Der graue Alltag und sein Licht
Part 8
Aber als ich dann aufsprang, weil die liebe, klangvolle Stimme verstummt war, und dann durch die Tapetentür in mein eigenes Zimmer schlüpfte, da war dieses kalt und dunkel und leer. Und wie in weiter Ferne sah ich das stille Gesicht der alten Eva, und hörte ihre trockene Meldung: »Der Herr Baron lassen sich bestens empfehlen.«
29.
Es ist gut, wenn ein geliebter Mund Worte prägt, die dann zu Leitsternen werden. Mein Leitstern in all diesen Tagen, »die nicht in meinem Leben zählen, da er fern von mir«, war das Wort: »Es kann nie wieder ganz dunkel werden im grauen Alltag.« So konnte ich Sieger bleiben tausend kleinen Widerwärtigkeiten gegenüber und konnte Fröhlichkeit in mir tragen und Zuversicht tausendfältig abgeben. Trotz des Heimwehs, das mich schüttelt. Trotz der tiefen Sehnsucht nach seiner Stimme, seinen märchendunkeln Augen. Und ich vermochte es, meine Unrast einzudämmen, die mich umtrieb im Lager Busch, im Holländerwald und in der roten Heide. –
Über Nacht ist das Blühen gekommen. Rot leuchtend liegt meine Heide da, weit ausgebreitet ihr schimmernder Teppich. Und die Sonne küßt sie wieder und wieder und kann sich nicht satt sehen an ihrer Schönheit. Der Morgenwind harft ein Preislied. In seinem Hauche neigen sich die Birken huldigend ihrer Heidekönigin, deren kraftvollem Schoße sie ihre schlanke Schönheit verdanken. Stärker duftet der Ginster, heilkräftiger der Wacholder. Über Mittag surren die Bienen heran, alles atmet rascher, – ein rastloses Arbeiten hebt an, ein liebedurchglühtes, ein starkes Schaffen.
Dann wieder die betende Stille, die sonnendurchglühte Rast, bis der Sonnenball zum letzten Male die Kiefernstämme küßt, daß sie metallen glänzen. Und dann tot stehen, weil die leuchtende Mutter von ihnen wich mit einem letzten Gute Nacht. –
Morgen, morgen leuchtet wieder die rote Heide!
* * * * *
Im Forsthaus ist geschäftiges Treiben. Es scheint, als solle dort wirklich das Glück Hüsung haben. Axthiebe schallen zu mir herüber, der alte Förster zimmert eine neue Wiege. Denn die mit Rosen und Tulipanen verzierte, in welcher Klein Erika ihren Einzug hielt, soll erst einmal in meinem Hause bleiben. So rasch gebe ich mein süßes Kind noch nicht her, wenngleich der junge Förster Nordstamm mich männlich-fest gebeten hat, ihm Rikas Kind zu überlassen, auf daß er seine Vaterpflicht nicht versäume. Ich habe es ihm versprochen. – Gese Tönnings blüht auf wie eine Sonnenblume. Das Glück, die Erwartung macht sie gut. – Und ich denke, wenn das Kind da ist, wird sein erstes Weinen selbst den Hammer übertönen, den der Großvater Schmied kraftvoll-zornig schwingt …
Das Krankenhaus wächst, das Schulhaus glänzt in neuer Frische. Auch dort soll ein kleiner Weltbürger seinen Einzug halten. Der Lehrer teilte es mir strahlend mit.
Überhaupt schaue ich in lauter helle Gesichter. Als hätten sie mit den Häusern zugleich einen neuen Anstrich erhalten. – Wie mir die Arbeit willkommen ist! Wie sie mich ablenkt von dem gewaltigen Geschehen in mir. Abzulenken _versucht_. Denn es bleiben immer noch Minuten, da mich mein neues Erleben stürmisch überfällt.
Hei ho, hei ho! Ich bin ein Kämpfer und lasse mich nicht rasch unterkriegen. Aber ich bin auch ein Weib und ahne, daß ein Unterliegen süß sein kann, wenn kraftvolle Arme uns zwingen und ein echter, unverbrauchter, unzersplitterter Manneswille …
Ritter Lage, wo weilst du?
Ich habe heute die Ruine erstürmt, wie einst die Spanier die Burg. Habe mich an Eisenknäufen festgehalten und emporgeschwungen, und immer wieder fand mein tastender Fuß irgendeinen Vorsprung, bis ich den Söller erreichte. Droben ließ ich mein weißes Tuch durch die Lüfte wehen, es grüßte den Fernen.
»Ich weiß nicht, wo du träumst und suchst und irrst, Ich weiß nur, daß du wiederkehren wirst.«
30.
Die Hochzeitsglocken läuten über die Heide.
Es liegt ein seltsames Drängen in ihren Klängen, Sie geben und schaffen mir Unrast …
Förster Nordstamm führt heute Gese Tönnings heim.
Und morgen ist Pastor Oswalds Hochzeit.
Schmied Tönnings will keine Gäste haben. Er und seine Frau sind die Trauzeugen. Dann will er die Tochter ins Forsthaus selbst geleiten, so hat er es sich ausbedungen, nachdem ich ihn endlich soweit gebracht, die verlorene Tochter bei sich wieder aufzunehmen. Tief mußte sie sich beugen vor dem strengen Vater und die biblischen Worte nachsprechen: »Ich bin nicht wert, daß ich dein Kind heiße.« Aber die Liebe half ihr über alles Demütigende hinweg. Ich war heute für ganz kurze Zeit in der Schmiede. Wollte der Braut wenigstens ein Myrtenzweiglein bringen, damit das strenge, schwarze Kleid etwas Lichtes habe. Aber der Vater litt es nicht. Gese Tönnings muß alle Folgerungen aus ihrem Vergehen ziehen, und der strenge Vater führt ihre Mißgestalt durch die Lager Kirche an den Altar mitten durch die gaffenden, lächelnden oder mitleidigen Blicke hindurch. –
Und morgen schreitet Maria Dörping denselben Weg in ihrer schlanken, herben Schöne und Reinheit.
Aber der graue Alltag wird ebenso raunen und zischeln, und die Kirche wird noch gedrängter und voller sein. Denn man ist gespannt auf die Korb-Sina, die sich vor Hochmut nicht zu lassen weiß über den pfarrherrlichen Enkel und das Glück ihrer Enkelin. –
Der Trauung des Försters Nordstamm bleibe ich fern. Es dünkt mich grausam, wie Schmied Tönnings sein Kind behandelt, da will ich die Schar der Zeugen nicht vermehren. Wie hart habe ich früher selbst geurteilt und verdammt. Von der hohen Warte der Unversuchten aus. Und bin mir nie des häßlichen Pharisäertums bewußt geworden. Nun ist dies überwältigende Erleben zum erstenmal über mich gekommen, und in tiefen, verschwiegenen Stunden meiner einsamen Kemenate frage ich mich, ob ich den Ritter Lage lieben darf? Mit jener brennenden Liebe, die alles glaubt und alles hofft? Lebt nicht sein Weib, und kann sie nicht gesunden? Muß ich nicht vielmehr jene entsagende Liebe in mir pflegen, die nicht das Ihre sucht? Oh, diese Zweifel und Fragen, die über mich herfallen mit scharfen Zähnen, mitleidlos … Sie quälen mich maßlos. Und sie sagen: Du Aufrechte, du! Wie stehst du da, wenn sein Weib ihn zurückfordert? Und mein Herz schreit auf und ruft dagegen, daß diese Frau als Irre lebt seit zwanzig Jahren, und daß selbst das Gesetz die Trennung erlaubt. – Aber sie kann gesunden …
Herrgott, höre mich! Wenn sie gesundet und dem Einsamen wieder das Glück bringen kann, nach dem er verlangt, so will ich stark und groß überwinden. Vergib mir das kindische Stammeln an seinem Ohr. Zu strahlend das Licht, das über mich hereinbrach. So süß die erste Liebe. So neu die Welt, die du mir auftatest, deinem Kinde so unbekannt. – Da konnt’ ich wohl irregehen. Doch ich kenne den Weg, den mein rechtes Fühlen mich weist, und bewußt will ich nicht straucheln, noch fehlen. – Ich will auch dem fremden Manne vertrauen. Wohin mag ihn seine Reise führen? Tiefes Glück soll sie bringen oder brennendes Leid? So sicher ist er meiner Liebe, daß er beides in Betracht ziehen darf? Will er sich trennen? Kann es sein, daß ihm daraus Kämpfe erwachsen? Daß sie ihn nicht freigibt? Oh, so muß ich für uns beide stark sein. Vater, du kannst dich auf deine Tochter verlassen. Feige wird sie niemals sein. Aufrecht und einsam will ich meinen Weg gehen, wenn es in meinem Schicksalsbuche also geschrieben steht, daß ich dem _einen_ nicht folgen darf. –
31.
Drei Tage später.
Was heute zu mir geschritten kam, sah dem Glück nicht gerade zum Verwechseln ähnlich. Aber was es mir brachte, war doch ein winziger Bruchteil davon. Das liebeverwöhnte Kind eines liebereichen Vaters ist bescheiden geworden …
Ohm Matthias Lage kam mit einem Bündel angegangen, in nichts von einem reisenden Handwerksburschen zu unterscheiden. Da ich auf der weißen Bank vor der Ruine saß, lud ich ihn gleich ein, sich neben mich zu setzen, und er berichtete recht gedrückt von seiner Lehrzeit beim »Vetter Lage«. Mein Anblick und der von Haus Lage schien ihn aber sehr zu heben, denn er wurde von Minute zu Minute aufgeweckter und übte schließlich eine recht laute und schonungslose Kritik an seinem Brotgeber. »Wenn ich bedenke, geliebte Nichte, daß dieser Clemens einer der reichsten Grundbesitzer ist, so muß es dich und mich empören, wie knapp er mich gehalten hat. Auf halbe Ration hatte er mich gesetzt, und alkoholische Getränke habe ich überhaupt nicht zu sehen bekommen, trotzdem ich weiß, daß dieser sogenannte ›Abstinent‹ den Keller voll Rheinwein hat und ihn auch gebührend zu schätzen versteht.«
»Davon weiß ich nichts«, sagte ich eisig abwehrend. »Freiherr Lage hat es jedenfalls gut mit dir gemeint. Und mit _mir_ auch«, setzte ich mit einiger Betonung hinzu, die auch ihre Wirkung tat, denn Ohm Matthias empfahl sich rasch. Als er über den Rasen schritt, sah ich aus seiner Rocktasche einen großen Briefumschlag ragen, der eine atemberaubende Ähnlichkeit mit gelbem Büttenpapier hatte. »Hat Freiherr Lage dir nichts aufgetragen an mich?« rief ich ihm nach, heiser wie ein kranker Vogel vor Erregung.
Er schlug sich vor die Stirn und drehte sofort um. »Der Clemens? Natürlich! Natürlich! Seine ergebensten Empfehlungen und dieses Handschreiben. Du mußt wissen, liebe Nichte, der Knabe Clemens ist immer Grandseigneur, trotz Humpelbein und verkürztem Arm. Armen Verwandten gegenüber natürlich Knote. Aber Standesgenossen in guter Assiette halten ihn für vorbildlich.«
In mir regte sich eine tiefe Abneigung gegen den Schwätzer.
»Du hast an seinem Tisch gesessen, Ohm Matthias«, sagte ich streng.
»An seinem Tisch«, wiederholte er kläglich. »Leuteessen hat er mir verabreicht. Und doch bin auch ich ein Freiherr Lage, und Clemens weiß genau, daß ich russischen Kaviar höher schätze, als Reisbrei.«
Er schlurfte davon, und ich hielt mein Büttenpapier in der Hand und löste den Umschlag nicht eher, als bis Ohm Matthias in die Hauspforte eingetreten war. –
Ritter Lage schreibt: »Mancherlei Dinge sende ich in den grauen Alltag. Gitti, die Leuchtende, wird sie sich verklären und mir besonders über das _eine_ nicht zürnen, das Ohm Matthias benamset ist. Er soll später ganz nach Holland übersiedeln … Vorläufig aber bitte ich die Samariterin, sich noch eine Weile seiner anzunehmen. Karge Kost, viel Arbeit und als Belohnung Sonntags ein Glas sauren Mosels. Also lautet mein Rezept für ihn. – Ferner kommt ein Riesenkoffer, von dem Ohm Matthias noch nichts ahnt. Er enthält eine vollständige Garderobe, die Base Gitti ihm je nach Bedarf verabreichen soll. Ohm Matthias ist immerhin ein Lage, und ich hoffe, daß der anständige äußere Mensch Einfluß auf den innern gewinnt. Halten Sie aber jeden Handelsjuden von ihm fern, denn unser Vetter neigt dazu, seine äußere, irdische Hülle in Alkohol umzusetzen. Das Dritte wird durch einen Vertrauensmann an Sie selbst abgegeben werden. Nicht jede ›Frawe von Lage‹ hat Freude daran gehabt. Denn es ist ein ›strenges‹ Geschenk. Tief ernste Steine sind es, und doch wird Ihr fröhliches Herz ihnen entgegenjubeln. Topase können nur reine Frauen tragen, anders geartete lehnen sie ab. Der Schmuck der Frawen von Lage hat 107 Jahre im Schranke eines alten Schlosses in Holland geruht. Ich weiß, daß Sie seine Schönheit ganz bewußt wieder auferstehen lassen werden. – Das vierte Päckchen … Gittibase …, du Lichtchen von Lage, das gebe ich dir selbst, oder grabe ihm im Lager Wald ein Grab. Der ist ohnehin ein rechter Friedhof für das Glück der Lages. Behüt’ dich Gott!
Clemens.«
Er gibt es mir selbst, oder …
Hinter dem »Oder« liegen die Kämpfe, liegt das Entsagen. Fast fürchte ich, ich bin dem Glück weit weniger gewachsen, als dem Leid. Dieses habe ich zur Genüge durchkostet, als die vier Augen sich für immer schlossen, die meine ›heilige Kindheit‹ behüteten. Jenes aber birgt für mich unfaßbare Möglichkeiten. Vor denen ich mich schier fürchte. Und die ich doch herbeirufen möchte, weil ich sonnenhungrig und voll Sehnsucht bin. –
32.
Pastor Oswald ist vorbildlich. Ich habe ihm heute wieder und wieder die Hand geschüttelt, sein junges, feines, herbes Weib stand strahlenden Blickes daneben. Er konnte seine Hochzeit innig froh begehen, denn er hat das gestrige Fest, das wohl zu einem Pranger für Förster Nordstamm werden konnte, durch Herzensgüte und Männlichkeit zu einem Ehrentag umgewandelt. In aller Herrgottsfrühe ist er gestern zum Schmied gegangen und hat ihm bedeutet, daß er seine liebe Kirche nicht dazu hergäbe, ein Komödienhaus zu sein. Denn er wüßte, daß die Weiber von drei Kirchspielen sich aufmachten, um Gese Tönnings in gesegneten Umständen zu sehen, dazu als Vater und Großvater die hochangesehenen Erbförster. Er gäbe also dem Schmied anheim, eine stille Trauung in seinem oder des Försters Hause stattfinden zu lassen, anders der Pfarrer die Trauung ablehne. – Wohl ist dem Schmied der Zorn hochgekommen, daß seine Strafe an der Tochter nicht zur Ausführung gelangen sollte, aber vielleicht gab er nach, weil er an die aufregungslüsternen Dorfweiber denken mußte, die nun unbefriedigt abziehen würden. So habe ich auch dieser Trauung beiwohnen können und hörte eine liebe, warme kurze Ansprache meines Bruders Oswald.
Und heute war seine eigene Hochzeit, die auch eine Überraschung bot. – Denn aus meinem Hause heraus holte sich der Pfarrer seine Braut. Die Korb-Sina hat eine Feinfühligkeit bewiesen, die wir ihr alle nicht zugetraut. Ganz heimlich, und doch wohlvorbereitet, hat sie Dorf und Haus verlassen, um kein Ärgernis zu geben. Dadurch ist die verachtete Frau eine Mahnung geworden für die selbstgerechte, vornehme Mutter des Pfarrers, die sich nicht überwinden konnte, mit der Korb-Sina an einem Tische zu sitzen, und deshalb in Hamburg blieb am Ehrentag des Sohnes. Wie seltsam das alles! Wie verworren die Ehrbegriffe in der Brust einer in Tradition versteinten Frau. So übernahm ich die Rolle der Brautmutter, ließ Maria Dörping in den grauen Alltag übersiedeln, um ihr das Erwachen im lichten Sonntag des jungen Eheglückes doppelt sonnig zu gestalten. Ohm Matthias war stellvertretender Brautvater. Ritter Lage hatte recht mit der Annahme, daß der äußere Mensch den inneren stark beeinflußt. Ohm Matthias war ganz Würde in den neuen Kleidern, und hätte er ein Vermögen zu vergeben, so würde er dies heute Maria Dörping und ihren zukünftigen Kindern vermacht haben. Auch um des schönen, dankbaren Lächelns willen, mit dem die eltern- und verwandtenlose Braut ihn empfing, um an seinem Arm in die Kirche zu schreiten. Wenn der Gotteshimmel draußen sonnig über diesem Hochzeitstag strahlte und in Marias Herzen seinen Abglanz fand, so sorgte der im Ruhestand lebende Pfarrer, welcher die Traurede übernommen hatte, dafür, daß sie beide durch Fegefeuer schritten. Der geharnischte Prediger erließ ihnen nichts. Er selbst muß Erschreckliches in seiner längst durch den Tod gelösten Ehe durchgemacht haben, sonst hätte er dem Paar nicht so erbarmungslos die möglichen Schrecken und Schatten ihrer Zukunft vorführen können. Über eine Stunde waren wir wirklich im grauen Alltag, und der Pastor unterließ es, das kleinste Lichtstümpfchen anzuzünden. –
»Hu«, schüttelte sich Ohm Matthias, als er aus der Kirche trat. Behauptete auch nachher kühn, der Trautext habe gelautet: »Heiraten ist gut, Nichtheiraten ist besser.« Aber ich habe den Spruch gut behalten und weiß, daß es die strenge Mahnung war: »Die Welt vergehet mit ihrer Lust, wer aber den Willen Gottes tut, der bleibet in Ewigkeit.«
Einige Tage später.
Heute weiß ich, daß wir alle vielleicht das Rechte taten, aber nicht das Richtige für den grauen Alltag, für das Dorf. Ich spüre auf Schritt und Tritt, daß ich an Vertrauen eingebüßt habe. Und bin zu der Erkenntnis gelangt, daß ich wohl verwickelten Gedankengängen gescheiter Menschen zu folgen vermag, daß ich aber der einfachen Selbstverständlichkeit meiner Bauern noch wie ein Kind gegenüberstehe. Wie sehr fehlt mir jetzt Ritter Lage. – Der Kluge würde wohl rechten Rat reden. Unschätzbar waren seine gelben Büttenpapiere. Und ich Törichte grub ihnen ein Grab im Lager Wald, anstatt die Worte lebendig neben mir zu lassen, auf daß ich nachschlagen konnte.
Hätte ich es wohl für möglich gehalten, daß das Dorf die Korb-Sina vermissen könne? Die man ihr ganzes Leben lang geschmäht und verlästert? Jetzt gebärden sich die Leute, als sei das Wertvollste verlorengegangen, und wir, der Pfarrer Oswald, seine Maria, ich und der graue Alltag seien die Schuldigen. – Das verlassene Haus der Korb-Sina ist immer von Neugierigen umlagert. Ich sehe dort täglich nach dem Rechten, denn die Eigentümerin wird und muß ja wiederkommen. Wenn ich mich nahe, weichen die Dörfler zurück und lassen mir freien Weg ins Haus, zu dem ich die Schlüssel habe. Sie grüßen widerwillig, ich merke es wohl, und es tut mir weh. –
Pastor Oswald sucht nach Marias Großmutter mit steter Emsigkeit, sie ist wie vom Erdboden verschluckt. – Ich selbst bin etwas ruhelos geworden, seit mir Klein Erika fehlt. Auf Pastor Oswalds Rat habe ich das Kind seinem Vater hingebracht und bekam strahlende Freude zum Lohn. Fand auch wirklich das Glück in der Erbförsterei. Gese Nordstamm, geborene Tönnings nimmt sich rührend des Kindes, wie auch des Großvaters an, der mit nimmermüder Sorgfalt beim Wiegenzimmern ist. Und leuchtende Farbtöpfe stehen bereit, um die Rosen und Tulipanen der älteren Wiege, darinnen Klein Erika ruht, noch zu übertreffen. Wenn das Kind geboren ist, hoffe ich, daß auch Schmied Tönnings das Forsthaus betreten und das gleiche seiner Frau erlauben wird. – Für diese sturren Trotzköpfe sind es nur leere Formeln, was die Kirche tut. In ihrem eigenen Innern haben sie sich Gesetze aufgerichtet, die sie bis zur Selbstvernichtung befolgen. Auch Schmied Tönnings ist mein Widersacher geworden, der mir nachträgt, daß Pastor Oswald ihn zwang, gut und verzeihend zu _scheinen_. Ich sitze ganz untenan auf unseres Herrgotts Schulbank und lerne.
Er möge erfüllen, daß einmal die Letzten die Ersten sein werden.
* * * * *
Baron Ellers hat sich erschossen. Auf der Grenze zwischen seinem Gut und dem Lager Wald hat man ihn gefunden. Ich hörte die Nachricht durch meinen Gärtner, und heute hat es mir Frau von Heidkamp in einem längeren Schreiben bestätigt. Ich darf mich mit dem Gedanken nicht aufhalten, daß mein ererbtes Geld diesen Leichtsinnigen vielleicht dem Leben erhalten hätte. Ich muß, bis ich fester in eigenen Erfahrungen wurzle, meines Vaters Leben und Gedanken als Richtschnur behalten, damit ich nicht fehlgehe: er, dessen Grundton verstehende und verzeihende Liebe war, verachtete die Spieler …
Herr und Frau von Heidkamp bitten mich, sie nicht nur als Nachbarn, sondern als Freunde zu betrachten.
Das will ich auch tun.
Diese beiden Lebenskameraden gehen recht Hand in Hand. Sie haben das Leid in mancher Form kennengelernt. Eine schöne, liebenswerte Tochter ist ihnen gestorben, ein leichtsinniger Sohn lebt, schafft ihnen Kümmernisse und läßt sie um das Bestehen ihres Gutes bangen. Wir wollen feste Tage ansetzen, an denen wir zusammenkommen. Für großen Verkehr fehlt mir jegliche Veranlagung und die Zeit. Auch ist mir mein Lebensplan ja vorgezeichnet …
»Das vierte Päckchen, Gitti, gebe ich dir entweder selbst, oder ich grabe ihm im Lager Wald ein Grab …«
Nun muß ich warten, worin das vierte Päckchen besteht.
Ich falte meine Hände. –
33.
Der Schmuck der Frawen von Lage ist köstlich, und wahrlich, mein Herz hat ihm entgegengejubelt und lacht noch heute. Und doch sind es die ernstesten Steine, denen ich je begegnete.
Sie lasten nicht schwer, ich kann den Kopf auch unter dem Topasendiadem hoch halten. Und doch haben sie Zwingendes an sich. Die Sinnbilder der Reinheit mahnen: »Wir sind dein, du bist unsere Erbin. Erwirb uns, um uns zu besitzen.«
Jeder Topas ist von einem feinen Strahlenkranz kleiner Brillanten umgeben. Nie habe ich sonst diese Zusammensetzung gesehen. Nur ein Ringlein fehlt bei dem Schmuck. Die beiliegende Urkunde besagt, daß die Topase vor 107 Jahren ihre Besitzerin im Tode und im Sarge geschmückt haben. Vielleicht ist der Ring an der Hand der Toten geblieben, – sie ruhe in Frieden. Den anspruchslosesten Teil des Schmuckes, die Brosche, habe ich mir zurückbehalten und trage sie täglich. Das Halsband will ich zu einem weißen Tuchkleid anlegen an dem Tage, da Ritter Lage mir wiederkehrt. Denn wiederkehren muß er ja …
Und wird mein Haus und Heim betreten …
Und wird mir das Glück bringen, oder das Entsagen … Wenn das Glück geschritten kommt, dann trage ich das Diadem, – – den Brautschmuck der Frawen von Lage.
Hilf Gott, – dieser Gedanke macht trunken …
Einige Tage später.
Mit einem Schlage bin ich sehr klug und weise geworden. – Heute erging ich mich im Lager Wald. Freilich mied ich den Märchenwald und die Clemenskapelle, umging ängstlich die schmale Wegspur, die zwischen Stechpalmen und Farnen nach dem Tempel führt. Ein Knacken seitwärts im dürren Unterholz schreckte mich auf, und da sah ich die Korb-Sina, die ihre große, blaue Schürze mit Tannenzapfen füllte. Ich verhielt meinen Schritt, die Entdeckung war mir wertvoll, und ich wollte sehen, wohin sie sich wenden würde. Sie drehte mir den Rücken zu, mochte aber plötzlich fühlen, daß sie nicht allein sei, denn ein rauher Ton kam aus ihrer Kehle. Fast wie ein Aufschluchzen. Dann kollerten die vielen Tannenzapfen zur Erde, und unbekümmert durch das sie hemmende Unterholz stürmte sie auf mich zu. – Breit grinsend, laut auflachend und mit dem Ungestüm eines Kindes dann wieder weinend, so stand die alte Frau endlich vor mir. »Ist sie glücklich?« stieß sie hervor. »Ist der Pastor gut zu meiner Maria?«
Das war die einzige Sorge der verachteten Korb-Sina …
Wir standen Hand in Hand im Lager Wald, mich zog etwas zu der alten, wilden Frau, das ich nicht mit Namen nennen kann. Dann erzählte ich ihr von Marias Ehrentag, von unserm Suchen nach Korb-Sina selbst, und riet ihr, ruhig wieder ins Dorf zu ziehen, die Lager würden sie besser aufnehmen als selbst mich, ihre Patronin. »Die Lager?« rief die Alte verächtlich. »Die kenne ich. Die schreien heute ›Hosianna‹ und morgen ›Kreuzige‹. Die sind noch so, wie man vor tausend und mehr Jahren war. Nein, ich bin gut aufgehoben, und wenn die Baronin nur nachsehen will, daß man mir nichts stiehlt, oder das Haus anzündet, dann hab’ ich keine Not.«
»Wo steckst du, Sina?« fragte ich leise; denn wenn man diese Waldhexe ansah, konnte man nur ein böses Geheimnis hinter ihr vermuten. Aber sie erzählte ganz offen, daß sie am Tage ihrer Flucht nicht gewußt habe, wo sie ihr Haupt hinlegen solle. Nur der eine Gedanke habe sie umgetrieben, daß sie selbst ein Schandfleck auf Marias weißem Kleide sei, und daß es am besten wäre, wenn sie im Walde stürbe. Aber da habe sie plötzlich ein großer Hund aufgestöbert, und dem Hunde sei der Herr gefolgt, der »verrückte, lahme Holländer«.
»Warum nennst du ihn verrückt?« fragte ich zornig und rasch.
»Weil er’s ist«, sagte sie ruhig. – »Wenn jemand Schlösser und Häuser die Menge hat, dazu ein irrsinnig Weib seit 20 Jahren, und er vergräbt sich diese 20 Jahre in den grauen Alltag, um seinen blöden Sohn zu pflegen, dann ist er verrückt. Und sucht er keinen Umgang als die schrullige Jungfer Jesuliebe, Gott hab’ sie selig, dann ist er wiederum verrückt.« Sie lachte widerlich. »Früher, als ich noch jünger war, hätte er mich nicht mit der Feuerzange angerührt, aber dazu war ich ihm gut genug, sein Zimmer im grauen Alltag in Ordnung zu bringen. Die alte Eva durfte beileibe nicht merken, daß er da hauste. Hei, wie die mich verachtete, wenn sie mal ins Dorf kam! Und ahnte nicht, daß ich jeden Morgen durch den unterirdischen Gang ›in’t Lager Huus‹ schlüpfte. Und in der Horchbucht vernahm, was sie sich drinnen mit der Herrschaft erzählte.«
»Warum betreute ihn die alte Eva nicht selbst?« fragte ich befremdet.