Der Marquis de Sade und seine Zeit.

Part 11

Chapter 113,382 wordsPublic domain

Grelles Licht fällt auf diese Verhältnisse durch zwei von +Casanova+ erzählte Erlebnisse. Sein Freund +Patu+ führte ihn zu einer berühmten Sängerin der Oper, der Mademoiselle +Le Fel+, beliebt in ganz Paris und Mitglied der königlichen Akademie der Musik. Sie hatte drei allerliebste kleine Kinder, welche in dem Hause umherflatterten. -- „Ich bete sie an,“ sagte sie. „Sie verdienen es durch ihre Schönheit“, erwiderte ich (Casanova), „obgleich ein jedes einen anderen Gesichtsausdruck hat.“ -- „Das glaube ich gern! Der älteste ist der Sohn des Herzogs von +Anneci+, der zweite der des Grafen von +Egmont+ und der jüngste verdankt sein Leben +Maisonrouge+, der eben die +Romainville+ geheiratet hat.“ -- „Ach, entschuldigen Sie, ich glaubte Sie wären die Mutter der drei Knaben.“ -- „Darin haben Sie sich auch nicht getäuscht; ich bin es wirklich.“ Indem sie dies sagte, sah sie +Patu+ an und brach gemeinschaftlich mit ihm in ein lautes Gelächter aus. Ich war Neuling und nicht gewohnt die Frauen anmassende Angriffe auf das Privilegium der Männer machen zu sehen.

„Mademoiselle +Le Fel+ war gleichwohl nicht frech und +gehörte sogar der guten Gesellschaft an+, aber sie war, was man ‚über die Vorurteile erhaben‘ nennt. Hätte ich die Sitten der Zeit besser gekannt, so würde ich gewusst haben, +dass dergleichen Dinge in der Ordnung waren+. Die grossen Herren, welche so ihre Nachkommenschaft umherstreuten, liessen ihre Kinder in den Händen der Mütter, indem sie denselben starke Pensionen zahlten. +Folglich lebten diese Damen um so mehr im Wohlstande, je fruchtbarer sie waren.+“[245]

Die zweite Anekdote ist noch charakteristischer. Eines Tages sah +Casanova+ bei +Lani+, dem Balletmeister der Oper fünf bis sechs junge Mädchen von 13 bis 14 Jahren, sämtlich von ihren Müttern begleitet und von bescheidenem, feinem Wesen. Er sagte ihnen Schmeicheleien, die sie mit niedergeschlagenes Augen anhörten. Eine von ihnen beklagte sich über Kopfschmerz. Während +Casanova+ ihr sein Riechfläschchen bot, sagte eine ihrer Gefährtinnen: „Ohne Zweifel hast Du schlecht geschlafen.“ „Nein, das ist es nicht“, erwiderte die unschuldige Agnes, „ich glaube ich bin in anderen Umständen.“ Bei dieser so unerwarteten Antwort eines jungen Mädchens, das er nach ihrem Alter und Aussehen für eine Jungfrau gehalten hatte, sagte +Casanova+: „Ich glaubte nicht, dass Madame verheiratet wären.“ Sie sah ihn einen Augenblick überrascht an. Dann wandte sie sich gegen ihre Gefährtin und beide lachten um die Wette.[246]

Die Figurantinnen und Choristinnen der Oper empfingen keine Gage, sodass „zahlreiche Herren den Mangel des Honorars ersetzen mussten“. Diese Kaste suchte mit wenigen Ausnahmen einen Stolz darin zu setzen „verächtlich zu sein“. Es gab in jener Zeit bei der Oper mehrere Figurantinnen und Sängerinnen, die eher hässlich als nur leidlich zu nennen waren, kein Talent hatten und dennoch sehr behaglich lebten. Denn es verstand sich von selbst, dass ein solches Mädchen, auf jede Tugend verzichten musste, um nicht zu verhungern.[247]

Aus einem im „Espion anglais“ mitgeteilten Dialog über die +berühmtesten Dirnen+ von Paris erfahren wir, dass dieselben fast durchweg der Theaterwelt angehören.[248]

Die Opernsängerin +La Guerre+ war jene Dame, für welche der Herzog von +Bouillon+ in drei Monaten 800000 Livres verschwendet hatte.

Die Dirne +La Prairie+ gehörte zu denjenigen Weibern, welche sich dem Marschall Prinzen von +Soubise+ in dessen „petite maison“ nackt zeigen mussten. „C’est le costume chez Son Altesse comme chez l’Abbé Terrai!“ Dieser moralische Geistliche hatte in seinem Hause in der Rue Notre-Dame ein Zimmer mit einem kostbaren Bette. Stieg die jeweilige Angebetete hinein, so fand sie ein verhülltes Gemälde, das nach der Enthüllung den schönen Körper einer nackten Frau zeigte. „Madame, c’est le costume“, bemerkte der +Abbé+ kaltblütig, indem er ihr durch diese Worte anzeigte, dass er auch sie in diesem Kostüm bei sich zu haben wünschte.

Die berühmte Mademoiselle +Du Thé+ war anfänglich als „Rosalie“ Choristin der Oper und als solche wurde sie ausersehen, den jungen Herzog von +Chartres+ in die „Uebungen der Venus“ einzuweihen. Als sie von diesem Prinzen verlassen wurde, ging sie nach London, ruinierte dort mehrere Lords, kehrte nach Paris zurück, wo sie eine Spielhölle eröffnete, die ihr viel Geld einbrachte und nur sehr Reichen Zutritt gestattete. Diese Messalina war überaus geldgierig und eigennützig. Später wurde sie die Geliebte des Grafen von +Artois+. Ein junger in sie verliebter Musketier, der keine Erhörung fand, sandte ihr folgendes malitiöse Gedicht:

Du Thé tu cherches à plaire A qui peut t’enrichir; Moi qui suis mousquetaire Je n’ai rien à t’offrir. Mais je sais faire usage D’un moment de loisir, Un homme de mon âge Ne paie qu’en plaisir.[249]

Die +Du Thé+ schwelgte nicht immer in Gold. In einem Bericht des Polizeiinspektors +Marais+ vom 12. Dezember 1766 heisst es: „Gestern hatte die +Du Thé+ keinen +Sou+! sie musste sich einen Thaler und 6 Livres leihen, um in die Italienische Oper gehen zu können.“[250]

Die Schauspielerin +Dubois+ von der Comédie française hatte einen Katalog ihrer Liebhaber angefertigt, deren sie im Jahre 1775 bereits 16527 zählte, nach 20 jähriger Geschäftstätigkeit, d. h. etwa drei pro Tag, da sie mit mehreren zu gleicher Zeit vorlieb nahm. „Sie hat die gleiche Gier nach dem Gelde und nach dem Vergnügen.“

Diese sehr bekannte Geschichte hat offenbar den Marquis +de Sade+ beeinflusst, wenn er in der „Philosophie dans le Boudoir“ (I, 94) die Madame St.-Ange erzählen lässt, dass sie in 12 Jahren sich 10- bis 12000 Männern hingegeben habe. Wieder eine Entlehnung aus der Wirklichkeit.

Die +La Chanterie+, ursprünglich Choristin an der Oper, war von einer seltenen Schönheit, ein weiblicher Engel. Die Maler benutzten sie als Modell. So wurde sie auch als Madonna für ein Bild über dem Hauptaltar einer Kirche gemalt. Als ein Engländer, der die Sehenswürdigkeiten der Pariser Kirchen besichtigte, nachdem er vorher diejenigen der Theater nicht ohne bitteren Nachgeschmack genossen hatte, in diese Kirche kam und den Kopf der Madonna erblickte, rief er überrascht aus: „Ah! voilà la Vierge qui m’a donné la chaude-p...!“[251]

Neben den Theaterdamen erfreuten sich die +Modistinnen+ und +Verkäuferinnen+ einer grossen Beliebtheit. Die „+jeunes ouvrières+“ kommen denn auch bei +de Sade+ mehr als einmal vor. +Rétif de la Bretonne+ hat diese Klasse der Prostituierten mit besonderer Vorliebe in seinen Werken geschildert. Er unterhielt lange Zeit einen heimlichen Briefwechsel mit den Modistinnen eines grossen Modewarengeschäftes in der rue de Grenelle-Saint-Honoré. Die Inhaberin dieses Ladens war eine Madame +Devilliers+, die für die Gräfin +du Barry+ arbeitete. Letztere war selbst früher Modistin gewesen, bevor sie in das Bordell der +Gourdan+ eintrat. Das Leben und Treiben dieser Modistinnen schildert +Rétif+ besonders in „Le Quadragénaire“ (Genf 1777, 2 Bände).[252] Nach +Parent-Duchatelet+[253] traten Lustdirnen während der Revolutionszeit mit Vorliebe in Verkaufsläden ein. Man rechnete mehr als 20 dergleichen im Palais-Royal und unter ihnen acht, die sich in den alten hölzernen Gallerien befanden. Sie hatten zum Zeichen Gefässe, die mit Pulver von verschiedener Farbe gefüllt und in ganz eigentümlicher Art aufgestellt waren, so dass sie Jedermann kannte. Bisweilen bekränzte man sie noch mit Blumen. Jetzt denke man sich, was in diesen Orten geschah, welche aus zwei Teilen bestanden, einem Vorder- und einem Hinterladen, die beide meist sehr eng waren, statt aller Geräte aber nur einige Stühle und -- eine spanische Wand hatten. Die Berichte jener Zeit schildern auch die Abscheulichkeiten, welche hier vorgingen, die täglichen Störungen, welche dadurch im Garten und in den Gallerien veranlasst wurden. Letztere konnte kein nur einigermassen anständiger Mensch mehr besuchen.

Dass in den +Restaurationen+, +Cafés+, +Kneipen u. s. w.+ die Prostitution kühn ihr Haupt erhob, wird nicht Wunder nehmen. +Casanova+ pflegte, wenn er Liebesabenteuer suchte, zuerst in ein Café zu gehen, um dort eine Schöne zu ergattern. Der Paragraph 14 der französischen Polizeiverordnung vom 8. Oktober 1780, der gegen alle Schankwirte, Limonadenverkäufer u. s. w., welche unzüchtige Mädchen bei sich hatten, 100 Francs Strafe verhängte, wurde niemals angewendet. Ausserdem galt er nur für die, welche an solche Mädchen vermieteten, nicht aber für jene, welche den bei ihnen Eintretenden zu trinken vorsetzten, wobei man annahm, dass sie letztere gar nicht kannten.[254]

Auch das +Zuhältertum+ war bereits im 18. Jahrhundert stark entwickelt. Der Marquis +de Sade+ zeichnet mehrere Typen desselben, z. B. den +Dorval+ (Juliette I, 196 ff.), der es bereits durch die Arbeit seiner Dirnen zum Besitz von 30 Häusern gebracht hat. Im Jahre 1789 spricht +Peuchet+ in seiner Encyclopädie von den Zuhältern und +Rétif de la Bretonne+ ebenso in seinem 1770 zum ersten Male erschienenen „Pornographe“. Im Laufe des vorigen Jahrhunderts wurde dem Pariser Polizeileutnant eine Denkschrift übergeben, deren Verfasser sich darüber so äusserte: „Die Mädchen können nicht ohne Beschützer bestehen. -- Gewöhnlich fällt ihre Wahl auf den ärgsten Bösewicht, um anderen desto mehr Schrecken einzuflössen und gegen sie im Guten wie im Bösen eine Stütze zu haben. Hat einmal ein Mädchen ihre Wahl getroffen, so vermag sie nicht mehr, sich von ihm loszumachen; sie muss ihn in seiner Faulheit, seinem Trinken, Spielen und Ausschweifungen mit anderen Mädchen unterhalten (denn es giebt unter diesen Menschen einige, welche wegen ihres Rufes mehrere auf einmal haben), und kann sie der Tyrannei desselben nicht mehr widerstehen. So muss sie, um ihn loszuwerden, einen noch furchtbareren finden, der aber gerade darum noch ärgerer Tyrann und Despot ist.“[255]

Zahlreich waren endlich die +Unterhändlerinnen+, +Kupplerinnen+, +Begleiterinnen u. s. w.+, dieses notwendige Correlat der Prostitution, das natürlich bei +Sade+ in allen Gattungen vertreten ist. Auf den letzten Seiten des „Pornographe“ findet sich ein Verzeichnis dieser „mamans publiques“ von Paris im vorigen Jahrhundert. Solche Frauen hatten mannigfaltige Namen. Diejenigen „Begleiterinnen“, die nicht mehr ihr Gewerbe treiben konnten und sich an liederliche Orte begaben, um es wenigstens bei anderen zu befördern, hiessen „Pieds-levés“, welchen die verschiedenartigsten Vermittelungsgeschäfte oblagen.[256]

Die eigentlichen Kupplerinnen und Mädchenverkäuferinnen hiessen „maquerelles“, „baillives“ („Amtmänninnen“), „abbesses“, „supérieures“, „mamans“. Der Name „Maîtresse“ oder „Dame de maison“ kam erst seit 1796 auf.[257]

In „Justine“ und „Juliette“ sind alle Bordelle und Häuser der Unzucht reichlich mit Knaben und besonders kleinen Mädchen versehen, die hier den Zwecken der Wollust dienen und oft in Menge den grausamen Gelüsten geopfert werden. Das lässt auf eine grosse Ausdehnung des +Knaben+- und +Mädchenhandels+ im 18. Jahrhundert schliessen. Wie wir sahen, musste schon allein für den Hirschpark ein umfassender Mädchenhandel ins Werk gesetzt werden. Aber auch für andere ähnliche Institute und für Privatbedürfnisse existierte derselbe in grösstem Umfange.[258] Im 16. Bande der „Nuits de Paris“ giebt +Rétif de la Bretonne+ ausführliche Nachricht über diese Schändlichkeiten, die „haarsträubend“ sind. Man sah 1792 unter den Arkaden des Palais-Royal Kinder beiderlei Geschlechts, im „zartesten Alter“, auffällig gekleidet, von Kupplerinnen geführt, die die Kindheit profanierten und frühzeitig zu Grunde richteten. Bisweilen starben die unglücklichen Opfer nach den Schändlichkeiten, die man mit ihnen vornahm. „Man bezahlt das Kind,“ sagt +Rétif+, „wie man ein Tier bezahlt. Der Preis wird vorher zwischen Eltern und Kupplerin vereinbart, welche dabei immer den Vorteil hat.“ Rétif berichtet, dass dieser Handel schon unter dem ancien régime existierte und -- horribile dictu -- eine +Haupteinnahmequelle des Inspektors der Prostituierten bildete+, der davon vielleicht dem Polizeileutnant abgegeben habe! Dieser Handel wurde daher niemals unterdrückt. Der Censor +Mairobert+ kannte alle Details und machte +Rétif+ damit bekannt. Dieser erfuhr noch näheres von einer solchen teuflischen Händlerin, die ihm alle Mysterien ihres Geschäftes enthüllte.[259]

+Rétif de la Bretonne+ hat sich vielfach mit der +Organisation+ der Prostitution beschäftigt, vor allem in seinem „Pornographe“ (1769, 1770, 1786), einem Buche, in dem man nach +Parent-Duchatelet+ „Fragen von Ernst und Zurückhaltung auf eine sehr leichtsinnige Art behandelt findet.“ Das Buch entstand unter Mitwirkung eines Engländers +Lewis Moore+, des Advokaten +Linguet+ und des königlichen Censors +Pidanzat de Mairobert+.[260] +Rétif+ schlug darin der Polizei vor, in grossen Städten mehr oder weniger weitläufige Gebäude zu errichten, in welche +alle+ (!) öffentlichen Mädchen gehen müssten. Er gab den Plan zu den Häusern an und entwarf ein Reglement von 70 Artikeln, in welchem sich die seltsamsten Dinge finden, die man sich nur vorstellen kann. So teilt er die Mädchen in verschiedene Klassen, nach Massgabe ihrer Schönheit und Reize; er setzt die Preise fest und organisiert ein Personal für den inneren wie für den äusseren Dienst des Hauses; ebenso nimmt er im Voraus auf die Verheirateten, auf die Mädchen, welche schwanger werden, auf ihre Kinder dem Alter und Geschlecht nach Rücksicht; er beschäftigt sich mit dem Schicksale der Kranken, Schwachen und Bejahrten. Selbst den Kaplan oder Pfarrer vergisst er nicht. Endlich geht er auf die kleinsten Umstände, auf Wäsche, Nahrung, wahrscheinlichen Aufwand des Hauses ein. Rétif wurde wegen dieser Schrift mit Recht vielfach verspottet. Fast zur gleichen Zeit gab ein vielleicht von +Rétif+’s Schrift begeisterter Anonymus in einer Handschrift seine besonderen Ansichten über die Lustdirnen in Paris heraus. Die von ihm vorgeschlagenen Verbesserungen gründeten sich auf Errichtung von besonderen Häusern, deren jedes eine +Superiorin+ haben sollte. Ihre Anzahl wünschte er, um die Aufsicht darüber zu erleichtern, auf +fünfhundert+ (!) beschränkt.[261]

+Rétif+’s „Pornographe“ wurde eine der bekanntesten Schriften dieses Genres und erlebte wiederholte Auflagen. Ein Arzt, Dr. +Robert+ nahm in einer Schrift „De l’influence de la révolution française sur la population“ (Paris, an X, 2 Bände) den Plan +Rétif+’s wieder auf und schlug für diese Art von Bordellen den Namen „Korinthenäen“ vor. Der Marquis +de Sade+, der vielfach ein grosses Nachahmungstalent zeigt, versuchte gleichfalls dieses Thema in seiner Weise zu bearbeiten. Ein Pariser Bibliophile (M. H. B.) besitzt unter anderen auf +Sade+ sich beziehenden Autographen und Dokumenten auch den von dem Marquis entworfenen Plan eines Lupanars, in dem die Einrichtung des Hauses, das Vestibül, die Frauengemächer, die „Folterkammern“ -- jede derselben dient einer besonderen Art von Folterung -- genau beschrieben werden. Er vergisst sogar nicht den Kirchhof, auf dem die Opfer begraben werden, welche bei diesen Orgien getötet werden. Geheime Thüren erleichtern den unbemerkten Eintritt oder Austritt. Zum Schlusse wird das „Menu eines aufregenden Diners“ beschrieben.[262]

15. Das Palais-Royal und andere öffentliche Dirnenlokale.

Das Palais-Royal ist eine Stadt in der Stadt. Es ist die +Dirnenstadt+ von Paris und zugleich das Centrum des Pariser Lebens im 18. Jahrhundert, ein gesondert zu betrachtendes kulturgeschichtliches Objekt, das „mit seinen Spielhäusern, seinen royalistischen und jacobinischen Verschwörern, seinen Dirnen und Banditen, seiner vornehmen und doch verkommenen Kundschaft, seinem Luxus und seinem Elend eine kleine, aber keineswegs schöne Welt für sich darstellte.“[263]

Das Palais-Royal, nicht weit vom Louvre, wurde in den Jahren 1629 bis 1634 von +Lemercier+ an der Stelle der ehemaligen Hôtels +de Mercœur+ und +de Rambouillet+ für den Kardinal +de Richelieu+ erbaut und später eine Zeit lang von +Ludwig+ XIV. bewohnt, der es umbauen liess und es seinem Enkel, dem Herzog von +Chartres+ schenkte, wodurch es an die Familie Orléans kam. Der Regent +Philipp+ von +Orléans+ inaugurierte das Palais-Royal als Hauptstätte des Vergnügens und der Ausschweifungen für die vornehme Welt. Sein Urenkel, Herzog +Louis Philipp Joseph+ von +Orléans+, der berüchtigte +Philippe-Egalité+ liess in den Jahren 1781 bis 1786 den Palast gänzlich umbauen, so dass er seine heutige Gestalt annahm und sich zu einem grossen Complexe von Palast, Garten, Arkaden, Kaufhallen, Theatern, Cafés, Spiel- und Speisehäusern und zahlreichen Vergnügungsorten gestaltete. Die Hauptgalerien des Palais-Royal waren im Osten die „Galerie de Valois“, im Westen die „Galerie de Montpensier“, an deren nördlichem Ende das seit 1784 bestehende Théâtre du Palais-Royal lag, im Norden die „Galerie de Beaujolais“. 186 Arkaden umgaben den prächtigen +Garten+ des Palais-Royal, der in Form eines Parallelogrammes sich ausdehnte. In seiner unmittelbaren Nähe wurde das Theater der „Comédie française“ erbaut.[264]

In Palais-Royal entwickelte sich nun vor und während der Revolution jenes überaus lebhafte und bunte Treiben, das so viele vortreffliche Schilderer aus allen Ländern gefunden hat. Wie es hier im Jahre 1750, also vor dem Umbau aussah, erzählt +Casanova+[265]: „Neugierig auf diesen so vielgerühmten Ort, beobachtete ich Alles. Ich sah einen ziemlich hübschen Garten, Alleen grosser Bäume, Bassins, hohe Häuser, welche ihn umgaben, viele Männer und Frauen, die spazieren gingen, hier und dort Bänke, auf denen man Broschüren, Parfums, Zahnstocher und Kleinigkeiten verkaufte. Ich sah ganze Haufen von Strohstühlen, die man für einen Sou vermietete, Zeitungsleser die sich im Schatten hielten, Mädchen und Männer, die allein oder in Gesellschaft frühstückten, Kellner, welche schnell die unter Laubwerk verborgenen Treppen hinauf und hinabeilten.“ Ein Abbé nannte +Casanova+ die Namen aller Dirnen, die dort herumspazierten.

Aus dem Beginne der Revolution besitzen wir eine höchst interessante und wahrheitsgetreue Schilderung des Palais-Royal, dieser „capitale de Paris“, wie er es nennt, von dem oldenburgischen Justizrat +Gerhard Anton von Halem+, dem Freunde der Grafen +Stolberg+ und Verfasser der Geschichte des Herzogtums Oldenburg. Er war im Jahre 1790 in Paris. Schon beim Einzug lernte er das Hauptmerkmal dieser Stadt kennen.[266] Als die Reisenden hineinfuhren, wanden sich Haufen von Buben in Ringelreihen und sangen ein Chanson mit dem Refrain:

Viva l’amour Viva l’amour!

Dann heisst es in dem dreissigsten Reisebriefe: „Die Inschrift von Epikurs Gärten:

„Fremdling! hier wird dir wohl sein! Das grösste Gut ist hier Wollust,“

würde ganz für das Palais-Royal passen. Das Detail von seinen Herrlichkeiten, sowie von denen der Boulevards und des Pont-neuf, las man schon vor meiner Abreise in mehreren deutschen Journalen; und wenn ich Sie also geradezu in die allée des Soupirs führe, so kommen Sie an keinen unbekannten Ort. Hier muss ich Sie aber Ihrem Schicksal überlassen. Sehen Sie zu, wie Sie sich durch Scylla und Charybdis, die Braune und die Blonde, ohne zu scheitern durchschiffen. Verbinden Sie Ihre Augen, um nicht die vorüberrauschenden Schönen, deren Reize der Abend hebt, nicht ihre schmachtenden Blicke, nicht die Blumensträusse, die sie so freundlich darbieten, zu sehen; verstopfen Sie, wie Ulyss, Ihre Ohren, um weder jenes sanfte Gelispel, jene Tassoischen sorrisi, parolette e dolci stille di pianto o sospiri, jene lockenden „Viquets“ (wie geht’s) und „good night, my dear Sir!“ noch den Sirenengesang zu vernehmen:

„Aimons au moment du réveil, Aimons au lever de l’Aurore, Aimons au coucher du soleil, Durant la nuit aimons encore.“

Trotz der etwas idealisierenden Erzählung Halem’s erkennt man, dass das Palais-Royal nichts weiter war als der Hauptversammlungsort der Freudenmädchen. +Halem+’s Schilderung ist deswegen von Interesse, weil ihr die Ehre widerfahren ist, von +Arthur Chuquet+, dem treuen Teutophilen, Freunde unserer Literatur und alter deutscher Bücher, ins Französische übersetzt zu werden[267]. +Halem+, der Mitglied des Jakobinerklubs wurde, berichtet auch haarsträubende Dinge über die sittliche Korruption in dem Hause, wo er Wohnung genommen hatte.

Wenn im Jahre 1772 der Marquis +de Carraccioli+ noch bemerkt, dass das Palais-Royal die Promenade der Elegants sei, der Luxembourg die der Träumer, die Tuilerien, die „von aller Welt“, vor und nach der Oper, besonders des Abends, so konzentrierte sich nach dem Brande der Oper (1781) und nach der Umgestaltung des Palais-Royal durch den Bau von Galerien und Arkaden das gesamte Nachtleben von Paris an diesem Orte.[268] Hier spielten sich dann, besonders mit beginnender Dunkelheit, während der Revolution und des Direktoriums alle jene scheusslichen Szenen ab, deren wir zum Teil schon oben gedacht haben. Das Palais-Royal wurde eine „Höhle der Schurken und Dirnen“[269], die „Kloake von Paris“, wie es +Mercier+ in „Le nouveau Paris“ und +Rétif de la Bretonne+ in seinem grossen Werke über das Palais-Royal geschildert haben. +Rétif+ hat das Leben im Palais-Royal untersucht wie „der Anatom den Leichnam“. Im „Monsieur Nicolas“ schreibt er 1796: „Man weiss, dass das neue Palais-Royal das allgemeine Rendez-vous der Leidenschaften, Unternehmungen, der Wollust, Prostitution, des Spiels, der Agiotage, des Geldverkehrs, der Assignaten, und daher das Zentrum für alle Beobachtungen geworden ist. Dieser berühmte Bazar zog mich nicht blos durch seine Sehenswürdigkeiten an, sondern auch durch die Vergnügungen, welche ich dort fand.“[270]

+Mercier+ wünscht lebhaft, dass doch +Lavater+, der berühmte Physiognomiker, an einem Freitag Abend im Palais-Royal anwesend sein möge, um dort auf den Gesichtern alles zu lesen, was der Mensch sonst im innersten Herzen zu verbergen pflegt. Dort seien die Dirnen, die Courtisanen, die Herzoginnen und die ehrbaren Bürgerfrauen und +Niemand täusche sich dort+. Aber vielleicht würde dieser grosse Doktor mit all seiner Wissenschaft sich täuschen. Denn hier handelt es sich um Unterscheidung sehr feiner Nüancen, die man an Ort und Stelle studieren müsse. „Ich behaupte nun, dass Herr +Lavater+ sehr grosse Mühe haben würde, eine Frau von Stellung von einer unterhaltenen Dirne zu unterscheiden, und dass der gewöhnlichste Kaufmannsgehilfe ohne grosses Studieren mehr davon weiss als er.“ Dort betrachtet man sich mit einer Ungeniertheit, die nirgends in der Welt üblich als in Paris, und in Paris nur im Palais-Royal. Man spricht laut, man ruft sich an, man nennt die vorbeigehenden Frauen mit Namen, ebenso ihre Gatten, ihre Liebhaber. Man charakterisiert sie mit einem Wort. Man lacht sich ins Gesicht. Und alles ohne beleidigende Absicht. Man wird im Wirbel mit fortgerissen und lässt sich alle Blicke und Worte gefallen. +Ja, in Paris und im Palais-Royal hätte Lavater seine physiognomischen Studien machen müssen.+[271]