Der graue Alltag und sein Licht

Part 9

Chapter 93,791 wordsPublic domain

»’s war ’ne Marotte vom Herrn Baron«, war die Antwort. »Die Eva ist gern mit dem alten Herrn Pfarrer zusammen, und dann läuft ihr der Mund und das Herz fort. Von mir aber wußte der Herr Baron, daß ich das verfemteste Weib im ganzen Dorf war und mit niemand zusammenkam. Und grad so was Heimliches, das hat mich immer gelockt«, schloß sie krächzend.

»Aber nun ist da doch nichts Heimliches mehr«, sagte ich ungeduldig.

»Nein, nicht viel mehr. Als die Baronin Jesuliebe starb und kurz darauf Baronin Brigitte einzogen, da war der Herr Baron unstet und zerfahren und fand, daß alles ein Unfug sei, und hat mich meines Dienstes entbunden. Von da ab gab er sich der Eva zu erkennen.« Sie lachte grell. »Ich wäre wohl überhaupt nie in sein Versteck gekommen, hätte er gewußt, daß ich vor dreißig und mehr Jahren durch den unterirdischen Gang zu seinem Vater schlüpfte … da trug Junker Clemens noch kurze Höschen …«

»Schweig!« rief ich außer mir.

Die Korb-Sina hob abwehrend ihre Hand. »›Schweig!‹ So schreit man einen bellenden Hund an. Vielleicht bin ich einer. Aber Sie, Baronin Brigitte, sind noch wie ein Kind. Und Sie kennen die Liebe nicht und wissen nicht, wie sie einen packen und unterkriegen kann, also daß man auf Ehre und Zucht vergißt. – Nur fleißig beten, Baronin Brigitte, daß der Geist willig bleibt und das Fleisch stark … Die Liebe kümmert’s nicht, ob sie einfährt in Vornehme oder Geringe, in Gebundene oder Freie …«

Wie eine Sibylle stand sie da.

Ich hielt eine Birke umklammert, und mir war’s, als schlüge mich die alte Frau.

Sie wendete ihr runenreiches Antlitz mir zu, aus dem die schwarzen Augen noch jugendlich funkelten. »Die Fräulein Baronin können mich auch nicht mehr niederdrücken oder beleidigen«, sagte sie ruhig. »Denn der aufrechte Herr Pastor Oswald ist mein Enkel geworden, und der Herr Baron von Lage hat meine Hand in seine genommen. Und hat mir gesagt, als ich ihm von meiner Flucht erzählte, daß meine Gesinnung ehrenhaft sei …«

Sie schritt durch den Wald, und es war, als sei ihr krummer Rücken mit einem Male geradegeworden. Und als gliche sie der aufrechten, herben Enkelin Maria. –

34.

Ich höre nichts vom Ritter Lage. – Jeden Morgen schaue ich nach dem Hause der Korb-Sina und nehme den Staub von den Möbeln des noch hochzeitlich aufgerüsteten Stübchens. Es ist, als ob ich damit den Staub vom Namen der Korb-Sina nähme. Zünd an, Brigitte! Immer mehr lerne ich das Wort verstehen. –

Ich denke nicht an Liebe, ich denke nur an Arbeit.

Und wenn mein Puls einmal rascher schlägt, dann ist’s das Wohl meiner Dörfler, was mich bewegt, ist’s die werktätige Nächstenliebe, die mich durchströmt. Die Dörfler meiden mich noch. –

Ich will und muß sie mir zurückerobern. Der Gedanke, daß ich irgendeine Pflicht verabsäumte, drückt mich sehr.

Mein Herz möcht’ ich aus der Brust nehmen und es ihnen entgegentragen. – Gottlob, daß ich die Dorfkinder wenigstens mein eigen nennen kann. Durch ihre Herzen hindurch werde ich den Weg wieder zu den Großen finden.

Die Kleinen begrüßen mich mit Hallo, wo sie mich sehen, und betteln um »Geschichtens«. Die gebe ich ihnen bereitwillig, wenn mich so ein ganzes Trüppchen nach entfernteren Katen begleitet. Das darf aber auch nicht zu oft geschehen, weil in einigen Häusern die Kinder schon rechte Hilfen sein müssen, oft bei schweren Arbeiten. Das möchte ich alles noch ändern. Möchte die Dorfkinder als ranke, schlanke Bäumchen heranwachsen sehen, nicht als krumme Zwerglein mit gewölbtem Rücken und schiefen Beinchen, wie sie jetzt in dreifacher Auflage neben mir her humpeln. Und die kleinen Mädchen mit schweren Verhebungen, die vernachlässigt worden sind und sie nun von jeder Lebensfreude ausschließen. Ich begegne da oft bei den Eltern einem erschreckenden Stumpfsinn. »Krumme Bäume hat Gott auch lieb«, sagte mir gestern eine Mutter. Mit diesem Gemeinplatz tröstet sie sich, daß ihr Kleiner, während sie »zu Tanz ging«, einst aus dem Bettchen fiel. –

Pieter Dinkel ist ein interessanter Junge. Weit über seine 8 Jahre hinaus geistig gewachsen. Dafür körperlich um so jämmerlicher zurückgeblieben. Seine Augen sehen mich immer so ergründend an, und ich helle mein Gesicht bewußt auf, wenn ich mit ihm spreche. Sobald er viel gute Liebe und Verständnis spürt – und wann gäbe ich die ihm nicht –, so wird auch sein gescheites Gesichtchen licht, und er plaudert recht und gibt seine Schätze her wie ein aufgeschlossenes Schatullchen. –

Gestern war unser Donnerstag, der Märchennachmittag, der von den Kindern ebenso glühend herbeigewünscht wird wie von mir. Da bin ich Kind unter Kindern. Andersens Märchen von den Störchen entzückten uns alle, ich habe ja nicht nur zuhörende Kinder, sondern auch ein paar von den Ältesten des Dorfes darunter. Denen bietet die Wirklichkeit nichts mehr, und sie flüchten sich deshalb in das Kinderland, das ihren 80 und 90 Jahren wieder nahe liegt. – Pieter Dinkel war eifrig um meine Aufklärung bemüht. »Du … dat mit’n Storch is ni wohr!« sagte er mir gestern, und ein großer Teil der Rotte Korah stand ihm eifrig bei. »Morgen fröh will ik di dat vertellen, wie dat is …«

Aber als wir uns heute morgen trafen, um große Äpfelmengen aus meinem Obstgarten in die Katen zu bringen, was immer einen Freudentag bedeutet, da stellten sich auf der Wiese all die kleinen Neunmalklugen vor Storch und Störchin hin, die auf der Wiese stolz einherstelzten, und sangen mit schallender Stimme: »Storch, Storch, Bester! bring’ mi ’ne lüttje Swester.« Und Pieter Dinkel war der Vorsänger. –

Und über all der Märchenpoesie vergaßen die Kinder, mir klarzumachen: »wie dat würklich is«.

Ehe sich die Störche zum Fernflug rüsten, haben sie das Lehrerhaus noch mit Zwillingen bedacht. Frau Mien weinte, als ich heute bei ihr war; sie meinte, es sei des Segens zu viel. Da tat mir des Lehrers strahlendes Gesicht recht wohl, der ein wahrer Kindervater ist. »Alle neune!« rief er mir entgegen, recht wie ein vergnügter Kegelbruder, während er vorsichtig ein rosa und ein blaues Bändchen um die winzigen Handgelenke der Neugebornen knüpfte. Nun wissen wir, wer Lina und wer Stina ist. – Natürlich bin ich Patin von den Zwillingen. Mit warmen Worten trug man mir dies Ehrenamt an, und ich will es mit der Gewissenhaftigkeit versehen, wie es in meiner Thüringer Heimat noch Sitte ist. –

Am Tage darauf.

Heute tat ich einen seltsamen Fund. –

Er paßte so gut zu dem herbstlichen Wetter, das plötzlich eingesetzt hat und mich nach prasselndem Kaminfeuer verlangen ließ. Und dabei war mir, als ob Ritter Lage sich ganz in meine Gedankengänge hineinversetzt hätte. Das ist natürlich eine lächerliche Annahme. Aber ich schaffe mir solche Lichtchen in den grauen Alltag. – Als ich gestern anfing zu frieren, dachte ich an Ohm Matthias, der mir in einem hellgrauen, leichten Röckchen herumgeistert, von dem er behauptet, es stände ihm besonders gut. Ich aber hielt den dicken, dunklen Flauschrock, der sich in dem Riesenkoffer vorfand, seinem rheumatischen Adam für angemessener und holte das warme Kleidungsstück herbei. In die Brusttasche wollte ich ein reines Seidentuch stecken, denn Ohm Matthias ist Schnupfer. Und ich bin doch dem Ritter Lage für die Sauberkeit der gespendeten Sachen mit verantwortlich. Da entdeckte ich ein Buch in der Brusttasche … Es ist ja unmöglich, daß der Flauschrock 150 Jahre alt sein kann, also daß der Schreiber selbst das Buch darinnen vergessen hätte. – So sendet es mir also Ritter Lage in meine Einsamkeit und wünscht, daß ich mich immer weiter in der Familiengeschichte vervollkommne. (Siehe oben.) Bin ich mit dem Studium fertig, so füge ich das schlanke Büchlein dem ehrenfesten Folianten ein, damit meine Nachfahren nicht so lange wie ich im Dunkel herumzutappen brauchen.

35.

Lager Huus, 12. November 1762.

Ich, Freiherr Thassilo von Lage bin hier seßhaft worden an der holländischen Grenze in’t Lager Huus. Das ist ein verflucht altes Gerümpel. Da möcht’ ich schier lieber noch mit meinem gnädigsten Herren dem alten Fritzen kampieren. Im Zelt, durch das der Regen surrt. Und mich mit den Podagraknochen herumschleppen in Dreck und Jammer wie bei Kollin, und dann wieder brüllen vor Freude wie bei Leuthen: »_Nun danket Alle Gott!_« Das waren noch Zeiten! Nun soll ich hier fest sitzen auf eigenem Mist und alle Morgen krähen. ~Mille tonnerres.~ Solches war nicht wohl getan von der Mynheersippen mich alten Haudegen erben zu lassen.

Ich dachte lieber wie jener alte Tscherkessenfürst, dem sein Panzerhemde, sein Haß und seine Freiheit unverkäuflich waren. –

Ja, hätt ich mein jung, schön Weyb noch, da sollts wohl ein Wonnen ohngleichen sein in dieser Einsamkeit zu hausen. Und es hätte ein weites Revier in der grenzenlosen braunen Heide gehabt, um sich schelmisch vor mir zu verbergen. Wär aber heuer auch nicht mehr so behend wie dazumal, – als ichs hergeben mußt an den Sensenmann. – Hol ihn dieser und jener!!!

Als ichs meinem allergnädigsten Herren gehorsamst vermeldete, was ich für ein Erbe getan, fluchte der alte Fritz nicht wie ein Stadtsoldat? ~Mille tonnerres!~ Und schlug er sich nicht auf die Schenkel und lachte, daß ihm der Odem fortblieb? Und schrie er mich nicht an?: »Baron Lage, ich rat Ihm, gewöhn’ Er sich das Saufen an, denn vor schöne Weiber ist Er zu häßlich und hat auch nicht die ~mériten~ dazu. Aber das Saufen allein kann Ihn retten, daß Ihn nicht der ††† holt in dem _grauen Alltag_ da unten an der holländisch Grenz’. Sauf Er Lage, sauf Er feste!«

Und hat mein allergnädigster Herr nicht somit das Wort geprägt wie eine Münz’? _Grauer Alltag!_ Dabei solls bleiben!

Grauer Alltag! Das paßt auf dieses ganze Klima. Paßt auf den dusteren Wolkenhimmel. Paßt auf die Ödweiligkeit des Dorfes und auf meine eigene. – Hab ja auch noch Kunersdorf zu verdauen gehabt. ~Mille tonnerres!~ Kriegsglück ist wandelbar. Habe mich und mein Leid und den gachen Zorn über die Misere vergraben in den »dorischen Tempel«. Der liegt just an der Grenze von Holland und Hannover. (Preußen?) Man kann auf zweierlei Art diese Grenz überschreiten. Entweder man läßt sich durch Stechpalmreiser zermürmeln und zerschinden, oder man schleicht lautlos die steinern Stiege hinunter und kriecht durch den unterirdischen Gang in’t Lager Huus, ~Mille tonnerres~. Waren also auch Füchse und Filus, die Lages. Denn ein ehrenhafter Kerl braucht keine unterirdischen Gänge. Und das Lager Huus ist nie ernsthaft belagert worden, also daß man hätt flüchten müssen auf heimlichem Wege in den Lager Forst. – Hoffe nun auf Den da Oben, daß es nun bald Frieden geben wird zwischen König und Kaiserin. Zuschauer sein mit einem dauerhaften Granatsplitter im rechten Arm und dem Zipperlein in beiden Beinen, das ist nichts forn alten Haudegen. _Grauer Alltag!_ Ich wollt, ich könnt Schloß und Dorf zum Taufstein tragen und der Pastor müßt sein Sprüchlein hersagen, damit es fest sei für Kind und Kindeskind. Und der große Fritz, mein allergnädigster Herr wäre Pate for das langweilige, dustre Kind. – _Grauer Alltag!_ Der Nam macht mir ordentlich Spaß. ’S ist aber der einzige Spaß hier. Mein Kriegskamerad, der Baron Ellers hat auch geerbt. Eine propre Klitsche in meiner Nachbarschaft. Ob er sie halten wird? Die Ellers sind alle Jeuratten. Irgend eine Passion muß man hier freilich haben. Ists kein sauberes, eigen angetrautes Weyblein, so hat Einen der ††† gleich beim Kanthaken. Die Ellers retten sich immer knapp vor der Pistolenkugel durch eine reiche Heirat. Hat sich der Kumpan so ’ne verflucht dröge Jungfer rangeheiratet. Drög, aber reich. – Und er könnte nun Dukatenmännchen spielen … Tuts aber nicht. – Weil Schwiegermutter und Eheweyb ihre mageren Arme um die Geldsäcke schmiegen, wenn da überhaupt von »schmiegen« die Rede sein kann. ~Mille tonnerres!~ Nun lebt Ellers von seinem Humor. Hat die beiden Weyber in seinem Schloß gelassen, und er selbst hat sich ein klein Häusgen aufgebaut im Park, das nennet er nun das »bessere Jenseits«. Steckt ein grimmer Humor drin. –

Ich aber will doch lieber den grauen Alltag auf dem Halse haben und frei sein, als das bessere Jenseits schon auf Erden besitzen und in Schußweite eine böse Schwiegermutter und ein mageres Weyb …

Im Dezember 1764.

So ’ne urkundlich verbriefte und versprochene Schreiberei über meines Lebens Läufte, die immerhin für Andere langstielig ist, bildet eine höxt unangenehme Beigabe für ’n alten Officier. Ist das Einzige, das ich dem großen Fritzen, meinem König und Herrn ungern nachmache. Hab mir deshalb auch das dünnste Büchlein herausgeholt aus all den Schweinsledernen, in welche die Lager Sippe ihre Bekenntnisse pflanzen soll. So hat es Joochen Lage, der Urahn bestimmt. – Hat gleich eine ganze Zunft, die der Buchbinder, in Nahrung gesetzt. Sind ehrenfeste Folianten drunter von der Dicke eines Meßbuches. Gott bewahr die Lages, daß das alte Haus mal ’n Schriftsteller gebiert. Und noch dreidoppelt die, so dann Alles lesen müssen, was der über die Lagen zusammenschmieret. Ich lob mir dies schlanke, dünne Formatlein.

Heut kam ein reitender Bote herüber von Holland. Der Vetter Clemens, gleichaltrig mit mir und verheiratet mit der Gräfin ~Frenswegen~ zeigt mir wieder die Geburt eines Sohnes an. Bittet um die Ehre meiner Patenschaft. Soll er haben. Ist aber von seiner Seit nicht viel Ehr zu holen und von meiner keine Freude. Wird wohl wieder ’n Kröpelbub sein, oder sonst was Schadhaftes. Das geht nun so durch Generationen. Aber keiner der Mynheers hat die Selbstzucht eigenem Glück Valet zu geben und einsam zu bleiben. Immer wieder wird geheiratet und noch dazu beide Augen zugedrückt bei der Wahl der Gattin. – Ich alter Kavallerist bin auf die Freite wie zum Pferdekauf gegangen. Habs nie bereut. Ein kerngesund Weib ist ’ne Gottesgabe. Da mußte der Herrgott bei mir schon mit Knüppeln dreinschlagen und die schwere Seuchen schicken, auf daß meine Herztraute überhaupt mal umwarf, und zum Liegen kam. Und nicht wieder aufstand … Hatten einen Sohn. Wie ein Apfelbaum war er, in voller Blust. Und rank und schlank, breitschultrig, groß, ein echter deutscher Lage. Zog mit mir ins Feld, fiel bei Kollin. Herrgott du weißt es, – bin seitdem noch nicht wieder ganz auf Du und Du mit Dir. Ob ich wohl noch vor meinem eigenen Ende den tieferen Sinn der Weisheit kennen lerne: »wen Gott lieb hat, den züchtigt Er?« Hab bis jetzt immer gedacht: Ei, so soll Er mich weniger lieb haben und Andere feste zwiebeln, die mehr auf dem Kerbholz führen, als ich. –

Bin nun ein einsamer Krabauter geworden.

Aber besser einsam, als ’n Drachen im Hause haben und des Teufels Großmutter noch als Dreingab, wie der Ellers. Und dreimal besser als ein elender Krüppel, der seinem Vater ewig lebendige Anklage darstellt, ist ein ranker, schlanker Bub tief in der Erde von Kollin.

»Kein seliger Tod ist in der Welt, Als wer vorm Feind erschlagen!« …

* * * * *

Brigitte schreibt:

Haus Lage, im Oktober.

Das Büchlein von dem alten Haudegen will mich gar nicht loslassen. Ich füge es jetzt in den ehrenfesten Folianten ein. Wie traurig klingt die Mär von den krüppelhaften Lages! In unserer deutschen Sippe ist kein Fehl, noch äußerer Tadel. Kraftvoll recken wir unsere Glieder jedem neuen Tage entgegen, und ich will jeden Morgen aufs neue dafür danken. –

Ich habe mich immer gescheut, das Gebrechen des Ritters Lage eingehender zu beschauen. Den verkürzten Arm, die kraftlose Hand, den schwer nachschleppenden Fuß …

Meinte immer, er müsse den Blick fühlen wie eine bohrende Nadel und mein frauenhaftes Mitleid wie eine Kränkung. Aber die Gebrechen bedeuteten mir nichts Schweres. Erst jenes Büchlein brachte mir schweres Nachsinnen, macht mich unfrei und schafft mir Wirrnis …

Doch meine ich, wo so viel starke Geistigkeit spricht, da ist die Hülle des Körpers nur ein Schatten, der ohnedies von seines Herzens Glanz durchleuchtet wird.

Ob dem Ritter Lage die Kette, die ihm mit dem irren Weib angeschmiedet war, nicht lastender dünkte, als der eigene körperliche Schaden? Aber vielleicht denkt darüber ein Mann anders, als ein Weib. Er will immer sieghaft dastehen. Die Frau will nur lieben. Liebt auch Gebrechen, Narben und Wunden … Meint gar, sie heilen zu können, was Jahrzehnten nicht gelang. Nur durch die Liebe, die nach den Worten des Heilandes Berge versetzt. –

Ei, Brigitte, wie würde Ritter Lage spotten, wenn er deine Philosophie lesen könnte! Wie würde es gelbe Büttenpapiere regnen! Oh, daß ich sie jetzt hätte! Oder erwarten könnte! Daß ich so gar nichts von ihm höre! –

Aber Eva weiß von ihm, – ich vermag jetzt auch von ihrem verschlossenen Antlitz zu lesen. Hie und da steht und geht sie sinnend und schaut mich an, lange und immer schweigend. Dann kommen Tage, wo sie im Hause rumort, unwirsch zu jedem ist und nur mich mit einer Weichheit behandelt, als täten mir alle übrigen das gebrannte Herzeleid an. Dann wieder strahlt jedes Runzelchen ihres alten Gesichtes, sie spricht mit sich selbst und stößt merkwürdige Töne aus, die halb Schluchzen, halb Lachen sind. Und dann flieht sie vor mir, wohl aus Angst, sie könnte in ihrer inneren Freude herausplaudern, was mir verborgen sein soll. Dieses Erratenmüssen ist für mich anregend und anstrengend zugleich, – oft kommt eine müde Traurigkeit über mich. –

Meine Spaziergänge in die Heide sind freudlos.

Die braunen Dolden atmen Schwermut. Die Wacholder stehen stachlig und herb als strenge Wächter am Heiderand, und die Ginsterbüsche sind kahle Sträuche, die ihre schmalen, mageren Ärmchen strecken, wie Kinder, die um Brot betteln.

Auch ich strecke meine Hände. Auch ich bin in Not. Meine Seele dürstet und hungert nach Sonne. Ritter Lage, hörst du mich?

36.

Gese Nordstamm, geborene Tönnings hat ein Kind geboren. Aber es ist noch in der gleichen Nacht gestorben. Die Aufregungen, die Unrast, ihre Unbeherrschtheit und Sorglosigkeit haben wohl doch dem Ungeborenen geschadet. Es war nicht lebensfähig. Förster Nordstamm hat die winzigen vier Bretter und zwei Brettchen mit dem jämmerlichen Inhalt auf den Friedhof getragen und ihn zu seiner ersten Frau gebettet. Man muß abwarten, ob aus dem kleinen Sarge Segen kommen wird. Ob sich Gese nun zu einer rechten Mutter für Klein Erika wandelt. Die Schmiedsleute scheinen einer großen Last ledig zu sein, da das anstößige Steinchen aus ihrem Wege gewichen ist. Die Mutter sitzt bei Gese und pflegt sie, und der Schmied geht rauchend und redend mit dem Schwiegersohn umher und hat Klein Erika einen ungeheuren Ball mitgebracht als Ersatz für das Brüderchen. Ich aber sinne, ob all dieses Geschehen schon ausreichen soll, meinen Tag zu füllen. Gegenüber meiner starken Gesundheit und Kraft, die sich in großem auswirken möchte, dünkt mich alles rings um mich her nur Kleinkram. In den lustigen Sachen, die das Dorf mir auch wohl bringt, steckt kein Gran Humor, und das Traurige hat keine eigentliche Tragik. Alles ist Oberfläche. – Ich aber glaubte, die Mission der Tiefe zu haben. –

Mit Pastor Oswald komme ich wenig zusammen. Ist sein neues Leben, vereint mit der herben Maria, noch zu überwältigend für ihn? Drückt ihn der Kummer um die Unversöhnlichkeit seiner Mutter? Erlebt er Enttäuschungen? Ich habe das Gefühl, als meide er mich bewußt und lasse lieber einmal unrichtigen Sachen ihren Lauf, als daß er in Haus Lage eintritt, um alles mit mir, seiner Patronin, zu besprechen.

Vielleicht aber treibt meine Phantasie besondere Wucherblüten, weil ich so einsam bin. Über mein Haus, meinen Park, über den Obstgarten und seine überreiche Ernte schreibe ich nichts in den ehrenfesten Folianten hinein. Meine Nachfahren sollen mit ihren leiblichen Augen sehen, daß ich alles Ererbte wirklich besaß, weil ich es in heißer Arbeit erwarb. – Um die zehnte Abendstunde, wenn ich mein Personal um mich versammelt und mit ihm gemeinsam gesungen, gebetet und den Abendsegen gesprochen habe, dann setze ich mich zum Folianten und halte Zwiesprache mit ihm. Er ist ein fester Bestand von Haus Lage, das mich ja selbst mit eisernen Klammern festhält, wie die bronzenen Klammern den schweren Ledereinband um das ungefüge Papier, auf das ich meine Eintragungen bringe. – Dann aber begebe ich mich zur Ruhe und schlafe immer schnell und gesund ein, also daß ich mein Tagewerk frisch in frühester Morgenstunde beginnen kann. Es ist gut, daß ich mit der eigentlichen Landwirtschaft nichts zu tun habe, wie würde meine Unwissenheit auf diesem Gebiete hemmend wirken. Der ganze Betrieb liegt in den Händen von Ritter Lage und seines Administrators, aber entfernt von Lage, auf holländischem Gebiet. Ich beziehe alles Nötige zu Tagespreisen von dem Gute, und meine Küche betreut mein Hausmeister Ludwig im Verein mit dem Schlachter und dem Kolonialwarenhändler des Dorfes. Ich selbst würde noch viel einfacher leben, wenn nicht Ohm Matthias und Tante Fernande eine reiche Tafel liebten. Doch schränke ich alles so weit ein, daß man unseren Tisch nur als »herrschaftlich«, nicht als reich oder üppig bezeichnen kann. – Einen Todesfall hat mein Dorf seit gestern wieder zu verzeichnen, ich sage nicht Verlust. Denn es war der widerliche Säufer aus der letzten Kate meines Besitzes, der einem bösen Fall zum Opfer wurde. Und ich stehe nun vor der Aufgabe, diesen Augiasstall zu reinigen, sobald der Tote unter der Erde ist. –

Und wieder bin ich vor einem Rätsel, sinne, grüble und – lerne. Dieses schwarze Schaf ist mit nimmermüder Liebe geliebt worden. Vom ersten Sehen an war die Frau ihm verfallen und ist ihm in die üble Kate gefolgt, hat ihm die Kinder geboren über ihr körperliches Vermögen, ist siech und elend geworden und hat ihn geliebt. Hat ihn gepflegt und für ihn gesorgt, bis sie selbst aufs Krankenlager kam; hat sich peinigen, treten und schlagen lassen – und hat ihn geliebt. Nie hat sie ihm eines der unflätigen Worte zurückgegeben, mit denen er um sich warf, nie ist sie zornig geworden. Eine eigene Art hatte sie, ihn anzusehen, und dieser Blick sagte: »Wenn du da unten herumkriechen willst, – mich bringst du nimmer hinunter.« »Vielleicht war dieser hochmütige Blick ein Unrecht, das ich jahrelang an ihm beging,« – so klagte mir heute das arme Weib, das nicht einmal aufatmet in dem Gedanken, nun endlich Ruhe vor ihm zu haben. –

Sie hat sich aus dem Bett geschleppt, näht mit rotgeweinten entzündeten Augen Trauersachen zurecht und kühlt zwischendurch noch die Wunden, die ihr seine Peitsche schlug.

Frauenliebe! Nie ausgesungenes Wort. –

Wer wie ich in einer so märchenhaften Kinderstube aufwuchs, wem hochstehende, feinsinnige Eltern Lebenskameraden waren, der findet sich schwer in einer brutalen Welt zurecht. Man dünkt sich oft ein Ei ohne Schale. Aber ich habe mich in all dieser Zeit schon gestrafft, und eine festere Schale wird noch wachsen. Auch die innerlichen, unsichtbaren feinen Flügel, mit denen man sich erheben kann, wenn andere meinen, man kröche mit ihnen … Zünd an, Brigitte! Auch in dir selbst. Auf daß du nicht zum Pharisäer werdest! – –

Ohm Matthias hat eine Reise angetreten. Ich mußte ihm wohl oder übel einen ganz neuen Anzug in sein Köfferchen legen und gab ihm auch das nötige Kleingeld. Er will nach Paderborn fahren, um seine Papiere in Ordnung zu bringen, sagte er mir, und fügte hinzu, Ritter Lage habe es für sehr unordentlich erachtet, daß er jetzt noch immer nicht mit allen nötigen Ausweisen versehen sei. Das bewog mich natürlich besonders, seinen Reisegelüsten nachzugeben. Aber Ohm Matthias ist wie ein Kind. Ich fürchte, er rächt sich in der Stadt für alles, was wir ihm hier vorenthalten. Und ist doch längst nicht mehr kräftig genug, um auf seinen Körper loszuwirtschaften. So ist er nun abgezogen, ganz »feiner Hund«, wie er Tante Fernande zurief, und sie sah wie eine Glucke aus, die ein Entlein ausgebrütet hat, das sich vor ihren sichtlichen Augen in eine Stromschnelle begibt. –

Einige Tage später.