Der Marquis de Sade und seine Zeit.

Part 2

Chapter 23,297 wordsPublic domain

Nunmehr geht +Moll+[12] zur Erörterung einer höchst wichtigen Frage über, welche für die Beurteilung vieler Erscheinungen von der grössten Bedeutung ist, nämlich zu dem Verhältnis zwischen +Ererbtem+ und +Erworbenem+ in der Geschlechtsliebe. Dies ist der Punkt, in welchem wir +ganz und gar von Moll abweichen+, weil wir durch die +geschichtliche+ Betrachtung zu ganz anderer Auffassung geführt werden als +Moll+, welcher durch seine allerdings ingeniöse naturwissenschaftliche Argumentation zu beweisen sucht, dass neben dem Detumeszenztriebe -- woran wir nicht zweifeln -- auch die mannigfaltigsten Erscheinungen des Kontrektationstriebes +ererbt+ sind. Kurz, +Moll+ ist geneigt, sowohl die physischen als auch die pathologischen Erscheinungen des Geschlechtstriebes zum grössten Teile auf +Vererbung+ zurückzuführen, während nach seiner Ansicht die +erworbenen+ Faktoren nur eine sehr geringe Rolle spielen. +Normaler+ und +abnormer+ Geschlechtstrieb („konträre Sexualempfindung“, Homosexualität) erklären sich nach +Moll+ eher aus der Vererbung als auch der durch die Umstände geschaffenen Gewohnheit. Wir wollen nicht leugnen, dass gewisse körperliche und geistige Dispositionen +vererbt+ werden. Wir werden aber durch unsere Studien zu dem Bekenntnis gezwungen, dass die Vererbung in der Liebe eine +viel geringere+ Rolle spielt, als die Erwerbung bestimmter Eigenschaften und die stete Wirkung äusserer Einflüsse. Dies auf +geschichtlichem+ Wege zu erweisen, ist unsere Aufgabe und wird schon im vorliegenden Bande mehr als einmal zu Tage treten. Aber auch das rein +naturwissenschaftliche+ Räsonnement vermag diesen Standpunkt zu rechtfertigen und zu befestigen, wie die ganz vortreffliche kleine Schrift von +K. Neisser+ aufs evidenteste dartut.[13]

Den gleichen Standpunkt der kongenitalen Natur zahlreicher geschlechtlicher Perversionen vertritt +R. v. Krafft-Ebing+ in seinem ausserordentlich verbreiteten Werke über die „Psychopathia sexualis“, während hinwiederum +von Schrenk-Notzing+, sich mehr unserem Standpunkt nähernd, die +Suggestion+ als Ursache mancher sexuellen Abnormitäten betrachtet.[14]

+Krafft-Ebing+ hat aber das unbestreitbare Verdienst, das gesamte menschliche Geschlechtsleben vom Standpunkt des +Irrenarztes+ einer eingehenden Würdigung unterzogen zu haben.

Als Vorläuferin sexueller Ausschweifungen spielt ferner zweifelsohne die +Onanie+ eine grosse Rolle, welche ganz kürzlich in dem Buche von +Rohleder+[15] die erste kritische und als solche mustergiltige Bearbeitung gefunden hat.

Wichtige Aufklärungen über die Natur der geschlechtlichen Beziehungen des Menschen werden auch durch das Studium jener körperlichen Vorgänge dargeboten, welche nur unmittelbare Einflüsse auf die sexuellen Akte ausüben. Vor allem gehören hierher die Sinne, der +Stoffwechsel+ und die +psychischen+ Vorgänge.[16] Gerade aus der Untersuchung der Beziehung der Sinne zum Geschlechtsleben, vor allem des Geruchs und Gesichts, wird sich das häufige Erworbensein abnormer Zustände ergeben. Eine +experimentale Psychologie+ der Liebe existiert nicht.[17] Was bisher unter dem Namen einer „Psychologie der Liebe“ geboten wurde, ist in naturwissenschaftlicher Hinsicht kaum beachtenswert wie z. B. die nach anderer Richtung hin vortreffliche „Psychologie der Liebe“ von +Julius Duboc+. „Einige wenige sorgfältige Untersuchungen, die aber noch der Bestätigung und weiterer Ausdehnung bedürfen, einige Beobachtungen über formlose Tatsachenmassen, die in praktischer Lebenserfahrung aufgehäuft sind und die ihren Wert haben, wenn sie auch in mannigfacher Weise missverstanden und falsch ausgelegt werden können -- das ist alles, was die empirische Psychologie bisher über die intellektuellen Unterschiede der Geschlechter zu bieten hat.“ (+Havelock Ellis.+)

Die breiteste Grundlage für eine naturwissenschaftliche Erforschung der psychischen Erscheinungen des menschlichen Geschlechtslebens bildet unzweifelhaft das von der +Anthropologie+ und +Ethnologie+ gesammelte Material, wie es in dem klassischen Werke von +Ploss+ und +Bartels+[18] vorliegt. Hier beginnen schon vielfach die Berührungen mit den soziologisch-historischen Problemen des Sexuallebens.

Die Liebe, als physisches Problem betrachtet, umfasst auch, was wir zum Schluss nur noch kurz erwähnen wollen, die organischen +Geschlechtskrankheiten+ des Menschen.

2. Die Liebe als historisches Problem.

Die Liebe als geschichtliche Erscheinung ist nichts an und für sich. Sie ist, ganz evolutionistisch gefasst, das zu immer grösserer Freiheit fortschreitende Verhältnis zwischen der physischen Liebe und den aus der Selbstentfaltung des Geistes hervorgegangenen Formen der +Gesellschaft+, des +Rechtes+ und der +Moral+, der +Religion+, der +Sprache+ und +Dichtung+. Es ist wichtig zu betonen, dass es auf diesem Gebiete keine Kausalität, keine Gesetze in naturwissenschaftlichem Sinne geben kann, dass die von +Herbert Spencer+ inaugurierte „organische Methode“ der Soziologie den geschichtlichen Erscheinungen nicht gerecht zu werden vermag. Es gibt bei der Betrachtung sozialer Phänomene keine Gesetze, sondern +nur Rhythmen+[19]. „Den Schritt vom Rhythmus zum Gesetz können wir heute noch nicht wagen, wenn wir gleich der Ueberzeugung sind, dass Rhythmen letzten Endes auf (uns noch verborgene) soziale Gesetze zurückdeuten.“ (+Stein.+) Trotzdem ist hierbei blinder Zufall ausgeschlossen. Denn dieser soziale Rhythmus stellt sich bei bestimmten Bedingungen und Voraussetzungen regelmässig wieder ein und nimmt damit für uns das Gepräge bestimmter Gesetzlichkeit an. +Achelis+ (a. a. O. S. 68) macht in dieser Beziehung auf die bekanntesten statistischen Erhebungen über Wiederkehr derselben Vergehen, über den wahren Zusammenhang von Moral und wirtschaftlichen Verhältnissen aufmerksam. Es handelt sich also auch, insofern die Liebe als +geschichtliche+ und +soziologische+ Erscheinung in Betracht kommt, nur um Auffindung jener Rhythmen, jener regelmässig wiederkehrenden Formen und Typen des Geschehens.

Die Liebe als eine +soziale+ Erscheinung, als Produkt der Gesellschaft, erscheint wesentlich in den beiden Formen der +Ehe+ und der +Prostitution+.

+Eduard Westermarck+, Professor an der Universität in Helsingfors, hat das für alle Zeit grundlegende Werk über die Geschichte der menschlichen Ehe geschrieben, welches wir nicht anstehen, den besten kulturhistorischen und soziologischen Werken eines +Buckle+, +Tylor+, +F. A. Lange+ u. a. ebenbürtig an die Seite zu stellen.[20] Dies Buch weist in der unwiderlegbarsten Weise mit der gediegensten wissenschaftlichen Argumentation die Ehe als die überall wiederkehrende +primitive soziologische Form+ und das +soziologische Endziel+ der Liebe nach und macht der noch bis in die neueste Zeit von +Bachofen+, +Mc.-Lennan+, +Morgan+, +Lubbock+, +Bastian+, +Lippert+, +Kohler+, +Post+ vertretenen Lehre von der ursprünglichen geschlechtlichen Ungebundenheit, der sogenannten +Promiscuität+ für immer ein Ende. Die „Kritik der Promiscuitätslehre“ (a. a. O. S. 46-130) gehört zu den glänzendsten Leistungen der modernen Soziologie. Ihr Ergebnis muss auf die Anschauungen über das menschliche Geschlechtsleben nicht blos in soziologischer, sondern auch in philosophischer Hinsicht den grössten Einfluss ausüben.

Nach +Westermarck+ kommt die Ehe schon bei vielen niedrigen Tiergattungen vor, bildet bei den menschenähnlichen Affen die Regel und ist bei den Menschen allgemein. Ihr Ursprung muss offenbar einem durch den mächtigen Einfluss der natürlichen Zuchtwahl zur Entwickelung gebrachten Instinkt zugeschrieben werden. Dass der Urmensch die Ehe kannte, darf man mit grösster Zuversicht mutmassen. Denn die Ehe der Primaten (Menschen und Affen) scheint aus der kleinen Anzahl der Jungen und aus der Länge des Kindesalters hervorgegangen zu sein. Mit aller Wahrscheinlichkeit bezeichnet +Westermarck+ die menschliche Ehe als ein von den +affenähnlichen Urmenschen überkommenes Erbe+. Ferner weist er nach, dass gerade bei den am niedrigsten stehenden Völkerschaften die geschlechtlichen Beziehungen sich +am wenigsten+ der Promiscuität nähern. Wir haben sogar Grund zu dem Glauben, +dass mit dem Fortschreiten der Kultur die ausserehelichen Beziehungen der Geschlechter zugenommen haben+. Demgemäss hat in Europa die Zahl der Ehelosen eine Zunahme, das Durchschnittsalter der Eheschliessung eine Hinaufschraubung erfahren.

Allerdings ist die +Lebenslänglichkeit+ der Ehe durchaus nicht ganz allgemein. Bei den meisten unzivilisierten und vielen vorgeschrittenen Völkern darf der Mann der Gattin jederzeit nach Belieben den Abschied geben. Bei sehr vielen anderen jedoch -- auch solchen auf niedrigster Stufe -- bildet die Scheidung den Ausnahmefall. Es kommt auch vor, dass dem Weibe gestattet ist, dem Gatten den Laufpass zu geben. Im allgemeinen nimmt die Dauer der Ehe mit der Vervollkommnung des Menschengeschlechts stetig zu.

Während die Ehe als die eminent +soziale+ Form der Liebe zu betrachten ist, in welche sich seit jeher das menschliche Geschlechtsleben gekleidet hat, muss als ihr Gegenpol, als absolut +antisoziale+ Erscheinung die +Prostitution+ bezeichnet werden. Man nennt sie, wie bekannt, ein „notwendiges Uebel“. Eine wissenschaftliche, dem Stande der modernen Forschung entsprechende Geschichte der Prostitution existiert noch nicht. Das grosse achtbändige Werk von +Dufour+[21] enthält zwar eine grosse Menge Material, dasselbe ist aber gänzlich unübersichtlich zusammengestellt. Zudem verliert auch diese Zusammenstellung jeden Wert durch den gänzlichen Mangel der genauen Quellennachweise. Nur aus einer gleichmässig die Ergebnisse der Soziologie, Hygiene und Nationalökonomie verwertenden geschichtlichen Darstellung der Prostitution würde sich ein sicheres Urteil über die +Ursache+ und die +Abhilfe+ dieses sozialen Uebels gewinnen lassen. Besonders +Bebel’s+ Werk „Die Frau und der Sozialismus“ hat manche unrichtigen Anschauungen über die Ursachen der Prostitution verbreitet, indem dieser Autor dieselben auf die wirtschaftliche Ausbeutung und die Hungerlöhne zurückführt. Demgegenüber sei nur auf die gediegene, aus langjähriger Erfahrung hervorgegangene Arbeit über Prostitution von +G. Behrend+[22] hingewiesen, der ganz andere Ursachen derselben aufdeckt, dieselben vor allem in einer fast stets erworbenen Lasterhaftigkeit sieht und ganz richtig bemerkt, dass man meist die veranlassenden äusseren Momente für die eigentlichen Ursachen ansieht. Der bedeutendste Forscher über Prostitution neben +Behrend+ ist +B. Tarnowsky+[23], der bemerkenswerter Weise zu den gleichen Ergebnissen wie jener gelangt ist und als eine Fabel nachweist, dass die Armut die nie versiegende Quelle der Prostitution sei. Auch +A. Hegar+ hat den Versuch gemacht, +Bebels+ Behauptungen zu widerlegen, und zugleich in seiner sozialhygienischen Studie Vorschläge zu einer Beseitigung des „geschlechtlichen Elends“ gemacht.[24]

Den kühnsten Vorstoss in der Erklärung der Prostitution hat aber wohl +Lombroso+ unternommen. Er geht von dem unzweifelhaften Zusammenhange zwischen Prostitution und Verbrechen aus und statuiert, dass die „Donna delinquente e prostituta“ nur eine besondere Abart des „reo nato“, des „geborenen Verbrechers“ sei[25]. Ganz richtig bemerkt er, dass daher die Dirnennatur nicht nur in den unteren Klassen vorkomme, sondern ihr Aequivalent auch in den höheren Gesellschaftsschichten habe, was wiederum ein Beleg dafür ist, dass man nicht die Armut als Ursache der Prostitution anschuldigen kann. Trotzdem halten wir die Theorie der „geborenen Prostituierten“ für verfehlt und müssen auch wiederum den äusseren Einflüssen wie falscher Erziehung, Umgebung u. s. w. mehr Bedeutung zuerkennen. Jedenfalls bringt das Buch +Lombrosos+ wertvolle Aufschlüsse über den niemals bestrittenen innigen Zusammenhang von Prostitution und Verbrechen.

Das Verhältnis der Liebe zum öffentlichen +Recht+ spiegelt sich vor allem in der sogenannten +Frauenfrage+ wieder. Nimmt man, wie wir gesehen haben, die Ehe als Grundlage der Gesellschaft und als das soziologische Endziel der Liebe, so ist eine allgemeine „Frauenemanzipation“, d. h. die völlige Aufhebung aller gesellschaftlichen, staatlichen und wirtschaftlichen Unterschiede zwischen Mann und Frau ein Widerspruch in sich selbst. Denn die Ehe bedingt allein schon durch die Geburt der Kinder, die Sorge für diese und die wirtschaftlichen Angelegenheiten der Familie eine Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau. Auch lassen sich trotz glänzender Ausnahmen die grossen körperlichen und geistigen Verschiedenheiten von Mann und Weib nicht verleugnen. Hiermit ist das Zugeständnis grösserer Rechte und zahlreicherer Bildungsgelegenheiten an die Frauen wohl vereinbar, besonders angesichts des grossen Ueberschusses der Zahl derselben über diejenige der Männer, sowie der späten Heiraten der letzteren. Anfang und Ende der „Frauenfrage“ ist für uns in dem einen Satze beschlossen: Die Frau ist die gleichberechtigte aber nicht gleichmächtige Gefährtin des Mannes.

Die rechtliche Beurteilung des Verhältnisses zwischen Mann und Weib hängt aufs innigste zusammen mit der ethischen Seite. Eine wichtige Aufgabe einer Wissenschaft des Geschlechtslebens wird darin bestehen, den Einfluss der jeweiligen Lehren der Moral auf die menschliche Liebe und ihre Aeusserungen zu studieren und im Zusammenhange darzulegen. Für Deutschland ist in neuester Zeit ein derartiger, freilich noch unvollkommener Versuch unternommen worden.[26] In der Tat bildet die Regelung des sexualen Lebens „innerhalb der Oeffentlichkeit“ einen integrierenden Teil der Moralgeschichte überhaupt, und +Rudeck+ hat Recht, wenn er diese zugleich als eine „Kritik der gesamten Kultur“ bezeichnet, deren Art und Bedeutung sich nirgends so treu wiederspiegelt wie auf geschlechtlichem Gebiete. Dass die moralische Beurteilung geschlechtlicher Verhältnisse zu verschiedenen Zeiten und bei verschiedenen Völkern eine ganz verschiedene gewesen ist, ist eine längst bekannte Tatsache. Und doch wird auch hier eine kritische Untersuchung gewisse Normen feststellen können, die Allgemeingültigkeit beanspruchen. Mit der +Vervollkommnung+ des Menschengeschlechts entwickelt sich auch eine Ethik des Sexuallebens. So führt +Westermarck+ in seiner „Geschichte der menschlichen Ehe“ den stringenten Nachweis, dass das +Schamgefühl+ etwas sekundäres und zwar die +Folge+, nicht die Ursache der Bekleidung ist.

Ein sehr grosses Forschungsgebiet ergiebt sich aus den Beziehungen zwischen Liebe und +Religion+. +G. Herman+, dessen Buch wir oben erwähnten, hat im Detail geschildert, wie alle Mythologie und Religion auf +sexueller+ Grundlage erwachsen ist, und deduziert mittelst einer höchst interessanten Beweisführung, dass aus den geschlechtlichen Feiern und Mysterien der Urvölker die Riten der heutigen Konfessionen geworden sind. Man darf behaupten, dass die Religion oder besser der Konfessionalismus das menschliche Geschlechtsleben im ganzen höchst ungünstig beeinflusst hat. Man denke nur an die religiöse +Mystik+ mit ihren sexuellen Ekstasen und Ausschweifungen, an den Kult der „Satanskirche“, die „schwarze Messe“ u. dgl. mehr. Die monotheistischen Religionen, sobald sie zum Konfessionalismus entarten, sind hierin um nichts besser als die heidnischen Religionen, ja vielleicht noch schlimmer, und es liegt etwas Wahres in +Nietzsches+ Ausspruch[27]: „Das Christentum gab dem Eros Gift zu trinken: -- er starb zwar nicht daran, aber entartete, zum Laster“. Die meisten +erotischen Epidemien+ sind religiösen Ursprungs.

Dass die Erscheinungen der Liebe bei verschiedenen Völkern gewissermassen +nationale+ Formen annehmen, lehrt die Ethnologie. Die Liebe des Russen ist eine andere als die Liebe des Franzosen, die Liebe des Griechen eine andere als die des Böhmen. Einen wahrhaft objektiven Ausdruck findet diese ethnologische Verschiedenheit in der +Sprache+. In ihr werden die feinsten Nüancen sexueller Gefühle durch die betreffenden Worte sichtbar. +Abel+ hat in einer höchst schätzbaren Abhandlung den ersten Versuch einer derartigen +linguistischen+ Erforschung der Liebe gemacht.[28] Er untersucht so die Worte für Liebe in der lateinischen, englischen, hebräischen und russischen Sprache.

Die Sprache führt uns zur +Dichtung+. Die Werke der Literatur bieten uns ein dankbares Feld für vergleichend-geschichtliche Untersuchungen über die menschliche Liebe. Die Weltliteratur liefert das Baumaterial für eine +historische Psychologie+ der Liebe. Sie bietet, wie +Stein+ (a. a. O. S. 33) sagt, „den dankbarsten vergleichenden Stoff, der seiner sozialgeschichtlichen Bezwinger harrt“. Hier sind noch wahre wissenschaftliche Schätze zu heben. Homer und die Bibel, die Veden und Upanishaden, die gesamte Weltliteratur in allen ihren Auszweigungen enthalten die getreuen Abbilder dessen, was die Liebe bei jedem Volke und zu jeder Zeit gewesen ist.

Endlich wird das menschliche Geschlechtsleben beeinflusst durch die +materielle Kultur+ einer bestimmten Epoche. Krieg und Frieden, städtisches Leben und ländliche Idylle, Kleidung und Nahrung u. v. m., verschieden nach Zeit und Ort, üben auch auf die menschliche Liebe die grössten Wirkungen aus.

So ist die Liebe als +geschichtliche+ Erscheinung unendlich reich an Beziehungen jeder Art, welche eine höhere Bedeutung des Eros ahnen lassen als sie die rein +physische+ Liebe erkennen lässt. Untersuchen wir daher

3. Die Liebe als metaphysisches Problem.

Dass der menschlichen Liebe eine +höhere Bedeutung+ innewohnt, leuchtet schon daraus hervor, dass sie allein die Ursache der höchsten dichterischen Verzückung bei allen Völkern gewesen ist und noch ist. Und zwar ist es nicht die äussere Erscheinung, sondern das gewaltige +innere Wesen+ der Liebe, was den Menschen unwiderstehlich bezwingt. Wie Don Cesar in der „Braut von Messina“ sagt:

Nicht ihres Lächelns holder Zauber war’s, Die Reize nicht, die auf der Wange schweben, Selbst nicht der Glanz der göttlichen Gestalt -- +Es war ihr tiefstes, ihr geheimstes Leben, Was mich ergriff mit heiliger Gewalt.+

Was ist nun dieses „tiefste und geheimste“ Leben? Was ist der wahre Zweck, das wirkliche Endziel der Liebe?

Zwei berühmte Philosophen der Neuzeit, +Arthur Schopenhauer+ und +Eduard von Hartmann+ haben die gleiche metaphysische Betrachtung über die Liebe angestellt, die das grösste Aufsehen erregte und viele Nachbeter fand. +A. Schopenhauer+[29] erblickt die Bedeutung der Liebe in der Erfüllung der Zwecke der +Gattung+, welche in der Reihenfolge und dem endlosen Flusse der Generationen ihr Leben führt. „Die sämtlichen +Liebeshändel+ der gegenwärtigen Generation zusammengenommen sind demnach des ganzen Menschengeschlechts ernstliche meditatio compositionis generationis futurae, e qua iterum pendent innumerae generationes“. Dabei verlarvt sich aber der Gattungszweck, indem er in der Gestalt der Geschlechtsliebe eingeht in den +persönlichen Zweck+ der Individuen und erscheint als deren höchstes Glück, als der Gipfel aller ihrer Wünsche, daher in der erhabensten Form, in den überschwenglichsten Gefühlen und Entzückungen, als das unerschöpfliche Thema aller Poesie, der lyrischen, epischen und dramatischen, als der Gegenstand des Lustspiels und des Trauerspiels. Eros spielt seine Rolle auf dem Sokkus und auf dem Kothurn. Dass die Liebenden die Erfüllung des Gattungszweckes für den Gipfel ihres persönlichen Glückes halten, darin besteht die tragische Illusion, der Wahn. Es ist ein schrecklicher Wahn. Denn im Genuss der Wollust kontrahiert der Mensch eine schwere Schuld, welche das erzeugte Individuum zu büssen und durch Leiden und Tod bezahlen muss. „Das Leben eines Menschen, mit seiner endlosen Mühe, Not und Leiden, ist anzusehen als die Erklärung und Paraphrase des Zeugungsaktes“. Der Eros als Ausdruck des Willens zum Leben, „wie ist er so sanft und zärtlich! Wohlsein will er, und ruhigen Genuss und sanfte Freude, für sich, für andere, für alle. Es ist das Thema des Anakreon. So lockt und schmeichelt er sich selbst ins Leben hinein. Ist er aber darin, dann zieht die Qual das Verbrechen, und das Verbrechen die Qual herbei. Greuel und Verwüstung füllen den Schauplatz. Es ist das Thema des Aeschylos“. (a. a. O. S. 670.)

Die Illusion, die Täuschung und die Verzweiflung der Liebe schildert prachtvoll +E. v. Hartmann+[30]. Sein Schluss ist dieser: „Wer einmal das Illusorische des Liebesglückes nach der Vereinigung und damit auch desjenigen vor der Vereinigung, wer den in aller Liebe die Lust überwiegenden Schmerz verstanden hat, für den und in dem hat die Erscheinung der Liebe nichts Gesundes mehr, weil sich sein Bewusstsein gegen die Oktroyierung von Mitteln zu Zwecken wehrt, die nicht +seine+ Zwecke sind; die Lust der Liebe ist ihm untergraben und zerfressen, nur ihr Schmerz bleibt ihm unverkürzt bestehen.“

Wer, wie wir, den Begriff der Liebe +evolutionistisch+ fasst, kann eine solche Metaphysik der Geschlechtsliebe nicht anerkennen. Es ist richtig, dass das +rein Physische+ der Liebe mehr Unlust als Lust mit sich bringt durch Vorspiegelung seliger Freuden, die nachher zerrinnen wie Schaum. +Aber die physische Liebe ist nur der Anfang einer Entwickelung+, deren Ende gerade dem +Individuum+ die grösste Seligkeit verheisst. Die physische Liebe ist nur der als solcher +notwendige+ Durchgangspunkt zu dem wirklichen Endziele, der +platonischen Liebe+. Das metaphysische Endziel der Liebe ist die +Erkenntnis+, die vollendete +Freiheit+. „Und Adam +erkannte+ Eva“ heisst es tiefsinnig in der Bibel!

+Platos+ und +Hegels+ Dialektik haben aufs treffendste diese Wahrheit erleuchtet. Ganz richtig bemerkt +Wigand+[31], dass die platonische Liebe der natürlichen oder physischen Liebe gar nicht entgegengesetzt ist, sondern die Liebe zum +sinnlichen+ und +körperlichen+ Schönen ist die +Leiter+ und die +Leiterin+ zur Liebe und +Erkenntnis+ alles unsichtbaren Schönen und Guten in Natur- und Menschenwelt, in Kunst und Wissenschaft von Stufe zu Stufe bis zur letzten Sprosse dieser Leiter, zur Anschauung der Allgesetzlichkeit, des +Absoluten+.

Noch deutlicher wird dies, wenn wir in den Sinn der Worte eindringen, welche die göttliche +Diotima+ im „Gastmahl“ des Plato spricht, Worte, die ewig und unvergänglich sind.

„Denn dies ist die rechte Art, sich auf die +Liebe+ zu legen oder von einem anderen dazu angeführt zu werden, dass man von diesem +einzelnen+ Schönen beginnend, jenes einen Schönen wegen immer höher hinaufsteige, gleichsam stufenweise von einem zu zweien und von zweien zu +allen+ schönen Gestalten und von den schönen +Gestalten+ zu den schönen +Sitten+ und +Handlungsweisen+, und von den schönen Sitten zu den schönen +Kenntnissen+, bis man von den Kenntnissen endlich zu jener Kenntnis gelangt, welche von nichts anderem als +eben von jenem Schönen+ selbst die Kenntnis ist, und man also zuletzt +jenes selbst, was schon ist+, erkenne. +Und an dieser Stelle des Lebens, lieber Sokrates, wenn irgendwo, ist es dem Menschen erst lebenswert, wenn er das Schöne selbst schaut.+“ (Platons Symposion 210, 11.)

Das ist der wahre Sinn der platonischen Liebe. Sie ist der sinnlichen Liebe nicht entgegengesetzt, sondern geht von ihr aus und erhebt sich zu höheren Formen, indem sie den innigen Zusammenhang zwischen +physischer+ und +geistiger+ Zeugung ausdrückt, worin das Wesen jeder wahren und echten Liebe wurzelt.[32]

Das Endziel der Liebe ist die Erkenntnis. Mit einer Ahnung dieses Sachverhaltes sagt +Schopenhauer+ in den „Paränesen und Maximen“: „Zumal wird uns oft da, wo wir Genuss, Glück, Freude suchten, statt ihrer Belehrung, Einsicht, Erkenntnis, ein bleibendes, wahrhaftes Gut, statt eines vergänglichen und scheinbaren.“

Die platonische Liebe, so rätselhaft wie sie auf den ersten Blick erscheint, empfängt ihre hellste Beleuchtung durch die dialektische Methode +Hegels+, des „Weltphilosophen“, wie ihn +C. L. Michelet+ nennt, des Darwin der geistigen Welt, wie wir ihn nennen möchten.