Der Marquis de Sade und seine Zeit.

Part 17

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Eine grosse Hinrichtung war immer, besonders in Paris, „eine Art von Fest für das Volk“, das sich sehr begierig zeigte, ihr beizuwohnen und genau alle Einzelheiten derselben zu sehen. Meist fanden diese Executionen auf der Place de Grève statt. Die berühmtesten waren die des Strassenräubers +Cartouche+ und seiner Bande (27. November 1721), des Räubers +Nivet+ und seiner Complicen (1729) durch das Rad, des +Deschauffonis+, der erst erdrosselt, dann verbrannt wurde (1733), der Gattenmörderin +Lescombat+ durch den Galgen (1755), des +Damiens+ durch Vierteilung (1757), des Giftmörders +Desrues+ und seiner Frau durch das Rad (1777). Strassenrufer verkündigten Tag und Stunde der Hinrichtung und verkauften das gedruckte Urteil. Eine „ungeheure Menschenmenge versammelte sich auf dem Executionsplatze“. In dieser tumultuösen und oft leidenschaftlich erregten Menge waren die Frauen und Kinder nicht die am wenigsten Ungeduldigen. Jede folgte „avec ardeur“ allen Peripetien der Hinrichtung, die oft länger als eine Stunde dauerte. Der Scharfrichter, umgeben von seinen Knechten, trug die Miene eines Seigneur inmitten seiner Bedienten zur Schau, war frisiert, gepudert, ausgesucht vornehm in weisse Seide gekleidet und blickte stolz umher. Das Volk verlor keine seiner Bewegungen aus den Augen. Der Verurteilte bekam es zu merken ob das Volk guter oder schlechter Laune war, da man ihn je nachdem bald mit Beifalls- und Mitleidsrufen, bald mit Schimpf- und Zornesrufen überschüttete.[399]

Die grässlichste Hinrichtung, die vielleicht jemals vollzogen worden ist, war die des unglücklichen +Robert François Damiens+, der am 5. Januar 1757 einen Mordversuch auf den König +Ludwig+ XV. machte und dafür am 28. März dieses Jahres unter entsetzlichen Martern vom Leben zum Tode gebracht wurde. +Thomas Carlyle+, dieser, was den Ausdruck des Affects betrifft, ohne Zweifel grösste Geschichtschreiber der grossen Revolution, bricht angesichts der blutigen Greuel der Schreckenszeit in den Ruf aus: „Ach diese ewigen Sterne, blicken sie nicht hernieder, wie glänzende von Thränen unsterblichen Mitleids perlende Augen, voll Mitleid über der Menschen Los!“[400] Uns scheint, dass +tausend+ Hinrichtungen mit der Guillotine nicht die eine furchtbare Exekution des armen +Damiens+ aufwiegen können, die wirklich gen Himmel schreit und das Mitleid der Sterne anruft, dass diese Schandtat des ancien régime selbst durch die während der Revolution geflossenen Ströme von Blut kaum gelöscht worden ist. Und wenn wir nun die Einzelheiten derselben vernehmen, dann wird uns ein Blick in die Grausamkeit der französischen Volksseele eröffnet, der mit einem Schlage die Werke eines Marquis +de Sade+ begreiflich macht und den wollüstigen Blutdurst der Revolution vorherahnen lässt.

Ueber die Hinrichtung des +Damiens+ besitzen wir den Bericht eines Augenzeugen, dem wir in der Hauptsache folgen.[401]

An +Damiens+ wurde dasselbe Urteil vollstreckt wie an dem Mörder +Heinrich’s+ IV., +François Ravaillac+, am 27. Mai 1610. Er (Damiens) wurde zunächst am Morgen des 28. März 1757 gefoltert, wobei ihm mit glühenden Zangen Brüste, Arme, Schenkel und Waden aufgerissen und in die Wunden geschmolzenes Blei, siedendes Oel, brennendes Pech mit Wachs und Schwefel vermischt, gegossen wurden. Gegen drei Uhr Nachmittags wurde der Unglückliche dann zuerst nach Notre-Dame und darauf zum Grève-Platze geführt. Alle Strassen, die er dorthin passieren musste, waren von einer dichten Menschenmenge (monde affreux) besetzt, die „weder Hass noch Mitleid“ bezeugte. +Charles Monselet+ berichtet: „Wohin auch der Blick sich wendete, überall bemerkte er nur die Menge, immer wieder die Menge. Die Menge unter der Arkade Saint-Jean! Die Menge in den ersten Häusern der Rue de la Mortellerie! Die Menge in der Rue de la Vannerie! Die Menge in der Rue de la Tannerie! Die Menge an der Kreuzung der Rue de l’Epine und der Rue de Mouton! Die Menge an allen Ausgängen des Platzes. Auf dem Platze selbst eine compakte Menge, bestehend aus allen möglichen Elementen, aber vor allem aus dem Pöbel. In den Fenstern eine geschmückte, kokette Menge; vornehme Herren und grosse Damen, grosse Damen besonders, die mit dem Fächer spielten und ihre Riechfläschchen im Fall einer Ohnmacht bereit hielten.“[402] Um 4½ Uhr nahm dann jenes grässliche Schauspiel seinen Anfang, dessen blosse Schilderung uns -- wir wollen dies nicht verschweigen -- noch heute Thränen des Mitleids und des Wehs über die unsäglichen Leiden eines längst in Staub Zerfallenen entlockt hat.

In der Mitte des Platzes war eine niedrige Plattform errichtet, auf welcher der Unglückliche, der weder Furcht noch Erstaunen zeigte, sondern nur den Wunsch bekundete, schnell zu sterben, von den sechs Henkern mit eisernen Ringen festgebunden wurde, so dass der Rumpf vollkommen fixiert war. Darauf fesselte man ihm die rechte Hand und liess sie in einem schwefligen Feuer verbrennen, wobei der Bejammernswerte ein entsetzliches Geschrei erhob. Man sah (nach +Monselet+), während die Hand verbrannt wurde, die Haare des Unglücklichen sich auf dem Kopfe steil emporrichten! Darauf zwickte man wieder den Körper mit glühenden Zangen und riss ihm Fleischstücke aus der Brust und an anderen Stellen aus, goss dann flüssiges Blei und kochendes Oel in die frischen Wunden, was, wie es in den „Mémoires“ von +Richelieu+ heisst, die Luft auf dem ganzen Grève-Platze durch den entsetzlichen Gestank verpestete. Nunmehr befestigte man um Oberarme und Oberschenkel, um Hand- und Fussgelenke grosse Taue, die mit dem Geschirr von vier Pferden verbunden wurden, welche an den vier Ecken der Plattform standen. Dann trieb man diese Pferde an, die so den Delinquenten zerreissen sollten. Allein diese waren nicht gewohnt, solche Henkersdienste zu tun. +Mehr als eine Stunde+ hieb man auf sie ein, ohne dass es ihnen gelang, eine der Extremitäten abzureissen. Nur die gellenden Schmerzensschreie unterrichteten die „nombre prodigieux de spectateurs“ von den unerhörten Qualen, die hier ein menschliches Wesen erdulden musste. Man spannte sechs Pferde vor, die alle zugleich in Bewegung gesetzt wurden. Das Geschrei des +Damiens+ steigerte sich zu einem wahnsinnigen Gebrüll. „So kräftig war dieser Mensch.“ Wieder blieb der Erfolg aus. Endlich bekamen die Henker von den Richtern die Erlaubnis, das grauenvolle Werk durch Einschneiden der Gelenke zu erleichtern. Zuerst durchtrennte man die Hüftgelenke. Der Unglückliche „hob noch den Kopf, um zu sehen was man mit ihm machte,“ schrie aber nicht, sondern drehte oft den Kopf nach dem ihm entgegengehaltenen Kruzifix, das er küsste, während zwei Beichtväter auf ihn einsprachen. Endlich nach 1½ Stunden dieser „Leiden ohne Beispiel“, wurde der linke Schenkel zuerst abgerissen. +Das Volk klatschte in die Hände+! Der Delinquent hatte sich bis jetzt nur „neugierig und gleichgültig“ gezeigt. Als aber der andere Schenkel weggerissen wurde, fing er wieder an zu schreien.[403] Nachdem man die Schultergelenke durchgehauen hatte, wurde zuerst der rechte Arm abgetrennt. Das Geschrei des Unseligen wurde schwächer, und der Kopf begann zu wackeln. Erst beim Abreissen des linken Armes fiel derselbe hintenüber. So war nur der zuckende Rumpf übrig, der noch lebte und ein Kopf, dessen Haare plötzlich weiss geworden waren. Er lebte noch! Während man die Haare abschnitt und die vier Gliedmassen sammelte, stürzten die Beichtväter zu ihm. Aber +Henri Sanson+ (der Scharfrichter) hielt sie zurück, indem er ihnen mitteilte, dass +Damiens+ soeben den letzten Seufzer ausgehaucht habe. „Die Wahrheit ist“, schreibt der zuverlässige +Bretonne+, „dass ich noch den Rumpf sich drehen und den Unterkiefer, wie wenn er spräche, sich hin und herbewegen sah.“ Dieser Rumpf atmete noch! Seine Augen wandten sich noch gegen die Umstehenden. Man berichtet nicht, ob das Volk noch zum zweiten Male in die Hände klatschte. Sicher ist, dass während der Dauer der ganzen Hinrichtung Niemand daran dachte, seinen Platz zu verlassen, weder in den Fenstern noch auf der Strasse. Die Reste des Märtyrers wurden auf einem Scheiterhaufen verbrannt, und die Asche in die vier Winde zerstreut.[404] „Dies war das Ende jenes Unglücklichen, der -- man möge es glauben -- die grössten Qualen erlitt, die jemals ein Mensch erlitten hat, was die +Dauer+ derselben anbetrifft.“ So schliesst der Herzog von +Croy+, ein Augenzeuge, seinen Bericht, den wir fast wörtlich übersetzt haben. Und +Monselet+ ruft aus: „Dass man mir nicht mehr von der Anmut und dem Leichtsinn des achtzehnten Jahrhunderts spricht! Dieses rosige Jahrhundert ist für ewig befleckt mit dem Blute des +Damiens+!“ Noch einige andere Nachrichten von Augenzeugen teilen wir mit, die jenem Bilde des Jammers eine infernalische Ruchlosigkeit zur Seite stellen, wie sie selbst ein +Sade+ kaum hat schildern können. Und man denke sich, dass das, was wir berichten, +wirklich+ geschah! Ein ganzes Volk berauscht sich vier Stunden hindurch an den entsetzlichsten Qualen, welche die Welt jemals gesehen hat!

„Der Zusammenfluss von Menschen in Paris an diesem Tage war unbeschreiblich. Die Bewohner der benachbarten Dörfer und der entfernten Provinzen, sogar Ausländer waren herbeigekommen wie zu der glänzendsten Lustbarkeit. Nicht allein die Fenster nach dem Gerichtsplatz zu, sondern auch die Dachfenster und Bodenluken wurden mit einem rasenden Preise bezahlt. Kopf an Kopf war auf den Dächern zu sehen. +Am meisten erstaunte man über die hitzige Begierde der Frauenzimmer+, die sonst so gefühlvoll, so mitleidig sind, diesem grässlichen Schauspiel nachzugehen, +sich daran zu weiden+, und es mit aller seiner Schrecklichkeit bis ans Ende thränenlos und ohne Rührung zu betrachten, während alle Mannspersonen schauderten und ihr Gesicht wegwandten.“[405]

Madame +du Hausset+ erzählt in ihren Memoiren, dass man sogar während der Hinrichtung spielte.[406] Ja, man that noch Schlimmeres. +Casanova+, der einer von den Ausländern war, welche der Execution beiwohnten, berichtet über eine Szene, welche eine schauerliche Illustration zu der Lehre +Sade’s+ ist, dass die Qualen eines Anderen die eigne Wollust aufstacheln. +Casanova+ erzählt: „Am 28. März, dem Tage des Märtyrertums von +Damiens+, holte ich die Damen schon früh bei der +Lambertini+ ab, und da der Wagen uns kaum fassen konnte, nahm ich ohne Schwierigkeit meine reizende Freundin auf den Schoss und wir begaben uns so nach dem Grèveplatze. Die drei Damen drängten sich zusammen, so viel sie vermochten und nahmen die erste Reihe an dem Fenster ein; sie bückten sich dabei und stützten sich auf die Arme, um uns nicht zu verhindern, über ihre Köpfe hinwegzusehen. Das Fenster hatte drei Stufen oder Tritte, und die Damen standen auf dem zweiten. Um über sie wegsehen zu können, mussten wir uns auf dieselbe Stufe stellen; denn auf dar ersten würden wir sie überragt haben. Nicht ohne Grund gebe ich meinen Lesern diese näheren Umstände an. Denn sonst würde es schwer sein, die Details zu erraten, die ich ihnen verschweigen muss.

„Wir besassen die Ausdauer, vier Stunden bei diesem abscheulichen Schauspiel zu verharren. Die Hinrichtung des +Damiens+ ist zu bekannt, als dass ich davon zu sprechen brauchte; zunächst, weil die Schilderung zu lang sein würde, und dann, weil solche Greuelthaten die Natur empören. Während der Hinrichtung dieses Opfers der Jesuiten[407] musste ich die Augen abwenden und mir die Ohren zuhalten, wenn ich das herzzerreissende Geschrei hörte, als er nur noch seinen halben Körper hatte; aber die +Lambertini+ und die dicke Alte machten nicht die geringste Bewegung; war das eine Wirkung der Grausamkeit ihres Herzens? Ich musste mich stellen, als glaubte ich ihnen, indem sie mir sagten, der Abscheu den ihnen das Attentat dieses Ungeheuers einflösste, hätte sie gehindert, das Mitleid zu fühlen, welches notwendiger Weise der Anblick der unerhörten Qualen, denen man ihn unterwarf, erregen musste. Die Thatsache ist, dass +Tiretta+ die fromme Alte während der Zeit der Hinrichtung auf eine eigentümliche Weise beschäftigt hielt. Vielleicht war das auch die Ursache, dass diese tugendhafte Dame keine Bewegung machte und auch den Kopf nicht umdrehte. Da er sehr nahe hinter ihr stand, hatte er die Vorsicht gebraucht, ihr Kleid in die Höhe zu schlagen, um nicht die Füsse darauf zu setzen. Das war ohne Zweifel in der Ordnung; allein als ich eine unwillkürliche Bewegung nach der Seite machte, bemerkte ich, dass +Tiretta+ die Vorsicht zu weit getrieben hatte.“[408]

Jeder Commentar zu der Erzählung +Casanova’s+ ist überflüssig. Dass es sich nicht um einen +momentanen+ Anfall von Satyriasis gehandelt, sondern um eine die einzelnen Phasen der grauenvollen Hinrichtung +begleitende+ und durch sie +hervorgerufene+ wollüstige Ekstase, geht mit aller Evidenz daraus hervor, dass diese scheusslichen sexuellen Manöver +zwei Stunden+ lang dauerten, wie +Casanova+ ausdrücklich hervorhebt.[409] „Die Handlung wurde wiederholt und ohne einen Widerstand.“

Dass +Ludwig+ XV. den Gesandten mit grossem Behagen alle Einzelheiten dieser Execution mitteilte, wird nicht Wunder nehmen.[410] Auch die Hinrichtung des Giftmischers +Desrues+, der am 6. Mai 1772 gerädert und dann noch lebend verbrannt wurde, lockte eine grosse Zuschauermenge an, „spectateurs distingués ont désiré jouir de cet épouvantable spectacle“, und die Zimmer auf dem Grèveplatze wurden „sehr teuer vermietet.“[411]

Die Revolution fand also ein auf Hinrichtungen wohl dressiertes Publikum vor. Wir betonen nochmals, dass +Sade+ alle Greuel der Schreckenszeit mit erlebt hat, da er 1790 freigelassen wurde und nur von Dezember 1793 bis zum 10. Thermidor (28. Juli) 1794 wieder im Gefängnis sass. Gleich die ersten Vorläufer der Septembermorde, die Erstürmung der Bastille (14. Juli 1789), der Zug nach Versailles (5. Oktober 1789), die blutigen Ereignisse in Avignon in den Jahren 1790 und 1791, lassen erkennen, welche Rolle die +Frauen+ bei den Hinrichtungen und Morden spielen würden, und dass keineswegs den französischen Frauen des Volkes der Blutdurst und die Grausamkeit eigentümlich war. In Avignon war der Streit zwischen den päpstlichen Aristokraten und dem patriotischen Volke aufs heftigste entbrannt. Schon Anfang 1790 forderte der „päpstliche Galgen“ seine Opfer, um bald nach Ankunft des berüchtigten +Jourdan+ von dem „patriotischen“ Galgen abgelöst zu werden. Am 14. September 1791 wurde Avignon dem französischen Reich einverleibt und eine Regierung von „sechs leitenden Patrioten“ eingesetzt. Am 16. Oktober 1791 begab sich einer derselben, +l’Escuyer+ in die Cordelierskirche, um dort die Päpstlichen zusammen zu treffen und „ein Wort der Ermahnung zu ihnen zu sprechen“. Die Antwort darauf war „ein kreischendes Geheul der +aristokratisch-päpstlichen+ Andächtigen, worunter +viele Weiber+ waren. Ein tausendstimmiges drohendes Geschrei, das, da +l’Escuyer+ nicht floh, zum tausendhändigen Drängen und Stossen wurde, zum tausendfüssigen Treten, mit Niederfallen und Getretenwerden, mit dem Stechen von Nadeln, Scheren und anderen weiblichen zugespitzten Instrumenten. Grässlich zu sehen, wo rund herum die alten Toten und Petrarcas Laura schlafen, der Hochaltar und brennende Kerzen und die Jungfrau darauf herniederblicken; die Jungfrau ganz ohne Thränen und von der natürlichen Farbe des Steins. -- +l’Escuyers+ Freunde stürzen wie Hiobsboten zu +Jourdan+ und der Nationalmacht. Aber der schwerfällige +Jourdan+ will sich vorerst der Stadtthore bemächtigen, eilt nicht so dreifach schnell, als er könnte, und als man in der Cordelierskirche anlangte, ist sie still und leer; +l’Escuyer+, ganz allein, liegt da am Fusse des Hochaltars, in seinem Blute schwimmend, von Scheren zerstochen, unter die Füsse getreten, massakriert. Seufzt noch einmal dumpf und haucht sein elendes Leben für immer aus.“[412] Nun folgte das schreckliche Strafgericht, welches unter dem Namen des „Eisturms“ von Avignon für immer einen traurigen Ruhm erlangt hat. Männliche und weibliche Aristokraten wurden ins Schloss geschleppt und in unterirdische Kerker am Rhonefluss geworfen. Neben diesen Verliessen befand sich die „Glacière“ (auch „Trouillas“ oder „Pressoir“ genannt), der berüchtigte „Eisturm“, ein „lieu de mort, lieu de supplice“, die grosse Totenkammer, in welche früher die Opfer der Inquisition lebend hinabgeworfen wurden, mitten unter Skelette, wo man sie verhungern liess. Wieder sah dieser entsetzliche „Eisturm“ Thaten, „für die die Sprache keine Namen besitzt.“ -- Undurchdringliches Dunkel und Schatten entsetzlicher Grausamkeit umhüllen diese Schlosskerker, diesen Glacièreturm. Nur dies ist klar, dass viele eintraten, wenige zurückgekehrt sind. Als am 15. Novbr. 1791 der General +Choisi+ in Avignon einrückte und +Jourdan+ absetzte, da fand man im Eisturme „+hundertdreissig Leichname+ von Männern und Weibern, ja selbst Kindern (denn die zitternde Mutter, hastig hingeschleppt, konnte ihr Kind nicht verlassen) lagen aufgehäuft in jener Glacière, faulend unter Fäulnis, zum Entsetzen aller Welt.“

Unverkennbar hat der Marquis +de Sade+ diesen Eisturm von Avignon, der alten Heimat seines Geschlechtes, diese unterirdischen Gewölbe mit ihren Skeletten in dem von Skeletten erfüllten unterirdischen Gewölbe des Schlosses von Roland geschildert, in welches dieser seine Opfer schleppt. So wird auch Justine in diesen von Toten bewohnten unterirdischen Abgrund hinabgestossen und ihrem Schicksal überlassen (Justine IV, 176, 221).

Nach der Massakrierung der unglücklichen Schweizer am 10. August 1792, von der +Carlyle+ sagt, dass „wenige Fälle in der Geschichte der Blutbäder furchtbarer“ seien, und dass die alte „deutsche Biederkeit und Tapferkeit“ in den für den König todesmutig kämpfenden Schweizern sich wieder gezeigt habe, kam jene +Septemberwelt+ „dunkel, voll Nebel, wie eine Lappländer Hexenmitternacht“; vom Sonntag dem 2. September 1792 nachmittags bis zum Donnerstag, 6. September 1792 abends folgen nacheinander „hundert Stunden, die man der Bartholomäusmordnacht, den Armagnacmetzeleien, der Sicilianischen Vesper oder dem Allerschrecklichsten in den Annalen dieser Welt an die Seite stellen muss. Schrecklich ist die Stunde, ruft +Carlyle+ aus, wenn die Seele des Menschen in ihrem Wahnsinn alle Schranken und Gesetze durchbricht und zeigt, welche Höhlen und Tiefen in ihr liegen! Aus ihrem unterirdischen Kerker sind nun Nacht und Orkus ausgebrochen hier in diesem Paris, wie wir sagten, wie es schon lange prophezeit war; grässlich, verworren, peinlich anzusehen, und doch kann man, ja man sollte wirklich nicht es jemals vergessen“.[413]

Priester, Aristokraten, Schweizer wurden aus den Gefängnissen hervorgeholt und auf der Strasse von der wütenden Volksmenge in Stücke gehauen. Allen voran die rasenden Weiber! „Und es bildet sich ein hoher Haufen von Leichen, und die Gassen strömen von Blut.“ Dazu das Geheul der Mörder mit den schweiss- und bluttriefenden Gesichtern, das noch grausamere Wutgeschrei der Weiber. „Und unter diese Menschen wird nackt ein Mitmensch geschleudert!“ Einer um den andern wurde niedergemacht, die Säbel müssen frisch geschliffen werden, die Mörder erfrischen sich aus Weinkrügen. Fort und fort dauert die Schlächterei, das laute Geheul wurde zum tiefen Knurren. Der Prinzessin +Lamballe+ wird der schöne Kopf mit der Axt gespalten und vom Rumpfe getrennt. Ihr schöner Leib wird in Stücke gehauen, unter „Schändlichkeiten, obscönen Greueln von Schnurrbart -- grands-lèvres, die die Menschheit gern für unglaublich hielte“. Schweigen wir über alles Weitere, von +Jourgniac’s 38stündiger Todesangst+[414], von +Matons Erlebnissen+ vor seiner „Résurrection“[415] und von dem Dritten im Bunde, dem armen +Abbé Sicard+.[416] Diese drei könnten wir hören in „wunderbarer Trilogie oder dreifachem Selbstgespräch, womit sie gleichzeitig ihre Nachtgedanken, während ihrer schrecklichen Nachtwachen, für uns hörbar machten.“ Die drei könnten wir hören, aber „die anderen +Tausendundneunundachtzig+, worunter Zweihundertzwei Priester, die ebenfalls ihre Nachtgedanken hatten, bleiben unhörbar für immer in schwarzem Tode erstickt.“[417]

Nunmehr beginnt die Guillotine[418] ihr Werk. Wie sie es gethan hat in den Jahren 93 und 94, darüber möge man das ergreifende Kapitel bei +Carlyle+ nachlesen[419]. Aber über den Schrecken erhoben sich noch die „grands terroristes“, die +grossen Schreckensmänner+, Gestalten der Hölle, die +Fouché+, +Collot+, +Couthon+ in Lyon, die +Saint-André+ in Brest, die +Maiquet+ in Orange, +Lebon+ (der Namensvetter eines modernen ebenso scheusslichen +Lebon+) in Arras und +Carrier+ in Nantes, diese „Weltwunder“ (nach +Carlyle+) schwelgen in „Strömen sich ergiessenden Todes“, sie schwelgen aber auch wie die Gestalten des Marquis +de Sade+ in -- Wollust.

Schon +Brunet+ hat den grössten der grossen Terroristen, +Jean Baptiste Carrier+ als einen derjenigen bezeichnet, die +Sade+ als Vorbild für die blutigen Schilderungen in seinen Romanen gedient haben und ohne welche „letztere nicht diesen wilden Charakter gehabt haben würden“[420].

Neuere Forschungen, insbesondere die Schrift des Grafen +Fleury+[421] haben dies vollauf bestätigt. +Carrier+ war ein Schlächter und Henker aus Wollust. Er errichtete in Nantes ein „Serail“, in dem er mit seiner Geliebten und Oberaufseherin +Caron+ sich den widerlichsten Orgien hingab. Er „stürzte sich in die Wollust hinein, ohne Sättigung zu finden.“ Il faudrait un volume, pour rappeler les orgies auxquelles présida le représentant. Er +liess schöne Frauen, nachdem er sie genossen hatte, ertränken.+ In seinem Serail an der Barrière de Richebourg in Nantes verbrachte er, wie es in einem Briefe +Julliens+ an +Robespierre+ heisst, seine Nächte mit „frechen Sultaninnen und niedrigen Schmeichlern, die ihm als Eunuchen dienten, während die +Caron+ diese Orgien leitete.“ Nachdem in Nantes guillotiniert worden war, bis „des Scharfrichter todmüde hinsank“, füsilierte man in der Ebene von Saint-Maure „Kinder und Weiber mit Kindern an der Brust“ bei hundertundzwanzig, und Männer bei vierhundert, bis man auch dessen müde ward und zu den „+Noyades+“, den Ersäufungen griff, die „berüchtigt geworden sind für alle Zeiten.“

In flachen Fahrzeugen, sogenannten „gabares“ fuhr man hinaus im Dunkel der Nacht. Neunzig Priester sind auf dem Schiffe, das plötzlich auf ein gegebenes Zeichen versinkt. „Das Urteil der Deportation“, schreibt +Carrier+, „wurde +senkrecht+ vollstreckt“. (Déportation verticale). Bald folgte eine zweite Noyade von 138 Personen. Und dann griff man zu Schiffen mit aufklappbaren Böden, die sich öffneten, und wenn in der Todesangst die Unglücklichen ihre Finger durch die Luken steckten, liess der scheussliche +Grandmaison+, der Helfershelfer +Carrier’s+, die Finger abhauen![422] Man warf auch die Opfer mit gebundenen Händen ins Wasser, ergoss einen beständigen Bleihagel über die Flussstelle, bis der letzte mit dem Wasser Kämpfende untergegangen war. Viele Zeugen versichern, dass man oft die Frauen vollständig nackt auszog, dass man kleine Kinder hineinwarf, deren jammernden Müttern erwidert wurde: „Wölflein, die zu Wölfen heranwachsen werden.“ Weiber und Männer werden zusammengebunden und hineingeworfen. Das sind die „+republikanischen Hochzeiten+“ (mariages républicains), ebenso berühmt für alle Zeit. Und als der Strom die Leichen wieder zurückwälzt, als Raben und Wölfe sich gierig auf die am Flussufer liegenden Cadaver stürzen, da ruft +Carrier+ aus: „Quel torrent révolutionnaire!“ Es ist Nacht. Da verlässt dieser Nero der Revolution sein Serail, begleitet von seinen Dirnen und Cumpanen „en joyeuse compagnie.“ Sie schauen dem grässlichen Schauspiele zu, und dann „la noyade faite, il passait les nuits en orgies bacchiques avec des femmes et ses ‚roués‘ ordinaires.“ So meldet die Geschichte. Auch dass es 25 Noyaden waren, und dass im ganzen 4860 Menschen ertränkt wurden, darunter viele Kinder unter 15 Jahren.[423] Es geschah in der Dunkelheit, aber es „wird einst am Sonnenlicht untersucht und nicht vergessen werden Jahrhunderte lang.“ (+Carlyle+).