Der Graf von Saint-Germain: Das Leben eines Alchimisten

Part 6

Chapter 63,651 wordsPublic domain

„Der Unbekannte hüllte sich in geheimnisvolle Zurückhaltung und sagte nur, wer solche Geheimnisse besäße, vermiede es, daß man davon erführe. „Das weiß ich wohl“, entgegnete die Fragerin und versprach ihm Geheimhaltung. Da sagt er zu, und am nächsten Tage bringt er ihr ein Fläschchen von 4 bis 5 Löffeln Inhalt und verordnet ihr, von diesem Elixier zehn Tropfen beim ersten Mondviertel und beim Vollmond zu nehmen. Das Mittel sei ganz harmlos, aber äußerst kostbar, und wenn es vergeudet werde, ließe es sich vielleicht nicht erneuern.

„Die Dame schloß das Fläschchen in Gegenwart ihrer Kammerfrauen ein. Sei es nun, um ihre Schwachheit zu verbergen oder die Neugier ihrer Kammerfrauen abzulenken, sie sagte ihnen, es sei ein Kolikmittel. Am selben Abend bekommt die erste Kammerfrau heftiges Leibschneiden. Sie geht an das Fläschchen, öffnet es, hält es an die Nase, kostet es, und da sie den Geschmack ebenso köstlich findet wie den Duft, trinkt sie es aus. Das Mittel wirkt ebenso rasch wie sicher. Die Flüssigkeit war wasserhell. Um ihren Diebstahl zu verbergen, füllt sie das Fläschchen mit gewöhnlichem Wasser, in der Hoffnung, daß ihre Herrin nicht so bald Gebrauch davon machen werde; dann sinkt sie in tiefen Schlaf.

„Gegen Morgen kommt ihre Herrin nach Hause, geht in ihr Zimmer, ruft ihre Kammerfrauen zum Auskleiden und blickt die an, die das Fläschchen ausgetrunken hat. „Was machen Sie hier bei mir?“ fragt sie. „Woher kommen Sie?“ Die Gefragte macht statt jeder Antwort eine tiefe Verbeugung. „Nun, was wollen Sie hier?“ fährt die Herrin ärgerlich fort. „Ich habe Sie nicht bestellt. Gehen Sie fort.“ -- „Die Gnädige behandelt mich ungewöhnlich streng“, versetzt die Gescholtene. „Ich habe nie meine Pflicht versäumt. Leider war ich eingeschlafen, aber ist das etwas so Schlimmes?“ -- „Wollen Sie mir was vormachen?“ entgegnet die Dame. „Ich kenne Sie nicht und habe Sie noch nie gesehen. Ich habe kein so junges Ding in meinem Dienst.“ -- Damit klingelt sie und ruft nach Radegonde (so hieß die Kammerfrau, die das Fläschchen ausgetrunken hatte). „Aber hier bin ich ja, gnädige Frau!“ ruft sie aus. „Erkennen Sie mich nicht mehr?“ Sie blickt in den Spiegel und sieht zu ihrer größten Überraschung, daß sie wie ein sechzehnjähriges Mädchen aussieht, obwohl sie 45 Jahre alt ist.

„Ganz Frankreich hat bei diesem seltsamen Ereignis ein Wunder ausgeschrieen. Aber der Fremde war verschwunden, und die unglückliche Dame sah sich dazu verdammt, eine alte Frau zu werden.

„So erzählt man sich die Geschichte in Paris und wird sie wohl noch mehrere Menschenalter erzählen. Hatte der Inhalt des Fläschchens die Fünfundvierzigjährige zur Sechzehnjährigen gemacht? War diese Metamorphose nicht von dem Grafen ins Werk gesetzt? Ich vermag es nicht zu entscheiden.“

Wägt man die Einzelheiten, wie sie _London Chronicle_ angibt, so wird man sie nicht sowohl als Nachrichten _über_ den Grafen Saint-Germain, als vielmehr als Nachrichten _von_ ihm ansehen, die er der englischen Zeitung mitgeteilt hatte, um Nachforschungen zu vereiteln und die für seine Rolle nötige Illusion aufrechtzuerhalten. Diese Rolle war zweifellos die eines Spions in höherem Auftrage, dem seine Auftraggeber die Mittel gaben, durch sein glänzendes Auftreten und seine hohen Ausgaben zu imponieren, wozu dann noch die großen Talente des Grafen traten, die alle zusammengenommen das ausmachten, was die Italiener _un gran furbo_ nennen.

Herr de l’Épine Danican hatte sich ihm während seines Aufenthalts in Frankreich angeschlossen und sich seine sehr ausgedehnten metallurgischen Kenntnisse zunutze gemacht, um die bisher unbekannten Bergwerke in der unteren Bretagne auszubeuten. Derselbe Danican wollte den Grafen von Saint-Germain in einem gut aussehenden Manne wiedererkennen, der zeitlebens im Zuchthause von Brest eingekerkert war, weil er bei Hofe zur Zeit des Attentats[90] auf den König eine Schmähschrift geschrieben hatte, derentwegen er auf Befehl des Ministers lebenslänglich eingekerkert wurde, ein Befehl, den seine Nachfolger bestätigt oder nicht widerrufen haben.

Dieser Mann, den ich 1776 in dem genannten Zuchthause sah, war von guter Figur, imponierendem Äußern und ehrwürdigem Alter. Seine Zelle stieß an einen der Säle des Zuchthauses. Er bekam sein Essen vom Tische des Zuchthausdirektors, ging täglich zur Messe, kommunizierte jeden Sonntag und nannte sich Ludwig von Bourbon. Die Fürsten und Minister, die seitdem nach Brest kamen, haben ihn dort gesehen und gesprochen. In den Denkwürdigkeiten zur Geschichte dieses Jahrhunderts wird er als Doppelgänger des Mannes mit der eisernen Maske[91] dastehen. --

Drei Jahre nach der Niederschrift des Vorstehenden sagte mir ein Holländer, es sei in Holland bekannt, daß der Graf Saint-Germain der Sohn einer zu Anfang dieses Jahrhunderts nach Bayonne geflüchteten Fürstin[92] und eines Juden aus Bordeaux sei. Bei der Rückkehr in die Heimat wurde sie von einem Großwürdenträger des Hofes ihres Gemahls mit einer Ansprache vorgestellt, die des Lobes von ihr voll war. Der Marchese del Carpio, der mit ihrem Empfange betraut war, trat auf den Redner zu, und statt jeder Antwort sagte er ihm leise ins Ohr: „Ist sie in anderen Umständen?“

ANEKDOTEN

I

König Friedrich der Große liebte nach der Überlieferung seines Kammerhusaren _Schöning_[93] folgende Anekdote zu erzählen: „Der bekannte Graf Saint-Germain gab vor, daß er über 2000 Jahre alt sei und sich unter anderem viel im Gelobten Lande aufgehalten habe. ‚Sie müssen also Herrn Jesus Christus gesehen haben?’ frug ihn jemand. -- ‚Ich habe ihn wohl gekannt. Man konnte sehr gut mit ihm auskommen. Aber seit der Geschichte mit dem Tempel hatte ich ihn aus den Augen verloren.’ Dieser wandte sich darauf an Saint-Germains Bedienten, um zu sehen, ob der auch so gut wie sein Herr lügen könnte: ‚Ist es denn wahr, lieber Freund, daß Ihr Herr so alt ist?’ -- ‚Ach, mein Herr, das kann ich Ihnen nicht sagen; denn ich bin erst 300 Jahre in seinen Diensten.’“

II

Der französische Geschäftsträger in Petersburg, Chevalier _Corberon_, erzählt in seinen Aufzeichnungen[94] unter dem 30. März 1776 von einer Unterhaltung mit einem Kaufmann Pictet aus Genf:

„Die Rede kam auf den Grafen von Saint-Germain, den Pictet kannte. Ihm hat er Dinge über seine Familie erzählt, ebenso dem Marquis du Gouffier[95] über die seine. Pictet hält ihn für einen großen Chemiker und glaubt, daß er ein Geheimmittel besitzt, um einen fleckigen Diamanten tadellos zu machen. Und zwar glaubt er das, weil Pictets Schwiegervater, der Steinschleifer Magnan, alle Diamanten mit irgendwelchen Fehlern beiseite legte und sagte, dies geschähe für den Grafen Saint-Germain.“

III

Graf _Lehndorff_ (1727-1811), der ehemalige Kammerherr der Gemahlin Friedrichs des Großen[96], berichtet im Februar 1776 über eine Unterredung mit dem Malteserritter, Graf Sagramoso, der Gesandter in Warschau war:

„Er hat den berüchtigten Grafen Saint-Germain sehr gut gekannt, der sich für ewig ausgibt, und mir von ihm die folgende Anekdote erzählt: Bei einer Aufführung des Trauerspiels ‚Mariamne’[97] erklärte er, er sei doppelt davon gerührt, da er diese liebenswürdige Fürstin sehr gut gekannt habe. Eine anwesende Dame, die ihn in Verlegenheit setzen wollte, nahm darauf das Wort und sagte zu ihm: ‚Dann haben Sie auch wohl unseren Herrn Jesus Christus gekannt?’ -- ‚Ob ich ihn gekannt habe!’ erwiderte er; ‚so gut, daß ich ihm sagte, als er jene Geschichte im Tempel hatte: Lieber Freund, das kann nicht gut enden.’“

IV

Madame _Campan_, Kammerfrau der Königin Marie Antoinette, berichtet in den „Anekdoten über die Regierung Ludwigs XV.“[98] von einer Frau von Marchais:

„Sie behielt im höchsten Alter das schönste Haar. Angeblich hatte ihr der berüchtigte Graf Saint-Germain, der am Hofe Ludwigs XV. als hochberühmter Alchimist auftrat, ein Elixier gegeben, das die Haare erhielt und sie vor dem Ergrauen bewahrte.“

V

Der weimarische Legationsrat Friedrich Johann Justin _Bertuch_ (1747-1822) erzählt in seiner Verdeutschung der Schrift: „Cagliostro in Warschau“, S. 28 Anmerkung (Straßburg 1786) vom Grafen Saint-Germain:

Sein sogenannter Kammerdiener war ihm heimlich durchgegangen und hatte ihm das Rezept zu seinem Wunderpulver gestohlen. Man bringt ihm die Nachricht, daß der Kerl sich irgendwo etabliert habe und damit kurieren wolle, und sagt ihm, es müsse ihm doch höchst unangenehm sein, sein _arcanum_ auf diese Art gemißbraucht zu sehen. -- „Nichts weniger!“ antwortet Saint-Germain darauf, „ich werde machen, daß es in des Kerls Händen nicht wirkt!“

VI

Graf _Mirabeau_ (1749-1791), der berühmte französische Schriftsteller und Politiker, schreibt in seinem Werke „De la monarchie prussienne sous Frédéric le Grand“, Bd. 5, S. 69 (London 1788):

Saint-Germain, der von einem Grafen Lamberg in seinem „Tagebuch eines Weltkindes“ angekündigt worden war[99], hatte Jahrtausende gelebt. Er hatte einen Tee entdeckt, vor dem alle Krankheiten verschwanden. Er machte im Handumdrehen faustgroße Diamanten. Er schloß sich eng an den Prinzen Karl von Hessen an und vergaß, wie seine Vorgänger, nicht zu sterben.

AUS DEN „DENKWÜRDIGKEITEN“ DER LADY CRAVEN[100]

Ein anderer Wundermann war Saint-Germain, der am Hofe Ludwigs XV. eine Rolle spielte und hier, wie auf seinen Reisen, von der Leichtgläubigkeit der Menschen Vorteil zog. Der Graf von Lamberg[101] war sein Johannes gewesen und hatte ihn feierlich verkündet. Dieser Graf von Saint-Germain hatte mehrere tausend Jahre gelebt und mit den ausgezeichnetsten historischen Personen aller Jahrhunderte genauen Umgang gepflogen; denn er war im Besitz eines Tees, der alle Krankheiten vertrieb und ein wahres Kraut gegen den Tod war. Nur zu seiner Unterhaltung machte er Diamanten von unermeßlicher Größe. Als ein Unsterblicher nahm er nie leibliche Nahrung zu sich. Wenn er bei den Großen zur Tafel geladen worden, berührte er kein Brot, kein Fleisch, setzte kein Glas an seine Lippen, sondern begnügte sich, der Gesellschaft aus dem Schatz seiner tausendjährigen Erfahrung allerlei lehrreiche Geschichten zu erzählen. Mit Cäsar hatte er sich oft über die Mittel unterhalten, der in Verfall geratenen römischen Republik durch eine monarchische Verfassung ein neues, frisches Leben zu geben. Cäsar hatte darüber ganz eigene Ideen gehabt, die durch Unterhaltungen mit den Druiden in Britannien[102] in ihm geweckt worden. Einer von diesen Druiden sei sogar Privatsekretär bei Cäsar gewesen, und Saint-Germain hätte von ihm über den alten Zustand von Britannien viel Interessantes erfahren. Den Apostel Petrus hatte der Graf sehr genau gekannt und ihm oft freundschaftlich geraten, seine Heftigkeit zu mäßigen. Johannes sei ein schlanker, hübscher Mann gewesen, von sanftem Charakter und etwas zum Mystizismus geneigt; er habe seine Schriften dem Saint-Germain vor der Bekanntmachung mitgeteilt, der auch einige dunkle Stellen korrigiert habe.

Solche und ähnliche Geschichten erzählte der Graf mit der größten Ernsthaftigkeit, und gelehrte Männer hatten dabei nicht selten Gelegenheit, seine historischen Kenntnisse zu bewundern.

Er gesellte sich zuletzt zu dem Prinzen Karl von Hessen, dem er den Kopf verdrehte. Am Ende aber wurde dieser Unsterbliche des Lebens müde und starb wie jeder andere gewöhnliche Mensch, und wie alle seine Vorgänger auch getan haben.

AUS DEN „ERINNERUNGEN“ DER MARQUISE VON CRÉQUY[103]

Die Marquise von Urfé[104] trachtete immerfort nach dem Pulver zur Verwandlung von Kupfer in Gold und arbeitete Tag und Nacht, um sich ein Lebenselixier herzustellen. Sie verließ ihr Laboratorium kaum noch und gewährte nur wenigen Zutritt dazu. Ihr Verkehr beschränkte sich auf Adepten und Rosenkreuzer[105]; sie ging nur noch mit Öfen, Retorten und Destillierkolben um. Vier Jahre lang arbeitete sie mit dem angeblichen Grafen von Saint-Germain an Kabbala und dem Stein der Weisen, was ihr 100000 Taler gekostet hat ...

Der Graf von Saint-Germain war ein Zeitgenosse Christi, des Kaisers Tiberius und des Vierfürsten Herodes von Galiläa, von dem er eine dicke braune Haarsträhne besaß. Er kannte Pontius Pilatus aus Jerusalem und aus Grenoble, seinem späteren Exil, aber dieser Mann war ein solcher Tropf, daß er vor Bekanntwerden der Evangelien nur eine undeutliche Erinnerung an Christus hatte ...

Eines Tages besuchte ich Frau von Urfé in Gesellschaft der Gräfin von Brionne. Obwohl die Alchimistin kaum noch Besuche annahm, wurde die Toreinfahrt beim Anblick meiner Livree geöffnet, und wir gingen hinauf. Man führte uns ohne Anmeldung zu ihr, wie es in diesem geheimnisvollen Hause Brauch war, und wir fanden die Marquise -- es war im Juli -- bei einem starken Kaminfeuer sitzend. Ihr gegenüber saß ein Mann, der wie zu Olims Zeiten gekleidet war. Auf dem Kopfe trug er eine große betreßte Kappe. Beim Erscheinen der Gräfin nahm er sie weder ab, noch stand er auf. Sie war darob sehr betroffen.

„Ich habe gestern einen Brief von Herrn von Créquy-Canaples erhalten“, sagte die Marquise von Urfé zu mir. „Er klagt, daß er in den Hundstagen im Artois friert.“ Teilnehmend setzte sie hinzu: „Er ist offenbar nicht mehr klar im Kopfe.“

„Bei Gott!“ rief der Herr laut und barsch, „ich weiß, woher das kommt! Ich kannte den alten Kardinal de Créquy[106]. Ich habe ihn während der ersten Tagung des Konzils von Trient[107] oft gesehen. Er redete da nichts als dummes Zeug. Ich kann Ihnen versichern, daß er völlig überspannt war. Damals war er Bischof von Rennes.“

Ich erriet, daß ich Herrn von Saint-Germain vor mir hatte, dessen Aufschneidereien und die Geschichten, die man davon erzählte, mich stets geärgert hatten. Ich wandte mich mit offener, harmloser Miene an ihn und sagte:

„Sie meinen wohl: Bischof von Nantes?“

„Nein, Madame, Bischof von Rennes, Rennes in der Bretagne. Ich weiß sehr wohl, was ich sage und von wem ich rede!“

„Mein Herr,“ entgegnete ich etwas von oben herab und mit herausfordernder Lustigkeit, „Sie wissen offenbar nicht, mit wem Sie reden.“

„Madame!“ rief er mit Donnerstimme und warf mir wütende Blicke zu.

„Regen Sie sich doch nicht auf, mein Herr“, versetzte ich. „Und da Sie so vieles wissen, sagen Sie mir doch gütigst, wie ich heiße.“

„Unter anderem“, rief er im Ton eines Hierophanten, „tragen Sie einen Namen, dessen Wurzel kufisch, hebräisch und samaritanisch ist, einen gesegneten, sieghaften Namen, aber blutbedeckt, seines Glanzes beraubt und verderblich!“

„Ach!“ unterbrach ich ihn mit vorwurfsvoller, verletzter Miene, „ein durchaus kufischer und vor allem verderblicher Name! Dem werde ich gewiß nicht beistimmen!“

„Wie haben Sie nur erraten, daß sie Viktoria heißt?“ fragte ihn Frau von Urfé mit zärtlich bewunderndem Blick.

„Es wäre mir lieber gewesen,“ fuhr ich etwas frostig fort, „wenn der Herr uns gesagt hätte, daß ich die Marquise von Créquy bin. Der Kardinal von Créquy“, setzte ich hinzu, „ist nie etwas anderes gewesen als Bischof von Nantes und Amiens, Erzbischof von Tyrus und Patriarch von Alexandria. Auch das Beiwort _alt_ trifft auf ihn nicht zu, denn er starb mit 45 Jahren an der Pest, und was das dumme Zeug anlangt, das er bei der ersten Tagung des Konzils von Trient im Jahre 1545 geredet haben soll, so darf man ihm keinen allzu schweren Vorwurf daraus machen, denn er war damals erst fünf bis sechs Jahre alt ...“

„Madame, Sie beleidigen mich!“

„Nein, mein Herr, ich gebe Ihnen bloß eine Antwort, und ich beleidige Sie so wenig damit wie die Wahrheit.“

„Ich wette um 10000 Louisdors.“

„Mein Herr, ich lebe vom Ertrag meiner Landgüter und habe nicht 10000 Louisdors zu verwetten.“

„Dann wette ich um 100 Louisdors.“

„Lassen Sie es dabei bewenden“, entgegnete ich ihm in gebieterischem Tone, so daß er seine Schwindeleien und Grobheiten herunterschlucken mußte. „Nur Engländer oder Lakaien können eine Dame mit ‚Ich wette! Ich wette!’ herausfordern. Und auch nur, wenn sie keine triftigen Gründe haben.“

Frau von Urfé, die ich dabei anblickte, schien mir lächerlich verwirrt. Sie bat mich, weder zu Hause noch sonstwo darüber zu reden; denn sie fürchtete sich vor dem Kardinal Fleury[108], der kein Freund der Schwindler war, und das versprach ich ihr gern. Die Folge war, daß die Tür ihres Laboratoriums mir nur noch halb geöffnet wurde, und auch nur, wenn sie allein war.

Der Baron von Breteuil hatte als Minister des Königlichen Hauses[109] in den Archiven ausfindig gemacht, daß der angebliche Graf von Saint-Germain der Sohn eines jüdischen Arztes aus Straßburg war und eigentlich Daniel Wolf hieß. Er war 1704 geboren, damals also 68 Jahre alt, während er sich als Mann von 1814 Jahren ausgab -- dank einem Lebenselixier, dessen Rezept er angeblich einer ihm sehr gewogenen Königin von Judäa verdankte. Mit 68 Jahren sah er aus wie ein Mann in diesem Alter, der sich kräftiger Gesundheit erfreut. Er hielt sich gerade und hatte einen raschen Gang, sprach bestimmt und gut, wenn auch mit leichtem Elsässer Akzent. Sein Blick war fest, ja frech, seine Haut weiß und glänzend, sein weißes Haar voll, sein Bart üppig, desgleichen die Augenbrauen. Frau von Urfé pflegte deshalb zu sagen, er gleiche Gottvater[110] ...

Eine andere kräftige Abfuhr, die viel von sich reden machte und recht amüsant war, erfuhr Saint-Germain durch den Grafen von Chastellux in einer Gesellschaft bei Herrn Le Normand d’Étioles[111]. Saint-Germain hatte sich nach den Tischgästen erkundigt und sich besonders über Herrn von Chastellux Rat geholt, Bücher gelesen und sich schnell so auf sein Thema vorbereitet. Als der Graf von Chastellux gemeldet wurde, eilte er auf ihn zu und fragte ihn, ob er nicht ein Nachkomme des Marschalls von Chastellux[112] sei, der im 14. Jahrhundert Statthalter der Normandie war. Herr von Chastellux entgegnete, er glaubte sein Nachkomme im siebenten Grade zu sein.

„Ihr erlauchter Ahn war ein Held,“ versetzte Saint-Germain. „Der König[113] bezahlte für ihn im Jahre 1418 2500 Livres Lösegeld. Ich werde mich zeitlebens erinnern, daß ich ihn als Schirmherrn des Domkapitels und Ehrendomherrn der Kathedrale von Auxerre im Chor sitzen sah. Zu dem Zweck trug er ein Chorhemd über seinem Harnisch, einen Chorherrenmantel darüber und den Marschallstab von Frankreich in der Hand. Seine ehrwürdige Mutter, Alix von Bourbon-Montpeyroux[114], war die leibliche Nichte seines Vaters. Ja, Herr Graf, dieser ehrwürdige Marschall, Ihr Vorfahr, war mein Busenfreund, und seinen ältesten Sohn liebte ich wie meinen Augapfel. Sie wissen? Sein ältester Sohn, Johann III. von Beauvoir, Herr von Chastellux und Vicomte von Avallon, der die Tochter des Herrn von Aulnery geheiratet hatte. Ich sehe sie vor mir und versichere Ihnen, sie war im Jahre 1493 eine reizende Frau! Der junge Mann hatte nur einen Fehler, er war verschwenderisch wie ein Landsknecht, und wenn er in Ihren Wäldern von Coulanges und Baserne die hohen Bäume abholzen ließ, war sein Vater wütend auf ihn. Ja, der alte Marschall war knauserig! Ich entsinne mich: eines Tages zu Ostern wollte er seine Familie und seine Leute weiter fasten lassen, weil in seiner Küche eine große Menge Fische übrig geblieben war, die er zur Fastenwoche hatte fischen lassen.“

„Verzeihen Sie, Sie verwechseln den Großvater mit dem Enkel“, entgegnete Graf Chastellux mit vornehmer Höflichkeit und größter Kaltblütigkeit. „Der Marschall war von prachtvoller Freigebigkeit. Philipp II. von Chastellux, sein Enkel, galt für -- sparsam.“

Nun gab es einen chronologischen Disput und beiderseitige Zitate; der Abenteurer brauste auf, aber die Diskussion fiel durchaus zugunsten des Grafen von Chastellux und der Freigebigkeit seines Vorfahren, des Marschalls, aus. Man ließ zwei alte Bücher aus der Bibliothek holen und brachte zwei alte Spottverse von Alain Chartier und Saint-Gelais[115], die 92 Jahre auseinanderlagen, zum Beweise bei. Somit war erwiesen, daß der Graf von Saint-Germain nur ein ungeschickter und schlecht unterrichteter Schwindler war.

Eine andere schöne Geschichte ist die des Prinzen von Craon, den Saint-Germain nicht von Angesicht kannte und der eines Tages im Hotel Uzès in eine große Gesellschaft hineinplatzte, wo besagter Saint-Germain seine Flausen gerade zum besten gab und man ihm mit offenem Munde zuhörte. Es war von Nicolas Flamel[116] und seiner Frau Perronelle, ihrem Lebenselixier und ihrem sympathischen Pulver die Rede.

„Mein Gott!“ rief der Prinz von Craon, „wissen Sie denn nicht, was eben bei der Gräfin von Sennecterre geschehen ist?“

„Was denn? Was denn?“ fragte Saint-Germain, der ihr für bare 200 Louisdors ein Fläschchen seines Elixiers „überlassen“ hatte.

„Denken Sie nur, mein Herr,“ entgegnete jener, „der Herr Graf Saint-Germain, ein guter Bekannter der Gräfin Sennecterre, hat ihr aus Großmut ein Fläschchen ätherischer Flüssigkeit geschenkt, das sie verjüngen sollte, wenn sie einen Tropfen mit 50 Jahren, zwei nach vollendeten 60 Jahren, vier mit 90 Jahren und so fort nahm. Sie wollte ihrem Gatten, der erst 71 Jahre alt ist, die Sache verheimlichen. Offenbar findet sie ihn noch zu jung.“

„Keine spitzen Bemerkungen! Bitte zur Sache!“ rief die Herzogin von Uzès, die vor Ungeduld und Besorgnis umkam, da sie dasselbe Mittel eingenommen hatte.

„Frau von Sennecterre hatte ihr kostbares Fläschchen einem Fräulein Jacoby anvertraut, einer alten, biederen und sorgsamen Person. Gestern ging Frau von Sennecterre auf einen Ball, und als sie um 5 Uhr morgens zurückkommt -- wen findet sie da, meine Damen? Ein kleines Mädchen von sieben bis acht Jahren, das auf allen Möbeln herumkletterte und wie ein Zicklein durch die Zimmer hüpfte. ‚Aber was ist denn das für ein dreistes kleines Ding, das da herumspringt? Wo sind meine Kammerfrauen?’ -- ‚Wie, Frau Gräfin,’ erwiderte das Mädchen mit heller, kecker, kichernder Stimme, ‚Sie erkennen Fräulein Jacoby nicht, die Sie seit Ihrem vierten Jahre erzogen hat? Das ist doch arg!’ -- ‚Aber wie ist denn das möglich?’ -- ‚Ach Gott, ich hatte Leibweh und wollte von dem Wasser des Herrn von Saint-Germain trinken. Es hat mich so prächtig kuriert! Und doch hab’ ich nur ein Schlückchen getrunken.’ -- ‚Das war wohl das mindeste, daß Sie mir ein paar Tropfen in dem Fläschchen übrig ließen’, sagte Frau von Sennecterre mit kaum verhehltem Ärger. ‚Schicken Sie mir wenigstens die Julie zum Auskleiden. Wo ist denn Julie?’ -- ‚Da, Frau Gräfin’, sagte ihre alte Erzieherin und lachte wie närrisch. Damit wies sie auf ein kleines Kind von höchstens sechs bis acht Wochen, das auf dem Teppich saß und am Daumen lutschte. ‚Das ist Julie. Sie hat alles ausgetrunken, Frau Gräfin, und nun ist sie so verjüngt, daß man sie kaum mehr sieht.’“

„Ich versichere Ihnen,“ fuhr der Prinz von Craon mit unerschütterlichem Ernst fort, „man muß bei der Verabreichung des Lebenselixiers sehr vorsichtig sein. Herr von Saint-Germain bringt uns in Gefahr, wieder zu Kindern zu werden, und hat man Prozesse zu führen oder Töchter zu verheiraten, so ist es nicht immer angebracht, zum Sabberlatz und Gängelband zurückzukehren. Also man kann nicht vorsichtig genug sein.“

Herr von Saint-Germain hatte sich aus dem Staube gemacht, sobald er merkte, daß der Prinz von Craon ihn zum besten hielt. Seitdem machte sich jedermann über Saint-Germain lustig.

AUS DEN „DENKWÜRDIGKEITEN ZUR GESCHICHTE DES GRAFEN CAGLIOSTRO“[117]

Cagliostros Besuch bei Saint-Germain

Eine Satire

Sie (das Ehepaar Cagliostro) gehen nach Wien. Im Adel, in der Geistlichkeit und im Kaufmannsstand herrschte solche Unzufriedenheit, daß sie gleich weiterfahren und nach Holstein reisen. Dort hatte der berüchtigte Graf Saint-Germain sein Tabernakel errichtet[118]. Dieser große Mann genoß seit mehreren Jahren die Wonnen der Unsterblichkeit und bildete friedlich das Glück dreier Personen, die ihn mit Champagner und Ungarwein tränkten -- zum Dank für den Goldstrom, den er in ihr Land geleitet hatte.