Der deutsche Roman seit Goethe

Part 13

Chapter 133,650 wordsPublic domain

Auch die Worte Jakob Böhmes, welche Raabe zitiert, sind für den Geist, der das Buch durchweht, für den Hunger, den der Dichter schildern will, charakteristisch:

»Denn das ist der Ewigkeit Recht und ewig Bestehen, daß sie nur ~einen~ Willen hat ..... Sie stehet wohl in viel Kraft und Wundern, aber ihr Leben ist nur bloß allein die Liebe, aus welcher Licht und Majestät ausgehet. Alle Kreaturen im Himmel haben Einen Willen, und der ist ins Herze Gottes gerichtet und gehet in Gottes Geist, wohl im Centro der Vielheit, im Wachsen und Blühen; aber Gottes Geist ist das Leben in allen Dingen.«

Wie nennen wir die beiden Anschauungen, die da so scharf einander gegenüber stehen? Man kann sie Materialismus und Idealismus nennen. Aber der Idealismus trägt in sich Liebe und Ewigkeit. Wird nun der »Hungerpastor« nicht eben dadurch zum Zeitroman? Ist er nicht das gerade Gegenstück zu dem später geschriebenen Heyseschen »Die Kinder der Welt«? Mag sein, daß man ihn auch dem Zeitroman zurechnen kann. Mehr gehört er doch zum Stimmungsroman. Er bringt nicht Gedanken, nicht Weltanschauungen, und nicht Systeme. Er schildert nicht Zeiten und nicht Menschen besonderer Zeiten. Er will den Hunger der Seele beschreiben, der von jeher in ihr war und der immer in ihr sein wird, er gehört nicht einer Zeit, sondern allen Zeiten. Es schwebt über ihm zu viel poetischer Hauch, zu viel Schimmer der Ewigkeit; und es ist weiter zu wenig nüchternes Nachspüren nach all den Winkelgängen der Zeitgedanken. Darum gehört er trotz alledem nicht zu Freytag und nicht zu Heyses »Kindern der Welt.« --

Stimmung! Wo fänden wir sie außer bei Raabe besser in voller Pracht als bei ~Theodor Storm~? Ein Schleswiger ist Storm; zu Husum erblickte er 1817 das Licht der Welt. Schleswigsche Landschaft spricht in seinen Schöpfungen mit: das Land, die Ebene und nicht zuletzt das Meer, ja das weite, weite, tosende Meer. Novellen haben wir von ihm, aber keine Romane. Warum? Weil in ihm noch viel stärker entwickelt war, was doch auch Raabes Romane von den andern abhebt, jener Drang, der weniger auf Schilderung ausgeht, auf feine Zeichnung eines Weltbilds in künstlerischer Form, als vielmehr auf den Ausdruck dessen, was gerade die Seele bewegt, der lyrischen Stimmung. Ganze Novellen sind nichts als Gedichte, ein wenig ausgeführter und in Prosaform, aber eben Gedichte.

Aber auch diese alles beherrschende Stimmung kann recht verschiedene Nuancen haben. Nicht alle, nur einige dieser Nuancen möchte ich aufzuweisen versuchen, jede an einer einzelnen Novelle. Ich wähle zuvörderst »~Immensee~«, seine erste Novelle (1852), das Beispiel reinster Stimmungsdichtung in der Farbe herzinniger Wärme und zugleich sich bescheidender Resignation. Eine Kinderliebe wird geschildert. Reinhard und Elisabeth sind einander zugetan. Wunderbar zart ist diese Liebe beschrieben; es liegt ein Hauch darüber, den man zu zerstören fürchtet, wenn man es nur wagt, mit knappem Wort Einzelnes herauszuheben. Wer »Immensee« gelesen, erinnert sich wohl, wie Reinhard und Elisabeth im Wald Erdbeeren suchen gehen. Wunderbar lieblich, nicht wahr? Wenn Raabe an Jean Paul gemahnte, hier ist etwas vom Geist Eichendorffs zu spüren. Fast kommts zur Verlobung, da die Kinderliebe auch die Reifenden verbindet. Aber dann reicht Elisabeth doch dem anderen Bewerber die Hand. Warum? Mancher Dichter würde hier in die Posaune der Leidenschaften gestoßen haben; das Thema ist so dankbar, daß es sich mancher für große Worte und wuchtige Wirkungen auserkoren hat. Ganz anders Storm. Es ist ja ein Greis, der seine Jugenderinnerungen Revue passieren läßt, ganz wie in der »Chronik der Sperlingsgasse.« Und so verliert die Erzählung nirgends das Abgeklärte, Ruhige und Stille. Vielleicht bleibts in ihr sogar ~zu~ still. Fragen werden nicht beantwortet, die jedem Leser in den Sinn kommen. Warum läßt Reinhard seine Elisabeth über Jahr und Tag ohne Lebenszeichen, ohne Gewißheit? Kurz, sie gibt dem Drängen der Mutter nach; der andere hat Hab und Gut und auch Liebe. Dann aber kommt nach geraumer Frist auch Reinhard in der Vermählten Haus; und nun erst merken beide, wie schwer es ihnen ist, sich nicht zu haben. Das Ende ist Reinhards Scheiden und Verzicht; aber wie tiefe Wehmut klingt über dem Ende das Lied:

Meine Mutter hats gewollt, Den Andern ich nehmen sollt; Was ich zuvor besessen, Mein Herz sollt es vergessen, Das hat es nicht gewollt.

Meine Mutter klag' ich an. Sie hat nicht wohl getan. Was sonst in Ehren stünde, Nun ist es worden Sünde. Was fang ich an!

Für all mein Stolz und Freud Gewonnen hab ich Leid. Ach wär das nicht geschehen. Ach könnt' ich betteln gehen Über die braune Haid'!

Nicht überall ist Theodor Storm so rein und so stark lyrischer Dichter wie in dieser und in ähnlichen Novellen. Es gibt andere, in denen schweigt der Dichter nicht, aber er hat nur sorglich geordnet und fein gestaltet, was bitterer Lebensernst ihm vorgeschrieben. Wohl war auch in »Immensee« Ernstes und Trübes, aber es drückt dort nicht; das Leben ist zum Gedichte geworden. Anders z. B. in »~Carsten Curator~.« Das ist die Geschichte eines braven, redlichen Mannes; der hatte als treuer Curator vieler Unmündigen und Unfähigen Geschäfte sicher geführt und war nur einmal in seinem Leben in der Leitung seiner eigenen Geschäfte unsicher geworden, das war damals, als er einen ungleichen Bund mit einem schönen Mädchen schloß, das zum Grundzug des Herzens den Leichtsinn hatte. Juliane hatte ihn in kurzer Ehe in manche Not gebracht; dann starb sie. Aber ein Kind hinterließ sie ihm, das war nach der Mutter geschlagen. Der Sohn wuchs heran und hatte des Vaters ganze Liebe, aber er lohnte sie durch Leichtfertigkeit und Schuldenmachen. Ohne viel Worte kommt zu ergreifendem Ausdruck das Leid, das der Vater um den Sohn trägt, dem er die Hilfe doch niemals versagen mag. Auch die Pflegetochter, sein Liebstes nach dem Sohn, opfert sich und ihre Habe dem Pflegebruder, den sie liebt. Das Unheil läßt sich trotzdem nicht aufhalten; der Leichtsinn führt den Bankrott herbei und endlich, am Tag, da die Schleuse gebrochen ist und die Flut sich durch die Gassen wälzt, bringt ihn Leichtsinn oder Absicht oder beides zusammen in den Tod. Der Vater aber findet mit der verwitweten Pflegetochter eine gemeinschaftliche Heimat für seine letzte schwere Zeit -- dort, wo die letzten kleinen Häuser mit Stroh gedeckt sind.

Wir finden auch in dieser Erzählung manche Seite, über der feinster dichterischer Stimmungsreiz liegt. Aber es ist in ihr längst nicht soviel Schilderung, nicht soviel beschauliches Ausruhen, nicht soviel Schwelgen in Empfindung und Gefühl. Wohl grüßt uns traut das alte Haus an der Twiete, das schmale Wohnzimmer mit dem Alkovenbett, in dem Vater und Mutter des Hausherrn zum letzten Schlummer sich niedergelegt, mit der Silhouette von Carstens einfachem, sittenstrengem Vater. Wohl klingt es wie Jugendlust, wenn von dem Birnbaum die Rede ist, der die Freude der Nachbarskinder und zugleich eine Art Familienheiligtum war. Aber solche Stimmungsbilder bleiben vereinzelt; hier redet das Leben selbst eine deutliche, ernste Sprache. Hier sinds nicht die Worte, sondern die Geschehnisse, welche das Herz bewegen. Wohl spielt auch hier die Landschaft ihre Rolle; die Flutgefahr gestaltet die letzte Szene dramatisch bewegt; aber hier ist kein romantisches Träumen in Wald und Feld, am See und auf der Heide: Menschen nur und Taten, welche diese Menschen tun, beherrschen Szene um Szene. Auch hier ist Herzenswärme, innige Liebe, nachwirkende Leidenschaft; aber von alledem wird wenig gesprochen; nur die Taten zeugen davon. Und so sind denn auch diese Taten nach Motiven und Folgen, diese Menschen nach Anlagen und Charakteren schärfer herausgearbeitet als beispielsweise in »Immensee.« Hier haben sich Wirklichkeit und Stimmung vermählt, und keins von beiden hat dabei gelitten.

Und nun zudritt und zuletzt eine knappe Skizze von Storms letzter Novelle »Der Schimmelreiter.« War der Grundton von »Immensee« träumerisch, der von »Carsten Curator« realistisch-ernst, so klingt im »Schimmelreiter« noch eine ganz andere Folge von Tönen an; die Novelle neigt nach dem Phantastischen, ja nach dem Schauerlichen hin. Gleich die Worte der Einführung versetzen in diese Stimmung. Er habe, so erzählt er, die berichteten Ereignisse vor reichlich einem halben Jahrhundert im Hause seiner Urgroßmutter in irgend einer alten Zeitschrift gelesen. »Noch fühl' ich es, gleich einem Schauer, wie dabei die linde Hand der über Achtzigjährigen mitunter liebkosend über das Haupthaar ihres Urenkels hinglitt.« Die Geschichte führt an die Nordsee. Auf dem Deich, dicht am Wattenmeer, in später Oktober-Nachmittagsstunde, strebt ein Reiter dem ersehnten Quartier zu. Die gelbgrauen Wellen schlagen unaufhörlich mit Wutgebrüll an den Deich hinauf. Schwarze Wolkenschichten machen es zeitweise pechfinster.

»Jetzt aber kam auf dem Deiche etwas gegen mich heran; ich hörte nichts; aber immer deutlicher, wenn der halbe Mond ein karges Licht herabließ, glaubte ich eine dunkle Gestalt zu erkennen, und bald, da sie näher kam, sah ich es, sie saß auf einem Pferde, einem hochbeinigen hageren Schimmel; ein dunkler Mantel flatterte um ihre Schultern, und im Vorbeifliegen sahen mich zwei brennende Augen aus einem bleichen Antlitz an.

Wer war das? Was wollte der? -- Und jetzt fiel mir bei, ich hatte keinen Hufschlag, kein Keuchen des Pferdes vernommen; und Roß und Reiter waren doch hart an mir vorbeigefahren!«

Nachher im Wirtshaus am Deich, wo des Hochwassers wegen Wacht gehalten wird, hört er die Geschichte des unheimlichen Reiters. Hauke Haien ist es, der Deichgraf. Eines kleinen Mannes Sohn, hatte Hauke es durch zähen Fleiß und durch die Liebe der schönen Elke zum Nachfolger und Schwiegersohn des reichen Deichgrafen gebracht. Ihm stehen große Pläne vor der Seele. Einen neuen Deich will er bauen, ins Wattenland hinein; durch den soll ein neues großes Stück Land vor des Meeres Dräuen gesichert und der Benützung erschlossen werden. Das gewaltige Werk gelingt; der neugewonnene Koog trägt des stolzen Hauke Haien Namen. Aber sieh da! Wo der neue feste Deich an den alten stößt, entsteht eine böse, gefahrdrohende Stelle. Bei wiederkehrender, rasender Sturmflut wollen die Leute den neuen Deich, ~seinen~ Deich durchstechen, um so sicher den alten Damm und das Hinterland zu retten. Hauke verhinderts; aber der alte Deich birst wirklich, und die Fluten brechen herein. Sein Weib kommt zu Wagen ihm, dem Deichgrafen entgegen; die Fluten reißen Weib und Kind, Roß und Wagen dahin. So reitet Hauke selbst auf seinem Schimmel in wahnsinnigem Entschluß in die Fluten hinein. »Noch ein Sporenstich; ein Schrei des Himmels, der Sturm und Wellenbrausen überschrie; dann unten aus dem hinabstürzenden Strom ein dumpfer Schall, ein kurzer Kampf.« Seitdem reitet der tote Hauke Haien auf seinem Schimmel bei jeder hohen Flut; und wohin er reitet, dort bricht der Damm.

Es ist nicht möglich, in ein paar Worten alle Hauptzüge der reichbewegten Handlung anzudeuten: jene gespenstische Erscheinung draußen auf der Hallig, ein Pferdegerippe, das doch in dunkler Nacht Leben bekommt. Hängts zusammen mit dem abgetriebenen Schimmel, den Hauke Haien von einem fremden Manne kauft und der dann in seinem Stall ein stattliches Roß wird, -- das Roß, welches ihn nachher in die stürmende Flut trägt? Das Kind, das ihm als das einzige geboren wird und das zeitlebens ein Kind bleiben muß, weil Gott ihm den Verstand versagt hat, ist es die Strafe für die Art, wie Hauke sein totkrankes Weib von Gott erbetet hat: »Ich weiß ja wohl, Du kannst nicht allezeit, wie Du willst, auch Du nicht; Du bist allweise; Du mußt nach Deiner Weisheit tun -- o, Herr, sprich nur durch einen Hauch zu mir!«?

So weben die Gewalten der Meereswogen und die abergläubischen Meinungen der Küstenbewohner ein unheimliches Gebilde von Wirklichkeit und Traum. Aber es sind keine sanften, ruhigen Träume, die hier umgehen; hier ist alles groß, alles packend, alles grausenhaft. Die rasch fortschreitende, meisterhaft zusammengefaßte Handlung erhöht den Eindruck: ein Kunstwerk von phantastischer Schöne ist erwachsen, dem doch der realistische Anhauch nicht fehlt; der Dichter selbst gibt kritische Andeutungen, übrigens so fein, daß die Stimmung nicht gestört, nur geklärt wird.

Mit diesen drei Skizzen sind nicht entfernt alle Wandlungen der dichterischen Stimmung beschrieben, die in Storms Novellen sich finden. Wie er auch außer »Immensee« skizzenhafte, träumerische Bilder geschaffen hat (z. B. »Psyche«, »Ein stiller Musikant«), so auch solche, in denen das Leben selbst obenan steht (z. B. »Hans und Heinz Kirch«, »Bötjer Basch«); aber in wieder anderen kommt auch ein humoristischer Zug zur Geltung, der (z. B. »Die Söhne des Herrn Senator«) freilich auch wieder von tiefem Ernst begleitet ist; und mehr als eine seiner Novellen greift in die Schatzkammern der Geschichte, um längst vergessene Zeiten zum Reden zu bringen. Überall bleibt Storm im kleinen Rahmen; das einzelne Menschenschicksal beschäftigt ihn; der Zeiten Gewoge berührt ihn nicht. Er ist nicht Politiker und nicht Dogmatiker, er kennt nicht den Trieb, zu agitieren oder zu meistern, abzubilden oder zu kritisieren, -- er dichtet, aber er webt in sein Dichten treu des Menschenherzens echte Art hinein.

Raabe und Storm! Sind wir damit am Ende? Jener warme Hauch lyrischer Empfindung, der über ihren Dichtungen liegt, ist allerdings in den Schöpfungen anderer aus dem Ende des 19. Jahrhunderts selten zu finden. Oder, wo er sich zeigt, ist er doch mehr Zugabe als beherrschendes Element. Aber lassen Sie mich noch einen Erzähler Ihnen nennen, bei dem dies eigentümliche Etwas, das wir »Stimmung« nennen, nicht immer, aber jezuweilen so stark wird, daß man ihn dann wohl neben Raabe und Storm stellen kann: ~Peter Rosegger~. Manches, was er geschaffen, kommt in anderem Zusammenhange zur Sprache; man kann ihn ja zugleich unter die Vertreter der Heimatkunst, ja des Naturalismus rechnen; und sogar dem Symbolismus läßt sich sein »Gottsucher« zuzählen. Aber in diesem letztgenannten Buch, dazu in ähnlichen kommt auch Stimmung, lyrische Stimmung zum Durchbruch. Noch stärker geschieht das, und zwar hier in beherrschender Weise, in den von Stifter beeinflußten »~Schriften des Waldschulmeisters~.« Auch hier liegt ein ~Gedanke~ zu Grunde; die Lyrik macht den Erzähler nicht tot. Verlassen hausen die Waldleute in einsamem Tal, im »Winkel.« Nach dem Felstal zu, meinen sie, sei die Welt mit Brettern vernagelt. Nach der Ebene zu kommen sie selten. Stundenweit ist die nächste Kirche; die Waldleute lassen nur die Mädchen dort taufen, die Buben nicht, damit sie nicht erst registriert und später fürs Militär gesucht werden. Was ist ihnen Kirche? Was Schule? Sie kümmern sich um keinen und keiner kümmert sich um sie. Sie sind hergezogen von Aufgang und Niedergang -- wesweg', das weiß der Herrgott. Zumeist sind es wohl Bauersleut' von den vorderen Gegenden herein, die sich in die Wälder geflüchtet haben, um der Wehrpflicht zu entrinnen. Gibt auch Gesellen unter ihnen, denen man in der dunklen Nacht nicht gerne begegnet. Wildschützen sind sie alle ..... Beweibet sind die meisten, aber jeder hat die Seine nicht vom Traualtar geholt. In dies Tal »im Winkel« kommt durch den jungen Waldschulmeister langsam und mühsam Ordnung und Sitte, Kirche und Schule, kurz alles das, was wir »Kultur« nennen. Jahr um Jahr bleibt er dort bei den Waldleuten, Jahr um Jahr freut er sich am Erfolg seines Tuns, Jahr um Jahr trägt er mit den Waldleuten Mühe und Arbeit, Freud und Leid. Aber es kommt die Zeit, wo die Leut' ihn bei Seite schieben, wo er dem neuen jungen Pfarrer nicht mehr genug tun kann, und wo der Dechant, nachdem er die Schule visitiert, ihn beim Fortgehen nicht gesehen hat.

»Und seit fünfzig Jahren bin ich nicht mehr aus diesen Wäldern gekommen.

Und die Waldleute entstehen, leben und vergehen dahier und steigen in ihrem ganzen Lebenslauf nicht ein einzigmal auf den Berg, wo man die Herrlichkeit kann sehen, und am hellen Wintertag das Meer.

Das Meer! Wie wird es da leicht und weit im Herzen! Dort zieht ein Kahn, steht ein Jüngling darin, der winkt ....«

So ist er denn am Christtag hinaufgestiegen auf die Spitze des grauen Zahns, hoch über den Gletschern. Und dort oben ist er geblieben. Man findet bei dem Toten nur ein Stück Papier mit den wenigen Worten:

»Christtag. Ich habe bei Sonnenuntergang das Meer gesehen und das Augenlicht verloren.« --

Dieser Gang der Erzählung ist klar und deutlich innegehalten. Es ist kein romantisches Träumen, was in dem Buche regiert; die Umrisse des wirklichen Lebens sind überall scharf gezeichnet. Auch hier fehlt realistische, ja naturalistische Derbheit nicht. Auch Gefühlsschwärmerei treibt der Waldschulmeister in seinen Schriften nicht; er erzählt von nichts als vom Leben, vom wirklichen Leben und von der wirklichen Welt. Und dennoch -- welche Stimmung über dem Ganzen! Urwaldfrieden umfängt uns, frische urtümliche Schöpfung umwebt uns. »Wie er einzieht durch die Augen und Ohren und all die Sinne, der liebe, der schöne Wald, so mag ich ihn genießen,« schreibt der Waldschulmeister. Wie läßt er ihn uns mitgenießen! Kaum Schöneres in unserer Literatur als diese Schilderung des Urwaldfriedens: »Urwaldfrieden, du stille, du heilige Zuflucht der Verwaisten, Verlassenen, Verfolgten -- Weltmüden; du einziges Eden, das den Glücklosen noch geblieben!« -- Auch jeder der anderen Abschnitte ist ein prächtiges Kabinettstück urechter Stimmung. Bei den Hirten -- zur lieben Sommerszeit ist es da oben gut sein. »So sind sie denn gut und froh, und ich, -- wahrhaftig und bei meiner Treu, ich bins mit ihnen.« -- Anders bei denen, die buchstäblich von der Erde, von dem Gestein heraus ihr Brot graben. Von den Bäumen schaben sie es herab, aus dem alllebendigen Ameishaufen wühlen sie es empor, -- die Waldteufel. -- Wunderbar ists im Felsentale, wo allein noch die Kiefer kampfesmutig die steilen Lehnen hinanklettern will, um zu wissen, wie es da oben aussieht bei dem Edelweiß, bei den Alpenrosen, bei den Gemsen. Aber die gute Kiefer ist keine Tochter der Alpen, balde faßt sie der Schwindel und sie bückt sich angstvoll zusammen und kriecht mühsam auf den Knien hinan, mit ihren geschlungenen, verkrüppelten Armen immer weiter vorgreifend und rankend, die Zapfenköpfchen neugierig emporreckend, bis sie letztlich in den feuchten Schleier des Nebels kommt und in demselben planlos umherirrt zwischen dem Gestein.

Aber es ist nicht bloß ~Natur~stimmung, was hier regiert. Viel mehr als in Stifters Studien, die Rosegger beeinflußt haben, pulsiert hier warmes, lebendiges Leben: die Menschen werden lebendig! Die Hirten wie die Waldleute, die Holzer dazu, der Pecher und der schwarze Mathes und der seltsame Einspanig, der Berthold und die Aga und wie sie alle heißen. Aber keins für sich, keins bloß in seiner Menschheit, jedes als Teil der Waldgemeinde im Winkel, als Kind der Einsamkeit, als Schöpfung des Tals da droben, an das niemand in der Welt denkt. Stimmung regiert -- einheitliche, wunderbar naturwüchsige Stimmung. Nachempfinden kann sie nur, wer sie selber einmal empfunden hat, in einem stillen Alpental, wo die Bäche rauschen, wo der Wald uns umfängt, wo die Berge zum Himmel ragen, wo die Menschen die Art ihrer Heimat tragen ....

Sind wir nun mit dieser Stimmungsdichtung wieder in den Bereich der Romantik gekommen? Sind die Raabe und Storm die einfachen Fortsetzer der Linie Novalis -- Eichendorff -- Hoffmann? Keineswegs. Mag man sie als Neuromantiker bezeichnen, -- eben das Neue in dieser Romantik ist doch stark genug, um ein ganz anderes Urteil über diese Erscheinungen zu rechtfertigen als über diejenigen der älteren Romantik. Dies charakteristische Neue liegt in dem realistischen Einschlag, besser noch: in der durchaus realistisch gefaßten Grundlage aller dieser Romane und Novellen. Raabe, Storm, Rosegger und ihre Genossen haben die Dinge dieser wirklichen Welt stimmungsvoll angesehen und stimmungsvoll geschildert. Aber sie haben nie, wie ihre romantischen Vorgänger, die Gesetze dieser Welt außer Geltung gesetzt, nie bloß träumend geschaute himmlische Gefilde beschrieben. Ich deutete schon an, daß selbst der phantastische »Schimmelreiter« die kritischen Ansätze selber bietet. Die übrigen Novellen Storms mögen manchmal die harten Lebenserfahrungen, die schweren Kämpfe, die bitteren Stunden, die Nachtseiten des Lebens ein wenig abgemildert darstellen, -- mit der Wirklichkeit selbst kommt er nie in Streit. Von Raabe gilt das erst recht. Sogar die »Chronik der Sperlingsgasse« gibt überall natürliches Leben. Somit hat auch diese Stimmungsdichtung sich dem beherrschenden Grundzug der Literatur des 19. Jahrhunderts nicht entzogen; auch sie hat der Wirklichkeit ihr volles Recht gegeben. Ja sie wird eben dadurch zum glänzendsten Beweis für den ~überall~ durchdringenden Wirklichkeitssinn. Und darum bezeichnet diese Dichtung keinen Rückschritt, erst recht keinen Rückfall. Vielmehr stellt sie nur eine besondere Art dar, die Wirklichkeit anzuschauen: mit poetischer Kraft, mit sinnendem Bedenken, mit starkem Mitempfinden.

Es sind ja nur kleine Miniaturbildchen aus dem großen Weltbild, welche Storms Novellen zeichnen. Raabe gibt größere Bilder; aber auch sie können sich hinsichtlich der Weite und Breite nicht mit den Zeitromanen messen. Indes was diese Dichtung weniger beiträgt zur umfassenden Kenntnis des Weltbereichs, das trägt sie mehr bei zur inneren Durchdringung, zum tiefgreifenden Verständnis desselben.

Und so grüße ich auch diese Dichter, die in der Erzählung den Leser über ruhig-nüchterne Betrachtung, über Kampf und Streit hinausheben, die Dichter, die unser Volk auf die Höhe feinsinnigen Verständnisses des Weltgeschehens führen und die den Brunnquell deutschen Gemüts ausschöpfen!

Der naturalistische Roman.

Naturalismus! Was bedeutet das eigentlich anders als engste Fühlung mit der Natur, mit der Wirklichkeit des Lebens? Und bestand diese Fühlung zwischen dem deutschen Roman und der Wirklichkeit nicht bereits, seitdem die abenteuerlichen Schauerromane und die empfindsamen Moralgeschichten aufgehört hatten, als der Inbegriff des Romans zu gelten? Seit Goethe fest und klar dem Leben, wie es ist, ins Angesicht geschaut? Wahrlich, dieser Wirklichkeitssinn ist dann lebendig geblieben, so wenig die romantische Strömung ihm zuerst entgegenkam. Selbst die Stimmungsdichtung, von der wir im letzten Vortrag gesprochen, fußt auf realen Fundamenten.

Und dennoch bleibt ein gewaltiger Unterschied zwischen Wirklichkeitssinn und Naturalismus. Wie verschieden kann man die Wirklichkeit ansehen! Es geht einer dahin über duftende Wiesen, durch grünenden Wald. Frühlingssonne scheint ihm ins Herz hinein. Wie er dem nächsten Hofe sich naht, grüßt ihn der behäbige Bauer, dem die Freude über den Besitz auf der Stirn geschrieben steht, -- lächelt ihn ein herziges Mägdelein an, mit roten Wangen und frischem Blick. Wirklichkeit? Ja, kann das nicht Wirklichkeit sein?

Oder es schaut der ernste Mann hinein in den Gang regelmäßiger Arbeit. Er sieht, wie sie schaffen, die Männer des Kontors, -- und er sieht, wie sie in rüstiger Arbeit, in gutem Erfolg, in gemessener, geordneter Erholung ihre Freude haben. Er sieht, wie das wohlgefügte Familienleben die einzelnen Glieder hebt und trägt. Wirklichkeit! Ja, ist das nicht Wirklichkeit?

Aber ein anderer sieht das Leben anders an. Er sieht in die Welt -- da begegnet ihm das Elend. Er sieht in das Haus -- da schaut er Risse und Sprünge im Bau der Familie. Er sieht auf die Straßen -- und der Menschheit ganzer Jammer faßt ihn an. Er sieht in die Herzen -- und er findet die Sünde, die Schuld oder, wenn ihm der Name nicht recht ist, -- er findet Furchtbares, Entsetzliches.