Der Dechant von Gottesbüren

Part 9

Chapter 93,472 wordsPublic domain

Dort erlebte sie von allen Erschütterungen des Tages die größte. Das Bett des Soldaten stand vollkommen unberührt, und wenn Heinz nun nicht in der Stadt auf Abenteuern war, so war er bei Linde. Es dauerte eine Weile, bis sie diesen Gedanken in seiner vollen Bedeutung begriff. Als sie so weit war, wandte sie sich um und stieg vor Rührung und Glück leise schluchzend noch eine Treppe höher nach ihrer Kammer hinauf. Das Licht im Zimmer des Soldaten vergaß sie auszudrehen; es brannte einsam in den Morgen hinein. In ihrer Kammer droben sandte sie mit weinenden Augen und lachendem Herzen ein Dankgebet zum Himmel hinauf, dessen Lästerlichkeit sie mit ihrer Kirche ausmachen mußte.

Sechstes Kapitel

Heinz erlebt eine bittere Nacht und will kein Held mehr sein

Als Heinz wieder in seinen Schützengraben eintraf, war er bestürzt, gerührt, beglückt, von frommen Schauern durchdrungen, und die Kameraden fanden ihn verändert. Bestürzt war er über dem Erlebnis von soviel Schönheit, Leidenschaft und Liebe, gerührt von der Reinheit und Güte eines hingebenden Menschen, beglückt von der Helligkeit seiner Sinne. Die ersten Tage ging er still und in sich gekehrt seinen Pflichten nach, ließ die Kameraden spotten und dachte nur an den Schatz, den er in der Heimat gefunden hatte. Sein Blut war noch voll von ihrem Feuer. In seinem Ohr wohnte ihre Stimme und flüsterte unbeschreiblich köstlich, wie sie's eine Nacht lang getan hatte; sie verstummte auch im schwersten Geschützlärm nicht. Jeden Augenblick fühlte und roch er sie, und den Geschmack ihrer Küsse trug er ständig auf den Lippen. Man sah ihn oft abwesend lächeln und sich an irgendeinem zufälligen Gegenstand festgucken. Er vertrug weniger gleichmütig den Anblick von Gefallenen und Verstümmelten. Sein Gewehr mit dem Zielfernrohr rührte er nicht an. Seine Untergebenen behandelte er freundlich, und wenn sie älter waren, achtungsvoll; früher war er für einen etwas groben Ton bekannt gewesen, und die Mannschaft hatte über unnötige »Stripsereien« geklagt. Gefährliche Patrouillen führte er gewissenhaft und zweckmäßig aus, aber mit möglichster Schonung seiner Leute und sogar des feindlichen Lebens; eine gute Gelegenheit, mehreren Engländern das Licht auszublasen, wies er ab mit der Bemerkung, daß es genug an den Menschen sei, die man im Gefecht blindlings töten müsse; der Krieg sei kein Sport. Bald war es ausgemacht, daß er verliebt sei, und zwar gründlich. Er sollte erzählen, aber wer noch träumt, der erzählt nicht.

Als er dann doch endlich zu berichten anfing, träumte er nicht mehr. Das war in der zweiten Woche nach einem abgeschlagenen und glücklich überstandenen englischen Sturmangriff, der ihm etwas ins Gemüt gegangen war. In den halbzerschossenen Drahtverhauen hingen noch die frischen Leichen. Verwundete suchten sich umsonst aus dem Stacheldraht herauszuwinden; jammernd sahen sie um Hilfe her, aber niemand sprang ihnen bei; man erwartete einen neuen Angriff. Eben begannen die Geschosse ihrer eigenen Landsleute wieder neben, hinter und vor ihnen einzuschlagen. In den Schützengräben wurden neue Handgranaten ausgeteilt, und man brachte frische Munition für die eingebauten Maschinengewehre. Ab und zu, in unregelmäßigen Abständen, schrie hier einer getroffen auf, oder trug man einen Verwundeten durch den Verbindungsgraben nach dem Verbandsplatz ab. Heinz war weich und nahe am Weinen. Die Sehnsucht machte ihn gefühlvoll, und er fühlte sich von Todesahnungen beunruhigt. Damit aber Linde nicht ohne Nachricht bliebe, wenn ihm etwas widerführe, zog er einen Freund ins Vertrauen; in Wirklichkeit war eben sein Geheimnis mitteilungsreif und sehnte sich seine gesunde, unternehmende Natur danach, sich zu erleichtern, um weiterleben zu können.

Zuerst erklärte er nur in knappen, ernsten Worten, daß er ein edles Mädchen liebe, und gab dem Offizier ihren Namen und ihre Adresse. Später, als auch der folgende Sturmangriff gut überstanden und ihm schon etwas leichter war, ihn auch die Toten in den Drähten nicht mehr so dauerten, erzählte er ein bißchen mehr. Mittlerweile gewöhnte er sich wieder an Schußverletzungen und Verstümmelungen, und in dem Maß, wie er die Achtung vor seinen ältern Untergebenen verlor und die Freundlichkeit gegen die jüngern, verfiel er wieder in seinen groben Ton. Beim erstenmal schämte er sich, beim zweitenmal zuckte er die Achseln, und bald war wieder alles wie früher, auch die Stripserei fing wieder an. Bei der nächsten Patrouille verlor er zwei Mann, obwohl er sie hätte erhalten können; dafür »versaute« er auch vier oder fünf Engländern das Leben, wie er sich auszudrücken pflegte. Es ist nötig, hier zu bemerken, daß er ganz und gar kein schlechter Mensch war; er war nur etwas gedankenlos und besaß die Fähigkeit, sich zu rasch an Mißstände zu gewöhnen, weil ihm noch der Lebensstolz fehlte, der sich erst nach einer Reihe von schwereren Erfahrungen einstellt. Darum war er auch in seiner Eitelkeit noch ganz unangefochten, und sie verleitete ihn zu den meisten Roheiten, die er beging, weil er gern für einen Teufelskerl galt. Nach Ablauf der dritten Woche griff er eines Tages wie in Gedanken nach seinem Gewehr, ließ es von seinem Burschen putzen und noch einmal wegstellen; aber am andern Morgen stand er wieder wie früher auf der Lauer hinter seinem Zielfernrohr, und diesen Tag trug er zwei Kopfschüsse in sein Notizbuch ein.

Allmählich begann er mit der eleganten Großstädterin zu prahlen, die ihm nachgestellt hatte, und bald gab es nicht mehr viel Geheimnisse, die seine Freunde nicht auch wußten. In der Folge machte es ihm zu schaffen, daß sich die meisten mehr für die ausgewachsene Frau interessierten als für das scheue Mädchen, und daß sich alle etwas an ihren seidenen Strümpfen und Spitzen entzündeten. Ein junger Oberleutnant sagte ihm gerade heraus, daß er ein Schöps sei, und diese Meinung blieb unwidersprochen, wenn man sie auch nicht als eine besondere Lebensweisheit betrachtete; schließlich legten sie alle der Sache viel weniger Wichtigkeit bei als Heinz selber, und hätten die meisten in seinem Fall auch selbstverständlich seine Wahl getroffen, aber er argwöhnte anders. Die ersten vierzehn Tage schrieb er an Linde täglich; reichte die Zeit nicht zu einem Brief, so schickte er ihr doch eine Karte: »Bin wohl und denke an Dich!« Dann fanden sich Tage, an denen er zwar auch wohl, aber sich nicht gedrungen fühlte, es ihr mitzuteilen, obwohl er immer noch an sie dachte. Eine Zeitlang hielt er den zweitägigen Verkehr aufrecht, darauf schrieb er zweimal in der Woche, schließlich wöchentlich einmal, was mit den Tag und Nacht anhaltenden Stürmen der Engländer glaubhaft zu erklären war. Im weiteren kamen Tage des Wegs, an denen er sich weniger wohl fühlte und immer noch an Linde dachte, aber nicht mehr an sie allein, endlich solche, an denen ihn nichts mehr an Linde erinnerte, dagegen manches an die schlanke, elegante norddeutsche Frau Malva Klinger mit den Spitzen und seidenen Strümpfen und den Errungenschaften der großen Welt, von denen er für diesmal sowenig profitiert hatte.

Die ersten Wochen hindurch beunruhigte er sich darüber, daß bei seiner Rückkehr um vier Uhr morgens in seinem Schlafzimmer das Licht gebrannt hatte, und über die andern seltsamen Umstände, die sich am Morgen seiner Abreise nacheinander zutrugen. Man fand nicht nur die Tante in ihrem Zimmer bewußtlos vor, sondern auch Brigitt wurde beinahe stehenden Fußes von einer Krankheit überfallen; sie machte in der Folge einen ziemlich schweren Anfall von Gelenkrheumatismus durch. Über die Krankheit der Tante erfuhr man lange nichts Näheres. Lindes Mitteilungen darüber lauteten etwas dunkel, besonders über den großen Verbrauch von Verbandstoffen, die fremde Pflegerin und die strenge Verschwiegenheit der Patientin. War ihm damals die Enthebung von der Abschiedszeremonie eine Erleichterung gewesen, so fing ihn später die ganze Sache an zu beunruhigen, weil er sie mit dem brennenden Licht in Zusammenhang brachte. Dann mischte sich etwas unaufrichtiges Mitleid zwischen seine Betrachtungen über die bittere Enttäuschung, die eine »immerhin liebende Frau« durch ihn erlebt hatte, und dem Mitleid folgte eine ziehende oder leise nagende Art von Reue, die ihn in sehr gegensätzliche Unternehmungen hineinbegleitete, zum Beispiel in die Abfassung seiner Feldberichte an Linde. Sie führte dazu, daß er in Briefwechsel mit der Kranken trat und nachher mit der Gesunden darin blieb; den Anstoß dazu gab freilich Linde, die in ihrem echten, heiligen Mitgefühl wünschte, daß Heinz ihr ein paar gute Worte schreibe. Sie war es auch, die zuerst den Gedanken andeutete, daß bei der Tante vielleicht ein Selbstmordversuch vorliege, aus Gründen, die sie ihm nicht weitläufiger auszuführen brauchte, und sie selber machte so bei ihm die Bahn wieder frei in ein Gehege, dem sie ihn für immer hatte entreißen wollen, in ihrer Großmut auch entrissen glaubte, in das zurückzukehren ihm aber nicht so schwer fiel, wie sie voraussetzte; eine weniger herzliche Zurede hätte dafür auch genügt. Die Klingse antwortete sofort auf seinen ersten Brief, und so entwickelte sich schließlich ein Nebenverkehr, der Linde auf die Dauer nicht ganz gleichgültig bleiben konnte, wie Heinz in gewissen klareren Augenblicken sich richtig sagte, aber nun waren die Dinge einmal wieder ins Treiben gekommen, so mochten sie treiben. Schließlich, solange er im Feld blieb, konnte ja nichts passieren, und nachher, redete er sich vor, würde es sich hier wie überall finden, daß eben die stärkere Macht siegte; mit dieser würde er dann marschieren. Eine solche Abfindung mit den Dingen nannte er »moralische Notwendigkeit«, und er fühlte sich ganz ordentlich darin geborgen. Inzwischen verlangte es der männliche Anstand, daß er einer Frau, die für ihn einen Selbstmordversuch begangen hatte, nicht anders als ehrerbietig und zartfühlend gegenübertrat. Das tat er denn in einem Briefwechsel, der seinen Nachrichtenaustausch mit Linde nicht an Häufigkeit, aber doch nach und nach an Gehalt übertraf, und zwar nach Umfang wie nach Gefühlsart.

Schwere und herzliche Sorgen hatte ihm von Anfang die Betrachtung gemacht, seine Geliebte mit der Feindin im gleichen Haus zu wissen, ohne durch seine persönliche Gegenwart sie vor vergifteten oder verletzenden Bemerkungen und vor schlechter Behandlung schützen zu können. Diese Wirkung hätte zwar selbst seine leidenschaftlichste Anwesenheit nie gehabt, aber die Selbstüberschätzung entsprach zunächst noch seinem innigen und ergriffenen Gefühl für die Geliebte. Vorerst äußerte sich dieses in Ratschlägen über das rechte, stolze und unnahbare Betragen gegen die Klingse, indessen lag diese krank und gab dazu keinen Anlaß. Außerdem erwartete Heinz wie jedermann, daß sie bald nach ihrer Wiederherstellung die Koffer packen und ein Haus räumen würde, worin sie soviel peinliche Erfahrungen gemacht hatte. Als jedoch ihre Entschlossenheit sichtbar wurde, den Platz noch länger zu behaupten, besaß Heinz bereits nicht mehr die ursprünglichen Gründe, das Verhältnis seiner Geliebten zu der enttäuschten und beleidigten Frau zu bedenken, sondern andere; jenes schmerzliche Zusammenleben machte ihn nun weniger traurig und besorgt, als verlegen, und es wurde ihm um so peinlicher, je weniger er sich auf sein gutes Gewissen verlassen und die ganze Sache der Gerechtigkeit Gottes anheimstellen konnte. Schließlich, als die daraus fließenden Erwägungen die rechte Temperatur hatten, bekam Linde in einer Woche zwei Briefe; im zweiten machte ihr Heinz den Vorschlag, doch zeitenweise eine Gesellschaft zu verlassen, von der ihr sowenig Freude werde, und die weder ihrer noch seiner Selbstachtung dienlich sei. Sehe es immer noch nicht aus, als ob »Tante Malva« -- er nannte sie bereits nicht mehr die Klingse -- bald reisen werde, so müsse man eben seinerseits sehen, dem Verhältnis eine Wendung zu geben. Er sei sehr besorgt um ihre, Lindes, Gesundheit und Lebenslust und könne das als ihr bester Freund nicht mehr länger mit ansehen. Es gebe genug Verwandte, die sie mit Freuden aufnehmen würden. Vielleicht würde es überhaupt nichts schaden, wenn sie eine Strecke, etwa ein halbes Jahr, in einer großen Stadt lebe; man müsse heute alles kennen. Über die Gründe der Tante zu ihrem hartnäckigen Verhalten wisse er nichts, aber vielleicht verlören sie sich, wenn ihr die »Reibungsfläche« entzogen werde, und im Frühjahr sei dann das Haus wieder für Linde frei.

In dem letzten Satz verbarg sich eine bescheidene Lüge wie der Hase im Kohlfeld, denn schon durch die naive Schlußerwartung bewies Heinz, daß er über die Gründe zum »hartnäckigen Verhalten« der Klingse eine ganz deutliche Ahnung besaß; sie wollte, so überlegte er, Linde körperlich von dem Kampfplatz vertreiben, auf dem sie menschlich so schmerzhaft unterlegen war, um wenigstens eine »taktische Genugtuung« zu genießen. Dann, meinte er freilich weiter, werde ihr auch am längern Beharren in dem kleinen Städtchen, das sie ja verachtete, nichts mehr liegen, zumal sie die wieder angeknüpften Fäden mit ihm von einem andern Platz aus ebenso bequem oder bequemer weiterspinnen könne. Aber just aus ähnlichen Betrachtungen zog das Mädchen die Gründe, seine Vorschläge abzulehnen, deren Fadenscheinigkeit Linde in ihrem geradsinnigen Vertrauen nicht bemerkte oder nicht bemerken wollte, wie denn auch von der Möglichkeit, daß Heinz die Beziehungen zu dieser Frau in irgendeinem doppelsinnigen oder gar verräterischen Licht erwägen könnte, nichts in ihrem frommen Mädchenkopf war. Ihre Antwort hatte folgenden Wortlaut:

»Liebster Mann, habe Dank für alle Nachrichten über Dich und Deine Welt. Ihr steht vieles aus, und wir leiden sehr tief mit. Du sagst, daß Ihr für uns sterbt, so bleibt uns nichts übrig, als für Euch zu leben. Indem wir's tun, ist es unser Gebet, daß Ihr einen Trost und eine Zuversicht darin findet. Ach, was sind wir ohne Euch, aber Ihr seht die Heimat in uns, und so sind wir alles durch Euch. Vor allen Dingen sollt Ihr uns nicht jammern hören. Wir lachen nicht viel, aber wir weinen auch nicht viel. Wir kommen Tag und Nacht nicht von einem gewissen Stolz weg, der uns, ich möchte sagen, kühn und traurig macht. Doch gibt es auch Stunden, die uns fröhlich finden; ich weiß nicht, ob wir Euch dann besonders lieben, aber jedenfalls sind wir dann in einer ganz besonderen Weise für Euch da. Verstehst Du das?

Leider seid Ihr fern, aber wenn Ihr da wäret, so wäre auch dies alles anders.

Dein Vorschlag ist lieb, und ich danke Dir für Deine Fürsorge, aber ich kann in diesem Fall nichts damit machen. Ich müßte nur sagen, der Onkel braucht mich, so wäre alles übrige schon abgeschnitten. Oder ich könnte noch einen Schritt weitergehen und sagen, daß ich nicht aus einer Schule laufen will, auch wenn sie mir nicht gefällt; ich weiß ja nicht, ob ich dem Lehrer besonders gefalle. Aber ich will ganz ehrlich sein und Dir den wahren Grund schreiben. Siehst Du, hier hängt alles mit Dir und unserm Glück zusammen. Die Bäume und Büsche erzählen: Als er da war, trugen wir noch Laub. Das ist schon etwas. Die Vögel rufen manchmal ganz plötzlich: Wir haben ihn auch gesehen. Oder Bob kommt, stößt die schwarze Nase an mein Knie und sieht mich ernsthaft an, bis ich ihm einen Blick zuwende; dann bewegt er schnell den kurzen Schwanz, und das heißt: ›Wann kommt der Offizier wieder?‹ Ich habe mir im Pflaster ganz bestimmte Steine gemerkt, über die Du gegangen bist. Die Türme haben wir miteinander betrachtet und untersucht; das eine Eulennest ist noch da, und die Eule sitzt auch noch drin. Nun sage, ob ich von hier weg soll. Eine Wirklichkeit ist immer eine Wirklichkeit. Nachher würde es nicht halb wirklich, sondern ganz unwirklich sein. Also rede mir nicht mehr davon, wenn Du mich liebhast.«

Von der Klingse stand kein Wort im Brief; seitdem sie wiederhergestellt war, erwähnte Linde sie nicht mehr. Darum war sie über den ganz unvermittelten Vorschlag ihres Geliebten eigentlich ein bißchen betroffen gewesen, denn woher sollte er außer durch sie von der stillen Feindschaft wissen? Inzwischen schrieb sie es ihm als Feingefühl zugut.

Der Stern oder Geist seines Schicksals dachte: »Vielleicht fehlt ihm nur ein ganz schweres Geschehnis, so klingt sein etwas ausgeklungenes Herz wieder mit den Sphären! Man müßte es erzittern machen!« Nun fehlte es ihm ja nicht an schweren Erfahrungen; jeder neue Sturmangriff der Engländer war eine, und wenn ihm ein Geschoß einen Kameraden wegriß, so war es auch eine. Aber einem gewöhnlichen Menschen wird alles rasch gewöhnlich; es braucht ein ungewöhnliches Herz, um auch im Gewohntesten immer das Ungewöhnliche zu fühlen. Ein Ungewöhnliches im äußern Geschehen betraf ihn in einer Nacht.

Die Engländer legten in der letzten Zeit ihre Sturmläufe auf die späten Abend- und Mitternachtstunden, nachdem sie bis zur Dämmerung furchtbar mit schweren Geschossen gearbeitet hatten in der Erwartung, die Erde und die armen Seelen bis auf den Grund aufzuwühlen. Das geschah auch, jedoch aus den armen Seelen wühlten sie immer neuen Heldenmut heraus. Wie nun aber auch die deutschen Gewehre stürmten und die Spechte des Todes, die Maschinengewehre, hämmerten, so drangen doch immer eine Anzahl überlebende Feinde durch die zerfetzten Drahtverhaue, wenn auch selber zerfetzt, kampfwütend vor und erschienen im Nachtlicht riesengroß über den Rändern der Schützengräben. Diejenigen Verteidiger, die nicht schon vorwärts herausgesprungen waren, um sich ihnen auf dem freien Feld entgegenzuwerfen, empfingen sie drunten, und nach dem wild lärmenden Vorspiel hob dann stets eine stumme, grausame Todesarbeit von Mann zu Mann an, wobei ab und zu ein zwischen den Zähnen geknirschter Fluch und selten ein Revolverschuß erklang. Gerade dieser Abschnitt der langen Grabenreihe war durch seine ungewöhnlich wilde Verteidigung bekannt. Die Engländer schickten immer neue und immer ausgewähltere Truppen dagegen vor, aber immer seltener sah man etwas davon wieder, und auch wenige Angekommenen überlebten einen solchen Gang außer mit entsetzlichen Wunden in deutschen Lazaretten.

Es war schon tief im Winter, daß man nach einem vulkanischen Tagesbombardement stumm und verbissen den gewohnten geisterhaften Dämmersturmlauf der englischen Infanterie erwartete. In Eile hatte man sich aus den Verwüstungen ausgegraben, einigen Schutt zur Verteidigung vor sich aufgeworfen, sich mit Handgranaten versehen und die blanken Messer griffbereit in die Stiefelschäfte oder unter den Gürtel gesteckt. Gesprochen wurde nicht viel. Im Laufschritt kamen aus der Reservestellung noch Mannschaften mit frischen Maschinengewehren für die zerschossenen oder ganz verschütteten an, die sie hastig aufstellten und einrichteten. Das war schon ein vollkommen gespenstischer Vorgang. Wer an seinem Platz nicht mehr genug Tiefe zum Stehen hatte, der kniete oder lag auf der frisch aufgeworfenen Erde. Heinz stand mit einem Infanteriegewehr neben dem Grabengeschütz seiner Abteilung, das halb umgestürzt zwischen den Trümmern seines Aufbaues lag. Wie jeder Mann hatte auch er sich eine Anzahl Handgranaten bereitgelegt. Wer ihm im jetzigen Zustand unvermutet begegnet wäre, der hätte ihn nicht wiedererkannt. Da er im Lauf des Tages zweimal aus Verschüttungen hatte ausgegraben werden müssen, war er über und über mit Lehm bedeckt. Aus dieser elementaren Farbe blickte sein junges Gesicht bleich und etwas hohl in das letzte fahle Verglimmen des Tages hinter den englischen Grabenlinien, und da er fest die Lippen aufeinanderpreßte, so gewannen seine Züge einen bittern und leidenden Ausdruck, der ihn um Jahre älter und reifer erscheinen ließ, als er wirklich war. In seinem Geist lebte nicht die geringste Bewegung; er wartete schweigend und entschlossen auf die Engländer, und wenn er etwas dachte, so war es nichts als die Beobachtung: »Sie brauchen heute länger als sonst.« Dieselbe Beobachtung machte jeder im Graben, aber keiner sprach sie aus; es herrschte ein vollkommenes Schweigen. Hinter den englischen Schützengräben zog wie den ganzen Tag das feuchte, graue Gewölk herauf, doch ohne zu regnen; jetzt schien es sich zu beschweren und wurde dunkler, weil sich die Dämmerung auch dort an die Körper hing. Plötzlich wie aus dem Boden gewachsen oder aus dem Gewölk vorgetreten waren sie wieder da. Sie schrien nicht Hurra und hielten sich mit keinen Heldenhaftigkeiten auf, sondern liefen um ihr Leben, um möglichst schnell durch die Schieß- und Wurfzone hindurch dem Feind an den Leib zu kommen. Es war ein leiser, gehetzter Vorgang voll Schaurigkeit und Todesahnung. Aber auch das war nur ein Augenblick, denn schon schrien die Gewehre auf, rasselte das Maschinenfeuer aus hundert Läufen ihnen entgegen und krachten die wenigen übriggebliebenen Grabengeschütze. Bereits sah man Feinde wie unselige Schatten vor dem fahlen Himmel zu Dutzenden hinsinken, andere schwankend noch einige Schritte vorstürzen und ebenfalls im Dunkel verschwinden, das auf der Erde lag. Doch unaufhaltsam hastete die schwer gelichtete Linie vorwärts und betrat im nächsten Moment die doppelt mit Sterblichkeit geladene Region der Drahtverhaue und der Handgranaten. War vorhin der Tod unsichtbar in der Luft gewesen, so sprang er jetzt körperlicher von der Erde auf.

Heinz warf wie eine Maschine, ganz ohne Erregung, beinahe bewußtlos. Leiber brachen zerfetzt mit nun sichtbarer Schwere frisch blutend hin zu andern, die längst ausgeblutet hatten und vergeblich von immer neuen Eisenwirbeln erfaßt, immer neu zerrissen auf die endliche Ruhe warteten. Aber auch durch den vorgeschleuderten Riegel von Rauch und Feuer brachen noch kampffähige Körper vor, nicht mehr viele und auf dem Grabenrand hundertfach von Revolverkugeln und Bajonettstichen empfangen, jedoch einige Dutzend kamen dennoch ihrerseits zum Wurf und dann auch an ihren Mann; damit fuhren überall die Messer heraus. Indessen folgte der ersten Sturmlinie beinahe auf dem Fuß eine zweite. Wer mit seinem Mann zusammenhing, sah, wie er mit ihm fertig wurde; kaum fand man Zeit, den einen oder andern durch einen gut geführten Stich von seinem Feind zu befreien, als man wieder ans Gewehr mußte. Inzwischen waren es soundso viel Schützen weniger, und der zweite Sturm brachte ebensoviel Feinde mehr zum Nahkampf. Da ihm der dritte und diesem dichtauf der vierte folgte, so füllte sich der Graben allmählich mit Engländern, toten und lebendigen, aber die lebendigen nahmen immer mehr zu als die toten, während sich bei den Verteidigern das Verhältnis umkehrte. Übrigens kamen die Engländer in Gasmasken und glichen mehr traumhaften und bösartigen Teufeln als Menschen.