und öffentlichem Leben, insofern dieselben zur Erklärung der Persönlichkeit und der Werke des Marquis +de Sade+ beizutragen vermögen.
3. Das französische Königtum im 18. Jahrhundert.