Der deutsche Roman seit Goethe
Part 12
Ich durstete nach ihr, wie der Panther nach Blut.
Und ich verfluchte sie, dich und mich ...«
Wer spricht so im gewöhnlichen Leben? Furius Ahalla, der Korse? Nimmermehr!
Ähnlich ist über die Schöpfungen eines anderen Lieblings der Mode zu urteilen, über die von ~Georg Ebers~. Der kulturhistorische Roman verläßt das nationale Gebiet; das ist sein gutes Recht. Er verläßt nicht das Prinzip der Kulturschilderung; hierin hat der Professor der Ägyptologie sehr Hübsches geboten. Aber es ist leichter, altägyptische Kultur zu schildern als altägyptische Menschen zu zeichnen. Die Fabel und die Charaktere, das sind bei Ebers die wunden Punkte. Man muß schon sehr gutgläubig sein, um in diesem Punkt das als echt hinzunehmen, was er gibt. Nur im »+Homo sum+« hat Ebers einmal tiefer zu motivieren gesucht; das Buch steht über dem Durchschnitt. Dafür hat er aber auch manches geschrieben, was unter dem Durchschnitt bleibt. Seine »Gred« ist eigentlich das Muster eines historischen Romans, wie er nicht sein soll. Mielke hat Recht: »glanzloser Firnis deutschen Mittelalters« liegt darüber. Die Sprache gekünstelt, das Empfinden modern, alles, was über das Individuelle hinausgeht, verschwommen, dies Individuelle aber ungefähr auf den Backfischton gestimmt, die Gedanken ohne Entschuldigung fehlend -- wahrlich, was dabei herausgekommen ist, ist ein kraft- und saftloses Ding, das absolut nichts durch die Verlegung ins Mittelalter gewonnen hat. Die Geschichte könnte beinah ebenso gut in jedem bürgerlichen Hause des 19. Jahrhunderts spielen. Man möchte darüber weinen, daß das Gros des die Leihbibliotheken benützenden Publikums auch die »~Gred~« kritiklos genossen hat, weil Ebers nun einmal in der Mode war.
Von anderen will ich schweigen. Nicht als ob nicht noch manches Werk auch neben den großen und hervorragenden Schöpfungen stünde, das der Liebe des deutschen Lesers sicher sein darf. Und ebensowenig soll geleugnet werden, daß außer Georg Ebers mit seiner Archäologie in Romanform auch andere Schriftsteller noch den historischen Roman gemißbraucht haben. Aber was hat es für Zweck, das Gedächtnis an ~Ecksteins~ »Sensationsromane im historischen Gewande« -- wie Adolf Bartels sie nennt -- aufzufrischen? Robert ~Hamerlings~ »Aspasia« verdiente wegen ihrer ernsthaften Gelehrsamkeit Erwähnung, wenn wir nicht den historischen ~Roman~ behandelten. Ein solcher ist das schwerfällige Buch mit seiner steifleinenen Umständlichkeit nicht geworden.
Es sei genug. Über Höhen und durch Tiefen sind wir gewandelt; Prunkstücke der deutschen Erzählerkunst haben wir geschaut. Laßt uns begraben unter Schutt und Asche, was auf diesem weiten Gebiet Minderwertiges erstand. Aber laßt uns jubeln, daß wir auch Männer hatten, die die größte Kunst verstanden: Geschichte und Dichtung zu vermählen!
Die Stimmungsdichtung.
So war der Kampf gekämpft, der Kampf zwischen Träumen und Wachen. Das Tageslicht der hellen Wirklichkeit hatte die Träume verscheucht. Die lieblichen Traumbilder Eichendorffs so gut wie die dem Alpdruck ähnlichen des Teufels-Hoffmann. Man hatte ins ländlich-dörfliche Stillleben hinein gegriffen so gut wie in das wechselvoll bewegte Leben der politischen Kreise; man kritisierte, was nur immer der Kritik Angriffsflächen bot: die Vornehmen des ostelbischen Adels, die Wucherkünste unredlicher Geschäftsleute, den Taumel, in welchen das rote Gold weite Schichten des deutschen Volkes versetzt hatte, aber man griff auch hinein in die streitenden Gedankenwelten, in denen alte und neue Zeit einander gegenüberzustehen schienen, und kritisierte Gedanken, die man nicht für richtig hielt, samt ihren Vertretern. Man ließ die Vergangenheit aufs neue erstehen und mühte sich, mit größerem oder geringerem Glück, mit gröberem oder feinerem Stift, die alten Zeiten des brandenburgischen Ländchens, der Stadt Berlin, des preußischen Volks, -- aber auch die uralten Zeiten ägyptischer Kultur, griechischer Kunst und römischer Machtherrlichkeit so naturgetreu nachzubilden, als man es vermochte. Goethes Geist war in diesen Dichtern allen lebendig geworden.
Aber nicht bloß ~Goethes~ Geist bewies die Kraft, Spätere in seinen Bann zu zwingen. Auch jener andere Geist war nicht erstorben, der einst ~Jean Paul~ die fleißige Feder geführt hatte. Goethes Geist -- so sahen wir -- ist der Geist der dichterisch begriffenen und kunstvoll gezeichneten Wirklichkeit. Der Geist Jean Pauls aber läßt sich kurz als der Geist der poetischen ~Stimmung~ bezeichnen. Es fehlt nicht der Gedanke, es fehlt nicht die Wirklichkeit, es fehlt nicht die Kritik. Aber das sind alles keine regierenden Mächte. Das Regiment liegt in der Hand jenes wunderbaren Etwas, das sich jeder Definition entzieht, jenes verklärenden Hauchs, der über den Dingen liegt, manchmal sie leise verschleiernd, immer allzu harte Kanten, allzu scharfe Konturen abmildernd, -- der Stimmung.
Selbstverständlich denke ich nicht daran, den Romanen, welche in der nachromantischen Zeit bisher uns beschäftigt haben, die Stimmung abzusprechen. Das sei ferne! Nur für manche derselben würde dies Urteil allenfalls zutreffen, so etwa für Gutzkow, vielleicht auch ein wenig für Freytag. Aber Immermanns Oberhof hat unfraglich seine ganz besondere Stimmung, die patriarchalisch-würdige und doch naturwüchsige Stimmung des alten Bauernhofs. Und wieviel Stimmung liegt in Spielhagens Landschaftsschilderungen, in seiner Erzählung von der hereinbrechenden Sturmflut! Nur eben -- bei ihnen allen ist nicht die Stimmung das Ausschlaggebende, das Hauptsächliche, sondern das nüchterne wirkliche Leben.
Nun aber hat auch dieser Geist Jean Pauls, der Geist der herrschenden Stimmung, nicht lange schlafen können. Er hat eine fröhliche Auferstehung gefeiert. Ein Roman, eine Novelle ward dem deutschen Volke geschenkt, die man getrost als ~Stimmungsroman und -Novelle~ bezeichnen darf. Wir danken die Werke dieser Art nicht ~einem~ Meister allein; und, wie nur natürlich, die Novelle zeigt sich hier zahlreicher auf dem Plan als der Roman selbst. Aber auch er fehlt nicht; ~Wilhelm Raabe~ schuf ihn, und ihm stehen zur Seite der Novellist ~Theodor Storm~ und ~Peter Rosegger~.
Ein merkwürdiges Buch, diese »~Chronik der Sperlingsgasse~«, die ~Raabe~ als erstes Werk seiner Muse 1857 in die Welt hinaussendete. Merkwürdig aber nicht wegen absonderlicher Ereignisse, die darin eine Rolle spielten. Von nervenaufregenden Schauergeschichten ist Raabe kein Freund. Auch was der Chronist der Sperlingsgasse erzählt, ist darum einfach und schlicht, beinahe alltäglich. Zwei Freunde, ein Student der Philosophie und ein Maler, und ein Kind, ein Mädchen ...... Der Student berichtet ganz knapp, was geschehen, wie er als Greis auf das Vergangene niederblickt:
»Ich sehe zwei Männer im Strom des Lebens kämpfen, ein Lächeln von ihr zu gewinnen; und ich sehe endlich den Einen mit keuchender Brust sich ans Ufer ringen und den schönen Preis erfassen, während der Andere weiter getrieben, willenlos und wissenlos auf einer kahlen, skeptischen Sandbank sich wiederfindet. -- Ich sehe mich, einen blöden Grübler, der sich nur durch erborgte und erheuchelte Stacheln zu schützen weiß, bis er endlich, nach langem Umherschweifen in der Welt, hervorgeht aus dem Kampf, ein ernster, sehender Mann, der Freund seines Freundes und dessen jungen Weibes.«
Der glückliche Freund und sein junges Weib -- sie beide rafft der Tod dahin. Dem einsamen Philosophen bleibt beider Kind, ein Mädchen; dessen Kindheit und erste Jugend, dessen Heranblühen und Heranreifen bis hin zur glücklichen Ehe bildet den weiteren Inhalt. Und jene ersten, ernst-bitteren Erfahrungen, jenes Ringen und Kämpfen in der Seele des Freundes, der die Heißgeliebte dem Freunde lassen muß, -- das alles ist nicht beschrieben mit den glühenden Farben, die andere Dichter in Sturm und Drang, in psychologischer Analyse oder dramatischem Effekt dem gleichen Bild zu geben wissen würden und ähnlich hundertmal gegeben haben. Es ist ja alles, alles längst vorüber, als Hans Wachholder, alt und grau geworden, alle diese Erinnerungen auf die Blätter der Chronik niederschreibt. Er hat es alles verwunden; und wenngleich das, was er erlebt hat, ihm für Lebenszeit die Art seines Wesens mitbestimmt hat, in ihm wogt doch nichts mehr vom Sturm der Leidenschaft und vom Drang des Leids. Er fühlt es noch, aber er fühlt auch die Freude an dem frischen, jungen Leben, das unter seiner Hut aufgewachsen ist. Und selbst am Jahrestag des großen Schmerzes, da dem Freund die geliebte Gattin gestorben, kann nun zu dem Greis der Humor auf die Schwelle treten, seine Schellen schütteln, seine Pritsche schwingen und sagen:
»Lache, lache, Johannes, du bist alt und hast keine Zeit mehr zu verlieren.«
Was ist es also, was den Reiz der »Chronik« ausmacht, wenn es nicht die bewegende Schilderung einer bewegten Handlung ist? Ists doch ebensowenig die Weite des Gesichtskreises, der Zeiten und Welten, Völker und Länder umspannte! Nein, nicht in die Breite und Weite geht Raabes Dichten in diesem Buch; Zeitschilderungen sind hier nicht zu finden. Ebensowenig ist er irgendwie der Mann des historisch-getreuen Milieus. Kaum daß die Sperlingsgasse selber zu ihrem Recht kommt. Wenn er uns von ihr doch ein Bild gibt, so geschiehts nicht, um uns auf festen Boden zu stellen, sondern weil sie ihm lieb ist und weil sie seinem Schaffen von Wert ist. Sie liegt in einem älteren Stadtteil mit engen, krummen Gassen, in welche der Sonnenschein nur verstohlen hineinzublicken wagt. »Sie ist bevölkert und lebendig genug, einen mit nervösem Kopfweh Behafteten wahnsinnig zu machen und ihn im Irrenhause enden zu lassen; nun aber ist sie seit vielen Jahren eine unschätzbare Bühne des Weltlebens, wo Krieg und Friede, Elend und Glück, Hunger und Überfluß, alle Antinomieen des Daseins sich widerspiegeln.«
Zu diesem Satz nur noch ein paar andere, gleichfalls aus den der Sperlingsgasse gewidmeten wenigen Seiten! Sie zeigen den ganzen Raabe:
»Die Dämmerung, die Nacht produzieren hier wundersamere Beleuchtungen durch Lampenlicht und Mondschein, seltsamere Töne als anderswo. Das Klirren und Ächzen der verrosteten Wetterfahnen, das Klappern des Windes mit den Dachziegeln, das Weinen der Kinder, das Miauen der Katzen, das Gekeif der Weiber, wo klingt es passender, man möchte sagen dem Ort angemessener, als hier in diesen engen Gassen, zwischen diesen hohen Häusern, wo jeder Winkel, jede Ecke, jeder Vorsprung den Ton auffängt, bricht und verändert znrückwirft! -- Horch, wie in dem Augenblick, wo ich dieses niederschreibe, drunten in jenem gewölbten Torwege die Drehorgel beginnt; wie sie ihre klagenden, an diesem Ort wahrhaftig melodischen Tonwogen über das dumpfe Murren und Rollen der Arbeit hinwälzt! -- Die Stimme Gottes spricht zwar vernehmlich genug im Rauschen des Windes, im Brausen der Wellen und im Donner; aber nicht vernehmlicher als in diesen unbestimmten Tönen, welche das Getriebe der Menschenwelt hervorbringt!«
~Das~ ist Raabes Art! Die Stimme Gottes im Getriebe der Menschenwelt! Er schreibt in bewegter Zeit. Kein Glück steht so fest, daß es nicht von einem Windhauch oder dem Hauch eines Kindes umgestürzt werden könnte. »In solcher Zeit ständen die Menschen am liebsten mit leeren, müßigen Händen, horchend und wartend; aber das ist nicht das Rechte. Es soll niemand sein Handwerksgerät, die Waffen, mit denen er das Leben bezwingt, in dumpfer Betäubung fallen lassen.« Die Waffen, mit denen man das Leben bezwingt, -- von ihnen reden die Blätter der Chronik. Welche sind's? Die Stimme Gottes hören im Getriebe der Menschenwelt! Das Haupt senken vor der geheimnisvollen Macht, welche die Geschicke lenkt und ein Auge hat für das Kind in der Wiege und die Nation im Todeskampf ..... »Wie so viele Herzen fast brechen wollten, um ein neues Glück aufsprießen zu lassen! Das ist die große, ewige Melodie, welche der Weltgeist greift auf der Harfe des Lebens, und welche die Mutter im Lächeln ihres Kindes, der Denker in den Blättern der Natur und Geschichte wahrnimmt.«
~Nicht~ in die Breite und Weite geht Raabes Art. Aber in die ~Tiefe~. Allerdings auch nicht in die Tiefe psychologischer Feinarbeit und nicht in die Tiefe besonders interessanter Probleme. Aber in die Tiefe des Menschenherzens, des einfachen, schlichten Gemüts. Und in jene Tiefen, in denen man lernt, das Höchste zu verstehen: Menschenschicksal, Menschenleid, Menschenliebe. Zu ~verstehen~ -- sage ich. Das Wort ist für Raabe zu kalt. Zu ~fühlen~, zu ~erfassen~, staunend und andächtig zu durchmessen, -- das trifft besser das, was er will. Eben diese Kunst, Menschenleben aus der Höhe in die Tiefe und aus der Tiefe in die Höhe zu schauen, gibt Raabes »Chronik« ihre eigenartige Stimmung. Weisheit und Gemüt, Reflexion und Gefühl, Ernst und doch auch sprudelnder Humor bilden die Bestandteile dieses wunderbaren Etwas, das über dem Ganzen liegt.
Es gibt Menschen, welche für solche Stimmung gar keine Sympathie haben. Vielleicht sind sie in der Mehrzahl. Das 19. Jahrhundert war dieser Spezies nicht günstig. Sie werden an Raabe keine Freude haben. Und sie werden die Fehler auch seiner »Chronik« ihm deutlich vorhalten. Hat Raabe nicht selbst sich später kritisiert: er habe in der Chronik einen Greis Bilder und Gestalten in wallendes Gewölk zeichnen lassen? Ist nicht zu viel Traum in dem Buch? Geht nicht Vergangenheit und Gegenwart, Traum und Wirklichkeit oft so wirr durcheinander, daß die schlichtende Klarheit verloren geht? Ist nicht so viel Reflexion, so viel an Einzelgedanken eingeschoben, daß es manchmal schwer wird, den Faden festzuhalten, der das Alles verbindet? Ist nicht mancher Ausdruck manieriert, mancher Gedanke allzu pointiert? Fehlt nicht die Realistik oft mehr, als selbst dem Idealisten erlaubt ist? Sind die Wege, welche er seine Freunde gehen läßt, bis in der Sperlingsgasse ein neuer Bund geschürzt wird, nicht reichlich absonderlich? So fragen sie, die nach Wirklichkeit hungern. Und -- sie haben nicht Unrecht. Was sie sagen, empfinde auch ich als richtig. Nur eben -- man kann das zugeben und doch nicht unempfänglich sein für jene Höhe und Tiefe der Stimmung und Betrachtung, für jene feinen und zarten Gedankengewebe, die uns in alldem den Dichter weisen, den Dichter der Weisheit und des Gemüts, den Dichter der Stimmung.
Habe ich zu lange bei der »Chronik der Sperlingsgasse« verweilt? Vielleicht. Aber ich will auch Raabes andere Romane alle, die großenteils noch den Jahren bis 1870 ihr Dasein danken, hier nicht besprechen. »~Unseres Herrgotts Kanzlei~« (1862) hat schon seine Erwähnung gefunden. Von den übrigen nenne ich nur: »~Die Kinder von Finkenrode~«, »~Die Leute aus dem Walde~«, »~Der Schüdderump~.« Aber eins muß doch noch neben die Chronik gestellt werden, nicht bloß, weil es berühmt geworden ist, sondern weil es Raabes Eigenart noch genauer erkennen läßt. Das ist »~Der Hungerpastor~«, erschienen 1864. Auch hier brauche ich den Gang der Handlung nicht im einzelnen zu entwickeln. Sie kennen ihn alle und haben ihn in frischer Erinnerung. Nur beleuchten möchte ich Ihnen ein wenig diese schöne und gute Gabe des Dichters. Und zwar nach drei Seiten hin.
Zuerst hinsichtlich der ~äußeren Handlung~. Sie ist reicher als in der »Chronik«. Und nicht bloß reicher, auch mit vollendeterer Kunst gestaltet. Zwei Lebensschicksale sind neben einander gestellt. Da ist Moses Freudenstein, dessen Vater das Geld hat und der selber den Trieb hat, in der Welt vorwärts zu kommen, Moses Freudenstein, der zu eben diesem Zweck den Namen seiner Geburt in den des Theophile Stein umwandelt und die Religion seiner Väter mit der katholischen Konfession vertauscht. Moses Freudenstein steigt, steigt bis zum Geheimen Hofrat hinauf. Neben ihm aber steht Hans Unwirrsch, der Schuhmacherssohn, dessen Vater kein Geld hat und dessen Sohn eine ganz andere Sehnsucht im Herzen trägt, der es aber dafür auch längst nicht so weit bringt wie der Jugendgenoß, der doch aus derselben Kröppelstraße stammt. Lange geht er seines Weges als armer Kandidat und geplagter Hauslehrer, und zum Ende wird er ein armer Pfarrer in einsamem Dorf. Dieser zweite, Hans Unwirrsch, der Hungerpastor, beherrscht mit seinen Erlebnissen durchaus den Gang des Ganzen; im Grunde genommen ist dies Ganze nicht viel anderes als die Geschichte seiner Erfahrungen bis hin zur Zeit der Reife. Aber die Art, wie in dies Schicksal hinein das des Moses Freudenstein verwebt wird, wie beide einander gegenüberstehen von der Kindheit an bis ins Mannesalter, und zugleich die Kunst der Erzählung dessen, was Hans Unwirrsch erlebt, sie heben den »Hungerpastor« nach Seiten der Handlung hoch über die »Chronik der Sperlingsgasse.«
Zum Zweiten. Im Hungerpastor hat Raabe ~Charaktere~ geschaffen. Allerdings Charaktere, welche bestimmte Gesamtanschauungen vertreten. Weltanschauung steht gegen Weltanschauung, ähnlich wie in Heyses »Kinder der Welt.« Aber die Menschen, welche diese Anschauungen tragen, sind nicht auf Draht gezogen wie bei Heyse. Weder Moses Freudenstein noch Hans Unwirrsch. Vor allem der letztere nicht; das ist kein Gestell, an welches die Ansichten, sorglich abgestuft, angehängt werden. Hier ist Entwicklung aus Kindheit und Jugend, ja aus Heimathaus und Elternart heraus, aus dem Haus heraus, in welchem der Vater Schuhmachermeister bei der wassergefüllten Glaskugel, die das Licht der kleinen Öllampe auffängt und glänzender wieder zurückwirft, seinem Handwerk obgelegen hat. Zwei besondere Paten hat ihm der Vater mitgegeben: »Johannes soll er heißen wie der Poet von Nürnberg und Jakob wie der hochgelobte Philosophus von Görlitz, und wie zwei Flügel sollen ihm die beiden Namen sein, daß er damit aufsteige von der Erde zum blauen Himmel und sein Teil Licht nehme.« Der Junge zeigt sich in der Schule nicht besser als jeder andere Schlingel. Auch für ihn kommt die schöne Zeit der schmutzigen Hände, der blutenden Nasen, der zerrissenen Jacken, der zerzausten Haare. Aber es kommt auch die Zeit, da er als wahrheitsuchender Studiosus mit Moses Freudenstein über Gott und Welt und Vaterland disputiert, wo er dann von Moses scheidet, als dieser in die freie weite Welt geht, und schließlich in der Öde und Abgeschiedenheit einer Hauslehrerstellung auch die Wünsche seines Freundes Moses begreifen lernt. Es kommt die Zeit, in welcher die Liebe ihren Einfluß auf sein Herz gewinnt, anfangs mit Irrwegen, dann auf rechtem Weg sein Herz an das bescheidene Fränzchen Götz bindend. Was braucht es weitere Worte? Es ist ein volles, echtes Menschenleben, mit Irrungen und Wirrungen, mit Suchen und Finden, das in Hans Unwirrsch gezeichnet ist. Ja, die Tiefe der Charaktererfassung gemahnt an Gottfried Kellers »Grünen Heinrich« und andere Meisterwerke. Es ist Wirklichkeit, klare Wirklichkeit, wenn schon im Zauber der Poesie, die im »Hungerpastor« das Regiment führt. Auch darin, in der tiefwahren Charakterzeichnung, ist die »Chronik« weit übertroffen.
Und dann zum dritten: auch der ~geistige Gehalt~ dieses Buchs ist erheblich tiefer. In der »Chronik« konnte man vielleicht von Betrachtungen über Menschenschicksale reden; die einzelnen Erlebnisse gaben mehr die Gelegenheiten, sie vorzubringen. Ganz anders im »Hungerpastor.« Hier schließen die Erlebnisse und Entwicklungen die großen Gedanken selbst in sich. Hier wachsen sie aus dem Herzen des Hans Unwirrsch und aus dem Verstande des Moses Freudenstein naturnotwendig heraus. Zugleich gewinnen sie dadurch an innerer Bedeutung und überzeugter Kraft. Vom Hunger handelt das Buch, von dem, was er bedeutet, was er will, und was er vermag; von der heiligen Macht des echten, wahren Hungers aber handelt es vor allem. Allerdings, auch ~der~ Hunger kommt darin vor, den Moses Freudenstein empfindet: der Hunger nach Glanz und Lust, nach Ehre und Ruhm, nach Macht und Ansehn. Aber für Raabe ist das der falsche Hunger; er läßt keinen Augenblick darüber im Zweifel, daß Moses sein Mann nicht ist. Ein anderer Hunger ists, von dem der Armenlehrer Silberlöffel redet, ehe er stirbt:
»Ich bin sehr hungrig gewesen. Hungrig nach Liebe bin ich gewesen und durstig nach Wissen; alles andere war nichts. Goldene Äpfel hängen lockend im Gezweig und schicken ihre Strahlen durch das Grün. O sie blenden so die Augen, die schönen, glänzenden Früchte. Die Hände habe ich ausgestreckt und habe mich zerrissen an den Dornen; -- viele Tränen habe ich vergießen müssen um den goldenen Glanz im Grün. Im Schatten habe ich gesessen mein ganzes Leben durch, und doch war ich für das Licht geboren. Es ist hart, hart, hart, im Schatten sitzen zu müssen und Hungers zu sterben, während so schöne Augen leuchten in der Welt, während so holdselige Stimmen locken, -- in der Nähe und ach aus so weiter, weiter Ferne. Ich habe auch Hunger gehabt nach der Ferne, aber im Schatten mußte ich bleiben, auf einen kleinen Raum im Schatten war ich gebannt. Ein goldener Regen umspielte mich oft, in Schauern fielen die leuchtenden Früchte nieder um mich und glänzten durch Grün und Blau; mir aber waren die Hände gefesselt, und nichts hatte ich als mein qualvolles Sehnen. Ich habe nichts, nichts erhalten von dem reichen Leben. Nur mein Sehnen ist mir zu teil geworden, und auch das geht nun zu Ende. Dunkel wirds vor den Augen, still vor den Ohren und im Herzen; ich werde satt sein -- im Tode.«
Diesem Hunger ähnlich ist der, welchen Hans Unwirrsch von seinem Vater, dem Schuhmachermeister, geerbt hatte. Der Vater hatte Wissensdrang, viel Wissensdrang; er las, so viel er nur irgend konnte. Was er las, verstand er meistens auch; und wenn er aus manchem den Sinn nicht herausfand, welchen der Autor hineingelegt hatte, so fand er einen andern Sinn heraus oder legte ihn hinein, welcher ihm ganz allein gehörte und mit welchem der Autor sehr oft höchst zufrieden sein konnte. Und der Sohn? Auch er ist, wie Moses, ausgezogen nach dem Wissen und dem Glück; in dunkeln armen Hütten waren sie beide geboren und aufgewachsen, und der Glanz, der durch die Spalten und Ritzen der niederen Dächer fiel, hat sie gelockt. Lange hat er gemeint, eines Weges mit dem Freunde zu gehen; dann hat er den Irrtum gemerkt. »Mein Hunger ist nicht gestillt wie der seinige; ach, ich habe so oft nicht gewußt, was ich wollte, und weiß es auch jetzt oft noch nicht. Es ist ein wundersam Ding um des Menschen Seele, und des Menschen Herz kann sehr oft dann am glücklichsten sein, wenn es sich so recht sehnt.« Wie will man diesen Hunger definieren? Er hat viel Unbestimmtes; man darf sich dadurch, daß es ein Kandidat und Pastor ist, der ihn hegt, nicht etwa bestimmen lassen, ihm einen im engeren Sinn religiösen Inhalt zu geben. Im weiteren Sinn religiös ist er gewiß. Es ist die Sehnsucht nach allem Hohen und Guten, nach Wissen und Erkenntnis, aber auch nach Liebe und Treue, die Sehnsucht der Seele nach dem, was sie braucht. So redet Johannes Unwirrsch, der Kandidat, am Christmorgen im Dorfe Grunzenow im Geist zu seinem längst im Grabe ruhenden Vater:
»O Vater, Vater, es ist schwer, ein rechter Mensch zu sein und jedem Dinge sein rechtes Maß zu geben; wer aber mit der Sehnsucht danach in der Tiefe geboren wird der wird doch eher dazu kommen als jene, welche zwischen Gipfel und Niederung erwachen, und welchen das Oben wie das Unten gleich unbekannt und gleichgültig bleibt. Aus der Tiefe steigen die Befreier der Menschheit; und wie die Quellen aus der Tiefe kommen, das Land fruchtbar zu machen, so wird der Acker der Menschheit ewig aus der Tiefe erfrischt. O Vater, der Mensch hat doch nichts Besseres als dies schmerzliche Streben nach Oben, ohne dasselbe bleibt er immerdar Erde von Erde genommen, in demselben und durch dasselbe richtet er sich aus aller Leibeigenschaft des Staubes auf, in demselben reicht er, wie wenig es auch sei, was er erlange, allen himmlischen Mächten die Hand, in demselben steht er auf der winzigsten Scholle in dem engsten Kreise als Herrscher des unendlichsten Gebietes da, als Herrscher seiner selbst. Auch der Zweifel ist ja Gewinn in seinem Leben, und der Schmerz ist so edel -- oft edler als das Glück, die Freude.«