Der graue Alltag und sein Licht

Part 15

Chapter 153,682 wordsPublic domain

Und es wurde wirklich einmal Mitternacht, die Gäste fuhren und gingen fort, und ich weiß nicht, auf welche Weise es Baron Leo fertigbrachte, sich nicht von den Heidkamps in ihren Wagen zwingen zu lassen. Auch die leise neckenden und erstaunten Zurufe der Heidkamperin ließen ihn völlig kalt, er tat, als sei er der Gebieter »von’t Lager Huus«. Mit lauter Stimme verkündete er, daß Wichtiges mit der Baronin Lage er zu besprechen habe und deshalb dankbar die gütige Einladung des Pfarrhauses Oswald annähme, um dort zu übernachten. Er würde auch den verehrten Herrschaften so rasch als irgend möglich dorthin nachfolgen. – Dann gab er noch allen das Geleit, während ich drinnen am großen, runden Tisch stand und die Papiere meines Jungen aus einer grauen, unscheinbaren Mappe nahm und vor mich hinbreitete. Mit raschem Ruck wurde dann von Baron Leo die Tür geöffnet, ohne daß er vorher noch einmal geklopft hätte.

»Wer ist der Junge, Freiin Brigitte? Ist er Lages Sohn?«

»Ja.«

Dann erzählte ich ihm alles. Und sah, wie es in dem Freunde arbeitete, und sah, daß er heute noch nicht als »alter, verständiger Mann« zu mir gekommen war, sondern daß er erst während meiner Erzählung seine eigene Hoffnung für immer begrub. Ich hatte wohl nicht hindern können, daß _meine_ Hoffnung mich durchleuchtete.

Noch lange, nachdem ich geendet, saß er mir schweigend gegenüber. Dann stand er langsam auf und nahm meine beiden Hände. »Sie sollen Ihre Mission keinem Unwürdigen anvertraut haben, Freiin Brigitte, ich hafte Ihnen für die sorgsamste Ausführung. Noch in dieser Nacht fahre ich mit dem Kraftwagen nach Holland. Was soll ich Ritter Lage sagen?«

»_Daß ihm die Gitti gehört für Zeit und Ewigkeit in Lager Treue!_«

September.

Heute ist mein Krankenhaus und mein Kinderheim geweiht worden.

Welch schöner Tag! Wenn er auch seltsam für mich war, da ich nichts vom Ritter Lage und nichts von Baron Leo gehört habe. Wenigstens nichts, was von Belang für mich ist. Clemens Lage hat für das Krankenhaus eine große Summe an Oswald überwiesen, die dieser mir heute überreichte. Er tat es in Feierlichkeit, und ich dankte mit wohlgesetzten Worten. Neben mir stand mein Junge, und die Dörfler alle schauten neugierig, aber doch freundlich in sein schönes, feines Gesicht. Die wenigsten haben den Ritter Lage von Angesicht gesehen, so fällt ihnen auch keine Ähnlichkeit auf. Pastor Oswald und Pfarrer Trewes hielten je eine Ansprache an die protestantischen und katholischen Dorfbewohner; der sympathische Baumeister überreichte mir ein Bund, und ich erschloß das Haupttor mit einem besonders kunstreich geschmiedeten Schlüssel. Dann folgten mir alle durch die schönen, großen Zimmer und lichten, kleinen Nebenräume. Im Saal war eine lange, blumengeschmückte Tafel aufgestellt, geblümte Kannen, Tassen und Teller und Berge von Kuchen standen darauf. –

Clemens-Hartmut war überall.

Wo es etwas zu helfen gab, besonders bei den uralten Weiberchen und bresthaften Mannsen sah ich das schöne, in Mitleid und Liebe leuchtende Knabenantlitz.

Und wo er sprach und half, da streckten sich auch mir runzlige Hände voll Dank entgegen: »Was ist er doch für ein lieber Bub!«

An den Kinderbettchen stand er und machte den Kleinsten Schattenspiele mit seinen gelenkigen Fingern, und den Größeren erzählte er Märchen. Und war doch bei mir, just wenn ich ihn brauchte, und fragte zärtlich: »Ist meine Gittimuhm fröhlich?« Und jedesmal nickte ich, nur um die sonnigen Augen nicht zu trüben.

Und gewann auch wieder eigene Freude, weil ich hoffte …

Abends hatte ich dann noch die näher am Bau Beteiligten bei mir zu Gast. Baron Leo wurde sehr vermißt. Frau von Heidkamp legte mir Daumschrauben an, sie wollte wissen, was wir damals »in der Nacht«, wie sie sich ausdrückte, zu schwatzen gehabt hätten, und was in aller Welt der Baron in Holland wolle.

»So ein Schatullchen!« meinte sie ärgerlich, als ganz und gar nichts aus mir herauszubekommen war. »Wer hat den Schlüssel zu Ihnen?«

* * * * *

In diesen ernsten Tagen des Harrens, und wiederum der Erfüllung, da doch mein Bau zu Ende gekommen war und alles Notleidende in meinem Dorf eine liebe, umhütende Heimat gefunden hatte, war mir mein köstliches Instrument ein wahrer Sorgenbrecher und ein schönes Erleben. Ich hätte wohl der Heidkamperin sagen können, daß Beethoven den Schlüssel zu meinem Herzen habe, aber das wäre ihr doch nicht die rechte Antwort gewesen. –

Als ich neulich am Flügel saß und fantasierte, kam mir ein liebes Thüringer Volkslied nach dem andern unter die Finger, und da setzte mit einem Male eine Flöte ein und begleitete mich zart und fein recht aus einem musikalischen Empfinden heraus. Ich sah auf. Mein Bub stand an den Flügel gelehnt, und ich sah, wie er die kleine Blechflöte meisterte, die er wohl irgendwann auf dem Jahrmarkt erstanden hatte.

»Das tönt gut, Gittimuhm«, sagte er, als ich die Hände von den Tasten sinken ließ.

»Und seit wann spielt mein Junge die Flöte?«

»Ohh! Seit ich von Großmutter Sina ein so schönes Buch bekam: ›Der große König und sein Rekrut.‹ Da wollt’ ich Flöte blasen und schnitt mir erst eine aus Weiden, und die nahm mir Fräulein Herwardson fort. Dann kaufte ich mir diese hier für 40 Pfennige und blies nur draußen auf der Wiese darauf, und im Winter im Hühnerstall. Da hat mich mal der Flötist von der Stadtkapelle gehört, der kaufte Eier von Fräulein Herwardson. Und da hat er mir ganz umsonst Stunde gegeben, so ein guter Mann. Denn er war arm. Deshalb suchte ich ihm im Frühjahr und Sommer Kräuter zum Tee. Er hatte es auf der Brust. Und der Tee tat ihm so gut. Schafgarbe und Quendelchen, Tausendgüldenkraut, Königskerze, Huflattich, Beifuß und Kamille …«

»Und war denn der Flötist zufrieden mit deinen Leistungen?«

»Oh, der wollte mich schon mit in die Kapelle nehmen. Da hätte ich Geld verdienen können. Aber – nicht mit einer Blechflöte … Und eine richtige Flöte kostet 20 Mark! Denk’ nur, Gittimuhm, zwan–zig – Mark!!!«

»Es ist erstaunlich!« –

Seit jenem Tage musiziere ich mit meinem Jungen, aber nur zur Belohnung fantasieren wir zum Schluß zweistimmig, denn er lernt ganz planvoll von mir das Klavierspiel, und wir sind fiebereifrig auf die Erledigung der Aufgabe. So versüße ich mir das Bangen, das Harren, das Warten … Diese drei Dinge hat der Böse erfunden, und jeder Heilige soll machtlos dagegen sein. –

Auch das Rennen hinein in den Lager Wald trägt nicht mehr die Heilkraft von ehedem in sich. –

Freilich hat es einen Reiz mehr bekommen durch meinen lieben, kleinen Wanderkameraden, der sich mir sofort anschließt, sobald mein Fuß den Park betritt. So köstlich war es, ihm alle meine Stätten zu zeigen, den Märchenwald, den Ilexpfad, Joochen Lages Grab, die Clemenskapelle und den verschlossenen Tempel. Die vielen, mich überstürzenden Knabenfragen hatten nichts Quälendes für mich, ich mußte ja unablässig daran denken, daß es ein Lage ist, dem ich Rede und Antwort stehe. –

Und wundergut war das Wandern zu zweien, dies Austauschen der Gedanken über alles, was zwischen Himmel und Erde einem zehnjährigen Prinzen und einer Prinzessin, die alle Möglichkeiten verschlafen hat, verständlich und unverständlich ist.

Was ich mir in stillen Stunden erhofft und ersehnt, solch ein Wandern mit dem geliebtesten Menschen auf dem Erdenrund, – – nun gab es mir das Geschick in diesem Knaben, Ritter Lages Sohn. –

Bei ihm lerne ich das rechte _Schauen_. »Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder.« Und ich lernte das herzliche Lachen über harmlose Dinge und Begegnungen. Häßlichkeiten verklärt mir der sonnige Bursch durch sein liebes Lachen. –

Eine »wüste Insel« haben wir entdeckt. So nennt sie der Schelm. Sie liegt im großen Lager See, und man muß 30 Schläge rudern, dann kann der Kahn anlegen. Es ist wohl seit undenklichen Zeiten kein Lage drauf gewesen, ein kleiner Urwald erwartete uns. Aber mein Diener hat Clemens-Hartmut versprochen, daß er roden wolle, und da ihm bereits die Wünsche meines Jungen Befehl sind, so hat Ludwig schon Hofarbeiter von mir erbeten, die ihm bei dem Gröbsten helfen sollen. Ein Tau haben wir bereits über die Mitte der Insel gespannt, das ist die Grenze zwischen Siribisi und Satafuna, unsern beiderseitigen Reichen. Am äußersten Ende eines jeden Besitztumes werden dann zwei Hütten gebaut, so hat es sich Clemens-Hartmut ausgedacht. Und sie heißen Blauaug und Schwarzaug und sollen uns beiden zur Wohnstätte dienen. – Bis jetzt ist also die Insel gar nicht »wüst«, d. h. _einsam_, sondern sie wird von einer Kolonne fleißiger Arbeiter und Holzfäller belebt, und mein Junge geht wichtig zwischen ihnen einher, oder »rodet« mit ihnen, ganz stolz, daß ihm der Schweiß ebenso rinnt, wie den Großen. Abends sehen wir dann am Seegestade dem Sonnenuntergang zu und genießen den köstlich warmen Herbst. Eng aneinandergeschmiegt machen wir unsere Beobachtungen.

Wir träumen uns hinein, daß alles lebt und alles fühlt.

Daß alles in der Natur ein lustiges, oder ein ernstes Frage- und Antwortspiel ist, und daß der See sich kräuselt und Wellen schlägt, und dadurch dem Wind und dem Sturm Antwort gibt.

Aus den in unendlichen Mengen herumliegenden, wunderlich geformten Steinen haben wir uns ein Alphabet gemacht und lernen jetzt lesen. Wir kennen die Buchstaben schon leidlich auseinander. Wo meine Blauaughütte hinkommen soll, liegen preislich davor 9 Riesensteine aus unserm Alphabet, die heißen »Zornebock«, und in Siribisi liegen 5 solcher Ungetüme, die besagen: »Gitti«.

Alles in allem sind wir zwei närrische Lages, wie sie im Buche stehn. –

Im Oktober.

Unsere beiden Blockhütten sind fertig und sollen morgen eingeweiht werden. Clemens-Hartmut »hängt nur noch in den Gräten«, so unendlich wichtig hat er den Fall genommen, und es bedurfte schon seiner großen Verehrung für Konrad Oswald, daß er das Lernen nicht vergaß. Oswald besitzt mein ganzes Vertrauen. Wie ruhig und sicher er den Knaben leitet! Wie er das reiche, überquellende Gefühlsleben vor dem Uferlosen zu bewahren sucht und eindämmt! Und wie er brachliegendes, schönes Erdreich bepflanzt und betreut mit der Menschenliebe des echten Erziehers.

Er hat auch seine Geige wieder hervorgesucht und übt mit meinem Jungen kleine, schöne Zwiegesänge ein, die ich dann begleite. Hie und da hört das Personal unsern Konzerten zu, und Eva behauptet, Lage würde »ganz neu«.

Morgen mit dem frühesten wollen Clemens-Hartmut und ich in die Blockhütten siedeln und unsere Monarchien ausrufen. Mit köstlicher, geheimnisvoller Wichtigtuerei deutete mir mein Junge heute zart an, es sei durchaus nicht ausgeschlossen, daß Prinz Schwarzaug die Prinzessin Blauaug im Laufe der Jahrhunderte heimführe …

Und ich gab ihm mit gebührendem Ernste zu bedenken, daß Prinzessin Blauaug niemals heiraten, sondern sich zu gegebener Zeit lieber in eine Birke verwandeln wolle. In deren Schatten solle dann Prinz Schwarzaug jeden Sommertag sitzen. Das fand mein Junge auch viel romantischer und der wüsten Insel angemessener, als eine gewöhnliche Heirat. –

In diesen Tagen wird Baron Leo zurückerwartet.

Ich schreibe dies so nüchtern und ruhig hin, als berge diese Tatsache nichts Aufregendes in ihrem Schoß. Denn wenn ich je meine Kräfte zusammenhalten mußte, so ist es jetzt geboten. Auch nicht das geringste darf absplittern … Ich spüre es, daß ich an einer großen Wende stehe. –

In der Blauaughütte des Reiches Satafuna.

Der ehrenfeste Foliant, den ich im Nachen auf unsere wüste Insel mit hinübernahm, liegt vor mir und soll erfahren, was in dem gelben Büttenpapier steht, das ich in der Blauaughütte fand:

»_Meine_ Gitti! Ich muß Dich so nennen, wenn Du Dich auch vielleicht innerlich ganz gegen mich verschlossen hast. –

Deine Tat, Gitti, – diese hochherzige, stille Tat ist das größte Erleben, das mir widerfuhr.

Und kein Schmerz und kein Glück meines Lebens, ja selbst nicht jener Weihnachtsabend im Tempel, reicht an diese Deine Tat heran. –

Ihr Wert liegt in der Stille, mit der Du sie ausführtest.

_Wie danke ich Dir?_

Über die Möglichkeit einer Dankabtragung gegen Dich sinne ich seit jenem Tage nach, da Leo mir von meinem Sohn erzählte. Er war nicht so zartfühlend wie Du, – er hat mir nichts erlassen, nicht einmal Deine schwere Erkrankung, den ›Wirbelsturm‹, der über Dich gegangen ist, meine blasse, weiße Rose. –

Und so habe ich ihn auch über mich ergehen lassen.

Dein schweigendes Dulden war ja härter für mich, als jeder Vorwurf. Aber für einen Vorwurf wiederum ist mein herbes Mädchen zu scheu. Und die einzige Entschuldigung, die es für mich gibt, hast Du, meine Gitti, in Deinem Gerechtigkeitssinn gewiß gleich selbst angenommen: Ich war jung, war völlig frei, und – ich kannte _Dich_ nicht.

Natürlich habe ich nicht die Belohnung für mein Verhalten verdient, daß _Du_ die Mutter meines Knaben geworden bist in Deiner aufopfernden, holden Güte. Der Gedanke, daß Gitti Lage meinen Sohn erzieht, an ihrem reinen Herzen, ist beinahe unfaßbar. Ich nehme das Geschenk stolz und demütig zugleich aus Deiner Hand.

Ich weiß auch, daß Du, mein verehrungswürdiges Kind, längst gut von mir denkst. In Deiner Seele hat überhaupt kein häßlicher, herabsetzender Gedanke Raum. Aber daß Du Dich vor mir erschreckt hast, Du Feine, – der Gedanke kann mich jetzt noch rasend machen. –

Meine Gitti, wie danke ich Dir recht?

Alles, was ich an äußeren Gütern besitze, gehört Dir und meinen beiden Söhnen. Das ist alles inzwischen schon notariell festgesetzt. Mein Wunsch ist, daß mein Kind bei Dir bleibt und Dich auf Händen trägt, weil dies der Vater nicht vermag …

Meine Gitti, weißt Du auch, was das furchtbarste ist für einen aufrechten Mann? Du mußt die beiden letzten Worte streng geistig nehmen, damit Du nicht laut lachst über den ›Aufrechten‹. Das furchtbarste also ist, dem Weibe seiner einzigen Liebe zu gestehen, daß man am Boden liegt, – – körperlich zerschmettert von grausamer Schicksalshand.

So, – ich habe es Dir gesagt. Aber _das_ verlange nicht von mir – trotzdem ich Dir ja nach Deiner Tat _jedes_ Opfer bringen müßte, – daß ich Dich, Du gesundes, kraftvolles Geschöpf, meine Niederlage _sehen_ lasse. –

Gott segne Dich tausendfach! Hab’ Dank und lebe wohl!

Clemens Lage.«

44.

Ende Oktober.

Wie bunt schaut unser Wald aus!

So fröhlich!

Als lebte nur Lachen in Lage …

Als wäre da kein Krankenhaus, kein Siechenheim, keine Trennung, noch Trübsal.

Herbst war mir immer freund. Seine Stürme hochwillkommene Pfadgesellen.

Diesmal ist er mir zu froh. Seine Farbenpracht tut den überwachten Augen weh. –

Er, der mich sonst so gut verstand, wenn ich meine Not in ihn hineintrug, er lacht jetzt, da ich weine, er rüttelt mich auf, da ich nach Ruhe verlange …

Und in den Melodien, die er zu mir trägt, schwingt zuviel Hoffnung …

Hoffnung verwirrt.

Gewißheit stählt.

Mein Kind läßt mich kaum noch allein. Es ist, als wolle Clemens-Hartmut alles von _mir_ empfangen, die neue Welt, die ihm jetzt aufgeht, mit _meinen_ Augen sehen. Und er soll doch ganz auf sich gestellt sein. Die Feinheit seines Empfindens überrascht mich immer aufs neue, und ich sage mir, daß ihm vieles davon das Mädchen aus dem Volke gegeben haben muß. –

Seit ich weiß, wie Ritter Lage denkt und handelt, und wie unverworren seine Vergangenheit sich abgespielt hat, ist eine große Klarheit über mich gekommen.

Und der Wunsch, gut und groß zu handeln, weitsichtig, ohne einen Hauch von Eifersucht auf das, was war. Ich möchte wissen, wie Martha Dörpings Wesenheit war, denn ich möchte das Gute in ihr in ihrem Sohne pflegen. – Wie gewaltig und ausschließlich muß Ritter Lage mich lieben, wenn er mich die Mutter seines Sohnes nennt. Er tut alles mit bewußter Absicht. Das Wehtun und das Wohltun. Bei mir ist noch zuviel Unbewußtes und Gefühl. Ich darf auch nicht sagen, ich bin, wie ich bin, nehmt mich so und verbraucht mich so. Dazu habe ich noch zuwenig geleistet. Aber ich kann bitten: Vergebt mir, wenn ich irre, denn ich strebe noch. –

Meine ganze Arbeit in Lage hat für mich ein anderes Gesicht bekommen. Ich tue das Gute um des Guten willen ohne Dank, – und ich lebe damit zugleich meinem Jungen vor. Beispiel ist besser als Mahnung.

Und eine köstliche Wechselwirkung hebt an.

Clemens-Hartmut als Erzieher.

Seine fragenden Kinderaugen haben die Macht, alles Gute aus mir herauszuholen. Und wenn er mit seiner warmen Stimme ruft: »Du bist doch das Schönste und Beste auf der ganzen Welt«, dann sehe ich ihm still in die lieben Augen und denke: »Du! Du formst mich dazu.«

Pastor Konrad Oswald sieht mit verständnisleuchtenden Augen auf uns beide. Als ich ihn bat, mir pädagogischen Rat zu geben, sagte er, daß es geborene und erlernte Erzieher gäbe, er sei ein erlernter und ordne sich mir unter. Das ist gewiß Scherz, aber es scherzt sich wohltuend mit Pastor Oswald. –

Zwischen uns ist alles klar und rein.

Er umhegt Maria mit der »Höflichkeit des Herzens, die der Liebe verwandt ist«. Die Aussicht auf das Kind, die nun ganz nahegerückt ist, hat ihn zur Selbstbesinnung gebracht, hat ihn auch um viele Jahre gereift. Er verträgt es sogar, wenn ich ihn hie und da »Konradbruder« nenne, und ich meine, es kann eine Zeit kommen, da er mich ganz unbefangen-fröhlich Schwester Brigitte rufen wird. Wenn das Kind da ist. Winzige, neugeborene Kinderhändchen dünken uns schwach und haben doch höchste Liebeskraft im Festhalten und Zurückführen zu dem, was uns frommt. – Ich hatte den Pfarrer Oswald auch gebeten, mir ein paar Freunde für Clemens-Hartmut auszusuchen. Aber es scheint, als lasse ein Lage sich keine Genossen bestimmen. Zuerst hat er Konrad Oswald stürmisch entgegnet: »Die Gittimuhm ist mein einziger Freund und soll es bleiben.« Aber dann hat er doch ganz still und bewußt Umschau gehalten, mehr aus Gehorsam, als aus Bedürfnis. Und hat sich von Pfarrer Trewes den Hein Broders zuführen lassen und von Pastor Oswald den Richard Borgers und hat aus eigenem Ermessen den verkrüppelten, gescheiten Pieter Dinkel dazugetan. – Mit Hein lernt er, mit Richard treibt er Sport, und mit Pieter lacht er. Deshalb steht der Pieter bei mir ganz obenan, denn das Lachen braucht mein Junge am meisten.

Ich wollte meinen Buben oft gern daheimlassen, wenn ich in meine Heime wandere zu den Kranken, den Siechen und Krüppelkindern, denn ich fürchtete, er würde mir zu ernst und still beim Entdecken und Schauen des vielen Elends; aber seit mir die kranken Kinder bekannt haben: »Es ist jetzt so schrecklich lustig auf der Welt, seit der Clemens-Hartmut da ist«, lasse ich meinen Jungen nach Herzenslust diese »schrecklich lustige Welt« verkörpern. Und wirklich, das Lachen aus dem Saal der kleinen Krüppel schallt bis zum Krankenhaus herüber. Gestern ließ ich die beiden Freunde Clemens-Hartmut und Pieter Dinkel, die all diese Lachlust entfesselten, zu den Großen rufen. Da machten sie denn ihre Kunststücke, wobei mein Junge der Leiter war und Pieter zu den erstaunlichsten Leistungen verführte, bis dann Clemens-Hartmut noch als Märchenerzähler auftrat.

Am Abend meinte eine der bresthaftesten alten Frauen: »Auf die Art möcht’ ich noch 20 Jahre im Krankenbett liegen.«

Selig sind die Genügsamen. –

Als mein Junge und ich am selben Abend durch den herbstlichen Wald heimwärts schritten, während Pieter Dinkel in unglaublichen Sprüngen mit seinen Krücken den Weg zweimal machte wie ein junger Hund, meinte Clemens-Hartmut sinnend: »Ich werde Arzt. Man müßte sie alle gesundmachen können.«

»Wir wollen ihnen täglich Lachen und Liebe bringen,« sagte ich und faßte meinen Jungen fester. »das ist _fast_ so gut wie Gesundheit.« –

»Mensch!« rief Pieter Dinkel dem Clemens-Hartmut zu, »wenn sie gesund würden, kriegten sie ja unsere schönen Kunststücke nicht mehr zu sehen.«

Unsere Verblüffung ließ Pieter das letzte Wort. –

An einem Sonntag im November.

Um im Glück zu versinken und alle Seligkeiten der ganzen weiten Welt in sich zu spüren, bedarf es nicht des Wonnemonats Mai, und auch nicht der Rosen von Schiras. Es kann ein grauer, verhangener, sturmgepeitschter Novembertag sein, an dem die Sonne sich verkrochen hat hinter Regenwolken, wie eine mürrische Alte hinter einem Berg von grauer Strickwolle. Und es kann ein kleiner, krummer, unterernährter Junge an Krücken gehumpelt kommen und uns ein gelbes Büttenpapier bringen … siehe, es ist das Glück! Der Brief vom Ritter Lage war dem armen Pieter Dinkel, der heute seinen schlechten Schmerzenstag hatte, mehrfach in den von Schmutz bekrusteten Novemberschnee gefallen, aber in meinen Augen war alles schneeweiß, was mir die kleine verbogene Jungshand reichte, und die einzigen Schattenstriche bildeten die steilen, aufrechten, deutlichen Schriftzüge des geliebten Absenders. –

Pieter Dinkel schulterte seine Krücken, weil er sich dann einbildete, er sei ein kerzenschlanker Soldat und werde von der andern Ehrenwache abgelöst, und meldete, wie es ihm wohl vorgesagt war, kurz und militärisch: »Empfehlung von Baron ter Mählen, in einer Stunde wäre er hier.«

»Es ist gut, Pieter Dinkel.«

Er humpelte zu Clemens-Hartmut, ich verhielt auf meinem Platz, bis ich das doppelte Kinderlachen hörte, dann stürmte ich in mein Zimmer.

Blumen holte ich mir vom Fenstersims auf meinen Tisch, weiße, duftende Hyazinthen, warmleuchtenden gelben und lila Krokus, lachend blaue Amaryllis. Und verteilte sie und stellte dazwischen

Anemon’ und Pulsatille, O wie schläft mein Wald so stille, Pulsatill’ und Anemone Flocht ich mir zur Blumenkrone.

Und mitten unter die Blumen legte ich den Brief, – seinen Brief mit den Spuren der lieben Lager Erde. – Dies Verzögern des Zieles war ein kindisches Spiel voll fröhlicher Erwartung und spannendem Reiz.

»Du!« sagte ich still-selig zu dem gelben Büttenpapier. »Bist du wieder bei mir, Ritter Lage?«

»Meine Gitti! Man berichtete mir nach Holland, daß mein geliebtes, weißes Licht von Lage überall Lachen und Liebe hintrage und in alles Elend der traurigen Katen lindernd hineinleuchte. Und so sah ich Dich immer vor mir, wie Du die vertrauten Wege gingst, Leid im Herzen und doch immer Freude gebend. Wo nahmst Du sie her? Aus dem Grunde Deiner tiefen Seele, denn unter all Deiner eigenen Not ruht bei Dir ein Nibelungenschatz von Freude. –

Weißt Du noch, daß ich Dir schrieb, das letzte Opfer dürftest Du nicht verlangen, Du Starke, Gesunde, Nimmermüde: mich am Boden liegen zu sehen, krank und gekrümmt. Mich, den Du so treulich den ›Ritter‹ Lage nennst, mich, der einst geträumt und gehofft, die Rüstung, in der sich der Knabe scherzend verbarg, würde sich einmal prall und beengend um des Mannes Muskeln schließen …

Gitti, ich bring’ Dir das letzte Opfer. Und bitte Dich: Komm zu mir! Zeige mir unsern Sohn Clemens-Hartmut. Ich möchte ihn sehen, mit ihm sprechen, Dich an seiner Seite. Auf seinen zwei jungen Augen ruht unser Geschlecht, Gitti, wir sind verantwortlich für dieses Reis am alten Stamm. Man sagt mir, daß seine Augen schön, offen, gütig und wahrhaftig sind. Wie die Deinen, Gitti. – Man hat mir auch von Blauaug und Schwarzaug auf der wüsten Insel Satafuna-Siribisi erzählt, und der Lagesche Humor grüßte mich bis zum hellen Lachen. Ihr beiden Kinder werdet mir noch mehr zutragen, und der sieche Mann wird noch einmal Freude trinken. – Denn meine gütige Gitti wird es über sich gewinnen, nicht vor mir zu erschrecken. Sie wird es nicht einmal ihren Augen erlauben, sich für die Dauer eines Atemzuges zu verdunkeln, weil ihr Licht mein Leben bedeutet. –

Gitti, komm! Mein Heimweh eilt Dir entgegen! –

Dein Clemens.«