Der graue Alltag und sein Licht

Part 14

Chapter 143,701 wordsPublic domain

Und da erzählte ich von Konrad und Maria Oswald, von allen Möglichkeiten, die sich ihnen und uns böten, und nicht zuletzt von dem heiligen Glück, das der jungen Frau bevorstünde. Da weinte die Greisin, und es sah erschütternd aus, weil die Tränen ihr nicht mehr leicht flossen. –

»Jesus! Daß ich’s erlebe!« rief sie leise, und faltete ihre Hände. Und dann versuchte sie, sich aufzurichten, und fiel doch immer wieder kraftlos zurück, so daß ich sie in meinen Armen stützen mußte. Und plötzlich packte sie meine Hände beschwörend: »Nicht der Maria sagen, daß die Martha verdorben ist,« flehte sie, »nicht der Maria sagen!«

»Die Martha ist _gestorben_, aber doch nicht verdorben!« Ich streichelte ihre welken Hände. Da horchte die Greisin auf. Und ich sprach eindringlich weiter, weil mich mein Herz dazu trieb. »Wenn die Martha ihr alles hingab, so tat sie es doch aus großer Liebe, – und Liebe adelt doch das, was sie tut … Und sagt nicht irgendein Großer: ›Die Mutterschaft tilgt jede Schuld am Weib?‹ Warum willst du dein Herz zermartern, Sina, und hassen, du, die Großmutter … Wir wollen nicht richten, Sina …«

»Jesus, was habe ich getan!« weinte die wilde Alte und rang die Hände; »_Ihnen_ wollt’ ich Leid zufügen, und Sie bringen mir Trost. Ach, wie das brennt! Aber nun kann ich wohl noch wieder gesund werden! Und wenn dann erst einmal die Maria da ist …«

Am nächsten Tage.

Ja, wenn erst einmal die Maria da ist!

Sie kommt vielleicht heute noch, aber sie kommt zu spät. Man holte mich noch gestern am Abend zur sterbenden Sina. Sie hatte allein nach _mir_ verlangt, und so wehrte ich der bekümmerten Eva, die meinte, es sei für mich kaum Genesene ein zu großes Wagnis, zur Nacht noch einmal ins Dorf zu wandern.

»Eva, wenn du mich hinderst, im grauen Alltag meine Pflicht zu tun, dann gehe ich in mein Thüringen zurück und suche mir dort ein Feld …«

Da sah sie mich erschrocken an und ließ mich gewähren. Zwei Stunden weilte ich bei der Korb-Sina.

Es war ein ruhiges Sterben nach der Unrast ihres Lebens.

Fünf Worte wiederholte sie unablässig. Sie waren wohl das einzige Gebet, das in ihrem Herzen gelebt. Zwei Stunden lang fünf Worte! So prägten sie sich mir ein. _Martha! Maria! Clemens-Hartmut Lage!_

Am übernächsten Abend.

Eben ging Konrad Oswald von mir. Er war auf meine Drahtung hin gleich von Berlin abgereist, aber allein. Da die Greisin heimgegangen, sollten seiner Maria zwecklose Anstrengungen und Aufregungen erspart werden. Nun bereitet er alles für die Beerdigung vor, und jeder rüstige Dörfler hat sich ihm zur Verfügung gestellt. Daß er nur wieder da ist! So meint jeder in Lage, und die Gesichter sind alle aufgehellt.

Über mich aber war Konrad Oswald sehr bekümmert.

»Ich glaubte, der Lager Boden wäre die rechte Erde für das seltene Kräutlein,« meinte er liebreich, »und nun? Soll der alte Joochen Lage und sein elendes Pergament recht behalten?«

»Lager Luft verwirret Kopf und Herz«, spann ich seine Worte weiter. »Ei, lieber Freund, das _war_ einmal. Jetzt sind wir alle klarsehende Leute geworden, aber Gott bewahre uns vor Ernüchterung!«

»Mit dem letzteren braucht man bei Ihnen wohl keine Sorge zu haben«, scherzte er und setzte bekümmert hinzu: »Aber sonst gefallen Sie mir gar nicht, Baronin.«

»Gefalle ich etwa mir selbst?« rief ich ungestüm. »Ich bin ein ganz anderes Lebewesen geworden, das sich selbst erst kennenlernen muß. Und dazu fehlt mir die Zeit …«

* * * * *

Auch Konrad Oswald ist kopfschüttelnd von mir gegangen, ebenso wie damals Baron Leo.

Ich möchte eine hohe Mauer um Lage bauen. Möchte dahinter einsiedlerisch hausen. – Bis ich hellsehe, was ich will.

Im Juli.

Immer habe ich jetzt Feiertage im Sinne, die sich just jähren. –

Ich komme nicht los von der Erinnerung.

Auch jetzt ist ein Tag in Sicht – – da stand vor einem Jahr der rote Regenschirm an der grünen Birke … Ich möchte an meinem Geburtstage wieder diesen Regenschirm in Händen halten, ihn aus den Tiefen des alten Schrankes hervorholen … wie kindisch …

Ich möchte wieder ein Kind sein. An Vaters Hand nur ein einzig Mal durch den Lager Wald schreiten und ihm erzählen. Und ihn fragen über Gut und Böse und die mannigfachen Wege, die dazwischenlaufen über Distel und Dorn und Stechpalmreiser. Wie würde der einzige mir weitschauend raten und helfen! Nun muß ich alles allein durchkämpfen und allein überwinden.

43.

Am Geburtstage.

Wie seltsam die Luft, und der Tag so klar, So märchenverträumt und schön, Ich möchte mit dir durch Fels und Kar Und Wildnis wandernd gehn.

Durch dunkelen Schratt und Urwaldgestrüpp Über wurzelzerrißnes Gestein, Durch wilder Tiere weißschimmernd Geripp … Nur Gott – und wir beide allein. –

Allein bin ich gewandert. Erst plan- und ziellos. Dann bewußt an des Ahnen Joochen Waldgrab, zum Tempel, zur Clemenskapelle, an die Stelle, da einst die liebe Birke stand, mein hoher Baum der den Wurm in sich trug …

Alles steht verlassen, verloren, verödet …

Und nicht das kleinste Zeichen fand ich, daß man mein gedachte …

Da ging ich fort aus dem Lager Wald und trat in die Häuser meines Dorfes und in die allerletzte Kate, wo seit dem Tode des Säufers ein fröhliches Leben aufblüht. Und ich beschenkte alle an meinem Geburtstage und hörte mit seltsamer Anteilnahme, wie die Mutter den Kindern vom toten Vater erzählte und den allerkleinsten, die sich des Rohen und seines Lasters nicht erinnerten, sein Leben verklärend schilderte.

Und ich neidete dem Weib seine riesengroße Liebe, – und sein restloses Verzeihen. –

Dann schritt ich in Korb-Sinas verlassenes Haus, zu dem ich immer noch die Schlüssel habe, weil Pfarrer Oswald keine Zeit fand, den Nachlaß zu sichten. Und setzte mich an den alten Schreibsekretär, der aus besseren Zeiten stammt, und blätterte in der großen Bibel; zwischen zwei Kapiteln sperrte ein altmodisches Lesezeichen die Blätter weit auseinander. Da lag ein kleiner schmaler Papierstreifen, und ich las im Dämmerlicht: »Clemens-Hartmut Dörping, bei Fräulein Herwardson in K… Im letzten Haus am Grabenteich …«

Mir aber war’s, als hätte ich gelesen: »_Zünd_ an, Brigitte, zünd an!«

Mitte August.

Nun jährt sich auch schon wieder das Blühen der Heide. Ob es mich jemals alt und schon vielmal erlebt dünken wird? Nein, immer wieder grüßt es mich als Offenbarung. Du, meine rote Heide! Grenzenlos ist deine Schönheit, die leuchtende; grenzenlos deine Macht, die siegende; grenzenlos deine Stille, die träumende; grenzenlos, wie meine Liebe, die sehnende, zu dir, du meine rote Heide! – Aber war sie je so leuchtend, so siegend, so still, so liebevoll wie diesmal? Da zwei verträumte, wunderschöne Kinderaugen in all das Blühen schauen und eine seltsam weiche, tiefe Knabenstimme mich fragt: »So also schaut sie aus, deine Heide, Gittimuhm’?«

Wo ich das Licht dieser Kinderaugen fand, soll der ehrenfeste Foliant erfahren. –

Zünd an, Brigitte, zünd an!

Mit dem Zettel aus dem Bibelbuch der Korb-Sina kam ich nach Haus. Und ich spürte ihn immer zwischen meinen Fingern und fühlte, daß ich nicht loskam von ihm. Wohl erschrak Eva sehr, als ich sie einen Koffer rüsten hieß, und sie wehrte sich tapfer und packte mit Sorgfalt, und diese Zwiespältigkeit brachte sie wieder in huschende Unrast. Meinen braven Diener hieß ich auch, sich bereitmachen, und er las sich im Fahrplan zurecht und legte mir die fertigen Auszüge vor. So fand mich der Abend meines Geburtstages im Eilzuge und der leuchtende, helle Augustmorgen schon in K. Das Städtchen lag altmodisch zwischen Wiesen und Wäldern eingebettet, die Fenster der kleinen, seltsam bunten Häuser blinzelten verträumt. – Der Diener brachte mich in einen sauberen Gasthof, wo man mir so rasch einen duftenden Kaffee vorsetzte, als habe man mich als lieben Gast erwartet. Dann gab man uns einen knappen, von jeder Neugier baren Bescheid über das letzte Haus in K., und nach dem Imbiß wanderten wir hin. Ich hieß den Diener, sich in das Gärtchen zu setzen, das in allen Farben spielte von den gelben Sonnenblumen an über bunte Malven und leuchtend roten Mohn zum braunen Frauenschühlein und lila Heliotrop, dessen Duft uns schon auf der Landstraße begrüßt und umweht hatte. Einen altmodischen Klopfer setzte ich in Bewegung, da kamen auch schon flinke Füße, und es wurde geöffnet. Zum erstenmal tauchten meine Blicke wieder in Lager Augen.

»Fräulein Herwardson ist verreist«, berichtete die tiefe, ruhige Knabenstimme.

»Clemens-Hartmut Lage!« sagte ich – und dann stieg ein heißes Rot in mein Gesicht.

»Ja, – Clemens-Hartmut bin ich,« meinte er erstaunt, »aber ich heiße Dörping.«

So hatte ich ihn gefunden. Und ich war des Glückes voll, wie nie in meinem Leben. Alle Bitterkeit war ausgelöscht, alles Häßliche in ein verklärendes Licht getaucht, – ich fühlte, wie schwer mein Kampf gewesen war und restlos nun mein Sieg. Voll Entzücken sah ich in das schöne, reine Antlitz des Knaben, sah die schlanke, biegsame, gesunde Gestalt, der auch der von ungeschickten Dorfschneiderhänden angepaßte grobe Anzug nichts anhaben konnte.

»Du lieber Junge, ich bin die Freiin Brigitte Lage, und ich stand jemand sehr nahe, der – – –«

»Gewiß der lieben Großmutter Sina«, entgegnete er lebhaft. »Sie hat mir Ihren Namen genannt. Sie können eintreten, Fräulein von Lage, – meine Pflegemutter kommt nicht vor morgen zurück. Ich muß das Haus bewachen«, setzte er mit leichtem Stolz hinzu. Sein ganzes Gebaren war köstlich altväterisch, ritterlich, weit über seine zehn Jahre hinaus bedächtig. Er öffnete mir eine weiße Flügeltür, die in ein Biedermeierzimmer führte, und hier rückte er mir einen Sessel und ein Fußbänkchen zurecht, alles mit der Grandezza eines geschulten Pagen. In straffer Haltung blieb er vor mir stehen, bis ich ihm bedeutete, sich neben mich zu setzen. –

›Du lieber, feiner Junge!‹ mußte ich nur immer denken. Und mein Herz war gar nicht bei mir, sondern bei dem Knaben, der schon nach kurzer Zeit zutraulich seine Hand auf die meine gelegt hatte.

»Ich liebe Lage so sehr«, sagte er mit tiefstem Aufseufzen.

»Kennst du es denn, Clemens-Hartmut?«

»O so _gut_! Aber nicht wirklich, nur aus Großmutter Sinas Erzählungen. Sie war eine sehr edle Frau, nicht wahr, Fräulein von Lage? Sie hat mir so viel Gutes getan, wie nirgend ein Mensch.«

Ich strich ihm über den dunklen Lockenkopf. »Sie hat dich und deine Mutter sehr geliebt, mein Junge«, sagte ich warm. Da nickte er ernst.

»Nun kommen bald die Herbstferien«, meinte er sinnend. »Wie gern möcht’ ich sie einmal bei Großmutter verbringen! Warum kenne ich Lage gar nicht? Vielleicht kann man das teure Fahren sparen und zu Fuß hinwandern. Solche Sehnsucht hab’ ich nach Großmutter Sina …«

Er sah mich vertrauensvoll an, und ich zermarterte mir Herz und Kopf, wie ich wohl diesem Kind zart genug den Tod dieser Großmutter übermitteln könnte. Ich meinte, ich könne es nicht ertragen, diese Augen, in denen schon ein frühes Weh stand, noch mehr verdunkelt, und die feinen, schmalen Lippen in Schmerz verzogen zu sehen. –

»Soll ich dir von Lage erzählen?« fragte ich auswegsuchend.

»Wie schön!« Er strahlte. »Ich gehe heute erst um zehn Uhr in die Schule. Aber ich sehe durch das Fenster einen fremden Mann in unserm Garten, ich muß fragen, was er will, und ihm verbieten, irgendeine Blume abzureißen, sonst wird Fräulein Herwardson rasend …«

Ich lachte herzlich. »Meinst du, Clemens-Hartmut, daß meine Gegenwart nicht etwas heilsamen Zwang auferlegt?«

»Ich glaube nicht«, meinte er altklug. »Sie sieht dann gar nicht, wer dabei ist, und schlägt nur so drauflos …«

»Du sagst doch nicht, daß sie dich schlägt, – _dich_«, rief ich hastig, und eine tiefe Abneigung gegen die Person stieg in mir hoch.

Der Junge legte einen Augenblick sein Gesicht auf seine Arme, aber dann schaute er mit zusammengepreßten Lippen mir gerade ins Gesicht. »Sie ist nicht gut«, sagte er leise.

»Mein Junge, mein ganz lieber Junge!« konnte ich nur sagen und legte den Arm um seine schlanke, leichte Gestalt, und er schmiegte sich für die Dauer eines Augenblickes an mich an, und ich fühlte, daß ein trockenes Schluchzen ihn überkam.

»Es ist nicht männlich, ich weiß es,« sagte er leise, »aber Sie sind gut mit mir, das kann ich beinahe nicht ertragen. Wenn die Großmutter Sina kam, war ich auch immer so elend … Wir wollen hinaus in den Garten gehen, – bei den Blumen bin ich immer am liebsten, und ich sehe es jetzt, Ihr Diener hat ein gutes Gesicht, Fräulein von Lage.«

»Könnten wir nicht doch noch ein Weilchen hier allein bleiben, Clemens-Hartmut? Ich möchte dir so gern etwas von Lage erzählen, – etwas Ernstes …«

»Ja, Lage ist sehr ernst«, sagte er ruhig. »Großmutter Sina meinte, es lache kein Mensch in Lage, und es gäbe auch gar nichts zu lachen. Deshalb war ich ja so froh, als Sie vorhin eine so lustige Bemerkung machten. Beinahe hätte ich auch gelacht, aber ich bin es so gar nicht gewohnt.«

Ich sah voll tiefen Erbarmens auf den lieben Burschen hin und war in großer Not. Denn ich wußte nicht, wie ich zu dem Schweren überleiten sollte. – Und auch er sah mich an, und eine Menge wichtiger Fragen schienen ihm durch Kopf und Herz zu gehen. Sein ausdrucksvolles Gesicht verriet es. –

»Was dünkt dich, mein kleiner Clemens, soll ich dich gleich heute mit nach Lage nehmen?«

Die Frage sprang ihn förmlich an, und weil ich dazu lachte, denn dies Seelchen brauchte ja Lachen und Freude, so glaubte er wohl, es sei ein fröhlicher Scherz von mir. Wie Sonnenschein ging’s über sein beredtes Mienenspiel, und nun sah ich auch, daß der Junge den Lageschen Humor besaß.

»Der Clemens kann gleich mit Ihnen gehen, Fräulein von Lage, aber der Hartmut muß warten, bis Fräulein Herwardson zurückkommt.«

»Was fange ich mit einem halben Jungen an?« scherzte ich weiter, »und was soll ich von ihm mitnehmen, den Kopf oder die Füße?« –

»_Alles!_« rief er plötzlich ungestüm und schmiegte sich an mich. »Wir wollen gleich jetzt fortgehen und nie wiederkommen, ja? Weiß es die Großmutter? Oder ist alles nur ein Spaß?«

»Das wäre ein schlechter Spaß, wenn du doch solche Sehnsucht nach Lage hast … Aber die Großmutter Sina weiß nichts, – sie war sehr krank, mein lieber Junge, und liegt immer noch fest im Bett.«

»Krank war sie? Dann erschrickt sie am Ende, wenn ich sie so überfalle. Aber vielleicht kann ich dann erst ein paar Wochen bei _Ihnen_ wohnen, Fräulein von Lage …«

»Wäre dir das lieb, mein Junge? Du kennst mich noch so wenig.«

»Oh, ich kenne Sie gut«, meinte er ernsthaft. »Ich habe Sie schon oft geträumt, da sahen Sie genau so aus, wie Sie da sitzen. Sie hatten ein weiches, weißes, seidenes Kleid an, ganz licht waren Sie …«

»Du närrischer Schwärmer,« lachte ich, »du liest gewiß viel Märchen.« Und setzte leise an seinem Ohr fragend hinzu: »Kennst du das Märchen von Gitti und dem Zornebock?«

Er schüttelte die dunklen Locken. »Ist es schön?« fragte er.

»Ja, sehr schön, aber sehr traurig.«

Da streichelte er mich. Und wie ich die warme, schmale Kinderhand auf meinem Gesicht fühlte, da zog ich das Kind an mich und küßte es, und dann sagte ich ihm, daß seine Großmutter heimgegangen sei.

»Heimgegangen?« wiederholte er ernst, und mit den tränenlosen Augen sah er trostlos wie in Fernen hinein. »Wohin ist sie gegangen?«

»Zu Gott, Clemens-Hartmut.«

Er schüttelte langsam den Kopf. »Fräulein Herwardson sagt, das wäre _auch_ ein Märchen …«

Da sprang ich rasch auf, und ein fester Entschluß nahm Besitz von mir. »Du lieber Junge,« rief ich, »du wirst jetzt dein Köfferchen packen, und ich rufe meinen braven, zuverlässigen Diener da draußen. Der wird hier in K. bleiben und unermüdlich aufpassen, wann deine Pflegerin wiederkommt. Er soll ihr sagen, daß ich dich mit mir nahm, – – und daß du nicht wieder zurückkehrst – – –.«

»Wohin? Großmutter Sina ist tot«, sagte er tonlos.

»_Mein_ Junge! _Mein_ Junge!«

Das stammelte und lachte und weinte ich so ein Weilchen vor mich hin. Bis es in dem kleinen, verstörten Jungskopf zu dämmern anfing und er forschend, ungebärdig fragte: »Ihr Junge? Ich soll Ihr Junge in Lage sein?«

»Ja! ja! ja! _Mein_ Lager Junge!«

»Und wie soll ich dich nennen, Fräulein von Lage?«

»Gittimuhm! Sag’ Gittimuhm!!!!«

Ende August.

So ist es geschehen, daß mein Herzensjunge neben mir in der blühenden Heide sitzt, daß ich in die Klarheit seiner Kinderaugen schauen darf, und alles, was ich an Bitterem erlebt, liegt weit hinter mir. Wir haben uns köstlich traut in Lage eingerichtet. Mein Junge hat das große, sonnige Zimmer bekommen, das einst Ohm Matthias bewohnte, wir machen nun Pläne, wie wir es im Winter ausstatten. Diese unverwöhnten Kinderhände füllen zu können, ist ein Glück ohnmaßen. Wie bescheiden sind seine Wünsche! Wie köstlich sein Erstaunen, wenn sie gewährt werden.

Wir haben uns selbst Ferien gegeben. Ich schrieb an den Direktor des Gymnasiums in K., und er bestätigte mir, was ich ahnte und immer aufs neue erlebe, daß ich ein seltenes Kräutlein in meinen Hausgarten gepflanzt habe,

»ich grub’s mit allen Würzlein aus …«

Die hafteten nicht fest in der ehemaligen Heimat, der man wohl gar nicht diesen trauten Namen geben darf. Clemens-Hartmut blüht auf in Lage. Ich habe dem Direktor meine Pläne unterbreitet, und er ist mit allem einverstanden. Konrad Oswald, unser alter, neugewählter Pfarrer, übernimmt den Unterricht des Knaben, – alljährlich wird Clemens-Hartmut in K. geprüft, ob er Schritt hält mit der Klasse, die seinem Alter angemessen ist. Die Stunde, da ich mit Konrad Oswald über Clemens-Hartmut sprach, war schwer und wunderlich. Oswald weiß jetzt, daß mein Junge Urenkel der Korb-Sina ist, und will es auch Maria mitteilen. Er hält sein Weib für großdenkend genug, daß sie restlos ihre verwandtschaftliche Liebe dem Knaben entgegenbringen wird. Ich denke nicht engherzig, daß Clemens nur _meine_ Liebe braucht und der anderen gar nicht bedarf, – ich will ihm die gleiche liebereiche Kindheit und Jugend schaffen, wie auch ich sie einst mein nannte. Da soll jeder gesegnet sein, der mir Herz und Hände füllt. Auch vom Klassenlehrer meines Jungen erhielt ich einen lieben, wahrhaft väterlichen Brief, trotzdem der Herr noch jung und stürmend ist. Er bittet um die Erlaubnis, Clemens-Hartmut öfters besuchen zu dürfen, um seinen Werdegang noch unmittelbarer verfolgen zu können, denn er erwartet etwas »Besonderes von dem ›schwarzen Burschen‹«. Wie mich das stolz macht!

Daß Clemens-Hartmut Ritter Lages Sohn ist, habe ich Oswald nicht erzählt …

Ich warte auf Baron Leo, das zweite Ich des Ritter Lage.

Dieser abgeklärte, reife Mann wird mein bester Berater sein. Ich sehne die Stunde herbei, da ich ihm alles sagen kann, was mich zutiefst bewegt. Und ich weiß, in jener Stunde wird Baron Leo ganz sachlich urteilen, – er wird unser beider Glück im Auge haben, Clemens’ Glück und das meine, und _nur diesen_ einen Punkt. – Deshalb lege ich alles in seine verläßlichen Hände. –

In mir selbst aber ist wieder die Sehnsucht aufgewacht und sieht mich mit großen, erwartungsvollen Augen an. Darf ich sie grüßen? Wenn Clemens-Hartmut gesund, feingliedrig und wohlgebaut ist … Ist damit nicht der Fluch von den Lages genommen? Wenn _doch_ das Glück in mein Leben träte, und nicht das Entsagen? Herrgott, du weißt es! Ich selbst wollte nie etwas anderes begehren, als in heiliger Liebe, die zugleich edelste Freundschaft wäre, neben Ritter Lage zu wandern, ungezählte Jahre hindurch. Nur sein liebes, kluges Antlitz immer und immer wieder anschauen dürfen, seine Augen vertrauend, liebevoll auf mich gerichtet zu wissen, seine feste männliche Hand in der meinen zu halten, – es würde mir wahrlich nicht nur Genügen bedeuten, sondern Überfluß.

Wie aber sollte ich den Reichtum ertragen, wenn ich wirklich sein Weib sein dürfte? Ganz eins mit dem Geliebtesten?

Dies Glück zu fassen, müßte ich wohl erst lernen. Herzliebster Lehrer, glückselige Schülerin!

In der Nacht vom Sonntag zum Montag.

Heute hatte ich Gäste.

Es war ein angeregter Kreis meiner nächststehenden Freunde, und zugleich ein Einstandsfest für meinen Pflegesohn, – eine Feier für den neuen Pfarrer Konrad Oswald und ein Begrüßungsfest für den heimgekehrten Freund Leo von ter Mählen. Es waren nur die Heidkamper da, der geistvolle katholische Pfarrer Trewes, beide Oswalds, sowie unsere guten Pastorsleute Hansen. Morgen ziehen sie an den sonnigen Rhein, glückselig, dies dunkle Heideland verlassen zu dürfen. In ihrer Freude wurden sie ganz geistvoll-strahlend beredt und machten einen so gewinnenden Eindruck, daß Oswald mir scherzend zuraunte: »Gestehen Sie es nur, verehrte Baronin, es tut Ihnen schon leid, mich hergeholt zu haben …«

Da konnten wir beide uns freilich fröhlich-verständnisvoll zunicken.

Nach dem Abendbrot kam Clemens-Hartmut auf ein Stündchen zu uns herein. Als er mich in meinem weichen, weißseidenen Gesellschaftskleide sah, das sich in reichen Falten um mich und den alten, geschnitzten, grünen Sessel legte, – da leuchteten seine dunklen Augen auf. Ohne auf die fremden Menschen zu achten, lief er zu mir hin und rief mit seiner weichen, schönen Stimme: »Siehst du, wie du leuchtest, du Lichtchen?«

Dann küßte er mir etwas verwirrt die Hand, weil mein Gesicht ihm wohl blaß und ungewöhnlich ernst erschien. Ich hatte ihn in einen schwarzen Samtanzug getan, seine dunkeln Locken wurden köstlich von einem schweren Brüsseler Kragen eingerahmt, wie man sie auf van Dycks Bildern sieht. Ich fand ihn in einer der Lageschen Truhen. Die schlanken Beinchen, an welche sich enge Kniehosen anlegten, steckten in seidenen Strümpfen und Schnallenschuhen.

Ein schönes Bild war mein Junge. Ich erhob mich an seiner Hand und stellte ihn ganz feierlich als meinen Pflegesohn vor. –

Frau von Heidkamp liefen die hellen Tränen über das Gesicht. Sie ist so rasch und warm empfindend, man las ihre Gedanken beinahe schon vom Gesicht ab, ehe sie sich ungestüm äußerte: »Was gebt ihr für ein entzückendes Bild ab, ihr beiden Schwarzweißen!« Dann küßte sie mich und den Jungen, der es sich mit einem leichten Trotz, den sie reizend fand, gefallen ließ. –

Erst als alle andern uns beglückwünscht hatten, kam langsam Baron Leo aus seiner entfernten Ecke auf uns zu. Sein vornehmes, leicht erblaßtes Gesicht mit den ausdrucksvollen ernst-frohen Augen war in befremdetem Erstaunen auf den Knaben gerichtet.

»Wie heißest du???« fragte er mit nicht ganz fester Stimme.

»Clemens-Hartmut Dörping.«

Baron Leo legte einen Augenblick die Hand über die Augen. Als er sie sinken ließ, war sein Gesicht völlig entfärbt.

»Was ficht Sie an, Baron Leo?« fragte ich leise.

»Eine Erinnerung«, war die ebenso leise Antwort. »Ich habe nur ein einzig Mal den Ritter Lage als Kind gesehen, er sah aus wie dieser – Ihr Junge.«

* * * * *

Dann wurde es noch recht lustig an jenem Abend. Es wurden Reden auf Haus Lage und die »junge Mutter« gehalten; die geistreichste in sehr flüssigen Versen gab uns der katholische Pfarrer. Voll Humor war sie außerdem, und gleich darauf dankte Clemens-Hartmut überraschend nett, in kindlichen, feinen Reimen, in meinem und seinem Namen. Dann nahm er auf einen Wink von mir bescheiden Abschied und zog sich zurück. Und in all der fröhlichen Lautheit, die nun folgte, und in der die berühmten schweren Weine des Lager Kellers nicht geschont wurden, dachten Baron Leo und ich unablässig das Gleiche: »Wären doch alle erst fort! Wir haben uns soviel zu sagen.«