Der Marquis de Sade und seine Zeit.

Part 18

Chapter 183,195 wordsPublic domain

Und merkwürdig! Spricht nicht auch dieser „grand terroriste“ in seinem Briefe an den Convent vom 8. Frimaire 1793 ganz wie +Sade+ und mit ebendemselben Ausdruck, den dieser so oft gebraucht davon, dass „nach der Aufrichtung des Apostolates der Vernunft inmitten der Revolution alle Vorurteile, aller Aberglauben und Fanatismus verschwinden werden vor dem ‚+flambeau de la philosophie+‘.“ Ist das ein Zufall?[424]

In +Lyon+, wo +Collot-d’Herbois+ haust, „fliessen die Gossen auf der Place des Terreaux rot; es trägt die Rhône zerstückelte Körper auf ihren Wellen dahin. Zweihundertundneun Verurteilte werden über den Fluss geführt, um auf der Brotteaux-Promenade mit Musketen und Kanonen in Masse erschossen zu werden“. Es wird „eine Schlächterei, zu grässlich, um sie in Worten zu schildern, so grässlich, dass sogar die Nationalgarden beim Feuern das Gesicht abwenden.“[425]

Man darf sagen, dass es keine Zeit gegeben hat, in der das Morden so zur +Gewohnheit+ geworden wäre, wie in diesen Jahren von 1792 bis 1794. Es bildeten sich, gleichsam als Konkurrenten der Guillotine, +Mordbanden+ wie die berüchtigten „Jehus“ und die Sonnenbanden, welche im Süden Frankreichs den „weissen Schrecken“ verbreiteten. Die Zahl der Menschen, die gemordet wurden in jener Zeit, sei es durch die Guillotine, sei es auf andere Weise, war Legion. Vom Könige und der Königin bis hinab zum Schuster +Simon+ mussten sie alle dahin. Und wahr wurde auch das Wort des düsteren +Saint-Just+, dass „für Revolutionäre es keine Ruhe gäbe als im Grabe.“ Die Revolution verschlang, wie Saturn, ihre eigenen Kinder (+Verguiaud+).

In den Gefängnissen wurden gefangene Frauen von den Kerkermeistern vergewaltigt (Madame +Roland+ in ihren Memoiren); aus den Haaren guillotinierter Frauen würden blonde Perrücken verfertigt, und in Meudon war nach +Montgaillard+ eine „Gerberei von menschlichen Häuten, solcher Häute der Guillotinierten, die des Schindens wert schienen, und woraus ein ganz gutes Waschleder gemacht wurde, zu Hosen und anderem Gebrauch. Die Haut der Männer übertraf das Gemsleder an Zähigkeit, die Haut der Weiber war fast zu gar nichts gut, da sie zu weich war im Gewebe.“[426]

Doch bald ist das Ende des Schreckens nahe. Noch einmal erhebt er sich im Prairial des Jahres 1794 und in den ersten neun Tagen des Thermidor zu furchtbarer Grösse. 1400 Personen wurden in einem Monat guillotiniert. Wer kann ohne Zittern das Verzeichnis der zahllosen Namen, der unglücklichen Opfer der Thermidortage lesen, wie es +Houssaye+ in erschütternd dramatischer Darstellung mitteilt.[427] Unter ihnen glänzt ein Name (7. Thermidor) ganz besonders: +André Chénier+.

La sainte guillotine va tous les jours!

Und endlich kommt jener +neunte Thermidor+, der das Ende der Schreckensherrschaft bringt mit dem Sturze des gewaltigen +Robespierre+, jener Tag, dem +Marie-Joseph Chénier+ in der wunderbaren „Hymne du 9 thermidor“ begeistert zujauchzt:

Salut, neuf thermidor, jour de la délivrance: Tu vins purifier un sol ensanglanté: Pour la seconde fois tu fis luire a la France Les rayons de la Liberté!

25. Ethnologische und historische Vorbilder.

Der Marquis +de Sade+ war ein scharfer Beobachter. Ausserdem hatte er während seines Gefängnislebens die Kenntnis der zeitgenössischen Litteratur sich in einem grossen Umfange zu eigen gemacht. Es ist daher kein Wunder, dass wir die Spuren beider Eigenschaften in seinen Werken antreffen. Was uns am charakteristischsten erscheint, ist die grosse Rolle, welche bei +Sade+ die +Ethnologie+ spielt. Auch das ist kein Zufall. Die ersten Anfänge der Völkerkunde gehören dem 18. Jahrhundert und speziell Frankreich an, wo J. F. +Lafitau+ im Jahre 1724 das erste bedeutende Werk dieser Art in seinen „Mœurs des Sauvages américains comparées aux mœurs des premiers temps“ veröffentlichte,[428] über das sich +Voltaire+ in einer Schrift von ähnlicher Art sehr anerkennend äussert. („Essai sur les mœurs et l’esprit des nations“ 1756). Weiter förderten dieses grosse Interesse an der Kenntnis wilder Völker die zahlreichen Reiseexpeditionen hervorragender französischer Gelehrter im 18. Jahrhundert. Wir nennen nur die bekannten Namen eines +Bouguer+, +La Condamine+, +Bougainville+, +La Pérouse+, +Marchand+, +d’Auteroche+, +Duhalde+, +Charlevoix+, +Savary+, +Le Vaillant+, +Volney+, +Dumont+. Man fing an -- zwar noch in roher und primitiver Weise -- die Sitten und Gewohnheiten der einzelnen Völker zu vergleichen und die Entwicklungsgeschichte der Menschheit zu studieren. Dabei gefiel man sich in einer gewissen Verherrlichung der europäischen Civilisation. Die Wilden waren noch nicht die „besseren Menschen“ unseres +Seume+. +Lafitau+ schreibt: „Ich habe mit grosser Betrübnis in den meisten Berichten gelesen, dass diejenigen, welche über die Sitten wilder Völker geschrieben haben, sie uns geschildert haben als Menschen, welche kein irgendwie religiöses Gefühl besitzen, keine Kenntnis einer Gottheit, keine Persönlichkeit, der sie irgend welchen Kultus widmen, wie Menschen, welche weder Gesetze, noch eine Obrigkeit, noch irgend eine Form der Regierung haben, mit einem Worte als Menschen, welche von Menschen ungefähr nichts haben als nur die Gestalt. Man hat sich gewöhnt, eine Vorstellung von den Wilden zu entwerfen, welche sie nicht von den Tieren unterscheidet.“[429]

Diese Beurteilungsweise wilder Völker findet man auch bei +Sade+. Er rechtfertigt durch die Laster und Grausamkeiten, welche man bei ihnen findet, diejenigen seiner Zeit. So zählt er alle die Völker auf, welche sich durch grosse +Schamlosigkeit+ auszeichnen, um dadurch der von ihm gepredigten Unzucht eine feste Unterlage zu geben. (Juliette I, 122-28). +James Cook+ hat in der Südsee überall die +Paederastie+ verbreitet gefunden. Folglich ist dieselbe gut. („Philosophie dans le Boudoir“ I, 201). Ja, wenn man mit einem Ballon den Mond erreichen könnte, würde man sie dort ebenfalls finden, da sie allen Menschen im Naturzustande eigentümlich ist. Die +Grausamkeit der Frauen+ ist in der ganzen Welt eine und dieselbe. Zingua, Königin von Angola (ein mit Vorliebe von +Sade+ immer und immer wieder genanntes Scheusal), die „grausamste aller Frauen“ opferte ihre Geliebten nach dem Genusse, liess Krieger mit einander kämpfen und gab sich dem Sieger hin, und liess in einem grossen Mörser alle vor dem dreissigsten Jahre geschwängerten Frauen zerstampfen. (Phil. dans le Boud. I, 156). Zoë, die Gemahlin eines chinesischen Kaisers, fand das grösste Vergnügen daran, Verbrecher vor ihren Augen hinrichten zu lassen, und liess Sklaven opfern, während sie dabei mit ihrem Gatten der Liebe pflegte. Je grösser die Grausamkeiten waren, um so grösser war ihre Wollust. Sie erfand jene hohe Erzsäule, in der man den Delinquenten lebendig röstete (ibidem). Theodora amüsierte sich bei der Castration von Männern. (Ib. S. 157.) Auch erzählt +Sade+ öfter die bekannte Geschichte des +Amerigo Vespucci+ (den er freilich nicht nennt), dass die Frauen von Florida ihren Männern kleine giftige Insekten ans Glied setzten, die durch ihren Stich dasselbe anschwellen liessen, und neben heftigem Schmerz und Geschwürsbildung auch eine unersättliche Libido verursachten. (Phil. dans le Boud. I, 157).[430] So bringt +Sade+ für alle Laster ethnologische Beispiele in Fülle bei, für Giftmord, Prostitution, Anthropophagie, sexuelle Entartungen, Malthusianismus, Atheismus u. s. w. Die Bibel liefert ihm viel Material. Dann kommen die Lappen, die Afrikaner, die Asiaten, die Türken, die Chinesen, Angola, die Neger der Pfefferküste. Er kennt alles. Er citiert +Cook’s+ Reisen, +Paw’s+ „Recherches sur les Indiens, Egyptiens, Arméniens“ (Anthropophagie), die „Coutumes de tous les peuples“. Er weiss, dass es in Lappland, in der Tartarei, in Amerika eine „Ehre ist, seine Frau zu prostituieren“, dass die Illyrier besondere Wollustorgien feiern in grosser Versammlung, dass der Ehebruch bei den Griechen florierte, und die Römer sich ihre eignen Frauen unter einander liehen; dass seine geliebte Zingua ein Gesetz erliess, das die „vulgivaguibilité“ der Weiber vorschrieb. Sparta, Formosa, Otaheiti, Cambodja, China, Japan, Pegu, Cucuana, Riogabar, Schottland, die Balearen, die Massageten liefern ihm eine Menge von überzeugenden Beispielen für die Richtigkeit seiner Lehren. Aus +Peloutier’s+ berühmter „Geschichte der Celten“ (Berlin 1754) beweist er, dass das von Roland geübte „jeu de coupe-corde“, das Hängen aus Wollust, schon von den Celten geübt wurde (Justine IV, 201) und versteigt sich sogar an dieser Stelle zu folgendem charakteristischen halb wahren Ausspruch: „Fast alle Ausschweifungen, die in der ‚Justine‘ beschrieben wurden, waren früher ein Teil religiöser Ceremonien und wurden von unseren Vorfahren geübt wie z. B. die Flagellation.“ Für die Geisselung beruft er sich auch noch auf das seither oft citierte Werk von +Brantôme+, wobei er ausnahmsweise aufs genaueste die von ihm benutzte Ausgabe angiebt: Brantôme „Vies des Dames galantes“ Tome I. édition de Londres 1666. (Juliette II, 133).

Alle bizarren Ideen, alle merkwürdigen Einfälle berüchtigter erotischer Scheusale verwertet +Sade+. So erklärt Noirceuil, dass er zweimal an einem Tage heiraten will, und zwar um 10 Uhr früh als Frau verkleidet einen Mann, um 12 Uhr als Mann einen Knaben, der als Frau verkleidet ist. Juliette dagegen will in derselben Kirche zu derselben Zeit als Mann verkleidet eine Tribade heiraten, die als Frau verkleidet ist und eine andere Tribade, die als Mann verkleidet ist. So übertrifft er durch diese vierfache Verbindung +Nero+, der den Tigellinus als Frau und den Sporus als Mann heiratete. (Juliette VI, 319). Juliette, die im Nachahmungstalent nicht hinter Noirceuil zurückbleiben will, macht ein Stückchen der Kaiserin +Theodora+ nach. Sie streut sich Gerstenkörner auf die Geschlechtsteile und lässt sich dieselben von Gänsen aufpicken, was ihr eine unendliche Wonne bereitet (Juliette IV, 341).

Ueberaus häufig citirt +Sade+ den berüchtigten Marschall +Gilles Laval de Retz+ (+Rais+ -- z. B. Justine II, 171); Philosophie dans le Boudoir I, 153 -- über den +Bossard+ und +de Maulle+ eine ausgezeichnete Monographie geliefert haben.[431] Dieser „Ritter Blaubart“, ein Mann von schöner, eleganter Erscheinung und grosser Gelehrsamkeit, verlässt im 27. Jahre „den Hof, die bisherige, erfolggekrönte militärische Laufbahn, verstösst Weib und Kind, verschwindet auf seinem einsamen Schlosse, treibt unsinnige Verschwendung, ergiebt sich mystischen Studien, Teufelsbeschwörungen und Aehnlichem, verfällt dann sexuellen Ausschweifungen, wird Paederast, Kinderräuber, Mörder, Sadist, Leichenschänder u. s. w.“[432]. Dieses Ungeheuer lockte nach und nach 140 Kinder in sein Schloss, wo sie in scheusslicher Weise ermordet wurden. Das Opfer wurde niedergeworfen, entweder durch einen Knecht oder durch +Gilles de Retz+ selber, der Hals abgeschnitten, wobei +Gilles+ den Anblick des zuckenden Körpers wollüstig genoss. Dann schnitt er die Extremitäten ab, öffnete Brust oder Bauch und riss die Eingeweide heraus. Bisweilen setzte er sich auf den Körper des Opfers, um den Todeskampf zu fühlen, „plus content de jouir des tortures, des larmes, de l’effroi et du sang que de tout autre plaisir“. Auch köpfte er den Leichnam, nahm den Kopf in die Hände, betrachtete ihn mit wollüstigen Blicken und küsste ihn leidenschaftlich.[433] Der vom Beichtvater des Marschalls aufgezeichneten Beichte entnehmen wir noch die folgenden Details: „Egidius de Rays, sponte dixit, quamplures pueros in magno numero, cujus amplius non est certus, cepisse et capi fecisse, ipsosque pueros occidisse et occidi fecisse, seque cum ipsis +vicium et peccatum sodomiticum+ commisisse,.. tam ante quam post mortem ipsorum et in ipsa morte damnabiliter... cum quibus etiam languentibus vicium sodomiticum committebat et exercebat mode supra dicto.“ Gilles pflegte oft zu seinen Komplizen zu sagen: „Niemand auf der Welt versteht oder könnte auch nur verstehen, was ich in meinem Leben gethan habe. Es giebt Niemanden, der es thun könnte.“ Mit ähnlichem Stolze sprechen die Helden +Sade’s+ über ihre Unthaten. Schon +Eulenburg+ hat hervorgehoben, dass der Marquis +de Sade+ nicht nur dem Marschall +Retz+ an „verschiedenen Stellen von ‚Justine et Juliette‘ begeisterte Nachrufe widmet“, sondern dass er ihm auch „würdige Genossen“ giebt, u. a. in jenem Jérôme (Bd. 3 der Justine), der als Schlossherr in Sicilien durch seine Agentin Clementia überall Kinder aufgreifen und ankaufen lässt, um sie ganz im Stile des +Gilles de Rais+ zu Tode zu martern.[434]

+Das eigene Zeitalter des Marquis de Sade war aber überreich an einer Fülle ähnlicher Gestalten! Sade+ schildert, wenn er auch auf ethnologische Vorbilder und Persönlichkeiten einer fernen Vergangenheit zur Ergänzung des von ihm gezeichneten Sittenbildes zurückgreift, immer doch noch mehr seine eigene Zeit mit all ihren wilden Trieben, ihrer Wollust und ihrem Blutdurst. „Wie viele geheime, privilegierte Verbrecher“, sagt J. +Michelet+, „gab es, die man nicht zu verfolgen wagte! Die Mächtigen oder die durch Mächtige Geschützten überliessen sich entsetzlichen Phantasien, die sie oft zum Morde führten“.[435] +Michelet+ erzählt, dass ein Parlamentsrat ein junges Mädchen grausam misshandelte und darauf vergewaltigte. Er tötete seinen Kutscher, der sein Komplize war. Später, als die Sache doch ruchbar wurde, sich selbst.

+Sade+ erwähnt sehr häufig den Grafen +Charolais+ (z. B. Philosophie dans le Boudoir I, 153, II, 131), der „Morde aus Wollust begangen habe“. Dieser Graf von +Charolais+ (1700-1760) „düsteren Angedenkens“ verband nach +Moreau+ den empörendsten Cynismus mit einer kaum fassbaren Wildheit. Er liebte, Blut bei seinen Orgien fliessen zu sehen und richtete die ihm zugeführten Courtisanen in grausamer Weise zu. „Inmitten seiner Ausschweifungen mit seinen Maitressen war ihm nichts angenehmer, als mit seiner Flinte Dachdecker oder Passanten zu erschiessen“.[436] Das Herabrollen der Leichen vom Dache bereitete ihm ein unendliches Vergnügen.[437] Auch der Abbé +de Beauffremont+ soll die Menschen von den Dächern heruntergeschossen haben.[438] +Sade+ hat ebenfalls diese eigenartige Monomanie in das Register seiner sexuellen Perversionen aufgenommen. Juliette erschiesst ihren Vater, während sie sich mit einem anderen Manne geschlechtlich befriedigt, um den Genuss zu erhöhen (Juliette III, 115).

Nach +Michelet+ (a. a. O.) liebte dieser +Charolais+ das schöne Geschlecht nur „im blutigen Zustande“. Sein Vater, der Prinz +von Condé+, hatte schon ein Vergnügen daran gefunden, Menschen zu vergiften, so z. B. den Dichter +Santeul+, und hatte auf seine beiden Söhne, den Herzog von +Bourgogne+ und den Grafen +Charolais+ diese perversen Neigungen vererbt. Beide bedienten sich als einer Helfershelferin bei ihren Orgien der Madame +de Prie+. Eines Tages erschien, wie +Michelet+ erzählt, bei derselben eine Madame +de Saint-S+., die alsbald von den sauberen Herren Prinzen nackt ausgezogen wurde, et +Charolais+ la roula dans une serviette. Trotz dieses Erlebnisses liess sich die Unglückliche noch einmal in das Haus der +de Prie+ locken und wurde diesmal „wie ein Hühnchen gebraten“. Von ihren schweren äusseren und inneren Brandwunden erholte sie sich erst nach mehreren Jahren. Ausdrücklich erwähnt +Michelet+, dass der Herzog von +Bourgogne+ diese grausame Idee hatte. Sollte dieses Scheusal nicht in dem Herzog Dendemar in der „Juliette“ geschildert sein, der die nackten Leiber von vier Freudenmädchen mit brennendem Oel begiesst (Juliette I, 352)? Es ist doch sehr wahrscheinlich.

Ganz unverkennbar ist dagegen die folgende Uebereinstimmung und Entlehnung. Die +Goncourts+ erzählen von dem Herzog von +Richelieu+, dem Helden der berüchtigten Pastillen, dass es ihm ein besonderes Vergnügen bereitete, die von ihm gequälten Menschen +weinen+ zu sehen.[439] Bei +Sade+ (Justine I, 14) kommt ein Grosskaufmann Dubourg vor, dessen grösster geschlechtlicher Genuss darin besteht, Kinder und Mädchen weinen zu machen.

Der berüchtigte Anthropophage +Blaize Ferrage+, genannt Seyé, scheint ebenfalls dem Marquis +de Sade+ als Vorbild gedient zu haben. Dieser Mensch „hauste 1779 und 1780 in den französischen Gebirgsabhängen der Pyrenäen“ tötete Männer, Frauen und besonders junge Mädchen; Männer ass er nur aus Hunger, hingegen benutzte er die Frauen vor dem Morde zu sexuellen Genüssen, und es wurde berichtet, dass er besonders an Kindern seine Wollust auf die brutalste Weise befriedigte. Am 12. Dezember 1782 zum Tode durch das Rad verurteilt, wurde er, erst 25 Jahre alt, schon am folgenden Tage hingerichtet.[440] +Sade+ schildert ebenfalls einen solchen Anthropophagen, der wie +Ferrage+ im +Gebirge+ sein Wesen treibt. Das ist Minski, der „Eremit der Apenninen“ (Juliette III, 313).

+Brunet+ erwähnt noch mehrere sadistische Typen des 18. Jahrhunderts.[441] Ein vornehmer Pole, Verfasser verschiedener historischer Werke, der Graf von +Potocki+, soll Missethaten „dans le genre de ceux du marquis +de Sade+“ begangen haben und infolgedessen aus seinem Vaterlande verbannt worden sein. In +Lyon+ waren vor der Revolution die Sitten so verderbt, dass zahlreiche sadistische Attentate sich ereigneten, und +Michelet+ mit Recht in seiner „Geschichte der französischen Revolution“ behauptet, dass „nicht ohne Grund ein nur zu berühmter Schriftsteller mehrere Episoden eines verabscheuungswürdigen Romans in Lyon sich abspielen lasse“.

Wir können diese Bemerkung +Brunet’s+ noch durch eine merkwürdige Stelle bei +Sade+ bekräftigen. Im vierten Bande der „Justine“ entflieht die Titelheldin nach Lyon, wo sie einen gewissen Saint-Florent wiedertrifft, der die von ihm deflorierten jungen Mädchen sofort durch einen Mädchenhändler verkaufen lässt. An dieser Stelle sagt +Sade+ ausdrücklich, dass +dieser Mädchenhändler von Lyon eine historische Persönlichkeit sei. Es sei keine Fabel+ (Justine IV, 64-71).

+Jean Paul Marat+, auf den der Marquis +de Sade+ am 29. September 1793 eine noch erhaltene emphatische Gedenkrede hielt, dieser ohne Zweifel Blutdürstigste unter den grossen Revolutionären, wird dem Marquis manche Ideen, die wir in dessen Romanen finden, eingegeben haben. Er „geberdete sich wie ein Trunkener, der sich im Blute berauscht hat und von dem Dunst des vergossenen Blutes zu immer rasenderer Gier gereizt wird.“ Vor allem riet er in seinem „Ami du peuple“ die grossen +Massenmorde+ an und forderte immer wieder zu deren Wiederholung auf.[442] Wir werden die Pläne derartiger Massenmorde mehr als einmal in den Romanen des Marquis +de Sade+ antreffen.

Sonderbar ist die Behauptung des oben erwähnten phantasievollen deutschen Autors, dass „Justine“ und „Juliette“ „eigentlich nichts als eine Autobiographie des Marquis +de Sade+“ seien, dass Justine identisch sei mit der Mademoiselle +Aroût+, Juliette mit der Gräfin +de Bray+.[443]

Ebenso merkwürdig ist, dass der Geschmack an menschlichen Excrementen, der in +Sade’s+ Romanen eine so grosse Rolle spielt und der ja auch heute noch als besonderes psychopathologisches Phaenomen vorkommt, auch historisch in einer eigentümlichen Weise belegt werden kann. Unter +Ludwig+ XIV. trug der Intendant +Bullion+ immer eine goldene Dose bei sich, die, statt mit Tabak, mit menschlichen Faeces gefüllt war![444] In einer obscönen Schrift „Merdiana, ou Manuel des chieurs“[445] ist ein Mann dargestellt, wie er „tabak à la rose“ fabriciert.

26. Italienische Zustände im 18. Jahrhundert.

Im Jahre 1772, nach der Marseiller Skandalaffäre, entfloh der Marquis +de Sade+ mit seiner Schwägerin nach Italien, wo er sich 5 bis 6 Jahre aufhielt. Die Frucht dieses Aufenthaltes war die Schilderung der italienischen Zustände, die +mehr als drei Bände+ der „Juliette“ in Anspruch nimmt. (Vom Ende des dritten Bandes bis zum Ende des sechsten Bandes.) Er selbst macht ausdrücklich darauf aufmerksam, dass er Italien aus eigener Anschauung kenne, indem er sagt (Juliette III, 290): „Diejenigen, welche mich kennen, wissen, dass ich Italien mit einer sehr hübschen Frau durchreist habe, dass ich ‚par unique principe de philosophie lubrique‘, diese Frau dem Grossherzog von Toskana, dem Papste, der Prinzessin Borghese, dem König und der Königin von Neapel vorgestellt habe. Sie dürfen also überzeugt sein, dass alles, was die ‚partie voluptueuse‘ betrifft, exakt ist, dass ich thatsächlich die wirklichen Sitten der erwähnten Persönlichkeiten geschildert habe. Wären die Leser Augenzeugen der Szenen gewesen, sie hätten sie auch nicht aufrichtiger und getreuer beschreiben können. Auch in Betreff der Reiseschilderungen darf der Leser versichert sein, dass ich mich der grössten Genauigkeit befleissigt habe.“ Trotz dieser Versicherung kommen in +Sade’s+ Erzählung sehr viele Ungeheuerlichkeiten und Uebertreibungen vor, wie wir bei der späteren Analyse der „Juliette“ sehen werden. Aber ein +Kern+ von Wahrheit ist auch hier nachweisbar, bestimmte von +Sade+ geschilderte Verhältnisse sind wieder auffindbar, so dass wir auf die italienischen Zustände im 18. Jahrhundert einen kurzen Blick werfen wollen.

+Italien+ ist ja ohne Zweifel die Pflanzschule der echt modernen, raffinierten Unzucht, die, nebenbei bemerkt, stets am besten in den spezifisch +katholischen+ Ländern, an den Stätten der +Askese+ und des +Coelibats+ gediehen ist. Brauchen wir an +Pietro Aretino+, an +Papst Alexander+ VI., an +Lucrecia+ und +Cesare Borgia+, an +Giulio Romano+ und +Augusto+ und +Annibale Carracci+, diese grossen Praktiker und Künstler der Wollust zu erinnern? Wie unschuldig und naiv muten uns dagegen die Liebesabenteuer in +Boccaccio’s+ „Decamerone“ an! Freilich, damals gab es auch noch keine Jesuiten. Die +Renaissance+ und der +Jesuitismus+ bezeichnen eine neue Epoche in dem Geschlechtsleben Italiens, die vielleicht die reichsten kulturhistorischen Beziehungen aller Art aufweist und von uns in einer der folgenden Studien einer genauen Untersuchung unterzogen werden wird. Hier berühren wir kurz die Verhältnisse des 18. Jahrhunderts.