Der graue Alltag und sein Licht
Part 16
Laut rief ich: ›Ich komme!‹ Aber ich wußte nicht, wohin ich gehen sollte. Doch ich holte Eva, und wir packten ein paar Köfferchen mit fliegenden Händen, und mein Herz wußte nicht, ob es vor Glück oder vor Leid so rasend schlug. – Aber nach einer Stunde war Baron Leo bei mir, und seine große Ruhe teilte sich mir mit. Er hieß die Köfferchen forttragen und sagte mir, daß Clemens Lage seit ein paar Tagen wieder im Bildhauertempel wohne und wir nur durch den Lager Forst zu schreiten hätten. – Viel Seltsames, schier Bedrängendes erzählte mir noch der liebe Freund von der schweren Krankheit des Ritters Lage, und seine Blicke ruhten voll Erbarmen auf mir. Aber in mir lebte nur der eine Gedanke des Wiedersehens mit dem liebsten Manne, der meiner bedurfte. Der mich brauchte und meine Kraft. –
Wieder nach einer Stunde brachen wir auf. Der Diener Ludwig schritt mit einer hellen Laterne vor uns her. Baron Leo und Clemens-Hartmut nahmen mich in die Mitte, und staunend betraten die beiden den Märchenwald in seiner seltsamen Schönheit und schönen Seltsamkeit. Keines von uns sprach ein Wort. Was in uns vorging, war Schweigen gebietend. Clemens-Hartmut schaute aus verträumten Augen, und hie und da drückte er meine Hand fester. Ich hatte ihm gesagt, daß es zu meinem liebsten Freunde ginge, und dieser Freund sei sterbenskrank …
In der Clemenskapelle brannte die ewige Lampe.
Mein Herz grüßte sie. Dann war es plötzlich hell am Tempel, und ein fremder alter Wärter in Dienerkleidung steckte eine Fackel in einen Eisenknauf. Er verbeugte sich tief, als ich an ihm vorbeischritt. Baron Leo gab ihm die Hand. »Dies ist Jan Ulles, der dem Clemens vor vielen Jahren von Lage nach München und von dort nach Holland gefolgt ist«, stellte er ihn vor. Da reichte ich ihm rasch auch meine Rechte. »Guten Abend, Jan Ulles«, rief die weiche, liebe Stimme von Clemens-Hartmut. –
Nun stand ich in der Werkstatt an jener Stelle, wo ehedem die ~Pietà~ stand. Und drüben war eine Tür … Mir war’s, als töne es hinter jener Tür: »Komm, Gitti!« Und da klopfte ich leise. »Ja,« klang es von drinnen, »_ja_!«
Ich ging hinein.
Oh, ich weiß es, daß ich erschrak. Und doch war meine Liebe so unsäglich groß. Ich hätte alles Leuchten der Welt haben mögen, um es in meine Augen zu legen. Aber sie brannten nur wie Feuer, und da weinte ich, um das Feuer zu löschen. Und stürzte hin an sein Lager, auf beide Knie ließ ich mich nieder vor ihm und umschlang ihn: »Ritter Lage, wie hab’ ich mich nach Dir gesehnt!«
Sein tiefes, schönes Lachen klang. Dem hatte der tückische Feind nichts anhaben können. »Sie ist dieselbe noch! Gott Lob und Dank. Es fehlt nur der rote Regenschirm.«
Und dann mit tiefem Ernst und hinreißender Zärtlichkeit: »Du Ewig-Geliebte! Du bist bei mir! Gitti! Mein Licht!«
Ich kniete näher zu ihm heran und richtete mich auf. Und sah sein völlig entfärbtes Gesicht mit den scharfen Falten, welche die Krankheit gegraben, die erschreckende Hagerkeit, die wachsgelben Hände, die tief liegenden Augen, die blasse, hohe Stirn. Und ich küßte ihn innig, da er es nicht zu wagen schien.
»Wer ist draußen?« fragte er endlich leise. »Leo? Und der Junge? Laß sie noch eine Weile warten. Mir ist jetzt, als hätte ich doch nur _dich_ sehen wollen. – Aber nein, – es ist ja richtig. Wir haben viel zu sprechen über Clemens-Hartmut. – Der Arzt hat mich gehörig präpariert, damit mich die Schmerzen nicht heimsuchen, solange du hier bist. Aber sie kommen oft plötzlich und verspotten uns. Rufe den Jungen, Gitti!«
Clemens-Hartmut kam. Und er sah meine brennenden Tränen und mein tiefes Leid.
»Weine doch nicht, Gittimuhm,« rief seine weiche, gute Stimme, »ich habe dich noch nie weinen sehen.« Und sich zu Ritter Lage wendend, legte er seine warme, feine Kinderhand auf die des Kranken. »Ich werde bestimmt Arzt,« meinte er beruhigend, »es dauert nicht mehr lange, dann sind Sie gesund.«
Ritter Lage lächelte. »Das hoffe ich«, sagte er bedeutungsvoll. »Und nun laß dich einmal recht betrachten, Clemens-Hartmut.«
Vater und Sohn sahen sich schweigend in die Augen.
Dann winkte Clemens, daß sich der Knabe wieder entfernen solle. Er gehorchte schweigend, und die Tür schloß sich hinter ihm. –
Ich zog mir einen niedrigen Hocker zu dem Ruhebett hin und saß nun ganz nahe bei dem Geliebten.
»Wie gut sieht der Bub aus!« sagte Clemens leise. »Das schönste Kind unter all den Lageschen Ahnenbildern … Du wirst ihn recht erziehen, meine Gitti.« –
»Das will ich, Clemens. Und du wirst mir helfen, ja, Geliebter?«
»Nein, das kann ich nicht«, entgegnete er schroff. »Dies Kind braucht deine _Liebe_ und gutes, wohlerwogenes Manneswort des Erziehers Oswald. Ich hab’ genugsam am eigenen Leibe gespürt, was für Gifte sich in eine Erziehung mischen lassen. Und so soll Clemens-Hartmut niemals Spott und Ironie zu spüren bekommen, diese Register auf der Dissonanzenorgel, die man _mir_ zog, und die ich nun am besten meistere.«
»Clemens! Mich hast du nur Liebe spüren lassen.«
»Du echtes Kind!« lachte er. »Mit deiner Verklärungskraft! Ist alles Weh schon vergessen, das dir von mir kam? Wie gut wäre ich bei dir aufgehoben gewesen! Und nun sag’ mir, Gitti, – und sieh mich an dabei, hörst du … wie ein plaudernder Knabe will ich dich fragen –: Was hat dir den tiefsten Eindruck gemacht in unserm gemeinsamen Erleben? Gelt: die geheimnisvollen Büttenpapiere? … Oder die ~Pietà~? Über deren Wert du das für mich feinste Urteil faßtest, indem du Blumen küßtest und Bäume umarmtest. Oder …?«
»Dein Kuß war es!« rief ich ungestüm. »Ach, du weißt nicht, wie es ist, wenn man sich nach etwas sehnt und innewird, daß man es nie in seinem Leben erfahren kann … Da hast _du_ es mir gegeben!« Und ich barg mein Gesicht in seine Hände und küßte sie.
»Du Seltsames«, sagte Ritter Lage. »Dafür dankst du mir? Für neue Welten und herb-süße Seligkeiten, die du mich kennen lehrtest, dankst du mir?«
»Immer, allezeit! Du hast mich aufgeweckt! Es ist so trostlos, sein Leben zu verschlafen. – Wie sollt’ ich dir nicht danken? Ich bin nun auch gar nicht scheu mehr, bin recht aufdringlich. Gelt? Findest du nicht?«
»Erschrecklich.« Und er lachte wieder. »Sieh, – wie wir beide schulmeistern. Ich lehre dich küssen, und du lehrst mich lachen. _Wieder_ lachen, meine Gitti. Ah, das ist ungewohnt und tut wohl und weh.« – Er lehnte sich matt zurück. –
»Nun muß ich gewiß gehen, Liebster«, rief ich erschrocken und richtete mich auf.
»Ein Weilchen noch,« – bat er, »eine kurze, wichtige Frage lang. Sag’ mir, meine Gitti, was dein höchster Wunsch ist. Du bist noch so jung. Ich weiß, du liebst Lage und alles, was damit zusammenhängt, – dein Dorf, deine Leute, die Kapelle, den Märchenwald. Was davon mein ist, möchte ich _dir_ schenken, möchte dich restlos glücklich sehen, Gitti … wunschlos … Sprich – Liebste …«
Da nahm ich mein Herz in beide Hände.
Und alle Scheu wich von mir, nur ganz Bitte war ich.
»Laß mich immer bei dir bleiben,« bat ich, – »schick’ mich nicht fort! Ich mißgönne jedem, selbst deinem alten, treuen Diener, die Handreichungen bei dir. – Ich darf dich krank und am Boden liegen sehen, denn ich bin ja dein Kamerad, einen bessern findst du nit! Ritter Lage! Laß mich bei dir bleiben!«
»Du! Du einzige!« Wie ein Aufschluchzen klang es. Er zog meine Hand an seine Lippen. Dann rief ich seinen Diener, und ihm folgte Baron Leo auf dem Fuße. Der Diener gab dem Kranken Wein und ordnete die Kissen, dann ging er in den Vorraum zu Clemens-Hartmut zurück. Währenddem sprachen Leo ter Mählen und ich leise miteinander. Bis uns Ritter Lages Stimme ganz lebhaft rief: »Sie hat entschieden, Freund Leo. Was ich nicht fassen konnte und wollte, – sie bringt das ungeheure Opfer freiwillig … Leo, sie bittet mich darum, – Leo, sieh dir dies tapfere Kind an, – mit Lachen kommt Gitti zum Zornebock … Küsse ihr die Hand, Leo, und neige dich tief vor der jetzigen und künftigen Herrin von Lage …«
Noch eine Stunde durfte ich bei ihm bleiben. Ritter Lage fühlte sich wohler denn je. Nur etwas rasch und fieberhaft sprach er. – Er wollte mich in alles einführen, in seine Pläne über die holländischen Besitzungen, in das Wohl und Wehe seiner Arbeiter.
Wie war sein Denken scharf, logisch, großzügig und weitsehend! Oft mußte ich ihn bitten, langsamer vorzugehen, weil ich ihm nicht zu folgen vermochte.
Dann lachte er herzerquickend musikalisch.
Und wir beide vergaßen in dieser angeregten Stunde die ganze Not, die sonst so lastend lag. –
45.
Am 1. Advent.
Der Morgen wachte weh herauf. Der Wind trieb peitschend Staub zuhauf, Und wirbelnd warf er ihn an meine Wange. Ich quälte keuchend mich bergan. Es wehte wild durch Tal und Tann, Und stöhnend stand ich still, gebeugt und bange.
* * *
Da stach blitzender Sonnenstrahl Durch Wolkenberge hin zu Tal Und legte leuchtend sich als Aureole Um Büsche, Bäume, Wiese, Wald, Und meine Unrast wurde bald Im Aufruhr der Natur zum ruhnden Pole.
So kam das Glück mir über Nacht … Es schlief bei Gott und ist erwacht, Und siegend bricht es durch die Wolkenberge. Herrgott, hab’ Dank! Von dir gesandt, Nehm’ ich’s geweiht aus deiner Hand, Und über aller Zweifel Meer holt mich der Ferge.
Ein Tannenbäumchen steht vor mir mit einem Wachslicht.
In acht Tagen, wenn ich die zweite Kerze aufstecke, dann zündet auch der Küster nebenan in der alten Kirche die zwei hohen Lichte an, und ich werde dem Ritter Lage angetraut. Alle, denen wir unser Verlöbnis mitgeteilt haben, sahen mich lieb und seltsam an. Und ich kann diese Blicke nur mit Erstaunen sehen. – Wenn sie mir alle voll Neid begegneten, so würde ich sie verstehen; ihr Mitleid aber muß ich zurückweisen. Keiner sieht in mein Herz, keiner weiß, wie es darinnen ausschaut. Nur Gott und ich.
Liebe, Leid und Dank wohnen darin. –
Der andern Blick erfaßt nur den gebeugten, kranken Menschen, der ein junges, kraftvolles Weib freien will. – Ich sehe in ihm den großen Künstler, der eine ~Pietà~ schuf, den rastlosen Arbeiter, als der er mir von Leo ter Mählen geschildert wurde, den großzügigen Gutsherrn, der auch _nicht einen_ seiner Insten vergißt, sondern ihnen _der_ Helfer schlechthin bedeutet. Ich sehe ihn somit in vielerlei Gestalt, und in jeder einzelnen groß und bedeutend, immer imstande, mich zu lehren.
Die großen Schlagetots ringsum, die ich kennenlernte, sie haben alle nicht die feine Seele meines Ritter Lage. Wenn er diese auch oft unter messerscharfem Spott verbirgt.
Am herbsten verspottet er ja sich selbst, seine Flügellahmheit, sein Gebundensein an den forthelfenden Stock. –
Wenn ich diesen Spott aus seiner Seele nehmen, wenn ich selbst sein Stab sein könnte durch Jahrzehnte hindurch!
Meine Jugend und meine Kraft gehört ihm. Und jeder Atemzug, jedes Wort, jeder Blick, vor allem aber jede _Tat_ soll ihm sagen: »_Ich diene dir._ Zu allem, was ich tue, gibst du mir die Stärke durch deine Liebe.«
* * * * *
Jeden Tag gehe ich zum Liebsten durch unsern Märchenwald. Hie und da finde ich im Schnee eine Heideblüte, deren sattes Rot sich unter der weißen, kalten Decke frisch erhielt. Die bring’ ich dem Ritter Lage, und dann lächelt er. – Lacht über seine dumme Gitti, die in Eiseskälte nach einer so schlichten Blume sucht. Aber ich weiß doch, daß er sich darüber mehr als über all meine prangenden Gewächshausblüten freut. Und wenn er dann meine erstarrten Finger einzeln nacheinander zum Leben küßt, – es sind zärtliche Glücksstunden.
Clemens-Hartmut geht jetzt etwas einsame Wege. Die Eifersucht auf den fremden Mann kämpft mit seinem Mitleid. Oft kann er mich trotzig ansehen. Meine Nichtbeachtung dieses Zustandes hilft ihm am besten. Er sagt jetzt »Pflegevater« zu meinem Clemens, und dieser hat ihm das »Du« angeboten. Clemens-Hartmut empfängt jetzt schon alles aus der Hand seines Vaters, – die Annahme an Kindes Statt ist vorbereitet und wird vollzogen, wenn ich Ritter Lages Ehefrau bin. Die volle Wahrheit erfährt mein Junge erst, wenn er reif genug ist, sie zu erfassen. Bis dahin fülle ich sein Herz mit Liebe zu meinem einzigen.
Meine Dörfler sind wunschlos glücklich, daß ich Freifrau Lage werden will. Die Alten kommen und erzählen mir Geschichten aus den Jugendtagen meines Verlobten, sie loben den Schelm, der er damals war, über den Schellenkönig, und aus allem klingt es wie rührendes Erbarmen und Trostbringen zu mir hin.
Clemens macht meinem Dorf große, geldliche Zuwendungen, jede einzelne Haushaltung bekam am Verlobungstage eine ansehnliche Beisteuer. Und sie tragen allsonntäglich ihre Wünsche für den »guten, gnädigen Herrn« in die Kirche, das weiß ich. Und ich drücke alte und junge, runzlige und schwielige Hände und danke ihnen, daß sie sich für ihn im Gebet falten. – Viel Besuche habe ich empfangen, die ganze Nachbarschaft bis weit nach Holland hinein kam angefahren. Bei allen sah ich das herzliche Bestreben, über die ungewöhnliche Sachlage hinwegzukommen. Daß die Braut ohne den Verlobten empfängt. Tante Fernande, meine mütterliche Freundin, ist bemüht, mich wacker zu unterstützen. Sie hat in den letzten Monaten viel im »Gotha« gelesen und möchte dadurch ihre Spitalzeit selbst vergessen. Aber sie weiß nicht, wie sie sich gehaben soll, wenn plötzlich in ihre tadellose Rangliste eine Almosenempfängerin hineinfällt, die ihrer Herrin mit dem Herzen, ohne die nötige Besuchskarte Glück wünschen möchte. Auch Gese Nordstamm geb. Tönnings paßte nicht in Tante Fernandes Festfolge. Und doch war es für mich solche Freude, die schöne, stattliche Frau Förster zu sehen, die sich als Mutter ihrer Zwei so recht zu ihrem Vorteil verändert hat. Sie vertritt mich sehr würdig im Dorf bei Krankenbesuchen, da Maria Oswald die weitesten Wege nicht mehr zu schaffen vermag und mich mein geliebter Kranker in Anspruch nimmt. –
Geh’ ich ins Siechenheim, das einzige, dem Ritter Lage mich selbstlos abgibt –, dann schicke ich Clemens-Hartmut und Pieter Dinkel zu ihm. Sie sind zuerst Zauberkünstler und Akrobaten, und dann seine Bildhauerlehrlinge. Alles läßt er ihnen herbeischaffen, was Jungenherzen erfreut, und dem krummen Pieter Dinkel geht eine ganz neue Welt auf. Kommen sie zurück, so bringen sie mir vorsichtig kleine, von Ritter Lage und ihnen selbst geformte Figürchen mit, es sind aber immer nur »Gittis«, und die drei scheinen nichts dazuzulernen. –
So stellen sich die Sonnenblicke für mich dar, denen sich die reichen Stunden anreihen, da ich am Lager des Kranken sitze, mit ihm plaudere, ihm vorlese, oder mit ihm Schach spiele. Heute sagte er mir plötzlich: »Du siehst so schön aus, Gitti. Täglich erlebe ich dich schöner. Du mußt immer Weiß tragen, Winter und Sommer. Auch wenn ich tot bin. Aber dann löscht ja auch dein Leuchten, und es wird dunkel. – Gut, kleine Regenschirmbase, ich gestatte dir dann ein schwarzes Kleid …«
Ich muß mich dann fest in der Gewalt haben. Das lehrt mich unsägliche Liebe. Ich kann jetzt fröhlich lachen mit sieben Schwertern im Herzen.
Clemens sagt jetzt oft »Regenschirmbase« zu mir, es ist, als ob mit diesem Wort die ganze liebe, hoffnungsfrohe Vergangenheit lebendig würde und ihn hinübertrüge über die schmerzreiche Gegenwart.
Etwas ist noch vorhanden, was viel Kraft von mir fordert. Das sind die Stunden, da die Ärzte die Krankheit günstiger ansehen und ihm leichte Besserung in Aussicht stellen. Dann tritt ein gequälter Ausdruck in sein sonst so männlich beherrschtes Antlitz, und Zorn und Angst wechseln ständig miteinander ab. Einmal formte es sich sogar zu den marternden Worten: »Brigitte, bereust du? Brigitte, sei ehrlich!«
Dann aber freue ich mich meiner Liebe, die stärker ist als der Tod; und ich kann ihn lesen lassen auf dem Grund meiner Seele, darinnen nichts ist, was nicht dem Ritter Lage gehört. Hörst du mich, Ritter Lage? Nichts, nichts gibt es an mir und in mir, das nicht dein wäre! – – – Es gibt Stunden, da ich die Krankheit segne, wenn sie nicht Schmerzen bringt. – Denn ich darf stundenlang bei ihm sein, weil keine strenge Pflicht ihn von meiner Seite ruft. Und bin ich erst sein Weib, dann trennt uns auch kein Abend und keine Nacht mehr.
Baron Leo ist fast täglich bei mir, bei uns. Er hat sich zu den Heidkampern einquartiert. Die Heidkamperin möchte mir so viel sein in dieser Zeit, aber mein Leid, das ich mit Aufbietung all meiner Kraft unter meine Füße zwinge, das überwältigt die liebe Freundin. Wie Bäche rinnen ihre Tränen, sobald sie meiner ansichtig wird, ganz ohne Fassung ist die gutmütige, weiche Seele. Deshalb kann ich auch nicht ihren Wunsch erfüllen, sie ein einzigmal mit zu Ritter Lage zu nehmen. Er würde sich in vernichtendem Spott dagegen wehren, denn Beherrschung gilt ihm alles. –
Baron Leo vermag es, stundenlang mit mir bei dem Kranken zu sein und ganz frohmütig zu scherzen. –
Nur Zukunftspläne formen wir nicht. Ritter Lage haßt Schonung.
So schlägt uns keine Stunde. Genau wie den Glücklichen. –
Über den neuen Namen, der den »grauen Alltag« verdrängen soll, spricht Clemens des öfteren mit uns, aber wir finden keinen Ersatz. Ganz hitzig können wir bei dem Suchen werden, und einig sind wir uns nur darin, daß der »graue Alltag« verschwinden muß. –
»Öde und langweilig ist’s eigentlich nie bei den Lages gewesen«, erzählte Clemens; »ich habe in vielen der alten Folianten geblättert. Vielleicht war die Sippe zu gescheit dazu. Also hat der ›Alltag‹ keine Berechtigung. Aber das ›Graue‹, das Unheimliche und Düstere –, das haben wir kennengelernt, bei Gott!« Er war blaß, als er dies sagte, und seine Zähne knirschten leicht. »Soll nicht doch der Name bestehen bleiben, Gitti?«
»Nein, Clemens!«
»Wie zart und leise sie diesen kleinen Widerspruch wagt, – hörst du, Leo? Und könnte doch zornig sein, daß ich dem garstigen Namen Berechtigung zuweise, da das Lichtchen von Lage längst alle Winkel erhellt hat.«
»_Du_ bist das Licht von Lage«, sagte ich an seinem Ohr. »Ich habe es vom ersten Sehen an gewußt.«
»Der Leuchter taugt nichts«, rief er schroff, und warf plötzlich die Schachfiguren durcheinander. –
In solchen Augenblicken vermag ich es, lachend mit ihm zu schelten und an seinen dunklen Locken zu zausen. Würde ich schweigen zu seinem Zornanfall, so würde sofort das Mißtrauen in ihm aufstehen. Daß ich Mitleid haben könnte …
Und so muß ich in angespannter Selbstzucht alles niederzwingen, was sonst ein junges Menschenkind sich zur Hilfe heranholt in seiner seelischen Not.
Oft verläßt Baron Leo brüsk das Zimmer, dann legt sich eine tiefe Zornesfalte zwischen Ritter Lages Augen, und ich muß rasch mein eigenes Antlitz an seiner Brust bergen, damit er nicht gewahr wird, daß ich mich fürchte. Schreckhaft bin ich geworden. Das hätte ich nie von der mutigen Gitti gedacht. –
Am 2. Advent.
Eben habe ich das zweite Lichtchen entzündet.
Ich bin schon im Brautkleid. Aber mein Liebster ist heute recht schwach nach einer schlaflosen Nacht. Die Ärzte sind bei ihm und haben angeordnet, daß die Trauung nicht in unserer Kirche, sondern im Tempel stattfindet. Die Stätte, da wir uns fanden, soll uns auch ewig binden. –
Pfarrer Trewes und Konrad Oswald sollen uns nach protestantischem und katholischem Ritus zusammengeben, gleich nachdem der Ortsvorsteher uns standesamtlich verbunden hat.
Leo von ter Mählen geleitet mich durch den unterirdischen Gang zu meinem Liebsten.
Tante Fernande als stellvertretende Brautmutter weint unablässig und ist kaum zu gebrauchen.
Eva sieht grau und verfallen aus.
So läßt mich alles allein.
Denn Baron Leo kann auch nur die nötige Haltung bewahren, indem er sich mit ungewohnter Strenge panzert.
Wie bin ich einsam in der heiligen Stunde, da sonst eine Braut am Mutterherzen ruht und sich alle Bangigkeit von treuen Lippen hinwegscheuchen läßt. Selbst Clemens-Hartmut muß der Feier fernbleiben. Was soll dies liebe, ernste, heißempfindende Kind bei solch seltsamem Fest?
Am nächsten Morgen.
Diese Zeilen trage ich nun in den ehrenfesten Folianten mit meinem neuen Namen ein. Ich heiße Brigitte Freifrau von Lage geborene Freiin von Lage. Gott segne meinen Ausgang und Eingang in das neue Leben! –
Unsere beiden Diener Jan Ulles und Ludwig geleiteten gestern unsern kleinen Zug mit Lichtern durch den Gang. Es durchschauerte mich seltsam … Einen Augenblick faßte Leo von ter Mählen meinen Arm fester. Wollte er mich zurückhalten? Oder glaubte er, ich würde die Besinnung verlieren? Groß und stolz sah ich ihn an, da murmelte er eine Entschuldigung. –
Vor der Tür zu Ritter Lages Zimmer ließ man mich allein. Wieder klopfte ich leise und öffnete sacht die Tür nur eine kleine Spalte. Denn ich hörte meinen Geliebten leise sprechen. War es ein Gebet? Ich faltete auch meine Hände.
… »schreibe mir meine Bitte vor, du, die ganze Weisheit und die volle Güte. Und der du mich von Ewigkeit an geliebt hast. Ja, deine große Sorge ist meine letzte Stunde. Du willst, daß sie glücklich sei, und um sie so zu machen, bereitetest du alles vor, vom Anbeginn des Lichtes … Lichtchen, bist du es?«
»Ja, Ritter Lage.«
»So komm doch herein, du Schönes, du Scheues, du ganz Liebes! Wärest du eher gekommen, hätten wir miteinander beten können. Alle Lages fangen ihren Ehestand mit Gebet an. Selbst so wilde, rastlose Gesellen, wie ich einer bin. Gott grüß’ dich, Gitti!«
»Gott grüß’ dich, Liebster!«
Dann war die schöne Feier. Und dann gingen die andern alle fort. Nur wir beide saßen Hand in Hand und Mund an Mund. Und er umschlang mich mit seinem gesunden Arm, während ich vor ihm kniete, und sagte mir aberhundert Liebesworte ins Ohr. – Die ich nimmer vergessen werde. Eva kam, und ich folgte ihr und legte ein weites, weißes, weiches Hausgewand an, das mit einem feinen goldenen Gürtel von seltsamer Form, Ritter Lages Brautgeschenk, zusammengehalten wurde. In diesem Kleide durchwachte ich meine Brautnacht. Mein liebster Mann schlummerte bald ein, und heute morgen schaute er ganz hell aus den Augen und grüßte mich froh: ›Guten Morgen, Freifrau von Lage!‹ Und jagte mich dann heim in den grauen Alltag, auf daß auch ich mich ausruhen solle. Dafür begehrte er unsern Sohn, Clemens-Hartmut Lage. – Der Junge ist baß erstaunt, daß aus ihm schier über Nacht ein Freiherr Lage geworden ist. Er ist zärtlich-gut zu seinem Vater und betreut ihn wie ein gelernter Krankenwärter. – Auch ich habe fest und traumlos ein paar Stunden geschlafen. –
Am heiligen Abend.
O du fröhliche, selige Weihnachtszeit!
Nie habe ich dies alte, erinnerunggesättigte Lied so innig gesungen wie diesmal. – Fröhlich und selig sind die Tage bis heute verlaufen. Ritter Lage, wie liebt dich dein Weib! Daß ich bei dir sein, daß ich dich pflegen darf! Daß ich jeden Tag und beinahe jede Stunde hören darf: ›Meine Gitti, sei gesegnet!‹ Nun hat mein einziger doch heute zum erstenmal Pläne geschmiedet, und ich habe ihm jauchzend zugestimmt.
Gleich nach dem Fest wollen wir mit dem Reise-Kraftwagen in ein milderes Klima fahren. Der graue Alltag drückt zu sehr die Stimmung herunter, – – der Name tut es, und auch die graue, dicke Nebelluft. – Baron Leo und Ludwig wollen uns als Kuriere begleiten. Mein Tag war heute schon reich und ausgefüllt. Denn ich brachte die erlesenen Gaben, die mein Liebster mir für unser Dorf gespendet, in die Häuser, und überall leuchteten Lichter im grauen Alltag, das waren die dankbaren Augen meiner Pflegebefohlenen.
Wie gern hätte ich auch im Krankenhaus und Siechenheim und besonders in meinem eigenen ›Lager Huus‹ ein besonderes Licht angezündet, indem ich ihm einen lichten Namen gab. – Aber mein Suchen war immer noch ergebnislos.
Mein Leben ist jetzt so licht. Mich stört der »graue Alltag« nicht. Mein Glück durchleuchtet ihn.
Mein Glück???
Ja! Ritter Lages Kamerad zu sein, ist Glück. –
Auch wenn ich ihn stützen muß, anstatt daß er der kleinen Gitti Stab und Stütze ist.
Mein _Herr_ ist er darum doch. –
Wie köstlich es ist, sich jedem Wunsche des Herzlieben zu beugen.