Der Dechant von Gottesbüren

Part 6

Chapter 63,637 wordsPublic domain

Da sich Linde völlig selbstvergessen einem fremden Bedürfnis hingab, gelang ihr ebenso selbstvergessen ein Sieg über die kaltherzige Frau gerade durch jenes tiefe, geheimnisvolle Mitgefühl, zu dem sie sonst im persönlichen Umgang ihrer Patin gegenüber nicht mehr frei zu werden vermochte. Diese in den Augen der Klingse ganz verrückte und dilettantische Vorstandssitzung entwickelte sich denn auch ganz in der Richtung, die ihr Linde gewünscht hatte, und die in der Tat die natürliche für alle Teile war. Die Amerikaner wurden samt ihrem wundervollen Instrumentarium höflich bedankt und wandten sich an eine andere Stadt, und da nicht überall so helle und kühne Wächterinnen der nationalen Würde und der wahren Nächstenpflicht saßen, so fanden sie auch eine. Das ganze Ereignis gab aber eben die unbewußte Unterlage und den Anstoß zu der Sonntagspredigt her, die wieder der Klingse die Unterlage für einen Vorstoß gegen den Dechanten verschaffte. Und zwar war es gleich beim Mittagessen, daß sie das Gespräch auf das Predigtthema lenkte.

»Ich kann ja solche Seligpreisungen der Dummheit und Inferiorität nur vom politischen Standpunkt aus verstehen«, erklärte sie mit kühlem Lächeln. »Wahrscheinlich willst du auch so aufgefaßt sein. Es wäre ja auch zu altfränkisch, im Ernst die hohe Bedeutung und die Verdienste der Gesellschaft leugnen zu wollen. Obwohl mir auch für politische Zwecke die Predigt immer noch fanatisch genug war. Ein enger Kopf bleibt ein enger Kopf, wenn er noch so gläubig ist, und ein Zöllner behält der Gesellschaft den Wert eines Zöllners, selbst wenn Christus mit ihm verkehrt hat. Wohin kämen wir, wenn auf einmal der Unsinn und die Beschränktheit den Ton angeben wollten! Zum Beispiel im Feld, Heinz, was macht einen Sieg dort aus, die sogenannten Gemütskräfte, Glaube und Liebe, oder die technisch vollkommene Kriegsmaschine, die Fähigkeit der Teilnehmer, +a good sport+ zu sein?«

»Natürlich der gute Sport«, sagte Heinz sofort. »Die größere Schlauheit und Fixigkeit. Das neuste Gas. Das schwerste Kaliber Feldgeschütz. Die Mechanik mit einem Wort. Der Mensch ist nichts. Wolle, was du willst, das ist soviel, wie wenn eine Feder fliegt.«

»Also die Organisation der Materie«, übersetzte die Klingse. »Wir hier im Land wissen gar nichts. Wir müssen diese da reden lassen. Das sind jetzt die wahren Herren unseres Schicksals. Wenn einer schon im Heizraum eines Schiffes sich nach Europa durchschlägt, um seinem Vaterland zu dienen, der hat Anspruch auf Beachtung. Auch wenn er über Dinge des Friedens redet, denn der Krieg ist der Vater aller Dinge. Ein Volk wird niemals groß durch gläubige Zöllner und bekehrte Sünder, sondern durch Leute, die in die Welt passen, wie die jetzige Generation, Techniker, Industrielle, Kaufleute, Amerikaner und Juden. Jawohl, Juden. Das sind sogar die Leute, die am wenigsten Vorurteile haben. Es ist sonderbar, daß man euch das noch klarmachen muß, nachdem unsere herrlichen Unterseeboote und Luftschiffe schon so lange an der Arbeit sind. Von Seele habe ich in diesem Krieg noch nichts gemerkt; du vielleicht, Heinz?«

»Nein, ich auch nicht«, lachte Heinz verlegen; es war ihm schon nicht mehr ganz wohl bei dem Spiel. »Aber vom Leib, und das tüchtig«, fuhr er mit knabenhaftem Eifer fort. »Kinder, wie haben wir schon gehungert und gefroren, und wie waren wir schon müde, verlaust und dreckig! Essen und schlafen und mal wieder ein Bad, und die ganze menschliche Herrlichkeit ist repariert. Das schönste ist aber die Entlausung, das kann ich euch schon sagen. Wenn einen das Läusevieh so ein paar Wochen recht vorgehabt hat, und dann alles auf einen Tag loszuwerden: das ist Wiedergeburt.«

»Seht ihr, so tönt das bei den modernen jungen Leuten«, triumphierte die Klingse kühl und verzog ihre Lippen. »Wir sind auch nicht anders als die andern, die Franzosen und Engländer, und könnten sogar vieles von ihnen lernen. Wenigstens haben die begriffen, daß der Egoismus die Quelle alles Lebens und das Geschäft das Ziel aller geistigen Spekulationen ist. Es wäre besser, wir hätten ein Bündnis mit den Engländern als mit den Bulgaren und Türken; dort blüht bloß die Roheit und der Aberglaube. Schön, ihr habt nationale Eigenart, und die andern besitzen die Welt.«

Dem Soldaten war schließlich wie vor den Kopf geschlagen; denn so laut und feierlich seine schadhafte Wäsche als Mannskraft ausrufen zu hören, ist nicht jedermanns Sache, und keinesfalls hatte er ein Interesse daran, Linde in dem Licht zu erscheinen, in das ihn die weltliche Frau mit Kunst und Weiberlist hineinpraktizierte. Seine Genugtuung über die gehörten Lobsprüche war daher nur klein, und das wenige, das sich seine Eitelkeit davon aneignete, wurde ernstlich von seinem schlechten Gewissen angegriffen. Nach so langer Zeit fühlte er überhaupt zum erstenmal wieder Gewissensregungen, und zwar durch den Besitz eines deutschen Mädchens von Wert und Kühnheit, eines Mädchens, dem nun einmal die Gabe verliehen war, jedem, der sich damit einließ, als eine Art von kühler Morgenluft in die Seele zu ziehen und dort Erwachen und Aufstand zu verursachen. Heinz war freilich vorläufig erst beim Frösteln angekommen, und seine Gemütsstimmung zeigte daher einen etwas weinerlichen und katzenjämmerlichen Anstrich, während er sehr unbehaglich vor sich auf seinen Teller blickte und auf die Entgegnungen wartete, die ihm in den Unterstand fahren mußten.

Der Dechant war weiter nicht erschüttert von den Offenbarungen seiner Schwägerin; er kannte noch größere, wenn er zur Zeit auch keinen zu heftigen Gebrauch von ihnen machte. Sehr gelassen sagte er:

»Wenn's dann nur jedem bei seinem Besitz wohl ist; denn immerhin hat Hinz wie Kunz etwas, worauf er sich wenigstens eine Weile verlassen kann. Leid tun mir aber die Leute, die bei uns gezwungen sind, mit leeren Händen auszugehen, weil sie weder unsre Eigenart noch jene Welt besitzen, die ja die andern haben und ausbeuten. Ich habe deshalb immer darauf gedrungen, daß wir in Gegenwart dieser wirklich Armen und Leeren jedes Auftrumpfen mit unserm Besitz vermeiden müßten einerseits aus Feingefühl, andrerseits aus Gewissenhaftigkeit; denn ein Besitz wie Eigenart ist ein ernstes und unerbittliches Geschenk. Ihr, die ihr nicht damit belastet seid, tut unrecht, uns darüber zu beschreien, und seid zu tadeln; denn ihr solltet ja dank eurer Modernität den größern Überblick haben. Nun, dergleichen Talente liegen nicht in den Zeiten, sondern in den Personen. Ich lege dir aber ans Herz, künftig nicht mehr die Unmündigen zu mißbrauchen, wenn du gern einen persönlichen Beweis führen möchtest, auch wenn sie alle Eiserne Kreuze und Orden tragen, die ihrer Jugend zugänglich sind. Was dann das eigentliche Thema angeht, die Seligpreisung der Armen, so wundere ich mich etwas, daß du im Haus eines katholischen Geistlichen daran Anstoß zu nehmen erklärst. Ich dachte, du wüßtest, zu wem du auf Besuch kamst. Nun, in der Großstadt vergißt sich wohl dies und das, und es ist gut, daß ihr von Zeit zu Zeit darauf kommt, daß wir auch noch da sind.«

Mit diesen lächelnd gesprochenen Worten hob er die Tafel auf. Indem er im Vorbeigehen dem Soldaten leicht und väterlich die Hand auf die Schulter legte, sagte er zum Mädchen: »Daß du dich jetzt auf eine Stunde legst, Linde, und wenn zehn Leutnants gute Unterhaltung in Aussicht stellten. So ein Luftibus darf doch nicht gleich alle Hausregeln über den Haufen werfen.« Ihr freundlich zunickend, ging er scheinbar ganz unangefochten hinaus. Innerlich war er's weniger, denn mit allen weltmännischen Lästerungen hatte ihm die Schwägerin doch einige Bedenken aufgeregt. Daß sie in seiner Predigt Fanatismus fand, beunruhigte ihn noch am meisten, nicht weil er darin einen liberalen Vorwurf erblickte, den er sehr ruhig ertragen hätte, sondern weil es beim genauern Zusehen als ein unverdientes Lob herauskam; denn er wußte doch am besten, auf welchem Weg seine Predigten neuerlich entstanden, und wo seine Gedanken in der Zeit, während er sie hielt, sich manchmal herumtrieben. Er hatte in seinem Gott immer einen klugen Pädagogen gefunden; nun war es diesem sogar gelungen, ihn durch das ungewollte Lob eines ungläubigen Weibes ernstlich zu tadeln und zu mahnen. Mit einem Anflug von echter Besorgnis bemerkte er wieder die zuwartende Langmut Gottes, und für diesen Nachmittag jedenfalls dachte er weniger an die Geschichte des Domes als an die seiner Seele und der mystischen Bindungen, die er andern Seelen und jener höchsten, an die keiner ohne Erschütterung denkt, schuldig war und zum großen Teil schuldig blieb. Nebenher rückte er doch auch seine Domgeschäfte und die Geschichte des frommen Platzes wieder um einen Schritt näher unter den göttlichen Gesichtspunkt, ein zäher Ringer, der er war, und ging so nicht ganz ohne Vorteil für seine Lieblingstätigkeit aus der Affäre hervor. Den verdienten Mittagsschlaf verpaßte er freilich über aller Spekulation, so daß er später beim Tee etwas müde aussah.

Heinz und Linde waren beide dem Vorgang des Dechanten gerne gefolgt, um diesen Tisch, an dem es ihnen so wenig wohl war, zu verlassen. Mit einem überlegenen Lächeln blieb die Frau allein noch eine Weile sitzen, horchte prüfend ihren Worten nach, suchte ohne Wohlwollen und darum umsonst, sich ein wahres Bild von diesen Menschen zu machen, verlor darüber ihr Lächeln, ärgerte sich über die empfangene Abfertigung, dachte mit einer etwas bittern Regung von Eifersucht an den jungen, blühenden Leutnant und mit Abneigung an das Mädchen und fühlte sich alles in allem ziemlich einsam mit der Tragik ihres Lebens und ihrer kalten, unfruchtbaren Natur. Unterweilen kam Brigitt herein, um abzuräumen, hochbefriedigt darüber, den ungeliebten Gast rechtmäßig mit einer häuslichen Pflichterfüllung aus einer Behaglichkeit auftreiben zu können. Sie erhob sofort ein überaus kriegerisches Geklapper mit Tellern und Gabeln, bewegte sich breitspurig ordentlich unter der feinen Nase der Frau hierin und dorthin und nahm ihr, ohne viel zu fragen, die Kaffeetasse weg, obwohl sie noch Kaffee darin und die Hand am Löffelchen hatte. Wirklich erstaunt über soviel völkische Niedertracht, blickte die Klingse auf und sah zur Abwechslung das rabiate Frauenzimmer wirklich einmal näher an.

»Warum nehmen Sie mir das fort?« fragte sie mit hochgezogenen Augenbraunen. »Sie sehen doch, daß ich noch nicht fertig bin. Warten Sie mit dem Abräumen, bis alle Herrschaften den Tisch verlassen haben.«

»Die Herrschaften, was Herrschaften sind, haben ihn verlassen«, erwiderte die Haushälterin patzig und räumte weiter.

»Sie werden ja anmaßend«, wunderte sich die Geärgerte. »Was soll denn das alles heißen?«

Brigitt zog ihr auch das Tischtuch unter den Händen fort, so daß sie jetzt am nackten Tisch saß. »Was es eben heißen soll.«

»So werde ich mir meine Frage selber beantworten«, erklärte die Klingse errötend und erhob sich. »Es heißt, daß Sie der unverschämteste Dienstbolzen sind, der mir zeit meines Lebens vorgekommen ist. Man nennt Ihresgleichen bei uns Pfarrerskathel, und man weiß, daß solche Rechte, wie Sie sich anmaßen, allgemein nicht nur durch häusliche Dienstleistungen erworben werden. Aber es wäre besser für Sie, wenn Sie die guten Beziehungen zu Ihrem Herrn nicht in dieser öffentlichen Weise ausnützten.«

Damit ging auch sie und ließ den alten redlichen Menschen in einer maßlosen Betroffenheit zurück, in einer Verblüffung, die sich dann langsam zu ungefaßtem Ärger und Wut steigerte in dem Tempo, in dem die Magd die Infamie begriff, die ihr gesagt worden war. Daß Brigitt aber zum Begreifen soviel Zeit brauchte, war für diesmal das ganze Glück der Klingse, denn in diesem Fall hatte sie ihre Gegnerin unterschätzt; als aufgeklärte Persönlichkeit besaß sie weder Verständnis für menschliche Ideale noch Respekt vor persönlichem Anstand.

Um noch einmal vom Nachmittagstee zu sprechen, so servierte ihn Brigitt in kochendem Haß und in vollem Bewußtsein der erfahrenen Niedertracht, mit einer tiefen Falte über der redlichen gebogenen Nase und fest geschlossenen Lippen. Dieser Handel war nun ganz ausschließlich ihre Sache wie auch die Abrechnung im Namen der Hausehre und der beschimpften geistlichen Person, der sie diente. Von der landläufigen Verunehrung ihres Standes sowie von den summarischen Verleumdungen des einsamen, vor Gott gestellten Mannes hatte sie ja schon zu ihrem Verdruß gehört, und sie wußte auch, welche Schicht der Gesellschaft und welche politischen Parteien sich in solchen weltläufigen Allgemeinheiten gefallen; aber den Feind im eigenen Haus zu haben, war ihr ein ungeheures Erlebnis, mit dem sie nicht so in der Schnelligkeit fertig zu werden und dessen Tragweite sie auch noch nicht von fern zu überblicken vermochte.

Linde verbrachte diesen Nachmittag traurig und bedrückt, obwohl in Gesellschaft ihres Geliebten, und das war der einzige Trost, wenn auch ein kummervoller, denn dieser Geliebte war zu gewissen Zeiten und Teilen auch der Mann ihrer Feindin. Nicht nur, daß sich das unselige Weib seiner minderwertigen Qualitäten und seiner Torheiten bemächtigt hatte, um ihn von dem gottesfürchtigen Umgang zu sich, der Weltdame, zu ziehen, und noch abgesehen davon, daß sie ihm durch ihren Verstand und ihre gesellschaftliche Überlegenheit imponierte und geistig die geringe Einheit störte, die sich zwischen den jungen Leuten bisher gebildet hatte, machte sie auch, noch weniger sichtbar als fühlbar, ganz äußerlich als Weib einen gewissen Eindruck auf ihn, dem er sich nicht zu entziehen vermochte. Sie betraf ihn stets mit größerer Scham über Blicken nach gewissen Geheimnissen der Tante, die bei dem Schnitt ihrer Kleider und Blusen nicht allzu streng verborgen waren, und als er eines Tages sich über seine Vorliebe für Parfüm erklärte, wußte sie auch, was das zu bedeuten hatte; denn von der Tante ging fortwährend ein feiner, geheim erregender Duft aus. Alles in allem glaubte sie nicht, daß Heinz ihr an die Gegnerin untreu werden könnte; eine solche Niedrigkeit traute sie ihm mit keinem Gedanken zu. Allein der ganze Einfluß, der von der städtischen und äußerlichen Frau auf ihn überging, veränderte ihn wenigstens zeitweise in einer ungünstigen und für Linde schmerzlichen Richtung. Sie sah deutlich, wie er jedesmal nach einem Zusammensein mit der andern auf einer neuen Seite sozusagen anverdorben zu ihr zurückkam wie ein gefallener oder gedrückter Apfel. Er wurde eitler und gefallsüchtiger, kaufte sich Manschetten und weiße gestärkte Halsringe, die dann sehr kavaliermäßig unter seinem ernsten Ärmel- und Kragenaufschlag hervorblinkten, dazu feine Handschuhe und Lackstiefel, und die kriegerisch verbeulte Feldmütze vertauschte er mit einer neuen, ganz korrekten und steif stehenden. Daß ihm die vorige kriegerische Abgeschlissenheit viel besser und männlicher gestanden hatte, wußte er nicht, und er glaubte es auch nicht, als es ihm Linde sagte.

Das schlimmste Leiden floß ihr aus dem Gewissen. Es war nicht mehr allein das jener Frau zugefügte und noch nicht wieder gutgemachte Unrecht um das entwendete Buch, das ihr auf der Seele lag, sondern das Schuldgebiet war weit über die von Heinz gezogene Grenze hinausgewachsen, und zwar schon an dem Abend, an dem die bittere Frau auf Lindes bußfertige Einladung leiblich erschienen und von dem bestürzten Mädchen so niederschmetternd abstoßend und auf den ersten Blick unversöhnlich feindlich empfunden worden war. Linde erlebte diesen Mißerfolg wie eine Katastrophe. Es war ihr jetzt klar, daß sie sich im Grund schon damals gegen die Frau um Heinz gewehrt hatte, wenn auch mit törichten und verwerflichen Mitteln; denn anstatt alle frei zu erhalten, hatte sie alle in eine geheimnisvoll drohende Verwicklung gebracht, den Dechanten, die Frau, den Geliebten und am tiefsten sich selbst. Sie meinte daher nicht mit Unrecht, daß es nötig sei, Schritte zu unternehmen, um ihre sittliche Freiheit zurückzugewinnen und zugleich der Leugnerin aller seelischen und moralischen Impulse die Hoheit des Gewissens und das Wirken der lebendigen Seelenkräfte zu beweisen. Aber dies Mittel erforderte eine so übermenschliche Selbstüberwindung, daß sie sich nicht fähig fühlte, es aus freier Hand anzuwenden, jedenfalls nicht ohne die Hilfe und den innern Beistand eines Freundes. Beides suchte sie im Lauf des Nachmittags, müde von allem Denken und von der Bemühung, ihrem Geliebten nicht durch Traurigkeit schwerzufallen, bei ihm selber ohne besonderen Mut, nur um einen Versuch nicht ungewagt zu lassen.

»Hast du auch schon bemerkt, daß die alte Geschichte mit dem Buch wieder lebendig geworden ist und als Gespenst umgeht?« fragte sie aus einem Schweigen heraus schüchtern ihren Freund. »Ich meine nicht die Entwendung an sich«, fuhr sie hastig fort, als sie mit einem Streifblick sein verständnisloses Gesicht bemerkte. »Gewiß, die Tante ist furchtbar verletzt und will sich rächen. Und es scheint, daß sie sehr an ihrem Ehrgeiz leidet. Aber es ist da noch anderes; ich kann es nicht so sagen. Ich meine, sollten wir nicht einen -- ehrlichen Entschluß fassen?«

Heinz sah immer noch gleich verständnislos aus. »Einen Entschluß fassen?« wiederholte er verwundert. »Wir haben über die Sache doch schon gesprochen. Ach, du meinst wohl unseren Vertrag? Aber liebes Kind, das war doch eine Neckerei. Wer wird doch gleich alles so tiefgründig nehmen. Du bist vollkommen freiwillig meine Freundin geworden; das hat mit der dummen Büchergeschichte doch nichts zu tun. Fühle dich nur ja in keiner Weise gebunden, ich bitte dich. Wir sind doch erwachsene Leute.«

»Ich fühle mich dir gegenüber auch frei«, sagte Linde. »Aber du mußt verstehen, daß ich dieser Frau ein Unrecht angetan habe.«

»Lieber Gott, doch nicht wissend!« ermahnte Heinz wohlmeinend. »Damals warst du noch ein Kind! Da könnte ich mir ja auch Gedanken machen!«

»Ich wußte ganz genau«, kopfschüttelte Linde. »Ich hatte ein Gewissen, und wenn ich dort die Wahrheit gesagt hätte, so brauchte ich mich jetzt nicht vor Gespenstern zu fürchten.«

»Nun, bei der großen Beliebtheit, die sie sich damals bei uns erwarb!« erinnerte Heinz mit einem Versuch, sie zu erheitern. »Aber was ist denn so Schlimmes geschehen? Sie hat doch die Sache längst vergessen, sonst wäre sie nicht hier. Na also. Obwohl ihr sie sicher alle falsch beurteilt«, platzte er dann plötzlich heraus. »Sie ist eine sehr gebildete und feinsinnige Frau, nur etwas verbittert. Sie wird zuwenig geliebt, wie es scheint.«

»Gewiß«, stimmte Linde mit ernsten Augen, doch erleichtert zu. »Wir wollen eine offene Aussprache herbeiführen; vielleicht lernen wir uns dabei verstehen, und jedenfalls machen wir allen das Herz frei.«

»Aber gern, natürlich«, sagte Heinz lachend. »Es wird einen rechten Spaß geben. Verfluchte Blase, die wir auch waren! Laß mich nur machen, ich werde diese Sache schon einfädeln.«

»Vielleicht besser nicht«, bat Linde, erschreckt von seiner absoluten Verständnislosigkeit. »Es wird doch nicht gehen. Wir wollen es lieber lassen. Ich bitte dich. Vielleicht später. Jedenfalls nicht, bevor wir wieder darüber geredet haben.«

»Na -- was also? In den Kartoffelacker 'rin oder aus dem Kartoffelacker 'raus? Schön. Wenn du nicht willst, so wird eben nicht darüber gesprochen. Ich meine nur --«

»Ich -- kann ihren Blick nicht ertragen, nicht einmal in der Vorstellung«, suchte sie zu erklären, verstummte aber bedrückt und machte auch keinen Versuch mehr, ihm ihre Empfindung näherzubringen.

»Tja, da muß ich wiederholen, daß du ihr unrecht tust«, meinte er, selber verschüchtert. »Sie mag ihre Härten haben, aber ein übler Mensch ist sie nicht. Wenn man zwei Jahre so draußen gewesen ist und dann mal wieder ins Land schneit, so hat man für alles Weibliche einen ganz andern Nerv, auch für das Männliche, versteht sich. Und da kann ich nur sagen --«

Er sprach nicht aus, was er nur sagen konnte, und auch Linde ließ ein Gespräch fallen, bei dem sie bloß Verluste und Enttäuschungen erlebte. Gleich darauf klingelte Brigitt zum mehrfach berufenen Nachmittagstee, der ziemlich still und gemessen verlief. Nachher belegte die Tante den Soldaten mit Beschlag, um mit ihm zu musizieren. Er spielte ganz hübsch Klavier, und sie brauchte ihre dünne Stimme mit Geschmack; darauf spielten sie vierhändig, womit schon manche schwere Not begonnen hat. Später ging sie mit ihm spazieren, und er zeigte ihr die schöne Gegend. Zum Nachtessen erschien er mit einem Ring ihres verstorbenen Mannes, den sie ihm geschenkt hatte. Als später unter vier Augen Linde eine Bemerkung darüber machte, meinte er, er wisse nicht, was sie gegen die Frau habe; er könne sich doch von einer reichen Verwandten, die dazu ihre Patin sei, etwas schenken lassen. Ob sie denn an Eifersucht leide? Sie sagte, sie leide nicht, und mußte dafür auch ihre Empfindlichkeit unterdrücken und ihre Trauer verbergen, und er war zufrieden, daß sie es wieder schien.

Fünftes Kapitel

Der Abschied des Soldaten und der Kampf um seine letzten Stunden führt zu überraschenden Ergebnissen; fast alle Leute stehen nachher auf einem andern Fleck.

Mit solchen und anderen Geschehnissen ging der Urlaub des Soldaten zu Ende; indem er am Mittwoch zum Kaffeetisch herunterkam, hatte er bereits seinen letzten Tag angebrochen. Linde erwartete ihn mit einem heiteren Gesicht und trüben Augen; sie hatte die Nacht geweint. Heinz schnupperte in die Luft, und sie lächelte.

»Heute gibt's echten Kaffee«, sagte sie. »Ich verantworte ihn. Und überhaupt einen Tag, wie wir ihn früher gewöhnt waren. Willst du hören?«

Er wollte, und sie zählte ihm auf, was sie für das Abschiedsfest vorbereitet hatte. Er war gerührt und schien nachdenklich, hatte eine dumpf beunruhigte Nacht hinter sich und war mit dem Tagesgrauen wach geworden wie im Schützengraben; aber geweckt hatte ihn nicht ein Kanonenschuß, sondern der Gedanke an Linde und den Abschied. Er konnte noch zu ihr sagen: »Wir gehen nachher zum letztenmal zur Warte hinaus!«, da trat die Tante ein, und gleich erschien auch der Dechant. Die Klingse hatte ebenfalls schlecht geschlafen; sie zeigte dunkle Ränder unter den Augen und schien so mit sich und ihren Gedanken beschäftigt, daß sie nicht einmal einen Laut über den echten Kaffee verlor und über die Butter, die heute auf dem Tisch stand. Sie zeigte sich jedem guten Wort zugänglich, gab freundliche Antworten, stellte unverfängliche, teilnehmende Fragen und schien alles in allem so weich, wie sie hier noch niemand gesehen hatte. Dazu trug sie einen blauseidenen, silbergestickten Kimono, den sie noch nie angehabt hatte, und der ihr sehr gut stand. Sogar der Dechant mußte innerlich zugeben, daß sie immer noch ihre Stärken hatte mit dem weißen schlanken Hals, dem säuberlich modellierten Ansatz in den zarten Brüsseler Spitzen, den feinen Armen und dem delikaten rötlichen Haar. Freilich gab er nicht eine Strähne von Lindes blonden Zöpfen dafür her, und dieser Meinung war schließlich Heinz auch, wenn denn schon unterschieden sein mußte; sonst war er mehr dafür, jede in ihrer Art zu nehmen. Obgleich er eben mit seiner jungen Freundin ein zärtliches Rendezvous ausgemacht hatte, verlor er doch immer wieder die Augen an die weltbedeutende Dame im Morgenkleid, und außerordentlich beschäftigte ihn ihr goldenes Armband am Handgelenk, das sie auch noch nicht getragen, sowie das lange grüne Ohrgehänge, das sie zur Feier des Tages vorgenommen hatte. Mit einem Wort, Heinz konnte nun sehen, was es mit einer ausgewachsenen Frau auf sich hatte, und er sah alles, was es zu sehen gab; übermäßige Zurückhaltung war seine Sache ohnehin nicht.