Der Graf von Saint-Germain: Das Leben eines Alchimisten
Part 7
Graf Cagliostro bat ihn um eine Geheimaudienz, um sich vor dem Gott der Gläubigen niederzuwerfen. Saint-Germain gab ihm 2 Uhr nachts an.
Als der Augenblick nahte, legten er und seine Frau eine weiße Tunika an, die ein aurorafarbener Gürtel zusammenhielt und stellten sich so im Schlosse ein. Die Zugbrücke senkte sich, ein sieben Fuß großer Mann in langem grauen Gewand führt sie in einen schlecht erleuchteten Saal. Plötzlich öffnet sich eine große Flügeltür, und ein von tausend Kerzen strahlender Tempel blendet ihre Blicke. Auf einem Altar saß der Graf; zu seinen Füßen hielten zwei Ministranten goldene Schalen, aus denen süße, sanfte Wohlgerüche emporquollen. Auf der Brust trug der Gott eine Diamantplatte von fast unerträglichem Glanze. Eine große, weiße, durchsichtige Gestalt hielt in ihren Händen eine Schale, auf der „Elixier der Unsterblichkeit“ stand. Etwas weiter erblickte man einen riesigen Spiegel, vor dem eine majestätische Gestalt auf und ab ging. Über dem Spiegel stand geschrieben: „Zuflucht der irrenden Seelen.“
Düsteres Schweigen herrschte in dem heiligen Bezirk. Eine namenlose Stimme rief: „Wer seid Ihr? Woher kommt Ihr? Was wollt Ihr?“
Da warf sich der Graf Cagliostro nebst der Marquise zu Boden, und nach ziemlich langem Schweigen stammelte er:
„Ich komme, den Gott der Gläubigen, den Sohn der Natur, den Vater der Wahrheit anzurufen. Ich komme, ihn um eins der vierzehntausendsiebenhundert Geheimnisse zu bitten, die er im Busen trägt. Ich komme, um sein Knecht, sein Apostel, sein Märtyrer zu werden.“
Der Gott gab keine Antwort. Doch nach ziemlich langem Schweigen erklang eine Stimme: „Was will Deine Gefährtin?“
Sie antwortete: „Gehorchen und dienen.“
Da folgte Finsternis auf die Nacht, Lärm auf die Stille, Furcht auf Vertrauen, Verwirrung auf Hoffnung, und eine schrille Stimme sagte drohend: „Wehe dem, der die Prüfungen nicht erträgt!“
Der Graf und die Marquise wurden getrennt. Sie sah sich in ein Gemach eingeschlossen mit einem bleichen, hageren, Fratzen schneidenden Manne. Er erzählt ihr von seinem Glück auf Erden, seinen Schätzen, verliest ihr Briefe der größten Herrscher, und in plötzlicher Wendung fordert er ihr schließlich die Diamanten ab, die ihre Stirn schmücken. Entzückt, sie so leichten Kaufes los zu sein, entledigt sie sich ihrer schleunigst.
Auf diesen ersten Prüfer folgte ein Mann in sehr unanständiger Kleidung. „Bedenken Sie, Frau,“ sagte er, „daß Sie Ihre Blicke stets auf mein Antlitz richten müssen.“ Der Mann war sehr schön und hatte die ausdrucksvollsten Augen. Alles war gefährlich: ihn anzuhören, ihn anzusehen oder die Blicke zu senken.
Nach dieser peinlichen Viertelstunde kam eine Alte und sprach: „Ich allein kann Ihre Tugend erkennen. Die Prüfung, die Sie bestanden haben, besteht in der Feststellung, wie weit Ihre Sinne den Reizen kecker Jugend widerstehen können.“
„Tun Sie, was Ihres Amtes ist“, sagte die Marquise.
Die Alte tat es und übergab ihr dann ein Pergament; es war ein Patent des Widerstandes. Dann führte sie sie in einen großen Keller. Dort sah sie angekettete Männer, Frauen, die bis aufs Blut gepeitscht wurden, Scharfrichter, die Köpfe abschlugen, Menschen, die aus Giftbechern den Tod trinken mußten, glühende Eisen, Galgen mit Schandaufschriften. „Das“, sagte die Alte, „sind die Märtyrer unserer Kunst. So lohnen die Menschen, deren Glück wir uns weihen, unsere Gaben und unseren Eifer.“
Die Marquise blickte ruhigen Auges die traurigen Opfer der angeblichen menschlichen Gerechtigkeit an und verriet nicht die geringste Bewegung.
Die Prüfungen des Grafen waren anderer Art. Man versuchte ihn durch Lobsprüche zu ködern, zeigte ihm sein Weib in den Armen eines liebenswürdigen Mannes, um zu sehen, ob er aus Eifersucht in die lächerlichen Wallungen verfallen werde, die das Hirn der Ehemänner umnebeln. Schließlich las man ihm einen Abschnitt aus dem berühmten Buche der Zukunft vor, das die ihm bevorstehenden Verfolgungen enthielt.
Nach dieser Zeremonie wurden sie in den Tempel zurückgeführt. Dort erklärte man ihnen, sie sollten zu den göttlichen Mysterien Zutritt erhalten, sobald die Wölbung von ihren Gelübden widerhallte. Ein Mann in langem, unter dem Arm gerafften Mantel ergriff das Wort und hielt diese Rede, die jeder Adept behalten muß, ohne sie niederschreiben zu dürfen:
„Wisset, das große Geheimnis unserer Kunst ist, die Menschen zu regieren, und das einzige Mittel ist, nie die Wahrheit zu sagen. Richtet euch nie nach den Regeln des gesunden Verstandes; sprecht der Vernunft Hohn und bringt tapfer den größten Blödsinn zutage. Wenn ihr fühlt, daß diese großen Grundsätze nachlassen, so zieht euch zurück, geht in euch und durchwandert die Welt. Da werdet ihr sehen, daß der größte Blödsinn Anbetung findet. Die Torheiten kehren unter verschiedenen Namen wieder, aber sie sind ewig. Das Grab des heiligen Medardus[119] hat den Schatten des heiligen Petrus ersetzt, Mesmers[120] Zauberkasten den Teich des nazarenischen Philosophen[121]. Gedenkt, daß die erste Triebfeder der Natur, der Staatskunst, der Gesellschaft die Fortzeugung ist, daß das Hirngespinst der Sterblichen die Unsterblichkeit und die Kenntnis der Zukunft ist, selbst wenn sie die Gegenwart nicht kennen, daß sie Geist sein wollen, wo doch sie selbst und alles, was sie umgibt, Stoff ist.“
Nach dieser Ansprache verneigte sich der Redner vor dem Gott der Gläubigen und verschwand. Dann traten zwei junge Mädchen vor und entkleideten den Grafen, während drei junge Männer bei der Marquise die gleiche Zeremonie erfüllten. Als sie im Naturzustand waren, sprach die schon vernommene Stimme: „Nun wird dem einen die kostbare Gabe der Kraft und der anderen die noch köstlichere der Schönheit verliehen.“
Im selben Augenblick packte der sieben Fuß große Mann die Marquise an einem Beine, gebot ihr, ihre Hand auf seine Nase zu legen, und trug sie vor den Gott der Gläubigen. Der bedeckte ihren schönen Leib mit Wohlgerüchen und salbte ihr mit rosenfarbenem Öl die Partie zwischen den Lippen, die Rosenknospen ihres Busens, den Nabel und die Schenkel. Dann flüsterte er ihr etwas ins Ohr, und der sieben Fuß große Mann trug sie in eine anstoßende Kapelle.
„Hier werdet Ihr die Weihe vollenden,“ sprach er, „und unsere heiligen Mysterien mit dem großen Werk der Natur krönen. Indes stehen Euch die Mittel frei, und sofern unser beider Wesen sich verschmelzen und Zuflucht in dieser Kapelle finden kann, braucht Ihr Euch nicht den gewöhnlichen Formen zu unterwerfen.“
„Als ich den Fuß in diesen hehren Bezirk setzte,“ entgegnete die Marquise, „habe ich jeglichen Willen abgelegt. Wenn Ihr aber wollt, daß die Begierde dem Opfer vorangeht und es herbeiführt, so laßt mich ein Weilchen zu Atem kommen und sagt mir, unter wessen Messer ich fallen soll?“
„Gern,“ sprach er, „obwohl dies eigentlich nicht der Augenblick zu langem Gerede ist. Von zartester Jugend auf zu Großem berufen, habe ich mich bemüht, zu erkennen, worin der wahre Ruhm besteht. Die Staatskunst dünkte mich nur eine Kunst des Betruges, die Kriegskunst nur die Kunst des Mordens, die Philosophie nur ein dünkelhafter Wahn, Unsinn zu reden, die Naturwissenschaft nur ein schöner Traum über die Natur und ein fortwährendes Irren des Menschen in unbekannten Ländern, die Theologie nur eine Kenntnis des Elends, zu dem der menschliche Hochmut führt, die Geschichte nur ein trauriges, eintöniges Studium von Verirrungen und Niedertrachten. Daraus schloß ich, daß der Staatsmann nur ein geschickter Lügner ist, der Kriegsheld ein erhabener Narr, der Philosoph ein Sonderling, der Naturforscher ein beklagenswerter Blinder, der Theologe ein Lehrer des Fanatismus und der Geschichtschreiber ein Wortkrämer. Ich hörte vom Gott dieses Tempels sprechen; ich schüttete in seinen Busen meinen Kummer, meine Zweifel, meine Wünsche aus. Er bemächtigte sich meiner Seele, bildete sie und ließ mir alle Dinge in neuem Lichte erscheinen. Fortan begann ich in der Zukunft zu lesen, und diese so beschränkte, so enge, so öde Welt weitete sich. Ich lebte nicht nur mit den Gegenwärtigen, sondern auch mit den Toten. Da ich jung und leidenschaftlich war, brachte er mich mit den schönsten Frauen des Altertums zusammen. Ich lebte mit Aspasia, mit Leontion[122], mit Sappho, Faustina[123], Semiramis und Irene[124], von denen man so viel gesprochen hat. Ich fand es sehr hold, alles zu wissen, ohne etwas zu lernen, über die Schätze der Welt zu verfügen, ohne die Könige darum anzubetteln, den Elementen zu gebieten, statt den Menschen. Der Himmel schuf mich freigebig, jetzt kann ich meine Neigung befriedigen: alles, was mich umgibt, ist reich. Dieser Augenblick beweist das eben Gesagte. Ihr seid zweifellos eines der schönsten Weiber auf Erden, ich halte Euch in meinen Armen, und wenn Ihr darauf achtgeben wollt, werdet Ihr merken, daß die Wollust, auf die bei gewöhnlichen Sterblichen Ermattung folgt, ebenso unsterblich ist wie der Gott, der mir diese Gabe verlieh.“
Hier unterbrach sich der Redner, in der Annahme, auch einmal etwas beweisen zu müssen und den Glauben der Eingeweihten nicht auf eine zu harte Probe zu stellen. Er bewies also die Macht des ihn beseelenden Gottes mit unwiderstehlicher Tatkraft.
Mittlerweile wurde der Graf Cagliostro in ein anderes Mysterium eingeweiht. Man gab ihm zu bedenken, daß die angenehmsten Dinge keine Eintönigkeit ertrügen, daß das gebildeteste Volk der Welt die Griechen, der weiseste Sterbliche Sokrates gewesen sei, daß der liebenswürdigste Mann Alkibiades geheißen habe, daß das frömmste Volk die Italiener seien und daß er in seiner bevorstehenden Laufbahn jene Gefügigkeit haben müsse, die sich allen Gelüsten hingibt. Es war Antinous, der so den Demosthenes spielte. Der Graf unterwarf sich und wurde wie Cäsar behandelt.
Nachdem man sich wieder angekleidet, beschloß ein prächtiges Mahl die Zeremonie. Im Laufe des Festes erfuhren sie, daß das Lebenselixier nur aus Tokaier bestand, der je nach Bedarf rot oder grün gefärbt sei, daß sie Leute von Geist fliehen, verabscheuen und verleumden, Dummköpfe umschmeicheln, lieben und verblenden müßten, daß sie geheimnisvoll verbreiten sollten, Saint-Germain sei 500 Jahre alt, daß sie Gold und Tee machen und vor allem die Leute anführen sollten.
Mit diesen Weisungen reisten die etwas ausgerenkte Marquise und der etwas beschädigte Graf nach Petersburg, wo sie sich als Heilkünstler ausgaben.
Charakteristik des Grafen Saint-Germain[125]
Der vor einigen Jahren verstorbene und schon vergessene Graf Saint-Germain war ein ernsthafter Narr. Er besaß wenig Geist, einige chemische Kenntnisse, war für einen Schwindler nicht unverschämt genug, für einen Fanatiker nicht beredt genug und besaß nicht die Verführungskunst, um Halbwissende zu bestechen. In Chambéry bot er dem Marschall von Bellegarde seine Chemie an. Sie begannen zu schmelzen, doch der Schmelztiegel lieferte einen Stoff, der zwar Farbe und Gewicht, nicht aber die Dehnbarkeit des Goldes besaß. Diese Versuche fanden auf einem Landgute statt, wo der Graf binnen sieben Monaten dreimal Vater wurde. Das Geld schmolz zusammen, er hatte überall Schulden, und man riet ihm, abzureisen. In Paris das gleiche Spiel. Er hatte sich mit einem berühmten Gauner zusammengetan, einem früheren Spion des Marschalls Belle-Isle[126], der sich seitdem nach Bercy[127] zurückgezogen hatte, wo er das Ludwigskreuz auf einem zerlumpten Anzug und das Henkermal auf dem Rücken trug. Sie machten zusammen Vitriolöl. Das war der Vorwand zum Goldmachen. Sie verzankten und schlugen sich. Der Graf zog den kürzeren und verließ eine Stadt, die ihre Arme allen Betrügern öffnet.
Kritik der „Charakteristik“ von Meister[128]
November 1785.
Diese Schilderung ist in vieler Hinsicht falsch. Der Graf von Saint-Germain machte auf alle, die ihn kennen lernten, den Eindruck eines sehr geistvollen Mannes. Er besaß jene natürliche Beredtsamkeit, die mehr als alles andere besticht. Er besaß so große Kenntnisse in der Chemie und Geschichte wie wenige. Er besaß die Gabe, das Gespräch auf die bedeutsamsten Ereignisse der alten Geschichte zu bringen und von ihnen zu erzählen wie von einer Tagesneuigkeit, mit den gleichen Einzelheiten, in der gleichen fesselnden Art und mit der gleichen Lebhaftigkeit.
Saint-Germain und Cagliostro[129]
„Ungeachtet aller seiner Talente und Geistesgaben verließ diesen Wundermann (Saint-Germain) sein Hang zum Wunderbaren nie, und er wußte davon gar klüglich Nutzen zu ziehen; denn seine sogenannten _arcana_ verkaufte er sehr teuer. Übrigens wurde er Stifter geheimer Gesellschaften und initiierte mit vielem Gepränge und Aufwand. Selbst den bekannten Abenteurer Cagliostro soll er in einen solchen mystischen Isisorden aufgenommen haben, und man muß gestehen, daß (die Gelehrsamkeit ausgenommen) Saint-Germain an ihm ein seinen geheimen Absichten vollkommen entsprechendes Mitglied fand.“
GRAF SAINT-GERMAIN[130]
Hat der Graf Saint-Germain, der so kräftig beschützt worden ist, etwas anderes getan, als Guillaume Postel[131] nachzuahmen, der den Sparren hatte, sich für älter auszugeben, als er war? Um seinen Bekannten etwas vorzumachen, schminkte er sich, färbte sich die Haare schwarz und nannte sich demgemäß _Postellus restitutus_. Wie seine Nachfolger versicherte Postel, der Engel Resiel hätte ihm göttliche Geheimnisse offenbart. Was sagen heute die zurückhaltendsten Biographen von ihm? „Er hätte den Wissenschaften zur Zierde gereicht, hätte er nicht infolge seiner Vertiefung in die Rabbiner und der Beobachtung der Gestirne den Kopf verloren“ ...
Nachdem Saint-Germain in dreißig Städten Ärgernis erregt und zweihundert Neulinge in der Chemie angeführt hat, trifft er einen freigebigen und feinfühligen Großen[132] und nimmt sich vor, seine Gaukeleien mit ihm zu beschließen. Er sagt folgendes zu ihm: „Seit fast 80 Jahren (er war damals 77 Jahre alt) suche ich einen Menschen, einen Menschen, den ich zum auserwählten Gefäß machen kann, das den himmlischen Tau aufnimmt, den ich im Gelobten Lande gesammelt habe. Er darf nichts wissen und muß zu allem befähigt sein. An Stelle der alten Kenntnisse muß ich seinen Geist mit neuem Wissen erfüllen. Licht und Finsternis, Reines und Unreines, Gott und Mensch können nicht beieinander wohnen. Ich selbst kenne Sie wenig, aber ich weiß viel von Ihnen durch die, welche Sie nicht kennen, aber eines Tages kennen werden. In Ihre reine Seele hat der Himmel die Keime aller guten Eigenschaften gelegt; lassen Sie mich sie entwickeln! Werden Sie das himmlische Behältnis für die überirdischen Wahrheiten. Sie sind zum Herrscher über große Reiche bestimmt oder werden dazu berufen werden. Schenken Sie Ihre Fürsorge und Ihren Geist den Menschen, aber widmen Sie Ihre Zeit und Ihr Forschen dem höchsten Meister. Im Alter von 27 Jahren werden Sie binnen wenigen Monaten 90 Jahre alt sein. Ich werde für Sie sorgen, wirken, schaffen. Als Wunder für die übrige Menschheit werden Sie doch in Gottes Augen nichts tun, wenn Sie sich begnügen, das Licht eines Planeten zu sein. Als Träger der erstaunlichsten Geheimnisse können Sie dem Lauf der Gestirne Halt gebieten und in Ihren Händen das Schicksal von großen Reichen halten. Aber das Wissen ist nur dann ein Schatz, wenn der, welcher es lehrt, auch die Anwendung überwacht.“
Erstaunt, ein Genie zu sein, entzückt, ein Wunderwesen zu werden, außer sich bei dem Gedanken, daß er Europa regieren wird, schlägt der Große die Augen nieder, wirft sich zu Boden und steht wieder auf, um ein des Wundermannes würdiges Schloß zu erbauen. Als dieser gut untergebracht war, begannen die Zurüstungen, und der große Tag wurde festgesetzt. Welche Geheimnisse sah man nun erblühen? Die Kunst, dem Kupfer mehr Glanz und Biegsamkeit zu geben, die Kunst, Edelsteine von Flecken zu befreien, zwei Wunder, die drei deutsche Chemiker in ihren gelehrten Vorträgen gelehrt haben. Was sah man weiter? Ein Purgiermittel, das jeder Apotheker herstellt und dem Volke verkauft, eine Menge von Flüssigkeiten, deren geheimes Herstellungsverfahren schon mehrere Fabrikanten in Frankreich und Italien gekauft hatten. Im übrigen bewegten sich die Gestirne wie vorher, Europa erfuhr keinerlei Umwälzung, und selbst das kleinste Ländchen lehnte die ihm zugedachte politische Medizin hartnäckig ab. Man lebte jahrelang von Versprechungen; nichts ereignete sich; man ertappte den Gott sogar bei sehr menschlichen Verrichtungen. Nie wurden die Augen aufgetan; und noch beim Begräbnis des Propheten glaubte man an seine wunderbare Himmelfahrt.
Charakteristik des Grafen Saint-Germain
(von dem anonymen Übersetzer)
Saint-Germain, _Welldone_, oder unter was für mehr Namen er hier und dort gewallet haben mag, war unleugbar ein Scharlatan, nachdem er lange genug _Aventurier_ gewesen war. Von einem Manne, der sich so weit und breit in der Welt herumgetrieben hat, ist es höchstwahrscheinlich, daß er auch mit einer oder mehr geheimen Gesellschaften in Bündnis getreten sei. Aber Schwärmer war er gewiß nicht, am wenigsten ein religiöser. Eben den hellen Kopf, den man in des Grafen von Lambergs „_Mondain_“[133] an Saint-Germain wahrnimmt, behielt er bis an sein Ende. Als ein Mensch, der mit aufmerksamen Augen und Ohren die Welt durchreiset war, ein gutes Gedächtnis und die Gabe eines interessanten Vortrags hatte, war er ein guter Gesellschafter und unterhaltender Tischgenosse, dessen Anekdotenvorrat unerschöpflich schien. Und Tischgenossen von guter Unterhaltung (ich rede ganz ernsthaft) sind seltener und gesuchter als die von bloß gutem Appetit. Aber Saint-Germain hatte auf seinen Reisen nicht bloß nach Anekdoten gehascht; er hatte außer einigen andern, vielleicht zweideutigeren, auch wirklich nützliche _Arcana_ gesammelt, die ihn einem wohltätigen Patrioten eines Landes, das rohe Produkte ausführt und solche verarbeitet von Fremden wiederkauft, weil es ihm noch an Manufakturen und Fabriken fehlt, sehr willkommen machen mußten, und die ihm auch wirklich an manchem Orte eine beneidete, gute Aufnahme erwarben. Freilich mochte er oft mehr von sich erwarten lassen, als er zu leisten imstande war. Aber kann ein Mann, der gut gekleidet, mit einigen kostbaren _Nippes_ in Gesellschaften erscheint, dafür, wenn man ihn für reicher hält, als er wirklich ist? Oder ist es meine Pflicht, jedermann, von dem ich nichts borgen will, den genauen Zustand meines Vermögens anzugeben? Was hat man nicht alles von Wunderessenzen, die Menschen zu verjüngen, von Universalarzneien gegen alle Krankheiten und Tod, ja von dem mehr als Methusalemischen Alter dieses sonderbaren Abenteurers, das er sich beilegen sollte, erzählt und fast allgemein geglaubt! Aber ist ein Märchen deswegen auch schon wahr, weil man es allgemein erzählt und fast durchgängig glaubt? Daß mich der Himmel davor behüte, der Verteidiger oder Lobredner irgendeines Scharlatans zu werden! Ich gestehe vielmehr offenherzig, daß ich jeden Geheimniskrämer wegen verbotener Absicht auf anderer Beutel in Verdacht habe. Aber es tut mir weh, wenn ich sehe, daß man einen Namen wie Saint-Germain, ohne irgendeinen ersichtlichen Zusammenhang mit der Materie, mit Gewalt herbeizieht (denn von Scharlatans ist ja nicht die Rede, sondern von einer für die bürgerliche Gesellschaft höchst schädlichen, theosophisch-magischen und nach Universalmonarchie strebenden Sekte[134]), um durch den Beisatz: „_der so kräftig beschützt worden_“, ein falsches Licht auf eine Person zu werfen, die, wenn sie auch aller öffentlichen, der Ordnung der Staaten gemäß, Respekt fordernden Würden entkleidet wäre, durch ihre höchst edle Art zu denken und zu handeln die Verehrung und selbst Liebe aller rechtschaffenen Menschen verdient.
Es tut mir weh, zu sehen, daß sich ein Mann es anmaßet, die Menschheit gegen eine geheime Sekte, die er weder zu nennen noch deutlich zu bezeichnen wagt, zu warnen, der sich solche mutwillige (wer einigermaßen starke Ausdrücke liebte, würde sagen: pasquillenhafte) Ausfälle auf wirklich edle Menschen erlaubt und also dadurch, daß er mit solchen Stellen, wie diese und einige andere in seinem Buche, tiefen Unwillen erweckt, seine Absicht verdächtig, seine mit unterlaufenden Wahrheiten zweifelhaft macht und sonach das, was er sonst Gutes gewirkt haben könnte, vereitelt.
Kritik der „Charakteristik“[135]
Rezensent stößt hier auf eine Note, wo der Übersetzer dem Verfasser wirklich unrecht tut. Der Verfasser vergleicht nämlich den berüchtigten Saint-Germain mit einem älteren Narren und bedient sich bei dieser Gelegenheit der Worte: „_Saint-Germain, der so kräftig beschützt worden ist_.“ Dies bringt den Übersetzer in eine Wärme, welche sich die meisten Leser schwerlich werden erklären können. Dabei verteidigt er den Saint-Germain, nennt ihn einen hellen Kopf und möchte die Leser gern überreden, daß er gar der Mann nicht gewesen sei, den man in eine solche Parallele stellen sollte. Rezensent, der Gelegenheit gehabt hat, von dem Manne, dessen sich hier der Übersetzer so warm annimmt, sehr authentische Nachrichten zu erhalten, muß hier aber demselben widersprechen.
Saint-Germain war nichts weniger als ein heller Kopf, wie schon der einzige Umstand beweisen kann, daß er noch auf seinem Totenbette verjüngt zu werden hoffte und andern versicherte, daß das, was Auflösung war, Vorbereitung zu seiner bevorstehenden Verjüngung sei.
Andere Umstände läßt Rezensent hier unberührt, weil sie nicht hierher gehören. Besser hätte indessen der Übersetzer getan, er hätte seine Note zu Saint-Germains Rechtfertigung weggelassen; denn sie erregt auch gegen seine Aufrichtigkeit nicht unbegründeten Verdacht.
ZWEITER TEIL
URKUNDEN ZUR LEBENSGESCHICHTE DES GRAFEN SAINT-GERMAIN
SAINT-GERMAIN IN LONDON (1743-1745)
I
Aus dem Briefwechsel von Horace Walpole[136]
Horace Walpole an den Ritter Man[137]
9. Dezember 1745.
Wir beginnen Volk aufzugreifen[138], aber so vorsichtig und zaghaft, wie Frauen von Stand, die zum erstenmal ihre Juwelen versetzen. Wir haben noch keinen großen Schlag gewagt. Der Propst von Edinburg ist in polizeilichem Gewahrsam. Kürzlich wurde ein Narr verhaftet, der unter dem Namen Graf Saint-Germain lebt. Er ist zwei Jahre hier gewesen und will nicht sagen, wer und woher er ist. Aber zwei ganz wundervolle Sachen gibt er zu, erstens, daß er nicht unter seinem richtigen Namen lebt, und zweitens, daß er nie mit einem weiblichen Wesen etwas zu tun gehabt hat... Er singt, spielt wundervoll Violine, komponiert, ist verdreht und nicht sehr feinfühlig. Er soll Italiener, Spanier oder Pole sein; ein hergelaufener Mensch, der in Mexiko durch Heirat zu großem Vermögen kam und mit den Juwelen seiner Frau nach Konstantinopel durchbrannte; ein Priester, ein Fiedler, ein vornehmer Mann. Der Prinz von Wales[139] war unbändig neugierig auf ihn, doch umsonst. Indes ist nichts gegen ihn geschehen. Er ist freigelassen, und -- was mich überzeugt, daß er kein Edelmann ist -- er bleibt hier und behauptet, er sei als Spion verhaftet worden.
Horace Walpole an John Chute[140]
Paris (8. Januar 1766).
Ich will nichts mit den französischen „Gelehrten“ und Philosophen zu schaffen haben und beneide Euch nicht gerade um Rousseau[141]. Er ist eben solch ein „Scharlatan“ wie Graf Saint-Germain, der sich selbst zu einem wunderlichen Menschenkinde stempelt und von sich reden macht ... So sehr ich seine Fähigkeiten bewundere, habe ich doch erkannt, daß weder er noch irgendein „Genius“ genügend gesunden Menschenverstand besitzen, um der Maßlosigkeit ihrer Ansprüche die Wage zu halten. Sie hassen die Priester, können aber doch die Kirche nicht entbehren. Aus diesem Grunde ziehe ich ihre Lektüre ihrer persönlichen Bekanntschaft vor.
II
+Aus+: „_The London Chronicle_“[142]
13.-15. Mai 1760.