Der Marquis de Sade und seine Zeit.
Part 4
Die Jugend des Marquis +de Sade+ gehört der Regierungszeit +Ludwigs+ XV. an, sein Mannesalter der Zeit +Ludwigs+ XVI. Er war 34 Jahre alt, als der verderbteste König, der Frankreich je regiert hat, Ludwig XV., starb (1774). Die politische Misswirtschaft der französischen Herrscher des 18. Jahrhunderts, welche mit dem grossen Staatskrache +Laws+ unter dem +Regenten+ ihren Anfang nahm, unter +Ludwig+ XV. zu dem Verluste der wichtigsten Kolonien und unter +Ludwig+ XVI. zur Revolution führte, die einseitige Begünstigung des Adels und des Klerus, übergehen wir als zu bekannte Tatsachen, welche unser Thema nicht näher berühren. Die +Genusssucht+ und die +geschlechtlichen Ausschweifungen+ des Königtums werden besonders von +Sade+ gebrandmarkt. Auch hier hatte er die Vorbilder in der Wirklichkeit. „Wenn ein Prinz von Geblüt den Weg der Wollust betritt, betritt ihn die ganze Umgebung und Gesellschaft“ sagt +Moreau+ mit Recht[48]. Das von den französischen Herrschern des 18. Jahrhunderts gegebene Beispiel musste die verderblichste Wirkung auf die ohnehin durch und durch materialistisch gesinnte Gesellschaft des ancien régime ausüben. Die Zeit der Regentschaft schuf Namen und Typus des „Roué“, der eine für das ganze Jahrhundert charakteristische Erscheinung wurde. Der Roué par excellence war König Ludwig XV., berühmt durch die Zahl seiner Maitressen und durch seinen Hirschpark. Die Maitressenwirtschaft +Ludwigs+ XV. hat unübertroffene Schilderer gefunden in den beiden +Goncourts+, auf deren Werke wir verweisen[49]. Sein Leben war, wie +Moreau+ sagt, eine „beständige Unzucht.“ So konnten ihm bald seine Geliebten trotz ihrer grossen Zahl und des häufigen Wechsels nicht mehr genügen. Er schuf sich in seinem berühmten +Hirschpark+ das Vorbild aller +geheimen Bordelle+, die auch in den Werken des Marquis +de Sade+ eine grosse Rolle spielen. Man denke sich: ein +König+ unterhält ein eigenes Bordell für seinen Privatgebrauch! Erscheint dann nicht alles, was +Sade+ in seinen Werken gegen das Königtum sagt, in einem ganz anderen, milderen Lichte? -- Ueber den Hirschpark existiert ein Werk, welches uns leider nicht zugänglich war.[50] Der Hirschpark wurde um 1750 in der Eremitage zu Versailles in dem Parc-aux-Cerfs genannten Stadtviertel von der Marquise +de Pompadour+ für den König eingerichtet, dem sie, um sich am Ruder zu erhalten, diese neue Art von Vergnügungen verschaffte. Die Vorsteherin des Bordells war eine gewisse +Bertrand+, der Lieferant von jungen Mädchen hiess +Lebel+. Anfangs befanden sich nur zwei oder drei Insassinnen in dem Hause. Nach dem Tode der +Pompadour+ wurde es sehr bevölkert (très peuplée[51]). Nach einer anderen Darstellung musste schon die +Pompadour+, da „sie Oberaufseherin seiner (des Königs) Belustigungen geworden war, unaufhörlich im ganzen Lande neue und unbekannte Schönheiten anwerben lassen, um das Serail, worüber sie unumschränkt gebot, zu besetzen, dazu entstand der sogenannte +Hirschgarten+ (Parc-aux-Cerfs), diese Fallgrube der Unschuld und Aufrichtigkeit, der diese Menge von Opfern einschlang, die, wenn sie der menschlichen Gesellschaft wieder zurückgegeben wurden, Sittenverderbnis, Geschmack an Ausschweifungen und alle Laster in dieselbe zurückbrachten, womit sie notwendig durch den Umgang mit den infamen Unterhändlern dieses Aufenthaltes angesteckt werden mussten. Wenn man auch den Schaden bei Seite setzt, den dieses abscheuliche Institut den Sitten getan hat, so ist es schon schrecklich genug, wenn man das ungeheure Geld berechnet, das es dem Staate gekostet hat. Und wer kann sie berechnen, die Unkosten dieser Legion von Ober- und Unterkupplern, die in beständiger Bewegung waren, um an den entferntesten Grenzen des Reiches die Gegenstände ihrer Nachforschungen aufzuspüren und herbei zu holen, sie an den Ort ihrer Bestimmung zu bringen, ihnen daselbst die nötige Politur zu geben, sie auszustaffieren und zu räuchern und sie durch alle Mittel der Kunst reizend zu machen.“[52] Es wird ausgeführt, dass jede Einzelne dem öffentlichen Schatz eine Million Livres gekostet habe. „Wenn nun nur wöchentlich zwei an die Reihe gekommen sind, so beträgt dies in 10 Jahren tausend, und ist die Ausgabe also 1000 Millionen.“ Dabei sind noch nicht einmal die zahlreichen im Hirschpark geborenen Kinder mitgerechnet, die freilich wohl weniger Kosten verursacht haben mögen. Es ist also einigermassen berechtigt, dass der Verfasser der letztgenannten Schrift den Hirschpark als die Hauptursache der finanziellen Zerrüttung unter Ludwig XV. angibt. Ueber die im Hirschpark veranstalteten Orgien schwirrten zahlreiche Gerüchte umher, die jedenfalls nichts übertrieben haben.[53] Nach einem deutschen, allerdings weniger glaubwürdigen Autor[54] waren „selbst die Saturnalien der Römer zur Zeit der Cäsarenherrschaft, die schauderhaften Lupercalien eines Tiberius, Caligula, Nero, einer Agrippina, Messalina, Locusta und anderer menschlichen Ungeheuer nur blosse Vorbilder solcher Auftritte, die im Hirschpark ausgeführt wurden“. „Der Rausch war hier ein vielfältiger, durch Spiel, durch Gewürze, Wein oder andere Getränke, durch Wohlgerüche, durch Visionen aus Zauberlaternen, durch Musik und jede Gattung tierischer Genüsse hervorgebracht.“ Der Verfasser lässt sogar den Marquis +de Sade+ an diesen Ausschweifungen teilnehmen![55] Authentisch ist, was +Moreau+ nach dem „Journal de +Barbier+“, nach +Sismondi+ u. a. über jene eigentümliche Verknüpfung von +Religion+ und +Wollust+ berichtet, welche Ludwig XV. selbst im Hirschpark vornahm.[56] „Jedesmal, wenn Ludwig XV. eine Nacht im Hirschpark zubringen wollte, erfüllte er nicht nur mit Eifer seine religiösen Pflichten, sondern litt auch nicht, dass die jungen Priesterinnen eines anderen Kultus es an den Betätigungen ihres christlichen Glaubens fehlen liessen. Sobald er sich mit einer seiner Odalisken eingeschlossen hatte, befahl er ihr, sich hinter einem Vorhang zu entkleiden, während er selbst das gleiche tat. Sodann knieten beide in Adams Kostüm auf dem Teppich und verrichteten die Tagesgebete, indem sie sich die Stirn mit Weihwasser benetzten, welches sich in einem Krystallgefässe am Kopfende des Bettes befand. Nach beendetem Gebet und nach geschehener Bekreuzigung, streichelte der König den nackten Busen der Kleinen mit seinem frommen Finger. Man erhob sich, stieg ins Bett, zog die Vorhänge zu, und die Namen des Herrn, der Jungfrau Maria und der Heiligen wurden solange geflüstert, bis der Ritus der Liebe ein anderes Vokabular zum Ausdruck brachte“.[57] +Ludwig+ XV. besass auch, was ebenfalls wohl einzig in seiner Art dasteht, einen eigenen Beamten für das Arrangement seiner Orgien in der Person des „Intendant des Menus-Plaisirs“, +La Ferté+. Dieses ungeheuerliche Institut wurde dann auch sofort unter +Ludwig+ XVI. abgeschafft. Am Donnerstag, 19. Mai 1774, als +Ludwig+ XVI., 9 Tage nach dem Tode seines Vorgängers, mit der Königin und mit den Prinzen im Bois de la Boulogne lustwandelte, stellte sich Herr +La Ferté+ vor. Der König betrachtete ihn blinzelnd von oben bis unten und fragte dann: „Wer sind Sie?“ -- „Sire, ich heisse +La Ferté+.“ - „Was wollen Sie von mir?“ -- „Sire, ich komme, die Befehle Eurer Majestät entgegenzunehmen.“ -- „Weshalb?“ - „Weil -- weil ich der Intendant -- der Menus --“ „Was heisst Menus?“ -- „Sire, es sind die Menus-Plaisirs Eurer Majestät“. -- „Meine Menus-Plaisirs bestehen darin, zu Fusse im Parke zu promenieren. Ich brauche Sie nicht.“ Darauf drehte ihm der König den Rücken zu und ging.[58] +Ludwig+ XV. hatte aber an seinen eigenen Ausschweifungen noch nicht genug, er musste auch die seiner Untertanen kennen lernen. So liess er sich von der Pariser Polizei regelmässig alle obscönen Vorkommnisse, alle pikanten Einzelheiten über die Skandalaffären der Hauptstadt berichten.[59]
+Ludwig+ XVI. und seine Gemahlin +Marie Antoinette+ sind persönlich von dem Vorwurfs der Sittenlosigkeit freizusprechen. Doch da unter ihrer Regierung das Genussleben am Hofe fortdauerte und der Bruder des Königs, der Graf von +Artois+ in der Tat ein berüchtigter Wüstling war, so konnte es nicht ausbleiben, dass auch das Privatleben des Königs und besonders der Königin, welche sich als österreichische Prinzessin geringer Sympathien erfreute, verdächtigt wurde. Die bekannte Halsbandgeschichte wurde weidlich zur Verleumdung der Königin ausgebeutet. „Geheime und unversöhnliche Feinde machten aus einigen Leichtfertigkeiten und Unklugheiten +Marie Antoinettes+ verdächtige und verabscheuenswerte Handlungen.“[60] Schon 5 Jahre nach dem Regierungsantritt +Ludwigs+ XVI. erschien ein obscönes Gedicht, welches später in zahlreichen Nachdrucken verbreitet wurde, dessen erste Ausgabe zu einer Rarität geworden ist.[61] Das Gedicht behandelt die angebliche Liebschaft zwischen +Marie Antoinette+ und ihrem Schwager +d’Artois+ (späteren König +Karl+ X.). Die Königin wird hier in den obscönsten Versen als eine wahre Messalina geschildert, welche der impotente König nicht befriedigen kann.
„Charlot“, der Graf +d’Artois+ war allerdings ein Hauptteilnehmer an den von dem höfischen Adel in der Residenz veranstalteten Orgien, ebenso wie der Herzog von +Orléans+, +Philippe Egalité+. Auf den berüchtigten nächtlichen Promenaden im Palais Royal war der Graf +von Artois+ eine gewöhnliche Erscheinung. „Der Herr Graf +von Artois+, der an diesen modernen Saturnalien Vergnügen findet, trägt viel zur Vermehrung des Vergnügens und des Zulaufes bei. Er begibt sich fast jeden Abend dorthin.“[62] In den „Nuits de Paris“ (Band XVI, S. 529) erzählt +Rétif de la Bretonne+, dass im Faubourg Saint-Antoine ein Bordell existierte, welches der Herzog von +Orléans+, der Graf von +Artois+ und andere häufig besuchten. „Dort gab man sich allen Infamien hin, +welche nachher von de Sade in seinem schrecklichen Roman ‚Justine ou les Malheurs de la vertu‘ beschrieben wurden+.“ Dort wurden jene Bestialitäten begangen, welche +Sade+ schildert.[63] Als die Gemahlin des Grafen +d’Artois+ 1775 in Paris einzog, wurde sie von den Fischweibern (poissardes) auf offener Strasse mit folgendem durchsichtigen Liede begrüsst, das ebenfalls ein charakteristischer Beweis dafür ist, wie sehr die Unzucht bereits eine +öffentliche+ geworden war:
Célébrons tous à Paris Un vaillant enfant de France; Au moment qu’il entre en danse --, Zeste, il vous a fait un fils! C’est un vi..... c’est un vi..... C’est un vigoureux mari!
La moitié que nous voyons, On dirait qu’elle n’y touche, Mais en nuptiale couche A des talents non moins bons. Le beau con.... le beau con... Ah! le beau concert, dit-on.
Pour chanter les deux époux En riant Bacchus s’avance; Déjà dans la cuve immense, S’entassent ses raisins doux. Allons fou.... allons fou..... Allons, allons fouler tous.[64]
+Sade+ nennt (Juliette IV, 16) +Marie Antoinette+ „la première putain de France“, er lässt keine Gelegenheit vorübergehen, ohne sie zu beschimpfen (Juliette V, 252, 235 u. s. w., Phil. dans le Boud. I, 82), wie er überhaupt gegen die ganze „morgue allemande“ einen wütenden Hass hegt (Jul. IV, 16), insbesondere gegen das Haus Oesterreich (Juliette V, 340). Darüber hinaus aber möchte er überhaupt alle Könige auf der Erde vertilgen, welche die Völker berauben, und mochte eine „république universelle“ begründen. (Jul. V, 119).
4. Adel und Geistlichkeit.
Adel und Geistlichkeit spielen in den Romanen des Marquis +de Sade+ die Hauptrolle. Prinzen, Herzöge, Grafen, Marquis, Chevaliers treten neben dem Päpste, Kardinälen, Erzbischöfen, Bischöfen, Mönchen aller Orden, Geistlichen, Abbés, Aebtissinnen und Nonnen als erotische und atheistische Scheusale auf. Die ganze Korruption des ancien régime zieht vor unserem Auge vorüber. Adel und Klerus bildeten in Frankreich eigentlich nur einen einzigen Stand, da die Geistlichkeit grösstenteils aus dem Adel sich rekrutierte. Der älteste Sohn eines Edelmannes wurde Offizier, der zweite Sohn Priester oder Mönch, die Töchter, die sich aus Mangel an Mitgift nicht verheiraten konnten, wurden Nonnen.[65] Die Begünstigung des Adels von Seiten des Staates hatte im 18. Jahrhundert unerhörte Dimensionen angenommen. „Alle Staatsämter, Pfründe, Richter- und militärischen Stellen wurden zum grössten Teile an Adlige vergeben. Mit 18 bis 20 Jahren erlangten die jungen Edelleute ein Regiment, ohne von der militärischen Praxis eine Ahnung zu haben. Sie verbringen ihre Jugend in Luxus und Sinnengenuss mit Weibern.“[66]
Eine merkwürdige Mittelstellung zwischen Klerus und Adel nahm das Institut der +Abbés+ ein, „jener entarteten Rasse und Amphibienart, die man überall fand und die nichts war.“[67] +Mercier+[68] erzählt, dass Paris voll von Abbés sei, Geistlichen mit Tonsur, die aber weder der Kirche dienten noch dem Staat, die im ödesten Müssiggange dahinlebten, und nur unnütze Dinge und Albernheiten trieben, nebenbei aber keine unwichtige Rolle als „Hausfreunde“, Erzieher, Schriftsteller u. s. w. spielten. Auch waren sie in allen Bordellen zu Hause, obgleich früher jede Kourtisane, die den Besuch eines Abbé anzeigte, 50 Francs bekam. Das hatte aber unter +Ludwig+ XVI. aufgehört. Eine köstliche Schilderung eines Abbé des 18. Jahrhunderts entwirft der berühmte Gastronom +Brillat-Savarin+[69]: „Wenn eine adlige Familie viele Söhne hatte, so bestimmte man einen der Kirche. Er bekam anfänglich einfache Präbenden, welche zu den Kosten seiner Erziehung hinreichten, später wurde er Domherr, Abt oder Bischof, je nachdem er mehr Fähigkeit zum geistigen Berufe zeigte. Das war der legitime Typus der Abbés. Aber es gab auch viele falsche, und viele wohlhabende junge Leute traten in Paris als Abbés auf. Nichts war bequemer -- durch eine leichte Veränderung der Kleidung gab man sich das Aussehen eines Benefiziaten und stellte sich jedermann gleich, man hatte Freunde, Geliebten und Gastgeber, denn jedes Haus hatte seinen Abbé! -- Die Abbés waren klein, dick, rund, wohlgekleidet, sanft, gefällig, neugierig, Feinschmecker, lebhaft und einschmeichelnd. Die, welche noch leben, sind fette Betbrüder geworden.“ +Sade+ hat diesen Typus im Abbé Chabert (Juliette III, 280 ff.), dem Freunde Juliettes und Erzieher ihrer Tochter gezeichnet. Die Abbés figurieren auch in den Polizeiberichten +Manuels+ über die Unzucht der Geistlichkeit in Paris, wie wir später sehen werden.
Eine zweite für das 18. Jahrhundert spezifische Erscheinung war der „Ritter“, der Chevalier. Auch er hat in +Brillat-Savarin+ einen liebevollen Schilderer gefunden: „Viele Ritter hatten es vorteilhaft gefunden, sich selbst den Bruderkuss zu geben. Sie waren meist hübsche Männer. Sie trugen den Degen senkrecht, den Kopf hoch, die Nase im Winde, das Bein steif; sie waren Spieler, Verführer, Zänker und gehörten wesentlich zum Gefolge einer Modedame. Zu Anfang der Revolutionskriege gingen die meisten Ritter zur Armee, andere wanderten aus, die übrigen verloren sich unter der Menge. Die wenigen Ueberlebenden lassen sich noch am Gesichtsausdruck erkennen. Aber sie sind mager und können nur mühsam gehen. +Sie haben die Gicht.+“[70]
Die Vertreter des Klerus sind in +Sades+ Romanen die Verüber der allerärgsten Greuel. Mit besonderer Vorliebe setzt +Sade+ die Schandtaten, die Heuchelei und die Gottlosigkeit der Geistlichen jeden Ranges ins rechte Licht, er überhäuft den Klerus mit den gemeinsten Schimpfworten. +Und er hat Grund dazu.+ Gerade bei der Erörterung der Lasterhaftigkeit des französischen Klerus im 18. Jahrhundert werden wir uns stets auf authentische historische Dokumente stützen. Nicht wir reden, sondern der Bericht der Augenzeugen, die Entdeckungen der +Polizei+ reden und geben +Sade+ Recht, dessen Werke bekanntlich auf den Index gesetzt wurden, wohl weniger wegen ihrer Obscönität als wegen ihres antiklerikalen Inhaltes.
So redet Juliette den Papst als „alter Affe“ an (Juliette IV, 285), und die übrigen Prälaten, Mönche u. s. w. werden nicht besser behandelt. Die Tribade Clairwil hält (Juliette II, 336) folgende Rede: „Welches sind die einzigen und wahren Zerstörer der Gesellschaft? Die Priester! Wer verführt und notzüchtigt täglich unsere Frauen und Kinder? Die Priester! Wer ist der grösste Feind jeder Regierung? Die Priester! Urheber der Bürgerkriege? Die Priester! Wer vergiftet uns beständig mit Lügen und Betrug? Bestiehlt uns bis aufs Letzte? Arbeitet am meisten an der Vernichtung des Menschengeschlechts? Beschmutzt sich am meisten mit Verbrechen und Infamien? Welche sind die gefährlichsten und grausamsten Menschen? +Und wir zögern noch, dieses Pestgewürm auf der Erde zu beseitigen?+ Wir verdienten dann wirklich alle Uebel.“ Alle Schmerzen Frankreichs sind das Werk der Jesuiten (Juliette III, 169). Zahllos sind die Orgien und Ausschweifungen, welche von Geistlichen in den Romanen +Sades+ veranstaltet werden. Alle sexualpathologischen Typen sind vertreten. Der Päderast, der Pathicus, der „lécheur“, der „sanguinaire“ u. s. w. Wir erwähnen nur die schauerlichen Orgien im Karmeliterkloster (Jul. III, 143), beim Erzbischof von Lyon (Jul. I, 234), in der Abtei von Saint Victor (Jul. I, 238), in den Katakomben des Klosters Panthémont zwischen Mönchen und Nonnen (Jul. I, 96) beim Papst Pius V. und den Kardinälen +Albani+ und +Bernis+ in Rom (Jul. IV, 100 ff.). Diese Geistlichen sind alle Atheisten und Gotteslästerer, +Sade+ lässt sogar -- ein Unikum in seinen Werken -- im vierten Bande der „Juliette“ zwei obscöne, gotteslästerliche Gedichte des Kardinals +Bernis+ vorlesen (S. 162-169). Wir gehen dazu über, aus den Zeitberichten die Beweise zu liefern, dass der Marquis +de Sade+ nicht Unrecht hatte, wenn er gerade die Geistlichkeit in seinen Werken in so schimpflicher Weise blosstellt.
5. Die Pariser Polizeiberichte über die Unsittlichkeit der Geistlichen.
+Pierre Manuel+ hat uns in seinem berühmten Werke „La Police de Paris dévoilée“ (Paris 1794) ein Werk hinterlassen, welches ein photographisch getreues Bild der sittlichen Zustände in der Stadt Paris vor dem Ausbruche der grossen Revolution genannt werden darf. +Adolf Schmidt+, einer der besten Kenner der französischen Geschichte im 18. Jahrhundert, welcher selbst in seinen „Tableaux de la Révolution Française“ ähnliche Berichte wie +Manuel+ zusammengestellt hat, bezeichnet das Buch von +Manuel+ als eine der zuverlässigsten Quellenschriften des 18. Jahrhunderts.[71]
+Manuel+ hat in seinem berühmten Werke ein eignes Kapitel „De la police sur les prêtres.“[72] Er ergeht sich zunächst in bitteren satirischen Worten über die Keuschheitsgelübde der Priester und sagt (S. 294): „Ich will die wollüstigen Handlungen dieser Himmelsmissionare enthüllen, welche selbst die Leidenschaften der edlen und zartfühlenden Menschen in die Hölle verweisen. Diese Schuldigen zu nennen, heisst +nicht+ sie entehren. +Denn der keusche Mensch ist derjenige, welcher bei seiner Frau schläft.+“ Kann die Unsittlichkeit des Zölibats besser und würdiger charakterisiert werden, als +Manuel+ es mit diesen Worten getan hat?
Die nun folgenden Berichte beruhen auf den Protokollen des Polizeiinspektors, auf den Berichten der Kommissare, auf den Geständnissen der Schuldigen und auf den Mitteilungen ihrer Vorgesetzten. Wir geben die hervorstechendsten Berichte wörtlich wieder.
+Franziskaner+ (S. 295-297): 12. Februar 1760. Der Bruder François Lortal, Profess des Hauses von Toulouse, im Hause der Laurent, rue de Chantre, bei der Zéphire. Er hat die Maxime des Virgil ins Praktische umgesetzt: nudus ara? sere nudus! Kommissar Thierion, Inspektor Marais.
2. Juli 1766. George le Payen, Pfarrverweser in Cerny, bei der Flora, sponsus super sponsam. Kommissar Grimperil, Inspektor Marais.
+Bernhardiner+ (S. 297): 30. März 1764 J. Ignace-Xavier Dreux, Lizentiat, Professor der Theologie, bei der Agathe, oculoque manuque. Kommissar Mutel u. s. w.
+Karmeliter+ (S. 298): 8. Februar 1763. Jacques Brebi, vom Maubert-Platze. Er war unter dem Namen Jacques Mazure bei der Garde „qu’il prenait pour un autel à la romaine.“ Bericht des Priora Amable Martin, Kommissar Duruiman u. s. w.
+Dominikaner+ (S. 299): 4. November 1763. Pierre Simon, 46 Jahre im Beruf. Er hat mit zitternder Hand sein Vergnügen beschrieben. Kommissar Mutel u. s. w.
+Kapuziner+ (S. 300): 14. Dezember 1762. Laurent Dilly, Bettelmönch aus der Rue St. Honoré, bei der Boyerie, wo er sang: tirez-moi par mon cordon! Bericht des Gardians, Pater Grégoire, Kommissar Sirebaud.
9. November 1765. J. Joseph Biache, genannt Bruder Constant, und Joseph Etienne, genannt Bruder Constantini, aus dem Kloster Crépy, alle beide im Gasthause „Cerf montant“, wo sie ein Bett zu Dreien verlangten, da sie nur die Marin bei sich hatten. Kommissar Mutel u. s. w.
+Rekollekten+ (Franziskaner strengster Observanz) S. 301: 30. Juni 1763. Noel-Clément Berthe, genannt Bruder Paul, bei der Leblanc, welche ihn geisselte. Kommissar Mutel u. s. w.
1. März 1765 Gabriel Anheiser, genannt Pater Gabriel, im Hemde unter dem Bette der Agnes Viard. Er lebte mit dieser früheren Marketenderin seit 7 oder 8 Jahren zusammen. Kommissar Fontaine u. s. w.
19. Februar 1767. Der Pater Constance zwischen Victoire und Emilie, sich selbst dem Esel Buridans vergleichend. Kommissar de Ruisseau u. s. w.
+Minimen+ (Pauliner) S. 302: 17. Januar 1760. André Carron, indem er auf die Wand im Zimmer der Zaire schrieb: ego ad flagella paratus sum. Kommissar Sirebeau u. s. w.
+Feuillantiner+: 30. Dezember 1762. Dom Claude Jousse, 63 Jahre alt, bei Marie la Neuve, ubi non horruit virginis uterum. Bericht des Subpriors Jean Baptiste de St. Marie-Maddelaine. Kommisar de Ruisseau.
+Augustiner+ (S. 303): 5. November 1763. Bernard-Nicolas, vom Hause Palais-Royal, in der Avenue von Vincennes mit drei Franziskanern und der Rosalie, qui leur faisait la chouette. Kommissar Mutel u. s. w.
26. Oktober 1765. „Ich, der Unterzeichnete Honoré Regnard, 53 Jahre alt, Kanonikus des heiligen Augustinerordens, Prokurator des Hauses St.-Cathérine, bestätige, dass der Inspektor Marais mich bei der St.-Louis, rue du Figuier, gefunden hat, zu welcher ich gestern aus eigenem Antriebe gegangen bin, um mich mit der Félix zu vergnügen. Ich liess diese sich ausziehen und berührte sie mit der unter dem Mantel verborgenen Hand. Und heute spielte ich mit der Félix und ihrer Freundin Julie, die mir meine geistlichen Gewänder auszogen und mich als Frau kleideten und schminkten. Der Inspektor hat mich in diesem Zustande überrascht. Ich erkläre, dass ich seit mehreren Jahren diese Phantasie habe, welche ich aber bis heute nicht befriedigen konnte. Als Beweis der Glaubwürdigkeit unterzeichne ich die vorliegende Erklärung, welche die genaue Wahrheit enthält, mit meinem Namen Honoré Regnard.“ Kommissar Mutel, Inspektor Marais.
18. Juli 1768 Simon Boucel, bei den Prévilles, Louise und Sophie.
+Praemonstratenser+ (S. 306): 17. März 1760. François de Maugre, von der rue Haute-Feuille, zwischen Desirée und Zaire, alle drei glücklich. Kommissar Sirebeau u. s. w.
+Büsser von Nazareth+ (S. 307): 2. Mai 1766. Bruder Nicephorus, bei der Laville, welche ihm zeigt albentes coxas, inguina, crura, nates. Kommissar Mutel u. s. w.
+Theatiner+ (S. 307): 28. Februar 1765. Laurent Durand, bei der Dumoulin, nach der Vorschrift handelnd:
Entre la chair et la chemise Il faut cacher le bien qu’en fait.
Kommissar Sirebeau u. s. w.
+Coelestiner+ (S. 308): 3. Dezember 1760. J. D. Tordoir, Subprior von Nantes, bei der Mausy, in der Haltung des Propheten, welcher den Sohn der Sunamitin auferweckt.
+Barmherzige Brüder+ (S. 308): 19. Oktober 1762. Jacques François Boulard, ehemaliger Aufseher der Novizen und Prior, bei der Lagarde, vor Victoire und Julie, quaerens quam devoret. Kommissar de Ruisseau u. s. w.
+Oratorianer+ (S. 309): 14. November 1761. Etienne Leroi mit der Chantrelle, welche... Die Grazien hatten dem Amor die Flügel abgeschnitten. Venus nimmt ihn an ihren Busen, und sie wachsen wieder. Kommissar Mutel u. s. w.