Der Graf von Saint-Germain: Das Leben eines Alchimisten
Part 9
Das junge Weib achtet scheinbar nicht auf die Summe und denkt nur an ihren Liebhaber und den Schmerz, ihn zu verlieren, an das grausame Opfer, zu dem Vernunft und Eigenliebe sie zwingen. Dann zieht sie aus einer kleinen Brieftasche das Heiratsversprechen des Grafen und sagt: „Ich kenne sein Herz zu gut, um dies nötig zu haben“, küßt es mit einer Art Überschwang mehrere Male und überreicht es dem Botschafter, der ob solcher Seelengröße erstaunt ist. Er verspricht dem jungen Weibe, sich stets ihrer anzunehmen, und versichert dem Grafen, daß sein Vater ihm verzeihen werde. Mit offenen Armen, sagt er, werde er den verlorenen Sohn aufnehmen, der zu den untröstlichen Seinen zurückkehre; das Herz eines Vaters sei eine unerschöpfliche Quelle der Zärtlichkeit. Wie glücklich werde sein so lange bekümmerter Freund sein, wenn er diese Nachricht erhalte, und wie glücklich fühle er sich selber, das Werkzeug dieses Glückes zu sein! So redete der Botschafter auf den Jüngling ein, und dieser schien lebhaft gerührt.
Da der Botschafter indes befürchtete, die Liebe möchte in der Nacht ihre ganze Gewalt wieder erlangen und über den hochherzigen Entschluß der Dame siegen, drängte er den jungen Grafen, ihm in sein Haus zu folgen. Die Tränen und Schmerzenslaute, die diese grausame Trennung hervorrief, sind schwer zu beschreiben und rührten das Herz des Botschafters tief. Er versprach, der jungen Dame seinen Schutz angedeihen zu lassen. Das kleine Gepäck des Grafen war leicht fortgeschafft, und am Abend befand er sich im schönsten Gemache des Botschafters, der hocherfreut war, dem erlauchten Hause Moncada den Erben seiner Größe und so vieler prächtiger Besitzungen wiedergegeben zu haben.
Als der junge Graf am Tage nach diesem glücklichen Ereignis aufsteht, sieht er Schneider, Stoff- und Spitzenhändler usw. erscheinen, und er braucht nur zu wählen. Zwei Kammerdiener und drei Lakaien warten in seinem Vorzimmer, und zwar Leute, die der Botschafter unter den klügsten und ehrlichsten ausgewählt hat. Sie melden sich bei ihm zum Dienste. Der Botschafter zeigt dem jungen Grafen den Brief, den er soeben an dessen Vater geschrieben hat. Darin beglückwünscht er ihn zu einem Sohne, dessen Gesinnung und Eigenschaften seinem erlauchten Blut entsprechen, und meldet ihm seine baldige Heimkehr. Die junge Frau ist nicht vergessen. Er gesteht, daß er ihrer Hochherzigkeit die Unterwerfung seines Sohnes zum Teil danke, und zweifelt nicht, daß der Graf das Geschenk von 10000 Gulden gutheißen werde.
Diese Summe wurde der edlen, fesselnden Person noch am selben Tage zugestellt, und sie reiste alsbald ab. Auch die Zurüstungen zur Abreise des Grafen wurden getroffen. Eine prächtige Garderobe, ein ausgezeichneter Wagen wurden in Rotterdam auf ein Schiff verladen, das nach Frankreich in See ging und auf dem der Graf ebenfalls abfahren sollte, um sich von dort nach Spanien zu begeben. Bei seiner Abreise erhielt er eine erhebliche Geldsumme und beträchtliche Wechsel auf Paris. Rührend war der Abschied des Botschafters von dem jungen Herrn.
Voller Ungeduld erwartete der Botschafter die Antwort des Grafen Moncada und genoß dessen Freude, indem er sich an seine Stelle versetzte. Nach vier Monaten traf sie endlich ein. Aber umsonst wird man versuchen, die Überraschung des Botschafters zu schildern, als er folgendes las:
„Der Himmel hat mir nie die Genugtuung gewährt, Vater zu sein, lieber Marchese. Er hat mich mit Gütern und Ehren überhäuft, aber mir den Kummer bereitet, keine Erben zu haben und mein erlauchtes Geschlecht mit mir aussterben zu sehen, und so hat er mein Leben mit dem bittersten Gram erfüllt. Ich sehe zu meinem tiefsten Leidwesen, daß Sie durch einen jungen Abenteurer getäuscht worden sind, der die Kenntnis von unserer alten Freundschaft gemißbraucht hat. Aber Euer Exzellenz sollen nicht der Angeführte sein. Den Grafen Moncada haben Sie sich zu verbinden geglaubt; er hat die Pflicht, das zu begleichen, was Sie ihm in hochherziger Freundschaft vorgestreckt haben, um ihm ein Glück zu bereiten, das ihn aufs höchste erfreut hätte. Ich hoffe also, Herr Marchese, Sie werden ohne Widerstreben die beiliegende Summe von 3000 Louisdors laut ausgestellter Rechnung annehmen.“
* * *
Die Art, wie der Graf Saint-Germain den jungen Abenteurer, seine Geliebte und den Botschafter reden ließ, brachte die Zuhörer abwechselnd zum Weinen und zum Lachen. Die Geschichte ist buchstäblich wahr, und der Abenteurer ist nach Aussage derer, die ihm zuhörten, geschickter als Guzman von Alfarache[166]. Madame hatte den Einfall, ein Lustspiel daraus zu machen, und der Graf schickte ihr die Geschichte schriftlich, so wie ich sie hier abgeschrieben habe.
III.
Bericht Hellens[167]
Haag, 8. Januar 1760.
Wie ich höre, befindet sich in Paris ein Mann, dessen Auftreten wichtig genug scheint, um E. M. zu berichten, was ich davon erfahren konnte. Es ist eine Art Abenteurer, der unter dem Namen eines Grafen Saint-Germain in Deutschland und England gereist ist. Er spielt vorzüglich Violine, macht auch den Alchimisten und tritt überall groß auf. In Paris wohnt er bei einem englischen Bankier Selwin. Vielleicht haben E. M. von dem Manne schon gehört. Der angebliche Graf soll gegenwärtig am Versailler Hofe eine hervorragende Rolle spielen und sogar Zutritt zu den Privatgemächern des Königs von Frankreich und der Marquise (von Pompadour) haben. Wie man mir versichert, besuchen ihn alle Minister, um sich bei ihm einzuschmeicheln, nicht nur, weil er in hohem Maße die Gunst ihres Gebieters besitzt, sondern auch, um sich Rat bei ihm zu holen.
Was ihn in so hohe Gunst gebracht hat, ist schwer zu sagen, aber allem Anschein nach hat er der Favoritin und dem König weisgemacht, daß er ihnen das Geheimnis des Steins der Weisen zeigen würde. Die Geistesschwäche des Königs und seine bloße Neugier für alles, was mit den Naturwissenschaften zusammenhängt, dazu die Habsucht der Marquise, machen diese Annahme sehr wahrscheinlich. Übrigens soll er dem König von Frankreich bereits einige recht merkwürdige chemische Entdeckungen mitgeteilt haben, unter anderem ein Geheimmittel zur Herstellung dauerhafter Farben. Wie dem aber auch sei, der Mann spricht den französischen Ministern seine Meinung mit größtem Freimut aus. Er wiederholt ihnen oft, sie hätten die größte Torheit begangen, sich mit E. M. zu entzweien und in den Kontinentalkrieg einzugreifen[168]. Er rät ihnen, schleunigst Frieden zu machen. Er gibt sich überhaupt als großen Bewunderer E. M. aus. Als die beiden Niederlagen gegen Rußland[169] bekannt wurden, hat er immerfort vorausgesagt, was tatsächlich eingetreten ist, nämlich daß E. M. Mittel und Wege finden würden, den Schaden wieder gut zu machen, und daß man sehen würde, daß Ihre Feinde keinen Schritt weiter gekommen seien.
Anscheinend hat er Anteil am Sturze des letzten Generalkontrolleurs[170]. Zum mindesten hat er ihn in einem Brief an einen Freund im Ausland in einer Weise angezeigt, daß diese Annahme fast berechtigt erscheint. „Ich habe Ihnen mein Versprechen gehalten,“ schreibt er, „Silhouette, der Henker Frankreichs, ist gestürzt.“
IV. Saint-Germain auf Schloß Chambord
(Aus dem Schriftwechsel des Marquis von Marigny[171])
Collet[172] an den Marquis von Marigny
Chambord, 10. Mai 1758.
Ich benutze das freundliche Anerbieten des Grafen Saint-Germain, ihn nach Paris zu begleiten, um einige ihn betreffende Angelegenheiten zu ordnen und einige Geschäfte zu erledigen, die vor Ende nächster Woche beendet sein müssen.
Der Abbé de la Pagerie an den Marquis von Marigny
Blois, 12. August 1758.
Herr von Saint-Germain, der die Neugier des ganzen Landes erregt, wird täglich erwartet. Ich habe zweimal mit ihm zu Mittag gespeist. Er scheint ein Mann von großem Wissen und von Grundsätzen zu sein.
Der Marquis von Marigny an den Abbé de la Pagerie
Versailles, 2. September 1758.
Ich erhielt Ihren Brief vom 12. vorigen Monats. Tatsächlich hat der König Herrn von Saint-Germain eine Wohnung in Chambord angewiesen, und Sie sagen mit Recht, daß er ein Mann von Verdienst ist. Ich hatte Gelegenheit, mich davon bei mehreren Unterredungen mit ihm zu überzeugen. Von seinen hervorragenden Kenntnissen darf man sich wirklichen Gewinn versprechen.
Collet an den Marquis von Marigny
Chambord, 4. Dezember 1758.
Graf Saint-Germain ist am letzten Sonnabend (2. Dezember) mit zwei Herren hier eingetroffen. Er will fünf bis sechs Tage hier bleiben und geht dann nach Paris. Er ist so freundlich, mich mitzunehmen.
Herr von Saumery[173] an den Marquis von Marigny
Paris, 15. April 1759.
Ich glaube, die Nebengebäude werden als Wohnung für die Arbeiter hinreichen, die Graf Saint-Germain zur Errichtung seiner Manufaktur mitbringen will.
Collet an den Marquis von Marigny
Chambord, 8. Mai 1759[174].
Graf Saint-Germain ist am letzten Sonnabend (5. Mai) hier eingetroffen. Dies ist sein zweiter Aufenthalt in Chambord. Ich habe zwei Zimmer für einige seiner Leute zurechtgemacht, sowie drei andere mit Küche und Speisekammer im Erdgeschoß zu seiner Bequemlichkeit. Ich habe in diesem Teil des Schlosses nichts verändert, sondern nur dringende Reparaturen machen lassen.
V. Aus einem Schreiben des Grafen Bernstorff[175]
(1779).
Ich war weder sein Freund noch sein Bewunderer. Hoffentlich hat er vergessen, wie sehr er sich darüber ärgerte, aber seither sind zweiundzwanzig Jahre verflossen ... Jetzt halte ich mein Urteil zurück, gestehe aber, daß ich noch immer sehr zum Mißtrauen gegen einen Mann neige, dessen Persönlichkeit stets ein Rätsel blieb, der mit unsinnigen Behauptungen um sich warf, der immerfort seinen Namen wechselte und sich bald als Adepten, bald als vornehmen Herrn ausgab, den die Vorsehung besonders reich gesegnet habe.
VI. Aus den „Episoden meines Lebens“ des Grafen d’Angiviller[176]
Ich kannte den Grafen Saint-Germain, der vom Prinzen Karl[177] so begünstigt worden ist. Ich war noch sehr jung, aber trotz meiner Jugend, trotzdem er mich gut behandelte und mir sogar schmeichelte, ließ ich ihn nicht etwa friedlich die Ehren genießen, die man seinem Scharlatanismus erwies, sondern trumpfte immerfort erbarmungslos gegen ihn auf.
DIE MISSION SAINT-GERMAINS IM HAAG (1760)
I
Aus dem Schriftwechsel des Herzogs von Choiseul[178]
Graf d’Affry[179] an Choiseul
Haag, 22. Februar 1760.
Herr Astier[180] schreibt, daß sich in Amsterdam ein gewisser Graf Saint-Germain aufhält, der, soviel ich weiß, früher lange in England gelebt hat und einen recht sonderbaren Eindruck macht. Er spricht in ungewöhnlicher Weise von unseren Finanzen und unserem Ministerium und behauptet, mit einer wichtigen finanziellen Mission für Frankreich betraut zu sein.
Haag, 10. März 1760.
Graf Saint-Germain hat mich vorgestern hier aufgesucht. Er führte mir gegenüber dieselben Reden, wie er sie in Amsterdam geführt haben soll. Er hat soeben mein Haus verlassen; seine Gespräche drehten sich um die gleiche Sache. Er sagte mir zuerst, er könne mir unsere Finanzlage nicht trüb genug schildern; er besitze einen gewissen Plan zu ihrer Aufbesserung; mit einem Wort, er wolle das Königreich retten. Ich ließ ihn reden, soviel er wollte, und als er innehielt, fragte ich ihn, ob der Generalkontrolleur über diesen Plan Bescheid wisse. Er verneinte es und sagte bei dieser Gelegenheit viel Übles über den Vorgänger des Herrn Bertin[181]. Er schien besonders den Herren Pâris de Montmartel und Duverney[182] feindlich gesinnt. Wie er mir sagte, hätte er enge Beziehungen zum Herrn Marschall von Belle-Isle[183]; auch zeigte er mir zwei Briefe von ihm, die er seit seiner Ankunft in Holland erhalten hat. Darin spricht sich Herr von Belle-Isle anerkennend über seinen Eifer aus, aber sie enthalten nur allgemeine Wendungen und keine Einzelheiten.
Ich gestand Herrn von Saint-Germain, daß ich seinen Plan durchaus nicht begriffe. Er gab mir seinerseits zu, daß er ihn schlecht erklärt hätte, und versprach mir, ihn mir morgen mitzubringen. Ich fragte ihn, was seine Reise nach Holland mit diesem Plane zu tun hätte. Er gab mir darauf keine klare Antwort und sagte nur, sein allgemeines Vorhaben sei, uns den Kredit der vornehmsten hiesigen Bankhäuser zu sichern.
Ich werde mich beehren, Herr Herzog, Ihnen am nächsten Freitag (14. März) zu berichten, was Herr von Saint-Germain mir morgen etwa sagt und mitteilt. Ich weiß nicht, ob alle seine Behauptungen völlig wahrheitsgemäß sind, aber er hat sicherlich sehr ungewöhnliche Ansichten.
Haag, 11. März.
Herr von Saint-Germain hat mir seinen Plan mitgeteilt, der Herrn Bertin bekannt ist und sogar von ihm empfohlen wird.
Graf Saint-Germain an die Marquise von Pompadour
[Haag] 11. März 1760.
Gnädige Frau. Meine reinen und aufrichtigen Wünsche für die Wohlfahrt Ihres verehrten Volkes und für Sie selbst werden, wo ich auch in Europa weile, unverändert bleiben. Doch will ich nicht unterlassen, Ihnen Beweise dafür in aller Reinheit, Aufrichtigkeit und Stärke zu geben. Ich bin jetzt im Haag und wohne beim Grafen Bentinck, Herrn van Rhoon, zu dem ich enge Beziehungen habe[184]. Ich war so erfolgreich, daß ich glaube, Frankreich hat keinen verständigeren, treueren und beständigeren Freund. Des seien Sie versichert, gnädige Frau, wenn Sie auch das Gegenteil davon hören sollten.
Herr von Bentinck ist hier ebenso allmächtig wie in England, ein großer Staatsmann und vollendeter Ehrenmann. Er ist mir gegenüber völlig offen. Aus der Fülle meines Herzens sprach ich ihm von der reizenden Marquise von Pompadour. Meine Gefühle gegen Sie, gnädige Frau, sind Ihnen längst bekannt und gewiß der Herzensgüte und Seelenschönheit wert, die diese Gefühle erweckten. Er war so begeistert davon, daß er ganz bezaubert ist; mit einem Wort, Sie können sich auf ihn verlassen wie auf mich.
Ich glaube mit gutem Grunde, daß der König angesichts seiner Macht, seiner Aufrichtigkeit und Redlichkeit große Dienste von ihm erwarten kann. Wenn der König glaubt, daß meine Beziehungen zu ihm irgendwie von Nutzen sein können, so will ich mich aufs äußerste bemühen, ihm zu dienen. Meine freiwillige, selbstlose Hingebung an seine heilige Person muß ihm ja bekannt sein. Sie kennen die Treue, die ich Ihnen geschworen habe, gnädige Frau: befehlen Sie, und ich gehorche. Sie können Europa ohne die Verdrießlichkeiten und Schwierigkeiten eines Kongresses den Frieden geben. Ihre Befehle werden mir völlig sicher zukommen, wenn Sie sie an den Grafen van Rhoon im Haag senden oder, wenn Sie es für besser halten, an die Herren Thomas und Adrian Hope[185], bei denen ich in Amsterdam wohne. Was ich Ihnen zu schreiben habe, erscheint mir so bedeutsam, daß ich mir schwere Vorwürfe machen müßte, gnädige Frau, wenn ich es Ihnen verschweigen wollte, da ich nie etwas verborgen habe noch verbergen werde. Wenn Sie keine Zeit haben, mir selbst zu antworten, so bitte ich Sie, es durch eine sichere, vertrauenswürdige Person zu tun. Aber verlieren Sie keinen Augenblick; ich beschwöre Sie bei aller Liebe und Zuneigung für den besten und würdigsten aller Könige.
Graf d’Affry an Choiseul
Haag, 14. März 1760.
Ich habe den Plan gesehen, von dem Herr von Saint-Germain mir gesprochen hatte. Ich habe ihn an ihn zurückgesandt und werde ihm bei nächster Gelegenheit sagen, daß derartige Geschäfte mit meinem Amte nichts zu tun haben. Ich könnte mich ohne Auftrag nicht damit befassen und wünschte selbst, Kredite für die Staatsfinanzen in Amsterdam oder in anderen holländischen Städten zu finden ...
Wie Herr von Saint-Germain mir sagte, hat Herr Bentinck van Rhoon sich über meine Zurückhaltung bei ihm beschwert; ich spräche mit ihm nie von Geschäftssachen. Wie er hinzusetzte, hat Herr Bentinck ihm versichert, niemand sei weniger englisch gesinnt als er; er sei ein guter Patriot und mehr Franzose, als ich glaubte. Ich antwortete Herrn von Saint-Germain mit allgemeinen Wendungen, ließ aber durchblicken, daß ich es seltsam fände, daß Herr Bentinck ihm diesen Auftrag gegeben hätte, und noch seltsamer, daß er ihn übernommen hätte. Ich halte mich für verpflichtet, Ihnen alles mitzuteilen, was zwischen diesem Manne und mir stattgefunden hat.
Choiseul an Graf d’Affry
Versailles, 19. März 1760.
Ich sende Ihnen einen Brief des Herrn von Saint-Germain an die Marquise von Pompadour[186], der die unglaubliche Art dieses Mannes hinreichend beweist. Er ist ein Abenteurer ersten Ranges und zudem, soweit ich sehen kann, sehr töricht. Ich bitte Sie, ihn sofort nach Empfang meines Briefes zu sich kommen zu lassen und ihm zu sagen, ich wisse zwar nicht, wie man im Finanzdepartement über ihn dächte, gäbe Ihnen aber den Befehl, ihm zu eröffnen: sobald ich erführe, daß er sich irgendwie im Großen oder im Kleinen in die Politik einzumischen wage, so könne er sich darauf verlassen, ich würde beim König den Befehl erwirken, ihn bei seiner Rückkehr nach Frankreich für den Rest seiner Tage in einem Kerkerloch einzusperren. Sie wollen hinzusetzen, er möge ganz sicher sein, daß diese meine Absichten ebenso ernst sind, wie daß sie bestimmt ausgeführt werden, falls er mir Anlaß gibt, mein Wort zu halten.
Nach dieser Erklärung werden Sie ihn auffordern, nie wieder einen Fuß in Ihr Haus zu setzen, und Sie werden gut daran tun, allen fremden Gesandten sowie den Amsterdamer Bankiers das Kompliment bekanntzugeben, das Sie diesem unausstehlichen Abenteurer in meinem Auftrage gemacht haben.
Graf d’Affry an Choiseul
Haag, 21. März 1760.
Graf Rhoon van Bentinck hat mich nicht nur durch Herrn von Saint-Germain unterrichtet, sondern mir auch durch andere Personen sagen lassen, wie sehr ihm daran liege, sich mit mir in Verbindung zu setzen. Ich gab zur Antwort, da ich bisher keinerlei Beziehungen zu ihm gehabt hätte, schiene es mir zwecklos, jetzt damit zu beginnen. Ich wäre jedoch stets bereit, mit Personen zusammenzugehen, die es als gute holländische Patrioten für ihr Land für vorteilhaft hielten, die Freundschaft und das Wohlwollen Seiner Majestät zu pflegen. Ich wüßte, daß Herr von Bentinck diese für sein Land wie für ihn selbst so wünschenswerten Grundsätze stets außer acht gelassen hätte und daß seine diesbezügliche Sinnesänderung Beweise von längerer Dauer erheischte, als ihm recht sein möchte. Er hat meine Antwort erhalten, sich dadurch aber nicht entmutigen lassen.
Ich hielt mich für verpflichtet, den Ratspensionär[187], Herrn van Slingelandt[188] und Herrn von Hompesch zu benachrichtigen. Wie sie mir sagten, wünscht Herr von Bentinck eine Annäherung an uns nur, um seinen Kredit hier und in England aufzufrischen, und er möchte wahrscheinlich zu einem der Bevollmächtigten der Republik auf dem künftigen Kongreß[189] ernannt werden.
Haag, 5. April 1760.
Ihren Erlaß vom 19. März über den Grafen Saint-Germain kann ich erst heute beantworten, weil das indiskrete Benehmen dieses Abenteurers (um nicht mehr zu sagen) mir Nachforschungen nötig erscheinen ließ, bevor ich Ihnen Bericht erstatte. Aber dies Benehmen ist derart, daß ich es für meine Pflicht halte, es zur Kenntnis Seiner Majestät zu bringen.
Am Tage nach Empfang Ihres Schreibens suchte Herr von Saint-Germain, der aus Amsterdam kam, mich auf. Er kam mit Herrn von Brühl und Kauderbach[190] und sagte mir, die Herren wollten mit ihm zum Grafen Golowkin[191] nach Ryswijk, wohin auch ich wollte. Ich sagte Herrn von Saint-Germain, daß ich ihn vorher zu sprechen wünschte, und teilte ihm zugleich den Inhalt Ihres Schreibens über seinen Plan mit. Er war davon niedergeschmettert. Zuletzt bat ich ihn, am nächsten Morgen um 10 Uhr zu mir zu kommen. Kurz darauf teilte ich Kauderbach den Inhalt Ihres Schreibens mit, worauf er sofort beschloß, Saint-Germain nicht nach Ryswijk mitzunehmen.
Saint-Germain ist nicht zu mir gekommen, und da ich glaubte, meine sehr deutlichen Erklärungen würden hinreichen, um ihn vorsichtig zu machen, ja ihn zum Verlassen des Landes bestimmen, so hielt ich es nicht für erforderlich, ihn nochmals zu mir zu bitten, sondern ließ es dabei bewenden, das, was Sie mir geschrieben haben, an die vornehmsten Vertreter der Republik und an einige fremde Gesandte mitzuteilen, sowie Herrn Astier in Amsterdam anzuweisen, die größten Bankhäuser vor den etwaigen Vorschlägen Saint-Germains zu warnen. Wie Herr Astier mir mitteilte, haben unter anderen die Herren Thomas und Adrian Hope seinen Aufenthalt bei ihnen als sehr lästig und peinlich empfunden und wollen die erste Gelegenheit wahrnehmen, um ihn loszuwerden.
Aber die beiden Briefe des Marschalls Belle-Isle, die Sie mir gesandt haben, scheinen mir zu beweisen, daß der Mann sich nicht an die ihm von mir erteilten Weisungen gehalten hat, sondern uns in neue Schwierigkeiten verwickeln wird. Diese Briefe erhielt ich Dienstag (1. April). Ich ließ Herrn von Saint-Germain auffordern, mich am Mittwoch früh aufzusuchen, aber er kam nicht, und vorgestern, am Donnerstag, sagte mir der Prinz von Braunschweig[192] in Gegenwart der Herren Golowkin und von Reischach[193], nachdem wir ihm unsere Gegenerklärungen[194] mitgeteilt hatten, er hätte erfahren, auf Befehl Seiner Majestät seien die Briefe, die Saint-Germain nach Versailles gerichtet hat, an mich übersandt worden. Wahrscheinlich würde ich bald noch andere erhalten; denn er wisse, daß Saint-Germain noch mehrere sehr lange geschrieben hätte, seit ihm mein Haus von mir verboten sei. Er selber hätte sich bestimmt geweigert, ihn zu empfangen. Trotzdem sei ihm bekannt, daß er andere Personen gesehen hätte und daß dieser Mensch hier noch immer Ränke spänne. Es ließe sich ihm zwar nichts zur Last legen, aber er sei in diesem Augenblick und hierzulande eine sehr gefährliche Person, und ein Mensch von solcher Dreistigkeit könne eine Unterhandlung durch einen einzigen Schritt erschweren und verzögern. Nun glaubte ich das Wort ergreifen zu müssen und sagte zum Prinzen Ludwig, ich sei vollauf ermächtigt, ihm sowie den Herren Golowkin und Reischach zu erklären, daß Saint-Germain von uns völlig desavouiert werde und daß auf irgendwelche Äußerungen von ihm über unsere Angelegenheiten oder unsere Regierung nichts zu geben sei. Ich sagte dem Prinzen von Braunschweig ferner, wenn er Gelegenheit habe, Herrn Yorke[195] zu sehen, vielleicht am gleichen Tage, so bäte ich ihn ernstlich, ihm von mir aus die gleiche Erklärung abzugeben. Dasselbe tat ich gestern morgen beim Ratspensionär und beim Greffier[196].
Vorgestern Abend, nach meiner Rückkehr aus Ryswijck, sandte ich zu Herrn von Saint-Germain und ließ ihn um seinen Besuch bitten. Er war nicht zu Hause. Ich sandte ihm eine schriftliche Einladung, mich gestern früh um acht Uhr aufzusuchen. Ich mußte nochmals nach ihm schicken; schließlich kam er. Ich hielt es nicht für angezeigt, ihm die Briefe des Herrn von Belle-Isle zu übergeben, da er schlechten Gebrauch davon machen könnte, aber ich sagte ihm, der Herr Marschall hätte mir auf ausdrücklichen Befehl des Königs geboten, alles anzuhören, was er mir zu sagen hätte. Ich fragte ihn, ob seine Eröffnungen sich auf unser Militär bezögen; er verneinte es. Ich fragte ihn, ob sie unsere Flotte oder unsere Finanzen beträfen. Er verneinte es gleichfalls. Hierauf entgegnete ich, sie könnten also lediglich politischer Natur sein, und darauf las ich ihm alles vor, was Sie mir über sein ihm bevorstehendes Schicksal bei seiner Rückkehr nach Frankreich geschrieben haben. Anfangs trug er große Gleichgültigkeit zur Schau, dann drückte er sein Erstaunen über die Behandlung aus, mit der man einen Mann seines Ranges bedrohe, aber schließlich schien ihn die Sache zu verwirren. Da er indes anscheinend nicht gesonnen war, den Plan, den sein Betätigungsdrang ihm eingibt, fallen zu lassen, warnte ich ihn beim Abschied nochmals sehr ernstlich und sagte ihm, wenn er sich noch weiterhin irgendwie in die Angelegenheiten und Interessen Seiner Majestät einmische, so würde ich Ihnen das melden und hier öffentlich sagen, daß alles, was er hier verbreitet habe, von Seiner Majestät und dessen Ministern völlig dementiert werde.