Der Marquis de Sade und seine Zeit.
Part 12
Dort empfingen auch die geistvollen Leute ihre Anregungen, suchten dort ihre Gesellschaft, gaben sich dort ihren Gedanken hin. „Es mag schön oder hässlich Wetter sein, meine Gewohnheit bleibt auf jeden Fall um 5 Uhr abends im Palais-Royal spazieren zu gehen. Mich sieht man immer allein, nachdenklich auf der Bank d’Argenson. Ich unterhalte mich mit mir selbst von Politik, von Liebe, von Geschmack oder Philosophie, und überlasse meinen Geist seiner ganzen Leichtfertigkeit. Mag er doch die erste Idee verfolgen, die sich zeigt, sie sei weise oder thöricht! So sieht man in der Allée de Foi unsere jungen Liederlichen einer Courtisane auf den Fersen folgen, die mit unverschämtem Wesen, lachendem Gesicht, lebhaften Augen, stumpfer Nase dahingeht; aber gleich verlassen sie diese um eine andere, necken sie sämtlich und binden sich an keine. Meine Gedanken sind meine Dirnen.“ So spricht +Diderot+ im Anfange von „Rameaus Neffe“ nach der Uebersetzung unseres +Goethe+. Wieder ein köstliches Genrebild aus dem Palais-Royal und eine merkwürdige Vergleichung.
Diese „nächtlichen Promenaden“ im Palais-Royal waren in der ganzen Welt berühmt und repräsentierten die erste Pariser Sehenswürdigkeit. Hier suchte man pikante Abenteuer und fand sie. Es kam oft vor, dass Männer, die im Palais-Royal ihr Vergnügen suchten, bei den nächtlichen Promenaden ihre eigenen Frauen in gleicher Absicht lustwandelnd ertappten oder gar mit einem Galan überraschten.[272] Die Frauen des Palais-Royal waren alle Dirnen, ob sie nun zur engeren Prostitution gehörten oder nicht. Wer sich nächtlicher Weile dorthin begab, hatte sich damit einen gewissen Stempel aufgedrückt. Ein galantes Gedicht feiert diese nächtlichen, sternenbeglänzten Schönheiten des Palais-Royal.[273]
Vivent les nuits étoilées De ce jardin enchanteur Où nos femmes sont voilées, Aux dépens de la pudeur! Dessous ces fraiches allées La moins sage est à l’abri De la honte et du mari.
Ce mélange d’impudence, De tendresse et de gaîté, Depuis quelque temps en France, Fait notre amabilité. La prude et froide décence Combat, brouille tous les goûts; La licence les joint tous.
Die berühmte „Seufzerallee“ (Allée des Soupirs) war die Promenade der schönsten und verführerischsten Mädchen und Frauen, die sich aus allen Gesellschaftsklassen rekrutierten. Vornehme Damen, die Theaterwelt, die höhere Demi-monde und die feineren Dirnen waren hier das Ziel der beutelustigen Lebemänner. Aber auch in den übrigen Alléen, in der „Allée de la Foi“, den „Allées de Club“, unter den Colonnaden und Arcaden tummelten sich unzählige Spenderinnen der Lust, begehrt, verfolgt und umworben von jungen und alten Wüstlingen aus allen Teilen der Welt. Hier war das Eldorado der Prostitution. Hier waren ihre Schlupfwinkel in Gestalt zahlreicher Verkaufsläden, Kneipen, Spielhäuser, Variétés, Theater. Hier lernte +Rétif de la Bretonne+ von seinem Freunde, dem berüchtigten Charlatan +Guilbert de Préval+, der in alle Geheimnisse und Arten der Wollust im Palais-Royal eingeweiht war, „die verschiedenen Arten, sich mit Frauen zu amüsieren“ kennen oder „wie man die Frauen zum Vergnügen der Männer abrichtet“. +Rétif+ konnte aus der Erinnerung die Namen der Dirnen der Seufzerallee aufschreiben, er kannte auch die „Huris“, die „Exsunamitinnen“, die „Berceuses“, die „Chanteuses“, die „Converseuses“, lauter „dem 18. Jahrhundert eigentümliche moralische Phänomene“ oder wie wir heute sagen würden, lauter verschiedene sexualpathologische Typen. +Rétif+’s Werk über das Palais-Royal ist uns durch einen Neudruck (bei +A. Christiaens+ in Brüssel, 3 Bände) zugänglich geworden. Der Verfasser sagt über den Inhalt desselben in der Vorrede: „Pfui! welch eine Geschichte!“ -- Ha! ha! gnädiger Herr, gnädige Frau, gnädige Fräulein, machen Sie nicht immer so ‚Pfui‘! Sie lesen doch die Geschichte des Affen, des Ochsen, des Elephanten, des Rhinoceros, und +Buffon+ hat Sie für den Esel zu interessieren gewusst. .. Wir werden Ihnen von menschlichen Wesen erzählen und ein sehr moralisches Buch über sehr unmoralische Geschöpfe schreiben, die trotz einiger Aehnlichkeiten sich weit über Stuten, Eselinnen und alles mögliche Getier erheben. Die Schönen des Palais-Royal sind sehr hübsch, besonders die jungen. Was die Alten betrifft, so ist es damit wie überall: ein altes Tier ist niemals schön. -- Wie es sich auch verhalte, wir werden Ihnen merkwürdige, unerhörte Sitten vorführen, viel pikantere als vor sechs Monaten. Aber vorher wollen wir eine Vorstellung geben von dem Gesichte, dem Alter, dem Wuchse, der Haltung, dem Gange, den Sitten und Talenten dieser Schönen, unter den „noms de guerre“, die sie angenommen haben.“ Hierauf beschreibt +Rétif+ 32 Freudenmädchen aus der „Allée des Soupirs“, die man auch auf einem dem ersten Bande beigegebenen Bilde erblickt. Er erzählt dann die Geschichte jedes einzelnen Mädchens, wobei häufig die interessantesten Streiflichter auf die Sitten der Revolutionszeit fallen. Der zweite Band führt uns in den berühmten „Cirkus“ des Palais-Royal. „Die Majestät dieses Saales, der Reiz des Orchesters, die anmutigen Bewegungen der Tänzerinnen, die Schönheit, die Eleganz der Zuschauerinnen, alles trug dazu bei, um diesem schönen Souterrain ein magisches Aussehen zu geben. Ferner wurde die Aufmerksamkeit durch Spiele erregt, durch Kaffeetische und heimliche Cabinette, welche der Wollust und selbst der Liebe als Zufluchtsort dienen konnten. Nachdem wir alles dies geprüft hatten, bemerkten wir gegen neun Uhr, in dem Augenblick, wo alle anständigen Frauen hinausgingen, um fein zu soupiren, dass nur die +öffentlichen Mädchen+ dort blieben. Wir beobachteten sie neugierig in unserer Eigenschaft als Aushorcher.“ Eins der zurückbleibenden Mädchen diente ihnen als Cicerona und berichtete ihnen über die anderen, die sogenannten „Sunamitinnen“.
Die +Sunamitinnen+ trugen ihren Namen nach der bekannten Beischläferin des Königs +David+, welche durch ihre Lebenswärme die Kräfte des alternden Königs neu beleben sollte. In Paris gab es im vorigen Jahrhundert Unternehmerinnen im Palais-Royal, die sich zu diesem Zwecke zahlreiche Mädchen hielten, die in der ersten Blüte ihres Alters und vollkommen gesund sein mussten, was man durch den Genuss ausgewählter Speisen und durch tägliche Bewegung zu unterstützen suchte. Zu der Kur eines einzigen Mannes werden sechs Mädchen erfordert. Das erste Mal war die Matrone selbst gegenwärtig, liess den Patienten in ein aromatisches Bad steigen und nahm eine gründliche Reinigung seines Körpers vor. Dann legte sie ihm einen festen Maulkorb an, führte ihn zu Bette und legte zu beiden Seiten von ihm eine Sunamitin, deren Haut die seinige berührte. Ein paar Mädchen konnten diesen Dienst nur 8 Nächte hintereinander versehen, dann lösten ein paar frische sich ab und die beiden ersten ruhten aus, badeten sich die ersten beiden Tage, und vergnügten sich 14 Tage lang, bis die Reihe wieder an sie kam. Der Alte musste nicht nur das dienstthuende, sondern auch die ausruhenden Mädchen bezahlen, im ganzen drei Louisdors. Jedes Mädchen bekam sechs Francs und die Matrone behielt die zwölf übrigen für sich. Man gab sorgfältig Acht, dass die jungfräuliche Keuschheit dieser Sunamitinnen unangetastet blieb. Denn sonst würden die Lebensverlängerinnen, besonders während der Schwangerschaft, schädlich statt nützlich sein. Erlaubte sich der Patient den Genuss eines solchen Mädchens, so würde er sich nicht allein sehr schaden, sondern musste auch eine beträchtliche Summe verlieren, die er gleich anfangs in die Hände der „Wiederherstellerin“ niederzulegen verpflichtet war. Ein Mädchen diente zu diesem Gebrauche drei Jahre, von dem Zeitpunkt an gerechnet, wo sie mannbar wurde. Später würde sie den Greis beherrschen und „seine Ausflüsse zurückstossen, statt durch ihre Einflüsse auf ihn zu wirken“, und würde sie ihm die „verderbten Auswurfsflüssigkeiten zurückgeben, die sie von ihm empfangen hatte.“ Ein Mädchen, das täglich gebraucht wurde, konnte höchstens nur ein Jahr tauglich bleiben. Die Periode des sunamitischen Dienstes war gleichsam das Noviziat zum Orden der Buhlerin. War jene vorüber, so wurden sie in diesen eingeweiht.[274]
Auch in der „Justine“ des Marquis +de Sade+ muss die Titelheldin einem greisen Mönche diese nächtlichen sunamitischen Dienste leisten (Justine II, 228).
Der dritte Band von +Rétif+’s „Palais-Royal“ spielt in den „Colonaden“ und führt uns dort die „Converseuses“ oder „Exsunamitinnen“ vor, 43 an der Zahl, die vornehme Damen auf die mannigfaltigste Weise unterhalten mussten.
Von einer anderen Spezialität des Palais-Royal erzählt +Mercier+[275]. In einem Restaurant, das gleichzeitig ein Bordell war, öffnete sich während der Mahlzeit in einem Salon particulier auf ein gegebenes Zeichen beim Rauschen einer sanften Musik und unter einer Wolke von Wohlgerüchen der Balkon, und herabstiegen, wie aus einem Olymp, ebenso schön als -- leicht gekleidete Nymphen, die dann -- die Verdauung befördern halfen. Eine „satanisch geistreiche“ Erfindung.
Die vierundvierzig Figurae Veneris, die ein lasciver französischer Schriftsteller zusammengestellt hat, könnten wohl bis aufs halbe Hundert vermehrt werden, wenn man alle die Anerbietungen addierte, welche einem zwischen elf und zwölf Uhr in einer schönen Sommernacht in den hölzernen Gallerien des Palais-Royal von den ebenso viele Spezialitäten der Liebe durch ihre verschiedenen Namen ausdrückendes Dienerinnen der Venus gemacht wurden[276].
In der Schreckenszeit wurde das Palais-Royal ein Schauplatz der wüstesten Orgien und ein ständiger Aufenthaltsort für den Auswurf der Prostitution, für die +Soldatendirne+. Der Garten, die Gallerie und andere öffentliche Räumlichkeiten des Palais-Royal wurden „ebenso ekelhafte als ruhestörende Tummelplätze des Militärs und der Freudenmädchen. Auf die schamloseste Weise ergingen sie sich beiderseits öffentlich und rudelweise in den schmutzigsten Handlungen und Zoten, so dass die Passage gehemmt ward und kein anständiger Mensch sich blicken lassen durfte. Im Verlaufe des Jahres gestaltete sich auch die Wasserseite des Tuileriengartens abends zu einem ähnlichen Stelldichein in Masse zwischen Soldaten und liederlichen Weibsbildern, die, den Skandal nicht achtend, hier offen Unzucht trieben und Frechheiten aller Art. Ausserhalb und innerhalb der Stadt feierten die Soldaten schauerliche Orgien.“[277] Fast alle Soldaten in der Garde waren Zuhälter. Ja, viele nahmen in diesem Corps nur Dienste, um auf Kosten einiger Dirnen zu leben.[278]
Schliessen wir unsere Schilderung des Palais-Royal mit den Worten eines der besten Kenner der gesamten Pariser Korruption im 18. Jahrhundert. +Mairobert+ ruft im „Espion anglais“ aus: „Tous ces monuments du luxe et de la volupté française +n’approchent pas+ d’une sorte de spectacle qui s’est établi naturellement et +sans frais+, bien supérieur, suivant moi, par l’aisance, la familiarité, l’abandon qui y règnent. +Ce sont les promenades nocturnes du Palais-Royal.+“[279]
Gegenüber dem Palais-Royal verschwanden die übrigen Vergnügungslokale, die trotzdem in grosser Zahl vorhanden, aber nur von kurzer Dauer waren, zumal da sie im Gegensatze zum Palais-Royal ein Entrée erhoben. Die +Vaux-hall d’été+ und +d’hiver+, das +Colisée+ waren die besuchtesten Unterhaltungsorte, in denen man nach Entrichtung von 1 bis 3 Livres Entrée sich ebenfalls der verschiedenartigsten Genüsse erfreuen konnte.
Ein italienischer Artist +Torré+ oder +Torres+ eröffnete das +Vaux-hall d’été+ im Jahre 1764 am Boulevard Saint-Martin. Hier wurden Feuerwerk, Illuminationen veranstaltet, Ausstattungsstücke gegeben. Von 1768 an kamen Bälle, ländliche Feste, Pantomimen und Clownkunststücke hinzu.
Das +Vaux-hall d’hiver+ befand sich im westlichen Teile des Stadtteils Saint-Germain, nahe der rue Guisard. 1769 erbaut, wurde es am 3. April 1770 eröffnet. Hier wurden hauptsächlich Ballets von schönen Tänzerinnen aufgeführt. Im Jahre 1785 musste das Unternehmen aufgegeben werden.
Das +Colisée+ war ein Gebäude mit Garten für Tänze, Gesang, Schauspiele, Feste, Feuerwerk u. s. w. Es lag im äussersten Westen der Champs-Elysées, rechts von der Avenue Neuilly und wurde bei der Vermählung des Dauphins (späteren +Ludwig+ XVI.) eröffnet. Schon 1778 ging das Etablissement ein.
Nach +Dulaure+ war der öffentliche Zweck dieser Etablissements, wie der vieler ähnlicher, die Pariser zu amüsieren. Der geheime Zweck aber war der, sie „zu verderben, zu betäuben und auszuplündern.“ Es wimmelte dort von Tänzerinnen und öffentlichen Dirnen.[280]
16. Die Onanie im 18. Jahrhundert.
Wir gehen nach der Schilderung der Verhältnisse der Prostitution und nach der Beschreibung ihrer Hauptsitze nunmehr dazu über, die hauptsächlichsten Verirrungen des Geschlechtslebens zu untersuchen und beginnen mit der gewöhnlichsten, der +Onanie+.
Das „branler“ wie der technische Ausdruck bei +Sade+ lautet, kehrt fast auf jeder Seite wieder. Gleich im Anfang der „Justine“, als Justine über den Verlust ihrer Eltern trauert, zeigt ihr Juliette, die im Kloster diese Praktiken erlernt hat, an sich selbst die Befriedigung durch Manustupration. Diese wollüstige Erregung, die man sich jeden Augenblick ohne einen anderen verschaffen könne, sei der beste Trost über alles Leid, da die Onanie mit Sicherheit alle Schmerzempfindungen zum Verschwinden bringe. (Justine I, 5). Delbène, die Oberin des Klosters, in dem Juliette erzogen wurde, eine sehr wollüstige Frau, hatte schon im Alter von neun Jahren „ihre Finger daran gewöhnt, den Wünschen ihres Kopfes zu antworten“ (Juliette I, 3). In der „Société des amis du crime“ existiert sogar ein eigner „Saal für Masturbation“ (Juliette III, 65). Der Herzog von Chablais rühmt denn auch die „französische Methode“ der Onanie als die beste (Juliette III, 292). Madame de St-Ange, welche der Eugenie im Anfang der „Philosophie dans le Boudoir“ einen ganzen Lehrkursus in den Künsten und technischen Ausdrücken der Liebe erteilt, vergisst auch nicht, sie mit der Onanie bekannt zu machen, dieser bequemen Art „de se donner du plaisir“ (Philosophie dans le Boudoir I, 43). --[281]
+Mairobert+ lässt die Madame +Richard+ sich in charakteristischer Weise über die ungeheuere Verbreitung der Onanie in Frankreich äussern. Diese so raffinierte Kunst, welche, wie sie von einem Geistlichen und Mitglied der Akademie der schönen Wissenschaften erfahren habe, bei den Alten sehr in Flor gewesen, später aber vernachlässigt worden sei, werde immer mehr Mode in diesem Jahrhundert der Wollust und der -- Philosophie. In den berühmten Bordellen der +Florence+, der +Paris+, der +Gourdan+, der +Brisson+, könne man diese Künste sehen. „Viele treiben auch einfache und mutuelle Onanie, um keine Kinder zu bekommen oder die syphilitische Ansteckung zu vermeiden.“[282]
Höchst realistisch, in glühend sinnlichen Farben schildert +La Mettrie+ die „voluptueuse approche des doigts libertins“[283], und die mutuelle Onanie zwischen Frauen muss sehr verbreitet gewesen sein, um das folgende boshafte Couplet hervorzurufen[284]:
Il est des Dames cruelles, Et l’on s’en plaint chaque jour: Savez-vous pourquoi ces belles Sont si froides en amour? Ces Dames se font entr’elles, Par un généreux retour Ce qu’on appelle un doigt de cour.
Für immer verewigt sind die zügellosen Ausschweifungen der Onanie im 18. Jahrhundert durch die berühmte Monographie von +Simon André Tissot+ über die Onanie,[285] das erste Werk seiner Art, das „in glühendsten Farben, in brillantem, geradezu klassischem Stile die Folgen unseres Lasters, überhaupt sexueller Ausschweifungen der damaligen verlotterten französischen Bourgeoisie vor Augen führte, ein Werk, das trotz seiner Ueberhebungen und Uebertreibungen der Folgen der Onanie oder wohl auch infolge derselben ein ungeheures Aufsehen erregte und zu europäischer Berühmtheit gelangte, das viele Auflagen erlebte und von der damaligen Zeit fast verschlungen wurde.“[286]
17. Die Tribadie im 18. Jahrhundert.
Dieses Kapitel ist vielleicht das kulturgeschichtlich merkwürdigste in Beziehung auf das Geschlechtsleben Frankreichs im 18. Jahrhundert. Wir glauben nicht, dass selbst das antike Lesbos derartige Zustände gesehen hat, wie sie in Frankreich im vorigen Jahrhundert herrschten. Auch hier spiegeln die Werke +de Sade’s+ getreu das Bild jener Zeit wieder und belehren über die Häufigkeit des amor lesbicus oder der sapphischen Liebe.
Die „Juliette“ wird gleich eröffnet mit der Beschreibung der wollüstigsten tribadischen Szenen zwischen den Nonnen des Klosters Panthémont (Juliette I, 43 ff.); Mondor ergötzt sich an einer ihm vorgeführten lesbischen Liebesszene (Juliette I, 283). Ein ausgezeichneter Typus einer Tribade wird in der von einem glühenden Männerhasse erfüllten Clairwil gezeichnet (Juliette II, 106), die dann gleich mit Juliette und vier anderen Frauen eine Orgie veranstaltet (Juliette II, 138-150 auch III, 157.) Die höchste tribadische Kunst findet sich in Bologna (Juliette III, 306 ff.). Die Prinzessin Borghese (Juliette IV, 100 ff.), die Königin Karoline von Neapel (Juliette V, 259, VI, 12 ff.) sind Tribaden. Sehr zahlreiche Anhänger hat diese Spezialität der Liebe in Venedig (Juliette VI, 156 ff.).
In „Justine“ kommen ebenfalls, wenn auch nicht so häufig, lesbische Szenen vor, z. B. zwischen Dorothée und Madame Gernande (Justine III, 284); Séraphine ist eine Verehrerin der sapphischen Kunst (Justine IV, 116).
Auch an Andeutungen zu einer +Erklärung+ der Tribadie lässt es +Sade+ nicht fehlen. Eine tribadische Orgie zwischen Juliette und der Durand betrifft eine junge und alte Frau, welche letztere im Herbst ihres Lebens wohl keine Männer mehr anlockt und daher gern geneigt ist, als Surrogat die Liebe beim gleichen Geschlecht zu suchen (Juliette III, 60-64). Vielleicht prädestinierte sie aber auch ihre „lange Clitoris“ zu diesem Geschicke. Wenigstens hebt +Sade+ bei einer anderen Tribade Madame de Volmar (Juliette I, 34) dies ausdrücklich hervor. Diese, erst 20 Jahre alt, ist „die wollüstigste Gefährtin der Delbène und hat eine ‚clitoris de trois pouces‘, wodurch sie befähigt wird, die Rolle eines Mannes und Paederasten zu spielen.[287] Solch ein Weib mit männlichen Allüren ist auch die venezianische Tribade Zatta (Juliette VI, 194). +Sade+ behauptet, dass fast alle Tribaden die Praktik der Paedicatio übten. Denn mit den Leidenschaften der Männer hätten sie auch deren Raffinements sich angeeignet und „comme celui de la sodomie[288] est le plus délicat de tous, il est tout simple qu’elles en composent un de leurs plus divins plaisirs“. (Justine I, 253).
Eine grosse von 30 Hofdamen ausgeführte Tribadenszene beschreibt auch +Mirabeau+ in „Ma conversion“.[289]
Die Schilderungen dieser Autoren, denen sich noch +Diderot+ mit seiner „Nonne“ und zahlreiche Andere anreihen liessen, haben die Wirklichkeit nicht überboten. +Mairobert+ hat nämlich in seinem „Espion anglais“ mehrere hochinteressante Dokumente beigebracht, welche uns einen überraschenden Einblick in das Treiben und die Organisation der Pariser Tribaden des 18. Jahrhunderts gewähren. Es ist die schon öfter erwähnte „Confession d’une jeune fille“, welcher wir hier folgen[290] und welche uns ein lebensvolles Bild der Mysterien der berüchtigten „Secte Anandryne“ entrollt, welche im „Tempel der Vesta“ ihre Orgien feierte.
Ein junges Mädchen aus dem Dorfe Villiers-le-Bel, Tochter eines Bauern, war von der Madame +Gourdan+ für ihr Bordell eingefangen worden. Eines Tages traf der Vater sie als Dirne bei den Tuilerien. Es kam zu einem grossen öffentlichen Skandale. Die Tochter war aber bereits für die königliche Akademie der Musik verpflichtet worden, so dass der Vater unverrichteter Sache heimkehren musste. Ausserdem war sie schwanger. +Mairobert+, der dem Auftritte beiwohnte, liess sich von dem Mädchen, die sich Mademoiselle +Sapho+ nannte, ihre Lebensgeschichte erzählen. Es ist aber mit Sicherheit anzunehmen, dass +Mairobert+, als königlicher Censor in alle Geheimnisse der Pariser Gesellschaft eingeweiht, in die „Confession d’une jeune fille“ seine eigenen Erfahrungen verwebt hat. Auf jeden Fall stellt diese seltsame Beichte einen der allerwichtigsten Beiträge zur Kultur und Sittengeschichte des vorigen Jahrhunderts dar, dem wir daher eine ausführliche Besprechung widmen.
Von Jugend auf war Sapho zur Koketterie geneigt, putzsüchtig, eitel, faul und vergnügungssüchtig, kurz sie besass alle Anlagen, um eine Dirne zu werden. Mit 15 Jahren war sie bereits sehr lasciv, so dass sie sich in ihrer Nacktheit selbst bewunderte und den Spiegel häufig benutzte,[291] wobei sie sich selbst am ganzen Körper liebkoste. „Je caressais ma gorge, mes fesses, mon ventre; je jouais avec le poil noir qui ombrageait déjà le sanctuaire de l’amour;[292] j’en chatouillais légèrement l’entrée. Cependant je sentais en cette partie un feu dévorant; je me frottais avec délice contre les corps durs; +contre une petite sœur+ que j’avais.“ Dieses Geständnis ist sehr lehrreich und beweist, wie so häufig eine sexuelle Perversität zu Stande kommt. Nehmen wir an, Sapho wäre nicht von der +Gourdan+ entführt worden, wäre weiter so streng von ihren Eltern im Hause gehalten worden, ohne Gelegenheit zum Verkehr mit einem Manne zu finden, so ist es klar, dass eine solche zügellose und feurige Natur ganz von selbst auf den Weg der Tribadie gedrängt worden wäre, indem sie sich immer mehr an ihre Schwester gewöhnt hätte, und schliesslich dieser Umgang ihr ein Bedürfnis geworden wäre. Die +Gewohnheit+, das +Erworbensein+ der conträrsexuellen Gefühle spielt die Hauptrolle. Wir betrachten die Heredität sehr skeptisch.
Eines Tages wurde Sapho bei diesen Manipulationen von ihrer Mutter überrascht und sehr hart bestraft, so dass sie beschloss, aus dem Elternhause zu entfliehen. Wie wir früher erwähnten, hatte Madame +Gourdan+ eine Filiale ihres Pariser Bordells in Villiers-le-Bel, deren Insassinnen Sapho oft schön geschmückt, lachend, singend und tanzend im Dorfe umhergehen sah. Sie beschloss, dorthin zu gehen, wurde natürlich mit Freuden aufgenommen und von der +Gourdan+ nach Paris gebracht, wo sie zunächst bei einem Helfershelfer, einem Gardisten, untergebracht wurde, dessen Frau die erste Prostituierung der +Gourdan+’schen Novizen besorgen musste. Nachdem dieselbe aber eine genaue Inspektion des Mädchens vorgenommen hatte, verzichtete sie auf ihr gewöhnliches Vorhaben und richtete folgenden charakteristischen Brief an die +Gourdan+[293]:
„Sie haben ein Peru in diesem Kinde gefunden; sie ist bei meiner Ehre ‚pucelle‘, wenn sie nicht ‚vierge‘ ist. Aber sie hat clitoridem diabolicam. Sie wird sich daher mehr für Frauen als für Männer eignen. Unsere renommierten Tribaden müssen Ihnen diese Acquisition mit Gold aufwiegen.“
Von dieser Entdeckung benachrichtigte die +Gourdan+ sofort Madame +de Furiel+, eine der berühmtesten Tribaden von Paris, durch den folgenden Brief:
„Madame,
ich habe für Sie ein Königs- oder vielmehr ein Königinnenstück entdeckt -- für diejenigen wenigstens ist es das, die Ihren depravierten Geschmack haben -- denn ich kann eine meinen Neigungen ganz entgegengesetzte Leidenschaft nicht anders beurteilen. Aber ich kenne Ihre Freigebigkeit, die mich veranlasst, meine Rigorosität etwas zurückzuhalten, und benachrichtige Sie, dass ich zu Ihren Diensten pulcherrimam clitoridem von Frankreich halte, eine Jungfrau von höchstens 15 Jahren. Probieren Sie dieselbe (essayez-la) und ich bin überzeugt, dass Sie mir nicht dankbar genug sein können. Andernfalls senden Sie mir dieselbe zurück, vorausgesetzt, dass Sie ihr nicht zu viel angethan haben. Es wird immer noch eine ausgezeichnete Jungfrauenschaft für die besten Feinschmecker sein.
Verbleibe in Hochachtung u. s. w.
Ihre +Gourdan+.“
Das Geschäft kam zu Stande, und Sapho wurde für 100 Louisdors an die +Furiel+ verkauft.