Der Marquis de Sade und seine Zeit.
Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1922 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen, Schreibvarianten sowie fremdsprachliche Passagen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) werden als deren Umschreibungen (Ae, Oe, Ue) dargestellt. Die Fußnoten wurden an das Ende des Texts verschoben.
In der gedruckten Ausgabe wurde durch Verdopplung einer Zeile an einer Stelle (zwischen ‚Die Namen von +Vol+-‘ und ‚IV, 8; V, 252 u. ö.)‘) eine andere Zeile ausgelassen. Diese wurde mit Hilfe der Ausgabe von 1901, die den Text dieser Passage ansonsten wortgleich widerspiegelt, wiederhergestellt.
Im Namen-Register wurden die Namen mit den Anfangsbuchstaben ‚I‘ und ‚J‘ noch traditionell einheitlich mit ‚J‘ aufgeführt. In der vorliegenden Bearbeitung wurden diese Namen, entsprechend ihrer Schreibweise im Text, getrennt angegeben.
Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
Unterstrichen: _Unterstriche_ Fettdruck: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+
Das Caret-Zeichen (^) zeigt ein nachfolgendes hochgestelltes Zeichen an, z. B. ‚8^o‘.
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Studien zur Geschichte
des
menschlichen Geschlechtslebens
I.
Der Marquis de Sade und seine Zeit.
Von
Dr. Eugen Dühren.
Achte Auflage.
Berlin W. 30
Verlag von H. Barsdorf.
1922.
Alle Rechte vorbehalten.
Der Marquis de Sade und seine Zeit.
_Ein Beitrag zur Kultur- und Sittengeschichte des 18. Jahrhunderts. Mit besonderer Beziehung auf die Lehre von der_
Psychopathia Sexualis.
Von
Dr. Eugen Dühren.
Achte Auflage.
Berlin W. 30
Verlag von H. Barsdorf.
1922.
Alle Rechte vorbehalten.
Manuldruck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig.
Inhaltsverzeichnis.
Vorwort Seite I.
Einleitung „ 1.
+Die Aufgaben einer Wissenschaft des menschlichen Geschlechtslebens+: 1. Die Liebe als physisches Problem. S. 2. -- Die Liebe als historisches Problem. S. 11. -- Die Liebe als metaphysisches Problem. S. 20. --
I. Das Zeitalter des Marquis de Sade Seite 27.
Allgemeiner Charakter des 18. Jahrhunderts in Frankreich S. 30. -- Die französische Philosophie im 18. Jahrhundert S. 35. -- Das französische Königtum im 18. Jahrhundert S. 40. -- Adel und Geistlichkeit S. 48. -- Die Pariser Polizeiberichte über die Unsittlichkeit der Geistlichen S. 52. -- Die Jesuiten S. 63. -- Die schwarze Messe S. 67. -- Die Nonnenklöster S. 72. -- Die Frau im 18. Jahrhundert S. 76. -- Die Litteratur S. 88. -- Die Kunst im 18. Jahrhundert S. 107. -- Die Mode S. 119. -- +Prostitution und Geschlechtsleben im 18. Jahrhundert+ S. 124. -- Bordelle, geheime pornologische Klubs und Prostituierte S. 125. -- Das Freudenhaus der Madame Gourdan S. 127. -- Justine Paris und das Hôtel du Roule S. 132. -- Das Bordell der Richard S. 138. -- Ein Negerbordell S. 138. -- Die „petites maisons“ S. 139. -- Die geheimen pornologischen Klubs S. 141. -- Die Freudenmädchen S. 144. -- Das Palais-Royal und andere öffentliche Dirnenlokale S. 162. -- Die Onanie im 18. Jahrhundert S. 176. -- Tribadie im 18. Jahrhundert S. 178. -- Die Paederastie S. 202. -- Flagellation und Aderlass S. 209. -- Aphrodisiaca, Kosmetica, Abortiv und Geheimmittel im 18. Jahrhundert S. 214. -- Gastronomie und Alkoholismus im 18. Jahrhundert S. 234. -- Diebstahl und Räuberwesen S. 238. -- Der Giftmord S. 243. -- Mord und Hinrichtungen S. 246. -- Ethnologische und historische Vorbilder S. 267. -- Italienische Zustände im 18. Jahrhundert S. 277. -- Papst Pius VI. S. 286. -- Die Königin Karoline von Neapel S. 288. --
II. Das Leben des Marquis de Sade Seite 292.
Die Vorfahren S. 292. -- Petrarca’s Laura S. 292. -- Die übrigen Vorfahren S. 294. -- Die Kindheit des Marquis de Sade S. 298. -- Die Jugendzeit S. 301. -- Das Gefängnisleben des Mannes S. 307. -- Die Affäre Keller (3. April 1768) S. 308 -- Der Skandal zu Marseille (Cantharidenbonbons-Orgie) S. 316. -- Einkerkerung in Vincennes und in der Bastille S. 322. -- Teilnahme an der Revolution und litterarische Tätigkeit S. 327. -- Der Tod S. 344. --
III. Die Werke des Marquis de Sade Seite 348.
„+Justine+“ und „+Juliette+“. Geschichte der Entstehung S. 348. -- Die Vorrede S. 350. -- Analyse der „Justine“ S. 351. -- Analyse der „Juliette“ S. 362. -- Die „Philosophie dans le Boudoir“ S. 393. -- Die übrigen Werke des Marquis de Sade S. 396. -- Charakter der Werke des Marquis de Sade S. 400. -- Die Philosophie des Marquis de Sade S. 403. --
IV. Theorie und Geschichte des Sadismus Seite 431.
Wollust und Grausamkeit S. 431. -- Anthropophagie und Hypochorematophilie S. 432. -- Weitere sexualpathologische Typen bei Sade S. 435. -- Versuch einer Aufstellung von erotischen Individualitäten S. 440. -- Sorgfalt im Arrangement obscöner Gruppen S. 441. -- Das Mysterium des Lasters S. 442. -- Die Lüge als Begleiterin sexueller Perversion S. 443. -- Sade’s Ansicht über die Natur der sexuellen Entartung S. 444. -- Unsere Definition des Sadismus S. 446. -- Beurteilung des Menschen Sade nach seinem Leben und seinen Schriften S. 450. --
V. Geschichte des Sadismus im 18. und 19. Jahrhundert Seite 459.
Verbreitung und Wirkung der Schriften des Marquis de Sade S. 459. -- Rétif de la Bretonne’s „Anti-Justine“ S. 464. -- Charles de Villers S. 466. -- Despaze S. 471. -- Der Sadismus in der Litteratur S. 471. -- Einige sadistische Sittlichkeitsverbrechen S. 486. -- Fall von Hypochorematophilie S. 488. -- Statuenschändung S. 488. -- Körperliche Gebrechen als Reizmittel S. 488. -- Sadistische Venaesectio. (Affäre T....) S. 489. -- Affäre Michel Bloch S. 489. -- Wort-Sadismus S. 491. -- Nachahmung des Marseiller Skandals S. 492. -- Schluss S. 493. --
VI. Bibliographie Seite 507.
Vorwort.
Während ich mit den Vorbereitungen für das vorliegende Werk beschäftigt war, erschien im März dieses Jahres der geistreiche Essay von +A. Eulenburg+ („Der Marquis de Sade“ in: Die Zukunft 7. Jahrgang No. 26, vom 25. März 1889, S. 497-515), dem geschätzten Neurologen und hervorragenden medizinischen Publizisten. Dieser Artikel und ein von +Eulenburg+ im Berliner Psycholog. Verein gehaltener Vortrag eröffnen die wissenschaftliche Sade-Forschung in Deutschland. Um dieselbe Zeit ist auch in Frankreich durch die Studie des Dr. +Marciat+ über den Marquis +de Sade+ (Lyon 1899) das Interesse an einer der merkwürdigsten Persönlichkeiten des 18. Jahrhunderts wieder neu belebt worden, nachdem G. Brunet’s wertvolle biographisch-litterarische Beiträge (1881) wenig Beachtung gefunden hatten. Mit +P. Ginisty’s+ dankenswerter Publikation unedierter Briefe der +Marquise+ und des Marquis +de Sade+ (in der „Grande Revue“ 1899 No. 1) ist hoffentlich der Anfang gemacht worden, den bisher so ängstlich gehüteten litterarischen Nachlass des Verfassers der „Justine“ der wissenschaftlichen Welt zu erschliessen.
Ich habe, bereits mit meinem Werke über den Marquis +de Sade+ beschäftigt, alle diese Publikationen mit Freuden begrüsst als ein bezeichnendes Symptom, dass man in den gelehrten Kreisen das Bedürfnis empfindet, genauer über die rätselvolle Persönlichkeit des „joli Marquis“ unterrichtet zu sein als dies bisher der Fall war. Denn noch 1895 schrieb +Eulenburg+ („Sexuale Neuropathie“ S. 120): „Nur zu oft habe ich die Beobachtung gemacht, dass man sich in der Litteratur dieses Gegenstandes fortwährend auf +de Sade+ und seine Werke bezieht, ohne die allergeringste wirkliche Kenntnis davon zu verraten.“ Dies Dunkel zu lichten, war hohe Zeit.
Seit früher Jugend wuchs ich in der buntesten, farbenreichsten aller Welten auf, in der Welt der Bücher! Und es ging mir wie jedem Bibliophilen. Nicht blos das harmonisch Schöne, das Klassische im beglückenden Sinne des Wortes zog mich an, sondern auch jene, um mit +Macaulay+ zu reden, „seltsamen Fragmente aus der litterarischen Geschichte“, jene bizarren Phaenomene menschlicher Einbildungskraft erregten früh mein Interesse. Der Bücherfreund weiss, dass es kein Produkt des menschlichen Geistes giebt, welches nicht von einigem Wert für die Erkenntnis wäre. Der Bücherfreund sucht in den Büchern mit liebevollem Herzen die +Menschen+. Nichts „Menschliches“ darf ihm fern bleiben, nicht nur um sein Wissen, seine Erkenntnis zu mehren, sondern auch, weil er ein Menschenfreund ist und sein will.
Daher ist dieses Buch nach Anlage, Ausführung und Inhalt das erste +wissenschaftliche+ Originalwerk über den Marquis +de Sade+ in einer lebenden europäischen Sprache, kein geistreiches Feuilleton, auch keine dürre Registrierarbeit, sondern der ernsthafte Versuch, ein wirklich brauchbares „document humain“ zu liefern, das +dem Erforscher der Menschennatur von einigem Nutzen sein könne+. Es ist geschrieben für den Arzt -- ich selbst bin ein solcher -- für den Juristen, den Nationalökonomen, den Historiker, den Philosophen -- für alle die, welche im +sozialen+ Sinne thätig sind und das Wohl der menschlichen Gesellschaft fördern wollen. Es hat eine „moralische“ Tendenz. Denn ich glaube, dass es einstweilen noch moralisch ist, die Ehe als das Fundament der Gesellschaft zu preisen und in der physischen Liebe mit +Plato+ und +Hegel+ nur ein Uebergangsstadium zu einer höheren geistigen Bethätigung zu sehen. Ich habe in diesem Buche alles erreichbare Material über den Marquis +de Sade+ zusammengetragen. Nichts dürfte fehlen. Aber ich habe im Sinne dieser „Studien“ sein Leben und seine Werke als Objekte der +geschichtlichen+ Erfahrung aufgefasst und damit -- wie ich glaube -- einen neuen Weg zur Erkenntnis der sexualpathologischen Phaenomene betreten. Ob er gangbar ist, das mögen die Leser und die Kritiker beurteilen.
Wenn der berühmte Nationalökonom +W. Roscher+ dem Herausgeber des „Hermaphroditus“ von +Antonius Panormita+, dem gelehrten und ehrlichen +F. C. Forberg+ eine „schimpfliche Sachkenntnis“ zum Vorwurf macht, wenn +Parent-Duchatelet+ sein grosses Werk über die Prostitution in Paris mit einigen entschuldigenden Worten über die darin vorkommenden Obscönitäten einleitet, so finde ich Beides unaufrichtig und eines +Forschers+ nicht würdig. Ich entschuldige mich nicht. Mögen die moralisch Entrüsteten kommen! Ich tröste mich mit dem Worte eines von mir sonst nicht sehr Geliebten: „Niemand +lügt+ so viel, als der Entrüstete“. (Fr. +Nietzsche+ „Jenseits von Gut und Böse“ Aphorismus 26, S. 48).
Das Uebel ist in der Welt. Man +muss+ es erforschen, aufdecken und die Mittel zu seiner Beseitigung zu finden suchen. Dies habe ich gethan. Im übrigen muss der Mensch sein, wie die Geschichte. Denn diese ist nicht das Weltgericht, sie führt nicht hinab zu +Minos+ und +Rhadamanthys+, sondern sie führt empor und deutet mit dem ernsten, grossen Auge, mit der ehernen, nie ermüdenden Hand auf olympische Höhen.
+Berlin+, den 15. Dezember 1899.
Der Verfasser.
Vorwort zur dritten Auflage.
Diese vorliegende dritte Auflage ist vom Autor vollständig durchgesehen, verbessert und bedeutend vermehrt worden.
+Berlin+, den 15. Januar 1901.
Der Verleger.
Vorwort zur vierten Auflage.
Wiederum ist eine starke Auflage des „Marquis de Sade und seine Zeit“ bis auf das letzte Exemplar vergriffen. Die begeisterte Aufnahme, welche das Werk bei seinem ersten Erscheinen in der wissenschaftlichen Presse gefunden hat, ist ihm auch ferner zu Teil geworden; es hat seinen Siegeszug durch die ganze Welt gemacht, und selten nur dürfte ein wissenschaftliches Buch eine so universelle Verbreitung gefunden haben!
Diese neue, vierte, Auflage ist in jeder Hinsicht mit aller Sorgfalt zum Druck befördert worden. Möge auch ihr das Los ihrer Vorgängerinnen voll und ganz beschieden sein!
+Berlin+, den 15. Dezember 1905.
Der Verleger.
Vorwort zur fünften Auflage.
Diese fünfte Auflage ist ein unveränderter Neudruck der vierten und zeugt am besten von dem anhaltenden Interesse, das dieser ersten und erschöpfenden Monographie über den „célèbre marquis“ in aller Welt zuteil geworden ist
+Berlin+, im Juli 1914.
Der Verleger.
Einleitung.
Die Aufgaben einer Wissenschaft des menschlichen Geschlechtslebens.
(Phaenomenologie der Liebe.)
Unter drei Gesichtspunkten ist eine wissenschaftliche Betrachtung des menschlichen Geschlechtslebens möglich. Zunächst tritt uns die Liebe als eine +Naturerscheinung+ entgegen, die als solche dem Gesetze der Kausalität unterworfen ist. Dann aber ist sie, entzogen der bewusstlosen Notwendigkeit, ein Objekt der +Geschichte+, jenes Prozesses, der, um mit einem geistesgewaltigen Worte +Hegel’s+ zu reden, den „Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“ darstellt. Das Ziel der Liebe aber ist, wie alles menschliche Geschehen, die +Freiheit+, welche mit dem absoluten Geist, der höchsten Erkenntnis, identisch ist.
So existieren nur drei Probleme der Liebe, nicht mehr: das +physische+, das +historische+ und das +metaphysische+ Problem.
Für uns, die wir durchweg der historisch-kritischen und dialektischen Methode +Hegel’s+ folgen, sind diese Probleme ebenso viele +Stufen der Entwickelung+, deren genaue Erkenntnis zugleich das wahre Wesen der menschlichen liebe erleuchten und enthüllen wird. Es ist jener Weg von der sinnlichen (physischen) zur platonischen (metaphysischen) Liebe, den bereits +Plato+ erkannt hat, dessen Hauptpunkte wir kurz andeuten wollen. Dabei ist zu bemerken, dass die Liebe als Erscheinung der +Natur+ und als Erscheinung des +absoluten Geistes+, die Liebe im Reiche der Notwendigkeit und im Reiche der Freiheit bisher am meisten Gegenstand einer wissenschaftlichen Forschung gewesen ist. Wir besitzen ausgezeichnete Werke über das menschliche Geschlechtsleben in +naturwissenschaftlicher+ und +metaphysischer+ Beziehung. Dagegen ist jenes grosse Gebiet fortwährender +geistiger+ Befruchtung des +natürlichen+ Geschehens, welches sich in der +Geschichte+ darstellt, über Gebühr vernachlässigt worden. Und doch ist dieses wichtige Zwischenglied, die geschichtliche Erscheinung des Sexuallebens, ganz allein geeignet, uns über viele dunkle Punkte, die uns im Wesen und in der Entfaltung der Liebe begegnen, aufzuklären. Diese „Studien zur Geschichte des menschlichen Geschlechtsleben“ behandeln durchgängig die Liebe als +historisches+ Problem, aber nicht ohne Verknüpfung mit dem physischen und metaphysischen Probleme. Mehr als einmal hoffen wir den Beweis zu erbringen, dass diese geschichtlichen Betrachtungen manches Dunkel lichten, manches Rätsel des Eros lösen können.
Wir wollen in Kürze das System einer Wissenschaft des menschlichen Geschlechtslebens darstellen und betrachten zunächst
1. Die Liebe als physisches (natürliches) Problem.
Die „Kosmogonie“, die Erschaffung der Welt selbst, des gestirnten Himmels und der seligen Götter wird in den Mythen vieler Völker als ein Akt der geschlechtlichen Zeugung gedacht. So erhaben, so wunderbar und rätselvoll erschien schon den ältesten Menschen in grauer Vorzeit der rein physische Vorgang der Paarung, Befruchtung und Geburt. Materie ist der „Mutter“ Stoff, das Weltganze, die „Natura“ ist das „Geborene“. Nach +G. Herman+[1] hat die neuere Schule der anthropologischen und mythologischen Forschung eine derartige Anthropomorphisierung der Weltentstehung als wahrscheinlichste Quelle aller Religionssysteme angenommen. Himmel und Erde sind dem Chinesen „Vater und Mutter aller Dinge.“ Auch das „Weltenei“ spielt in den Religionen und Mythen der verschiedensten Völker eine grosse Rolle.
Die ersten Geschöpfe aber, Götter sowohl wie Menschen, sind Zwitter[2]. Wer kennt nicht die berühmte Erzählung des +Aristophanes+ im platonischen „Gastmahl“ (Kap. 14)? Einst sei die Natur des Menschen eine andere gewesen als jetzt. „Denn zuerst gab es drei Geschlechter von Menschen, nicht wie jetzt nur zwei, das männliche und das weibliche, sondern noch ein drittes dazu, welches das gemeinschaftliche war von diesen beiden; sein Name ist noch übrig, während es selbst verschwunden ist. +Mannweib+ (ἀνδρόγυνος) nämlich war damals dieses eine.“ Auch aus dem anfangs zweigeschlechtlichen Adam der Bibel ging das erste Menschenpaar als Mann und Weib hervor.
Die Liebe als kosmogonisches Prinzip spielt bei +Empedokles+ eine ganz besondere Rolle. Zwei Grundkräfte sind es, durch welche nach diesem Philosophen alle Veränderung in der Mischung und Trennung der Stoffe hervorgebracht wird: Die Liebe und der Hass. In unermesslichen Perioden der Weltentwickelung überwiegt bald die eine, bald die andere dieser beiden Grundkräfte als herrschende Macht. Ist die Liebe zur völligen Herrschaft gelangt, so ruhen alle Stoffe in seligem Frieden vereint in der Weltkugel als in Gott. Durch das Fortschreiten der Macht des Hasses, auf deren Höhepunkt alles zerstreut und zersprengt ist, oder umgekehrt, durch das Fortschreiten der Macht der Liebe werden verschiedene Uebergangszustände in der Weltentwickelung hervorgebracht. Durch das wiederholte Spiel von Zeugung und Vernichtung blieben schliesslich allein die Erzeugnisse übrig, welche die Bürgschaft der Dauer und Lebensfähigkeit in sich trugen. -- Wie die oben erwähnten kosmogonischen Theorien durchweg anthropomorphisierender Tendenz sind und auf Beobachtungen in der organischen Natur beruhen, so ist die Idee des Empedokles eine grossartige Konzeption einer naturwissenschaftlichen Vorstellung, wie sie im modernen Darwinismus ausgebildet worden ist.
Die neuere Wissenschaft hat die naiven mythologischen und kosmogonischen Vorstellungen der Vorzeit bestätigt. Wir wissen auch, dass die +physische+ Liebe des Menschen, also das Anfangsglied der Entwickelung selbst erst ein sekundäres Erzeugnis, das Produkt einer Differenzierung ist, nur erklärbar durch die Entwickelung des organischen Lebens überhaupt. Die +Zwitterbildung+, d. h. die Vereinigung der beiden Geschlechtszellen in einem Individuum ist der älteste und ursprünglichste Zustand der geschlechtlichen Differenzierung. Erst später entstand die +Geschlechtstrennung+. Nach +Haeckel+[3] findet sich der Hermaphroditismus nicht nur bei niedersten Tieren, sondern auch alle älteren wirbellosen Vorfahren des Menschen, von den Gastraeaden bis zu den Prochordoniern aufwärts, werden Zwitter gewesen sein. Wahrscheinlich waren sogar die ältesten Schädellosen noch Hermaphroditen. Ein wichtiges Zeugnis dafür liefert der merkwürdige Umstand, dass mehrere Fisch-Gattungen noch heute Zwitter sind, und dass gelegentlich als Atavismus auch bei höheren Vertebraten aller Klassen der Hermaphroditismus noch heute wieder erscheint.
Die +Geschlechtstrennung+, der Gonochorismus, wie +Haeckel+ dies nennt, erscheint später als die Verteilung der beiderlei Geschlechtszellen auf verschiedene Personen.[4] Dann treten zu den primären Geschlechtsdrüsen sekundäre Hilfsorgane wie Ausführgänge u. s. w. hinzu, und zuletzt entwickeln sich durch +geschlechtliche Zuchtwahl+, die Selectio sexualis, die sogenannten „sekundären Sexual-Charaktere“, d. h. diejenigen Unterschiede des männlichen und weiblichen Geschlechts, welche nicht die Geschlechtsorgane selbst, sondern andere Körperteile betreffen (z. B. der Bart des Mannes, die Brust des Weibes).
Hierbei unterliegt die +morphologische+ Ausbildung der menschlichen Geschlechtsorgane dem berühmten, von Haeckel zuerst formulierten „biogenetischen Grundgesetz“, das die Ontogenie, die individuelle Entwickelung, einen abgekürzten, unvollständigen Abriss der Phylogenie, der Stammesentwickelung darstellt. In den grossen Lehrbüchern der Entwickelungsgeschichte von +Kölliker+ und +Hertwig+ findet man die zuverlässigsten Darstellungen der Ontogenie der Sexualorgane.
In der Beschreibung der +ausgebildeten+ männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane ist das klassische Werk von +Kobelt+[5] bisher noch nicht übertroffen worden, wenn auch die Beschreibung der Geschlechtsorgane in dem grossen „Handbuch der Anatomie des Menschen“ von +K. von Bardeleben+ (Jena 1896 ff.) viele neue Aufschlüsse zu bringen verspricht.[6]
Die Entstehung der +sekundären Geschlechtscharaktere+ ist Gegenstand der Darstellung in dem berühmten Buche von +Charles Darwin+.[7]
Aus diesen +anatomischen+ Substraten der menschlichen Liebe wird man die +Physiologie+ derselben im weitesten Umfange ableiten müssen. Das Hauptwerk über den Vorgang der Zeugung im Gesamtgebiete des organischen Lebens und beim Menschen besitzen wir in dem Werke von +Hensen+.[8]
+Der Fundamentalvorgang+ aller Liebe bei Mensch, Tier und Pflanze, die älteste Quelle der Liebe ist die +Wahlverwandtschaft+ zweier verschiedener erotischer Zellen: der männlichen +Spermazelle+ und der weiblichen +Eizelle+, das, was Haeckel[9] den „erotischen Chemotropismus“ genannt hat. Der Zweck und das Endziel der physischen Liebe ist die Verschmelzung oder Verwachsung dieser beiden erotischen Zellen. „Alle anderen Verhältnisse und alle die übrigen, höchst zusammengesetzten Erscheinungen, welche bei den höheren Tieren den geschlechtlichen Zeugungsakt begleiten, sind von untergeordneter und sekundärer Natur, sind erst nachträglich zu jenem einfachsten, primären Kopulations- und Befruchtungsprozess hinzugetreten.“ -- „Ueberall ist die Verwachsung zweier Zellen das einzige, ursprünglich treibende Motiv, überall übt dieser unscheinbare Vorgang den grössten Einfluss auf die Entwickelung der mannigfaltigsten Verhältnisse aus. Wir dürfen wohl behaupten, dass kein anderer organischer Prozess diesem an Umfang und Intensität der differenzierenden Wirkung nur entfernt an die Seite zu stellen ist.“ (+Haeckel.+)
Nachdem dieser fundamentale Vorgang der Zeugung festgestellt ist, gelangen wir zu einer Betrachtung jener physischen Liebesregungen beim Menschen, welche sich in Form des +Geschlechtstriebes+[10] äussern. Diesen dunkeln Begriff hat +Moll+ in höchst geistvoller Weise aufgehellt.[11] Er zerlegt den Geschlechtstrieb beim erwachsenen Menschen in zwei Komponenten, den +Detumeszenztrieb+ und den +Kontrektationstrieb+. Der Detumeszenztrieb drängt zu einer +örtlichen Funktion an den Genitalien+, und zwar beim Manne zur Samenentleerung. Er ist als ein peripherer organischer Drang zur Entleerung eines Sekretes aufzufassen. Der Kontrektationstrieb drängt den Mann zur körperlichen und geistigen +Annäherung+ an das Weib, das letztere ebenso zur +Annäherung an den Mann+. Phylogenetisch ist die Detumeszenz als Mittel zur Fortpflanzung das Primäre, weil sie bei niederen und höheren Tieren stattfindet. Erst sekundär kam die Kontrektation hinzu, indem sich zwei Individuen zur Fortpflanzung verbanden. In der individuellen Entwickelung des Menschen ist die Anwesenheit der Keimdrüsen, der Erreger des Detumeszenztriebes, das Primäre. +Der Kontrektationstrieb ist ein sekundärer Geschlechtscharakter.+ Der Detumeszenztrieb des Mannes ist die unmittelbare Folge der Funktion der Hoden. Beim Weibe hängt zwar die Ausscheidung der Eizelle aus dem Ovarium mit dem Detumeszenztrieb nicht unmittelbar zusammen, ursprünglich fielen sie aber zusammen, wie man noch bei den Fischen sieht.