Der Graf von Saint-Germain: Das Leben eines Alchimisten

Part 8

Chapter 83,749 wordsPublic domain

Mittwoch, 14. Mai. Wie der Herausgeber der „_Gazette de Bruxelles_“[143] uns erzählt, ist der hier kürzlich aus Holland angekommene sogenannte Graf von Saint-Germain 1712 in Italien geboren. Er spricht ebenso geläufig deutsch und französisch wie italienisch und drückt sich auf englisch recht gut aus. Er ist in allen Künsten und Wissenschaften bewandert, ein guter Chemiker, Musikvirtuose und zugleich ein sehr angenehmer Gesellschafter.

Im Jahre 1745 kam er in England in eine sehr schlimme Lage. Ein Mann, der wegen einer Liebesgeschichte eifersüchtig auf ihn war, steckte ihm einen falschen Brief des jungen Prätendenten[144] in die Tasche (worin dieser ihm für seine Nachrichten dankte und ihn bat, damit fortzufahren), dann ließ er ihn sofort verhaften. Da die Untersuchung seine völlige Unschuld ergab, wurde er in Freiheit gesetzt und von Lord H... zu Tisch eingeladen. Wer ihn kennt (sagt Herr Maubert), wird sich ärgern, zu hören, daß er sich die Ungnade des Allerchristlichsten Königs[145] zugezogen hat.

SAINT-GERMAIN IN FRANKREICH

I. Aus Casanovas „Memoiren“[146]

(1757)

Die angenehmste Mahlzeit, die ich (bei der Marquise von Urfé)[147] einnahm, war in Gesellschaft der Frau von Gergy[148], die den berühmten Abenteurer mitbrachte, der als Graf Saint-Germain bekannt ist. Statt zu essen, sprach er vom Anfang bis zum Ende des Mahles, und ich machte es beinahe ebenso, indem ich ihm mit größter Aufmerksamkeit zuhörte. Allerdings konnte man kaum besser sprechen als er.

Saint-Germain gab sich für einen Wundermann aus. Er wollte verblüffen, und das gelang ihm oft. Sein Ton war bestimmt, aber so einstudiert, daß er nicht mißfiel. Er war gelehrt, beherrschte die meisten Sprachen, war ein großer Musiker und Chemiker, hatte ein angenehmes Gesicht und verstand alle Frauen zu kirren; denn er gab ihnen zugleich Schminken und Schönheitsmittel und schmeichelte ihnen mit der Hoffnung, nicht, sie zu verjüngen -- denn er war so bescheiden, zu gestehen, daß er dies nicht vermöchte --, wohl aber, sie in ihrem jetzigen Zustande zu erhalten, und zwar mittels eines Wassers, das er ihnen schenkte, obwohl es ihm selbst, wie er sagte, viel Geld kostete.

Er hatte die Gunst der Frau von Pompadour zu erlangen gewußt, die ihm eine Unterredung mit dem Könige verschaffte, und diesem hatte er ein hübsches Laboratorium eingerichtet. Denn der liebenswürdige Monarch, der sich überall langweilte, glaubte etwas Unterhaltung oder doch Zerstreuung beim Herstellen von Farben zu finden. Der König hatte ihm eine Wohnung im Schlosse Chambord angewiesen und ihm 100000 Franken zum Bau eines Laboratoriums gegeben. Wie Saint-Germain behauptete, wollte der König durch seine chemischen Produkte die französischen Fabriken in Blüte bringen.

Dieser eigentümliche Mann, der zum Betrüger großen Stiles geschaffen war, sagte in selbstgewissem Ton und gleichsam beiläufig, er sei dreihundert Jahre alt, besitze das Allheilmittel, mache mit der Natur, was er wolle, besitze das Geheimnis, Diamanten zu schmelzen und aus zehn bis zwölf kleinen einen großen von reinstem Wasser zu machen, ohne daß ein Gewichtsverlust einträte. Alle diese Operationen waren für ihn ein Kinderspiel. Trotz seiner Aufschneidereien, offenkundigen Lügen und maßlosen Wunderlichkeiten brachte ich es doch nicht über mich, ihn unverschämt zu finden. Achtbar fand ich ihn auch nicht, aber unwillkürlich und fast unbewußt fand ich ihn verblüffend; denn er verblüffte mich ...

Der seltsame Mann erschien oft in den besten Häusern der Hauptstadt zum Diner, rührte aber keinen Bissen an und behauptete, sein Leben hinge von seiner Ernährungsweise ab, die niemand außer ihm kennen könne. Mit dieser Wunderlichkeit fand man sich ab, denn man war nur auf seine Erzählerkunst erpicht, die ihn tatsächlich zur Seele aller von ihm besuchten Gesellschaften machte.

(Februar 1758)

Zu Tisch erschien Saint-Germain, aber wie stets aß er nicht, sondern redete nur. Mit unerschütterlicher Sicherheit erzählte er unglaubliche Dinge, und man mußte so tun, als ob man sie glaubte; denn er war stets Augenzeuge oder Held der Geschichte gewesen. Nur als er etwas erzählte, das ihm begegnet war, als er mit den Vätern des Konzils von Trient[149] speiste, mußte ich lachen.

Frau von Urfé trug am Halse als Schmuckstück einen großen Magneten. Eines Tages, so behauptete sie, würde dieser Magnet den Blitz anziehen, und sie würde auf diese Weise zur Sonne aufsteigen. Der berühmte Schwindler versicherte ihr sofort, die Sache sei unfehlbar, aber er allein besäße die Macht, den Magneten ums Tausendfache zu verstärken. Ich entgegnete ihm kalt, ich wollte um 20000 Thaler wetten, daß er ihn nicht einmal um das Doppelte verstärken könne. Frau von Urfé legte sich ins Mittel, um die Wette zu verhindern, und nach Tisch sagte sie mir unter vier Augen, ich hätte sie verloren; denn Saint-Germain sei Magier. Man kann sich wohl denken, daß ich ihr recht gab.

Ein paar Tage darauf reiste der angebliche Magier nach Chambord, wo der König ihm eine Wohnung und 100000 Franken angewiesen hatte, um in voller Freiheit an seinen Farben arbeiten zu können, mit denen er den französischen Tuchfabriken den Vorrang vor denen aller anderen Länder sichern wollte. Saint-Germain hatte den König dadurch bestrickt, daß er ihm in Trianon ein Laboratorium einrichtete, in dem er sich bisweilen die Zeit vertrieb, so gering auch seine chemischen Kenntnisse waren. Aber der König langweilte sich überall, außer auf der Jagd: der Hirschpark betäubte ihn nur und stumpfte ihn immer mehr ab.

Die gefällige Marquise hatte den Adepten dem König zugeführt, in der Hoffnung, ihm die Langeweile zu vertreiben, indem sie ihm Geschmack für die Chemie beibrachte. Zudem glaubte die Pompadour, von Saint-Germain das Lebenselixier bekommen zu haben, und so wollte sie ihm einen großen Vorteil verschaffen. Dies Wunderwasser, das man genau in der von dem Schwindler vorgeschriebenen Dosis einnehmen mußte, besaß nicht die Kraft, den Menschen zu verjüngen -- er gab zu, daß dies unmöglich war --, sondern nur die, ihn für mehrere Jahrhunderte nicht altern zu lassen. Tatsächlich hatte dies Wasser -- oder sein Erfinder -- wo nicht auf den Körper, so doch auf den Geist der berühmten Frau gewirkt: sie hatte dem König versichert, daß sie nicht altere.

Auch der König war ganz im Banne des Betrügers; eines Tages zeigte er dem Herzog von Zweibrücken[150] einen zwölfkarätigen Diamanten von reinstem Wasser, den er selbst gemacht zu haben wähnte. „Ich habe 24 Karat kleinere Diamanten geschmolzen,“ sagte Ludwig XV., „daraus erhielt ich diesen, der durch Schleifen auf 12 Karat verkleinert ist.“ Infolge dieser Voreingenommenheit hatte der König jenem berühmten Abenteurer den früheren Wohnsitz des Marschalls von Sachsen[151] angewiesen. Ich habe diese Anekdote vom Herzog von Zweibrücken selbst gehört, als ich in Metz mit ihm und dem schwedischen Grafen Lewenhaupt speiste.

Ferner erzählt Casanova in seiner Schrift „Monolog eines Denkers“, S. 34 f. (Prag 1784):

Der unlängst in Schleswig verstorbene Saint-Germain war niemand anders als der Geigenspieler _Catalani_. Er war groß unter dem Namen eines _Marquis de la croix noire_ in England, wunderbar unter dem Namen eines Grafen _Saint-Germain_ in Frankreich und Spanien, und einzig unter dem eines Grafen _Belmar_ in Italien. Was war das für ein Mensch! Selbst von ihm angeführt zu werden, gereichte nicht zur Unehre. Sein Gesicht war angenehm, vornehm sein Auftreten. Er war ein guter Erzähler, wenn er auch manchmal aufschnitt, sprach alle Sprachen gut. Dazu war er ein großer Chemiker, ein großer Musiker, besaß die Formen der guten Gesellschaft, zeigte sich selten, war zurückhaltend, höflich, witzig, geistvoll -- kurz, er war von solcher Art, daß selbst die, die auf ihn hereingefallen waren, es ohne Erröten zugaben. König Ludwig XV., der sich, wo er auch war, langweilte, fand Zeitvertreib in dem von Saint-Germain ihm eingerichteten Laboratorium. Er gab ihm eine Wohnung im Schloß Chambord und 100000 Franken.

II. Aus den „Denkwürdigkeiten“ der Madame du Hausset[152].

Bei Frau von Pompadour verkehrte oft ein Mann, der einer Zauberin kaum etwas nachgab. Das war der Graf Saint-Germain, der glauben machen wollte, daß er mehrere Jahrhunderte alt war.

Eines Tages fragte Madame ihn in meiner Gegenwart bei der Toilette: „Wie sah Franz I.[153] aus? Das war ein König, den ich geliebt hätte.“ -- „Er war auch sehr liebenswert“, versetzte Saint-Germain. Dann schilderte er seine Gesichtszüge und seine ganze Erscheinung wie bei einem, den man sich genau angesehen hat. „Leider war er nur zu hitzig. Ich hätte ihm gern einen trefflichen Rat gegeben, der ihn vor all seinem Unglück bewahrt hätte, aber er hätte ihn nicht befolgt; denn es scheint ein Verhängnis über den Fürsten zu walten, die ihre Ohren -- die Ohren des Geistes -- den besten Ratschlägen verschließen, besonders in kritischen Augenblicken.“ -- „Und was sagen Sie von dem _Connétable_[154]?“ fragte Madame. -- „Ich kann weder allzu Gutes noch allzu Schlechtes von ihm sagen“, entgegnete er. -- „War der Hof Franz’ I. sehr schön?“ -- „Sehr schön, aber der seiner Enkel[155] übertraf ihn unendlich. Zur Zeit der Maria Stuart[156] und der Margarete von Valois[157] war er ein Zauberland, der Tempel der Genüsse, auch der geistigen. Beide Königinnen waren gelehrt, sie machten Verse, und ihnen zuzuhören, war ein Genuß.“ Lachend versetzte Madame: „Wie es scheint, haben Sie das alles gesehen.“ -- „Mein Gedächtnis ist stark,“ sagte er, „und ich habe die französische Geschichte eingehend studiert. Bisweilen erlaube ich mir den Spaß, die Leute zwar nicht glauben zu _machen_, aber glauben zu _lassen_, daß ich in den ältesten Zeiten gelebt habe.“ -- „Aber schließlich sagen Sie doch nicht, wie alt Sie sind, und Sie geben sich für sehr alt aus. Die Gräfin von Gergy, die vor 50 Jahren Botschafterin war, ich glaube in Venedig[158], behauptet, Sie so gekannt zu haben, wie Sie jetzt sind.“ -- „Allerdings Madame, habe ich die Gräfin von Gergy vor langer Zeit kennen gelernt.“ -- „Aber nach dem, was sie sagt, müßten Sie jetzt über 100 Jahre alt sein.“ -- „Das ist nicht unmöglich,“ sagte er lachend, „aber wie ich zugebe, ist es noch möglicher, daß die verehrte Dame Unsinn redet.“ -- „Sie behauptet, Sie hätten ihr ein Elixier von wunderbarer Wirkung gegeben. Sie hätte infolgedessen lange wie eine Vierundzwanzigjährige ausgesehen. Warum geben Sie dem König das Elixier nicht?“ -- „Ach, Madame,“ versetzte er mit einer Art von Schauder, „wenn ich mir beikommen ließe, dem König eine mir unbekannte Arznei zu geben, müßte ich wahnsinnig sein[159].“

Ich begab mich auf mein Zimmer, um dies Gespräch aufzuschreiben.

Ein paar Tage darauf war zwischen dem König, Madame, einigen Edelleuten und dem Grafen Saint-Germain die Rede von dem Geheimmittel, das er besaß, um Diamanten von Flecken zu befreien. Der König ließ sich einen mäßig großen Diamanten bringen, der einen Fleck hatte. Man ließ ihn wiegen, und der König sagte zum Grafen: „Er wird auf 6000 Livres geschätzt, aber ohne den Flecken wäre er 10000 wert. Wollen Sie es übernehmen, mich 4000 Franken verdienen zu lassen?“ Dieser prüfte ihn genau, dann sagte er: „Das ist möglich. In einem Monat werde ich ihn Eurer Majestät wiederbringen.“

Nach einem Monat brachte der Graf dem König den Diamanten fleckenlos zurück. Er war in Asbestwatte gewickelt, die er entfernte. Der König ließ ihn wiegen, und er wog fast genau soviel wie vorher. Der König schickte ihn durch Herrn von Gontaut[160] zu seinem Juwelier, ohne ihm irgend etwas zu sagen, und der brachte 9600 Livres wieder. Aber der König ließ den Diamanten zurückfordern, um ihn der Wissenschaft halber zu behalten. Er konnte sich von seiner Überraschung nicht erholen und sagte, Herr von Saint-Germain müsse millionenreich sein, besonders, wenn er das Geheimnis besäße, aus kleinen Diamanten große zu machen. Der sagte weder ja noch nein, versicherte aber sehr bestimmt, er könne Perlen vergrößern und ihnen ein schöneres Wasser geben. Der König behandelte ihn achtungsvoll, ebenso Madame, von der ich das eben Gesagte erfuhr. Betreffs der Perlen hat mir Herr Quesnay[161] gesagt: „Die Perlen entstehen durch eine Krankheit der Austern, und es ist möglich, ihr auf den Grund zu kommen. Somit kann Herr von Saint-Germain Perlen vergrößern; trotzdem aber ist er ein Scharlatan; denn er hat ein Lebenselixier und läßt durchblicken, daß er mehrere hundert Jahre alt ist. Übrigens ist der König vernarrt in ihn und spricht bisweilen von ihm, als ob er von erlauchter Geburt sei.“

Ich habe ihn mehrfach gesehen. Er schien 50 Jahre alt, war weder fett noch mager, hatte eine schlaue, geistreiche Miene, war sehr schlicht, aber geschmackvoll gekleidet und trug sehr schöne Diamanten an den Ringen wie an seiner Tabaksdose und Uhr. Eines Tages, bei einem großen Hoffest, kam er mit so schönen Schuhschnallen und Kniebändern, die mit echten Diamanten besetzt waren, zu Madame, daß diese sagte, sie glaube nicht, daß der König so schöne hätte. Er ging ins Vorzimmer, um sie abzumachen, und brachte sie dann wieder, damit man sie näher ansehen könnte. Herr von Gontaut, der dabei war, verglich die Steine mit anderen und sagte, sie seien wenigstens 200000 Franken wert. Am selben Tage trug er eine unschätzbare Tabaksdose und Manschettenknöpfe von funkelnden Rubinen. Kein Mensch wußte, woher dieser so reiche und außergewöhnliche Mann stammte, und der König duldete nicht, daß man verächtlich von ihm sprach und über ihn spottete. Er war angeblich der Bastard eines portugiesischen Königs ...

Eines Tages sagte Herr von Saint-Germain zum König: „Um die Menschen zu achten, darf man weder Beichtvater noch Minister noch Polizeidirektor sein.“ -- Der König setzte hinzu: „Und König.“ -- „Ach, Sire,“ rief er, „Sie haben den Nebel vor einigen Tagen gesehen, man sah keine vier Schritt weit. Die Könige sind -- allgemein gesprochen -- in noch viel dichtere Nebel gehüllt, die Ränkeschmiede, treulose Minister um sie entstehen lassen, und in allen Volksklassen ist man sich darin einig, ihnen die Dinge in falscher Beleuchtung zu zeigen.“ Dies hörte ich aus dem Munde des berühmten Grafen Saint-Germain, als ich bei Madame war, die unpäßlich war und im Bette lag. Der König besuchte sie, und auch der Graf wurde als willkommener Gast empfangen. Herr von Gontaut, Frau von Brancas[162] und der Abbé de Bernis[163] waren dabei ...

Eines Tages besuchte Graf Saint-Germain Madame, die unpäßlich war und auf ihrem Diwan lag. Er zeigte ihr ein Kästchen voller Topase, Rubine und Smaragde. Anscheinend besaß er Schätze davon. Madame rief mich, um all die schönen Dinge zu besehen. Ich blickte sie verblüfft an, machte aber hinten herum Madame ein Zeichen, daß ich alles für falsch hielte. Der Graf suchte etwas in einer Brieftasche, die doppelt so groß war wie ein Brillenfutteral, zog zwei bis drei kleine Päckchen hervor, wickelte sie aus, zeigte einen prachtvollen Rubin und warf geringschätzig ein kleines Kreuz auf den Tisch neben ihm. Es bestand aus weißen und grünen Steinen. Ich betrachtete es und sagte: „Das ist nicht zu verachten.“ Ich legte es an und machte eine Miene, als ob ich es sehr hübsch fände. Sogleich bat der Graf mich, es anzunehmen. Ich weigerte mich, er blieb dabei. Madame schlug es gleichfalls für mich aus. Schließlich drängte er so, daß Madame, die sah, daß es nicht mehr als 40 Louisdors wert sein konnte, mir winkte, es anzunehmen. Ich nahm das Kreuz, sehr befriedigt über die Liebenswürdigkeit des Grafen, und ein paar Tage darauf schenkte Madame ihm eine emaillierte Dose mit dem Bild irgendeines griechischen Weisen, eine Anspielung auf ihn. Übrigens ließ ich das Kreuz prüfen; es war 1500 Franken wert.

Er schlug Madame vor, ihr ein paar Emailbilder von Petitot[164] zu zeigen, und sie sagte ihm, er solle am Nachmittag während der Jagd wiederkommen. Er zeigte seine Bilder, und Madame sagte zu ihm: „Man erzählt von einer reizenden Geschichte, die Sie vor zwei Tagen beim Souper beim Premier zum besten gaben und deren Augenzeuge Sie vor 50 bis 60 Jahren waren.“ Er lächelte und sprach: „Sie ist etwas lang.“ -- „Um so besser“, entgegnete Madame und schien ganz entzückt. Herr von Gontaut und die Damen kamen, und man ließ die Tür schließen. Dann winkte Madame mir, hinter einem Wandschirm Platz zu nehmen. Der Graf entschuldigte sich sehr, daß seine Geschichte vielleicht langweilen werde. Manchmal erzähle man gut, und ein andermal hätte man weniger Glück.

Saint-Germains Erzählung

„Der Marchese von San Gil[165] war zu Anfang dieses Jahrhunderts spanischer Botschafter im Haag. In seiner Jugend war er mit dem Grafen von Moncada befreundet gewesen, einem spanischen Granden und einem der reichsten Herren des Landes. Einige Monate nach seiner Ankunft im Haag erhielt er einen Brief des Grafen, der ihn bei seiner Freundschaft beschwor, ihm einen sehr großen Dienst zu leisten. „Wie Sie wissen, lieber Marchese,“ schrieb er ihm, „hatte ich den Kummer, den Namen Moncada nicht fortpflanzen zu können. Doch kurz nachdem ich Sie verlassen, erhörte der Himmel mein Flehen und schenkte mir einen Sohn. Der zeigte frühzeitig eines Mannes seiner Abkunft würdige Neigungen, aber das Unglück wollte, daß er sich in Toledo in die berühmteste Schauspielerin der dortigen Truppe verliebte. Ich schloß die Augen über diesen Jugendstreich, da ich bisher stets zufrieden mit ihm war. Als ich aber erfuhr, daß ihn die Leidenschaft derart verblendete, daß er das Mädchen heiraten wollte, und daß er ihr ein schriftliches Eheversprechen gegeben hatte, bat ich den König, sie einsperren zu lassen. Als mein Sohn von meinem Schritt erfuhr, kam er ihm zuvor und entfloh mit der Geliebten. Seit über einem halben Jahre weiß ich nicht, wohin er seine Schritte gelenkt hat, aber ich habe Grund zu der Annahme, daß er im Haag ist.“ Nun beschwor der Graf den Marchese im Namen seiner Freundschaft, die genauesten Nachforschungen anzustellen, um ihn ausfindig zu machen und ihn zur Heimkehr zu bewegen. „Es ist recht und billig,“ schrieb der Graf, „dem Mädchen eine Versorgung zu geben, falls sie das Heiratsversprechen, das sie sich ausstellen ließ, wieder herausgibt. Ich überlasse es Ihnen, die Entschädigung zu bestimmen und meinem Sohn so viel auszuzahlen, daß er in anständigem Aufzuge nach Madrid zurückkehren kann. Ich weiß nicht, ob Sie Kinder haben“, schloß der Graf. „Wenn ja, so können Sie sich einen Begriff von meiner Sorge machen.“ Dem Brief lag eine genaue Beschreibung seines Sohnes und seiner Geliebten bei.

Sobald der Marchese ihn erhalten hatte, ließ er in allen Gasthöfen von Amsterdam, Rotterdam und dem Haag nachforschen. Doch umsonst! Er brachte nichts heraus. Er begann schon am Erfolg seiner Schritte zu verzweifeln, als er auf den Gedanken kam, einen sehr geweckten jungen französischen Pagen dazu zu benutzen. Er versprach ihm eine Belohnung, falls es ihm gelänge, die so dringend gesuchten Personen zu entdecken, und er gab ihm deren Beschreibung. Mehrere Tage streifte der Page vergebens an allen öffentlichen Orten umher. Endlich, eines Abends im Theater, erblickte er in einer Loge einen jungen Mann und eine Dame, die er aufmerksam betrachtete. Als er merkte, daß beide, durch seine Aufmerksamkeit betroffen, sich in den Hintergrund der Loge zurückzogen, zweifelte der Page nicht mehr am Erfolg seiner Nachforschungen. Er ließ die Loge nicht aus den Augen und beobachtete gespannt alles, was darin vorging.

Als das Stück aus war, stand er in dem Gange, der von den Logen zum Portal führte, und als der junge Mann an ihm vorbeiging, bemerkte er, daß seine Tracht diesem offenbar auffiel, und daß er sein Taschentuch vor den Mund hielt, um sich unkenntlich zu machen. Unauffällig folgte er ihm bis zum Gasthof „Vicomte de Turenne“, in den er ihn mit seiner Begleiterin eintreten sah. Dann eilte er, seiner Sache gewiß, zu dem Botschafter, um ihn zu benachrichtigen.

Der Marchese von San Gil begab sich sofort, in einen Mantel gehüllt und von seinem Pagen und zwei Dienern gefolgt, nach dem Gasthof. Dort angelangt, fragte er den Wirt, wo sich das Zimmer eines jungen Mannes und einer Dame befände, die seit einer Weile bei ihm wohnten. Der Wirt machte zunächst einige Schwierigkeiten, es zu sagen, wenn der Name der beiden nicht angegeben würde. Aber der Page machte ihn darauf aufmerksam, daß er mit dem spanischen Botschafter spräche, der seine Gründe hätte, mit diesen Personen zu reden. Da sagte der Wirt, sie wünschten nicht bekannt zu werden und hätten verboten, jemand bei ihnen einzulassen, der ihren Namen nicht nenne. Aus Hochachtung vor dem Botschafter jedoch gab er ihm das Zimmer an und führte ihn selbst ins oberste Stockwerk in ein elendes Stübchen. Er klopfte an, aber es dauerte ein Weilchen, bis die Tür geöffnet wurde. Endlich, als er von neuem stark gepocht hatte, wurde sie halb geöffnet, aber beim Anblick des Botschafters und seines Gefolges wollte der, welcher sie geöffnet hatte, sie wieder schließen, indem er sagte, man irre sich wohl. Da stieß der Botschafter sie mit Gewalt auf, trat ein und gebot seinen Leuten, draußen zu warten.

Als er allein im Zimmer stand, sah er einen jungen Mann von sehr hübschem Äußeren, das vollkommen zu der Beschreibung paßte. Bei ihm war ein junges Weib, schön und von guter Figur, dessen Haarfarbe, Wuchs und Gesichtsschnitt gleichfalls mit der Beschreibung des Grafen von Moncada übereinstimmte. Der junge Mann brach zuerst das Schweigen. Er beschwerte sich über das gewaltsame Eindringen bei einem Fremden, der in einem freien Lande sei und unter dem Schutz der Gesetze lebe. Der Botschafter trat auf ihn zu, um ihn zu umarmen, und sprach: „Verstellen Sie sich nicht, lieber Graf! Ich kenne Sie und komme nicht her, um Ihnen Verdruß zu bereiten, auch der jungen Dame nicht, die mir sehr fesselnd erscheint.“

Der Jüngling entgegnete, er irre sich. Er sei kein Graf, sondern der Sohn eines Kaufmanns aus Cadix. Die junge Frau sei seine Gattin, und sie reisten zu ihrem Vergnügen. Der Botschafter warf einen Blick in das elend ausgestattete Stübchen, in dem nur ein einziges Bett stand, sowie auf das armselige Gepäck, das herumlag. „Wohnt hier, liebes Kind -- gestatten Sie mir diese Anrede, zu der mich die zärtliche Freundschaft zu Ihrem Herrn Vater ermächtigt --, wohnt hier der Sohn des Grafen Moncada?“ Der junge Mann behauptete immer noch, nicht zu verstehen, was er meinte. Schließlich aber ward er durch den eindringlichen Zuspruch des Botschafters besiegt und gestand weinend, daß er Moncadas Sohn sei, daß er aber niemals zu seinem Vater zurückkehren werde, falls er das angebetete Weib verlassen müsse.

Auch sie brach in Tränen aus, warf sich dem Botschafter zu Füßen und sagte, sie wolle nicht die Ursache des Unglücks des Grafen Moncada sein. Indem ihre Hochherzigkeit oder vielmehr ihre Liebe über ihren eigenen Vorteil siegte, erklärte sie sich bereit, da es sich um sein Glück handle, sich von ihm zu trennen.

Der Jüngling gerät in Verzweiflung, macht seiner Geliebten Vorwürfe und erklärt, er wolle sie nicht verlassen und nicht dulden, daß ihr edles Herz sich gegen sie selbst, gegen ein so liebenswertes Wesen kehre. Der Botschafter entgegnet, es sei nicht die Absicht des Grafen Moncada, sie unglücklich zu machen, vielmehr sei er beauftragt, ihr eine angemessene Summe zu geben, damit sie nach Spanien zurückkehren oder leben könne, wo sie sonst wolle. Ihre vornehme Gesinnung und ihre echte Zärtlichkeit, sagte er, flößten ihm die größte Anteilnahme ein und bestimmten ihn, die Summe, die er ihr gegenwärtig zu geben beauftragt sei, so hoch wie möglich zu bemessen. Somit verspräche er ihr 10000 Gulden (etwa 30000 Franken), die ihr ausgezahlt werden sollten, sobald sie das ihr gegebene schriftliche Heiratsversprechen ausliefere und der Graf Moncada zum Botschafter übergesiedelt sei und nach Spanien zurückzukehren gelobt habe.