Part 8
Dem Leutnant imponierte sie sehr, und er wurde von ihr als ebenfalls musikalischer Mensch mehrmals ausgezeichnet, so daß er sich schließlich auch selber ein bißchen wichtig vorkam; denn sie drehte es mit großem Geschick so, daß er bedeutende Dinge gesagt hatte, die ihm nie in den Sinn gekommen waren. So gesellig belebt, und die es nicht waren, wenigstens durch den Tee etwas aufgefrischt, begab man sich zur Orgelprobe ins Münster hinüber. Der Organist ließ es durch alle Register laufen, brausen, säuseln, weinen, erhaben schreiten und liebreich aufschweben, und wenn man meinte, die Erscheinungen hätten sich im Blau verloren, so sanken sie auf sichern Engelsflügeln wieder herab. Nun merkte Heinz wohl, daß das eine andere Art von Musik war, als die er wohlgeartet so vortrug, um Damen zu bestricken; das waren Töne und Klänge, denen Gott zuhörte, und er fühlte sich ziemlich unbedeutend und alltäglich. Mit diesem bescheidenen Gefühl hätte er gern Zuflucht bei Linde gesucht, aber die Klingse ließ ihn nicht aus der Kur, sondern nahm ihn mit auf die Orgelempore, um ihm auch dort mit Bedeutung angetan zu erscheinen. Als der kindliche Meister sich fürs erste ausgetobt und ausgespielt hatte, bat sie sich für ein Weilchen seinen Platz aus, den er ihr etwas verblüfft überließ. Da zeigte es sich, daß sie auch über die Orgel Bescheid wußte. Sie hatte nicht umsonst in jeder Sommerfrische die Dorforgeln geschunden und den Einwohnern Konzerte gegeben. Heinz sperrte nun wirklich Mund und Augen auf, und der Organist brummelte einmal verwundert: »Schau mal an, so ein Besen!« Da sie ein eisernes Gedächtnis besaß, brachte sie auch etwas Richtiges vor sich, wenigstens hörte es sich danach an, aber der kleine Herr aus Köln hatte bald heraus, wo es bei ihr haperte. Sie spielte wie eine wohlunterrichtete, feinsinnige Schreibmaschinendame, saß aber darüber mit einer Gebärde, wie man sie auf gewissen Bildern der heiligen Cäcilia sieht, und daraus war sie auch bewußt übernommen. Dem Leutnant, der von allem natürlich nichts merkte und wußte, ging sie doch wieder sehr auf die Phantasie, und er dachte, daß ein Mann mit einem solchen glänzenden, kühnen und überall zuständigen Stück von Weib gut bedient sein müsse; nur jünger und etwas milder wünschte er sich die seine, aber die Richtung leuchtete ihm höllisch ein.
»Nun, Meisterchen, was sagen Sie mir zu meinem Orgelspiel?« fragte sie den kleinen Herrn, als sie das letzte Stück ordentlich hatte ausbrausen lassen. Heinz lief es noch kalt den Rücken hinunter wegen ihrer Größe. Sie hatte sich auf dem Orgelbock nach dem Organisten herumgedreht und sah, die Hände gemächlich zwischen den Knien, jovial zu ihm hinunter.
»Ganz ordentlich! Ganz brav!« kicherte der berühmte Mann, indem er seine Brillengläser putzte. »Sie haben Gedächtnis, da hilft nun nichts. Und die Register -- na ja, sie lassen sich ja gern ziehen. Dafür sind sie auch da, die Register, nicht wahr. Tja. Aber meine Gnädige, das Orgelspiel, das fängt mit dem Pedal an. Sonst ist's eben Harmonium.«
Die Klingse nahm die Hände zwischen den Knien heraus und legte sie neben sich auf den Bock. »Das können Sie von einer Dame nicht verlangen!« sagte sie etwas spitz und schob das Kinn vor. Dann glitt sie vom Bock herab und ließ den kichernden Herrn mit seiner Brille stehen. Der lachte über diese Antwort noch etwas lauter, putzte die Brille zu Ende, setzte sie auf die starke, gebogene Nase, schwang sich wieder auf den Bock und ließ nun zunächst einmal eine ganze Weile die Pedale brummen, daß die Kirchenmauern zitterten. Dann stellte er obendrauf eine Manualstimme, nach einiger Zeit wieder eine, und schließlich eine dritte, fing an zu weben und zu schweben, immer über dem unabänderlichen Pedalgang, und als alles fertig war, so war's ein Orgelsatz, wie ihn Bach nie besser geschrieben hatte, aber er hatte ihn immerhin geschrieben, und er klang auch in einem katholischen Münster von einer katholischen Orgel so herzbewegend, daß Linde beinahe den Atem darüber verlor; aber sie hatte heute überhaupt nicht viel. Es gibt religiöse Erscheinungen unter der Sonne, die weder protestantisch noch katholisch sind, sondern der weiten tiefen Menschheit entspringen, wie ein Strom der lebendig wirkenden Erde, die ihn vom Himmel hat, und dann gibt es noch einige, die als Erzengel Tag und Nacht dienend vor dem alleinigen Gott stehen. Wer will dort kommen und sagen: »Ich bin nämlich protestantisch«? oder: »Ich möchte nur daran erinnern, daß ich gut katholisch -- ich meine --«. »Da kannst nun nix machen, Bach bleibt Bach!« murmelte der kleine Herr zwischen den Zähnen und lächelte beglückt. Und der Dechant saß in einer Bank und machte sich Gedanken über eine einige, starke, fromme deutsche Nationalkirche. Aber er kam nicht zu Schlag damit; beizeiten erhob sich vor seinen Augen der warnende Finger Roms. Linde blickte aus großen, ganz trockenen Augen ins Weite und sah merkwürdig reif aus. Die Klingse ging, musikalisch völlig uninteressiert, die Glasmalereien betrachtend von einem Fenster zum andern. Und Heinz stand vorn in der Kirche, wo ihn die Klingse hatte stehenlassen, und wußte auf einmal nicht mehr, wo er hingehörte. Es war ihm nicht entgangen, daß der kleine Herr ihr moralisch ein wenig auf die Achseln geklopft hatte, aber andrerseits mußte er ihr darin recht geben, daß man das von einer Dame auch nicht verlangen konnte. Darüber hinaus ergriff ihn die Einsamkeit, die sich mit ihrer unzufriedenen Gestalt überall hinbewegte, und fand er in ihrer Absonderung etwas so Drohendes, daß er nicht wagte, zu Linde zu gehen, obwohl er sehr deutlich fühlte, wie einsam auch sie war, und wie sie jede Minute und jeden Atemzug nach seiner Nähe verlangte. Vor Ratlosigkeit begann er schließlich ebenfalls, Fenster zu betrachten.
Der Organist aß abends noch mit, und er wäre gern vergnügt gewesen, denn die Orgelprobe hatte ihm Freude gemacht, aber die Klingse erlaubte es nicht. Es schien, als ob sie sich nun eine Übung daraus machte, ihn nirgends hochkommen zu lassen und ihm überall zu widersprechen. Er konnte sagen, was er wollte, so wußte sie es besser, oder sie hatte davon noch nie etwas gehört, was für ihn ebenso schlimm war. Wenn er einen Witz machte, so streckte sie das Kinn vor und ließ ihn abfahren, wurde er aber gefühlvoll, so verzog sie ein wenig die dünnen blassen Lippen, und für einen kalten Guß brauchte er dann nicht extra zu sorgen. Mit seiner guten warmen Menschlichkeit zappelte er an der Angel ihres kalten konventionellen Verstandes erbärmlich, und einmal machte er auch den Versuch, auszuschlagen, bekam es aber sofort zu bereuen, denn auf solche Fälle hatte sie ein vernichtendes Mittel immer in der rechten Zusammensetzung auf Lager. Sie hob die scharfe Nase in die Luft und sagte kühl: »Über den Geschmack läßt sich nicht streiten.« Der kleine Herr war alles in allem froh, als es Zeit für seinen Zug wurde, von diesem verfluchten Nachtessen aufstehen zu können, so schöne und für ihn ungewohnte Dinge auch auf dem Tisch standen. Von den jungen Leuten verabschiedete er sich väterlich, von der Klingse mit einem Kopfnicken, das sie kaum erwiderte. Der Dechant begleitete ihn hinaus. »Apropos«, sagte er unter der Tür, »es wäre schon besser, wenn sie die Orgeln in Zukunft in Ruhe ließe; da haben Dilettanten nichts zu suchen.« Mit diesem Trumpf hob er sich davon. Dem Soldaten, der nun einen großen Ausbruch voraussah, blieb beinahe das Herz stehen. Zu seinem Erstaunen und zu Lindes Unbehagen ging aber nur ein spöttisch erheitertes Lächeln über ihr Gesicht.
»So sind diese Künstler nun«, bemerkte sie weise. »Wenn sie guter Laune sein sollen, so muß man sie bewundern. Hat man aber einmal Lust, sich selber zu behaupten, so werden sie weinerlich oder ausfällig. Sie wollen nur immer sich selber erleben. Gib mir noch eine Zigarette, Heinz.«
Heinz beeilte sich, ihr zu dienen. Sie nahm sich eine kleine Damenzigarette und sah um Feuer auf. Heinz wollte ihr ein Streichholz anreiben, aber sie meinte, das könne man sparen, er solle ihr Feuer von seiner Zigarre geben. Er reichte sie ihr bereitwillig; sie fand, daß sie nicht genug Glut habe, und veranlaßte ihn, sie durch ein paar Züge erst klarzurauchen. Endlich wickelte sich das bekannte Liebesspiel ab; Linde wunderte sich in allem Leiden, daß sie zu so gewöhnlichen Mitteln griff, und verachtete sie dafür. Aber Heinz wußte nicht: befand er sich im Vorhof zum Himmel oder in der ersten Klasse des Fegefeuers, während sie Auge in Auge mit ihm, ihre Hand auf seinem Arm, langsam und in aller Umständlichkeit ihre Zigarette an seiner Zigarre in Brand setzte, und in dieser herbeigeführten Annäherung der Gesichter lag so viel Schamlosigkeit und unausgesprochenes Laster, daß er nachgerade dem Zorn ebenso nahe war als einem Ausbruch seiner Begehrlichkeit.
Brigitt kam über der Übung herein und machte ziemlich große Augen dazu; ihr zweiter Blick ging zu Linde, und da sie durch die scharfe Brille der Liebe guckte, so sah sie, ohne Erklärungen zu brauchen, was da im Gange war. Ihre Triumphstimmung erlitt einen schweren Stoß. Da sie nicht immer langsam dachte, so erinnerte sie sich in ihrem alten Hirn blitzschnell an zehn, zwanzig ganz kleine, unbedeutende Vorgänge, die sie nicht weiter beachtet hatte, die jetzt aber plötzlich zusammen ein Bild machten. Das andere dachte sie sich. Lange saß sie nachher brütend auf ihrem Küchenstuhl, mit ihrem Haß und ihrer Eifersucht geplagt und unausgesetzt das vergrämte Gesicht ihres Schützlings vor den Augen. Einmal sagte sie laut vor sich hin: »Ihm ist ja auch nicht zu trauen!« und stand auf, als ob sie nun sofort einschreiten sollte; enttäuscht und ernüchtert machte sie sich zunächst wieder über ihre Küchengeschäfte her, um das Gedankenspiel von vorn zu beginnen.
Nach dem Nachtessen waren die Zustände schon so verworren und innerlich erregt -- nur der Dechant gewahrte nichts davon, weil er alles auf Rechnung des Abschieds setzte --, daß die Klingse selber Gesellschaftsspiele aufbrachte, um glimpflich über die nächste Stunde in die Nacht hineinzukommen. Man gab Rätsel auf, verbot bestimmte Worte, konstruierte mit andern und kam dazwischen auf rednerische Lächerlichkeiten und auf Ungeheuerlichkeiten des Zeitungsstils. Die Klingse berichtete von den sprachlichen Fatzkereien gewisser Literaten, von denen man hier weniger wußte, aber es wurde klar, daß sie sie im Grund bewunderte, und dann wandte sich der gesellige Geist auf das Gebiet des Kalauers und des Stegreifrätsels, auf dem sie mit ihrem unerbittlichen Gedächtnis vor den ernsthaften Leuten sehr glänzen konnte, obwohl nicht ein halber eigener Einfall darunter war, sondern der schöpferische Kopf war hier der Soldat, nur daß er leider damit nicht seine stille Geliebte bekränzte, sondern das unheimliche Weib. Zum Beispiel brachte er folgende Drolligkeit zum Vorschein: »Das erste ist eine Stadt in Österreich, das zweite eine englische Bejahung, von einem Tiroler ausgesprochen, das ganze die Tante Malva.« Linde erriet vor dem Dechanten, aber sie sprach nicht aus; der Dechant dachte länger und sagte dann lachend: »Graziös!« Spät war die Rede davon, daß Linde so still sei. »Unsre Linde«, meinte die Klingse mit einem leisen Lächeln, indem sie sich erhob und dem Mädchen die Hand auf die Schulter legte -- Linde zuckte sichtlich zusammen --: »Unsre Linde ist ein bißchen spießig. Nun, wir wollen schlafen gehen; Heinz muß morgen früh aus den Federn.«
Damit war auch diese Not zu ihrem Ende gekommen, und man trennte sich mit allseitigen guten Wünschen für die Nacht; die meisten bekam Heinz, weil es seine letzte im Vaterland war. Der Dechant fuhr ihm väterlich mit der Hand über den Scheitel. »Ich will hoffen, daß du nicht mit leerem Kopf und Herzen aus der Heimat in den Schützengraben zurückkehrst«, sagte er ernst und bedeutsam. Linde sagte und tat am wenigsten von allen. Aber die Klingse hielt die Zeit für einen Kuß gekommen, wozu sie ihr Verwandtschaftsverhältnis vollkommen berechtigte. Es war ein sündhaftes Feuer, in rechtmäßiger Fassung dargeboten, und im letzten Moment bog Heinz erschreckt den Kopf beiseite, so daß der Kuß statt auf den Mund auf die Wange traf. Lindes Herz tat einen Kniefall des Dankes vor Gott, seins einen der Schwäche, aber es raffte sich wieder auf, als er in der Verwirrung Lindes Augen suchte und fand. Es war ein Hilferuf; er sah, daß er verstanden wurde, und daß seine Geliebte sehr fest und stolz war und alles hoffte. Da hoffte auch er, aber er fürchtete fast ebensoviel, denn er sah sich noch bei weitem nicht der Gefahr enthoben, wagte auch nicht zu denken, daß er am frommen Ort Zuflucht vor dem Laster haben könnte.
Das Geräusch des Aufbruchs hatte die wachende Brigitt aus ihrer Höhle gezogen; die Augen wären ihr aus dem Kopf gesprungen, wenn es ihr verwehrt worden wäre, noch einmal zu sehen und vor dem Schlafengehen ein Blickmaß zu nehmen. Sie sah den Kuß und den siegesgewissen Gesichtsausdruck der Feindin, und sie konnte sich nicht helfen, aber in den Haaren hatte sie ein Gefühl, als ob ihr der ganze Schopf zu Berg stände, während ihr vor Mitleid mit Linde jeder Knochen im Leib weh tat. Ohne den Haß hätte der alte keusche Mensch freilich niemals diese Witterung für das Laster gehabt. Es war für sie dann beinahe überflüssig, daß die Klingse beim Hinaufsteigen nach den Schlafräumen noch mit ihrem magern Humor sagte: »Ich weiß nicht, bei mir muß das Schloß kaputt sein, ich kann gar nicht die Tür riegeln. Da könnte doch jeder hereinkommen.« Worauf der Dechant gutmütig spottend erwiderte: »Beruhige dich nur, es wird dich niemand in Gefahr bringen, als höchstens morgen der Schlosser; aber er hat auch schon seine sechzig Jahre auf dem Rücken.« Darauf die Klingse etwas zynisch: »Nun, wenn er sie bloß auf dem Rücken hat!« Weiter hörte Brigitt nicht, und eigentlich hatte sie auch nichts Neues gehört, sondern nur Bestätigungen für innere Gewißheiten; ihr war, als hätte sie diese Gespräche schon vor Jahrtausenden belauscht; trotzdem erregten sie sie ungeheuer oder vielleicht eben deshalb, denn beinahe so groß wie ihr Abscheu war die Befriedigung, die sie über dem pünktlichen Eintreffen ihrer schlimmsten Erwartungen genoß. Der Mensch ist ein altes verängstigtes Tier; er glaubt gern und leidenschaftlich an das unbedingt Böse und ist überall schwer vom bedingten Guten zu überzeugen; manchmal macht er wirklich den Eindruck, als ob er am Bösen auch mehr interessiert sei.
Nun begann aber für Brigitt eine Nacht, wie sie noch keine erlebt hatte, und wie sie sie auch nie für möglich gehalten hätte. Es gibt ja keine »bestimmte Erwartung«, die nicht im Hirn des aufgeschreckten Menschen neue Möglichkeiten und noch bestimmtere Erwartungen zeugte. Dazu kam, daß Brigitt bei aller Witterung nicht die geringste Erfahrung besaß, um sich die richtige und endgültig zutreffende bestimmte Erwartung bilden zu können. Sie vermochte sich nicht im entferntesten vorzustellen, wie »so etwas« vor sich ging, und weil sie nichts sah, nahm ihre Vorstellung bald die abenteuerlichsten Wege und brachte sie in eine solche Geistesverfassung, daß sie anfing, gemeingefährlich zu werden. Solange droben die Geräusche der zu Bett Gehenden andauerten, war ihr Zustand immer noch erträglich; sie zitterte vor Haß, sobald sie etwas von der Klingse vernahm, aber sie konnte sich doch sagen, daß »noch nichts passiert« sei. Jedoch als es still zu werden begann, wurde ihr ihre Einsamkeit zur unerträglichen Qual. Obwohl sie aus Liebe zu Linde wie den Tod fürchten mußte, etwas zu hören, schärfte sie doch zehnfach alle Sinne darauf, um die Feindin auf frischer Untat zu überführen, und so rachsüchtig und zum voraus schadenfroh war sie, daß sie in der Viertelstunde wohl zehnmal unten an die Treppe lief, weil im Haus etwas geknackt hatte, eine Uhr sich räusperte oder auch nichts geschehen war. Nachdem sie dann lange genug gelauert hatte, schlich sie mit hämmerndem Herzen und zitternden Knien in die Küche zurück, um sich vor allen Dingen auf dem Küchenstuhl wieder etwas zu fassen und ein bißchen neue Kraft zu sammeln. Viel war's nie, und die Sammlung reichte auch nur gerade dazu hin, um sich wieder eine aufregende Einbildung zu machen. Darüber ging die Mitternacht vorbei, wurde aber ihre viele Arbeit, die sie sich den Tag so fröhlich vorgelegt hatte, nicht weniger, denn sie wagte sich kaum zu regen aus Sorge, irgendeinen »entscheidenden Moment« zu verpassen und so vielleicht am Unglück Lindes mitschuldig zu werden. Daß es dann schon besser war, der ungetreue Stiel fuhr in Gottes Namen in den norddeutschen Besen, als daß sich Linde mit Kummer und Not an ihm herumzerrte, um am Ende doch nichts zu haben, diesen Gedanken faßte sie nicht, sonst hätte sie auf ihrem aufreibenden Posten doch etwas mehr grimmiges Vergnügen genossen in der Erwartung, die beiden saubern Herrschaften miteinander zu erwischen.
Schließlich gegen eins -- die Uhr im Eßzimmer, die falsch ging, schlug langsam und dröhnend zwölf, worüber Brigitt schier verrückt wurde -- hörte sie, bereits zum zwanzigsten- oder dreißigstenmal, »endlich doch etwas«, und mit der Geflügelschere, die sie gerade in der Hand hielt, lief sie wieder zur Treppe vor. Die Dielen droben hatten geknarrt, wie wenn jemand langsam, doch ohne zu große Vorsicht, in bloßen Füßen oder in Strümpfen über den Korridor gegangen wäre, eine Tür geöffnet hätte, um dort einzutreten und hinter sich, auch nicht besonders leise, zu schließen und sich alsdann vollkommen still zu verhalten, was natürlich an dem ganzen Vorgang das verdächtigste war. Brigitt zog rasch die Pantoffeln aus und schlich atemlos die Treppe hinauf, geduckt und mit ihrer Geflügelschere und den hängenden Haarsträhnen mehr einer Raubmörderin gleichend als einer so braven Person, die sie sonst war. Unter den obersten Stufen kauerte sie sich hin, um zunächst wieder zu horchen. Richtig dauerte es nicht lange, so ging wieder ein Schloß, und als sie den Kopf vorsichtig über die oberste Treppenstufe hinaufschob, sah sie den Dechanten in der Unterhose und in Pantoffeln und mit dem Licht in der Hand ernsthaft und mit dem gewohnten gesammelten Ausdruck seinem Schlafzimmer zuwandeln, und der kleine Raum, von welchem er kam, war ihr auch genau bekannt. Indessen hielt er seitlich aufblickend an, besann sich einen Moment und ging dann auf die etwas offen stehende Tür des Soldaten zu, die er behutsam ins Schloß zog, worauf er durch seine eigene verschwand. Bestürzt und reuevoll fuhr es Brigitt durch den Kopf: »Die Zwetschen!« und sie schämte sich heftig, ihren Herrn in diesem Aufzug belauscht zu haben. Immerhin war sie diesmal keinem Trugbild nachgelaufen, und da nun wirklich auch niemand wissen konnte, ob nicht doch noch sonst etwas geschehen war, was sie mit ihren alten, schlechten Ohren nur überhört hatte -- denn auch diesen Vorgang hatte sie doch »beinahe nicht gehört« --, so blieb sie auf ihrem neuen Posten sitzen, mit der Geflügelschere und den grauen Haarsträhnen, dem Herzklopfen und dem Haß samt der großen unvernünftigen Liebe.
Diese Ausdauer wurde schließlich belohnt, wenigstens faßte es Brigitt nachher so auf. Denn indem sie so lag und vor Frost mit allen alten Knochen zitterte, auch vor Erregung und Müdigkeit, knickte ganz fein, wie von leichter Hand herabgedrückt, ein Schloß. Brigitt schob den zottigen Kopf vor und sah tatsächlich die Klingse ganz traumhaft, blauseiden und silbern wie ein Mondstrahl, ihr Zimmer verlassen, ohne Licht, aber das aus unsichtbarer Leuchtquelle beglänzte schwebende Nachtgewölk verbreitete einigen zarten Schein durch den Raum, genug für Brigitt, um jeden Zug des verhaßten, hochmütigen kalten Gesichtes unterscheiden zu können. Zuerst fürchtete sie noch, sie möchte vielleicht auch nur den Weg des Dechanten wandeln, aber sie bog, als ob sie Brigitt zu Gefallen leben wollte, nach rechts ab und ging ganz geradeaus auf das Zimmer des Soldaten zu. Brigitt mußte sich im letzten Moment noch abfassen, daß sie nicht laut: »Aha!« rief. Auch dort knickte die Falle ein bißchen. Die Tür ging auf, und die nachtwandelnde Frau trat etwas vorgebeugt und nun mit einem rascheren Schritt ein, ganz in der Haltung eines Menschen, der sich in einer unerträglichen Spannung Gewißheit verschaffen will; die Tür ließ sie hinter sich offen.
Brigitt freilich dachte, daß »es« jetzt vor sich gehen solle. Soweit hatte sie regungslos zugesehen, nur Auge und Ohr. Nun richtete sie sich empor, etwas mühselig, denn vom langen Kauern war sie steif geworden, stieg unsicher die paar Stufen noch vollends hinauf und schwankte mehr, als sie schlich, den Korridor vor, auf die Tür des Soldaten zu. Von dem, was nun folgen mußte, hatte sie weiter keine klare Vorstellung, nur daß sie eben entlarven und retten wollte. Vermutlich wäre sie mit der offenen Tür ins Zimmer gefallen und hätte schrecklich Lärm geschlagen, und das übrige wäre in eine Rauferei oder dergleichen ausgeartet. Aber es kam ganz anders, denn eben, als Brigitt die Nase im Türspalt hatte, bewegte sich etwas darin, und dann prallte die Klingse, vollkommen unvorbereitet, mit ihrer Feindin zusammen.
Auf einen Augenblick standen beide Frauen einander ganz starr vor Verwunderung gegenüber. Der Gesichtsausdruck der Klingse, die eben noch gespannt und sorgenvoll dreingesehen hatte, wandelte sich rasch wieder in Hochmut und jene kühle Verachtung, die das alte Wesen wie nichts auf der Welt zur Wut brachte. Sie räusperte sich beherrscht, aber sie sagte nichts, sondern wartete stumm mit einem deutlichen Zug des Ekels, daß die untergeordnete Kreatur ihr den Weg frei gebe. Brigitt ihrerseits, in ihren schönsten Hoffnungen so furchtbar enttäuscht, denn in der kurzen Zeit konnte unmöglich etwas geschehen sein, schwindelte vor Haß und Leid; beinahe weinte sie, so erbarmungswürdig sah sie sich selber mit ihrer Ratlosigkeit vor der gefährlichen und gewandten Person stehen. Aber indem sie sich dennoch nur mit heißeren Augen in die eisige Physiognomie festsah, warf ihre aufgerührte Seele, nach irgendeinem Donnerkeil Gottes für dies Lästergesicht schreiend und greifend, die Hände um sich. Gleichzeitig schoß ihr ein Gedanke durch den Kopf: »Sie hat dich gehört, darum ist sie wieder herausgekommen!«, und so war denn auch wieder der Auftrag der Moral auf ihrer Seite.
»Hab' ich dich ertappt!« flüsterte sie beinahe bewußtlos vor Erregung. »Wolltest spionieren, Spionin? Wolltest einen hübschen jungen Mann verführen, du niederträchtiges, gottloses Weibsstück? Warte nur, jetzt soll dich der Dechant kennenlernen!«
Schon fühlte sich die Klingse im Haar gepackt und vorwärts gezogen, aber auch jetzt nicht die Frau, mit sich spielen zu lassen, warf sie sich herum, ergriff schnell Brigittens Arm und schlug trotz ihres Ekels ihre schmalen, immer noch sehr scharfen Zähne in ihr Fleisch, daß die alte Person vor Schmerz leise aufschrie. Dadurch halb von ihrer Besessenheit abgebracht, aber andrerseits zur körperlichen Raserei aufgereizt, faßte Brigitt noch um einen Griff schärfer zu, riß die Feindin an ihrem roten Schopf seitwärts gegen die Wand, und ganz besinnungslos vor Schmerz, ohne zu wissen, was sie tat, mehr, um sie von ihrem Arm abzuschrecken, stieß sie mit der Geflügelschere nach ihr und traf sie in die Schulter. Da ließ die Klingse den Arm los, und Brigitt ließ den Schopf los, und dann standen die Feindinnen noch eine Weile um Atem und Haltung ringend voreinander, bis die Frau von Blut überlaufen und schweigend schnell nach ihrem Zimmer ging und Brigitt als Siegerin auf dem Platz ließ. Brigitt sah den alsbald erscheinenden dunklen Fleck auf der blauen Seide nicht ohne Schreck, aber dann erinnerte sie sich an Linde und den unsichern Geliebten, und noch mehr, um durch ihn wieder Anschluß an ihr Leben und ihre Wirklichkeit zu gewinnen, als um ihn zur Rede zu stellen, trat sie durch die noch nicht wieder geschlossene Tür, griff um den Pfosten herum nach dem elektrischen Knopf und schwankte dann, mit Mühe auf den Füßen bleibend, ins erleuchtete Zimmer.