Der Marquis de Sade und seine Zeit.

Part 10

Chapter 103,421 wordsPublic domain

„Auf meine bejahende Antwort führte sie uns in einen schönen Saal, in welchem wir vierzehn junge Mädchen sahen, die sämtlich schön und gleichmässig in Mousselin gekleidet waren.

„Bei unserem Eintritt erhoben sie sich und machten uns eine sehr anmutige Verbeugung.

„Alle waren ungefähr von gleichem Alter, die Einen blond, die Anderen braun oder brünett, oder mit schwarzem Haar.

„Jeder Geschmack konnte hier befriedigt werden.

„Wir sprachen mit allen ein Wort und bestimmten unsere Wahl.

„Die beiden Erwählten stiessen einen Freudenruf aus, umarmten uns mit einer Wollust, die ein Neuling für Zärtlichkeit hätte halten können, und wir gingen nach dem Garten, in Erwartung, dass man uns zum Diner rufen würde.

„Dieser Garten war umfangreich und künstlich so eingerichtet, dass er den Freuden der Liebe dienen konnte.

Madame +Paris+ sagte:

„Gehen Sie, meine Herren, und geniessen Sie die frische Luft und halten Sie sich sicher in jeder Beziehung; mein Haus ist der Tempel der Ruhe und der Gesundheit.“

„Während der süssesten Beschäftigung rief man uns zum Essen.

„Wir wurden recht gut bedient; die Mahlzeit hatte in uns neue Neigung erregt, aber mit der Uhr in der Hand trat die Einäugige auf uns zu, um uns zu benachrichtigen, dass unsere Partie beendigt sei.

„Das Vergnügen wurde hier nach der Stunde gemessen“.

Schliesslich lassen sich +Casanova+ und sein Freund dazu bewegen, die Nacht in dem Bordell zu verleben.

Das Hôtel du Roule ist auch in zwei galanten Gedichten des 18. Jahrhunderts verherrlicht worden. Das eine hat den Titel „Le Temple de l’Amour“ (Paris 1751; Neudruck: Brüssel 1869, 8 Seiten); es schildert die mannigfaltigen dort begangenen Ausschweifungen. Der Anfang lautet:

Au milieu de Paris, dans un obscur séjour, Est un temple charmant consacré par l’Amour; C’est là que maint f......, dans l’ardeur qui le presse Va porter son encens an dieu de la tendresse.

Das zweite Gedicht heisst „Les Reclusières de Vénus“ (Allégorie, A la nouvelle Cythéropolis 1750; Neudruck: Brüssel 1869, 16 Seiten). Ich citire eine interessante Stelle daraus, wo erzählt wird, dass die +Paris+ ihren Mädchen andere wohlklingendere, suggestivere Namen zu geben pflegte, ganz wie dies auch in unseren heutigen Bordellen noch geschieht:

Des noms mignards, respirant la luxure, Feront an cœur la première blessure; Margot sera la charmant Aglaé, Fanchon Victoire, et Pernette Daphné, Dodon Fatime, et Charlotte Emilie, Cateau Lolotte, et Jeanette Julie.

c. +Das Bordell der Richard.+[216]

Dieses Freudenhaus wurde hauptsächlich von +Geistlichen+ besucht. Madame +Richard+ hatte ihre Thätigkeit damit begonnen, systematisch junge Beichtväter zu verführen. Diese Spezialität der Erotomanie gab ihr den Gedanken ein, ein Bordell für Geistliche zu eröffnen. Dasselbe florierte glänzend. Madame +Richard+ wurde die Lieferantin von jungen Mädchen für ein „Missionshaus, für Prälaten und andere Geistliche.“ Eine erotische Szene aus diesem Freudenhause haben wir bereits erzählt.

d. +Ein Negerbordell.+

Ein Lüstling in Venedig bringt stets in das Bordell der Juliette zwei Negerinnen mit, weil der Kontrast zwischen weissen und schwarzen Menschen ihm besondere Befriedigung verschafft (Juliette VI, 152). Neger und Negerinnen spielen auch bei dem anthropophagischen Diner in Venedig eine Rolle (Juliette VI, 204). In dem Schlosse des Cardoville bei Grenoble, wohin Justine als ein Opfer der Lüste dieses Wüstlings geführt wird, sind zwei Neger als Helfershelfer bei diesen Orgien thätig. (Justine IV, 331.) -- Im dritten Bande von „Aline et Valcourt“ findet sich auf Seite 200 ein obscönes Bild, drei nackte Weiber darstellend und einen Mann, der die Genitalien des einen Weibes berührt, während von vier dabei stehenden Negern zwei mit wildem Ausdruck Keulen schwingen.

+Die Neger sind auch keine Erfindung Sade+’s! Es existierte schon vor 1790 in Paris ein +Negerbordell+! Dies befand sich im Hause einer Mlle. +Isabeau+, früher rue neuve de Montmorency, später rue Xaintonge, welches letztere Haus einem gewissen +Marchand+ gehörte. In diesem Bordell waren Negerinnen, Mestizen und Mulattinnen vorrätig. Es gab keine festen Preise, sondern die Insassinnen wurden „verkauft wie man die Sklavinnen einer Karawane verkauft.“[217]

+Fraxi+ meint[218], dass der Geschmack für schwarze Frauen vielleicht den Franzosen eigentümlich sei. Jedenfalls findet man noch heute in mehreren Bordellen von Paris und in den Provinzen ständig Exemplare dieser schwarzen Schönheiten. Auch +Hagen+ macht in seiner „Sexuellen Osphresiologie“ (S. 179-181) ausführliche Mitteilungen über diese Vorliebe der Franzosen für Negerinnen, die er vielleicht mit Recht auf Geruchsreize zurückführt.

e. +Die „petites maisons“.+

Indem wir bezüglich der anderen grossen Pariser Bordelle des 18. Jahrhunderts auf das berühmte Werk von +Rétif de la Bretonne+ verweisen[219], sowie auf die Schrift „Les bordels de Paris“ (1790), erwähnen wir nur noch das Freudenhaus im Faubourg Saint-Antoine, wo nach +Rétif’s+ Erzählung der Herzog von +Orléans+, der Graf von +Artois+ sich den wildesten Ausschweifungen und Grausamkeiten hingaben, wo man „Bestialitäten“ beging, die später der Marquis +de Sade+ in seinem „exécrable roman“: Justine ou les Malheurs de la vertu beschrieben habe.[220]

Offenbar genügte diese grosse Zahl von Bordellen noch nicht dem Unsittlichkeitsbedürfnisse des ancien régime. Man musste die Wollust bei sich selbst einquartieren. So schufen sich die vornehmen Herren und reichen Wüstlinge jener Zeit in den sogenannten „petites maisons“ gewissermassen ihre eignen Privatbordelle, Freudenhäuser en miniature. Jeder hat sein „kleines Haus“ mit mehreren Maitressen. Das gehörte zum vornehmen Ton bei Jung und Alt. +Casanova+ lernte in Paris den +80jährigen+ Chevalier d’+Arzigny+ kennen, den „Aeltesten der petits maîtres“, der sich rot schminkte, geblümte Kleider trug, die Perrücke pomadisierte, die Augenbrauen braun malte und ebenfalls parfümierte und ein Gebiss von Elfenbein trug. Selbst dieser alte Lebemann war „seiner Geliebten zärtlich zugetan, die ihm sein +kleines Haus+ führte, in welchem er stets in Gesellschaft ihrer Freundinnen zu Abend ass, die sämtlich jung, sämtlich liebenswürdig waren und jede Gesellschaft für die seinige aufgaben“.[221]

Auch der Marquis +de Sade+ besass im Jahre 1772 auf der butte Saint-Roch sein „petite maison“.[222]

f. +Die geheimen pornologischen Klubs.+

Das, was der Marquis +de Sade+ in der „Société des amis du crime“ geschildert hat, was wir später als das „Mysterium des Lasters“ in den Romanen dieses Autors bezeichnen werden, existierte in Wirklichkeit. Es gab in Paris +geheime+ Klubs, deren Mitglieder sich zum Zwecke des praktischen Studiums der Wollust vereinigten, die ihre „Tempel“ hatten mit den Statuen des Priapus, der Sappho und anderer Symbole der geschlechtlichen Lust, ihre besondere Sprache und Erkennungszeichen.

Die „Insel der Glückseligkeit“ oder „der Orden der Glückseligkeit“ oder die Gesellschaft der „Hermaphroditen“ war der berüchtigste Liebesklub. Gegründet wurde er vom Herrn von +Chambonas+.[223] Diese geheime Gesellschaft entlehnte alle Bezeichnungen, alles Ceremoniell und alle Formen dem Seemannsleben und richtete ihre Gesänge und Anrufungen an den heiligen Nicolaus. „Maître“, „Patron“, „Chef d’escadre“; „Viceadmiral“ waren die Namen der einzelnen Grade der „Ritter“ und „Ritterinnen“, die einen Anker auf dem Herzen trugen und ewige Treue und Verschwiegenheit geloben mussten, wenn sie sich auf die Insel des Glückes führen liessen.[224] In ihren „mehr als galanten Versammlungen“ wurden die obscönsten Reden geführt.[225] Ein sehr eifriges Mitglied dieses obscönen Klubs war +Moët+, der Verfasser des „Code de Cythère“ (Paris 1746) und Uebersetzer der englischen Schrift „Lucina sine Concubitu“ (Vgl. über diese Bd. II von +Dühren+ „Das Geschlechtsleben in England“). Er verfasste für seinen Klub das merkwürdige Buch „L’Anthropophile, ou le Secret et les Mystères de l’Ordre de la Félicité dévoilés pour le bonheur de tout l’univers“, Arétopolis (Paris) 1746. Es enthält die Regeln und Statuten der Vereinigung, das „Wörterbuch“ derselben und Gedichte. Aus dem Dictionnär teile ich einige Ausdrücke mit: „Chaloupe“ = petite fille; „flute“ = grosse femme; „frégate“ = femme; „gabari“ = fille ou femme bien faite; „goudron“ = fard; „hisser une frégate“ = enlever une femme; „mât“ = le corps; „mer“ = amour, intrigue; „sondes“ = les doigts. Den Zweck des Klubs verkündigen folgende Verse:

L’isle de la Félicité N’est pas une chimère; C’est où règne la volupté Et de l’amour la mère; Frères, courons, parcourons Tous les flots de Cythère Et nous la trouverons.[226]

Sehr mysteriös war die Gesellschaft der „Aphroditen“, die durch einen heiligen Eid, durch häufigen Wechsel der Versammlungsorte ihr Geheimnis zu hüten suchten. Sie benannten die Männer mit Namen aus dem Mineralreiche, die Frauen nach dem Pflanzenreiche.[227]

Dagegen hat man von einem andern Klub das Manuscript der Statuten, der Erkennungszeichen, des Mitgliederverzeichnisses mit den „noms de plaisir“ aufgefunden. Das war die „Société du Moment“. Dieses Manuscript gewährt einen tiefen Einblick in den widerlichen Schmutz, in dem sich diese „sociétés de cynisme“, wie die +Goncourts+ sie nennen, wälzten.[228]

Eine vierte geheime pornologische Gesellschaft war die „Secte Anandryne“, der Club der Tribaden, der im „Tempel der Vesta“ seine Orgien feierte. Wir werden weiter unten diesem Klub und seinen Versammlungen eine ausführliche Darstellung widmen.

Die Entstehung dieser geheimen Gesellschaften erklärt ein Wort der Delbène (Juliette I, 25): „Die Laster darf man nicht unterdrücken, da sie das einzige Glück unseres Lebens sind. Man muss sie nur mit einem solchen Mysterium umgeben, dass man niemals ertappt wird.“ +de Sade’s+ Schilderung des geheimen Klubs der „Gesellschaft der Freunde des Verbrechens“ (Juliette III, 30 ff.) ist offenbar nach den ihm bekannten Vorbildern entworfen. Diese Gesellschaft besitzt eine eigene Druckerei mit zwölf Kopisten und vier Lesern. Im Klubgebäude befinden sich zahlreiche „cabinets d’aisance“, die von jungen Mädchen und Knaben bedient werden, die sich dabei allen Gelüsten der Besucher dieser appetitlichen Orte hingeben müssen. Daselbst findet man „seringues, bidets, lieux à l’anglaise, linges très fins, odeurs“. Aber man kann auch linguam puellarum sive puerorum nachher zur Reinigung benutzen.

In den beiden „Serails“ des Hauses werden Knaben, Mädchen, Männer, Frauen und -- Tiere zur Befriedigung jeglicher Art von Wollust gehalten. Der „Mord“ kostet 100 Thaler. Der Eintritt in den Hauptversammlungssaal erfolgt nackt auf einem mit Hostien bedeckten Cruzifix, an dessen Ende die Bibel liegt. Vor der Aufnahme wird Juliette befragt, ob sie die Arten der Unzucht und die Verbrechen, die man ihr nacheinander aufzählt, begehen würde. Nachdem sie bejaht hat, empfängt sie die „Instruktionen für die in die Gesellschaft der Freude aufgenommenen Frauen“. Die in dem geheimen Club stattfindenden Orgien werden in der Analyse der „Juliette“ erwähnt werden.[229]

g. +Die Freudenmädchen.+

Es ist schon aus der bisherigen Darstellung zur Genüge hervorgegangen, dass das 18. Jahrhundert mit seiner Selbstsucht und seiner tierischen Wollust das Jahrhundert der +Dirne+ ist. Die Dirne wird vergöttert, idealisiert. Sie steht um so höher über der ehrbaren Frau, je mehr Wollust, je raffiniertere Genüsse sie geben kann. In der „Philosophie dans le Boudoir“ (I, 52) fragt die Novize Eugenie ihre Lehrerin in der Liebe, Madame de St.-Ange, was eine „putain“ sei, welches Wort sie zum ersten Male höre. Diese erwidert (S. 52-53): „So nennt man diese öffentlichen Opfer männlicher Ausschweifungen, welche stets bereit sind, sich ihrem Temperament oder ihrem Interesse zu ergeben. Es sind glückliche und ehrenwerte Geschöpfe, die aber von der allgemeinen Meinung entehrt werden, während die Wonne sie krönt. Sie sind der Gesellschaft nützlicher, als alle prüden Personen, weil sie den Mut besitzen, ihr zu dienen. Sie sind die wahrhaft liebenswürdigen Weiber, die einzigen Weltweisen! Was mich betrifft, die ich seit 12 Jahren diese Benennung zu verdienen mich bestrebe, so bin ich fern davon, mich dadurch beleidigt zu fühlen, wenn man mich so nennt. Es freut mich sogar und ich liebe es, wenn ich inmitten des Genusses diese Benennung höre. Denn diese Beschimpfung bringt mein Blut in Wallung“. Das ist das, was die +Goncourts+ „den Verlust seines guten Rufes geniessen“ nennen und für ein allgemeines Merkmal der Frauen des 18. Jahrhunderts erklären.

+Rétif de la Bretonne+ erhebt sich im „Monsieur Nicolas“ zu folgendem „Schwanengesange“ der Prostitution: „Wenn Ihr (die Dirnen) nicht zur Monandrie gelangen könnt, verzweifelt deshalb nicht. Ihr seid doch noch nützlich. Durch die ausgesuchten Vergnügungen, welche Ihr gewährt, durch die Wonnen Eures Berufes haltet Ihr die sinnlichsten Männer in den Schranken der Natur und verhindert sie, sich mit anderen unsittlicheren Weibern abzugeben oder bei weniger Vorsichtigen ihre Gesundheit einzubüssen. Seid niemals herausfordernd und zänkisch, denkt daran, dass Mädchen Eurer Art eine Erholung für den Mann sind, wahre Priesterinnen der Wollust. +Achtet Euch+!“[230]

Diese Verherrlichung der Dirne nahm oft sonderbare Formen an. So sprach ein Chevalier +de Forges+ bei seinen Lebzeiten oft den Wunsch aus, in den Armen eines Freudenmädchens zu sterben. Er hatte im Leben seine Lust und sein Glück bei Dirnen gesucht. Er wollte sie auch im Sterben dort finden. Dieser Wunsch wurde ihm erfüllt. Er starb mitten im Genusse, in den Armen einer Prostituierten.[231]

Dieses grosse Ansehen der Prostituierten im 18. Jahrhundert spiegelt sich am einleuchtendsten in dem Verhalten der +Polizei+ ihnen gegenüber wieder. Wir sahen, dass +de Sade+ das Bordell der Duvergier ausdrücklich durch die Polizei geschützt sein lässt. So war es in der That zur Zeit der Entstehung der „Juliette“, während der Schreckensherrschaft und unter dem Direktorium. Doch unter der Regentschaft wurden aufgegriffene Dirnen bestraft, einzelne sogar nach Neu-Orléans geschickt. Es sei nur an „Manon Lescaut“ erinnert, jene berühmte Erzählung des Abbé +Prévost+, mit welcher übrigens die Verherrlichung der Dirne in der französischen Litteratur des 18. Jahrhunderts beginnt. Bald aber fiel jede Aufsicht fort. Wohl wurden ab und zu kranke Dirnen nach Bicêtre geschickt. Wohl musste der bekannte Polizei-Inspektor +Marais+ dem Könige +Ludwig+ XV. über die Dirnen von Paris regelmässige Berichte erstatten[232]. Aber eine ernsthafte Aufsicht fehlte. +Parent-Duchatelet+ hat die Archive der Pariser Polizeipräfektur vom Jahre 1724 bis 1788 durchgesehen und aus dieser entnommen[233]: „Dass die Duldung der Polizei in Betreff der öffentlichen Dirnen und Häuser unbegrenzt war, dass sie nur in sehr argen Fällen einschritt und unsern jetzigen Duldungsscheinen entsprechende Bewilligung gab. Dass sie nie Haussuchungen anstellte, ausgenommen wenn von Seiten der Nachbarn Klagen angebracht wurden.

„Dass in manchen Häusern Mordthaten vorfielen, in anderen Mädchen und Männer zum Fenster hinausgeworfen wurden, der Lärm hauptsächlich von verkleideten Soldaten herrührte, die Nachbarn beim Heimkehren die grösste Gefahr liefen und oft nicht heimkehren konnten.

„Dass bei allen Verhaftungen die grösste Willkür obwaltete, durch keine Vorschrift etwas geordnet war, alles von der Laune der Polizeikommissare und ihrer Diener abhing.

„Dass in dem Masse, als man sich von den ersten Zeiten des verflossenen Jahrhunderts entfernte, die Strafe minder hart, das Verfahren minder roh und eilig war“.

Die Revolution war dann die goldene Zeit des Dirnentums. Jene Zustände, wie sie +de Sade+ in seinen Werken schildert, waren Wirklichkeit. Nach +Parent-Duchatelet+[234] wurden von 1791 an alle alten Einrichtungen abgeschafft. Das Gewerbe der Lustdirne war nicht mehr besonderer Gegenstand gesetzlicher Verfügungen. Das Gesetz vom 22. Juli dieses Jahres handelt zwar im zweiten Titel, unter dem Kapitel der Zuchtpolizei in sehr unbestimmter Art, unter Bezeichnung von öffentlichen Eingriffen in die Sitten, davon; allein offenbar wollte der Gesetzgeber jener Zeit nur die Geschöpfe erreichen, welche junge Leute des einen und des andern Geschlechts verführen, um sie einem Richter zu überliefern. Von dem Treiben der Lustdirnen sagt er nichts, und es scheint, dass er dies für ein Gewerbe ansah, welches jede zu üben berechtigt wäre, dass eine Vorschrift deshalb ein Eingriff gegen die persönliche Freiheit sei.

So waren also diese Mädchen von aller Aufsicht befreit und denen gleich gestellt, welche irgend ein Gewerbe treiben, über ihre Tätigkeit frei gebieten können; durch einen unbegreiflichen Missgriff der Nationalversammlung sahen sie sich emanzipiert, eine Wohltat, die sie zu keiner Zeit und in keinem Lande genossen hatten.

Eine zügellose Frechheit, ein +beispielloses+ Aergernis war die Folge. Schreckensherrschaft und Direktorium bezeichnen den höchsten Gipfel der Freiheit und Zuchtlosigkeit, welche die Prostitution zu irgend einer Zeit und bei irgend einem Volke jemals erreicht hat. Wir erinnern schon jetzt daran, dass der Marquis +de Sade+ diese ganze Zeit, von 1790 bis 1801, mit der kurzen Unterbrechung eines halben Jahres, in voller Freiheit in Paris zugebracht hat, dass er also Zeuge des Triumphes des Dirnentums und der widerlichsten öffentlichen Unzucht gewesen ist.

Jetzt wurde die +Dirne+ zur „Göttin der Vernunft“, die +alle+ anbeten müssen, und jedes Weib wurde Dirne. Im Juli 1793 wurde auf dem Theater der Republik ein neues Stück gegeben, betitelt „Die Freiheit der Frau“. Es schildert aber in Wirklichkeit die „Frechheit des Lasters“. Die Hauptfigur war ein Ehemann, der aus Neigung liederlich, von Charakter unbeständig, und aus Berechnung Feind des Anstandes, das Bekenntnis ablegt: „+Die Reize meiner Frau müssen mehr als Einem Glücklichen zu Teil werden+!“[235] Die öffentlichen Dirnen „vervielfältigten“ sich auf allen Strassen, hauptsächlich im Palais Royal, der Maison-Egalité und den Champs Elysées; in den Logen der Theater, in den Kneipen, in den grossen Restaurationen erblickte man die scheusslichste Unzucht. Paris wurde die „Kloake der ganzen Republik“, die allen Schmutz der Provinzen an sich zog, das Genussleben nahm einen immer unerträglicheren Charakter an und steigerte sich bis zur äussersten Brutalität. Namentlich bot im Sommer 1796 der Boulevard des Temple das Schauspiel der ekelhaftesten Unzucht dar, geübt von Militärs. In Gemeinschaft mit ganz in Lüsten verkommenen Weibern trugen sie ein wahrhaft viehisches Verhalten zur Schau, und mit diesen Weibern waren zugleich Mädchen von 12 und 13 Jahren, die hier einer empörenden Prostitution sich hingaben. Aber trotz aller Entrüstung, die selbst die Polizei darüber empfand, boten noch später das Palais-Royal und die Champs-Elysées mit der Fülle ihrer öffentlichen Orte tagtäglich völlig ähnliche „Schauspiele der scheusslichsten und unverschämtesten“ Unzucht dar.[236]

Hier wurde das Ideal, das der Marquis +de Sade+ in seinen Romanen aufstellt, verwirklicht: +Die Massensuggestion der Wollust+! Zu dem unzüchtigen Gebahren gesellten sich die Kostüme à la grecque, die unglaublichen Nuditäten der Kleidung, die wir oben geschildert haben, um auch die reinen Menschen schnell in den Strudel der wildesten Begierden hinabzuziehen. Diese +Infection+ der Moral durch das Gift der Wollust hat +Rétif de la Bretonne+ sehr schön wiedergegeben in seiner Schilderung des Treibens der Dirnen auf den Strassen[237]: „Die Mädchen gehen aus und spazieren; einige machen sich durch ihre elegante Kleidung, noch öfter aber durch die unanständige Blosstellung ihrer verführerischen Reize bemerklich. Junge unverständige Menschen erlauben sich, ganz öffentlich sogar, strafbare Freiheiten -- und unsere Kinder, die Zeugen der Abscheulichkeiten sind, schlürfen das Gift; es gährt, es entwickelt sich mit dem Alter, und der gefahrbringende Anblick leitet sie zum Verderben. Die Tochter eines Handwerkers, eines Bürgers wohl gar, noch in dem Alter stehend, wo die angeborene Unschuld sie nirgends etwas Böses argwöhnen lässt, sieht ein wohlgekleidetes Weib, welchem die jungen Federhelden auf dem Fusse nachgehen, sie anreden und liebkosen. Das unschuldige Mädchen fühlt ein Verlangen, ihr gleich zu sein; es ist allerdings noch schwach, aber wird schon an Stärke gewinnen und ihr eines Tags vielleicht die Bahn des Lasters öffnen. Dabei bleibt es noch nicht; junge Leute, die oft noch unter der Rute stehen, finden so leicht Gelegenheit, zu frühe Genüsse zu kosten und sich zu entkräften, ehe sie noch ausgebildet sind. Um dieser Gefahr zu entgehen, müsste eine Tugend vorhanden sein, die jede Probe besteht, oder alle Sinnlichkeit fehlen. Welche Unanständigkeit! Unter dem Schleier des Halbdunkels wagt man Derartiges -- Kinder haben es vor Augen -- und man wundert sich noch über die Verderbnis der Sitten vom zartesten Alter an.“ Und als Illustration zu diesen Worten berichtet A. +Schmidt nach Polizeiberichten+ -- wir betonen das, weil das Factum sonst kaum glaublich erscheint -- dass im Oktober 1793 alltäglich der Revolutionsgarten und namentlich die Gallerien bei dem Theater Montansier mit ganz jungen Burschen und Mädchen +im Alter von 7 bis 14 und 15 Jahren+ angefüllt waren, die sich fast öffentlich den Ausschweifungen der infamsten Unzucht hingaben. Und dabei waren dieselben „fast nackt wie die Hand und boten den Vorübergehenden das entwürdigendste Schauspiel“.[238] Es ist kein Zufall, dass diese Monstrositäten sich in dem Herbste des Jahres 1793 zeigten, nach jenen grauenvollen Septembertagen, an denen das Blut in Strömen floss. Es ist kein Zufall, dass der Gipfel der Wollust in der Zeit der Terroristen erreicht wurde. +de Sade+, der im Dezember dieses Jahres wieder gefangen gesetzt wurde, hatte während dieser Zeit mit Wollust im Blute gewatet, und die entsetzlichen Ideen seiner Werke eingesogen. Das war jene Zeit, wo sogar die geheimen pornologischen Clubs an die Oeffentlichkeit traten und im Opernhause „+nackte Bälle+“, bei denen nur das Gesicht maskiert war, feierten[239], wo die Zahl der +täglichen+ Dirnenbälle auf +mehrere Hundert+ stieg[240], auf denen die „Nacktheiten der Griechen und Römer“ zur Schau getragen wurden, wo in 23 Theatern der Unzucht gefröhnt wurde.

Was die Zahl der Pariser Prostituierten im 18. Jahrhundert betrifft, so betrug dieselbe um 1770 etwa 20000 bei einer Einwohnerzahl von 600000. Zur Zeit der Revolution wuchs die Zahl auf 30000 an[241].

Wenn wir nun noch einen Blick auf die verschiedenen Arten der Dirnen werfen, so konstatieren wir zunächst, dass das Maitressentum des ancien régime sich grösstenteils aus der Theaterwelt rekrutierte. Schauspielerinnen, Operntänzerinnen, Opernsängerinnen kommen hier besonders in Betracht.

+Mercier+ erzählt, dass die „filles d’Opéra“ auf die Männer einen ganz besonderen Reiz ausüben[242]. +La Mettrie+ ruft emphatisch aus: „Transportons-nous à l’Opéra, la Volupté n’a point du Temple plus magnifique, ni plus fréquenté“, und rühmt die Reize der berühmten Tänzerin +Camargo+ und der +Jalé+[243]. d’+Alembert+ meinte derb-cynisch, dass das häufige Glück und der Reichtum der Tänzerinnen und Sängerinnen „eine notwendige Folge des Gesetzes der Bewegung sei“.[244]