Der Marquis de Sade und seine Zeit.
Part 20
+Jacques François Paul Alphonse de Sade+, der +Onkel+ unseres Marquis +de Sade+, hat auf diesen den grössten Einfluss ausgeübt und muss deshalb ausführlicher behandelt werden. Er wurde im Jahre 1705 geboren als der dritte Sohn von +Gaspar François de Sade+ und widmete sich dem Studium der Theologie, wurde Generalvikar der Erzbischöfe von Toulouse und Narbonne (1735), hielt sich lange Jahre in Paris auf, wo er „sehr profane und glückliche Tage“ an der Seite der schönen Madame +de la Popelinière+, der Geliebten des Marschalls von Sachsen verlebte. Er war ein eleganter Schriftsteller, ein geistvoller Mann, der sich „allen frivolen Genüssen des 18. Jahrhunderts“ hingab,[481] um zur rechten Zeit dem „Skepticismus, den wenig verhüllten Grazien, dem guten Geschmack und Luxus von Paris“ Valet zu sagen und sich in die ländliche Einsamkeit im Thale von Vaucluse zurückzuziehen, wo er sein Leben fortan verbrachte, nicht in strenger Askese und unfruchtbarer Reue über die bewegte Vergangenheit, sondern in dem Cultus, den er dem guten Genius seines Hauses weihte. Die schöne +Laura+ wurde für +François de Sade+ der ganze Inhalt seines Lebens. Hier in Saumane schrieb er jenes Werk über +Petrarca+ und seine +Laura+, welches noch heute durch die Sorgfalt der Untersuchungen und die Mitteilung zahlreicher merkwürdiger Details aus dem Leben der Beiden jedem Petrarca-Forscher unentbehrlich ist: die „Mémoires sur la vie de François Pétrarque“ (Amsterdam 1764, 3 Bände). Ferner gab er eine vorzügliche Uebersetzung der Werke des Dichters heraus, und endlich die nicht minder inhaltreichen und für die Geschichte des 14. Jahrhunderts wichtigen „Remarques sur les premiers poètes français et les troubadours“. Er starb den 31. Dezember 1778.
Wenn man von einer „hereditären Belastung“ des Marquis +de Sade+ sprechen will, so kann man nur an diesen Oheim denken. Denn es ist häufig, dass der Neffe die Eigenschaften des Onkels und nicht die des Vaters erbt. Hierzu kommt, dass der Oheim eine Zeit lang die Erziehung des Neffen leitete. Jedenfalls teilte der Letztere, allerdings in potenziertem Masse, die Neigungen des Oheims einerseits zu Frivolität und zu einem galanten Leben, andererseits zur Schriftstellerei. Auch der Marquis +de Sade+ war ein Bibliophile. Und wenn der Oheim nur in der Jugend der Liebe huldigte, so machte der Neffe die +Wollust+ in Theorie und Praxis zu seiner +Lebensaufgabe+.
Der +Vater+ des Marquis +de Sade+, der Graf +Jean Baptiste François Joseph de Sade+ wurde im Jahre 1700 geboren, schlug die militärische Laufbahn ein, um dann im Jahre 1730 als Gesandter nach Russland und 1733 nach London zu gehen. Er verschwägerte sich mit den Bourbonen durch seine Verheiratung mit +Marie Eléonore de Maillé+, der Nichte des Kardinals +Richelieu+, Hofdame der Prinzessin +Condé+. Auch der grosse +Condé+ hatte eine +Maillé+ geheiratet. Der Comte +de Sade+ wurde 1738 zum Generallieutenant für Bresse, Bugey und Valromey ernannt, kaufte das Landgut Montreuil bei Versailles, wo er als Privatmann lebte und eifrig die Abtei Saint-Victor besuchte, die auch in den Romanen seines Sohnes vorkommt. Er starb am 24. Januar 1767 und hinterliess mehrere Manuscripte von Anekdoten, moralischen und philosophischen Gedanken, sowie eine grosse Korrespondenz über den Krieg in den Jahren 1741-1746.
Gleich hier gedenken wir eines Sohnes des Marquis +de Sade+, der sich als Schriftsteller und Mensch einen geachteten Namen erworben hat. Das ist +Louis-Marie de Sade+, der älteste Sohn, geboren 1764 zu Paris. Er hatte zu Pathen den Prinzen +Condé+ und die Prinzessin +Conti+, wurde Offizier, als welcher er einem Menschen mit eigner Gefahr das Leben rettete, wanderte beim Beginne der Revolution aus und kam Ende 1794 nach Paris zurück, wo er Anfangs als Graveur thätig war. Er schrieb dann eine auf gründlichen Forschungen beruhende „Histoire de la nation française“ (Paris 1805) und wurde Mitglied der „Académie celtique“, trat später wieder ins Heer ein, kämpfte bei Jena, wurde in der Schlacht bei Friedland verwundet und am 9. Juni 1809 von Briganten in Otranto ermordet.[482]
3. Die Kindheit des Marquis de Sade.
Der zweite Juni des Jahres 1740 war der Tag, an welchem einer der merkwürdigsten Menschen des 18. Jahrhunderts, ja der modernen Menschheit überhaupt, das Licht der Welt erblickte. Es war im Hause des grossen +Condé+, wo +Donatien Alphonse François, Marquis+[483] +de Sade+ geboren wurde: der Philosoph des Lasters, der „professeur de crime“, wie ihn +Michelet+ und nach ihm +Taine+ genannt haben. Als 4jähriges Kind kam er zu seiner Grossmutter nach Avignon, in die sonnige Provence, einige Jahre darauf in die Abtei Ebreuil zu seinem Oheim, der ihn mit Sorgfalt erzog und ihm den ersten Unterricht erteilte, bis er im Jahre 1750 im Collège Louis-le-Grand in der Rue Saint-Jacques in Paris untergebracht wurde. Dieses Unterrichtsinstitut galt für das beste in Frankreich und gewährte seinen Schülern die Möglichkeit einer gründlichen und vielseitigen Ausbildung. Sie mussten öffentliche Vorträge halten, Theaterstücke aufführen, Disputationen veranstalten u. s. w. Man nahm mehr Rücksicht auf den Geist als auf den Körper, der sich zudem bei der sehr häufigen Anwendung der Prügelstrafe nicht besonders wohl fühlen konnte.[484]
Auf jene Periode beziehen sich verschiedene Schilderungen der Persönlichkeit des Knaben +Sade+, die alle wenig verbürgt sind. Nach +Uzanne+[485] war er zu dieser Zeit ein „anbetungswürdiger Jüngling, mit zartem, blassem Gesicht, aus dem zwei grosse +schwarze+ Augen hervorleuchteten.“ Aber schon war um sein ganzes Wesen eine Atmosphäre des Lasters verbreitet, die seine Umgebung mit ihrem giftigen Hauche verpestete und um so gefährlicher war, als das Kind eine unwillkürliche Sympathie durch eine fast „weibliche Anmut“ einflösste. +Lacroix+ verleiht ihm eine „zierliche Figur, +blaue+ Augen und blonde, schön frisierte Haare.“[486] Ein deutscher Autor ergeht sich in folgenden Phantasien: „Der junge Vicomte war von so aussergewöhnlicher Schönheit, dass alle Damen, die ihn erblickten, selbst als er noch ein Knabe war, stehen blieben, um ihn zu bewundern. Mit seinem reizenden Aeussern verband er eine natürliche Anmut in allen seinen Bewegungen und sein Organ war so wohlklingend, dass schon seine Stimme allen Frauen ins Innerste ihres Herzens dringen musste. Sein Vater liess ihn stets nach der neusten Mode gekleidet einhergehen, und die damalige Rococotracht hob die glänzende Erscheinung des jungen Mannes noch mehr hervor. Wer weiss, ob der Verfasser der Justine und Juliette unter anderen Verhältnissen ein solcher Ausbund von Verruchtheit geworden und ob er den Damen so sehr aufgefallen wäre in der geschmacklosen Tracht unseres Zeitalters.“[487]
Richtig ist wohl nur, dass der Marquis +de Sade+ wenigstens als Jüngling eine angenehme Erscheinung war. Leider existiert kein authentisches Porträt von ihm. In einem um 1840 veröffentlichten kleinen Werke „Les fous célèbres“ findet sich eine sehr schlechte Lithographie, die den Marquis +de Sade+ darstellen soll, aber ein blosses Phantasieprodukt ist. Zwei weitere Porträts wurden in Brüssel zu Tage gefördert. Das eine, sehr schlecht ausgeführte, befindet sich in einem ovalen Rahmen und soll aus der Sammlung des Herrn +de la Porte+ stammen.[488] Das andere, sehr gute Bild, stellt den Marquis von Dämonen umgeben dar, die ihm ins Ohr blasen, trägt die Bezeichnung „H. Biberstein sc.“ und soll aus der Sammlung eines Herrn H*** in Paris stammen.[489] Es existieren auch lithographische Nachbildungen desselben, von denen der Verfasser der Recension der ersten Auflage des vorliegenden Werkes in der „Zeitschrift für Bücherfreunde“ (1900 Nr. 2/3 S. 122) eine sah.
Nach ihm ist dies Bild ein Phantasieprodukt aus viel späterer Zeit.
In welcher geistigen Verfassung der Marquis +de Sade+ das Collège Louis-le-Grand verlassen hat, wissen wir ebenfalls nicht. Nach jenem deutschen Autor, der das Leben +Sade’s+ mit kühner Phantasie aus seinen Büchern construiert, war „der junge Mann seit frühester Kindheit ein Bücherwurm und gründete sich so zu sagen ein eigenes philosophisches System auf ausgebreiteter epikuräischer Basis. Neben seinen Schulstudien lag er den schönen Künsten ob; er war ein tüchtiger Musiker, gewandter Tänzer, Fechter und versuchte sich auch in Bildhauerei. Er brachte ganze Tage in den Gemäldegallerien, namentlich in jenen des Louvre, von Fontainebleau und Versailles zu, wodurch sein künstlerischer Geschmack immer mehr ausgebildet wurde.“ Dass +Sade+ die +Musik+ sehr liebte, bestätigt +Paul Lacroix+[490], und dass er die Gemäldegallerien besuchte, bestätigt die Beschreibung der Gemäldesammlung in Florenz (Juliette IV, 19 ff.).
+Janin+ meint, dass +Sade+ schon als ein „Fanatiker des Lasters“ die Schule verlassen habe, in demselben Jahre (1754) als +Maximilian de Robespierre+ in dieselbe eintrat.[491]
4. Die Jugendzeit.
Nach dem Austritt aus dem Gymnasium trat der Marquis +de Sade+ in das Regiment der Chevaux-Legers ein, wurde dann Unterlieutenant beim Königsregiment, Lieutenant bei den Carabiniers und zuletzt Capitän in einem Kavallerieregiment, bei welchem er den siebenjährigen Krieg in Deutschland mitmachte. Er soll nach +Lacroix+[492] erst im Jahre 1766 nach Paris zurückgekehrt sein, wo sein Vater, der ihm „+mehrere Jugendthorheiten+“ zum Vorwurf machte, ihn zu verheiraten suchte. +Marciat+[493] hat nachgewiesen, dass +Sade+ bereits im Jahre 1763 wieder in Paris war. In der im Mai 1880 in Paris verkauften Autographensammlung von +Michelet+ aus Bordeaux, befand sich ein Brief des Marquis +de Sade+, datiert Vincennes den 2. November 1763, in dem als der Tag seiner Heirat der 17. Mai 1763 angegeben wird. Auch spricht nach +Marciat+ für dieses Jahr der Umstand, dass der älteste Sohn des Marquis, +Louis-Marie de Sade+ im Jahre 1783 Lieutenant im Regiment Soubise wurde. Wenn dieser erst 1767 geboren wäre, so würde er mit 16 Jahren Lieutenant gewesen sein. Die Rückkehr des Marquis +de Sade+ und seine Heirat fand also im Jahre 1763 statt.
Die Geschichte dieser Heirat ist von dem Bibliophilen +Jacob+ nach den Mitteilungen eines Zeitgenossen, des Herrn +Lefébure+ sehr ausführlich erzählt worden.[494] +Marciat+ ist geneigt, derselben vom psychologischen Standpunkte aus einen grossen Wert beizumessen, da sie die Erklärung für die moralische Entartung (déviation) des Marquis +de Sade+ liefere. Wir können dem nicht beistimmen. Mag auch jenes Ereignis, das wir gleich darstellen werden, irgend einen Einfluss in dieser Beziehung auf +Sade+ ausgeübt haben: seine sittliche Depravation war schon vorher da. Als er nach Paris zurückkehrte, warf der Vater ihm bereits einige „Jugendthorheiten“ vor. Niemand hat bisher daran gedacht, dass der Marquis +de Sade+ den ganzen 7jährigen Krieg mitgemacht hat und ganz sicher teilnahm an jener „schrecklichen Entsittlichung, welche durch die Anwesenheit des französischen Heeres“ in Deutschland gepflanzt und genährt wurde[495] und deren auch +Casanova+ in seinen Memoiren gedenkt. Der Vater wollte ferner den Sohn verheiraten, um ihn aus seinem lasterhaften Leben herauszureissen, wie doch deutlich aus allen Berichten hervorgeht. Wenn +Eulenburg+[496] meint, dass sich bei +de Sade+ die „krankhafte Veränderung“ im Alter von 26 Jahren äusserte, so ist das auch nicht ganz zutreffend, da er schon, wie wir sehen werden, im Jahre 1763, wegen mehrerer „débauches“, die also nicht so ganz harmlos gewesen sein müssen, ins Gefängnis kam. Wir dürfen annehmen, dass die Neigung zu sexuellen Ausschweifungen bei +Sade+ durch das +Kriegsleben+ erweckt worden ist und durch das tausendfältig gegebene Beispiel gefördert wurde, ohne dass wir nötig haben, an das plötzliche Auftreten eines krankhaften Geisteszustandes zu denken.
Herr von +Montreuil+, Präsident der „Cour des aides“, der durch eine langjährige Freundschaft mit dem Vater des Marquis +de Sade+ verbunden war, hatte zwei Töchter im Alter von 20 und 13 Jahren, beide gleich hübsch und wohl erzogen, aber in Hinsicht auf Charakter und äussere Figur verschieden. Die Aeltere, eine Brünette mit schwarzem Haar und dunklen Augen, war eine grosse majestätische Erscheinung, sehr fromm, ohne „Herzenswärme“ (?). Die Jüngere, eine blauäugige Blondine, trotz ihrer Jugend schon von gereiftem Aussehen, war sehr intelligent, von „himmlischer Milde und Anmut“ dabei aber eine leidenschaftliche Natur.
Es war zwischen den Vätern vereinbart worden, dass der Marquis +de Sade+ die ältere Tochter heiraten sollte. Ein merkwürdiges Geschick fügte es, dass dieser bei seinem ersten Besuche im Hause des Präsidenten +Montreuil+ nur die jüngere Tochter antraf, da die ältere krank war. Er verliebte sich sofort leidenschaftlich in die erstere, die den Musikenthusiasten besonders durch ihren schönen Gesang und ihr wunderbares Harfenspiel für sich einnahm. Als +Sade+ bei einem zweiten Besuche die ältere Schwester kennen lernte, fühlte er gegen dieselbe nur Abneigung und erklärte, dass er die jüngere heiraten wolle. Hierzu verweigerte der Präsident seine Zustimmung, und so liess der Comte +de Sade+ seinen Sohn wählen zwischen Unterwerfung unter seinen Willen und einer sofortigen Abreise zur Armee mit der Aussicht auf Enterbung und Verstossung. So wurde der Marquis, dessen Appell an das Herz der Mutter der beiden Mädchen nur eine „kalte und heroische Erwiderung“ fand, gezwungen, die ältere Tochter zu heiraten. Schon damals erwiderte die Jüngere die Liebe +de Sade’s+ und hatte vergeblich durch Bitten und Thränen das Herz ihrer Eltern zu erweichen gesucht. +Lacroix+ legt ausführlich dar, wie +Sade+ nur mit dem Gedanken des sofortigen Ehebruchs mit der Jüngeren die ihm unsympathische ältere Schwester geheiratet habe und vielleicht schon damals mit der zweiten Schwester im Einverständnis war. Frau von +Montreuil+, die vom Anfang an die Natur ihres Schwiegersohnes durchschaute, brachte ihre jüngere Tochter in ein Kloster, um einem drohenden Skandal vorzubeugen.
Es bleibe dahingestellt, ob diese Geschichte die Hauptursache der Demoralisation des Marquis +de Sade+ gewesen ist, wie +Marciat+ annimmt. Sicher erklärt sie die +Ehefeindlichkeit+, welche uns in allen Schriften +Sade’s+ entgegentritt. Dass allerdings seine Frau, der +Lacroix+ die Wärme des Herzens fehlen lässt, ihm dazu keinerlei Veranlassung gab, haben die soeben von +Paul Ginisty+ veröffentlichten „Lettres inédites de la Marquise de Sade“ gezeigt, die für die Geschichte dieser Ehe und für das Verständnis des Charakters des Marquis +de Sade+ sehr lehrreich sind.[497] Sie offenbart sich in diesen Briefen als eine selbstlose, treue, ihrem Gatten mit leidenschaftlicher Liebe zugethane Seele, die selbst dann nicht aufhört mit heisser Sehnsucht an ihn zu denken, für ihn zu sorgen und zu beten, wenn er -- wie dies gewöhnlich geschah -- diese Liebe mit rohen, unedlen Worten und gemeinen Verdächtigungen erwiderte. Diese Frau, die Zeugin des lasterhaften Lebens ihres Gatten, der dadurch hervorgerufenen grossen Skandale, hörte niemals auf, ihn zärtlich zu lieben, war ihm bei der Flucht aus dem Gefängnisse behilflich und erwies ihm in seinem Gefängnisleben tausend Dienste, die nur eine hingebende Liebe erweisen kann. Das deutet wirklich darauf hin, dass der Marquis +de Sade+ etwas von dem an sich hatte, was er selbst als die „Wonne des Lasters“ bezeichnet und was alle Frauen unwiderstehlich anzog. Wie er selbst diese Liebe lohnte, hat +Ginisty+ ausführlich dargestellt. Wir teilen nur eine Probe mit. Einmal schreibt ihm seine Frau: „Du musst die Welt besser kennen als ich. Thue, was Du willst. Ich will nur das Hörrohr für Deine Befehle sein. Du weisst, dass Du auf mich als Deine beste und zärtlichste Freundin rechnen kannst.“ +Sade+ schrieb an den Rand dieses Briefes: „Kann man so unverschämt lügen?“[498]
Bei dem Verhältnisse zwischen den beiden Ehegatten darf es nicht Wunder nehmen, dass der Marquis +de Sade+, nachdem er vergeblich den Aufenthaltsort des jüngeren Fräulein von +Montreuil+ zu erkunden gesucht hatte, sich nach +Lacroix+[499] schon im ersten Jahre seiner Ehe in den Strudel wilder Ausschweifungen stürzte, seine Gesundheit und seine Reichtümer mit Hilfe der berüchtigsten Roués seiner Zeit vergeudete, und die „Koryphäe der parfümierten Orgien“ des Herzogs von +Fronsac+ und des Prinzen +Lamballe+ wurde, aber es auch nicht verschmähte, sich mit Lakaien zu widerlichen Saturnalien zu vereinigen. Eingeweiht in die „Geheimnisse der petites maisons und der Bordelle“ suchte er seine Gefährten in dem Ersinnen neuer raffinierter Lüste zu übertreffen. Das war jene Zeit, in welcher ein deutscher Autor den Marquis +de Sade+ zum Arrangeur der Orgien des Hirschparks macht,[500] was historisch nicht festgestellt, aber glaubwürdig sein kann. Schon wenige Monate nach seiner Heirat wurde +Sade+, der erst 23 Jahre zählte, in Vincennes eingekerkert, weil er in einer „petite maison“ grosse Excesse begangen hatte. Hier benahm er sich sehr zurückhaltend und ruhig und fügte sich ohne Murren in die Tagesordnung des Gefängnisses, bat nur, ihm seinen Kammerdiener zu lassen und bisweilen den Genuss frischer Luft zu vergönnen. In einem Briefe vom 2. November bittet er, dass man seiner Frau von seiner Verhaftung Nachricht gebe, aber den Grund derselben verschweige, und wünscht einen Priester zu sehen. Er schliesst mit den Worten: „So unglücklich ich bin, beklage ich mich nicht über mein Schicksal; denn ich verdiene die göttliche Strafe; meine Fehler bereuen, meine Irrtümer verabscheuen, soll meine einzige Beschäftigung sein.“[501] +Schon damals muss er ein obscönes Buch geschrieben haben.+ Denn in diesem Briefe spricht er von dem Datum des „unglückseligen Buches“, das erst aus dem Juni stamme, während er sich am 17. Mai verheiratet habe. Auch habe er erst im Juni jenes genannte Haus aufgesucht. Darauf habe er sich drei Monate auf dem Lande aufgehalten und sei acht Tage nach seiner Rückkehr verhaftet worden. Welche seiner +Schriften de Sade+ hier im Auge hat, ist vorläufig noch nicht festzustellen. Wenn +Cabanès+ (a. a. O. Seite 262) meint, dass die „Justine“ gemeint sei, so ist das eben mit dem bis heute vorliegenden litterarischen und archivalischen Material nicht zu beweisen. Indessen geht doch aus dem vorliegenden wichtigen Briefe mit aller Sicherheit hervor, dass +Sade+ frühzeitig, schon mit 23 Jahren, anfing, pornographische Schriften zu verfassen.
Vielleicht hat +Marciat+ Recht mit der Annahme, dass dieser an den Gouverneur des Gefängnisses gerichtete Brief von einer heuchlerischen Gesinnung eingegeben worden sei, vielleicht aber auch liegt hier eine der bei sexuell ausschweifenden Menschen so häufig vorkommenden religiösen Anwandlungen vor. Es hat sich noch ein kleines Billet an den Gefängnispriester +Griffet+ vom 4. November 1763 erhalten (veröffentlicht im „Amateur d’Autographes“ 1866 und bei +Cabanès+). Es heisst in demselben: „Wir haben einen neuen Gefangenen in Vincennes, welcher einen Beichtvater zu sprechen wünscht und sicherlich Ihre Dienste nöthig hat, obgleich er nicht krank ist. Es ist der Marquis +de Sade+, ein junger Mann von 22 Jahren. Ich bitte Sie, ihn sobald wie möglich zu besuchen, und wenn Sie mit ihm gesprochen haben, so werden Sie mir einen Gefallen thun, wenn Sie bei mir vorsprechen.“[502]
5. Das Gefängnisleben des Mannes.
Aehnlich einem neueren französischen Dichter, +Paul Verlaine+, hat der Marquis +de Sade+, nachdem er ins Mannesalter eingetreten war, einen grosses Teil seines Lebens in Gefängnissen zugebracht.[503] Wenn man den letzten Aufenthalt in Charenton hinzurechnet, hat er im ganzen 27 +Jahre+ in 11 Gefängnissen verbracht: von diesen 27 Jahren fallen 14 Jahre in sein Mannes-, 13 Jahre in sein Greisenalter. In der Einsamkeit des Kerkers verarbeitete er den Stoff zu seinen Werken, was bei deren späterer Beurteilung berücksichtigt werden muss. Das ganze Mannesalter des Marquis +de Sade+ können wir als ein Gefängnisleben mit Unterbrechungen bezeichnen, das reich ist an dramatischen Vorgängen, die seinen Namen schnell berühmt machten, wenn auch dieser Ruhm ein sehr trauriger war. Gleich die Veranlassung zu seiner zweiten Einkerkerung war ein von den Zeitgenossen vielfach besprochener Vorgang. Es war
1. Die Affäre Keller (3. April 1768).