Part 5
Allmählich führte sie der Reihe nach die verschiedenen Ersatzstoffe ein, die von der Chemie oder auch nicht von der Chemie hergestellt wurden. Sie bestand darauf, daß man das Milchpräparat Milfix oder die Kuh in der Tüte kostete, um einen Begriff davon zu bekommen, wie das Großstadtvolk lebte. Man fand es zur allgemeinen Beschämung nicht eben wohlschmeckend. Sie ordnete an, daß ein Kuchen damit gebacken würde, in dem anstatt Ei Eifix kam, ein Präparat aus Gott wußte was, das sträflich gelb machte und nicht die Spur nach irgend etwas auf der Welt schmeckte. Anstatt Weizenmehl verordnete sie solches von Kartoffeln, anstatt Zucker Sacharin, und von Butter war überhaupt keine Rede, nur daß eben der Backnapf etwas mit Butteröl bestrichen wurde, damit der Kuchen nicht ansetzte; aber er setzte unerbittlich an, wie sich nachher zeigte. Brigitt schmiß das Zeug mit Tränen in den Augen in den Backofen, und wenn die Klingse nicht vorausahnend danach gesehen hätte, so wäre es zu Staub verkohlt, denn die alte Person hatte ein Höllenfeuer daruntergesetzt. Das nächste Mal war der Ofen kalt, und die Klingse mußte selber nachheizen, wenn sie ihren Kuchen bekommen wollte.
Heinz fraß alles ziemlich gehorsam und etwas bewundernd. »Wie gut muß dein Kuchen erst schmecken, wenn es ein wirklicher Kuchen ist!« sagte er gläubig und steckte sich ein neues Stück in den Mund.
»Greif nur zu, Heinz«, nickte sie wohlwollend. »Du mußt nachher wieder dein Leben für uns einsetzen. Man könnte noch viel mehr für die Armee tun.«
Anstatt Öl kam eine Art von dicker, gelber, säuerlicher Brühe ins Haus, die nicht ein Tröpfchen Fettgehalt besaß und jeden Salat verdarb. Puddings wurden aus Ißnur hergestellt und schmeckten nach Tinte. Es gab bald keinen natürlichen Stoff, den sie nicht verwässerte oder mit Zusatzmitteln streckte. Was man früher in guter Qualität kaufte, erstand man jetzt in geringerer. Kurz, das Essen hörte im Haus des Dechanten auf, ein Vergnügen zu sein. Aber zum Vergnügen esse man jetzt auch nicht, sagte die Klingse, sondern nur um sich zu erhalten. Da sie einen ledernen Magen hatte, erhielt sie sich ganz ordentlich, aber der Dechant mußte viel Kräuterschnäpse zu sich nehmen und wurde ein kleiner Trinker über der Askese; doch sah er ein, daß die Nation vorging und der Einzelne zurückstehen mußte, zumal an einem so sichtbaren Platz. Auch Linde begriff, aber da sie sich nicht durch Kräuterschnäpse weiterhelfen konnte, so sah sie bedenklichen Zeiten entgegen. Die brave Brigitt überfiel in ihrer Küche täglich das heulende Elend, und sie schwur jeden Abend, davonzulaufen, um jeden Morgen in tiefer Ergebenheit gegen Linde einen schlechten Ersatzkaffee zu brauen, nach dem das ganze Haus stank, denn Bohnenkaffee war auch nicht mehr gestattet. Sie beschwor das Mädchen, nur zum Schein zu essen und sich von ihr etwas Besonderes machen zu lassen, das sie besser vertragen konnte, aber Linde sagte, im Feld hätten sie auch nichts Besonderes, und lehnte jede Heimlichkeit ab. Sie nahm dieses Übelwetter als gerechte Strafe für das Unrecht, das sie an der Frau begangen hatte, und ihr eigentlicher Kummer war dabei, daß Unschuldige mit ihr getroffen wurden.
Viertes Kapitel
Linde tritt mit gutem Erfolg öffentlich auf, aber mit immer geringerem innerlich. Die Tante gewinnt Spielraum mit einem geschenkten Ring
Eins wurde bald klar: die einzige Person, für die die schlanke Weltdame im Haus sich erwärmte, und die sie anerkannte, war der Leutnant. Erstens stachen ihr seine Dekorationen in die Augen; an Kreuze und Orden läßt sich immer befriedigend glauben. Dann fand sie in dem jungen Mann mit scharfem Blick den Angelpunkt, auf dem sie sich bewegen und von dem aus sie die andern beherrschen konnte. Er war einfach organisiert, eitel, oberflächlich und uniform und darum ein gefundenes Fressen für jedes ehrgeizige Weibsbild, das sich seiner bemächtigen wollte. Von ihren Beweggründen ahnte er zwar den einen oder andern, nicht zu seinem Stolz, und wenn Linde ihn mit der neuen Verehrerin neckte, so wurde er verlegen und suchte die Ehre abzulehnen, aber sobald er in den Bannkreis ihrer selbstsichern, gebildeten Unterhaltung oder nur unter ihren egoistischen, schwermütigen Blick geriet, so schlich sich, ob er wollte oder nicht, ein geschmeicheltes Gefühl unter seinem Magen hin über den Vorzug, den sie ihm vor den andern Hausgenossen gab, sie, eine weltbefahrene Frau, die doch etwas gewöhnt war, und Linde erschien ihm neben ihr dann immer etwas hausbacken oder kleinstädtisch, jedenfalls nicht als das glänzende und reich ausgestattete weibliche Wesen, das er gern an seine Seite träumte, seitdem er sich solchen Spekulationen hingab. Die Klingse bemerkte und bestätigte alles, was er sagte, während Linde dazu still war oder mit wenig Worten schwierig widersprach und der Dechant väterlich spöttische Bemerkungen daranhing, die ihn in seiner Würde kränkten, denn er war kein Junge mehr, sondern hatte zwei Jahre Krieg hinter sich, von Amerika nicht zu reden. Dieser Erwägung gab er auch neuerlich Ausdruck, indem er Rechtfertigungen mit den Worten einleitete: »Wenn man zwei Jahre im Feld gestanden hat, so weiß man, was los ist!« Die Klingse übernahm die Redensart von ihm, wenn es darum ging, ihm zu helfen.
Übrigens war sie mit ihren dünnen Lippen und ihrem kalten Blick noch eine sehr gangbare Frau, der Heinz unter andern Umständen nicht durchaus abgeneigt gewesen wäre, zumal sie sich mit großer Sorgfalt modern kleidete und mancherlei hübsche Spitzen und Schmuckstücke an sich sehen ließ, wovon man an Linde wenig bemerkte. Gezeugt war sie in England von einem deutschen Vater, aber geboren dortselbst von einer englischen Mutter, und bis zum Krieg hatte sie sich Mary nennen lassen, was von den Lippen ihrer Verwandten durchweg als Mehrie klang. Jetzt hieß sie Malva. Unterweilen war sie längst nach Deutschland zurückgekommen und die Taufpatin Lindes geworden, ohne daß diese das Verhältnis nachträglich von sich aus bestätigte, vielmehr begann das merkwürdige Kind eine gewisse Reihe von moralischen Unternehmungen damit, daß es jenes, das nie innerlich bestand, auch äußerlich durch die bekannte Namensänderung löste, eine Feindseligkeit, die die Frau einigermaßen erleichtert quittiert hatte, freilich ohne etwas zu verzeihen oder zu vergessen. Noch weit vom Matronenalter entfernt, fand sie sich neuerlich dem Mädchen gegenüber außerdem im Zustand einer gewissen Rivalität, mit der aber Linde wahrscheinlich schon damals begonnen hatte. Die Erkenntnis gereichte der reifen Frau zunächst nicht zur Steigerung ihres Selbstgefühls, und sie hielt es bereits für einen Fehler, der Einladung gefolgt zu sein. Dazu kam, daß die Klingse benannte Frau Professor und Witwe eines berühmten Augenarztes einen außerordentlich mißtrauischen und einsamen Charakter besaß und in dem richtigen Gefühl, sich bei ihrem unglücklichen Temperament auf niemandes Liebe verlassen zu können, höchstens auf die Untertänigkeit der Kreaturen, die sie wohltuenderweise um sich versammelte, wenig Zufriedenheit im Leben genoß. Sie war eine wahrhaft tragisch veranlagte Natur, vor der Linde aus guten Gründen Angst empfand, so große Angst, daß es ihr sogar unmöglich war, das Gefühl von Mitleid, das sie während der Entfernung für jene erfüllt hatte, in ihrer Gegenwart zu erhalten und sinnenmäßig zu betätigen, sosehr sie auch immer wieder von ihrem Gewissen getrieben darum rang. Solange die Klingse da war, empfand Linde nur Panik, Kummer und bodenloses, ganz ursprüngliches Lebensweh. In der Anteilnahme am Leben ihres erwachsenen Jugendgespielen, die jetzt noch außerdem zwischen den beiden Frauen stand, steigerte sich ihr alles wie in einem Vergrößerungsglas oder einem Schallbecher zu verwirrendem Tumult und zu Feststellungen von peinigender Bedeutung, denn die Frau hatte tausend Möglichkeiten, Menschen zu tyrannisieren und zu verderben, aber Linde hatte nur einen einzigen Geliebten auf der weiten Welt, besaß ihn erst seit wenig Tagen und mußte ihn nach einer bereits festgesetzten kurzen Reihe von Stunden wieder lassen, ohne seinen Lieblichkeiten und guten Tiefen ganz auf den Grund gekommen zu sein.
Um von Brigitt zu reden, so verfolgte sie das fremde Frauenwesen mit einem sichern, ingrimmigen Haß. Daran hinderte sie auch ihr sonstiges warmes Christentum nicht, denn erstens störte die Klingse den Frieden der Menschen, die ihr auf der Welt die liebsten waren, und zweitens war sie protestantisch und stammte aus England, und die Sprache, die sie redete, war norddeutsch. Was sie in der Stille tun konnte, um die Frau zu ärgern, das versäumte sie nicht, was sie aber von Dingen unterlassen konnte, die jener Befriedigungen verschafft hätten, darum machte sie einen weisen und erfahrenen Bogen. Sie genoß dafür auch die Ehre, einer der ganz wenigen Menschen zu sein, die das verwöhnte Weib wirklich fürchtete, und die es leiden machten, während die Klingse sonst in der Übung hatte, die Menschen leiden zu machen. Das widerfuhr ihr, weil der Haß dieser meist aus Trieb und Natur handelnden Leute sie in einem tiefen Grund verurteilte, wohin keine verstandesmäßigen Selbstrechtfertigungen drangen, und weil sie gegen deren ganz unmittelbare und natürliche Äußerungen als konventioneller und literarischer Mensch, der sie von ihrem Ehrgeiz verführt im Lauf ihrer gesellschaftlichen Bildung geworden war, gar keine Hilfsmittel besaß. Der Haushälterin gegenüber half sie sich von einem Tag in den andern mit einer kühlen Verachtung; sie schien sie nicht zu sehen, und wo sie sie als Dienstboten packen konnte, da tat sie es. Einer solchen feinen Niedertracht gegenüber war dann wieder Brigitt hilflos, weil sie an die Verachtung wie das Nichtsehen glaubte. Da sie aber doch nicht ihre Pflichten als Hausmagd gröblich verletzten konnte, so sammelte sie still ihre Wut zu einer Art von stehendem Gewitter auf, mit dem sie stumm oder gelegentlich in der Tiefe grollend am Horizont lauerte und auf ihren Tag wartete. Um den betete sie vorläufig aus ganzem Herzen, denn sie hielt das calvinistische Weib ehrlich und aufrichtig im allgemeinen für eine Verbrecherin und im besondern für eine Spionin, mit welchem populären Verdacht sie sich denn auf einem schiffbaren Fahrwasser und in großer Gesellschaft befand.
Dem Dechanten erging es noch verhältnismäßig am besten; entweder er trieb sich i mherum, oder er stand in seinem Museum vor den gefundenen Altertümern, um die Geschichte des Domes, die er im Kopf zu Faden schlug, wieder in einigen innern Beziehungen zu fördern, und die übrige Zeit des Tages verbrachte er auf seinem Arbeitszimmer, wo er unangreifbar war. Den Garten mied er, so lieb er ihn hatte; nur wenn er seinen Besuch sicher in der Stadt wußte, lief er geschwind hinunter und erging sich auf ein Stündchen zwischen seinen Bäumen und Büschen und unter dem offenen Licht eines Gottes, in dessen Geheimnissen er zur Zeit doch bei weitem nicht so tief steckte, wie in denen der Bischöfe und Künstler, die den hiesigen Platz durch die Jahrhunderte herauf- und heruntergebracht hatten, um alles dann ihm als dem wahren Kundigen und Genießer zur endgültigen Reinigung und Zusammenfassung zu hinterlassen. Indessen wurde der Gott freilich unbehaglicher und bitterer.
Die Klingse zwar fand den Dechanten zu katholisch und zu fanatisch, und das war die größte Verblüffung, die er seit langer Zeit erlebt hatte. In der sichern Erwartung, ihn an einem schwachen Zipfel packen zu können, besuchte sie schon am ersten Sonntag das Hochamt mit der anschließenden Predigt. Da gerade auf den Tag das Thema vom Pharisäer und Zöllner fiel, so sagte er vieles über den falschen Ehrgeiz, die Nichtigkeit von Bildung und gesellschaftlichem Stand, die Wertlosigkeit des übereingekommenen Mitleids und des öffentlichen Wohltuns, und was sich sonst so über die verschiedenen Kategorien von Heuchelei sagen läßt; dagegen hörte man allerlei Gutes über die Armut, die Niedrigkeit, das stille Werk im Namen Gottes, die bescheidene Liebe von Mensch zu Mensch, das meiste nicht besonders ergreifend und erweckt, aber doch weit ursprünglicher und anschaulicher, als man dergleichen sonst kirchenmäßig betreibt. Es war ihm, während seine Blicke immer wieder prüfend nach möglichsten Verstecken neuer Altertümer ausflogen, nicht weiter bewußt, auf einige Gedankengänge unmittelbar durch die Klingse verfallen zu sein, und vollends merkte er nicht, daß er im Grund gegen sie predigte, daß die gesellschaftliche Eitelkeit und das leere Getue mit Wohltäterei, worüber er sich pflichtgemäß zum hundertstenmal verbreitete, diesmal ihre Gestalt und Züge wies, und daß seiner Predigt soviel Gegenständlichkeit und Beweiskraft innewohnte wie seit Monaten nicht. Er hatte nachher nur das Gefühl, daß sie ihm gut geraten sei, und war befriedigt darüber, daß sich auf lange Strecken in der Kirche keine Maus gerührt hatte.
Der Anstoß zu dieser Regung bestand aber in einer Vorstandssitzung des Roten Kreuzes, die einige Abende zuvor beim Dechanten stattgefunden und an der die Klingse als bedeutende Rote-Kreuz-Dame, wenn auch einer andern Provinz, handelnd teilgenommen hatte, denn immerhin war sie eine erfahrene Wohltäterin und hatte schon viel in »Organisation« gemacht. Zur Verhandlung standen diesmal die untröstliche und andauernde Kassenleere des hiesigen Vereins und das Angebot eines amerikanischen Komitees, das Lazarett aus amerikanischen Mitteln zu übernehmen und mit amerikanischen Ärzten, Instrumenten, Geldern und so fort unter der fortdauernden Oberhoheit des Roten Kreuzes unendlich glanzvoller weiterzubetreiben. Es schien ein sehr glückhaftes Angebot und beinahe eine Rettung in der höchsten Not. Man hätte zwar die Übernahme des Lazaretts durch den Fiskus oder wenigstens eine staatliche Beihilfe beantragen können, aber beide Auswege wären nach der einstimmigen Auffassung einem moralischen Bankrott des hiesigen Roten Kreuzes gleichgekommen, während die überseeische Lösung den Bankrott unerwartet in Ruhm und Reichtum verwandelte, denn nun konnte man sich auf eine mustergültige Einrichtung, ein herrliches Instrumentarium und beinahe unermeßliche Mittel und sozusagen geradezu auf Luxus einrichten.
Auch der Dechant sah in dem Angebot eine gute Wendung und war nicht unzufrieden, eine Beunruhigung auf vorteilhafte Weise loszuwerden, um sich desto ungestörter seiner Kunstgräberei hingeben zu können. Die Vorsteherin des Vereins, ein redliches, aber ein wenig törichtes altes adliges Fräulein, weinte himmelblaue Freudetränen. Ihr bedeuteten ihre Verwundeten ihren ganzen Lebensinhalt, und sie konnte sich nicht vorstellen, was sie nach Beendigung des Krieges mit sich selber anfangen sollte. Sie fand den Krieg ja schrecklich, aber sie genoß doch in aller echten Menschenliebe die große Zunahme an Bedeutung, die er ihr plötzlich eingebracht hatte, und auf der Fürsorge für ihre Verwundeten schwamm sie mit verschämt geblähten Segeln daher als eine freudig bewegte Fregatte des Mitleids. Wie sie nun mädchenfromm und überlang in ihrem altmodischen Kleidchen dasaß und im Reden und Rühmen den schwarzen Rembrandthut mit der schönen Straußenfeder, der ihr so unwahrscheinlich hoch über dem Haarbau schwebte, hin und her schwang, die blaugrauen kleinen Augen beseligt und feucht von einem zum andern richtete und es jedermann ans Herz zu legen strebte, wie sehr man diesem edlen Volk, den Amerikanern, unrecht getan habe, und wieviel Ursache man besitze, ihre Freundschaft zu erwerben, war da außer Linde, die als jüngstes Mitglied des Vorstandes auch im Kränzchen saß, nicht einer, der ihr nicht beschämt recht gegeben und bereits für die endgültige Abstimmung das Jawort gezückt hätte. Auch die Klingse fand kühl, daß man alle Ursache habe, sich zu gratulieren, besonders nach der etwas reichlichen und unbefangenen Wirtschaft, die hier geführt worden sei. Da sollte man einmal sehen, wie es an andern Plätzen zugehe, und wie da gerechnet werde. Natürlich, man wolle es ja überall den Verwundeten so angenehm machen als möglich, aber deshalb dürfe man doch nicht das Ganze aus den Augen verlieren und vor lauter Mitleid die »Organisation« vergessen. Nun, man sei jetzt gerettet, und daß der kommende Überfluß einer innern Neigung entspreche, werde man wahrscheinlich mit besonderer Befriedigung feststellen. Die gnädige Bemerkung wurde mit einem etwas verschämten Gelächter quittiert, und auch die Klingse lächelte nachsichtig, und so war das ganze Geschäft zur Abstimmung reif, als Linde ums Wort bat.
Die Klingse, die alles sah, hatte längst bemerkt, daß Linde ihre besondern Empfindungen über den Fall hütete, aber im Traum nicht erwartet, daß sie versuchen würde, sie zur Geltung zu bringen. Auch dem Dechanten war ein beunruhigter und beinahe trauriger Ausdruck ihres Gesichts aufgefallen, während alle andern wie die Erlösten strahlten und vor lauter Aussicht auf Ruhm und Luxus schon fast immerzu schlucken mußten, und er hatte sich einige Male gefragt, was ihr wohl fehlen könne, aber nicht zu ernsthaft, obwohl sie sein Gewissen war, oder vielmehr eben deshalb. Linde in der Zeit saß da in einer wachsenden Angst und in einem zunehmenden Zorn, Angst um die kranken und wunden Soldaten, um die Reinheit eines Werks -- auch sie dachte ans Ganze --, und Zorn über die billigen und käuflichen Seelen, die sie hier umringten, und über die schlaffen Gewissen, die in einem bedrohten Land das Werk der Daheimgebliebenen so lau und kleinmütig betrieben. Dem adligen Fräulein, das zeit seines Lebens noch niemals einem Menschen etwas Übles getan hatte, sonst hätte es längst einen Mann ergattert, war sie geradezu gram, und daher wandte sich ihre Rede auch ganz ausschließlich an dieses, und zwar mit einem solchen düstern Gesichtsausdruck und einer so schmerzlich bebenden Stimme, daß das gute Wesen bis auf die Knochen davor erschrak.
Sie könne die Anschauung des Vorstandes nicht teilen, redete Linde das Fräulein an, zunächst unter großen Anstrengungen, ihre Scham zu überwinden. Es scheine ihr nicht, daß man keinen andern Ausweg hätte, als das Werk abzutreten. Gewiß, man habe vielleicht etwas aus dem vollen gewirtschaftet und immer zuerst an die Soldaten gedacht. Aber sie seien auch die Hauptsache. Sie kämen hilflos und traurig an und dächten nicht, daß hier das oberste Interesse die »Organisation« sei. Man sei schon solange bankrott gewesen, und es sei weitergegangen; es werde auch weitergehen, wenn man nur nicht den Glauben verliere. Man dürfe nicht die Soldaten, die sich auf ihre Brüder und Schwestern im Land verließen, den Messern amerikanischer Ärzte ausliefern. »Was sind unsre armen, frommen Soldaten den Amerikanern? Sie lernen und probieren an ihnen und gehen dann nach Amerika zurück mit der Reklame, daß sie ein Jahr lang in einem deutschen Lazarett gearbeitet haben. Sie sind dann gewiegte Chirurgen, und die Patienten kommen gelaufen. Was geht uns das an? Jetzt ist jeder verwundete deutsche Soldat unser Bruder oder Sohn, und unsre Söhne und Brüder müssen wir selber pflegen. Wir werden die Mittel dazu bekommen wie bisher, auch wenn wir schlecht wirtschaften und zu freigebig sind.«
Das war die kurze Rede, die ein so großes Aufsehen machte und eine ganze kluge Bereitschaft über den Haufen warf. Luxus und Ruhm, ein prachtvolles chirurgisches Instrumentarium, Geld und Hilfsmittel, alles zerstob vor ein paar herzlichen und zornigen Mädchenworten zu nichts, und wie vorhin alle Damen gerührt und begeistert gewesen waren, so waren sie jetzt von ihrem eigenen einfachen und menschlichen Wesen ergriffen, das ihnen aus Lindes Darstellung entgegensah. Jawohl, das war ja ihre wirkliche Art: wohlwollend, gütig, verschwenderisch, ein bißchen fahrlässig, voll Liebe und Mitleid und lebendiger mütterlicher Beziehungen zu den lebendigen verwundeten Soldaten, immer bankrott, immer hoffnungsvoll, viel beredet und viel geliebt, ein herzlicher, treuer, gottgefälliger Klüngel, der sich den Teufel um Prinzessinnen und Fürsten scherte und sich bisher glücklich alle Protektoren vom Hals gehalten hatte, nach dem weisen Rat und unter der diplomatisch geschickten Leitung desselben Dechanten, den heute ein plumpes materielles Angebot mit dem ganzen Kränzchen beinahe über den Haufen geworfen hätte. Er schämte sich bereits, und alle Damen schämten sich, so glücklich sie sonst auch waren, ihrem bisherigen lieben, warmen Werk zurückgeschenkt zu sein. Nur fand in der Geschwindigkeit keine den Bogen, das alles in Worten auszudrücken. Aber es brauchte auch weiter keiner Worte; einig war man immer gewesen. Die Klingse allein war nicht zufrieden.
»Ich kann den Damen nur noch einmal raten, das amerikanische Angebot anzunehmen«, sagte sie wie jemand, der mehr weiß, als er für jetzt verlauten will, und geflissentlich über Linde hinweg. »So üppig ist es Ihnen ja hier doch nicht ergangen, daß Sie mit Vorteil für sich und die armen Verwundeten sogenannten hohen Idealen nachjagen dürften. Mein Gott, wie arbeiten Sie denn! Sie entlasten die Schwestern vom Putzen und Scheuern und stellen dafür bezahlte Frauen an. Wo finden Sie das noch? Nicht einmal im reichen Frankfurt. Sie schicken nach Marburg geschlossene Fäßchen mit Hahnen für den Kaffee an die Militärzüge, weil Ihnen die offenen Eimer unästhetisch sind. Gewiß, es wird einmal ein Stäubchen Ruß hineinfallen; im Feld fällt noch mehr hinein, und man trinkt es auch. Aber die Hahnen sind zu eng, und das Auf- und Zudrehen nimmt Zeit weg; es geht ja faktisch viel langsamer als aus den offenen Eimern. Und was tun Sie, meine Damen? Sie kaufen ganz große teure Messinghahnen und lassen die an die Fäßchen anbringen. Nun ja, jetzt funktioniert die Sache. Es fällt kein Ruß in den Kaffee. Es sieht auch appetitlicher aus. Aber was hat das nun gekostet! Und gerade Sie, meine Damen, mit Ihren Mitteln! Darum sage ich Ihnen noch einmal, nicht immer können die Soldaten die Hauptsache sein. Das Rote Kreuz muß auch leben. Es ist nicht jedermanns Geschmack, ewig bankrott zu sein. Der Geschmack unsrer Oberleitung ist es jedenfalls nicht, das muß ich Ihnen schon bemerken. Ihr Kultus, den Sie mit den Verwundeten treiben, ist ja auch höhern Orts bekannt und gibt viel zu reden. Da ist keine Wäsche weich genug und keine Decke genügend warm. Und die Soldaten müssen dies essen und jenes haben. Meine Damen, im Feld haben sie das alles auch nicht, und sie siegen dennoch. Es besteht höhern Orts die Meinung, daß man auf diese Weise das Material nur verwöhnt. Mütterlichkeit ist schön in der Familie, aber dies hier ist eine Sache der Organisation. Durch Organisation wird Deutschland diesen Krieg gewinnen, wenn man das denn immer wieder sagen muß. Tun Sie, was Sie wollen, aber sagen Sie nachher nicht, daß Sie nicht gewarnt seien. Fragen Sie sich auch, ob es politisch ratsam ist, die amerikanische Öffentlichkeit durch eine Absage zu brüskieren. Das wäre vielleicht warmherzig, aber wenig staatsklug. Aber natürlich ganz wie Sie wollen; ich bin hier nur Gast.«
»Liebe Tante«, erwiderte Linde sofort und tief erregt, »wenn dich ein Verwundeter hören könnte, so würde ihm ein furchtbarer Schreck oder eine Traurigkeit in die Glieder fahren, die er nie mehr verlöre. Ich möchte dir beinahe wünschen, daß du einmal mit einer Wunde zu Bett lägest, um dich zu fragen, ob dir nun etwas Verwöhnung lieb sei oder nicht; und dann würden wir dich nicht mit der Bemerkung abfinden, daß du im Feld auch nicht verwöhnt würdest. So ist das. Ich finde, daß du sehr zu bemitleiden bist. Ihr alle seid zu bemitleiden samt euren Auszeichnungen und Titeln.«