Der Graf von Saint-Germain: Das Leben eines Alchimisten

Part 5

Chapter 53,571 wordsPublic domain

„Nun, mein Herr, ein Mann wie ich ist bei der Wahl seiner Mittel sehr oft in Verlegenheit, und wenn es zutrifft, daß die Narren oder die Könige die einzigen sind, denen man einen großen Diamanten anbieten kann, so verdiente ich die Ablehnung des Offiziers; das Unrecht war ganz auf meiner Seite. Übrigens ist der Mensch geneigt, bei den Kunstfertigkeiten oft gewisse Leistungen, die allein auf Rechnung des Künstlers kommen, der Natur zuzuschreiben. Ein Pott, ein Marggraf, ein Rouelle[67] verkünden von ihrem Dreifuß, daß niemand Diamanten gemacht hat, weil sie die Gründe nicht kennen, die dem Gelingen entgegenstehen. Wenn alle diese Herren (ihre Zahl ist groß) die Menschen mehr studieren wollten als die Bücher, so würden sie bei ihnen Geheimnisse entdecken, die sie in der „Goldenen Kette Homers“ und dem großen und kleinen „_Albertus_“, in dem geheimnisreichen Band „_Picatrix_“[68] usw. nicht finden. Die großen Entdeckungen werden nur dem zuteil, der reist.

„Ich verdanke die Entdeckung des Schmelzens der Edelsteine der zweiten Reise nach Indien, die ich 1755 mit dem Oberst Clive[69] unter dem Befehl des Vizeadmirals Watson[70] machte. Auf meiner ersten Fahrt hatte ich nur sehr geringe Kenntnisse über dies wunderbare Geheimnis erworben. Alle meine Versuche in Wien, in Paris, in London galten nur als Proben; den Stein der Weisen zu finden, war mir in der genannten Zeit beschieden.

„Aus guten Gründen gab ich mich bei dem Geschwader nur als Graf C...z aus. Überall, wo wir landeten, genoß ich die gleichen Auszeichnungen wie der Admiral. Ohne mich nach meinem Vaterlande zu fragen, erzählte der Nabob von Baba mir nur von England. Ich entsinne mich, mit welchem Vergnügen er meiner Beschreibung vom Pferderennen zu Newmarket zuhörte. Ich erzählte ihm, daß ein berühmtes Pferd namens Eclipse schneller sei als der Wind, und ich log nicht; denn angenommen, daß dies Pferd in einer Minute eine englische Meile lief, d. h. 82½ Fuß in der Sekunde, könnte man, selbst wenn es diesen rasenden Lauf nur ein bis zwei Minuten aushielt, ohne Gefahr begründeten Widerspruchs behaupten, daß ein solches Pferd vor dem Winde herlief; denn dessen größte Geschwindigkeit beträgt 85 Fuß im freien Raum, und ein Schiff, das auch nur ein Drittel seines Anpralls aushielte, würde 6 (französische) Meilen in der Stunde vorwärts getrieben werden, was der größten bekannten Fahrtgeschwindigkeit entspricht.

„Der Nabob schlug mir vor, ihm meinen Sohn, den ich mithatte, dazulassen. Er nannte ihn seinen Lord Bute[71], nach dem Muster seiner Höflinge, die sämtlich englische Namen trugen. Dieser Nabob hatte unter seinen Kindern einen Prinzen von Wales, einen Herzog von Glocester, einen Herzog von Cumberland usw. Als Watson ihn besuchte, erkundigte er sich nach dem Befinden des Königs Georg, und als er erfuhr, daß dieser einen Sohn verloren hatte[72], rief er seufzend aus: „Auch ich habe meinen Prinzen von Wales verloren!“

Der _Marquis Belmar_.“

Eine Gabe, die Herr von Belmar allein besitzt und die in den Familien gelernt und gepflegt zu werden verdiente, ist, mit beiden Händen zugleich zu schreiben. Ich diktierte ihm etwa zwanzig Verse aus „Zaïre“[73], die er auf zwei Blättern Papier in denselben Schriftzügen zugleich schrieb. „Ich tauge nicht viel,“ sagte er zu mir, „aber Sie werden zugeben, daß ich meinen Sekretär ganz umsonst ernähre. Die Fortschritte in den Kunstfertigkeiten sind langsam; man beginnt mit Versuchen und gelangt schließlich zu einem festen System.“

* * *

Am Schluß berichtigt Lamberg die Angabe der in Florenz erscheinenden Zeitung „_Le notizie del mondo_“, die im Juli 1770 unter der Rubrik „Nachrichten aus der Welt“ die Mitteilung gebracht hatte:

„Tunis, Juli 1770. Der kaiserliche Kammerherr Graf Maximilian Lamberg hat der Insel Korsika einen Besuch abgestattet, um verschiedene Forschungen anzustellen. Er weilt hier seit Ende Juni in Gesellschaft des Herrn von Saint-Germain, der in Europa wegen seiner umfassenden politischen und philosophischen Kenntnisse berühmt ist[74].“

Lamberg dementiert diese Nachricht mit dem Hinweise, daß ihn die Zeitung zum Reisegefährten Saint-Germains in Afrika mache, „zu einer Zeit, wo Herr von _Belmar_ aus Genua an einen Freund in Livorno schrieb, er wolle nach Wien gehen, um den Prinzen Ferdinand von Lobkowitz[75] wiederzusehen, dessen Bekanntschaft er 1745 in London gemacht hatte.“

Schreiben des Grafen Lamberg an Opiz[76]

„Herr von Saint-Germain hat ziemlich lange in Paris gelebt und das allgemeine Gespräch gebildet. Er behauptete tatsächlich, vierhundert Jahre alt zu sein. Ich war sehr gespannt, ihn zu sehen. Eines Tages traf ich ihn bei der verstorbenen Prinzessin von Talmond. Ich fühlte ihm auf den Zahn und hörte ihm aufmerksam zu. Er schien mir sehr kenntnisreich und sehr unterhaltend. Abends erzählte ich von der zufälligen Begegnung in einem Hause, wo ich zur Nacht speiste. Ich sagte, ich hätte den berühmten Grafen von Saint-Germain gesehen. Man fragte mich, ob er wirklich 400 Jahre alt sei, wie er behaupte. Ich entgegnete kalt: „Ich glaube, er übertreibt. Er sieht nicht älter aus als 200 Jahre.“ Im übrigen empfiehlt sich dieser berühmte Abenteurer, der einen guten Teil seines Lebens mit der Leichtgläubigkeit der Menschen gespielt zu haben scheint, durch seine Kenntnisse und Talente. Die Eigenartigkeit ist durchaus nicht sein einziger Vorzug; man täte ihm Unrecht mit der Annahme, daß sein Ruf nur darauf beruht. Seine Reisen und Forschungen würden eigenartiges und nützliches Material für einen Schriftsteller liefern, der über sichere Nachrichten verfügt.“

Aus Lambergs „Kritischen, moralischen und politischen Briefen“[77]

Cagliostro[78] ist undurchdringlich und ebenso eigenartig wie der Graf von Saint-Germain, dessen Schüler er sein soll, wenn er auch seinem Meister an Talenten und Genie weit nachsteht. Dieser verdankte seine Berühmtheit seinem Wissen; jener verdankt sie dem Glück und dem Ränkespiel: _Mundus vult decipi_[79].

Epigramm des Grafen Lamberg auf Saint-Germain[80]

Dreihundert Jahre bin ich für die Welt. Zweihundert zähle ich für meine Freunde. Beim Trinken bin ich fünfzig Jahre alt. Bei Iris sind es fünfundzwanzig bloß. Ich bin zwar nicht Fortunas Feind in allem, Doch macht sie mich zu ihrem Spielball nicht: Ich selber war’s, der stets mit ihr gespielt.

Grabschrift Saint-Germains auf den Grafen Lamberg[81]

Um einen Weltmann traure, braver Bürger, Der Gottes Freund, Freund von Gesetz und Recht, Des Kaisers Freund und auch des Nächsten war. Lamberg starb arm, doch unverdienstlich nicht. Er ward es satt, lichtscheuer Dummheit Licht Zu bringen, doch das Schicksal war gerecht: Der Nachwelt weiht es seinen teuren Namen, Den siechen Leib den Würmern, und sein Herz Dem Vaterland, der Freundschaft seine Seele, Den Musen aber seinen hohen Geist.

Zur Kritik Lambergs

Der brandenburgische Forscher _Moehsen_ schreibt im Anschluß an Lamberg in seinen „Beiträgen zur Geschichte der Wissenschaften in der Mark Brandenburg“, S. 22 (Berlin und Leipzig 1783):

„So hat auch in unseren Tagen der berühmte Marquis _Belmar_ oder Graf Saint-Germain von der außerordentlichen Kraft eines solchen Verjüngungsbalsams eine große Erfahrung durch einen Apostolischen K. K. Kammerherrn bekannt werden lassen. Eine alte Dame hatte sich zu stark damit gerieben und sahe sich in kurzer Zeit in den Zustand eines Embryons versetzt, und man kann sich vorstellen, wie künstlich und beschwerlich es dem Herrn Grafen geworden, wenn er sie wieder zur Welt bringen und aufpäppeln müssen.“

AUS DEN „DENKWÜRDIGKEITEN“ DER GRÄFIN GENLIS[82]

Ich komme nun zu einer seltsamen Persönlichkeit, die ich länger als ein halbes Jahr fast täglich gesehen habe. Das war der berühmte Schwindler Graf Saint-Germain. Er sah damals höchstens wie ein Fünfundvierzigjähriger aus, aber nach dem Zeugnis von Leuten, die ihn 30 bis 35 Jahre vorher gesehen, war er sicherlich weit älter.

Er war nicht ganz mittelgroß, gut gewachsen und hatte einen sehr leichten Gang. Seine Haare waren schwarz, seine Haut stark gebräunt, sein Gesichtsausdruck sehr geistreich, seine Züge ziemlich regelmäßig. Er sprach fließend Französisch, ohne eine Spur von Akzent, ebenso Englisch, Italienisch, Spanisch und Portugiesisch.

Er war ein hervorragender Musiker, begleitete auf dem Klavier aus dem Kopfe alles, was man sang, und mit solcher Vollendung, daß Philidor[83] darüber erstaunt war, ebenso über sein Präludieren.

Er war ein guter Physiker und ein großer Chemiker. Mein Vater, der das wohl beurteilen konnte, bewunderte seine Kenntnisse auf diesem Gebiet sehr. Er malte auch in Öl, freilich nicht hervorragend, aber doch nett. Er hatte ein Geheimverfahren für wirklich prachtvolle Farben, durch das seine Bilder hervorragend ausfielen. Er malte im Stil der Historienmalerei; seine Frauengestalten waren stets mit Juwelen geschmückt. Für diese Schmuckstücke benutzte er seine Farben, und seine Smaragde, Saphire, Rubinen usw. hatten wirklich die Leuchtkraft, den Wiederschein und Glanz der wirklichen Steine. Latour, Vanloo[84] und andere Maler besichtigten seine Gemälde und bewunderten aufs höchste den erstaunlichen Kunstgriff dieser leuchtenden Farben, die allerdings den Nachteil hatten, die Gesichter auszulöschen und ihre Naturwahrheit durch ihre überraschende Täuschung zu zerstören. Aber für die Ornamentalmalerei hätten diese seltsamen Farben von großem Nutzen sein können, hätte Saint-Germain das Verfahren nicht geheim gehalten.

Im Gespräch war er belehrend und unterhaltend. Er war viel gereist und beherrschte die neuere Geschichte mit erstaunlicher Kenntnis der Einzelheiten. Man sagte daher, er spräche von längst verstorbenen Personen, als hätte er mit ihnen gelebt. Aber ich habe dergleichen aus seinem Munde nie gehört.

Er zeigte die besten Grundsätze, erfüllte gewissenhaft alle äußeren Pflichten der Religion, war sehr wohltätig und, wie allgemein zugegeben wurde, von größter Sittenreinheit. Kurz, in seinem Benehmen wie in seinen Reden war alles gesetzt und moralisch.

Dieser Mann erschien außergewöhnlich durch seine Talente, seine umfassenden Kenntnisse und alles, was persönliche Achtung verschafft -- Wissen, vornehmes, gesetztes Wesen, lauteren Wandel, Wohlstand und Wohltätigkeit. Trotzdem war er ein Schwindler oder doch ein halber Narr, der sich Maßloses auf seine paar besonderen Geheimmittel einbildete, die ihm eine kräftige Gesundheit und ein längeres Leben als das des Durchschnitts der Menschen verschafft hatten. Ich bin überzeugt, und mein Vater glaubte es fest, daß Saint-Germain, der damals höchstens 45 Jahre alt schien, mindestens 90 alt war. Triebe der Mensch nicht Mißbrauch mit allem, so würde er insgemein noch zu höheren Jahren kommen; Beispiele dafür sind vorhanden. Ohne unsere Leidenschaften und unsere Unmäßigkeit würden wir 100 Jahre alt werden und bei sehr hohem Alter 150 bis 160 Jahre. Dann stände man mit 90 Jahren in der Kraft eines Vierzig- bis Fünfzigjährigen. Somit hat meine Annahme über Saint-Germain nichts Ungereimtes, vorausgesetzt, daß er mit Hilfe der Chemie die Bereitung eines Trankes oder einer Flüssigkeit gefunden hätte, die seinem Temperament entsprach. Auch ohne an den Stein der Weisen zu glauben, könnte man annehmen, daß er damals viel älter war, als ich hier voraussetze.

In den ersten vier Monaten unseres vertrauten Umgangs tat Herr von Saint-Germain keine maßlose Äußerung, ja nicht mal eine ungewöhnliche. In seinem Wesen lag etwas so Gesetztes und Achtenswertes, daß meine Mutter ihn gar nicht über die Seltsamkeiten, die man von ihm behauptete, zu fragen wagte. Eines Abends jedoch, als er mich beim Vortrag mehrerer italienischen Arien nach dem Gehör begleitet hatte, sagte er zu mir, ich würde in vier bis fünf Jahren eine sehr schöne Stimme haben. „Und wenn Sie siebzehn bis achtzehn Jahre alt sind,“ setzte er hinzu, „würden Sie dann nicht gern in diesem Alter bleiben, wenigstens für eine lange Reihe von Jahren?“ Ich wäre entzückt darüber, entgegnete ich. „Wohlan!“ fuhr er tiefernst fort, „das verspreche ich Ihnen.“ Und sofort ging er auf andere Dinge über.

Diese paar Worte ermutigten meine Mutter, ihn kurz darauf zu fragen, ob er wirklich aus Deutschland stamme. Da schüttelte er geheimnisvoll den Kopf und versetzte mit einem tiefen Seufzer: „Alles, was ich Ihnen über meine Herkunft sagen kann, ist, daß ich mit sieben Jahren in Begleitung meines Gouverneurs durch die Wälder irrte und daß auf meinen Kopf ein Preis gesetzt war!“ Bei diesen Worten schauderte ich, denn die Ehrlichkeit dieser großen Offenbarung stand für mich außer Zweifel. „Am Tage vor meiner Flucht“, fuhr Saint-Germain fort, „befestigte meine Mutter, die ich nicht wiedersehen sollte, ihr Bild an meinem Arme.“

„Ach Gott!“ rief ich aus. Bei diesem Ausruf blickte Saint-Germain mich an und schien gerührt, weil er meine Augen voller Tränen sah.

„Ich will es Ihnen zeigen“, sagte er.

Damit schlug er seinen Ärmel zurück und zeigte ein Armband mit schöner Emailmalerei, das eine bildschöne Frau darstellte. Ich betrachtete es mit tiefer Bewegung. Saint-Germain sagte nichts weiter und ging auf ein anderes Thema über.

Als er fort war, machte sich meine Mutter zu meinem großen Kummer über seine „Ächtung“ und seine „Königin-Mutter“ lustig; denn der Preis, der mit sieben Jahren auf seinen Kopf gesetzt war, die Flucht in die Wälder mit seinem Gouverneur ließen durchblicken, daß er der Sohn eines entthronten Herrschers war. Ich glaubte an diesen Königsroman und _wollte_ daran glauben, so daß die Scherze meiner Mutter mich sehr verdrossen. Seit jenem Tage sagte Saint-Germain nichts Bemerkenswertes mehr in dieser Hinsicht; er sprach nur noch von Musik, Kunst und Merkwürdigkeiten, die er auf seinen Reisen gesehen.

Er brachte mir jedesmal ausgezeichnete Bonbons in Fruchtform mit, die er, wie er versicherte, selbst gemacht hatte. Von allen seinen Talenten war mir dies nicht das unliebste. Er gab mir auch eine sehr merkwürdige Bonbonniere, deren Deckel er angefertigt hatte. Die Schachtel war aus schwarzem Perlmutter und sehr groß. Der Deckel war mit einem weit kleineren Achat verziert. Stellte man die Schachtel ans Feuer und nahm sie gleich darauf wieder fort, so sah man den Achat nicht mehr, sondern an seiner Stelle eine hübsche Miniatur, die eine Schäferin mit einem Blumenkorb darstellte. Diese Figur blieb so lange, bis die Schachtel wieder erwärmt wurde; dann erschien der Achat wieder und verdeckte die Darstellung. Das wäre ein reizendes Mittel, ein Bild zu verbergen. Ich habe seitdem eine Zusammensetzung entdeckt, mit der ich alle möglichen Steine, selbst durchsichtige Achate, täuschend ähnlich nachahme. Durch diese Erfindung habe ich den Kunstgriff von Saint-Germains Schachtel erraten.

Um mit meinen Erinnerungen über den seltsamen Mann zu schließen, muß ich sagen, daß ich 15 bis 16 Jahre später bei der Durchreise durch Siena in Italien erfuhr, daß er in dieser Stadt wohnte und daß man ihn nicht für älter als 50 Jahre hielte. 16 bis 17 Jahre darauf, als ich in Holstein war, hörte ich vom Prinzen von Hessen, dem Schwager des Königs von Dänemark und Schwiegervater des (heute regierenden) Kronprinzen[85], daß Saint-Germain ein halbes Jahr vor meiner Reise nach Holstein bei ihm gestorben sei. Der Prinz ging auf alle meine Fragen über den berühmten Mann ein. Wie er mir sagte, sah er zur Zeit seines Todes weder alt noch gebrechlich aus; nur schien er von einer unbezwinglichen Trübsal verzehrt. Der Prinz hatte ihm in seinem Schloß eine Wohnung angewiesen und machte mit ihm chemische Experimente. Saint-Germain war nicht als armer Mann zu ihm gekommen, doch ohne Begleitung und ohne glänzendes Auftreten. Er besaß noch mehrere schöne Diamanten. Er starb an Auszehrung, und zwar unter Zeichen furchtbarer Todesangst. Selbst sein Verstand war getrübt. Zwei Monate vor seinem Tode war er ganz geistesgestört. Alles an ihm deutete auf ein gequältes Gewissen hin, das sein Inneres in ungeheuren Aufruhr versetzte. Diese Erzählung betrübte mich; ich hatte noch immer viel für diesen seltsamen Mann übrig.

AUS GROSLEYS „NACHGELASSENEN SCHRIFTEN“[86]

Unter den Flüchtlingen, die Holland aufnimmt, gibt es Leute, deren fabelhafte Abenteuer unaufklärbar sind und bleiben. Im Jahre 1758 kam aus Frankreich nach Utrecht eine Frau von 36 Jahren, die durch Ton, Wesen und Benehmen eine gute Erziehung, ja vielleicht vornehme Herkunft verriet. Daran änderte sich nichts in den vier Jahren, die sie in einem Zimmer des Gasthofes, in dem ich wohnte, verbrachte. Sie hatte keine Bekannten und keinen Verkehr nach auswärts, außer daß sie vierteljährlich eine sehr anständige Rente erhielt. Umsonst hatte sie die besorgte Neugier des Wirtes erregt, der nach ihrem Fortgehen vergeblich seine Nachforschungen fortsetzte. Er schien noch voller Bewunderung für die Frömmigkeit und unveränderliche Sanftmut der „schönen Dame“, die er im Verdacht hatte, mit einem berühmten Abenteurer in Verbindung zu stehen: dem sogenannten Grafen Saint-Germain, der in Holland glänzend auftrat, mit allen europäischen Herrschern in Briefwechsel zu stehen behauptete, sich ein Alter von 74 Jahren beilegte, obwohl er erst ein Fünfziger zu sein schien, und den Stein der Weisen zu besitzen vorgab.

Seit zehn Jahren war die „schöne Dame“ von Utrecht nach Amsterdam übergesiedelt, und da ihre Rente ausblieb, hatte sie eine Stelle in einer alten Wohltätigkeitsanstalt der französischen Kirche erhalten. Sie bildet noch heute die Erbauung dieser Anstalt durch ihre Sanftmut und Frömmigkeit und alle christlichen und menschlichen Tugenden. Hätte ich Holland über Amsterdam statt über Utrecht verlassen, so hätte ich durch gründliche Nachforschungen vielleicht alles herausgebracht, was von ihr zu erfahren war.

Das Ergebnis meiner Nachforschungen über den Grafen Saint-Germain, dessen Geschichte mit der ihren verknüpft war, bilden folgende Einzelheiten, die ein Engländer seinen Landsleuten im _London Chronicle_ vom 5. Juni 1760 zum besten gegeben hat. Der Graf Saint-Germain hatte Paris auf höheren Befehl verlassen und war nach London gegangen[87], wo er die öffentliche Aufmerksamkeit bald erregte und sie so lange fesselte, bis er nach den nordischen Ländern spurlos verschwand. Nachfolgend die wörtliche Übersetzung jenes Zeitungsartikels.

Der London Chronicle

vom 5. Juni 1760

„Welche Gründe den geheimnisvollen Fremdling hierher geführt haben, ist völlig unbekannt, ebenso weshalb der Hof solches Aufheben von ihm gemacht hat. Sein rätselhaftes Leben und die seltsamen Dinge, die von ihm erzählt werden, geben seinen gewöhnlichsten Handlungen, deren Schauplatz ganz Europa ist, etwas Besonderes.

„Die ehrenvollen Titel, mit denen er sich schmückt, verdankt er weder seiner Geburt noch irgendwelcher Fürstengunst. Selbst sein Name ist ein Geheimnis, das bei seinem Tode noch mehr Verwunderung erregen wird als alle wunderbaren Ereignisse seines Lebens. Sein jetziger Name ist angenommen.

„Das Wort „Unbekannter“, mit dem man ihn bezeichnet, ist zu schwach; die Bezeichnung „Abenteurer“ und „Glücksritter“ aber gehen von niedrigen Voraussetzungen aus, die nicht seinem Wandel entsprechen. Sie träfen nur zu, wenn man damit einen Mann -- ich möchte fast sagen, einen vornehmen Mann -- bezeichnete, der viel ausgibt und von niemandem abhängt, dessen Einnahmequellen unbekannt sind, der aber die der Gauner verschmäht, und dem von keinem Menschen und nirgendwo nachgesagt werden kann, daß er ihn benachteiligt hätte.

„Unsere Kenntnis über sein Vaterland ist ebenso gering wie über seine Herkunft. Die gewagtesten Vermutungen füllen die Lücken aus, und auf dieser Grundlage hat niedrige Gesinnung, die überall etwas Schlechtes annimmt und sieht, Geschichten erfunden, die ebenso lächerlich wie für ihren Helden entehrend sind. Es wäre aber recht und billig, mit dem Urteil zurückzuhalten, bevor man ihn kennt, und Menschenpflicht wäre es, diese widersinnigen, haltlosen Geschichten nicht kritiklos hinzunehmen. Beschränkt man sich auf das, was bekannt ist, so erscheint er nur als ein Unbekannter, dem niemand etwas vorzuwerfen hat und dem Mittel unbekannten Ursprungs zur Verfügung stehen, um in dieser Weise seit geraumer Zeit aufzutreten. Vor Jahren tauchte er in England auf[88]. Seitdem hat er die größten europäischen Höfe mit dem glänzenden Gefolge eines vornehmen Fremden besucht.

„Gil Blas’ Meister[89] hatte stets Geld, ohne daß man wußte, woher. Das trifft auch auf unseren Unbekannten zu. Sein Wandel ist unter den heikelsten Umständen beobachtet und verfolgt worden, und er hat sich als harmlos und geregelt erwiesen. Zwischen dem Romanhelden und dem unseren besteht nur der Unterschied, daß er alle seine Schätze in winzigem Umfange von unbekannter Form mit sich zu führen scheint. Man könnte den Vergleich mit der Phiole der Alchimisten ziehen, die die Grundstoffe enthält, mit denen sie alle ihre Operationen vornehmen. Nie hat man vor seiner Haustür Tonnen voll Silber abladen sehen, deren er doch bedurft hätte, um ein so großes Haus zu führen.

„Geschickt erfaßt er die Lieblingsneigung jeder Nation, bei derer sich zeigt; dadurch hat er sich überall anziehend und angenehm zu machen gewußt. Bei seiner ersten Reise nach England fand er eine große Vorliebe für Musik vor und entzückte uns durch sein Geigenspiel. Seine Begabung für dies Instrument ist so hervorragend, daß man mit einem unserer Dichter sagen könnte, er sei mit der Violine in der Hand geboren. Italien fand ihn seinen Virtuosen ebenbürtig, ebenso seinen feinsten Kennern der alten und neueren Kunst. Deutschland stellte ihn auf die gleiche Stufe mit seinen geübtesten Chemikern.

„Bei seinen umfangreichen und mannigfaltigen Kenntnissen bildete es eine besondere Empfehlung, daß er sich niemals mit einer anderen Kunst beschäftigt zu haben schien als eben der, in der er hervorragen wollte. So trat er in der Musik als ausübender Künstler wie als Komponist stets mit der gleichen Virtuosität und dem gleichen Erfolg auf, und seine Unterhaltung drehte sich stets um diese Kunst, der er tausend bildliche Ausdrücke entlehnte.

„Aus Deutschland brachte er nach Frankreich den Ruf eines perfekten Alchimisten mit, der den Stein der Weisen und die Universalmedizin besaß. Er sollte Gold machen können, eine Behauptung, die sein glänzendes Auftreten und seine Ausgaben zu rechtfertigen schienen. Die Sache kam selbst dem Minister zu Ohren, der lächelnd sagte, er werde schon herauskriegen, aus welcher Mine er sein Gold bezöge. Doch vergebens stellte er die genauesten Nachforschungen über das Papiergeld und die Wechselbriefe an, in denen er jene Mine erblickte. Während dieser zweijährigen Nachforschungen lebte Saint-Germain wie gewöhnlich, bezahlte überall in klingender Münze, ohne daß man entdecken konnte, daß ein Wechselbrief für ihn nach Frankreich gelangt wäre. Dadurch wurden die Gerüchte bestärkt, er sei im Besitz des Steines der Weisen, und man schrieb ihm nun auch ein Allheilmittel, selbst ein Elixier gegen das Altwerden und seine Folgen zu.

„Eine vornehme Dame wollte die Probe machen. Als gefallsüchtige Frau sah sie mit Schmerz, daß die Jahre ihre Züge zu entstellen begannen. Sie geht zu dem Fremdling und sagt: „Herr Graf, was ich Ihnen sagen werde, wird Ihnen vielleicht etwas wunderlich erscheinen. Aber Sie sind die Gefälligkeit selbst; darum zur Sache. Wie man sagt, besitzen Sie noch etwas Besseres als das Geheimnis, Gold zu machen: die Gabe, die Gebrechen des Alters zu heilen, ja ihnen vorzubeugen. Noch bin ich von ihnen verschont, doch die Jahre gehen hin, und ich möchte nicht warten, bis ich es nötig habe. Reden Sie frei heraus: besitzen Sie diese Art Medizin? Wollen Sie sie mir geben, und unter welchen Bedingungen?“