Der graue Alltag und sein Licht

Part 10

Chapter 103,814 wordsPublic domain

Bin kaum zum Ausruhen, noch weniger zum Nachdenken gekommen. Denn die allerletzte Kate meines Dorfes beanspruchte mich völlig. Wohl hatte ich mir Hilfe genug mitgenommen, eine derbe Magd, die das kleine Haus unter Seifenwasser setzte, mit erstaunten Augen und glucksendem Lachen davon Kenntnis nahm, daß ihre vornehme Herrin auch grobe Arbeit tun konnte, und dann mit ihr, mit Kraft und Ausdauer, Frische und Fröhlichkeit, den Stall säuberte, daß die kranke Frau in ihrem Bett gar nicht wußte, wie ihr und ihrem armseligen Hausrat geschah. Hie und da steckte auch wohl eines der vielen Kinder, die währenddem in der Nachbarschaft untergebracht waren, seinen Wuschelkopf neugierig in die beginnende Ordnung, um ganz überwältigt wieder davonzustürzen, und abends lohnte es sich dann wohl der Mühe, die zwei aufgeräumten, sauberen Stuben zu sehen: die frisch überzogenen Betten, die leuchtenden, rosakattunenen Fenstervorhänge und den gescheuerten Tannentisch. Daherum saßen nun frisch gewaschene Mägdlein und Buben mit ihren sauber gekämmten Tollen und Zöpfchen und schrieben und lasen ihre Schularbeiten. Es war weder Vollmond noch Sternenhimmel über mir, als ich endlich in die Nacht hinaustrat, um nach Haus Lage zurückzukehren. Und doch war es seltsam klar in mir und um mich. War es der Glanz aus sieben Augenpaaren, der auf meinem Heimweg lag? – Als ich nach Hause kam, fand ich mancherlei Post vor, auch barg meine große Ledertasche Papiere, welche mir die kranke Frau des Trunkenboldes übergeben hatte, den man gestern zur letzten Ruhe getragen. Pfarrer Oswald hat die Vormundschaft der Kinder übernommen. So schickte ich denn Ludwig hinüber zum Pfarrhaus, um den Freund endlich einmal wieder in’t Lager Huus zu bitten. Das sollte ein lichtes Beratungsstündlein werden, und so dankbar bin ich jedem, der mich über das Bangen, das Heimweh, das Warten hinwegbringt durch frisch-fröhliche Arbeit, gutes Verstehen und einen herzlichen Händedruck.

Pastor Oswald folgte meinem Diener fast auf dem Fuße. Und wie er unter der grünen beschirmten Hängelampe saß, die mein Arbeitszimmer so traulich erhellt, erschrak ich vor der fahlen Blässe seines Gesichtes, vor dem Gram, der in seinen Augen lag.

»Um Gott, was ist mit Ihnen?« fragte ich rasch und nahm seine kalte Hand noch einmal in meine Rechte.

Er schien mit der Antwort zu ringen, dann kam es stockend von seinem Munde: »Ich habe die Sünde wider den heiligen Geist begangen. – Ich habe ein Weib genommen, um die heiße Liebe zu einer anderen zu bezwingen. Und _kann_ sie nicht zwingen. Ich wollte groß sein und bin kleiner im Denken und Handeln als der Geringste meiner Pfarrkinder.« Er stand vor mir, als sei ich sein Beichtiger.

»Nicht doch, nicht doch«, rief ich laut. »Um Gott, was haben Sie mir da gesagt? Und ich war so ruhig, so froh all die Zeit gewesen!«

»Weil Sie mich loswaren«, sagte er bitter. »Auch Sie tragen ein wenig Schuld an meiner Not, Freiin Brigitte. Nicht weil Sie mich als Freier ablehnten, – das war Ihr gutes Recht, aber _wie_ Sie es taten. Sie sind sehr rasch, Baronin, – sehr selbstsicher und selbstherrlich, trotz Ihrer Weltfremdheit und Kindlichkeit, die eine ganz neue Welt für mich bedeutete. Sie warteten gar nicht ab, ob ich selbst um Sie werben würde, Sie nahmen ganz einfach die Wünsche meiner alten Mutter schon als Werbung auf: Und wehrten sofort ungestüm ab, verletzten mein Ehrgefühl aufs schwerste …«

Ich fühlte, daß ich blaß und kalt wurde. »So hätten Sie gar nicht um mich geworben?« fragte ich tonlos.

»Nein«, entgegnete er fest. »Denn ich sah, daß Sie meiner starken, großen Neigung gar kein Verständnis entgegenbrachten. Zum Toggenburger eigne ich mich nicht. Aber zum Warten. Ich wäre Ihr Freund geblieben, hätte mit Ihnen Hand in Hand dem Dorfe das Beste gegeben, was wir geben konnten. Und vielleicht …«

»Nein, _niemals_ …«, rief ich rasch.

Eine rote Lohe schoß ihm in das Antlitz. »Sehen Sie, wie ungestüm und doch irrgehend Sie in Ihrem Urteil sind«, sagte er verweisend. »Lassen mich nicht einmal ausreden. Ich wollte sagen, _vielleicht_ hätte ich _überwunden_ …«

Nun war es an mir, mich brennend zu schämen.

Er sah es und half mir ritterlich. »Tat ich Ihrem Stolze weh? Ich mache es wieder gut, indem ich Ihnen sage, daß ich _niemals_ überwinde. Sie treten nicht in ein Mannesleben, um vergessen zu werden. Sie fühlen das auch, fühlen es so stark, daß Sie Ihre Folgerungen gewissenhaft ziehen. Daß Sie sich der Pflichten eisern bewußt sind, die Ihnen Ihre große Macht über die Menschen auferlegt.«

»Ahnt Frau Maria all dieses?« fragte ich laut.

»Sie _weiß_ es«, war seine Antwort. »Weiß es viel länger, als Sie selbst es wissen. Und in ihrer großen Liebe zu mir sagte sie dennoch _ja_, denn sie wollte mir helfen zu überwinden, wollte dabei auch Ihr großes Liebeswerk am Dorfe fördern … Und nun gehen wir beide –«

»Was heißt das?« fragte ich bestürzt.

»Das heißt, daß ich mich um eine ausgeschriebene Pfarrstelle in Berlin beworben habe. Man will mir wohl im Kultusministerium, die Fäden sind bereits angeknüpft, und im großen Getriebe der Weltstadt fragt auch niemand nach Marias Herkunft. So bleibt ihre feine Seele vor Nadelstichen verschont, – sie trägt genugsam an dem großen Leid, daß mein Herz und meine Seele in Lage bleiben. Und doch neidet sie Ihnen beides nicht, Freiin Brigitte, denn sie ordnet sich Ihnen unter.« –

Wir sahen uns an, und ich fühlte, daß etwas unendlich Gutes und Großes mit diesem Manne aus meinem Leben schied. Einen Augenblick durchfuhr mich der Gedanke, ob es nicht das Glück gewesen sei, das ich mit meinem raschen Handeln von meiner Schwelle verjagt hatte. Aber da stand es plötzlich mit leuchtender Schrift vor meinem Auge: »Das vierte Päckchen bringe ich dir selbst, Gitti!«

Und dieser Gedanke flutete wie ein Meer von Glück über mich hin.

»Mein Herz ist seit langem gebunden!« sagte ich laut. »Und ich hoffe unablässig, daß mein Bruder Konrad Oswald Frieden und Überwinden finden möge. Grüßen Sie mir Maria. Ich werde sehr einsam durch euer Fortgehen, aber es ist das beste so.« –

Die scharfe Blässe hatte sich wieder über Oswalds Gesicht gelegt; er verbeugte sich tief und schritt über meine Schwelle hinaus in die Nacht. Ich aber lehnte meinen Kopf an die Mauer der Horchbucht und sagte eindringlich: »Ritter Lage, bring’ mir Sonne! _Ritter Lage, ich gehöre dir für Zeit und Ewigkeit!_«

37.

Der letzte Satz, den ich auf der vorigen Seite niederschrieb, ist ein so tiefes Erleben, daß ich mich wie ein neugeborener Mensch fühle. – Es _wurde_ etwas in mir, oder soll ich bekennen, »ich ward?« – _Dieses_ Werden kann nicht einseitig sein! Es muß in seinem gewaltigen Geschehen auch die Seele des andern erschüttert, ja neu geschaffen haben. Denn ich habe dieses »Werden« meiner Bruderseele mit erlebt, hab’ es in tiefem, wortlosem Verstehen gefühlt … Es wird mich fördern in meiner Menschenkenntnis.

»Fördern«, das ist mein liebstes Wort im deutschen Wörterbuch.

Einer den andern fördern. Jeder Mensch jeden andern Menschen. Sich immer dieser Aufgabe bewußt sein bei jedem Wort und jeder Tat. Mich selbst fördert ja nicht das, was ich erlebe, sondern was mir zum Erlebnis wird …

Ein Neugeborenes bin ich. Herrgott, hilf dem Kinde weiter!

Zwei Tage darauf.

Ich habe die Hochstimmung nicht verloren und abgetan, aber ich verberge sie tagsüber und hole den kostbaren Schatz nur des Abends hervor, wenn ich ganz allein bin mit meinen Gedanken und Erinnerungen, mit dem Mondlicht, das durch mein Spitzbogenfenster lugt, mit dem Folianten und mit meiner Liebe. –

Es ist nutzbringend, wenn man die Kraft besitzt, sich rasch umzuschalten. Ich mußte gestern den Schritt vom Erhabenen zum Lächerlichen tun. Er hat mein Gleichgewicht wohl ein wenig erschüttert, aber nicht zu Fall gebracht. Ohm Matthias kehrte von der Reise zurück, nicht allein. An seinem Arm führte er ein Lebewesen, teils Frau, teils Kind, teils Dirne – der alten Eva sträubte sich bei dem Anblick jedes Haar auf dem Kopfe. »Meine Braut«, sagte Ohm Matthias vorstellend, und er warf dem Wesen Blicke zu, daß ich in seiner Seele rot wurde.

Nach einigen Augenblicken des inneren Umschaltens in eine niedrigere Sphäre drängte ich das Menschenkind, fast ohne daß es dies gewahr wurde, auf die Halle hinaus, wo es zwar auch noch nicht am Platze war, denn der schien mir weit ab vom Weichbilde des Lager Huus zu liegen, aber es blieb doch einstweilen im Vorraum stehen. Ich selbst trat zu Ohm Matthias ins Zimmer und schloß die Tür hinter uns mit hartem Druck.

»Ohm Matthias, ich habe dir schon einmal gesagt, daß ich üble Scherze durchaus nicht vertragen kann und auch nimmer in meinem Hause leide.«

»Üble Sachen?« stotterte er. »Da verstehe ich dich nun nicht, liebe Nichte. Die Dame ist meine Braut.«

»Die Braut eines Freiherrn von Lage wird immer von irgendeinem Anverwandten in das Haus ihres zukünftigen Gatten gebracht«, sagte ich eisig. »Du wirst die Person sofort veranlassen, Haus Lage zu meiden, oder du selbst verläßt dieses Dach.«

Er sträubte und wand sich und knurrte verschiedenes, aber mein Finger zeigte gebieterisch nach der Halle, und da fügte er sich endlich. Ich hörte einen sehr erregten Wortwechsel, und dann steckte Ohm Matthias noch einmal seinen Kopf zur Tür herein. »Hast du Geld, Nichte Brigitte?« fragte er kläglich. »Ich kann doch das Mädchen unmöglich ohne einen Pfennig fortschicken.« Ich entnahm einen Schein aus meiner Tasche, und Ohm Matthias nickte beifällig. »Du bist nobel, Nichte Brigitte, – von mir hätte sie nicht soviel bekommen.« Damit lief dieser lächerliche Lage mit raschen, schnellen Schrittchen hinaus und nahm draußen mit glucksendem Lachen wortreichen Abschied. Dann sah ich die widerliche Person über den Rasen nach dem Dorfe schreiten. Ein grobes Scherzwort rief sie noch einem vorübergehenden Knechte zu, seine Antwort verschlang das wütende Bellen des Hofhundes, und dann trat Stille ein. –

Der Schmutz des Alltags hatte mich gestreift, aber inmitten _meines_ grauen Alltags brennt ein Sonntagslicht, das ist nimmer auszulöschen. –

Später.

Wie um die Wahrheit des letzten Wortes zu bekräftigen, halte ich ein gelbes Büttenpapier in der Hand. Wunderlich ist mir zu Sinn, nachdem ich es gelesen. Wo weilt der Schreiber? Warum kommt er nicht zu mir? Er muß in meiner Nähe sein, sonst würde ja das Geschehen in meinem Hause nicht zu seiner Kenntnis gelangen. – Wie alles auch zusammenhängen möge, er hat mich trösten wollen! –

Ritter Lage schreibt:

»Ohm Matthias hat endgültig Ihr Haus verlassen, Regenschirmbase, und ist auf dem Wege nach Holland. Dies Holland aber liegt weiter als der Tempel und die Clemenskapelle, und so wird er Ihren Weg nicht wieder kreuzen. Gitti …!«

Weiter nichts.

Was hinter dem Ausruf steht, wie ich mir die kleinen Punkte übersetzen soll, ich weiß es nicht. Ohm Matthias ist tatsächlich fort, Eva hat das Zimmer mit einem Lächeln tiefer, innerlicher Befriedigung ausgeräumt und mit andern Möbeln instand gesetzt. So, als wollte sie dieses Kapitel als gänzlich abgeschlossen betrachtet wissen. Wie gern füge ich mich hierin. Und als Tante Fernande mir weinend, mit immer wiederkehrendem, ungezähltem Gottseidank um den Hals fiel, da spürte ich, wie recht Ritter Lage gehandelt hatte. –

38.

Im November, abends.

Heute habe ich einen ganz neuen Lebensinhalt bekommen. Ich brauchte nicht nur aus Büttenpapieren zu schöpfen oder die alte Eva auszuhorchen, sondern ich hörte ein paar kluge Männer über Ritter Lage urteilen. Ich war mit Hausmeister Ludwig, der meinen Wagen lenkte, nach Heidkamp hinübergefahren, wo mich das liebe Ehepaar endlich einmal umhegen wollte. Dort traf ich eine Herrengesellschaft, landsässige Leute und solche aus Münster, Osnabrück, Lingen und aus Holland. Es war ungeheuer anregend.

»Ich höre gern, wenn kluge Männer reden, daß ich begreifen kann, wie sie es meinen.« Ob ich so mäuschenstill zugehört hätte, wenn sie nicht vom Ritter Lage erzählt hätten? Es kam ihnen lächerlicherweise erst lange danach zum Bewußtsein, daß ich ja auch eine Lage sei. Aber Clemens spielt mit allen Verstecken, und so nahm man auch dann einfach an, daß ich genau so ahnungslos über sein Tun und Treiben sei, wie alle andern. Nur ein Baron von ter Mählen, ein kluger, älterer Mann Anfang der Fünfziger, der über große Besitzungen verfügt und sich doch meistens in München aufhält, um der Kunst zu leben, rückte lebhaft seinen Stuhl zu mir heran und fragte mit warmer Anteilnahme: »Eine Base des Clemens Lage? Wie ungeheuer interessant für mich!« Ich sah ihn erstaunt an und fühlte, wie die Farbe in meinem Gesicht kam und ging. Er legte, wie ein väterlicher Freund, seine Hand auf die meine, nicht zudringlich oder gönnerhaft, nur beruhigend, so schien es mir. »Clemens Lage und ich waren Korpsbrüder bei den Bonner Borussen«, sagte er. »Ich könnte sentimental werden, wenn ich dran denke, daß das Leben uns trennte … Wir studierten beide Rechtswissenschaft, – ich ging nach dem Examen in den Verwaltungsdienst, und er zog sich auf seine Besitzungen zurück. Nun, Sie wissen, was für ein mustergültiger Landwirt er ist, wie angesehen in Holland und Deutschland. Seine Kolonien, seine Arbeiterhäuser haben Weltruf. Und seine Kunst … Freiin Brigitte, kennen Sie seine Kunst?«

Ich nickte, und meine Augen müssen wohl gestrahlt haben. Denn der Freund lachte froh in sie hinein. – Dann wurde er plötzlich ernst, und wie ein Schleier legte es sich über seinen hellen Blick. »Clemens Lage heiratete vor ungefähr 20 Jahren und brachte mir seine junge Frau, – mir, seinem älteren Freunde, der ich bereits nach ganz kurzem Glück Witwer wurde und einsam in Bonn saß …« Herr von ter Mählen sah mich eine Weile forschend an, dann raunte er hastig: »Die Frau des Clemens war das genaue Gegenteil von _Ihnen_, Baronin.«

»Warum sollte sie mir gleichen?« fragte ich.

»Das ist die rechte Frage, und Sie sollen die Antwort gleich haben. Weil der Clemens Sie mir schon in seiner Studentenzeit geschildert hat. Lächeln Sie nicht so ungläubig, Baronin, er hat Sie mir in seiner lieben, raschen, begeisterten Art von Kopf bis zu Fuß innerlich und äußerlich dargestellt, – ja er hat eine kleine Tonfigur geformt, die Ihnen aufs Haar gleicht, und dies Figürchen hielt er liebevoll in seiner Hand und rief: ›Wenn du je solch einem Mädchen begegnest, so halte es fest, – hörst du, halte es fest, für _mich_.‹ Ich bin niemals seinem Ideal begegnet – bis _heute_.«

»Oh,« wehrte ich ab, »Sie kennen mich ja gar nicht.«

»Doch, doch,« lachte er gütig, »ich habe Sie jetzt stundenlang geprüft, es ist nicht nur die verblüffende äußere Ähnlichkeit mit dem Clemens-Ideal, es ist Ihr ganzes Wesen, Ihre Stimme, nicht zuletzt Ihre Anschauungen, Ihre liebe Kindlichkeit, Ihr Fleiß … Lassen Sie es sich doch ruhig sagen, Baronin. Meinen Sie denn, man spräche nicht ringsum in Dorf und Stadt von der jungen Philanthropin?«

Ich wußte natürlich gar nichts zu antworten. Auch wollte ich so gern mehr vom Ritter Lage hören. Aber ich meinte, der Sprecher müsse den Aufruhr spüren, in dem ich mich befand. Plötzlich bog er sich zu mir nieder und sprach weiter, aber leise und eindringlich: »Seitdem das Unglück über ihn hereinbrach, habe ich nichts mehr direkt von Clemens gehört, er war immer so einer, der nur seine Freude teilte, also daß seine Freunde schließlich mehr bekamen, als er selbst, aber sein Leid, das behielt er wie die größte Kostbarkeit für sich. Bis es sich wieder in Segen für andere gewandelt hatte. Nun erzählt man sich, daß Clemens ein völliger Einspänner geworden ist, daß sein Humor trübe fließe und zumeist bitter sei, und daß der Sarkasmus seine sprichwörtliche Güte totgeschlagen habe.« –

Wieder wurde es still zwischen uns. Dann nahm Herr von ter Mählen meine beiden Hände und sah mir gütig, voll warmer Teilnahme, in die Augen. »Baronin, Sie kennen den Clemens, und er kennt Sie, Sie wohnen sich so nahe, er muß Ihren Bestrebungen das tiefste Interesse entgegenbringen, und – Sie verkörpern das, was sich der Jüngling geträumt, der Mann gesucht und nicht gefunden – – _warum_, warum stehen Sie nicht als Gattin an seiner Seite?«

Ungestüm war ich aufgesprungen. Zornig hatte ich ihn angesehen. »Und seine Frau?« fragte ich ganz vernichtet.

Ein tiefes Befremden malte sich auf dem Antlitz des Freundes. »Seine Frau? Hat er Ihnen nie von ihr erzählt? Sie ist tot seit über zehn Jahren. Ich hatte damals an ihn geschrieben, aber nie eine Antwort erhalten. Baronin, der Clemens hat uns, seinen Freunden, immer Rätsel aufgegeben, aber dies ist das am schwersten zu ratende. Warum mag er sich gegen Sie verschlossen haben? Just gegen Sie?«

Baron von ter Mählen sann vor sich hin. Er hatte meine Hände losgelassen, und öfters wiegte er den Kopf. Und wenn er mich dazwischen anblickte, so schien ihm danach das Rätsel immer schwieriger zu sein. Ich kann es nicht schildern, wie es in mir aussah nach der Enthüllung. Und wie es jetzt in mir aussieht und stürmt und jubelt und bangt. Meine Liebe frei von Sünde. Mein Begehren keine Schuld. Wenn er mir das vierte Päckchen reicht, dann darf ich es nehmen, ohne in Kampf und Not zu kommen. Ich brauche nicht auf eines anderen Leid mein Glück aufzubauen. Diese Gedanken gingen durch meine Seele, während ich inmitten der lachenden, plaudernden andern neben dem Freunde stand. Und ich muß wohl alles – ja selbst meine gute Kinderstube vergessen haben, denn der Baron sagte plötzlich eindringlich: »Sie sind aus den Fugen, Freiin Lage, mein Gott, habe ich an Schweres gerührt? Kommen Sie, ich rufe Frau von Heidkamp, damit sie Bescheid weiß, dann hebe ich Sie in mein Gefährt und fahre Sie rasch nach Lage. Nicht abwehren, ich meine es gut mit Ihnen.« Und so geschah es, daß ich bald daheim war und Herr von ter Mählen mich noch um die Erlaubnis bat, daß er bald wiederkommen dürfe. Wie gern gab ich sie ihm! _Sein_ Freund, der Freund _seiner_ Jugend, ist auch der meine. –

Aber das Grübeln nimmt kein Ende. Warum, warum? Warum kommt Ritter Lage nicht zu mir?

Wer hält sein Geschick und das meine in der Hand, wenn sein krankes Weib schon lange heimging?

Wer darf außer ihr uns namenloses Glück oder unfaßbares Leid bringen?

Im Dezember.

Wie still es im grauen Alltag ist! Rings lastet der Schnee auf der weiten Heide, der Kirchturmknopf trägt eine weiße Kappe, genau wie die grauen Mauerpfeiler an meiner Parkpforte und alle Knäufe und Buckel an Haus Lage. Märchenhaft die ganze Landschaft. Die Ruine schaut recht einem trutzigen Greise gleich. Weißes Haupt und morsche Glieder, aber Herz und Sinn noch stark. Die Ruine dräuet immer noch, trotz der zerstörten Mauern, ist aber gefestigt und steht stattlicher da, als Haus Lage selbst in seiner langgestreckten Behaglichkeit. Der weiße Schnee deckt alle Schäden zu bei beiden Burgen. – Seit vielen Tagen fällt er in kleinen, beharrlichen Flocken, ein leichter Frost begleitet ihn. Gestern klingelte ein Schlitten auf den Gutshof, die Heidkamper mit Baron von ter Mählen holten mich ab, um mir entfernte Heide- und Waldstrecken zu zeigen. Ich nahm, rasch entschlossen, Tante Fernande, die mir wirklich mit der Zeit eine treue Freundin wird, mit auf die frohe Fahrt. Baron von ter Mählen spielte den Kutscher. Er saß hinter uns auf der Pritsche und erzählte sehr lieb und frisch an uns eingemummelte Insassen hin. Hie und da flüsterte er auch eine ausgesuchte Bosheit in mein Ohr, er machte sich über Herrn von Heidkamp lustig, der durchaus selbst hatte fahren wollen. Tante Fernande kicherte währenddem unablässig, der Schnee machte sie trunken, sie kommt so wenig heraus. Einen vorzüglichen Weinpunsch bekamen wir in Campe, einen gleichwertigen starken Kaffee tranken wir dann in unserm Forsthause. –

Wir sahen dort ein Bild trautester Behaglichkeit. – Der alte knorrige Baum Förster Nordstamm mit der mütterlichen Schmiedsfrau auf dem großblumigen Sofa, der Schmied und der junge Förster ihnen zur Seite. Letzterer hielt auf dem Schoß die kleine Erika, die ihren goldenen Lockenkopf zärtlich an ihn geschmiegt hatte. Gese ging mütterlich zwischen ihnen einher und bereitete uns dann rasch in großer Zierlichkeit ein leckeres Vesperbrot und duftenden Mokka. Als wir wieder im Schlitten saßen, meinte Herr von Heidkamp sinnend: »Also mußte wirklich die kleine, wertvolle Frau Rika sterben, damit dies von uns eben geschaute Glück in den Wald und die Welt hinauswüchse?«

Und alle nahmen rasch das Thema auf und philosophierten darüber, bis sie sich ganz verstiegen hatten und festsaßen. Ich schwieg. – Mein Erleben hat mich befangen gemacht, und ich fürchte mich vor meinen eigenen Worten und Gedanken. Man neckte mich weidlich ob meiner Schweigsamkeit. Als wir dann in Lage ausstiegen, lud ich alle zu einem Plauderstündchen und späterem Imbiß ein, aber nur Frau von Heidkamp blieb bei mir. Die beiden Herren verabschiedeten sich, standen aber lachend und heischend auf demselben Platze, ohne den Schlitten wieder zu besteigen. – »Sie haben gar nichts zu fordern, Heidkamp«, rief Baron von ter Mählen. »Setzen Sie sich schleunigst hin; ich war der Kutscher und fordere ganz gehorsamst, aber unweigerlich mein Schlittenrecht.« – Tante Fernande kicherte wieder und schien ganz überwältigt, als der Baron ihre runzlige Wange mit seinem Schnurrbart berührte. Ich trat etwas zaghaft näher und sah dem lieben Freunde in die Augen. »Wie ein sterbendes Reh«, raunte er mir zu. »Das mache sich ein anderer zunutze.« Und er nahm mich bei beiden Händen, und wie ich so gehorsam den Kopf neigte, küßte er mich ganz zart auf die Stirn. Frau von Heidkamp aber reichte ihm fröhlich lachend den Mund und ließ sich mehrmals auch noch für Tante Fernande und mich mitküssen, bis Herr von Heidkamp Einhalt gebot und behauptete, er bekäme eiskalte Füße, wenn er nicht mittun dürfte. Da liefen wir lachend ins Haus, und das Schellengeklingel des abfahrenden Schlittens lachte mit uns.

Als wir dann am behaglichen Kaminfeuer zu zweien in den tiefen Sesseln saßen, nahm die Freundin, die soviel älter ist als ich, meine Hand. »Kleines, weißes Mähschäfchen«, sagte sie innig. Und ich erschrak, da sie die lieben Worte des Ritter Lage gebrauchte. »Warum küßten Sie den prächtigen, ritterlichen Menschen nicht?« fragte sie. »Man soll nicht Spielverderber sein.« –

»Ich habe das Küssen nie gelernt«, entgegnete ich ernsthaft.

»Was sind Sie für ein närrischer Kerl!« rief sie verblüfft. »So was lernt man doch nicht, oder meinen Sie, ich hätte ganz brave Lektionen bei irgend jemand genommen, bis ich es zu dieser Kunstfertigkeit gebracht?«

Ich nickte wie ein Pagode. »Ja, so sah es aus.«

»Du liebe Zeit, Sie sind wirklich hinterwäldlerischer, als ich dachte; und ich dachte schon viel«, meinte sie liebreich und streichelte mich. »Sehen Sie, Kleines, ›so was‹ _kann_ man von Urbeginn, oder man lernt es _nie_. Das ist meine Ansicht. Ich habe es schon während meiner Schul- und Pensionszeit wacker ausgeübt, und es hat mir rasend viel Spaß gemacht. Aber wie ist das mit Ihnen? Ist niemals ein Mann zärtlich mit Ihnen gewesen?«

»Mein Vater,« entgegnete ich rasch, »er liebte mich so sehr.«

»Schön und gut, Kleines. Aber über Väter wollen wir an diesem entzückenden, heißen Kaminfeuerchen heute mal gar nicht reden.« Sie rückte ganz nah an mich heran und nahm meine Hände fest in die ihren. »Sie haben mir selbst gesagt, daß Sie schon 26 Jahre erlebt haben, kleine, liebe Brigitte,« sagte sie zärtlich, – »wie seltsam, daß Sie die Liebe noch nicht kennen … Ist Ihnen nun selbst nie der Wunsch rege geworden, daß Sie einmal jemand in die Arme nehmen möchte, so, so ganz innig – so bis zum Selbstvergessen, ein fremder Mann …?«

Da sagte ich ihr ganz rasch und ganz aufrichtig: »Nein, – nie! Ich habe wohl gewünscht, daß mir, da mein Vater von seiner Brigitt’ fortgegangen ist, – irgendein andrer lieber Mensch einmal sagen möchte: ›ich hab’ dich lieb, Gitti –‹, immer wieder, einen ganzen Tag lang, nur den einen Satz: ›ich hab’ dich lieb …‹, aber über das andere hab’ ich nie nachgedacht …«