Der Marquis de Sade und seine Zeit.
Part 9
Je mehr man sich dem Zeitalter der Revolution näherte, desto mehr traten die +Nuditäten+ in der Mode hervor. Der +Cult der Gaze+, die Vorliebe für ausschliesslich gazeartige Umhüllungen trat auf. Die Kleidung der „Göttinnen der Vernunft“ wurde immer durchsichtiger. Das Kleid zog sich immer mehr vom Busen zurück, die Arme wurden bis zur Schulter entblösst. Dann folgten Beine und Füsse. Man trug Riemen um die entblössten Fussknöchel und goldene Ringe an den Zehen. In den öffentlichen Gärten ergingen sich nacktbeinige Terpsichoren, die nur mit einem Hemde bekleidet, ihre mit diamantverzierten Ringen geschmückten Oberschenkel sehen liessen.[199] Ein Journalist, welcher der Eröffnung des Pariser Tivoli beiwohnte, erzählt, dass an diesem Tage mehrere Göttinnen in so leichten und durchsichtigen Kostümen erschienen, dass man alles sehen konnte, was man sehen wollte. Die Baronin +de V...+ traf einmal in den Champs-Elysées eine ebensolche „nackte“ Dame am Arme eines vornehmen Herrn.[200] Ein deutscher Berichterstatter schrieb: „Besuchen Sie einmal das Konzert im Theater de la rue Feydeau, und Sie werden von der Menge Juwelen und Gold geblendet werden, womit die Damen bedeckt sind. Betrachten Sie diese brillanten Geschöpfe näher, und Sie werden leicht bemerken, dass sie entweder gar keine oder höchstens nur halbe Hemden tragen. Der ganze Arm, der halbe Nacken, die ganze Brust ist bloss. Verschiedene haben ihren dünnen Florrock noch auf jeder Seite hinaufgeschürzt, so dass sie auch noch die schöne Wade sehen sollen; kurz, die Indecenz der Trachten dieser Impossibles ist unbeschreiblich. Madame Tallien erschien auf dem letzten grossen Balle im Opernhaus und hatte nicht nur den Kopf, die Brust, Arme und Hände mit Juwelen bedeckt, sondern sie hatte sogar die Füsse auf römische Art mit Bändern umwunden und an jeder Zehe einen prächtigen Ring stecken“.[201] Diese Kostüme à la grecque, deren Trägerinnen die „Merveilleuses“ genannt wurden, hatte +Therese Cabarrus+, die Geliebte +Tallien’s+, in Paris eingeführt, nachdem sie schon während der Schreckenszeit in Bordeaux öffentlich sich in einer überfrivolen Kostümierung gezeigt hatte.[202] Den „Merveilleuses“ entsprachen auf der männlichen Seite die „Incroyables“, die sich nach dem Ideale des Hässlichen kleideten. Denn beim Manne galt zur Revolutionszeit nicht die Schönheit, sondern die Kraft, die Stärke der Muskeln für das höchste Gut. Die Don Juans verwandeln sich in Herkulesse, die Wollust wird brutal.[203]
Auch die perversen sexuellen Neigungen fanden im 18. Jahrhundert einen Ausdruck in der Mode. Die weit verbreitete, auch zwischen Frau und Mann geübte Paedicatio erzeugte im 18. Jahrhundert die merkwürdige Mode des sogenannten „Cul de Paris“. „Eben weil dieser wunderliche Teil, der in anderen Hinsichten doch so verrufen und so garstig ist, so sehr die Sinnlichkeit reizt und fesselt, haben die öffentlichen Weiber der Freude die Manier, eben diesen Teil, den die verschämte Sittsamkeit bescheiden in den gehörigen +Hintergrund+ zurückzieht, recht frechlüstig zu präsentieren, und durch Bewegungen im Gange alle seine Formen recht anschaulich zu machen.“[204] Unter +Ludwig+ XVI war bei den Frauen jene das Gesäss stark hervortretenlassende Mode sehr verbreitet, von der +Dulaure+ sagt, dass er die Trägerinnen der „Vénus Hottentotte“ ähnlich gemacht habe[205]. Damals besang +Piron+ in „wilder Lust“ diese Spekulation auf die männliche Sinnlichkeit folgendermassen[206]:
L’aimable C.. de Briséis N’a point de pareil ni de prix! Plus rond qu’une boule d’ivoire -- Le croira qui le voudra croire.
J’en ai presque mes sens ravis Mon cœur de joie en est épris Et j’ai toujours dans ma mémoire. L’aimable C...!
Auch die Männer zeigten in der Blütezeit des Rokoko eine gewisse +Effeminatio+ in ihrer Kleidung. „Sammet und Seide in allen Nüancen, Spitzen als Halsschmuck und als Manschetten, Stickereien in Gold, Silber und Seide, werden selbst von alten Herren getragen. Alle sind so elastisch, schlank, so effeminiert und ewig jung, so anmutig und von Rosenduft umhaucht, als ob es gar keine Männer, sondern erwachsene Amoretten wären“[207].
Andererseits war die immer mehr um sich greifende +Tribadie+ Ursache besonderer Kostümierung. Die Tribaden mit männlichen Neigungen hatten sich unter der Schreckenszeit auffallend vermehrt. Die Virago auf der Strasse war eine allbekannte Erscheinung.[208] Sie hatte ihr eigenes Kostüm. +Mercier+ erzählt: „Ich habe in meinem Laden, wo man oft über die Moden spricht, mir erzählen lassen, dass diejenigen Frauen +Tribaden+ sind, welche die Sitte aufgebracht haben, sich wie ein Mann zu frisieren, Hüte und Männerstiefel zu tragen.“[209]
13. Prostitution und Geschlechtsleben im 18. Jahrhundert.
In Paris hat der Marquis +de Sade+ seine Studien für die beiden berüchtigten Romane „Justine“ und „Juliette“ gemacht. Hier hat er den grössten Teil des Inhalts derselben erlebt und erdacht. Pariser Ereignisse und Zustände haben fortwährend seine Phantasie befruchtet, und die Vorbilder für die Schilderungen einzelner Verhältnisse in seinen Werken sind leicht zu finden. Dies wird sich in geradezu überraschender Weise aus der Betrachtung der Prostitution und des Geschlechtslebens in Paris ergeben. Von Paris gilt ja heute noch, was +Montesquieu+ im 106ten persischen Briefe sagt, dass es die „sinnlichste Stadt der Welt“ sei, wo man die „raffiniertesten Vergnügungen“ ersinnt. Die Schilderungen der grossen Bordelle bei +Sade+ mit ihren ingeniösen Einrichtungen beziehen sich fast durchweg auf Pariser Bordelle. Die meisten Heldinnen in seinen Romanen sind Pariser Dirnen. Es wird daher angemessen sein, dass wir diese Verhältnisse zunächst ins Auge fassen.
14. Bordelle, geheime pornologische Clubs und Prostituierte.
In „Juliette“ (I, 187) schildert der Marquis +de Sade+ das Bordell der Duvergier in einer Vorstadt von Paris. Diese Kupplerin hat ein Frauen- und Männerbordell. In dem einsam in einem schönen Garten gelegenen Hause hält sich die Duvergier einen eigenen Koch, deliciöse Weine und charmante Mädchen, die für das einfache Tête-à-Tête 10 Louisdors bekommen. Das Haus hat zwei entgegengesetzte Ausgänge, so dass alle Rendez-vous mit dem nötigen Mysterium umgeben werden können. Die Möbel sind prächtig, die Boudoirs ebenso wollüstig wie vornehm ausgestattet. Ohne Moral und ohne Religion konnte die Duvergier, von der Polizei heimlich unterstützt, als Lieferantin sehr vornehmer Herren, sich mehr erlauben als ihre Concurrentinnen und straflos Greuel aller Art begehen. Das Bordell versorgt Prinzen, Adlige, reiche Bürger mit seiner Waare. Als Juliette später selbst in Paris ein Freudenhaus einrichtet, sind 6 Kupplerinnen (maquerelles) für dasselbe tätig, die aus Paris und den Provinzen die jungen Mädchen herbeiholen (Juliette VI, 306). Clairwil führt Juliette in das Haus der „Société des amis du crime“ ein, welches zwar im Herzen von Paris liegt, aber indiscreten Blicken durch die umgebenden Häuser entzogen wird. Es enthält herrliche Empfangssäle, düstere Zimmer, Galerien, Boudoirs, „cabinets d’aisance“ und Harems oder +Serails+, wie +de Sade+ sie nennt, in denen die Opfer von beiden Geschlechtern für die Orgien gezüchtet und gepflegt werden. Diese Unglücklichen sind meist mit Gewalt ihren Eltern entrissen worden, unter dem Schutze der Polizei. Hier feiert die vornehme Welt ihre schauerlichen Wollustorgien unter Assistenz von Henkern, Abdeckern, Kerkermeistern und Flagellatoren! (Juliette III, 33 ff.). Aehnlich ist das Haus Vespoli’s zu Salerno eingerichtet (Juliette V, 343 ff.), ferner das Bordell, welches Juliette und die Durand gemeinschaftlich zu Venedig errichten (Juliette VI, 144).
+Alcide Bonneau+ meint, dass der Hirschpark dem Marquis +de Sade+ als Vorbild für seine Bordell-Schilderungen gedient habe[210], die übrigens auch in der „Justine“ wiederkehren z. B. die der Benediktinerabtei Sainte-Marie-des-Bois (Justine II, 40 ff.). Indessen hat der Marquis +de Sade+ doch ganz sicher die Pariser Bordelle eingehend studiert und danach seine Schilderungen entworfen. Er spricht (Juliette I, 333) davon, dass „in mehreren Bordellen von Paris“ Truthähne zu wollüstigen Zwecken für Zoophile gehalten werden. Dass er, der beim Tode +Ludwig’s+ XV. 34 Jahre alt war, den Hirschpark aus eigener Anschauung gekannt hat, halten wir allerdings auch für wahrscheinlich. Der oben erwähnte deutsche Autor, der ihn sogar als maître de plaisir des fünfzehnten Ludwig auftreten lässt, versichert, seine Nachrichten aus glaubwürdigen Quellen zu haben.
Wie dem auch sein mag, so viel steht fest, dass der Marquis +de Sade+ seine Schilderungen der Prostitution und des Geschlechtslebens der +Wirklichkeit+ entlehnt hat. Wir haben daher die Pflicht, diese Wirklichkeit näher zu untersuchen. Wir stützen uns auch hier durchweg auf authentische Berichte. Die berühmtesten Bordelle von Paris, die geheimen pornologischen Clubs und die Verhältnisse der Prostituierten sollen im Folgenden geschildert werden.
a. +Das Freudenhaus der Madame Gourdan.+[211]
Das berühmteste, besuchteste und am meisten von den gleichzeitigen Schriftstellern erwähnte Pariser Bordell im 18. Jahrhundert ist das Freudenhaus der Madame +Gourdan+ in der Rue des deux Portes, das unter den Regierungen +Ludwig’s+ XV. und +Ludwig’s+ XVI. als Bordell für den Hof und die vornehmen Fremden galt.
Dies Bordell zeichnete sich durch die raffiniertesten Einrichtungen aus, welche alle Bedürfnisse der Besucher und Besucherinnen zu befriedigen versuchten. Entwerfen wir eine kurze Skizze derselben,
1. +Das Serail.+ Dies war ein grosser Empfangssalon mit „plastrons de corps-de-garde“, d. h. zwölf Dirnen, die stets in demselben anwesend sein mussten, um den Wünschen der Besucher nachzukommen. Dort wurden die Preise und die Einzelheiten der Wollust verabredet. Es wurde alles aufs genaueste festgesetzt. „Jugez que d’ordures doivent se débiter dans un pareil cercle! que d’horreurs et d’infamies doivent s’y commettre!“ ruft +Pidanzat de Mairobert+ bei dieser Schilderung aus. Es ist kein Zweifel, dass dies Serail der Gourdan den Namen für die „Serails“ bei +Sade+ hergegeben hat. Ebenso lässt +de Sade+ in seinen Romanen häufig den Preis der Liebe vereinbaren und vor allem die Details der zu veranstaltenden Orgie vorher genau analysieren.
2. +Die+ „+Piscine+“. Dies war ein Badekabinet des Bordells, wohin man zuerst die in der Provinz und in Paris für die +Gourdan+ aufgegriffenen Mädchen führte. Dort wurde die Betreffende gebadet, die Haut „weich gemacht“, gepudert und parfümiert. In einem Toilettentische befanden sich verschiedene Essenzen, Mund- und Schönheitswässer. Auch das berühmte „Eau de pucelle“, ein starkes Adstringens, mit welchem Madame +Gourdan+ etwas „verwüstete Schönheiten“ wieder herstellte und das wieder zurückgab, was man „nur ein Mal verlieren kann“. Dass der Marquis +de Sade+ dieses merkwürdige Mittel sehr oft erwähnt und praktisch anwenden lässt, wie wir später bei der Besprechung der Kosmetica und Aphrodisiaca sehen werden, beweist wohl schlagend seine Arbeit nach berühmten Mustern. -- Weiter fand sich in der „piscine“ die „Essence à l’usage des monstres“, die durch ihren scharfen Geruch Impotente wieder potent machte und die „Ungeheuer“ zu wollüstiger Grausamkeit anreizte. -- Das „Spezificum“ des Doktor +Guilbert de Préval+ (von welchem Charlatan später ausführlich die Rede sein wird), war ein wahres Wundermittel. Denn es diente zur Verhütung, Diagnostik und Heilung der Syphilis zugleich! Madame +Gourdan+ injicierte etwas davon den neu ankommenden Mädchen, um zu sehen, ob sie gesund seien. Also ein sexuelles +Tuberkulin+ des 18. Jahrhunderts! Alles ist schon dagewesen.
3. +Das+ „+Cabinet de Toilette+“. Hier empfingen die Schülerinnen dieses Venusseminars ihre zweite Vorbereitung.
4. +Die+ „+Salle de bal+.“ Aus diesem Saale führte ein geheimes Zimmer in das Haus eines Kaufmannes in der Rue Saint-Sauveur, der mit der +Gourdan+ unter einer Decke steckte. Durch sein Haus gelangten die Prälaten und Richter (gens à simarre) und die Damen von vornehmer Abkunft in das Bordell hinein. In diesem geheimen Zimmer waren Kleider aller Art, sowie „Gegenstände der Raffinerie.“ Hier konnte sich der Geistliche in einen Weltmann verwandeln, der Beamte in einen Soldaten, die Damen in Köchinnen und „Cauchoisen“ (aus der Provins Caux). Hier „erduldeten die vornehmen Damen standhaft die kräftigen Umarmungen eines groben Bauern, welchen ihnen ihre vertraute Lieferantin ausgewählt hatte, um ihr unbezähmbares Temperament zu befriedigen.“ Andrerseits glaubte der Bauer mit seinesgleichen zu tun zu haben und genierte sich wenig in Ausdrücken und Handlungen.
5. Die „+Infirmerie+.“ Das war das Gemach für Impotente, deren erschöpfte Kraft durch alle möglichen Reize wieder aufgestachelt wurde. Das Licht fiel von oben herein; an den Wänden hingen wollüstige Bilder und Kupferstiche, in den Ecken standen ebensolche plastische Kunstwerke, auf den Tischen lagen obscöne Bücher. In einem Alkoven befand sich ein Bett von schwarzer Seide, dessen Himmel und Seitenwände aus Spiegelglas bestanden, welches alle Gegenstände dieses wollüstigen Boudoirs und alle Vorgänge in demselben wiederspiegelte. Parfümierte Stechginster-Ruten dienten zur Flagellation. Dragée-Pastillen in allen Farben wurden zum Essen angeboten, von denen „man nur eine zu geniessen brauchte, um sich bald als einen neuen Menschen zu fühlen.“ Sie hiessen „Pastilles à la Richelieu“, weil dieser sie oft den Frauen als Aphrodisiacum gegeben hatte. Man sieht, dass die berüchtigte Marseiller Cantharidenbonbons-Affaire des Marquis +de Sade+ in jener Zeit nicht vereinzelt war. --- Auch für die Frauen war in dieser „Infirmerie“ gesorgt. Zahlreiche kleine Kugeln aus Stein waren vorhanden, sogenannte „pommes d’amour“, die in die Vagina eingeführt wurden. +Mairobert+ konnte nicht erfahren, ob „die Chemiker diesen Stein analysiert hätten, der eine bestimmte chemische Zusammensetzung haben sollte und von dem die Chinesen oft Gebrauch machten.“ -- Der „Consolateur“ war ein ingeniöses Instrument, „in den Nonnenklöstern erfunden“, um den Mann zu ersetzen. Die +Gourdan+ trieb mit diesen künstlichen Phalli ein Engros-Geschäft. Man fand in ihrem Nachlass „zahllose“ Briefe von Aebtissinnen und einfachen Nonnen mit der Bitte um Uebersendung eines solchen „Trösters“. Wie man sieht, war unsere früher geäusserte Ueberzeugung von der sittlichen Korruption in den Nonnenklöstern nicht übertrieben. -- Grosser schwarzer Ringe, der sogenannten „aides“ bedienten sich die Männer zur künstlichen Irritation der Frauen. Manche dieser Ringe waren sogar mit harten Buckeln besetzt, was das Vergnügen noch vermehren sollte. Endlich war ein ganzes Arsenal von „redingotes d’Angleterre“ vorhanden, die heute „Condome“ heissen und welche, wie Mairobert sich ausdrückt „gegen das Gift der Liebe schützen sollen, aber nur das Vergnügen abstumpfen“. Also gebührt die Priorität für das berühmte Wort von dem „Panzer gegen das Vergnügen und dem Spinngewebe gegen die Gefahr“ nicht +Ricord+, sondern +Pidanzat de Mairobert+, der es 70 Jahre früher aussprach![212]
6. Die „+Chambre de la question+“. -- Das war ein Kabinet, in welches man durch eine verborgene Luke hineinschauen konnte, so dass die Vorsteherin des Bordells und ihre Vertrauten alles sehen und hören konnten, was in dem Zimmer geschah. Eine Einrichtung für „Voyeurs“.
7. Der „+Salon des Vulcan+“. -- In ihm befand sich ein Fauteuil von sonderbarer Form. Setzte man sich hinein, so drehte sich sofort eine Klappe. Die betreffende Person sank nach rückwärts, mit gespreizten Beinen, die an den Seiten gefesselt wurden. Dieser Stuhl war eine Erfindung des Herrn +de Fronsac+, Sohnes des Herzogs von +Richelieu+, welcher ihm Widerstand leistende Mädchen mit Gewalt in diesen Klappstuhl presste und so verführte, wofür er, aber nur zeitweilig, vom Hofe verbannt wurde, um später sein Treiben unbehelligt fortzusetzen. Der „Salon des Vulcan“ war so gelegen, dass „das durch die Schmerzensrufe, durch Weinen und Schreien verursachte Geräusch auf keine Weise von Aussenstehenden gehört werden konnte.“ Dieses Mysterium des Lasters finden wir auch bei +de Sade+ wieder.
Die +Gourdan+ war die Hauptlieferantin für die vornehme Welt. Sie konnte alle Wünsche befriedigen und verfügte über grosse Mittel. In +Villiers-le-Bel+ hatte sie ein im Walde einsam gelegenes Landhaus, wohin sie selten kam, aber öfter kranke Mädchen hinschickte, auch die Schwangeren. Zugleich war diese ländliche Villa ein viel benutztes Versteck für besonders raffinierte Ausschweifungen. Die Bauern nannten dasselbe ironisch das „Kloster“.
Man unterschied in Paris zwei Arten von Kupplerinnen, erstens die Verführerinnen der Unschuld, zweitens die Lieferantinnen von schon deflorierten Mädchen. Nur die Ersteren wurden dadurch bestraft, dass man sie rückwärts auf einem Esel reiten liess. Die +Gourdan+ gehörte zu der zweiten Klasse, welche dafür sorgte, dass ihre Novizen zunächst offiziell von irgend einem ihrer zahlreichen Helfershelfer prostituiert wurden. Zugleich mussten diese der Bordellvorsteherin einen Bericht über die körperliche Beschaffenheit der Betreffenden erstatten. Wir werden später einen solchen Bericht mitteilen.[213]
Im Hause der +Gourdan+ wurden die Maitressen für die vornehme Welt herangebildet. So hatte die spätere Gräfin +Du Barry+ ihre glänzende Laufbahn dem Aufenthalte im Bordelle der +Gourdan+ zu verdanken. Aber auch viele Aristokratinnen suchten hier neue Genüsse. Eine vornehme Dame, Madame d’Oppy wurde 1766 von der Polizei bei der +Gourdan+ entdeckt, bei der sie zeitweise als Dirne fungierte.
b. +Justine Paris und das Hôtel du Roule.+
Am 14. November 1773 hielt Madame +Gourdan+ auf ihre verstorbene Kollegin +Justine Paris+ eine Leichenrede, die im „Espion anglais“ (Bd. II, S. 401 bis 412) abgedruckt ist und so voll +sadischen Geistes+ ist, dass wir einen kurzen Auszug aus derselben hier mitteilen. Die Idee zu dieser Leichenrede concipierte der Prinz +Conti+, einer der berüchtigsten Lebemänner des ancien régime. +Ausgeführt+ wurde sie von der +Gourdan+, welche die Rede bei einer Orgie in +Conti’s+ Hause vorlas. Die „Oraison funèbre de la très-haute et très-puissante Dame, Madame Justine Paris, grande-prêtresse de Cythèrè, Paphos, Amathonte, etc. prononcée le 14. Novembre 1773, par Madame Gourdan, sa coadjutrice, en présence de toutes les nymphes de Vénus“ hatte das charakteristische Motto:
La vérole, o mon Dieu, M’a criblé jusq’aux os.
Justinen’s Eltern predigten ihr auf dem Sterbebett die Unzucht als einziges Heil der Zukunft. „Comptez pour rien tous les jours que vous n’aurez pas consacré au plaisir!“ Justine setzt diesen Rat, den man in den Romanen des +Marquis de Sade+ fast auf jeder Seite findet, schleunigst in die Tat um und giebt sich bereits auf dem Sarge ihrer Eltern hin. Darauf tritt sie in ein Pariser Bordell ein, wo sie schnell grosse Fortschritte im Dienste der Venus macht, und durch ein Verhältnis mit dem türkischen Gesandten bald berühmt wurde. Reisen nach England, Spanien und Deutschland lehrten sie phlegmatisch mit dem Engländer, ernst mit dem Spanier und hitzig (emportée) mit dem Deutschen zu sein. Zuletzt kommt sie nach +Italien+ und ist in Rom die „Königin der Welt und das Centrum der paillardise“. Sie durchreist ganz Italien, von Fürsten und Geistlichen verehrt und begehrt. Leider macht sich von Zeit zu Zeit ihre hereditäre Syphilis wieder geltend, die sie aber nicht abhält, nach ihrer Rückkehr in Paris neue Orgien zu feiern und neue Erfolge zu erringen und sich grosses Ansehen als Besitzerin eines Bordells zu erwerben. Doch endet sie im Hospital.
Sollte dem Marquis +de Sade+ diese Leichenrede ganz unbekannt geblieben sein? Wir glauben es kaum und waren jedenfalls überrascht, in Madame +Paris+ und ihrer Reise durch Italien ein Vorbild der Juliette zu finden, die ebenfalls in Italien, in Florenz, Rom und Neapel als Königin der Welt und als Idealhure gefeiert wird.
+Casanova+, dieser geniale Schilderer, dessen historische Glaubwürdigkeit u. a. durch die vortreffliche Schrift von +Barthold+[214] überzeugend dargetan ist, erzählt in seinen Memoiren von einem Besuche im Bordell der +Paris+ im Jahre 1750, dem sogenannten Hôtel du Roule, und führt uns ein lebendiges Bild von dem Leben und Treiben in einem Pariser Bordell des achtzehnten Jahrhunderts vor Augen, das als Ergänzung der mehr systematischen Beschreibung des Hauses +Gourdan+ hier Platz finden möge.[215] „Das Hôtel du Roule war in Paris berühmt, mir aber noch unbekannt. Die Besitzerin hatte +es elegant möbliert+ und hielt zwölf bis vierzehn +ausgezeichnete Nymphen+. Man fand bei ihr alle wünschenswerten Bequemlichkeiten; guten Tisch, gute Betten, Reinlichkeit, +Einsamkeit in herrlichen Gebüschen+; ihr Koch war vortrefflich, ihre +Weine+ ausgezeichnet.
„Sie hiess Madame Paris, ohne Zweifel ein angenommener Name, der aber Alle befriedigte.
„+Durch die Polizei geschützt+, war sie weit genug von Paris entfernt, um überzeugt zu sein, dass die Besucher ihrer Anstalt Leute waren, die über der Mittelklasse standen.
„Die innere Polizei war geordnet wie nach Noten, und alle Vergnügungen hatten einen gewissen Tarif.
„Man zahlte sechs Francs für ein Frühstück mit einer Nymphe, zwölf für ein Diner und das Doppelte für eine Nacht“.
Hier machen wir einen Augenblick Halt und konstatieren, dass diese Schilderung +Casanova’s fast Wort für Wort mit der oben gegebenen Beschreibung des Bordells der Duvergier in de Sade’s „Juliette“+ übereinstimmt. Das Haus der Duvergier liegt wie das der Justine Paris „einsam“ in einem „Garten“, auch sie hatte einen vortrefflichen „Koch“, ausgezeichnete „Weine“, und last not least war auch sie „durch die Polizei geschützt“ (soutenue à la Police). Vergegenwärtigen wir uns, dass bei der genauen Beschreibung des Bordells der Gourdan sowie auch bei anderen Pariser Freudenhäusern nirgends ein +Koch+ erwähnt wird, dass die Reihenfolge der übrigen Epitheta bei +Casanova+ und +de Sade+ genau dieselbe ist, endlich dass +Casanova+, der im Juni 1798 starb, nachdem seine nur bis 1773 reichenden Memoiren längst im Manuscripte vollendet waren, die im Jahre 1797 erschienene „Juliette“ sicher nicht mehr für diese verwertet hat und auch früher den Marquis +de Sade+ nicht gekannt hat, dass ferner seine Memoiren erst im Jahre 1822 in der Oeffentlichkeit erschienen, so lässt sich daraus der sichere Schluss ziehen, dass beide Männer, die deshalb kulturhistorisch so wichtig sind, weil in ihren Schriften ein photographisch getreues Bild der sittlichen Corruption des 18. Jahrhunderts uns dargeboten wird, mit fast den gleichen Worten dasselbe Bordell schildern. Der Marquis +de Sade+ hat unter dem Namen der Duvergier das Treiben der +Justine Paris+ geschildert. Wir sind überzeugt, dass spätere Forscher den von uns gefundenen zahlreichen Analogien neue hinzufügen werden. Daraus ergiebt sich, dass die Werke des Marquis +de Sade ebenso ein Objekt der Kulturgeschichte wie der Medizin sind+. Dieser merkwürdige Mensch hat uns von vornherein ein lebhaftes Interesse eingeflösst. Wir wollten ihn +verstehen+, um ihn +erklären+ zu können, und wir überzeugten uns bald, dass auch der +Arzt+ hier die wichtigste Belehrung nur aus der +Kulturgeschichte+ empfangen kann. Das +Individuum de Sade+ wird erleuchtet durch den +geschichtlichen+ Menschen.
Kehren wir nach diesem Excurse zu der Schilderung +Casanova’s+ zurück. „Wir stiegen in einen Fiaker und Zatu sagte zu dem Kutscher: ‚Nach Chaillot‘.
„Nach einer halbstündigen Fahrt hielt dieser vor einem Torwege, über dem man ‚Hôtel du Roule‘ las.
„Das Tor war geschlossen. Ein Schweizer mit grossem Bart trat aus einer Seitentür und mass uns ernsthaft mit den Augen. Er fand uns anständig, öffnete und wir fuhren hinein.
„Eine einäugige Frau von ungefähr fünfzig Jahren, welche aber noch Spuren früherer Schönheit erkennen liess, redet uns an, und nachdem sie uns artig begrüsst hatte, fragte sie, ob wir bei ihr dinieren wollten.