Der Graf von Saint-Germain: Das Leben eines Alchimisten
Part 4
Bei meiner Rückkehr nach Paris im Jahre 1759[28] besuchte ich die Witwe des Chevalier Lambert, eine alte Bekannte. Nach mir sah ich einen mittelgroßen, sehr stämmigen Mann eintreten, der mit gesuchter, prächtiger Einfachheit gekleidet war. Er warf Hut und Degen auf das Bett der Hausfrau, setzte sich auf einen Lehnstuhl am Kamin und unterbrach den gerade redenden Herrn mit den Worten: „Sie wissen nicht, was Sie reden. Für diese Frage bin ich allein zuständig. Ich habe sie erschöpft, so gut wie die Musik, die ich aufgegeben habe, weil ich bis zur äußersten Grenze gelangt war.“
Erstaunt fragte ich meinen Nachbar, wer dieser Mann sei, und ich erfuhr, daß es der berühmte Saint-Germain war, der die seltensten Geheimnisse besaß, dem der König[29] eine Wohnung im Schloß Chambord eingeräumt hatte, der in Versailles ganze Abende mit Seiner Majestät und Frau von Pompadour verbrachte und dem alle Welt nachlief, wenn er nach Paris kam. Frau Lambert lud mich zum Essen für den nächsten Tag ein und setzte mit triumphierender Miene hinzu, ich würde mit Herrn von Saint-Germain speisen, der, nebenbei gesagt, einer ihrer Töchter den Hof machte und in ihrem Hause wohnte.
Die Dreistigkeit des Mannes hielt mich bei diesem Diner lange in respektvollem Schweigen. Schließlich wagte ich ein paar Bemerkungen über die Malerei und verbreitete mich über Verschiedenes, was ich in Italien gesehen. Ich hatte das Glück, Gnade vor den Augen von Saint-Germain zu finden. „Ich bin mit Ihnen zufrieden,“ sagte er zu mir, „und Sie verdienen, daß ich Ihnen alsbald ein Dutzend Gemälde zeige, dergleichen Sie in Italien nicht gesehen haben.“ In der Tat hielt er fast Wort; denn die Bilder, die er mir zeigte, trugen sämtlich ein Gepräge von Eigenart oder Vollendung, das sie anziehender machte, als manche klassischen Werke, insbesondere eine Heilige Familie von Murillo, die an Schönheit dem Raffael in Versailles gleichkam.
Aber er zeigte mir noch ganz andere Dinge: eine Menge Edelsteine, insbesondere farbige Diamanten von erstaunlicher Größe und Vollendung. Ich glaubte, die Schätze von Aladins Wunderlampe zu sehen. Unter anderem sah ich einen Opal von ungeheuerlicher Größe und einen eigroßen weißen Saphir, der alle Edelsteine, die ich daneben hielt, durch seinen Glanz überstrahlte. Ich wage mich als einen Juwelenkenner zu rühmen und kann versichern, daß das Auge nichts zu entdecken vermochte, was einen Zweifel an der Echtheit dieser Steine hätte begründen können, zumal sie ungefaßt waren.
Ich blieb bis Mitternacht bei ihm und verließ ihn als sein getreuer Anhänger. Sechs Monate lang folgte ich ihm mit der unterwürfigsten Beharrlichkeit, und ich habe nichts von ihm gelernt als die Praktiken und die Eigenart des Scharlatanismus. Kein Mensch besaß wie er die Gabe, die Neugier zu stacheln und die Leichtgläubigkeit auszunutzen. Er wußte seine Wundergeschichten je nach dem Maße der Empfänglichkeit seiner Zuhörer abzustimmen. Erzählte er einem Dummkopf eine Begebenheit aus der Zeit Karls V., so vertraute er ihm offen an, daß er dabeigewesen sei. Sprach er mit einem etwas weniger Leichtgläubigen, so schilderte er bloß die kleinsten Umstände, Miene und Gebärde der Sprechenden, ja selbst das Zimmer und den Fleck, an dem sie standen, mit allen Einzelheiten und einer Lebendigkeit, daß man den Eindruck erhielt, einen wirklichen Augenzeugen des Vorgangs zu hören. Bisweilen, wenn er eine Rede Franz’ I. oder Heinrichs VIII.[30] wiedergab, spielte er den Zerstreuten und sagte: „Der König wandte sich an mich --“, verbesserte sich aber rasch und fuhr, wie ein Mann, der sich verschnappt hat, hastig fort: „wandte sich an den und den Herzog.“
Im allgemeinen kannte er die Geschichte bis ins kleinste. Er hatte sich Bilder und Szenen zurechtgelegt und sprach von den fernsten Zeiten mit solcher Natürlichkeit, wie kaum ein Zeitgenosse von der jüngsten Gegenwart.
„Die dummen Pariser“, sagte er eines Tages zu mir, „glauben, daß ich 500 Jahre alt sei, und ich bestärkte sie in dieser Annahme; denn ich sehe, daß ihnen das viel Spaß macht. Ich bin freilich ungleich älter als ich aussehe,“ setzte er hinzu, denn auch mich wünschte er bis zu einem gewissen Grade irrezuführen. Aber die Pariser waren nicht nur so dumm, ihm ein mehrhundertjähriges Alter zuzuschreiben, sie machten ihn sogar zum Zeitgenossen Christi, und zwar aus folgendem Anlaß.
In Paris lebte ein kurzweiliger Mann, den man Mylord Gower nannte, weil er die Engländer hervorragend nachmachte. Nachdem die Regierung ihn im Siebenjährigen Kriege als Spion beim englischen Heere verwandt hatte, wurde er zum Spielzeug einiger Leute am Hofe, die die einfältigen Pariser zum besten haben wollten. Man steckte ihn in die verschiedensten Kostüme und ließ ihn alle möglichen Menschen kopieren. So wurde dieser Mylord Gower im Marais[31] als Herr von Saint-Germain eingeführt, um die Neugier der Damen und Maulaffen dieser Stadtgegend zu befriedigen, die sich leichter nasführen lassen als die Leute in der Gegend des Palais Royal. Auf diesem Schauplatz erlaubte sich unser falscher Adept seine Rolle zu spielen. Anfangs übertrieb er nur wenig. Als er jedoch sah, daß man alles bewundernd aufnahm, griff er von einem Jahrhundert aufs andere bis auf Jesus Christus zurück. Von ihm sprach er mit solcher Vertrautheit, als wäre er sein Freund gewesen. „Ich habe ihn sehr gut gekannt,“ sagte er. „Er war der beste Mensch auf Erden, aber romantisch veranlagt und unbesonnen; ich habe ihm oft gesagt, er würde ein schlimmes Ende nehmen.“ Dann ging unser Schauspieler auf die Dienste ein, die er ihm durch Vermittlung der Frau des Pilatus zu leisten versuchte, in deren Haus er täglich verkehrte. Er behauptete, die heilige Jungfrau, die heilige Elisabeth[32], ja selbst deren alte Mutter, die heilige Anna[33], gut gekannt zu haben. „Der“, sagte er, „habe ich nach ihrem Tode einen großen Dienst geleistet. Ohne mich wäre sie nie heilig gesprochen worden. Zu ihrem Glück war ich beim Konzil zu Nicäa[34], und da ich mehrere der dort versammelten Bischöfe kannte, bat ich so innig und stellte ihnen so oft vor, eine wie brave Frau sie gewesen sei und wie wenig es ihnen kostete, so daß sie dann auch wirklich heilig gesprochen wurde.“ Diese abgeschmackte Posse wurde in Paris ziemlich ernsthaft weitererzählt und trug Herrn von Saint-Germain den Ruf ein, im Besitz eines Lebenselixiers zu sein, das ihn verjüngte und unsterblich machte. Daraus entstand die Schnurre von der alten Kammerfrau einer Dame, die eine Phiole dieser göttlichen Flüssigkeit heimlich bewahrte. Die alte Kammerfrau grub sie aus und trank so viel davon, daß sie immer jünger und schließlich zum kleinen Kinde wurde.
Obwohl alle diese Fabeln und mehrere Anekdoten über Saint-Germains Alter weder Glauben noch Beachtung bei vernünftigen Menschen verdienen, so bleibt immerhin wunderbar, was mir zahlreiche glaubwürdige Personen über seine lange Lebensdauer und die fast unbegreifliche Unveränderlichkeit seines Äußeren bestätigt haben. So hörte ich Rameau[35] und die alte Verwandte eines französischen Botschafters in Venedig[36] versichern, als sie Saint-Germain dort 1710 kennen lernten, habe er wie ein Fünfzigjähriger ausgesehen. Im Jahre 1759 schien er 60 Jahre alt zu sein, und damals erneuerte Morin, mein späterer Gesandtschaftssekretär, für dessen Wahrhaftigkeit ich einstehe, in meinem Hause die Bekanntschaft mit ihm, die er 1739 auf einer Reise in Holland gemacht hatte, und war baß erstaunt, daß er nicht um ein Jahr älter aussah. Alle Personen, die ihn danach bis zu seinem Tode kennen gelernt haben -- der, wenn ich nicht irre, 1780 in Schleswig[37] stattfand -- und die ich über sein vermeintliches Alter befragte, haben mir stets geantwortet, er mache den Eindruck eines guterhaltenen Sechzigers. Ein Mann von 50 Jahren ist also im Zeitraum von 70 Jahren nur um 10 Jahre gealtert -- das scheint mir das Außerordentlichste und Bemerkenswerteste an seiner Geschichte.
Er besaß mehrere chemische Geheimmittel, besonders zur Herstellung von Farben und Färbstoffen und einer Art von Similor von seltener Schönheit. Vielleicht hat er auch die erwähnten Edelsteine, deren Echtheit nur durch die Probe mit der Feile widerlegt werden könnte, selbst angefertigt. Aber von einer Universalmedizin habe ich ihn nie reden hören.
Er lebte sehr mäßig, trank nie beim Essen, purgierte sich mit selbstbereiteten Sennesblättern und gab seinen Freunden keinen anderen Rat, wenn sie ihn fragten, was sie tun müßten, um lange zu leben. Überhaupt pries er nie wie andere Scharlatane übernatürliche Kenntnisse an.
Seine Philosophie war die des Lukrez: er sprach mit geheimnisvoller Begeisterung von den Tiefen der Natur und eröffnete der Phantasie unbestimmte, dunkle und unendliche Ausblicke auf die Art seines Wissens, seine Reichtümer und seine vornehme Abkunft. Gern erzählte er Züge aus seiner Kindheit und schilderte sich selbst, wie er mit zahlreichem Gefolge auf prächtigen Terrassen in einem herrlichen Klima lustwandelte, gleich als wäre er der Erbe eines Königs von Granada zur Zeit der Mauren gewesen. Allerdings hat kein Mensch, keine Polizei je herausbekommen, wer er war und woher er stammte.
Er sprach fließend Deutsch und Englisch. Französisch sprach er mit piemontesischem Akzent, Italienisch ausgezeichnet, aber besonders Spanisch und Portugiesisch ohne den geringsten Akzent.
Wie ich hörte, hat er neben mehreren deutschen, italienischen und russischen Namen, unter denen man ihn in verschiedenen Ländern glänzen sah, in früherer Zeit auch den eines _Marquis von Montferrat_ getragen. Wie ich mich entsinne, sagte mir der alte Baron Stosch[38], er hätte in Florenz zur Zeit des Regenten[39] einen Marquis von Montferrat gekannt, der für einen natürlichen Sohn der Witwe Karls II.[40], die sich nach Bayonne zurückgezogen hatte, und eines Madrider Bankiers galt.
Saint-Germain verkehrte im Hause des Herzogs von Choiseul[41] und war dort gern gesehen. Wir waren daher sehr erstaunt, als dieser Minister seiner Gattin gegenüber eine sehr ausfallende Bemerkung über ihn machte. Er fragte sie plötzlich, warum sie nichts trinke, und als sie antwortete, sie wende gleich mir mit Erfolg die Lebensdiät Saint-Germains an, entgegnete Choiseul: „Der Baron, der, soviel ich weiß, eine besondere Vorliebe für Abenteurer hat, ist sein eigener Herr und kann leben, wie er will. Ihnen aber, Madame, deren Gesundheit mir kostbar ist, verbiete ich, die Narrheiten eines so zweideutigen Menschen nachzuahmen.“ Um dem peinlich werdenden Gespräch eine andere Wendung zu geben, fragte der Komtur von Solar[42] den Herzog von Choiseul, ob die Regierung wirklich die Herkunft eines Mannes nicht kenne, der in Frankreich auf so vornehmem Fuße lebe. „Gewiß kennen wir sie,“ versetzte Choiseul (aber er log), „er ist der Sohn eines portugiesischen Juden, der die Leichtgläubigkeit des Hofes und der Stadt zum besten hat. Seltsam,“ fuhr er, sich erhitzend, fort, „daß man erlaubt, daß der König oft fast allein mit einem solchen Menschen ist, während er nur von Garden umgeben ausgeht, als ob die Welt von Mördern wimmelte.“ Dieser Zornesausbruch kam von seiner Eifersucht auf den Marschall Belle-Isle[43], dem Saint-Germain sich mit Leib und Seele verschrieben hatte: ihm hatte er den Plan und das Modell der berühmten Flachboote gegeben, mit denen eine Landung in England[44] gemacht werden sollte.
Die Folgen dieser Feindschaft und der Argwohn Choiseuls kamen wenige Monate später zum Ausbruch[45]. Der Marschall spann immerfort Ränke zur Herbeiführung eines Sonderfriedens mit Preußen und zum Bruch des Allianzsystems zwischen Österreich und Frankreich, mit dem der Herzog von Choiseul stand und fiel. Ludwig XV. und Frau von Pompadour wünschten diesen Sonderfrieden, Saint-Germain redete ihnen ein, ihn zum Prinzen Ludwig von Braunschweig nach dem Haag zu schicken, dessen Busenfreund er sich nannte. Er versprach, auf diesem Wege erfolgreiche Verhandlungen anzuknüpfen, deren Vorteile er durch seine Beredsamkeit ins hellste Licht setzte.
Der Marschall setzte die Instruktionen auf, und der König übergab sie ihm persönlich mit einer Chiffre für Saint-Germain, der, im Haag angelangt, sich berufen fühlte, die Rolle des Gesandten zu spielen. Infolge seiner Indiskretion kam d’Affry, damals Botschafter im Haag[46], hinter das Geheimnis dieser Sendung und schickte einen Kurier an Choiseul, bei dem er sich heftig beschwerte, daß er einem alten Freund seines Vaters und der Würde eines Botschafters den Schimpf antäte, durch einen obskuren Ausländer Friedensverhandlungen unter seinen Augen anzuknüpfen, ohne ihn überhaupt davon in Kenntnis zu setzen.
Choiseul schickte den Kurier sofort zurück und befahl d’Affry, mit aller denkbaren Energie von den Generalstaaten die Auslieferung Saint-Germains zu fordern. Danach sollte er ihn, an Händen und Füßen gefesselt, in die Bastille einliefern. Am nächsten Tage verlas Choiseul im Kronrat d’Affrys Bericht und seine Antwort darauf. Dann blickte er im Kreise herum stolz auf seine Kollegen, heftete seine Blicke abwechselnd auf den König und Belle-Isle und schloß: „Wenn ich mir nicht die Zeit genommen habe, die Befehle des Königs einzuholen, so geschah es in der Überzeugung, daß hier niemand so dreist wäre, ohne Wissen des Ministers des Auswärtigen Eurer Majestät Friedensverhandlungen zu führen!“ Er wußte, daß der König den Grundsatz aufgestellt und stets beobachtet hatte, kein Minister dürfte sich in die Geschäfte eines anderen einmischen. So kam es, wie er vorausgesehen hatte: der König senkte schuldbewußt die Blicke, der Marschall wagte kein Wort, und Choiseuls Schritt wurde gebilligt. Aber Saint-Germain entwischte ihm. Die Generalstaaten beteuerten ihre Willfährigkeit und schickten ein großes Aufgebot zur Verhaftung Saint-Germains. Der aber war heimlich gewarnt und entfloh nach England.
Aus einigen Nachrichten glaube ich zu entnehmen, daß er bald wieder abreiste und nach St. Petersburg ging. Dann tauchte er in Dresden, Venedig und Mailand auf, verhandelte mit den dortigen Regierungen, um ihnen Geheimnisse der Färberei zu verkaufen und Fabriken zu begründen. Er machte damals den Eindruck eines Glücksritters und wurde in einer kleinen Stadt in Piemont wegen eines verfallenen Wechsels verhaftet. Doch er zeigte dem Inhaber für über 100000 Taler Wertsachen, bezahlte auf der Stelle, behandelte den Bürgermeister dieser Stadt als Kaffern und wurde unter den ehrerbietigsten Entschuldigungen freigelassen.
Im Jahre 1770 tauchte er in Livorno auf, mit russischem Namen und in Generalsuniform. Graf Alexei Orlow[47] behandelte ihn mit einer Auszeichnung, die der stolze und hochfahrende Mann sonst niemandem bezeigte. Das muß in engem Zusammenhang mit einer Bemerkung seines Bruders, des Fürsten Gregor Orlow, gegenüber dem Markgrafen von Ansbach stehen. Saint-Germain hatte sich einige Jahre darauf bei diesem niedergelassen[48] und ihn bestimmt, den berühmten Günstling Katharinas II. bei seiner Durchreise in Nürnberg zu besuchen[49]. Da sagte Orlow ganz leise zum Markgrafen über Saint-Germain, den er aufs feierlichste begrüßte: „Dieser Mann hat eine große Rolle bei unserer Revolution gespielt.“
Er wohnte in Triesdorf und hauste dort nach Belieben mit einer Herrenfrechheit, die ihm ausgezeichnet stand. Den Markgrafen behandelte er wie einen Schulknaben. Stellte ihm dieser bescheidene Fragen über seine Wissenschaft, so antwortete er: „Sie sind zu jung, um Ihnen dergleichen zu sagen.“ Um sich an diesem kleinen Hofe noch mehr in Respekt zu setzen, zeigte er von Zeit zu Zeit Briefe Friedrichs des Großen. „Kennen Sie diese Hand und dies Siegel?“ fragte er den Markgrafen, indem er ihm den Brief in seinem Umschlag zeigte. „Ja, es ist das kleine Siegel des Königs.“ -- „Wohlan, was drin steht, sollen Sie nie erfahren.“ Damit steckte er den Brief wieder ein.
Der Markgraf behauptet, er habe sich überzeugt, daß Saint-Germains Edelsteine falsch waren: es sei ihm gelungen, durch seinen Juwelier einen Diamanten heimlich mit der Feile prüfen zu lassen, als der Stein der im Bette liegenden Markgräfin[50] gezeigt wurde; denn Saint-Germain paßte scharf auf seine Steine auf und ließ sie nicht aus den Augen.
Schließlich starb der außerordentliche Mann bei Schleswig beim Prinzen Karl von Hessen, den er vollständig bestrickt und zu Spekulationen veranlaßt hatte, die jedoch fehlschlugen. In seinem letzten Lebensjahre ließ er sich nur von Frauen bedienen, die ihn pflegten und ihn wie einen zweiten Salomo verhätschelten. Nach allmählichem Kräfteverfall starb er in ihren Armen.
Umsonst gaben sich die Freunde, die Bedienten und selbst die Brüder des Prinzen[51] alle Mühe, ihm das Geheimnis seiner Herkunft zu entlocken. Da der Prinz aber alle Papiere Saint-Germains erbte[52] und alle Briefe erhielt, die nach seinem Tode eintrafen, muß er mehr darüber wissen als wir, die wahrscheinlich nie mehr erfahren werden. Ein so seltsames Dunkel ist seiner Gestalt würdig.
AUS DEM „TAGEBUCH EINES WELTKINDES“ VON GRAF LAMBERG[53]
Eine seltsame Erscheinung ist der _Marquis von Aymar_ oder _Belmar_, bekannt unter dem Namen _Saint-Germain_. Er wohnt seit einiger Zeit in Venedig, wo er hundert Frauen, die ihm eine Äbtissin verschafft, mit Versuchen zum Bleichen des Flachses beschäftigt, dem er das Aussehen von italienischer Rohseide gibt.
Er glaubt 350 Jahre alt zu sein, und wohl um nicht zu arg zu übertreiben, behauptet er, den Thamas Chouli-Kan in Persien[54] gekannt zu haben.
Als der Herzog von York[55] nach Venedig kam, beanspruchte er beim Senat den Vorrang vor diesem. Als Grund gab er an, man wisse wohl, wer der Herzog von York sei, kenne aber noch nicht den Titel des Marquis von Belmar.
Er besitzt einen Verjüngungsbalsam: eine alte Frau, die sich zu stark damit einrieb, wurde wieder zum Embryo. Einem seiner Freunde gab er eine Haarwickel und diesem zahlte ein Bankier, der den Marquis nicht kannte, auf Sicht 200 Dukaten in bar.
Ich fragte ihn, ob er nach Frankreich zurückkehre. Er versicherte mir mit überzeugter Miene, daß die Flasche (mit Lebenselixier), die den König in seinem jetzigen Gesundheitszustand erhalte, zu Ende ginge. Infolgedessen werde er mit einem glänzenden Streich wieder auf der Bühne erscheinen und sein Name werde in ganz Europa bekannt werden.
Er soll in Peking gewesen sein, ohne sich irgendeinen Namen beizulegen; als die Polizei ihn drängte, seinen Namen zu nennen, entschuldigte er sich damit, er wisse selbst nicht, wie er heiße. „In Venedig“, sagte er, „nennt man mich den Herrn ‚Was geht’s dich an’, in Hamburg: ‚Mein Herr’, in Rom: ‚Monsignor’, in Wien: ‚Pst’. In Neapel pfeift man nach mir, in Paris beäugt man mich, und auf dieses Zeichen spreche ich gern jeden an, der mich anschaut. Mein Name kann Ihnen, meine Herren Mandarinen, also gleichgültig sein. Solange ich bei Ihnen lebe, werde ich mich wie der Träger eines erlauchten Namens benehmen. Ob ich _Erbse_ oder _Bohne_, _Piso_[56] oder _Cicero_ heiße, mein Name muß Ihnen gleichgültig sein.“ Selbst in Venedig erhält er Briefe, auf denen bloß „Venedig“ steht. Der Rest ist freigelassen, und sein Sekretär verlangt auf der Post einfach Briefe ohne jede Anschrift.
Der König (von Frankreich) gab ihm beim Tode des Marschalls von Sachsen[57] das Schloß Chambord und umarmte ihn, als er ihn verließ. Saint-Germain verkehrte in allen vornehmen Häusern und wurde sogar mit Auszeichnung empfangen. Er ging oft zur Fürstin von Anhalt-Zerbst[58], der Mutter der jetzigen Zarin. „Ich muß“, sagte er zu ihr, „recht gern bei Ihnen sein, um zu vergessen, daß mein Wagen seit zwei Stunden auf mich wartet, um mich nach Versailles zu bringen.“
Übrigens weiß niemand, wer dieser seltsame Mann ist. Man hält ihn für einen Portugiesen. Er besitzt tausend Talente, die bei einem einzigen Menschen selten vereint sind. Er spielt hervorragend Violine, aber hinter einem Wandschirm; dann glaubt man fünf bis sechs Instrumente zugleich zu hören.
Er spricht viel und gut. Jeden redet er mit so passenden Fragen an, daß es anfangs überrascht. In einer Art von Stammbuch, in dem Unterschriften mehrerer Berühmtheiten stehen, zeigte er mir eine lateinische Eintragung meines Ahnherrn Kaspar Felix, der 1686 starb, mit seinem Wappen und der folgenden Beischrift: „_Lingua mea calamus scribae velociter scribentis._ Ps. 44, Vers 2“[59]. Die Tinte und selbst das Papier waren sehr verblaßt und nachgedunkelt und schienen mir alt. Das Datum ist 1678. Eine andere Eintragung von Michel Montaigne[60] ist vom Jahre 1580: „Kein Mensch ist so bieder, daß er wohl nicht zehnmal den Galgen verdient, auch wenn er alle seine Handlungen und Gedanken der Prüfung der Gesetze unterwirft. Und doch wäre es sehr schade und ungerecht, einen solchen zu bestrafen und zu hängen.“
Ich schließe aus alledem, daß es ebenso leicht ist, zwei gleiche Handschriften herzustellen, wie zwei ganz ähnlich aussehende Menschen zu finden. Le Vayer[61] gibt Beispiele an, aus denen man folgern könnte, daß es vorzeiten ein Verdienst war, Handschriften nachmachen zu können ...
Die beiden genannten Eintragungen könnten das Alter des Marquis bestätigen, spräche die menschliche Natur nicht dagegen. Von welchem Zeitalter er auch spricht, man trifft selten auf einen Irrtum. Er erwähnt sehr zurückliegende Daten am rechten Ort und spielt sich dabei keineswegs auf. Er ist ein seltener, überraschender Mann, und was einem Spaß macht: er hält der Kritik stand. Mit großer Überredungsgabe verbindet er eine ungewöhnliche Gelehrsamkeit und das umfassendste Gedächtnis, obgleich es örtlich beschränkt ist. Er behauptet, Wildmann die Kunst gelehrt zu haben, Bienen zu zähmen und den Schlangen Sinn für Musik und Gesang beizubringen. Da beides auf feststehenden Tatsachen beruht, gibt es der Eigenart des Marquis kein anderes Gepräge als das der Neuheit, die er oft anderen anerkannten Vorzügen vorzieht.
Ich habe einen sehr fesselnden Brief abgeschrieben, den er mir 1773 aus Mantua sandte.
Schreiben von Saint-Germain an Lamberg
„Ich sah ihn (Wildmann) im Haag, als ich dort verhaftet wurde[62]. Bevor ich meinen Degen abgab, bestand ich darauf, d’Affry, den französischen Botschafter bei den Generalstaaten, zu sprechen. Ich wurde in meinem Wagen hingebracht, in Begleitung des Offiziers, der mich zu bewachen hatte. Der Gesandte empfing mich, als ob er überrascht sei, mich zu sehen; bald aber gebot er dem Wächter, sich zurückzuziehen und vor allem den Herren Bürgermeistern zu melden, daß ich die Protektion des Königs besäße und somit unter dem Schutz Sr. Majestät stände, solange ich in Holland bliebe. Ich glaubte, dem Offizier einen Diamanten von reinstem Wasser und von, wenn ich so sagen darf, ungewöhnlichem Karat anbieten zu sollen, aber er lehnte ihn ab, und da all mein Zureden fruchtlos blieb, zerschlug ich den Stein mit einem großen Hammer in mehrere Stücke, die die Lakaien zu ihrem Profit auflasen. Der Verlust des Diamanten, der in Brasilien und im Reiche des Mogul als solcher anerkannt worden, war mir indes nicht gleichgültig, zumal seine Herstellung mir unendliche Mühe gekostet hatte. Graf Zobor, der Kammerherr des verstorbenen Kaisers[63] (ein unvergeßlicher Fürst durch seine erhabenen Eigenschaften wie durch den Schutz, den er den Künsten gewährte), hat Diamanten mit mir gemacht[64]. Prinz T.... hat vor etwa sechs Jahren einen von mir hergestellten für 5500 Louisdors gekauft und ihn dann mit 1000 Dukaten Gewinn an einen reichen Narren verkauft. Man muß in der Tat ein König oder ein Narr sein, sagte der Graf von Barre, um für einen Diamanten erhebliche Summen auszugeben. Da die Narren im Schachspiel[65] übrigens den Königen am nächsten stehen, so verletzt das griechische Sprichwort: Βασιλεῦς ἤ Ὄνος (König oder Esel) und das andere: _Aut regem aut fatuum nasci oportet_[66] keinen Menschen. Frau von S... hatte einen vom gleichen bläulichen Wasser und ebenso schlecht geschnitten wie jener; in der Fassung sah er wie ein großer böhmischer Stein mit mattem Schliff aus.