Der Marquis de Sade und seine Zeit.

Part 19

Chapter 193,267 wordsPublic domain

Der Marquis +de Sade+ schildert die Verbreitung der +Prostitution+ in Italien als eine geradezu ungeheuerliche. Alle Städte, die Juliette besucht, wimmeln von Dirnen aus hohem und niederem Stande, die besonders bei den grossen mit Ausschweifungen verbundenen +Festen+ in den Häusern des Adels ihre Reize glänzen liessen und sich im allgemeinen eines hohen Ansehens erfreuten. +Sade+ berichtet denn auch häufig über solche Dirnentriumphe. Nach den Glossatoren des Papstrechtes war ja der Begriff einer „Hure“ sehr weit gefasst. Nur diejenige könne man eine +wahre Hure+ nennen, die 23000 Mal -- gesündigt habe![446] +Casanova+ fand die Gärten des Grafen +Friedrich Borromeo+ auf den „borromeischen Inseln“ angefüllt mit „einem Schwarm junger Schönheiten“. Der venetianische Gesandte in Turin hielt bei sich offene Tafel, und man „betete hier öffentlich das schöne Geschlecht an“. -- Bologna, dessen sittliche Corruption auch von +Sade+ geschildert wird (Juliette III, 306), wimmelte von „singenden und tanzenden Nymphen“[447]. Besonders ausgeartet war das Geschlechtsleben in Venedig, von dem der Marquis +de Sade+ schreckliche Dinge erzählt (Juliette IV, S. 144 ff.). Die Courtisane, schon seit Jahrhunderten „die Pest welscher Städte“, wurde in Venedig vergöttert. Wo bot aber auch ein Ort in der Welt, „so reizende Verlockung und Sinnengenuss jeder Art? Wo war die Ehe der Intrigue zugänglicher als in der Stadt, wo die Sitte des Cicisbeats die Strenge der Pflicht längst zu einem lächerlichen Vorurteil gestempelt? Wo waren die Courtisanen schönere, gebildetere und vollkommenere Priesterinnen Cytherens? Wo bot die Licenz adliger Jungfrauenklöster, die Prostitution der Vestalinnen, einen feineren Reiz für sinnliche Romantik, erhöht durch Gefahr, als zu Marano und San Giorgio? Wo gewährte der Carneval und die Maskenfreiheit, mitten in lauen, schmeichelnden Sommernächten, so mühelos die entzückendsten Abenteuer? Wo gab es ausgesuchtere Tafelfreuden und köstlicheren heisseren Wein bei Orgien im Geschmacke des klassischen Altertums? Wo prachtvollere Opern, entzückendere Stimmen, nacktere Terpsichoren, pikantere Festlichkeiten? Wo konnte der adlige Hang zum Glücksspiele in volleren Goldhaufen sich sättigen? Nach +Venedig+ ging daher der erste Zug aller vornehmen Lüstlinge; verdorben, ärmer an Glücksgütern und an Lebenskraft, selten mit Reue, kehrten sie heim, nachdem jedes Einzelnen Sünde die Sündhaftigkeit der Stadt gesteigert hatte. Diese Bedeutung Venedigs, als der Metropole der raffinierten Freiheit des Sinnengenusses, geht aus der geheimen Geschichte und den Memoiren der Fürsten und Vornehmen hervor. Nur +ein+ bestimmt ausgesprochener Zweck führte alle nach der Stadt der Lagunen.“[448] Infolge dessen erfreuten sich in der Republik Venedig die Prostituierten des ganz besonderen Schutzes der Regierung und waren sogar der einzige erlaubte Gegenstand des sonst durch die Gesetze streng verpönten Luxus der Nobili.[449] +Montesquieu+ schreibt: „In Venedig zwingen die Gesetze die Adeligen zu einer bescheidenen Lebensweise. Sie sind so an Sparsamkeit gewöhnt, dass nur die Buhlerinnen sie dazu vermögen können, Geld auszugeben. Man bedient sich dieses Wegs, um die Betriebsamkeit zu befördern: die verächtlichsten Weibespersonen verschwenden dort ohne Gefahr, während ihre Liebhaber das armseligste Leben von der Welt führen.“[450] +Casanova+ berichtet interessante Einzelheiten über das Leben und Treiben der Venetianischen Dirnen um 1750, speziell der berühmten Courtisane Juliette. +Sade+ erzählt (Juliette VI, 147) von den Besuchen eines alten Prokurators im Bordell der Durand. Bei +Casanova+ kommen ebenfalls die galanten Abenteuer des Prokurators +Bragadin+ vor.[451]

Italien ist das gelobte Land der +Paederastie+, noch heute. Drastisch sagt der Marquis +de Sade+, in diesem Punkte gewiss ein richtiger Beobachter: „Le cul est bien recherché en Italie“. (Juliette III, 290.) Das ist ein Erbteil aus Griechenland und Rom. Und jeder, der von Liebe zu den klassischen Studien und antiker Kunst leidenschaftlich ergriffen, den Boden Italiens betrat, war dieser Gefahr ausgesetzt, wie das Beispiel unseres J. J. +Winckelmann+ beweist. Schon +Dante+ erwähnt im 15. und 16. Gesange des „Inferno“, die grosse Verbreitung der Männerliebe in Italien.[452] Papst +Sixtus+ IV. (1471 bis 1484) huldigte in ausgedehntem Masse der Paederastie und soll seine Ganymede zu Kardinälen erhoben haben. Einige Kardinäle baten den Papst, in der heissen Jahreszeit Paederastie treiben zu dürfen, worauf der Papst die Erlaubnis hierzu erteilt haben soll. Auf +Sixtus+ IV. fand der folgende obscöne Vers Anwendung:

+Roma+ quod inverso delectaretur amore Nomen ab inverso nomine fecit +Amor+.

+Sixtus+ war grausam und fand Gefallen am Ansehen blutiger Schauspiele. Sein angeblicher Neffe +Pietro Riario+, wahrscheinlich aber sein Sohn, lebte inter scorta atque exoletos adolescentes, und war ebenfalls Paederast. +Michel Angelo+ soll der Knabenliebe gefröhnt haben.[453] Der Maler +Giovanni Antonio Razzi+ (1479-1564) bekam wegen dieser Neigungen den Beinamen +il Sodoma+.[454] Papst +Julius+ III. (1550-1555) ist ebenfalls hier zu nennen. „Dans le conclave même, il pratiquait l’acte de sodomie avec les jeunes pages attachés à son service, et loin d’en faire un mystère, il affectait de se laisser surprendre en flagrant délit par ses collègues.“[455]

Im 18. Jahrhundert war die Paederastie in Italien an der Tagesordnung. Man konnte sogar Gefahr laufen, von Paederasten vergewaltigt zu werden. +Casanova+ erzählt einen solchen Ueberfall, den ein Mann auf ihn machte. Ebenso von einem Knaben +Petronius+, der als ein gewerbsmässiger Prostituierter in Ancona thätig war. Der Kardinal +Brancaforte+, einer der grössten Wüstlinge der Welt, der nach +Casanova+ „nicht aus den Bordellen herauskam“, war der Paederastie sehr verdächtig. Als bei Gelegenheit seines Aufenthaltes in Paris eine junge Paduanerin ihm in der Beichte gestand, dass ihr Mann sich bei ihr gewisse Freiheiten herausgenommen hätte, die durch den Ehecodex streng verboten würden, fesselte der üppige Kardinal sein Beichtkind sehr lange an diesen kitzlichen Gegenstand. Ehe er ihr die Absolution erteilte, wollte er die genauesten Umstände erfahren. Bei jeder Mitteilung wurde er von Begierde verzehrt und rief aus: „Es ist ungeheuer! -- Es ist monströs! -- Ach, meine Teure, Sie haben eine abscheuliche Sünde begangen, aber es ist eine sehr hübsche Sache.“[456] Noch eine andere ähnliche Anekdote wird von +Casanova+ mitgeteilt.

Noch heute ist die männliche Prostitution in Italien so öffentlich wie in keinem anderen Lande. In +Neapel+ „bieten sich abends auf der Via Toledo junge Männer dem Vorübergehenden an, und die Zwischenhändler preisen dort nicht nur ihre weibliche, sondern auch die männliche Ware an.“ +Moll+, der dies mitteilt, meint auch, dass in Italien die Homosexualität stets etwas mehr hervortrat als in andern Ländern Europas. J. L. +Casper+ berichtet 1854, dass in Neapel und Sicilien dem Reisenden am hellen Tage von auf den Strassen lungernden Kupplern un bellissimo ragazza schamlos angeboten wurde, wenn man ihre Anträge, Weiber betreffend, zurückwies.[457]

Dass der italienische +Klerus+ des 18. Jahrhunderts einen grossen Anteil an diesen sexuellen Ausschweifungen hatte, brauchen wir wohl nicht weiter anzuführen. Dafür spricht schon die geradezu ungeheuerliche Zahl der Geistlichen jeder Art, die im ganzen Lande verbreitet waren. +Gorani+, dessen mit Recht berühmte Memoiren wir mit grossem Vergnügen gelesen haben und dessen Glaubwürdigkeit durch neuere Forschungen noch mehr bekräftigt worden ist, berichtet, dass das Königreich Neapel ohne Sicilien unter 480000 Einwohnern etwa 60000 Mönche, 3000 Laienbrüder und 22000 Nonnen zählte. Dieser Klerus war von einer „unglaublichen Ignoranz“, von einer ungeheuerlichen „débauche crapuleuse“. Seine Sitten seien noch verderbter als die der Mönche aller übrigen katholischen Länder. „Mord, Schändung und Gift sind ihnen vertraut.“ +Gorani+ berichtet über verschiedene haarsträubende Verbrechen von Priestern. Die Nonnenklöster seien Schauplätze der wüstesten Orgien. Dabei war der Klerus so reich, dass er fast ein Drittel aller Güter im Lande besass.[458] Die Geistlichen gaben denn auch in der Liebe den Ton an. Das war seit +Boccaccio’s+ Zeiten nicht anders geworden. +Casanova+ berichtet darüber aus dem 18. Jahrhundert allerlei Ergötzliches. So z. B. führt ihn ein +Mönch+ in Chiozza in ein Bordell, wo er freilich das Unglück hat, sich zu inficieren. Als +Casanova+ noch selbst als Geistlicher mit einem Franziskaner auf der Wanderschaft war, wurden sie von zwei nymphomanischen Megären überfallen. Man muss also damals gerade den Geistlichen allerlei zugetraut haben.[459] Das scheussliche Unwesen der +Castraten+ für geistliche Zwecke ist ein weiterer Beweis für die tiefe Depravation des italienischen Klerus.

+Zoophilie+ und +Sodomie+ waren ebenfalls seit jeher in Italien mehr verbreitet als in einem andern Lande. Der Marquis +de Sade lässt+ denn auch bei einer Orgie im Hause der Prinzessin Borghese einen Truthahn, eine grosse Dogge, einen Affen und eine Ziege als maîtres de plaisir aufmarschieren! (Juliette IV, 262). Noch heutzutage sollen nach +Metzger+ die Ziegenhirten in Sicilien im allgemeinen Ruf stehen, dass sie sich mit ihren Ziegen abgeben.[460] Der Kardinal +Bellarmin+ trieb seit 1624 mit Weibern verbotenen Umgang und hatte noch nebenher „vier schöne Ziegen auf der Streu.“[461]

Einzelne von +Sade+ erwähnte italienische Persönlichkeiten des 18. Jahrhunderts bedürfen noch besonderer Erwähnung. Im fünften Bande der „Juliette“ wird ein üppiges Gartenfest beim Fürsten von +Francavilla+ geschildert (S. 326 ff.). Diese Gartenfeste bei den neapolitanischen Granden sind historisch. +Casanova+ berichtet ebenfalls, dass +Francavilla+, „ein entschiedener Epikuräer, voll Geist, Anmut und Unverschämtheit“, im Jahre 1770 ein glänzendes Fest für alle Fremden gab. Er liess seine jungen und schönen Pagen beim Schwimmkampfe im Wasser „erotische Verschlingungen“ ausführen, bei denen sich „die Damen sehr gut unterhielten“[462]. Der bei +Sade+ (Juliette IV, 156 u. ö.) erwähnte Kardinal +Bernis+ wird auch von +Casanova+ als sehr unheilig geschildert.

+Leopold+ I. von Toskana, der „grand successeur de la première putain de France“ (Juliette IV, 36) soll nach +Sade+ ebenfalls ein erotisches Scheusal gewesen sein. Hierbei hat wohl der Hass gegen das Haus Oesterreich ein Wort mitgeredet. +Casanova+, der ein fesselndes Bild von dem Abenteurerleben in Florenz entwirft, sagt über +Leopold+ aus, dass er „eine entschiedene Leidenschaft für das Geld und die Weiber hegte.“[463] Besonderes Interesse beanspruchen die Schilderungen des Papstes +Pius+ VI. und der Königin +Karoline+ von +Neapel+ bei +Sade+.

1. Papst Pius VI.

Dieser Papst war nach +Sade+ (Juliette IV, 268) ein grosser Lüstling, dem Juliette eine lange Rede über die Zuchtlosigkeit der Päpste aller Zeiten hält (IV, 270 ff.), wobei sie ihn mit „alter Affe“ anredet (IV, 285). Nachher muss dann auch Seine Heiligkeit eine ebenso lange Rede halten an deren Schlusse dieser Wahrheitsapostel den Mord für die „einfachste und legitimste Handlung auf der Welt“ erklärt (IV, 370) und in seinen nunmehr geschilderten Orgien hinter dieser Versicherung nicht zurückbleibt (V, 1 ff.).

War +Pius+ VI. ein solcher Mensch? Dies kann nur zum Teil bejaht werden.

+Pius+ VI. (1775-1798), vorher +Giovanni Angelo, Graf Braschi+, war einer der schönsten Männer seiner Zeit, „hochgewachsen, von edlem Aussehen, blühender Gesichtsfarbe“. Er trug sein päpstliches Gewand mit einer Art von Koketterie und trug vor allem seine schönen -- Beine zur Schau, indem er stets sein langes Gewand an der einen Seite etwas aufhob, so dass wenigstens ein Bein sichtbar war, auch legte er grosses Gewicht auf eine schöne Frisur. Diese Eitelkeit geisselte das folgende Distichon:

Aspice, Roma, Pium. Pius! haud est: aspice mimum. Luxuriante coma, luxuriante pede.

Er liess sich denn auch von der Geistlichkeit und den Gläubigen gehörig anbeten, mit einer „vénération stupide“, der aber manchmal ein ironischer Beigeschmack nicht fehlte. Seine Ausfahrten geschahen mit ungeheuerem Gepränge. Draussen war +Pius+ ein Gott, im Vatican ein vielfach verspotteter Mensch. Zeigte er sich auf der Strasse, so riefen die Frauen: Quanto è bello, quanto è bello! Und man behauptete, dass +Pius+ sich dadurch mehr geschmeichelt gefühlt habe als durch die Huldigung der Kardinäle. Der Kardinal +Bernis+ nannte ihn ein lebhaftes Kind, das man immer bewachen müsse.[464] Auch +Coletta+ schildert diesen Papst als einen „bildschönen Mann“, von grosser Liebe zum Putze und weibischen Eigenschaften.[465] Er war im Gegensatz zu seinem Vorgänger +Clemens+ XIV. den Jesuiten zugeneigt.[466] Was sein Verhalten in geschlechtlicher Beziehung betrifft, so begünstigte er nach +Casanova+ (Bd. XVII, S. 169) die Prostitution, hielt nach +Gorani+ selbst viele Maitressen und trieb sogar Incest mit einer natürlichen Tochter.[467] Bourgoing dagegen findet ihn in sexueller Hinsicht ganz rein und sagt, dass +Pius+ VI. seine Zeit zwischen den religiösen Pflichten, seinem Cabinet, Museum und der vatikanischen Bibliothek teilte.[468]

2. +Die Königin Karoline von Neapel.+

Die Königin +Karoline+ von +Neapel+ schildert der Marquis +de Sade+ als vollendete Tribade (Juliette V, 258), und beschreibt ihre Reize „nach der Natur“. Sie sowohl, wie ihr Gemahl, der König +Ferdinand+ IV., zeichnen sich durch einen hohen Grad von wollüstiger Grausamkeit aus, die sich in verschiedenen von +Sade+ geschilderten wilden Ausbrüchen äussert, so z. B. bei dem grossen neapolitanischen Volksfeste, bei dem 400 Personen getötet werden. (Juliette VI, 1.)[469]

Hier hat der Marquis +de Sade+ wirklich durchaus „nach der Natur“ geschildert. Man darf sagen, dass von +Helfert’s+ Aufsehen erregender Versuch einer Ehrenrettung der Königin +Karoline+ von +Neapel+[470] vollständig misslungen ist, wie die bündige Widerlegung der +Helfert’schen+ Ausführungen durch +Moritz Brosch+ wohl definitiv dargethan hat.[471] Danach bestehen die von +Gorani, Coletta+ und vielen anderen dargebotenen Enthüllungen über die Sittenlosigkeit der Königin +Karoline+ zu Recht.

+Coletta+ sagt von ihr, dass sie „mehr als eine Leidenschaft besass, rachsüchtig und hochfahrend war und durch eine glühende Wollust verblendet wurde“.[472]

+Gorani+, der den Stoff zu seinem berühmten Werke in den Jahren 1779 bis 1780 und 1789 bis 1790 sammelte, richtete seine Angriffe besonders gegen die neapolitanischen Zustände, denen wohl das bekannte Motto seiner Memoiren gilt:

Des tyrans trop longtemps nous fûmes les victimes, Trop longtemps on a mis un voile sur leurs crimes. Je vais le déchirer....

+Karoline+ ist die „österreichische Megäre“, die die ganze Wollust einer Messalina mit den unnatürlichen Gelüsten einer Sappho verbinde. Sie gab sich ohne Wahl und ohne Scham den verächtlichsten und verworfensten Männern hin und unterhielt mit ihrem Minister Acton eine Liaison. Dieses „unique monstre de cette espèce“ tötete alle ihre Kinder oder machte sie krank. Einmal schrie ihr Gemahl +Ferdinand+ ihr durch’s Schlüsselloch zu: „Ce n’est point une reine, une épouse, une mère, que l’Autriche nous a’donnée, c’est une furie, une mégère, une Messaline qu’elle a vomie dans sa colère et lancée parmi nous“.[473]

Besonders berüchtigt wurde +Karolinen’s+ Verhältnis zu der berühmten Lady +Emma Hamilton+, der Geliebten +Nelson’s+. +Coletta’s+ Urteil über diese tribadische Liaison der Beiden ist von allen gewissenhaften Forschern bestätigt worden: „Nella reggia, nei teatri, al publico passeggio Emma sedeva al fianco della regina; e spesso, ne’ penetrali della casa, la mensa, il bagno +il letto si godevan communi. Emma era bellezza per tutte le lascivie+“.[474]

Die von +Sade+ beschriebene Orgie in den Ruinen von Herculanum und Pompeji (Juliette V, 340 ff.) ist wohl in Wirklichkeit öfter gefeiert worden. Denn im Jahre 1798 wurde zu Ehren +Nelson’s+ an diesen Stätten ein solches üppiges Fest veranstaltet.

Auch der grosse Massenmord, von dem +Sade+ spricht, ist historisch. Am 18. Oktober 1794 gab es einen grossen, mutwillig hervorgerufenen Strassenkampf in Neapel, bei dem 30 Menschen getötet und viele verwundet wurden.

Alle übrigen neapolitanischen Zustände erscheinen in der Wirklichkeit ebenso schlimm, wie sie in der „Juliette“ dargestellt werden. Nach +Gorani+ soll die römische Kaiserzeit keine solche Sittenverderbnis gesehen haben, wie diejenige am Hofe von Neapel, keine solche Messalina, wie die Königin +Karoline+. +Nelson+ sagte von Neapel: „Von den Frauen ist nicht eine tugendhaft, von den Männern ist nicht ein einziger, der nicht an den Galgen oder auf die Galeere gehörte.“[475] Ja, nach +Gorani+ muss Neapel lauter Gestalten aus den Romanen des Marquis +de Sade+ enthalten haben. Der Neapolitaner sei von Natur böse, überlege sich mit kaltem Blute die Verbrechen, die er begehen wolle, und füge denselben noch tausend Grausamkeiten hinzu. 30000 Menschen trieben sich obdachlos umher. Die Zahl der Gefangenen sei ausserordentlich gross. Die Frauen liessen ihre Geliebten durch Spione bewachen, während sie selbst treulos seien. Die öffentlichen Mädchen seien sehr schön, wohnten aber schlecht. Die schönsten seien Ausländerinnen, die eingeborenen Frauen seien hässlich und unreinlich, aber „très ardentes pour le plaisir“. Der ungeheuer grosse Mund derselben komme von dem vielen Reden und Gesticulieren, so dass ein hübscher kleiner Mund eine Rarität sei.

König +Ferdinand+ IV. von +Neapel+ war nach +Gorani+ ein Lüstling von grausamem Herzen, dessen Passion es war, Kaninchen, Hunde, Katzen und zuletzt Menschen zu quälen und zu töten, daneben zahlreiche Liebesverhältnisse zu unterhalten, während +Acton+ und die Königin +Karoline+ ohne ihn ihre nächtlichen Orgien veranstalteten.[476]

Wir sehen, dass auch hier der Marquis +de Sade+ wiederum die Wirklichkeit ziemlich getreu abkonterfeit hat, und dass seine Werke daher einen hohen kulturhistorischen Wert besitzen, den wir in diesem ersten Abschnitt zur Genüge nachgewiesen zu haben glauben.

II.

Das Leben des Marquis de Sade.

Die Vorfahren.

1. Petrarca’s Laura.

Era ’l giorno ch’al sol si scoloraro Per la pietà del suo Fattore i rai, Quand’ i’ fui preso, e non me ne guardai, Che i be’ vostr’ occhi, Donna, mi legaro.

Es war der Tag, da um des Heilands Wunden Die Sonne einen Trauerflor getragen, Als ich in Amor’s Fesseln ward geschlagen, Von Deinen schönen Augen überwunden.

Wer kennt sie nicht, die berühmten Verse des berühmtesten Sonettes von +Francesco Petrarca+, zum Preise der ersten Begegnung mit seiner +Laura+, der Madonna +Laura+, der Vielgeliebten? Jener +Laura+, der wir die duftigsten Blüten der Liebespoesie in der schönsten Sprache der Welt verdanken. Wie kommt sie, diese Himmelserscheinung, dieses Symbol der zartesten Gefühle in ein Buch über den Marquis +de Sade+? Jene +Laura+, die Petrarca an dem denkwürdigen Montag der heiligen Woche des Jahres 1327 (6. April) in der Kirche Santa Chiara zu Avignon zum ersten Male erblickte, eine Tochter des Syndikus von Avignon, Ritter +Audibert de Noves+, war die Gemahlin eines +Hugo de Sade+, des Stammvaters der Familie +de Sade+.[477] So hat ein „grausamer Witz der Litteraturgeschichte die Objektivation selbstlosester, fast unirdischer Liebessehnsucht und den litterarischen Hauptvertreter unerhörtester erotischer Ausschweifung und Verirrung in derselben Familie zu greller Kontrastwirkung vereinigt.“[478] Am Anfange Himmelglanz, am Ende Finsternis der Hölle. Voilà, voilà, en effet, de tristes et amères leçons d’égalité![479] In allen guten und bösen Stunden des Hauses derer +de Sade+ blieb +Laura+ der Schutzengel derselben und vereint mit +Petrarca+, dem göttlichen Sänger, Gegenstand einer hingebenden Verehrung. Sie war nach +Janin+ die „weisse Dame“ des Hauses +de Sade+, der Ruhm und Stolz desselben. Sehnsüchtig blickten alle Sprösslinge dieser edlen provençalischen Familie immerdar nach dem stillen und sonnigen Thal von Vaucluse, einst verherrlicht durch die goldenen Lieder eines Dichters von Gottes Gnaden. Ihm, +Petrarca+, ewig Ruhm und Dank! Selbst der Marquis +de Sade+, dem nichts mehr heilig ist, neigt sich vor ihm, von dem der Glanz seines Hauses ausging, dem „aimable chanteur de Vaucluse.“ (Juliette IV, 131.)

2. Die übrigen Vorfahren.

+Hugo de Sade+, der Gatte +Laura’s+, der Stammvater der Familie, genannt „der Alte“, hinterliess mehrere Söhne, von denen +Paul de Sade+ Erzbischof von Marseille wurde und der Vertraute der Königin +Jolande+ von +Aragonien+. Er starb 1433 und vermachte seine Güter der Kathedrale von Marseille.

+Hugo+ oder +Hugonin de Sade+, der dritte Sohn des ersten +Hugo de Sade+ und der schönen +Laura+ war der Stammvater der drei Zweige des Hauses, der von Mazan, Eiguières und Tarascon.

Sein ältester Sohn +Jean de Sade+ war ein gelehrter Jurist, der von Ludwig II., König von Anjou, zum ersten Präsidenten des ersten Parlaments der Provence ernannt wurde, während sein Bruder +Elzéar de Sade+, Grosskanzler des Gegenpapstes +Benedikt+ XIII., dem Kaiser +Sigismund+ so grosse Dienste erwies, dass es ihm gestattet wurde, in sein Wappen den kaiserlichen Adler aufzunehmen, der noch heute dasselbe schmückt.

+Pierre de Sade+, vom Zweige d’Eiguières oder Tarascon, war der erste Landvogt von Marseille (1565 bis 1568). Er reinigte die Stadt von allen schlechten Elementen.

+Jean Baptiste de Sade+, Bischof von Cavaillon seit 1665, schrieb „Réflexions chrétiennes sur les psaumes pénitentiaux“. (Avignon 1698). Er starb am 21. Dezember 1707.

+Joseph de Sade+, Seigneur d’Eiguières, geboren 1684, focht 1713 bei Landau und Friedberg, wurde im Jahre 1716 Ritter des Malteserordens, nahm als Oberst 1736 bis 1745 an den Feldzügen in Böhmen, am Rhein und in Flandern teil. 1746 zum Gouverneur von Antibes ernannt, wurde er hier von den Oesterreichern, Sardiniern und der englischen Flotte belagert. Im Jahre 1747 Feldmarschall, starb er den 29. Januar 1761.

+Hippolyte de Sade+, dem +Voltaire+ zu seiner Hochzeit am 12. November 1733 ein Gedicht schickte, das der Empfänger sofort in demselben Versmass erwiderte,[480] war Marineoffizier, wurde Geschwaderchef (1776) und zeichnete sich in der Seeschlacht bei Onessant (1778) aus. Er starb vor Cadix im Jahre 1788.