Part 7
Darüber hinaus lagen ihm noch die Träume dieser Nacht in den Knochen. Er hatte sich selber sterbend »auf blutiger Wahlstatt« -- diese Worte tönten ihm unausgesetzt in den Ohren -- liegen gesehen und war darum traurig und etwas tiefsinnig. Für eine solche Gemütsverfassung schien ihm Linde eher der geeignete Umgang zu sein als die überlegene und ungläubige Frau, und darum kehrte er von seinen Augenausflügen immer reuig zu seiner stillen Freundin zurück. So ging er auch nach dem Frühstück verabredetermaßen redlich mit ihr spazieren, und Bob durfte mit. Der Dechant hatte noch angezeigt, daß heute nachmittag um fünf die neuaufgestellte Orgel probiert werde, und zwar durch einen bekannten Organisten aus Köln; wer sich dafür interessiere, möge sich einfinden. Es interessierten sich alle, sogar Bob wedelte erfreut mit seinem kurzen Schwanz, und das Ereignis wurde zu einem Programmpunkt des Tages gemacht.
Diesen etwas bedeckten aber gnädigen Vormittag benützten die Liebenden dazu, noch einmal alle Dinge zu nennen und redend lebendig zu machen, die ihnen wert und lieb waren. Jedes sprach gütig und rein die innern Vorzüge des andern an und auch das, was ihm an seinem Äußern die Sinne bewegte und die Gedanken mit Freude erfüllte. Was sie verschweigen mußten, das zitterte desto kühner als Sehnsucht in ihnen. Sie wandelten dahin, glaubend und hoffend als zwei edle Kinder der Erde, an denen keine Falschheit war, und die sich so treu und in der Hand des natürlichen Gottes geborgen fühlten, daß sie nichts sahen, was ihnen nicht erlaubt gewesen wäre, nicht weil sie nun als kleine Frevler mit schlauer Logik die Hände nach verbotenem Gut ausgestreckt hätten, sondern weil sie annoch wirklich nur nach Erlaubtem begierig ausblickten und darin sich vor dem anrückenden Abschiedsweh bargen. Sie machten sich die Erde zum Bild, in dem sie sicher von ihrer Treue umrahmt nebeneinanderstehen, und den Himmel zur Melodie, die sie einander aus jeder Ferne zusingen wollten. Heinz war ganz offen, ganz kinderreich und hörte und sprach mit festlich erregten Organen. Er verstand das meiste und glaubte alles, was sie sprach, und was er sagte, das hatte Hand und Fuß und konnte sich in ziemlich guter Gesellschaft bewegen. Er vergaß, was ihn sonst dumm und ledern machte, die Klingse, die moderne Zeit, sogar den Schützengrabenjargon, und war diesen Morgen wirklich nur Lindes frommer und sanfter Geliebter, ein innerlich wohlgewachsener junger Mann ohne jede Eitelkeit, dem die nahende Trennung von seiner Geliebten schwer zu schaffen gab, und der mit Sorge bemerkte, wie die silbernen und goldenen Fäden schon sich zum Zerreißen anstrafften. Die still gewordene, kühle Flur sagte ihm Lebewohl. Die Türme sagten ihm Lebewohl. Das Tal, die Wälder, der Fluß, der Kalvarienberg drüben mit seinen Leidensstationen, das Geläute des weidenden Viehs, alles sagte ihm gläubig und heimatlich Lebewohl. Nur einmal hörte er die Klingse sagen: »Du mußt wieder dein Leben für uns einsetzen«, und das Wort klang ihm schlecht, er wußte nicht warum. Dann wandelte es sich ihm zur Unruhe, weil er den Tod darin ahnte, und mit dem ganzen Gefühl drängte er sich noch näher an den Menschen, der ihm und dem er in diesen Stunden alles war, Besitz und Zuflucht, Verheißung und Erfüllung. Von soviel Wärme und kindlich-männlicher ernster Hingabe überwältigt, verlor Linde auf eine kurze Zeit die mühsam beherrschte Fassung und lag ihm wortlos weinend an der Brust, aber als sie sich wieder aufrichtete, lächelte sie ihm erneut zu, und das war der Höhepunkt ihres Jungfrauenlebens, auf dem sie das Frauenleben begriff und es auf eine keusche, zagende Weise, aber unwiderstehlich begann. Die höchste gesellige Leistung des liebenden Weibes für den Mann und zugleich seine Bestätigung durch sie ist die Kameradschaft, und vom Kameraden fühlte Linde von diesem Augenblick an viel in sich. Auch Heinz fühlte es, und es steigerte seine Achtung für sie und sein Gefühl von ihren Werten, die sich immer noch aus sich selber summierten. Er merkte wieder einmal, daß sie mit der Ausstrahlung und Befreiung ihrer Kräfte noch lange nicht zu Ende war, und das erfüllte ihn ebenso mit Bewunderung als mit Erstaunen, denn bisher hatte er von deren Vorhandensein im Weib noch nichts bemerkt, auch nicht durch seine Kameraden im Schützengraben gehört. Darunter hin schämte er sich ein wenig, aber es tat ihm wohl, weil ihn das Gefühl letzten Endes reicher machte, und weil er davon gleich wieder in der Form von neuen Liebesbeweisen mitteilen durfte, ohne über deren Herkunft Rechenschaft geben zu müssen. Mit der Seele zweier Liebenden verhält es sich ohnehin wie mit den beiden klingenden Personen der Terz, die singend und anschauend und immer neue Melodien bildend durch das weite schöne Tonreich wandeln und zu keinem Ende kommen.
Bob suchte in der Zeit Mäuse, kam ab und zu fragen, ob es nicht bald wieder weitergehe, und als Linde weinte, stand er plötzlich dicht vor Heinz und sah ihn mit dem einen Auge sehr aufmerksam und prüfend an.
Indessen kam doch dieser gütige Vormittag mit allem Frieden zum Ende, als die Mittagsglocken in der Stadt und in den Dörfern zu läuten anhoben. Noch einmal umarmten sie einander herzlich und voll von jenen bräutlichen Gefühlen, die mit den Begriffen Unendlichkeit und Ewigkeit und mit allen göttlichen Geheimnissen unzertrennlich sind, in der Meinung, für sie beide nun ein unzerstörbares Abschiedsmal aufgerichtet zu haben, an dessen großherziger Endgültigkeit bis zum Wiedersehen niemand etwas verändern konnte, kein Mensch und kein Geist, wenn er mit noch so großen Gewalten ausgestattet war, denn das fromme Herz ist unbesieglich, solang es unbesiegt bleiben will. Unterwegs schenkte ein Bauer Linde einen wunderschönen Apfel von einem ganz seltenen Baum, und als er hörte, daß Heinz wieder ins Feld mußte, schenkte er auch ihm einen, obwohl der ganze Baum bloß drei getragen hatte. Beide dachten ganz unwillkürlich: »Der dritte gehört dem Tod!« Aber keins sprach den Gedanken aus.
Der Dechant, der heute einmal nicht in seinem Getrümmer steckte, sondern sich mit ein paar aufgefundenen alten Kirchenschmökern hinter seinen Schreibtisch verschanzt hatte, konnte sich den ganzen Morgen nicht helfen: er mußte sich immer auf das Mittagessen freuen, wenn ihm ein Windchen den guten Duft aus der Küche in die Nase trug, dergleichen er seit zwei Wochen nicht mehr gerochen hatte, nämlich seitdem die Klingse im Haus den Ton angab. Von Heinz war zu den ursprünglichen acht Tagen immer noch einer zugesetzt worden, so daß er schließlich gegen die erste Absicht seinen ganzen Urlaub im Pfarrhaus verbracht hatte. Immerhin war auch dem Dechanten der Grund dazu nicht verborgen geblieben und hatte ihm gelegentlich zu denken gegeben. Auch heute, wenn ihm nicht gerade der Mund wässerte, gingen seine Gedanken hinter den jungen Leuten her, und er erkannte von ungefähr die Notwendigkeit, mit Heinz noch ein allgemeines ernsteres Wort zu reden, ehe er wieder in seinen Schützengraben zurückkehrte, damit er nicht ganz ohne ein geistliches Gastgeschenk schied. Indessen kamen die beiden eilfertig an, als bereits aufgetragen wurde, und das Gespräch mußte mindestens bis nach dem Braten und Wein verschoben werden.
Brigitt strahlte sozusagen auf eine grimmige Art, denn da sie wieder einmal anständig kochen durfte, so zeigte sie nun auch, was es mit einer christlichen hessischen Pfarrküche auf sich hat, im Gegensatz zu einem mageren norddeutschen Hungertisch. Es troff alles von Butter und gewürzigen Wohlgerüchen, und außerdem hatte sie gleich für acht Tage im Vorrat gekocht und gebraten, denn um ihre heutige Bescherung aufzuessen, war mindestens eine Schulklasse oder ein gefüllter Schützengraben nötig. Es gab erstlich Äschen, einen charaktervollen, schneefrischen Flußfisch, dann Reh, wovon Brigitt zwei Schlegel und einen Rücken, also beinahe das ganze Tier, angeschafft hatte, weil es für Linde zum bekömmlichsten Fleisch gehörte, und in Gottes Namen noch gebratene Gans, obwohl es dafür ein bißchen zu früh war, aber was man hatte, das hatte man, und man hatte zweie. In die Küche war heute außer ihr den ganzen Vormittag keine Menschenseele gekommen; so wußte auch niemand, wie sie es fertiggebracht hatte, auf einem Herd und mit nur zwei Händen Äschen zu kochen, Rehschlegel zu schmoren und Gänse zu braten, der Suppe nicht zu vergessen, des Sauerkrauts und der Kartoffeln sowie der Maronen und der Äpfel, mit denen die eine Gans gefüllt war, und der Sauce, die auch gemacht sein wollte. Und daneben hatte das gute begeisterte Tier noch zwei Dauerkuchen gebacken aus wirklichem Weizenmehl, wirklichen Eiern und der besten Butter, die zu haben war, alles echte Ware und alles auf Wochen haltbar. Nun mochte jeder essen, was er konnte, den Rest wollte sie nach dem Ratschluß ihrer Liebe verwalten. Und da doch heute der Tag der Erlaubnis war, hatte sie weiße Semmeln zum Nachmittag bestellt in der Erwartung, daß sie ihren Leuten auch morgen früh bekommen würden; Semmeln frisch zu halten verstand sie aber wie keine. Zum Nachtessen hatte sie noch einmal eine besondere Mine gegraben und sie reichlich mit Schinken und Würsten geladen; ein paar Hühner lagen auch drin. Eigentlich hätte sie einen Anbau an das Pfarrhaus benötigt, aber sie wußte im Keller und auf dem Boden noch viel gewissere Unterkünfte. Und über dem ganzen Krieg kam sie so in Schwung und Begeisterung, daß sie schwor, von heute ab überhaupt wieder ihren Stil zu kochen, und wenn Linde sie auf den Knien bat, der Klingse zu gehorchen. Es sollte nichts mehr gehorcht, sondern gebraten und geschmort werden, wie es die zarten herrschaftlichen Mägen verlangten, und wie es die Pflichten geboten, die sie von Gott gegen diese übernommen hatte.
Die weiche Stimmung der Klingse hielt an und steigerte sich beinahe bis zur Träumerei. Sie begann sogar aus ihrem Leben zu erzählen, von ihrem verstorbenen Mann, wie berühmt er gewesen sei, und was für Honorare er genommen habe. Einmal war die Rede davon, daß vor ihrem Landhaus eigentlich die Bäume etwas die Aussicht hinderten, besonders eine schöne hohe alte Tanne, die vor den Fenstern des Wohnzimmers stand. Oh, die stehe längst nicht mehr da, erzählte sie mit einem leichten Lächeln ihrer dünnen Lippen. Nachdem sie lang genug mit ihrem Mann darum gezankt habe, daß der Gärtner sie schlagen solle, habe sie sie heimlich vergiften lassen, immer eine Wurzel nach der andern, bis dann der Baum scheinbar von selber eingegangen sei. Später war die Rede von einem Nachbarhund, der nächtens manchmal etwas Lärm gemacht hatte, aber sonst ein sehr hübsches, kluges Tier gewesen war. »Ach, ihr meint den Neger?« erinnerte sie sich angeregt. »Der lebt nicht mehr. Erst war er zu meiner großen Freude blind und taub geworden, und dann mußte man ihn natürlich abtun.« Man sagte nicht viel zu diesen Nachrichten, aber Linde ging jedes Wort davon wie ein Messer durch's Herz, so daß sie eine ganze Zeitlang die Freude am schönen Essen und dem guten Wein verlor und nur an ihrer Angst vor diesem Weib würgte. Heinz lachte ein bißchen über die in einem trockenen, humoristischen Ton vorgetragenen Berichte, wurde aber gleich darauf verlegen und sah schuldbewußt und abbittend nach Linde. Der Dechant sagte nur: »Schade um den schönen Baum!« und: »Der arme Kerl! Hoffentlich ist ihm der Tod nicht zu schwer geworden!« »Was weiß ich ~davon~!« achselzuckte sie gutgelaunt. »Ich denke, man hat ihn erschossen. Mir hat er sechs Jahre lang das Leben schwer gemacht.«
Darauf wandte sie sich wieder dem Thema des Tages zu und fing aus dem Gefühl des Abschiedes an, Geschichten zu erzählen, die sich in ihrer Gesellschaft zugetragen hatten; die meisten handelten von Soldaten, die aus dem Urlaub wieder in den Schützengraben zurückgekehrt und gleich am ersten Tag von der tödlichen Kugel ereilt oder von einem Granatsplitter erfaßt worden waren, so daß man beinahe von einem Gesetz reden könne. Einer stehe zwei Jahre im Feld, und es passiere ihm nichts; dann bekomme er einen kurzen Urlaub, und es sei um ihn geschehen. Überhaupt, um aus einem guten Soldaten einen schlechten zu machen, sei ein Urlaub das beste Mittel; nachher könne man mit Menschen auf lange Zeit hinaus nichts mehr anfangen, die früher ganz sichere Leute gewesen seien, besonders wenn sie etwa eine Liebe zurückgelassen hätten. Heinz werde das bestätigen können. Indem sie dabei an ihre Einsamkeit dachte, richtete sie auf Heinz einen schweren, dunkeln, begehrlichen Blick, unter dem er errötete, und der mit seiner ehrgeizigen Selbstheit Linde beinahe aufschreien machte. Heinz bestätigte alles, auch jenes unheimliche Gesetz, obgleich ihm sehr wenig wohl dabei war. In dieser Weise fuhr sie wohlunterhalten und befriedigt fort, das Opfer zu bekränzen, und je mehr es zum Opfer wurde, um so gegenwärtiger entfachte sich in ihr jene eiskalte Leidenschaftlichkeit, vor der Linde zitterte, und von welcher sich der Soldat unwiderstehlich angezogen fühlte wie nach der Sage der kleine Vogel, der in den Blick der Schlange gerät. Und da waren auch alle Mittel des Dechanten, das Gespräch und die Aufmerksamkeit auf andre Dinge zu lenken, umsonst, zumal es ihr immer wieder gelang, in Heinz die Lust am Prahlen zu wecken, wodurch sie ihn zu ihrem Helfershelfer machte. Als der Dechant endlich im Anblick der Leiden, denen Linde beinahe erlag, geradezu eingriff und sagte, man wolle doch von andern Dingen sprechen, es sei noch früh genug, daran zu denken, wenn Heinz wieder draußen im Feuer stehe, antwortete sie mit gerechter Verwunderung:
»Aber warum? Ihr hört doch, daß Heinz selber sehr gern davon spricht. Er ist Soldat mit Leib und Seele, und wenn ihm das Thema gefällt, so werden wir's wohl auch ertragen können, die wir nicht hinaus müssen, um unser Leben für die Daheimgebliebenen einzusetzen. Ist's nicht so, Heinz?«
Der Heroismus verlangte es, daß Heinz zustimmte, aber von dem schönen Mahl hatte niemand den erhofften Genuß. Die Männer tranken in ihrer innerlichen Erregung um so mehr, und sogar Linde, als sie das Mittel der Zuflucht erkannte, das jene anwandten, gab ihr Glas immer öfter und williger zu einem gütig gemeinten stillen Anstoßen nach rechts und nach links her, so daß bei aufgehobener Tafel außer der Klingse alle etwas von Wein und Traurigkeit angetrunken waren und keinen Gegenstand mehr sicher vor den Augen hatten.
Der Dechant und Linde mußten notwendig schlafen gehen, besonders diese, die sonst kraftlos hingesunken wäre, aber den Soldaten nahm die Klingse an sich; sie hatte nicht mehr so viel Zeit, daß sie welche davon verschlafen oder ihn verschlafen lassen wollte, so herzlich gern er's getan hätte, denn er war vom Abschied ganz unterhöhlt und schwer von Müdigkeit und Alkohol, so daß er jeden Moment einzubrechen fürchtete. Aber Mitleid gehörte nicht zu ihren Trieben, und so mußte er im Salon, wohin sie ihn mitnahm, zuerst von seinem Leben und seinen Liebschaften erzählen, ob er wollte oder nicht, besonders von den letzteren, und für eine Zeitlang kam er richtig wieder ins Schleudern und Prahlen. Sie legte ihm nahe, was für ein liebreizender Kerl er und was für eine ganz selbstverständliche Sache es sei, daß einsame Frauen nach hübschen jungen Männern von seinem Schlag aussähen. Ob er schon reifere Frauen geliebt habe? Nein, die kannte er noch nicht. Nun, dann sei es Zeit dazu, daß er sie kennenlerne; die besäßen besondere Mittel, aus einem Jüngling einen Mann zu machen, und wendeten sie nirgends lieber an als bei so idealistisch angelegten Naturen.
Die idealistische Natur war ihr stockernst, und er hielt sich aufrichtig selber für eine; aber für diesmal hing sie ihm eng mit Linde zusammen, und an diese hielt er sich auch getreu und noch fast ganz so warm, wie er von ihr kam. Inzwischen glitt ihm auch von seiner Prahlerei ein öder Geschmack auf die Zunge; sie wurde ihm mit dem ganzen dargestellten Treiben schal, und schließlich schlief er beinahe ein. Da wünschte sich die Klingse von ihm, daß er ihr Soldatenlieder singe; er solle sich dazu auf dem Klavier begleiten. Er wandte ein, daß man die Leute im Mittagsschlaf stören werde. »Wenn du meinst«, sagte sie und streckte das spitze Kinn vor. Da setzte er sich hin und fing an zu singen von den Vöglein im Walde und der Heimat, in der es ein Wiedersehen gibt, von dem Mädchen, das seine Tränen trocknen soll, weil ja nicht jede Kugel trifft, von den deutschen Soldaten, die alle gut schießen, und vor denen sich das Franzosenblut hüten soll, und was sonst so gegenwärtig auf Märschen und in den Quartieren sang und klang. In der Ecke gegenüber, ihm gut im Gesichtsfeld, saß die Klingse mit übergeschlagenen Beinen und in dünnen grauseidenen Strümpfen. Ihm war, er wußte nicht wie. Die Lieder regten ihn auf, wie sie es noch nie getan hatten. Gefahr und Liebe, Unschuld und Blutvergießen, Verlockung und Tod, alles floß ihm zusammen zu einem rot blühenden Rausch des jungen Blutes, auf dessen Grund sich in großer Bestimmtheit eine lastende, dunkle Traurigkeit ausbreitete, welche die Berufung zu haben schien, sein Heiligstes vor Besudelung zu bewahren. Die Einsicht davon erschreckte ihn ebensoviel, als sie ihn beruhigte. Manchmal war es ihm, als ob er um sein Leben und dann wieder, als ob er bloß für Linde sänge, die jetzt vielleicht droben in ihrem Zimmer weinend auf ihrem Bettchen lag und alles auf sich bezog, wenn sie sich auch wunderte, daß er ihr damit den Schlaf raubte, aber wahrscheinlich dachte sie, daß er es vor Traurigkeit nicht aushalte.
Nach einiger Zeit merkte zwar die Klingse, daß er aus dem aufgeforderten Singen ins Leidenschaftliche gekommen war, aber sie ließ ihn dabei, weil sie wohl fühlte, wie mit jedem neuen Lied auch seine innerliche Ratlosigkeit zunahm. Er sang und spielte sich ihr selber in die Hände; je weniger er die Empfindung hatte, von ihr ergriffen zu sein, desto freier bewegte er sich dahin, wohin sie ihn haben wollte, in ihre dünnen Arme und an ihr bitteres heißes Herz. Vorläufig erfüllte er sich in seinem offenen, vom Abschied erregten Zustand immer höher mit ihrem gepflegten Frauenwesen, ihrem Parfüm, ihrem Seidenglanz, dem Schimmern ihrer Spitzen und dem Blitzen ihrer sündigen Steine. Sie selber saß mitten darin wie eine Spinne in ihrem Netz, ruhig und kühl lächelnd, und wartete auf ihre Stunde, die jetzt noch nicht schlug. Sie brachte es sogar fertig, ihn, als er endlich schwieg, ohne vom Klavier aufzustehen, auf sein Zimmer zu schicken, um noch etwas zu schlafen. »Riegle dich ein, daß dich niemand stiehlt«, sagte sie lächelnd.
»Mich stiehlt niemand«, erwiderte er erhitzt und etwas wirr. »Und einriegeln, das ist nicht für einen Soldaten«, setzte er mit einem Versuch, zu scherzen, noch hinzu.
»Ja, es ist auch nicht«, stimmte sie bei, indem sie ihn mit einem prüfenden Blick betrachtete. »Aber sieh zu, daß du nicht einmal unerwarteten Besuch bekommst!« Ein zweifelhaftes und etwas verlassenes Lächeln begleitete diese Worte, und das war der Eindruck, mit dem Heinz sie für diesmal verließ. Zum Schlafen ließ ihn sein inneres Feuer freilich nicht kommen.
Linde lag genau so, wie Heinz sich dichterisch vorgestellt hatte, nämlich weinend, auf ihrem Bett, bloß daß sie die Lieder nicht als eine Huldigung an sich betrachtete. Sobald er begann, wußte sie, daß er für die Feindin sang, und sie hörte auch im fernern die Wärme, in die er sich hineinmusizierte und vielleicht nicht nur musizierte. Dann griff ihr auch der Inhalt der Lieder, unter solchen Umständen gesungen, doppelt ans Herz, denn jedes sprach von Gefahren und hatte den Tod vor Augen, und alle miteinander waren geradeso tiefsinnig und voll naiven Selbstgefallens wie die erschütternden Menschen, die sie sangen. Sie sah wieder alle Sicherheit wanken, die sie heute aufgerichtet zu haben glaubte, und ahnte zum erstenmal, daß sie, um den Geliebten endgültig dem schlimmen und verderblichen Einfluß zu entreißen, vielleicht ein viel verwegeneres und entscheidenderes Mittel gebrauchen müsse, als es Küsse und Liebesworte waren; wenn sie nicht seine Natur besaß, so besaß sie wenig von ihm. Ein Mädchen ihres Schlages, dem dergleichen klar wird, ist vielleicht nicht so entsetzt, wie manche denken, weil es entschlossener ist, als es wohl den Anschein erweckt, aber auch schwermütiger, als sich irgendein Mensch vorstellen kann, nicht wegen seiner, sondern wegen des andern, den es ständig mit Liebe und Mitleid umgibt, und dessen menschlich-göttliche Gesamtheit es keinen Augenblick aus den Augen verliert. Will es für den Geliebten um seines irdischen Glückes willen gern Seele sein, so wird es auch nicht auf die Dauer zaudern, für ihn Leib zu werden, wenn es hoffen kann, damit sein Unsterbliches zu erobern. Daß diesem kühnen Gedanken seine gesunde sinnliche Ausstrahlung, ihr eigenes passioniertes Wohlgefallen an dem Mann und das Abschiedsleid auf weite Strecken vorgearbeitet hatten, wurde ihr dann wieder nicht klar, und das war der holde Sophismus daran, den ihr Gott wohl in dem Augenblick verzieh, in dem sie ihn beging.
Zum Tee erschienen alle ein bißchen verkatert und mit trockenem, sehr dürstendem Gaumen und die jungen Leute mit trüben Augen, die einander schüchtern und mit tiefer drängendem Blick als sonst, beinahe ein wenig wühlend, suchten, weil beide in der Notwendigkeit waren, um ihre Liebe nun schon aufs äußerste zu kämpfen. Der Organist, der inzwischen angekommen war, saß mit zu Tisch und war nebenbei ein guter, kindlicher Mensch, der allen wohltat. Weil die Klingse ihn als eine Autorität kannte, stellte sie sich mit ihm auf gleich und gleich und suchte es so einzurichten, daß die andern daneben als Leutchen zweiter Wichtigkeit erschienen. Da es dem Organisten an jeder gesellschaftlichen Übung fehlte, war er dagegen machtlos; je mehr wohlgemeinte aber ungeschickte Versuche er unternahm, den Ring von Autorität zu durchbrechen, in den sie ihn schmiedete, desto schlimmer machte er nur die Sache, und desto mehr glänzte sie neben ihm mit ihren musikalischen Kenntnissen. Sie gehörte zu jener Sorte von Gesellschaftsweibern, die sich mit Zielbewußtsein und Beharrlichkeit auf irgendein Bildungsgebiet oder auf zweie werfen, um dort zu lernen, was zu lernen ist, und mit ihren Wissenschaften nachher über die Laien zu herrschen und bei den Wissenden zu thronen. So hatte sich die Klingse in die Musiktheorie gründlich eingearbeitet, und ihr zweites Gebiet war die Literaturgeschichte. Da sie den nötigen Ehrgeiz besaß und nicht dumm war, gelang es ihr immer, den Eindruck einer musikalisch und literarisch tiefgebildeten Frau zu machen, obwohl sie im Grund ganz unmusikalisch war und dem Leben der andern viel zu teilnahmslos gegenüberstand, um Sinn und Herz für Dichtung zu haben. Aber sie besaß für alles die Theorie und war daher sattelfest.